Unheimlicher Gefährte - Teil 2
Zu Hause angekommen packte ich erst den Einkauf aus, bevor ich in Tristans Zimmer schaute.
Isis sah mich mit ihren schönen, klaren, braunen Augen an und ich nickte ihr zu.
"Wie geht es ihm?“, erkundigte ich mich, denn Tris hatte seine Augen geschlossen und sah blass aus.
"Keine Ahnung, er antwortet mir nicht“, erklärte Isis.
"Möchtest du vielleicht einen Tee mit mir in der Küche trinken?“, bot ich ihr an und sie stimmte mit einem Lächeln zu
Als ich den Tee ausgeschenkt hatte, senkte sich Stille auf uns beide. Tristans Mutter hieß nicht nur wie eine Göttin, manchmal wirkte sie auch wie eine.
"Was ist mit Tristan passiert?“, fragte sie schließlich.
Ich erzählte ihr von dem Abend davor und meiner Vermutung, dass er sich dabei etwas überfordert hatte. Isis war sich da nicht sicher, aber sie schien schon mit meiner Beobachtung überein zu stimmen.
"Tristan sollte sich öfter ausruhen“, fand sie. "Ich bin froh, dass wenigstens du bei ihm bist, Yannik.“
"Vielleicht weiß ja St.Clair mehr...?“ vermutete ich, doch Isis winkte ab. Bei dem hatte sie also schon gefragt.
"Wo warst du eigentlich so lange, Yannik?“, erkundigte sie sich.
"Ein bisschen spazieren... und einkaufen.“
Isis lächelte süß und strich mir über die Wange, wie sie es schon gemacht hatte, als ich noch ein Junge gewesen war. Ein Verlust für die Welt, als sie beschlossen hatte, ihr Herz nur einem Mann zu schenken und ihm niemals untreu zu werden. Sie war wirklich wunderschön und dabei noch so gütig, dass jeder Mann sich einfach nach ihr verzehren musste.
"Ich muss jetzt gehen. Pass gut auf Tristan auf. Ich weiß, ich kann mich da auf dich verlassen.“
"Ja, klar...“ seufzte ich und brachte Isis hinaus.
Ich kehrte also zu Tristan auf seinem Bett zurück. Auf seiner Decke räkelte sich Miyu, die sich fast immer in Tristans Nähe aufhielt. Ich nahm ein Buch aus Tristans Regal 'Die Elemente der Magie'. Irgend etwas Esoterisches, das Tristan einst von einer Verehrerin geschenkt bekam. Auf das Lesen konnte ich mich nicht konzentrieren, also wanderte ich mit meinen Gedanken wieder zu den Tagen, an denen ich mit einer Gehirnerschütterung zu Hause im Bett liegen musste.
Am Tag nach meiner Rettungsaktion stand Tristan mit ein paar Hausaufgaben vor meiner Tür, obwohl meine Eltern längst beschlossen hatten mich aus dieser Proletenschule zu nehmen, ließen sie ihn zu mir, weil er so brav und gut gekleidet war, ich mich langweilte und deshalb der gesamte von Falkenbergische Haushalt schon total von mir genervt war.
Ich wusste damals nicht, woher Tristan meine Adresse hatte, doch ich war froh ihn zu sehen.
"Hallo“, begrüßte er mich schlicht und ich grinste.
"Wieso kommst du zu mir?“, fragte ich ihn.
"Weil du mich darum gebeten hast“, erklärte er mir. Daran konnte ich mich gar nicht erinnern.
"Du hast es ja auch nicht laut gesagt, Aber du hast es gedacht. Deine Eltern misstrauen mir. Sie wollen dich von der Schule nehmen“, erzählte er mir ganz unbekümmert.
"Darauf kannst du dich verlassen, dass sie das wollen. Woher weißt du das?“ Ich hatte zwar noch nichts von einem Schulwechsel gehört, obwohl es mir klar war, dass er stattfinden würde.
"Ich hörte die Gedanken deiner Mutter, als ich mich bei ihr vorgestellt habe“, erläuterte er kurz.
"Du hast ihre Gedanken gehört?“, wiederholte ich, ungläubig.
"Ja, klar. Kannst du das nicht?“ Er schien mich damit necken zu wollen.
"Ich kann ihr zwar manchmal die Gedanken vom Gesicht ablesen, aber hören kann ich sie nicht. Kannst du das bei allen Leuten?“
"So ziemlich.“
"Auch bei den Lehrern?“
"Ja.“
Eine unendliche Welt, frei von Prüfungsangst eröffnete sich für mich. "Das ist ja cool. Wie heißt du noch mal?“
"Tristan.“
"Na gut Tris, dann beweis das mal!“, forderte ich ihn auf. Nachdem er die Gedanken unserer Köchin, die unseres Hausmädchens und die von mir gelesen hatte, glaubte ich es ihm.
Von da an kam er jeden Tag.
Er war von Isis in der gleichen Art und Weise erzogen worden, wie sie selbst. Ständig umgeben von archäologischen Büchern, Fossilien, Kunstgegenständen, Reliquien und philosophierenden Menschen, unterrichtet von Anthropologen, Literaten und Toten, war er für sein Alter sehr gebildet und durch seine Fähigkeiten, hatte er einen noch tieferen Einblick in die Gedanken der Menschen um sich herum. Er nahm ihr Wissen in sich auf und konnte mit Acht bereits einfache Hieroglyphen übersetzen. Meine Eltern waren beeindruckt von seinem Intellekt und fanden, dass er der richtige Umgang für mich sei.
Natürlich kam ich auf eine andere Schule, aber da meine Eltern Tristan nun einmal zum Retter meiner Noten erhoben hatten, baten sie Isis, ihn ebenfalls wechseln zu lassen. Isis wusste, dass Tristan kaum Freunde in seinem Alter hatte und so waren wir plötzlich wieder zusammen in einer Klasse.
Da meine Eltern auf gutes Benehmen und christliche Werte achteten, waren wir in einer katholischen Schule gelandet, in der Mädchen keine Hosen tragen durften, man sich nicht die Haare färben oder verrückt schneiden lassen durfte. Also insgesamt ein stockkonservativer Laden, der Tristan und mir nicht passte.
"Yan, wo ist Isis?“, fragte eine leise Stimme vom Bett. Ich schreckte hoch.
"Verdammt, Tris. Jag' mir doch nicht so einen Schrecken ein!“, keuchte ich, wieder ganz in der Gegenwart. Er saß in seinem Bett und sah nicht wesentlich besser aus.
"Isis musste weg. Ich glaube es war wegen des Museums...“
"Wie geht es dem Italiener?“, fragte er leise. Den hatte ich nun wirklich ganz und gar vergessen.
"Keine Ahnung“, brummelte ich. "Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, ging es ihm unverändert.“
"Der wirkliche Kopf des Ganzen will bestimmt wissen, weshalb sein Handlanger nicht zurückkehrt. Bitte geh ins Krankenhaus und guck dir an, was für Leute dort zu ihm wollen..“
"Ich erkenne solche Leute doch eh nicht...“, warf ich ein. Tristan mochte ja Leute mit übersinnlichen Fähigkeiten erkennen, doch ich nicht.
"Geh hin und beobachte ihn. Wenn du den Ring trägst, wird er dich warnen.“ Tristan reichte mir den Ring seiner Familie. Er hatte ihn Sidonie also wieder abgenommen... Seufzend striff ich ihn über meinen Ringfinger. Mich wunderte schon lange nicht mehr, dass er auch mir passte. Also setzte ich mich ins Auto und fuhr zum Krankenhaus.
Vor der Tür des Zimmers von diesem Italiener traf ich einen der Polizisten vom Abend zuvor. Er stellte sich als Kommissar Dahms vor und dann lachte er. "Jetzt weiß ich auch, woher ich ihren Namen kenne, Hr. von Falkenberg.“
"Aus den Börsennachrichten?“ riet ich wild drauf los.
"Nein. Sie sind doch einer von diesen Geisterjägern.“
'Seh ich aus wie Dan Akroyd?', dachte ich.
"Ich bin kein Geisterjäger. Wir beschäftigen uns mit seltsamen Phänomenen“, stellte ich etwas lahm richtig. Scheiße, einer von diesen interessierten Fans, die uns durch die esoterische Presse kannten. Ich kam mir dann immer vor, als müsste ich ein Lasergewehr ziehen und hinter riesigen Marshmellowmännern herjagen.
"Verzeihen Sie bitte“, entschuldigte sich Kommissar Dahms, "doch ich frage sie als Experten: Wie kommt es, dass ein Mann mit Drachenbauteilen gespickt aufgefunden wird, jedoch keinerlei Anzeichen für einen Einbruch zu finden sind? Nach dem Grad der Zerstörung in dem Laden zu urteilen, müsste er mindestens die Kraft von Herkules gehabt. Glauben Sie, dass wir es hier mit einem seltsamen Phänomen zu tun haben?“
"Herr Kommissar, jeden Tag essen Zehntausende von Leuten in Fast-Food-Restaurants, obwohl über 90% von ihnen wissen, dass es weder satt macht, noch besonders gesund ist. Es heiraten jeden Tag Menschen, obwohl jede dritte Ehe inzwischen innerhalb von fünf Jahren geschieden wir und es für eheähnliche Verhältnisse fast die gleichen steuerlichen Vergünstigungen gibt. Es gibt so viele seltsame Phänomene... Ich habe diesen Mann nur gefunden und einen Krankenwagen gerufen. Für mich sah es wie ein Einbruch aus, aber vielleicht hatte auch jemand eine Rechnung mit ihm offen. Allerdings wäre dies eine sehr brutale Art sich zu rächen...“
"Ja, ja, machen Sie sich ruhig lustig. Wissen Sie, dass die Besitzerin des Ladens seit gestern verschwunden ist, ebenso wie ihre Schwester?“
Ich schluckte kurz. Die Polizei, dein Freund und Helfer... "Nein, das wusste ich allerdings noch nicht“, log ich. Dabei hoffte ich, dass er wenigstens keine Gedanken lesen konnte.
"Die Großeltern der Frau sagten, sie hätte ihre Agentur aufsuchen wollen, um Sie und ihren Partner um Hilfe zu bitten. Ist sie zu Ihnen gekommen?“ bohrte der Kommissar weiter.
"Kann sein...“, schwindelte ich weiter. Nun steckte ich in der Falle. "Ich kann mich nicht an jeden Klienten erinnern.“ Ich sah ihn gelangweilt an, tat auf jeden Fall so. Wenn ich versucht hätte, Theater für Tristan zu spielen, hätte ich null Chance gehabt. Tristan schien gerade mich noch besser als alle anderen zu durchschauen.
"Wie geht es dem Mann eigentlich?“, fragte ich den Kommissar schnell, denn wegen seines Befindens war ich hierher gekommen.
"Es geht ihm den Umständen entsprechend, wie man so sagt“, berichtete er.
"Also schlecht!“, folgerte ich mehr für mich selbst.
Er schien mit meiner Auskunft über Sidonie nicht zufrieden. "Sie müssen sich doch an eine junge Frau erinnern, die abends bei Ihnen vor der Tür stand“, drängte er.
"Das passiert bei uns alle naselang, Herr Kommissar. Und auch junge Frauen sind mir nicht völlig fremd, auch wenn ich ein Geisterjäger bin.“
"Vielleicht kann sich ihr Partner ja an sie erinnern. Rufen Sie mich an, wenn Ihnen etwas einfällt“, sagte er schließlich und gab mir seine Karte. Ich nickte und wartete, dass er verschwinden würde, doch er hatte wohl nicht die Absicht...
Mein Handy hatte ich an der Auskunft abgeben müssen, deshalb kam eine Schwester zu mir und fragte: "Sind Sie Yannik von Falkenberg?“
"Ja, der bin ich“, bestätigte ich mit einem kleinen Grinsen.
"Sie sehen genau so aus, wie der Mann am Telefon Sie beschrieben hat.“
"Tatsächlich? Wie hat er mich denn beschrieben?“
Sie schmunzelte. "Sehr groß, gute Figur, dunkle Haare, grüne Augen, dunkle Lederjacke und eine Jeans.“
"Nannte er seinen Namen?“
"Irgend etwas wie Klinge.“
Ich folgte ihr und nahm das Telefon. "Von Falkenberg“, meldete ich mich. Die Stimme am anderen Ende war nicht die von Tristan, wie ich es erwartet hatte.
"Hören Sie gut zu, von Falkenberg. Die Schwester Ihres Gastes haben wir immer noch. Lassen Sie das Mädchen zu uns kommen, dann bleibt Alexandra unversehrt.“
"Warum sollte ich das glauben?“ erwiderte ich. Die Stimme am anderen Ende war eiskalt. War das der Drahtzieher, von dem Tristan die ganze Zeit sprach?
"Kommen Sie mit dem Mädchen in den Club Black Crow, dort können Sie sehen, dass wir die Wahrheit sagen.“
"Wir wären schön blöd, wenn wir das täten“, schnaubte ich verächtlich.
"Dann kommen Sie halt zuerst allein. Lassen Sie sich von der süßen Sidonie ihre Schwester ganz genau beschreiben und vergewissern Sie sich auf diese Art“, schlug er dann vor.
"Und wann soll dieses Rendezvous stattfinden?“, hakte ich nach.
"Heute Abend um 23.00 Uhr.“
"Morgen Abend um die gleiche Zeit und ich komme“, machte ich mich bei ihm unbeliebt.
"Uns kommt es auf einen Tag nicht an. Das geht in Ordnung. Man sieht sich.“ Mit einem amüsierten, verächtlichen Lachen legte er auf.
Ich musste zurück nach Hause. Warum meine Zeit beim Warten verschwenden, diese Entführer wussten ja sowieso über jeden meiner Schritte Bescheid. Ich holte mein Handy und spielte kurz mit dem Gedanken, Tris anzurufen, doch ließ es dann lieber bleiben.
In der Wohnung war es immer noch ungewöhnlich still, doch Tris war nicht mehr in seinem Bett. Ich suchte nach ihm, doch in seinem Teil unserer Wohnung war er nicht.
"Tris?!“, rief ich, etwas verunsichert.
Er kam aus unserem Gästezimmer. Sein Gesicht wirkte weniger blass und seine Haltung wacher. Er sah mich an, zog die Augenbrauen zusammen und maulte: "Ordne deine Gedanken gefälligst mal ein bisschen und ich bin an keiner hübschen Krankenschwester interessiert!“
Also beruhigte ich meine Gedanken etwas und Tris las alles, was ich ihm sonst erzählt hätte.
Er seufzte. "Das mit der Polizei ist sehr ärgerlich. Wir werden ihm wohl erzählen müssen, dass sie hier war! Dieser Kerl hat vielleicht Nerven...“
Ich wusste nicht, ob Tris den geheimnisvollen Anrufer oder den Kommissar meinte. "Soll ich da morgen Abend allein hingehen?“ fragte ich.
"Du musst wohl, denn ich weiß nicht, ob wir Sidonie allein lassen können.“
"Wie geht es ihr? Ist sie wach?“
"Nein, noch nicht. Ich rufe diesen Kommissar an und du schaust solange nach ihr, okay?“
Ich nickte widerwillig. Mit diesem Monstermädchen in einem Zimmer? Ich hielt Tris die Karte des Kommissars hin und er ging telefonieren.
Also betrat ich unser Gästezimmer, wie Tris es wollte. Sidonie lag schlafend auf dem Bett und wirkte so unschuldig und harmlos wie ein Kind.
"Ich bin kein Italiener und habe auch keine Kräfte wie Tristan, also bitte, tun Sie nichts was irgendwie mit Wind zu tun hat, während ich hier bin, ja?“, bat ich sie, obwohl sie nicht so aussah, als könne sie mich hören.
Vorsichtig, um sie nicht unnötig zu stören, setzte ich mich auf den Stuhl neben dem Bett. Tris war mächtiger als sie, warum hatte ich solche Angst vor ihr? Eins stand fest: Ich wollte nicht als menschlicher Spieß enden.
Tris hatte noch nie die Kontrolle über seine Kräfte verloren, dessen war ich mir ziemlich sicher. Wir hatten es sicherlich schon öfter mit tödlichen Fähigkeiten zu tun bekommen, die nicht immer nur übersinnlicher Natur waren. Doch die meisten kannten ihre Fähigkeiten, oder zumindest wussten sie, wie sie einzusetzen waren. Manche wussten es nur zu gut. Wie dieses eine Mädchen auf unserer katholischen Schule.
Tris und ich passten nicht in diese Schule. Aber da wir uns so gut verstanden, und meine Eltern einen deutlichen Anstieg in meinem Notendurchschnitt feststellen konnten, was vor allem an Tris Nachhilfe und seiner Fähigkeit, die Prüfungsantworten aus den Köpfen der Lehrer zu lesen lag, schienen wir diese Schule bis zu unserem sechzehnten Lebensjahr besuchen zu müssen.
In den Pausen lief ich regelmäßig die Flure ab, in denen die Mädchen aus den höheren Klassen sich normalerweise aufhielten. Richtig sexuell war mein Interesse noch nicht, aber sie gefielen mir dennoch. Tris begleitete mich selten, denn er fand das blöd und aß lieber meine Pausenbrote in der Zeit. Meine Mutter ließ grundsätzlich ein halbes Picknick für mich einpacken und so dürr wie Tristan war, konnte er eine extra Portion vertragen. Nicht, dass es sich jemals auf seine Figur ausgewirkt hätte, egal wie viel er aß.
Eines Tages begleitete mich Tristan auf eben jene Flure. Wir kannten uns schon fast ein halbes Jahr, ich wusste ein wenig mehr über ihn, aber er blieb geheimnisvoll. Seine Kräfte begriff ich nicht, ich wusste nur, wie ich von ihnen Gebrauch machen konnte, wenn Tris mitmachte.
Das beliebteste Mädchen der Schule war eine langbeinige Vierzehnjährige, deren Eltern auch nicht gerade arm waren. Ihr Name war Sophia und sie trug ihre Röcke immer so kurz, dass es gerade noch gestattet war. Ihre hellbraunen Haare trug sie meist offen. Sie war bei allen Mädchen beliebt, ebenso bei den Jungs, Gerüchte darüber, welchem Jungen sie gerade ihre Gunst schenkte, kursierten ständig in unserer Schule.
An jenem Tag drängten sich alle um eine andere. Ein neues Mädchen, deren Name schon bald in aller Munde war: Marina. Marina war langbeiniger, hübscher und auf einmal beliebter als Sophia.
Als Tristan an der böse starrenden Sophia vorbeikam, die nun ganz allein stand, schien er besorgt. Auch zurück in der Klasse schien seine Befürchtung nicht geringer zu werden.
"Was ist denn los, Tris?", fragt ich ihn deshalb.
"Ich konnte ihre Gedanken nicht deuten. Sie ist gefährlich.“
Es war mir sofort klar, dass er sich auf Sophia bezog. "Ach, Quatsch. Sie ist bloß eifersüchtig, weil sie nun nicht mehr so beliebt ist.“
"Da ist noch etwas anderes. Ich kann es nicht beschreiben...“ Tristan suchte nach einem passenden Vergleich, ich wusste, dass war nicht leicht. "Sie ist wie ein gefülltes Fass, es fehlt nur noch ein Tropfen, dann ergießt es sich mit aller Macht.“
Wie sich herausstellen sollte, hatte Tristan natürlich recht. Der Tropfen, der sie zum Überlaufen brachte, waren die hormonellen Wirbelstürme ihrer ersten Menstruation, doch das erklärte mir Tristan erst Jahre später.
Damals merkte ich nur, dass Tristan mitten im Geographieunterricht aufsprang und wie gejagt aus der Tür lief. Die Lehrerin, die Tristan besonders mochte, weil er so intelligent war, rief: "Wo willst du hin, Tristan?!“, und beauftragte mich dann, ihn zu suchen und zu sehen, ob alles in Ordnung sei.
Ich lief also auf den Flur und hörte noch Tristans Schritte auf der Treppe, die nach oben führte. Ich war schneller als er und versuchte ihn einzuholen. Schließlich erreichte ich die Treppe, die auf den Schuldachboden führte. Es war absolut tabu, dort hinauf zu gehen, doch als ich Tristan schreien hörte, schmiss ich meine Skrupel über Bord und stieg hinauf.
"Nein, das ist nicht wahr!!“ schluchzte er. Es bot sich mir das Bild, das mich bis jetzt in meinen Albträumen verfolgte: Marina hatte sich erhangen.
Das Grauen kroch meinen Rücken hinauf und blieb an in meinem Gehirn stecken. Ein Schrei erklang und dann begriff ich erst, das ich geschrien hatte. Lang und anhaltend. Danach war alles plötzlich ganz klar und ruhig.
Auch wenn mich Jahre später immer noch dieses Bild der toten Marina in regelmäßigen Abständen aus dem Schlaf schreckte, damals nahm ich Abstand von allem und wurde wie versteinert.
Ich zog Tristan an seinem Ärmel mit hinunter in unseren Klassenraum. Alle starrten uns an, weshalb wir so leichenblass in der Tür standen und uns nicht hinsetzten.
"Sie ist tot“, stammelte Tristan, denn ich war keines Wortes fähig. Wir müssen so fertig ausgesehen haben, dass man uns sofort glaubte, denn keiner nahm an, dass wir nur einen Scherz machten. Als Tristan auch noch sagte: "Auf dem Dachboden....“, stürzte unsere Lehrerin sofort los.
So wurde der Tod von Marina bekannt. Natürlich nahm jeder an, dass es sich um Selbstmord handelte.
Jeder, bis auf Tristan.
Er erklärte mir, dass sie durch Manipulation ihres Willens dazu gebracht worden wäre, sich zu erhängen. "Ich habe ihren Kampf und ihre verzweifelten Hilfeschreie gehört, konnte sie aber nicht zuordnen. Wäre ich nur etwas schneller gewesen, Yan.“
"Wer sollte so etwas denn tun?“ fragte ich, ahnungslos, wie fast immer.
"Sophia hat es getan, doch ich kann es nicht beweisen.“ Tristan sah traurig auf seine Schuhspitzen. Ich war überrascht, dass der Tod eines Mädchens, dass er eigentlich gar nicht gekannt hatte, so eine Reaktion bei ihm auslöste. "Ich möchte zu ihr gehen, kommst du mit, Yan?“
"Bist du wahnsinnig? Wenn sie das mit Marina gemacht hat, wie auch immer, was wird sie dann erst mit nem' Knirps wie dir machen?“, widersprach ich entsetzt. Ich erinnerte mich noch sehr gut, wie er damals von unseren Klassenkameraden zusammengeschlagen worden war.
"Ich bin stärker als sie“, stellte Tristan sachlich fest und dann sah ich es das erste Mal: Sein fieses, menschenverachtendes Lächeln. Er war sich seiner Macht so sehr bewusst, dass er nicht mehr darüber nachdenken musste.
Also gingen wir zu ihr, in ihr Haus. Ihre Mutter ließ uns herein, freute sich über so angenehmen Besuch und bewirtete uns mit Kaffee und Kuchen. Schließlich versuchte sie, ihre Tochter zu holen.
Als Sophie endlich zu uns kam, was eigentlich wohl unter ihrer Würde war, weil wir in ihren Augen noch minderjährig waren, erkannte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Auch als ihre Mutter kurz verschwand, weil das Telefon klingelte, rückte sie weiter von uns weg.
"Warum hast du das getan", verlangte Tristan zu wissen.
Sophie triumphierte grausam. "Weil ich es konnte", erklärte sie kalt, dann lächelte sie überlegen.
Warum wusste sie sofort, dass es um Marina ging?
Sie lachte noch ein mal; ich fand es grässlich und wollte nur noch nach Hause. Ich sah wie ihre Miene sich verdunkelte und sie sich konzentrierte. Tristan schüttelte nur bedauernd mit dem Kopf und Sophies Augen weiteten sich mit Schrecken. Sie begann zu schreien. Ein schmerzgepeinigter Schrei, der sich immer mehr in die Länge zog. Schließlich war es ganz still.
Ihre Mutter kam vom Telefonieren zurück.
"Was ist denn los, Liebling?", fragte sie Sophie, die nur müde den Kopf schüttelte.
"Der Tod von Marina nimmt sie immer noch sehr mit, glaube ich", erklärte Tris, dann stand er auf. "Wir gehen wohl besser."
Draußen fragte ich ihn: "Was hast du getan?"
Tristan wandte sich mir zu und lächelte menschenverachtend. "Dafür gesorgt, dass sie es nie wieder tun kann."
Ich wachte aus meinem Tagtraum auf, als Tristan den Raum betrat.
"Daran denkst du also, Yan. Findest du mein Lächeln wirklich menschenverachtend?“, er lächelte mich, um zu beweisen, dass es das nicht war, bezaubernd an.
"Lass mich in Ruhe, Tris. Du weißt genau, dass du es kannst. Was hast du dem Kommissar gesagt?“
"Das, was in der Nacht geschehen ist, als sie vor unserer Tür stand. Jede Lüge ist dabei unnötig. Natürlich habe ich unser Erlebnis in der Nacht danach ausgelassen, aber was wir in der Nacht gemacht haben, wollte er bis jetzt ja auch noch nicht wissen.“
Sidonie schlief noch immer. Wir beide starrten die junge Frau an und ich seufzte schließlich. Ich verließ das Zimmer und wartete darauf, dass Tristan mir folgen würde. Nach einiger Zeit kam er dann auch.
Ich sah meinen Partner fragend an. "Soll ich morgen Abend versuchen, Alexandra zu befreien?“, fragte ich Tristan.
"Nein, auf keinen Fall. Schau lieber, was für Leute sich um sie herum aufhalten. Wenn es tatsächlich alles solche sind, wie der Italiener, hast du sowieso keine Chance.“
"Mir wäre es lieber, wenn du mitkämest...“, gab ich ehrlich zu. Ich war eigentlich kein Schwächling. Einige Jahre Kampfsport, Schusswaffentraining und eine Menge Geld im Hintergrund gaben mir eine gewisse Stärke, aber wenn es darum ging, einem Haufen übersinnlich begabter Spinner gegenüber zu treten, dann hatte ich lieber selbst einen Übersinnlichen auf meiner Seite.
"Wenn das alles nur ein Ablenkungsmanöver ist und sie versuchen Sidonie zu holen, während wir uns wie Trottel in irgendeinem Club herumtreiben, dann bleibe ich lieber hier“, regelte Tristan die Frage.
Ich nickte. Tristan hatte recht, wie meistens.
"Jetzt konzentriere dich auf unseren Fall“, beschwor er mich. "Guck, das ist Sidonies Schwester. Präg dir das Gesicht ein.“
Er gab mir ein Foto, auf dem deutlich Sidonie und ein weiteres Mädchen zu erkennen waren. Alexandra war buchstäblich die Modellausgabe von Sidonie. Dass sie größer und schlanker war, erkannte ich sofort, auch schienen ihre Augen nicht von ständiger Trauer umwölkt zu sein. Ich warf Tristan einen Seitenblick zu und sah, dass er amüsiert grinste. "Ich wusste, dass sie dir gefällt.“
Abends, als ich im Bett lag, versucht ich mir dieses Mädchen in ein wenig verängstigter und müder vor zu stellen. Wie viele Tage war sie nun schon in Gefangenschaft? Drei? Vier? Mehr?
Eine solche Strapaze konnte ein hübsches Gesicht schon ruinieren...
Mir war auch immer noch nicht wohl bei dem Gedanken, diesen Club zu betreten. Ein Mann, der genau wusste, wie ich aussah und wo ich mich aufhielt, erschien mir mehr als nur gefährlich. Auch wie eiskalt seine Stimme geklungen hatte... Und wie jung.
Ja, mir fiel plötzlich auf, dass ich die ganze Zeit annahm, dass er ein junger Mann sein musste. Aus seiner Stimme sprach die ganze Arroganz der Jugend, wenn man glaubt, man sei unverletzbar und unsterblich. Das machte ihn um so gefährlicher. Ich musste gut gewappnet sein morgen Abend.
Am Morgen wurde ich wieder durch das Klingeln unserer Haustürklingel geweckt. Allerdings hörte ich, wie Tristan diesmal zur Tür ging.
"Guten Morgen, Hr. Tellanvor“, hörte ich schwach eine männliche Stimme auf dem Flur, die mir irgendwie bekannt vorkam. "Wir haben gestern miteinander telefoniert. Ich bin Kommissar Dahms.“
"Ich weiß, wer Sie sind. Was wünschen Sie?“
"Ich hätte gerne Ihren Partner gesprochen, Yannik von Falkenberg.“
"Er schläft noch. Soll er Sie zurückrufen, sobald er wach ist?“
"Darf ich hereinkommen und auf ihn warten?“ erklang scharf die Stimme des Kommissars.
Auf einmal war es ruhig. Stille. Ich fragte mich, was da wohl vorging.
Würgte Tristan ihn gerade? Küssten sie sich? Was zum Teufel machten die zwei da?
"Wo..? Was ist....?“, hörte ich den Polizisten dann verwirrt sagen.
Tristans freundliche Stimme antwortete: "Gehen Sie lieber nach Hause und frühstücken etwas. Ihre Frau wartet schon auf Sie!“
"Wie? Ach so!! Ja, Sie haben recht. Entschuldigen Sie die Störung“, stammelte der Kommissar, dann hörte ich, wie unsere Wohnungstür sich wieder schloss.
Neugierig verließ ich mein Bett und sah Tristan im Flur stehen und mit dem Kopf schütteln.
"Er ist nicht tot!“ stellte er statt einer Begrüßung fest.
"Wer?“, fragte ich müde. Den Kommissar konnte Tris ja wohl kaum meinen.
"Der Italiener. Es geht ihm besser.“
"Hast du das in den Gedanken des Kommissars gelesen?“
"So ähnlich. Der Italiener hat den Kommissar manipuliert.“
Ich stockte. Manipuliert? Hm, dann er wohl wirklich auf dem Wege der Besserung. "Warum?“, fiel mir dazu nur ein.
"Um uns auszuspionieren. Vielleicht um Sidonie zu holen... Wie konnten die bloß annehmen, dass so etwas klappt? Sie wissen doch, dass ich hier bin...“ Tristan verlor sich mal wieder in seinen eigenen Gedanken, wanderte in jene andere Wahrnehmungswelt, dahin konnte ich ihm nicht folgen.
"Vielleicht glauben sie, du seiest ein Schwindler, ein Hochstapler, der nur so tut, als ob er allmächtig wäre“, schlug ich vor.
Tristan sah mich seltsam an. "Ich bin nicht allmächtig, nicht mal annähernd. Aber vielleicht denken die, ich sei nicht so stark, wie ich es vorgebe. Aber mir kommt das Ganze irgendwie vor, als ob hier jemand Theater spielt!“
Nun kam mir ein Verdacht: "Wenn nun Sidonie auch nur ein Teil dieses Theaterspiels ist und in Echt zu denen gehört...“
"Wie werden sehen, ob diese Frau in Wirklichkeit geschickt genug ist, um mir etwas vorzumachen. Yan, ich glaube, wir sehen hier noch nicht einmal einen Ausschnitt des Ganzen.“
Wieder breitete sich ein Grinsen auf Tristans Gesicht aus. Er liebte Herausforderungen. Ich hingegen, kam mir vor, wie ein Fisch, der an einem Haken zappelt. Irgend jemand schickte uns einen hübschen Köder und wir bissen prompt an. Ich natürlich schneller als Tristan.
Allmählich war ich auf das abendliche Treffen gespannt. Würde dort mehr sichtbar werden, als Tristan bis jetzt erkennen konnte?
Unser Frühstück wurde an diesem Tag mehr zu einem Gelage des Ungesunden, denn in Aussicht auf einen Abend unter Leuten, die mir nicht wohlgesonnen waren und bei denen Waffen wenig ausrichten konnten, betrachtete ich dieses Frühstück ein wenig als Henkersmahlzeit. Also empfand ich es nur als gerecht, dass ich mir Nutella und Smacks bewilligte.
Sidonie erschien ein wenig nach der regulären Frühstückszeit und schaute etwas krank aus. Ich wusste nicht so recht, wie ich mich jetzt ihr gegenüber Verhalten sollte, also grinste ich erst einmal freundlich, während Tristan ihr schnell noch ein bisschen Kaffee zubereitete.
Erstaunlicherweise hatte ich alles, was ich an Kenntnissen von ganz alltäglichen Dingen wie Einkaufen und Kochen besaß, von Isis und Tristan gelernt. Also konnte ich nicht mehr als er und eigentlich hatten meine Eltern das Bisschen auch für überflüssig gehalten. Ein von Falkenberg brauchte nicht selbst zu kochen, dazu waren Köche da.
Ein von Falkenberg brauchte nicht einkaufen, Fenster putzen oder aufräumen, dafür gab es das Personal.
Ein von Falkenberg lebte auch nicht mit einem Mann von fraglichem Ruf in einer Wohngemeinschaft. Das machten mir meine Eltern immer wieder klar, weshalb ich sie mied und manchmal hasste.
Während Tristan mit Sidonie in der Küche war und versuchte, sie dazu zu bringen, sich ein wenig zu entspannen, betrachtete ich noch einmal das Foto von Sidonie und ihrer Schwester. Unschuldig sahen alle beide aus. Auf keinen Fall durfte ich mich immer von den unschuldigen Augen einer Frau hereinlegen lassen.
Sidonie saß später im Wohnzimmer, oder Arbeitszimmer, wie auch immer es gerade unseren Zwecken diente, und fragte, ob sie ihre Großeltern anrufen könnte. Tristan verneinte diese Bitte scharf. Betroffen zuckte Sidonie zusammen und Tristan erklärte kurz, dass Sidonie sich durch den Ausbruch ihrer Kräfte in gewisse Schwierigkeiten gebracht hätte, die sie kaum allein bewältigen könne. Außerdem vermutete er, wahrscheinlich richtig, dass das Telefon ihrer Großeltern angezapft sei.
"Und was werde ich nun die ganze Zeit hier allein tun?“ fragte sie dann, ziemlich traurig.
"Sie sind doch nicht allein, wir sind doch hier“, beruhigte Tristan sie und in ihrem Blick las ich, dass sie Angst vor ihm hatte, wie die meisten Menschen, die ihn nur etwas besser kennen lernten. Hatte sie nun Angst, weil sie fürchtete, dass Tris sie durchschauen und ihr etwas Schreckliches antun würde oder weil sie sich bewusst war, dass er gefährlich sein konnte?
Miyu schmiegte sich an Tristans Beine und ein leichtes Lächeln huschte über Sidonies Gesicht. Zwei paar goldene Augen trafen sich und Miyu murrte glücklich. Sodann spazierte sie zu Sidonie und schmuste mit ihr. Wahrscheinlich hatte Tristan Miyu darum gebeten. Kaum zu glauben, dass Sidonie sich durch so eine kleine Geste zu einem Lächeln hinreißen ließ, aber sie schien wesentlich entspannter als noch zehn Minuten vorher.
Mir kam Sidonie immer noch wesentlich gefährlicher als Tristan vor, obwohl sie weniger angriffslustig wirkte als er. Wenn sie mit Miyu schmuste, wirkte sie wie eine junge, hübsche Frau, die traurige Augen hatte.
Dass ich den Leuten nicht ansehen konnte, ob sie gefährliche Fähigkeiten hatten oder nicht, fand ich manchmal etwas beunruhigend, auch wenn Tris mir versicherte, dass dies kaum einer könne. Es sei schwer zu definieren, wann eine Fähigkeit das normale Maß übertrete. Viele Menschen besäßen schwache Fähigkeiten, doch die wären von der Gesellschaft akzeptiert. Intuition, Wahrträume und so etwas gehörten dazu. Deshalb könne er in vielen Menschen Kräfte spüren, die aber keinerlei Bedrohung darstellten. Wenn er nun manche von ihnen falsch einschätzte? Wenn nun einige von ihnen, wie Sidonie, ihre Kräfte einfach nur ignorierten und unterdrückten, um dann im ungeeignetsten Augenblick die halbe Welt zu vernichten?
Es klingelte an der Tür und als ich öffnete stand mir Isis gegenüber. "Ich wollte sehen, wie es Tris geht. Kann ich hereinkommen?“, fragte sie und ich nickte selbstverständlich.
"Tristan scheint es wieder gut zu gehen. Wahrscheinlich kannst du das besser beurteilen als ich“, vermutete ich.
"Wir werden sehen. Tristan kann mich genauso aussperren wie jeden anderen Menschen.“
Tristan freute sich, seine Mutter zu sehen. Sie griff unter sein Kinn und sah ihm in die Augen. Ihre Miene wechselte zu einem skeptischen Ausdruck, doch ihr Sohn schien nichts preisgeben zu wollen. Dann fiel Isis Blick auf Sidonie und sie rief: "Eine weibliche Person in dieser Wohnung - erstaunlich.“
Sidonie zuckte zusammen. Isis grinste freundschaftlich und reichte Sidonie ihre Hand.
Tristans Mutter kannte uns beide so ziemlich am besten und wusste deshalb auch über all unsere Freundinnen Bescheid. Es war ja nicht so, dass wir an Frauen – oder Männern – nicht interessiert waren; meist stand uns nur unsere Arbeit im Weg.
Für Tristan war es noch schwerer. Er hörte die Gedanken eines Partners und wusste, was dieser wirklich von ihm hielt. Viele fanden es sexy, mit einem Übersinnlichen zu schlafen und bekamen dadurch ihren Kick. Andere fürchteten ihn, sobald sie herausfanden, welche Kräfte er hatte.
Die Aufmerksamkeit der Menschen zog er sofort auf sich, aber niemand war lange geblieben.
Und ich....?
Ich hatte einmal eine Frau an meiner Seite... Ihr Name war Judith und ich wollte sie heiraten.
Sie wurde getötet. Seitdem blieb es bei oberflächlichen Begegnungen.
Isis hatte Sidonie schon in ein Gespräch über die Bedeutung von Papierdrachen im alten China verwickelt und ich tauschte mit Tristan einen Blick. Sein Blick war amüsiert und mitleidig. Vielleicht fühlte er sich schuldig...?
So viele Tote säumten unseren Lebensweg. Manchmal fragte ich mich, ob die Menschheit nur davon lebte, sich gegenseitig zu vernichten.
Ich stand auf, abends sollte ich mich mit den Entführern von Sidonies Schwester auseinandersetzen. Schließlich sollte ich herausfinden, auf welcher Seite sie stand. Plötzlich hoffte ich, dass sie unschuldig war. Unschuldig, weil sie mir gefiel. Unschuldig, weil ich die Nase von toten Menschen voll hatte. Unschuldig, weil ich mich danach sehnte, noch einmal zu lieben. Ich verließ das Wohnzimmer und ging in mein Schlafzimmer.
Lange hatte ich schon nicht mehr an Judith gedacht. Fast automatisch öffnete ich die Schublade meines Minischreibtisches und holte das einzige Photo, dass ich noch von ihr besaß, hervor.
Ein anderer Yannik war auf diesem Bild zu sehen. Nicht nur jünger, sondern auch offener. Seine Arme lagen auf den Schultern einer jungen Frau, fast noch ein Mädchen. Ihre leuchtend roten Haare schmeichelten ihrem Teint und ihre klaren braunen Augen schienen in eine schöne Zukunft zu blicken. Eine Zukunft als Frau eines reichen Mannes, als Mutter von Firmenerben, die sich mein Vater so sehr wünschte.
Ich fühlte mich schwach und machtlos, in diesem Augenblick sehr viel deutlicher als sonst. Meine Knie gaben nach und ich war bereit, mich einfach fallen zu lassen. Da fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich sah mich um.
Tristan stand neben mir und schaute beinahe so traurig wie ich selbst auf das alte Photo. Deswegen war er mein Freund. Er war wirklich da, wenn ich jemanden brauchte. Kein Wort war nötig, es würde keines fallen.
Tristan nahm das Photo aus meiner Hand und legte es in die Schublade zurück. Selbst er konnte die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Ich nickte zustimmend und um ihm zu sagen, dass ich ihm das nicht Übel nahm. Die Erinnerung konnte mich im Moment schwach machen, dennoch stärkte sie meinen Willen für die Unternehmung am Abend.
Tristan ließ mich allein, mit einem kurzen Blick auf die Schublade verließ ich das Zimmer und folgte ihm. Judiths Photo war in meiner Schublade begraben, neben meiner Waffe, so wie ihr Körper im Dunkeln. Sie war unerreichbar.
Ich hörte, wie Isis weiterhin mit Sidonie redete und konnte erkennen, dass Sidonie sich ihrem Charme nicht entziehen konnte. Sie wirkte relativ entspannt und sogar der traurige Zug um ihre Augen hatte sich gemildert. Tristan lächelte, denn er kannte das Vorgehen seiner Mutter in solchen Fällen.
Isis war eine sehr intelligente, warme Frau, die es fast immer schaffte, eine gemeinsame Basis mit ihrem Gegenüber zu finden. Es gab kaum ein Thema, zu dem sie nicht etwas sagen konnte. Zudem war sie eine Frau, was Sidonie bestimmt sehr angenehm fand, weil die beiden Männer in diesem Haushalt wohl nicht alle Tassen im Schrank hatten.
Als weitere Frau betrat schließlich noch unsere Haushälterin betrat die Wohnung. Meine Eltern hatten darauf bestanden, dass ich wenigstens eine zuverlässige Haushaltshilfe brauchte, die aufräumte und putzte, wenn ich schon einen Koch und sonstiges Personal ablehnte. Also hatte ich Hedwig Schröder eingestellt, eine rundliche Frau mit einem strahlenden Lächeln, die sich sofort in Miyu und ihr Herrchen verguckt hatte und uns eine ebenso große Hilfe im Haushalt, wie auch im Aufmuntern war.
Tristan hatte mir einst gesagt, dass ihre Gedanken genauso strahlend waren, wie ihr Lächeln und sie eine der wenigen Personen war, die völlig ehrlich durch die Welt gingen. Deshalb war unser Verhältnis ziemlich herzlich und Tristan hatte einen passenden Mann für Heti gefunden, der ihr Lächeln ebenso schätzte wie wir, denn ihr vorheriger Mann hatte sie nur ausgenutzt und sie verachtet.
Ihre Schwäche für Tristan behielt sie dennoch.
Also kam Heti in unser Wohnzimmer mit ihrem Sonnenlächeln, mit etwas Thunfisch für Miyu, die sofort aufsprang und um Hetis Beine strich, mit dem Ausruf: "Guten Morgen. Raus aus der Wohnung, draußen ist es wunderbares Wetter für einen Spaziergang. Ich muss jetzt arbeiten.“
Isis nickte Heti beistimmend zu. Frauen – eine verschworene Gemeinschaft! Ich wusste, dass unserer Haushaltshilfe ernst war.
"Wir können nicht, Heti“, begann ich, "denn diese junge Frau wird gesucht und kann im Moment die Wohnung nicht verlassen.“
Heti stemmte die Arme in die Hüften und sah uns streng an. "Was habt ihr wieder angestellt?“
"Gar nichts!“, verteidigte ich mich bevor ich erkannte, dass Heti schon wieder grinste.
"Dann kommt mir wenigstens nicht in die Quere und geht in die Bibliothek“, maulte sie, aber mit einem schelmischen Funkeln in den Augen.
Tristan und ich wussten, dass Widerstand zwecklos war. Wir gingen schon vor, während Isis noch kurz mit Heti klönte.
"Eine Bibliothek, wie nobel“, stellte Sidonie ziemlich sarkastisch fest. Ich schluckte. Natürlich war ich daran gewöhnt, dass ein Ort, an dem ich wohnte, viel Platz und so etwas wie eine Bibliothek besaß, aber für die meisten Menschen war diese Ausstattung weniger normal.
Unsere Bibliothek war auch nicht sehr groß. Tristan bewahrte darin seine Bücher über übersinnliche Phänomene auf und alles, was er an alten Papieren besaß. Ich hatte jede Menge Bücher über Marketingstrategien, Betriebskultur, die Zukunft der Kommunikation und Betriebswirtschaft darin stehen, die meisten veraltet.
Sie erinnerten mich an ein anderes Leben, eines, das mein Vater für mich vorgesehen hatte.
In der Bibliothek stürzte sich Sidonie gleich auf die wirklich alten Schriftstücke, die dort, sorgsamst aufbewahrt, in einem Glaskasten lagen. "Das ist ja der Wahnsinn. Wie alt sind denn die?“, keuchte sie erstaunt.
Sofort war Isis, wie aus dem Nichts, an ihrer Seite und erzählte ihr etwas über Fundort, Alter und Bedeutung der Schriftstücke. Dann berichtete sie über die Expedition, was für Probleme und Gefahren sich bei den Ausgrabungsarbeiten ergeben hatten und wie oft sie ohne Strom im Dunkeln gestanden hatten. Ich musste lächeln, denn wenn man Tristan an einem gesprächigen Tag erwischte, konnte er genauso faszinierende Abenteuer zum Besten geben. Archäologenblut hatte sein Großvater das immer genannt, in dessen Venen es genauso geflossen war. Kein Wunder, dass ich als Kind von der Familie Tellanvor gefesselt gewesen war.
"Yan, du solltest noch einmal zum Krankenhaus fahren und versuchen, diesen Italiener zu sehen. Ich möchte wissen, wie wach er ist und ob er soweit ist, seine Kräfte wieder zu benutzen. Ich habe immer noch den Verdacht, dass hier noch irgend etwas anderes vorgeht. Ich denke, er ist nur eine Marionette, aber ich kann nicht sagen für wen. Würdest du fahren?, wisperte mir Tristan zu, der merkte, dass uns keine Aufmerksamkeit gezollt wurde.
Natürlich nickte ich. Tristans Blick ruhte auf meiner Hand und ich bemerkte, dass ich immer noch den Ring seiner Familie trug. "Willst du ihn zurück?“, fragte ich leise.
"Nein. Ich werde St.Clair bitten, dich ein wenig zu begleiten, vielleicht sieht er mehr als du....“
"Ich dachte, er solle sich aus unseren Ermittlungen heraushalten.“
Tristan antwortete nicht, sondern starrte ins Leere. Ich seufzte.
Eigentlich wunderte es mich, dass ich bis jetzt noch überhaupt mit ihm redete, denn viel Sinn machte es nie. Tristan verstand es seine Geheimnisse für sich zu behalten, ebenso verstand er es, sich so zu verschließen, dass nicht einmal der beste Gedankenleser erraten konnte, was auch nur an der Oberflächen seines Geistes vor sich ging.
Tristan grinste plötzlich.
"Es ist halt so, dass ich als Profi nicht all meine Tricks verraten möchte“, lachte er, denn er hatte selbstverständlich mitgekriegt, was ich mal wieder gedacht hatte.
Ich verließ die Bibliothek und ebenso die Wohnung - vielleicht wollte mich Tris ja auch nur loswerden? - dann stieg ich in meinen Wagen und brauste zum Krankenhaus.
Vor dem Zimmer, in dem Italiener lag, hielt ich an. Es war nicht mehr von Polizisten bewacht, was mich verwunderte. Ich klopfte an und trat ein. Das Bett war leer, ein Pfleger brachte gerade neue EKG-Kabel an.
"Entschuldigen Sie, wo ist der Mann, der hier gelegen hat? Ist er etwa gestorben?“, fragte ich den Mann.
Der sah mich erstaunt an und schüttelte den Kopf. "Sind Se mit ihm verwandt?“, fragte er dann und ich verneinte, aber erklärte ihm dann, dass ich derjenige sei, der den Italiener gefunden und die Feuerwehr verständigt hätte.
Der Pfleger verstand und sagte: "Er is von seenem großen Bruder in een Spezialkrankenhaus transportiert worden. Wir haben auch keene Ahnung, wo das genau sein soll, auf jeden Fall soll es irjendwo in Saudi-Arabien sein. Dort wird er wohl denn den Rest seiner Tage liejen.“
"Das klingt, als ob er sterben müsste...., überlegte ich laut.
"Nee, der hatte sich jut erholt über Nacht. Hätte bald entlassen werden können...“
Nun fragte ich mich, ob wir von dem gleichen Mann sprachen. Von einem Mann, der von einigen Holz- und Metallstäben durchbohrt gewesen war, der viel Blut verloren hatte und dem es richtig schlecht ging. "Reden wir hier beide von einem italienischen Mann?“, erkundigte ich mich.
Der Pfleger beschrieb ihn mir und es war eindeutig der gespießte Italiener. Danach musste er weg und ich kehrte auf den Flur zurück. Ich setzte mich auf eine der Bänke auf dem Flur und starrte in den Gang.
Auf einer anderen Bank, mir schräg gegenüber, saß ein kleines Mädchen, vielleicht neun Jahre alt, das seinerseits mich anstarrte. Es hatte schöne, türkise Augen, die mich eindringlich musterten. Ich grinste ihm müde und erschöpft zu; es lächelte schüchtern zurück.
Wenigstens ein nettes Erlebnis, dachte ich und raffte mich auf, um nach Hause zu fahren. Eins stand fest, ebenso wie Tristan hatte auch ich das Gefühl, das an dieser ganzen Geschichte irgend etwas nicht stimmte.
Das Mädchen beobachtete mich, wie ich dem Ausgang zustrebte und ich winkte ihr zu. Scheu sah sie auf den Boden und errötete leicht. Wenigstens war ich noch für solche Damen attraktiv.
Während ich nach Hause fuhr, begann ich über die Verletzungen des Italieners nachzudenken.
Wie konnte man einen Mann in seinem Zustand verlegen? Vielleicht war auf dem Weg nach Saudi-Arabien verstorben? Wer war dieser große Bruder, der diese Verlegung veranlasst hatte? Warum Saudi-Arabien?
Beinahe hätte ich eine rote Ampel überfahren, während ich diesen Gedanken nachhing.
Bestürzt trat ich auf die Bremse. Quietschend hielt der Wagen an und ich schluckte. Einige Fußgänger sahen mich erbost an und ich lächelte entschuldigend.
In diesen drei Tagen hatte ich mich ziemlich oft in eine Gedankenwelt zurückgezogen. Vielleicht war ich ja auch nur überarbeitet und brauchte dringend Urlaub? Einen Urlaub weit weg von parapsychologischen Erscheinungen. Weit weg von Menschen, die von Stäben durchbohrt waren. Weit weg von meinen Eltern und ihrem Geld. Weit weg von Tristan!
Die Ampel sprang um auf grün und ich fuhr wieder los.
Isis sah mich mit ihren schönen, klaren, braunen Augen an und ich nickte ihr zu.
"Wie geht es ihm?“, erkundigte ich mich, denn Tris hatte seine Augen geschlossen und sah blass aus.
"Keine Ahnung, er antwortet mir nicht“, erklärte Isis.
"Möchtest du vielleicht einen Tee mit mir in der Küche trinken?“, bot ich ihr an und sie stimmte mit einem Lächeln zu
Als ich den Tee ausgeschenkt hatte, senkte sich Stille auf uns beide. Tristans Mutter hieß nicht nur wie eine Göttin, manchmal wirkte sie auch wie eine.
"Was ist mit Tristan passiert?“, fragte sie schließlich.
Ich erzählte ihr von dem Abend davor und meiner Vermutung, dass er sich dabei etwas überfordert hatte. Isis war sich da nicht sicher, aber sie schien schon mit meiner Beobachtung überein zu stimmen.
"Tristan sollte sich öfter ausruhen“, fand sie. "Ich bin froh, dass wenigstens du bei ihm bist, Yannik.“
"Vielleicht weiß ja St.Clair mehr...?“ vermutete ich, doch Isis winkte ab. Bei dem hatte sie also schon gefragt.
"Wo warst du eigentlich so lange, Yannik?“, erkundigte sie sich.
"Ein bisschen spazieren... und einkaufen.“
Isis lächelte süß und strich mir über die Wange, wie sie es schon gemacht hatte, als ich noch ein Junge gewesen war. Ein Verlust für die Welt, als sie beschlossen hatte, ihr Herz nur einem Mann zu schenken und ihm niemals untreu zu werden. Sie war wirklich wunderschön und dabei noch so gütig, dass jeder Mann sich einfach nach ihr verzehren musste.
"Ich muss jetzt gehen. Pass gut auf Tristan auf. Ich weiß, ich kann mich da auf dich verlassen.“
"Ja, klar...“ seufzte ich und brachte Isis hinaus.
Ich kehrte also zu Tristan auf seinem Bett zurück. Auf seiner Decke räkelte sich Miyu, die sich fast immer in Tristans Nähe aufhielt. Ich nahm ein Buch aus Tristans Regal 'Die Elemente der Magie'. Irgend etwas Esoterisches, das Tristan einst von einer Verehrerin geschenkt bekam. Auf das Lesen konnte ich mich nicht konzentrieren, also wanderte ich mit meinen Gedanken wieder zu den Tagen, an denen ich mit einer Gehirnerschütterung zu Hause im Bett liegen musste.
Am Tag nach meiner Rettungsaktion stand Tristan mit ein paar Hausaufgaben vor meiner Tür, obwohl meine Eltern längst beschlossen hatten mich aus dieser Proletenschule zu nehmen, ließen sie ihn zu mir, weil er so brav und gut gekleidet war, ich mich langweilte und deshalb der gesamte von Falkenbergische Haushalt schon total von mir genervt war.
Ich wusste damals nicht, woher Tristan meine Adresse hatte, doch ich war froh ihn zu sehen.
"Hallo“, begrüßte er mich schlicht und ich grinste.
"Wieso kommst du zu mir?“, fragte ich ihn.
"Weil du mich darum gebeten hast“, erklärte er mir. Daran konnte ich mich gar nicht erinnern.
"Du hast es ja auch nicht laut gesagt, Aber du hast es gedacht. Deine Eltern misstrauen mir. Sie wollen dich von der Schule nehmen“, erzählte er mir ganz unbekümmert.
"Darauf kannst du dich verlassen, dass sie das wollen. Woher weißt du das?“ Ich hatte zwar noch nichts von einem Schulwechsel gehört, obwohl es mir klar war, dass er stattfinden würde.
"Ich hörte die Gedanken deiner Mutter, als ich mich bei ihr vorgestellt habe“, erläuterte er kurz.
"Du hast ihre Gedanken gehört?“, wiederholte ich, ungläubig.
"Ja, klar. Kannst du das nicht?“ Er schien mich damit necken zu wollen.
"Ich kann ihr zwar manchmal die Gedanken vom Gesicht ablesen, aber hören kann ich sie nicht. Kannst du das bei allen Leuten?“
"So ziemlich.“
"Auch bei den Lehrern?“
"Ja.“
Eine unendliche Welt, frei von Prüfungsangst eröffnete sich für mich. "Das ist ja cool. Wie heißt du noch mal?“
"Tristan.“
"Na gut Tris, dann beweis das mal!“, forderte ich ihn auf. Nachdem er die Gedanken unserer Köchin, die unseres Hausmädchens und die von mir gelesen hatte, glaubte ich es ihm.
Von da an kam er jeden Tag.
Er war von Isis in der gleichen Art und Weise erzogen worden, wie sie selbst. Ständig umgeben von archäologischen Büchern, Fossilien, Kunstgegenständen, Reliquien und philosophierenden Menschen, unterrichtet von Anthropologen, Literaten und Toten, war er für sein Alter sehr gebildet und durch seine Fähigkeiten, hatte er einen noch tieferen Einblick in die Gedanken der Menschen um sich herum. Er nahm ihr Wissen in sich auf und konnte mit Acht bereits einfache Hieroglyphen übersetzen. Meine Eltern waren beeindruckt von seinem Intellekt und fanden, dass er der richtige Umgang für mich sei.
Natürlich kam ich auf eine andere Schule, aber da meine Eltern Tristan nun einmal zum Retter meiner Noten erhoben hatten, baten sie Isis, ihn ebenfalls wechseln zu lassen. Isis wusste, dass Tristan kaum Freunde in seinem Alter hatte und so waren wir plötzlich wieder zusammen in einer Klasse.
Da meine Eltern auf gutes Benehmen und christliche Werte achteten, waren wir in einer katholischen Schule gelandet, in der Mädchen keine Hosen tragen durften, man sich nicht die Haare färben oder verrückt schneiden lassen durfte. Also insgesamt ein stockkonservativer Laden, der Tristan und mir nicht passte.
"Yan, wo ist Isis?“, fragte eine leise Stimme vom Bett. Ich schreckte hoch.
"Verdammt, Tris. Jag' mir doch nicht so einen Schrecken ein!“, keuchte ich, wieder ganz in der Gegenwart. Er saß in seinem Bett und sah nicht wesentlich besser aus.
"Isis musste weg. Ich glaube es war wegen des Museums...“
"Wie geht es dem Italiener?“, fragte er leise. Den hatte ich nun wirklich ganz und gar vergessen.
"Keine Ahnung“, brummelte ich. "Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, ging es ihm unverändert.“
"Der wirkliche Kopf des Ganzen will bestimmt wissen, weshalb sein Handlanger nicht zurückkehrt. Bitte geh ins Krankenhaus und guck dir an, was für Leute dort zu ihm wollen..“
"Ich erkenne solche Leute doch eh nicht...“, warf ich ein. Tristan mochte ja Leute mit übersinnlichen Fähigkeiten erkennen, doch ich nicht.
"Geh hin und beobachte ihn. Wenn du den Ring trägst, wird er dich warnen.“ Tristan reichte mir den Ring seiner Familie. Er hatte ihn Sidonie also wieder abgenommen... Seufzend striff ich ihn über meinen Ringfinger. Mich wunderte schon lange nicht mehr, dass er auch mir passte. Also setzte ich mich ins Auto und fuhr zum Krankenhaus.
Vor der Tür des Zimmers von diesem Italiener traf ich einen der Polizisten vom Abend zuvor. Er stellte sich als Kommissar Dahms vor und dann lachte er. "Jetzt weiß ich auch, woher ich ihren Namen kenne, Hr. von Falkenberg.“
"Aus den Börsennachrichten?“ riet ich wild drauf los.
"Nein. Sie sind doch einer von diesen Geisterjägern.“
'Seh ich aus wie Dan Akroyd?', dachte ich.
"Ich bin kein Geisterjäger. Wir beschäftigen uns mit seltsamen Phänomenen“, stellte ich etwas lahm richtig. Scheiße, einer von diesen interessierten Fans, die uns durch die esoterische Presse kannten. Ich kam mir dann immer vor, als müsste ich ein Lasergewehr ziehen und hinter riesigen Marshmellowmännern herjagen.
"Verzeihen Sie bitte“, entschuldigte sich Kommissar Dahms, "doch ich frage sie als Experten: Wie kommt es, dass ein Mann mit Drachenbauteilen gespickt aufgefunden wird, jedoch keinerlei Anzeichen für einen Einbruch zu finden sind? Nach dem Grad der Zerstörung in dem Laden zu urteilen, müsste er mindestens die Kraft von Herkules gehabt. Glauben Sie, dass wir es hier mit einem seltsamen Phänomen zu tun haben?“
"Herr Kommissar, jeden Tag essen Zehntausende von Leuten in Fast-Food-Restaurants, obwohl über 90% von ihnen wissen, dass es weder satt macht, noch besonders gesund ist. Es heiraten jeden Tag Menschen, obwohl jede dritte Ehe inzwischen innerhalb von fünf Jahren geschieden wir und es für eheähnliche Verhältnisse fast die gleichen steuerlichen Vergünstigungen gibt. Es gibt so viele seltsame Phänomene... Ich habe diesen Mann nur gefunden und einen Krankenwagen gerufen. Für mich sah es wie ein Einbruch aus, aber vielleicht hatte auch jemand eine Rechnung mit ihm offen. Allerdings wäre dies eine sehr brutale Art sich zu rächen...“
"Ja, ja, machen Sie sich ruhig lustig. Wissen Sie, dass die Besitzerin des Ladens seit gestern verschwunden ist, ebenso wie ihre Schwester?“
Ich schluckte kurz. Die Polizei, dein Freund und Helfer... "Nein, das wusste ich allerdings noch nicht“, log ich. Dabei hoffte ich, dass er wenigstens keine Gedanken lesen konnte.
"Die Großeltern der Frau sagten, sie hätte ihre Agentur aufsuchen wollen, um Sie und ihren Partner um Hilfe zu bitten. Ist sie zu Ihnen gekommen?“ bohrte der Kommissar weiter.
"Kann sein...“, schwindelte ich weiter. Nun steckte ich in der Falle. "Ich kann mich nicht an jeden Klienten erinnern.“ Ich sah ihn gelangweilt an, tat auf jeden Fall so. Wenn ich versucht hätte, Theater für Tristan zu spielen, hätte ich null Chance gehabt. Tristan schien gerade mich noch besser als alle anderen zu durchschauen.
"Wie geht es dem Mann eigentlich?“, fragte ich den Kommissar schnell, denn wegen seines Befindens war ich hierher gekommen.
"Es geht ihm den Umständen entsprechend, wie man so sagt“, berichtete er.
"Also schlecht!“, folgerte ich mehr für mich selbst.
Er schien mit meiner Auskunft über Sidonie nicht zufrieden. "Sie müssen sich doch an eine junge Frau erinnern, die abends bei Ihnen vor der Tür stand“, drängte er.
"Das passiert bei uns alle naselang, Herr Kommissar. Und auch junge Frauen sind mir nicht völlig fremd, auch wenn ich ein Geisterjäger bin.“
"Vielleicht kann sich ihr Partner ja an sie erinnern. Rufen Sie mich an, wenn Ihnen etwas einfällt“, sagte er schließlich und gab mir seine Karte. Ich nickte und wartete, dass er verschwinden würde, doch er hatte wohl nicht die Absicht...
Mein Handy hatte ich an der Auskunft abgeben müssen, deshalb kam eine Schwester zu mir und fragte: "Sind Sie Yannik von Falkenberg?“
"Ja, der bin ich“, bestätigte ich mit einem kleinen Grinsen.
"Sie sehen genau so aus, wie der Mann am Telefon Sie beschrieben hat.“
"Tatsächlich? Wie hat er mich denn beschrieben?“
Sie schmunzelte. "Sehr groß, gute Figur, dunkle Haare, grüne Augen, dunkle Lederjacke und eine Jeans.“
"Nannte er seinen Namen?“
"Irgend etwas wie Klinge.“
Ich folgte ihr und nahm das Telefon. "Von Falkenberg“, meldete ich mich. Die Stimme am anderen Ende war nicht die von Tristan, wie ich es erwartet hatte.
"Hören Sie gut zu, von Falkenberg. Die Schwester Ihres Gastes haben wir immer noch. Lassen Sie das Mädchen zu uns kommen, dann bleibt Alexandra unversehrt.“
"Warum sollte ich das glauben?“ erwiderte ich. Die Stimme am anderen Ende war eiskalt. War das der Drahtzieher, von dem Tristan die ganze Zeit sprach?
"Kommen Sie mit dem Mädchen in den Club Black Crow, dort können Sie sehen, dass wir die Wahrheit sagen.“
"Wir wären schön blöd, wenn wir das täten“, schnaubte ich verächtlich.
"Dann kommen Sie halt zuerst allein. Lassen Sie sich von der süßen Sidonie ihre Schwester ganz genau beschreiben und vergewissern Sie sich auf diese Art“, schlug er dann vor.
"Und wann soll dieses Rendezvous stattfinden?“, hakte ich nach.
"Heute Abend um 23.00 Uhr.“
"Morgen Abend um die gleiche Zeit und ich komme“, machte ich mich bei ihm unbeliebt.
"Uns kommt es auf einen Tag nicht an. Das geht in Ordnung. Man sieht sich.“ Mit einem amüsierten, verächtlichen Lachen legte er auf.
Ich musste zurück nach Hause. Warum meine Zeit beim Warten verschwenden, diese Entführer wussten ja sowieso über jeden meiner Schritte Bescheid. Ich holte mein Handy und spielte kurz mit dem Gedanken, Tris anzurufen, doch ließ es dann lieber bleiben.
In der Wohnung war es immer noch ungewöhnlich still, doch Tris war nicht mehr in seinem Bett. Ich suchte nach ihm, doch in seinem Teil unserer Wohnung war er nicht.
"Tris?!“, rief ich, etwas verunsichert.
Er kam aus unserem Gästezimmer. Sein Gesicht wirkte weniger blass und seine Haltung wacher. Er sah mich an, zog die Augenbrauen zusammen und maulte: "Ordne deine Gedanken gefälligst mal ein bisschen und ich bin an keiner hübschen Krankenschwester interessiert!“
Also beruhigte ich meine Gedanken etwas und Tris las alles, was ich ihm sonst erzählt hätte.
Er seufzte. "Das mit der Polizei ist sehr ärgerlich. Wir werden ihm wohl erzählen müssen, dass sie hier war! Dieser Kerl hat vielleicht Nerven...“
Ich wusste nicht, ob Tris den geheimnisvollen Anrufer oder den Kommissar meinte. "Soll ich da morgen Abend allein hingehen?“ fragte ich.
"Du musst wohl, denn ich weiß nicht, ob wir Sidonie allein lassen können.“
"Wie geht es ihr? Ist sie wach?“
"Nein, noch nicht. Ich rufe diesen Kommissar an und du schaust solange nach ihr, okay?“
Ich nickte widerwillig. Mit diesem Monstermädchen in einem Zimmer? Ich hielt Tris die Karte des Kommissars hin und er ging telefonieren.
Also betrat ich unser Gästezimmer, wie Tris es wollte. Sidonie lag schlafend auf dem Bett und wirkte so unschuldig und harmlos wie ein Kind.
"Ich bin kein Italiener und habe auch keine Kräfte wie Tristan, also bitte, tun Sie nichts was irgendwie mit Wind zu tun hat, während ich hier bin, ja?“, bat ich sie, obwohl sie nicht so aussah, als könne sie mich hören.
Vorsichtig, um sie nicht unnötig zu stören, setzte ich mich auf den Stuhl neben dem Bett. Tris war mächtiger als sie, warum hatte ich solche Angst vor ihr? Eins stand fest: Ich wollte nicht als menschlicher Spieß enden.
Tris hatte noch nie die Kontrolle über seine Kräfte verloren, dessen war ich mir ziemlich sicher. Wir hatten es sicherlich schon öfter mit tödlichen Fähigkeiten zu tun bekommen, die nicht immer nur übersinnlicher Natur waren. Doch die meisten kannten ihre Fähigkeiten, oder zumindest wussten sie, wie sie einzusetzen waren. Manche wussten es nur zu gut. Wie dieses eine Mädchen auf unserer katholischen Schule.
Tris und ich passten nicht in diese Schule. Aber da wir uns so gut verstanden, und meine Eltern einen deutlichen Anstieg in meinem Notendurchschnitt feststellen konnten, was vor allem an Tris Nachhilfe und seiner Fähigkeit, die Prüfungsantworten aus den Köpfen der Lehrer zu lesen lag, schienen wir diese Schule bis zu unserem sechzehnten Lebensjahr besuchen zu müssen.
In den Pausen lief ich regelmäßig die Flure ab, in denen die Mädchen aus den höheren Klassen sich normalerweise aufhielten. Richtig sexuell war mein Interesse noch nicht, aber sie gefielen mir dennoch. Tris begleitete mich selten, denn er fand das blöd und aß lieber meine Pausenbrote in der Zeit. Meine Mutter ließ grundsätzlich ein halbes Picknick für mich einpacken und so dürr wie Tristan war, konnte er eine extra Portion vertragen. Nicht, dass es sich jemals auf seine Figur ausgewirkt hätte, egal wie viel er aß.
Eines Tages begleitete mich Tristan auf eben jene Flure. Wir kannten uns schon fast ein halbes Jahr, ich wusste ein wenig mehr über ihn, aber er blieb geheimnisvoll. Seine Kräfte begriff ich nicht, ich wusste nur, wie ich von ihnen Gebrauch machen konnte, wenn Tris mitmachte.
Das beliebteste Mädchen der Schule war eine langbeinige Vierzehnjährige, deren Eltern auch nicht gerade arm waren. Ihr Name war Sophia und sie trug ihre Röcke immer so kurz, dass es gerade noch gestattet war. Ihre hellbraunen Haare trug sie meist offen. Sie war bei allen Mädchen beliebt, ebenso bei den Jungs, Gerüchte darüber, welchem Jungen sie gerade ihre Gunst schenkte, kursierten ständig in unserer Schule.
An jenem Tag drängten sich alle um eine andere. Ein neues Mädchen, deren Name schon bald in aller Munde war: Marina. Marina war langbeiniger, hübscher und auf einmal beliebter als Sophia.
Als Tristan an der böse starrenden Sophia vorbeikam, die nun ganz allein stand, schien er besorgt. Auch zurück in der Klasse schien seine Befürchtung nicht geringer zu werden.
"Was ist denn los, Tris?", fragt ich ihn deshalb.
"Ich konnte ihre Gedanken nicht deuten. Sie ist gefährlich.“
Es war mir sofort klar, dass er sich auf Sophia bezog. "Ach, Quatsch. Sie ist bloß eifersüchtig, weil sie nun nicht mehr so beliebt ist.“
"Da ist noch etwas anderes. Ich kann es nicht beschreiben...“ Tristan suchte nach einem passenden Vergleich, ich wusste, dass war nicht leicht. "Sie ist wie ein gefülltes Fass, es fehlt nur noch ein Tropfen, dann ergießt es sich mit aller Macht.“
Wie sich herausstellen sollte, hatte Tristan natürlich recht. Der Tropfen, der sie zum Überlaufen brachte, waren die hormonellen Wirbelstürme ihrer ersten Menstruation, doch das erklärte mir Tristan erst Jahre später.
Damals merkte ich nur, dass Tristan mitten im Geographieunterricht aufsprang und wie gejagt aus der Tür lief. Die Lehrerin, die Tristan besonders mochte, weil er so intelligent war, rief: "Wo willst du hin, Tristan?!“, und beauftragte mich dann, ihn zu suchen und zu sehen, ob alles in Ordnung sei.
Ich lief also auf den Flur und hörte noch Tristans Schritte auf der Treppe, die nach oben führte. Ich war schneller als er und versuchte ihn einzuholen. Schließlich erreichte ich die Treppe, die auf den Schuldachboden führte. Es war absolut tabu, dort hinauf zu gehen, doch als ich Tristan schreien hörte, schmiss ich meine Skrupel über Bord und stieg hinauf.
"Nein, das ist nicht wahr!!“ schluchzte er. Es bot sich mir das Bild, das mich bis jetzt in meinen Albträumen verfolgte: Marina hatte sich erhangen.
Das Grauen kroch meinen Rücken hinauf und blieb an in meinem Gehirn stecken. Ein Schrei erklang und dann begriff ich erst, das ich geschrien hatte. Lang und anhaltend. Danach war alles plötzlich ganz klar und ruhig.
Auch wenn mich Jahre später immer noch dieses Bild der toten Marina in regelmäßigen Abständen aus dem Schlaf schreckte, damals nahm ich Abstand von allem und wurde wie versteinert.
Ich zog Tristan an seinem Ärmel mit hinunter in unseren Klassenraum. Alle starrten uns an, weshalb wir so leichenblass in der Tür standen und uns nicht hinsetzten.
"Sie ist tot“, stammelte Tristan, denn ich war keines Wortes fähig. Wir müssen so fertig ausgesehen haben, dass man uns sofort glaubte, denn keiner nahm an, dass wir nur einen Scherz machten. Als Tristan auch noch sagte: "Auf dem Dachboden....“, stürzte unsere Lehrerin sofort los.
So wurde der Tod von Marina bekannt. Natürlich nahm jeder an, dass es sich um Selbstmord handelte.
Jeder, bis auf Tristan.
Er erklärte mir, dass sie durch Manipulation ihres Willens dazu gebracht worden wäre, sich zu erhängen. "Ich habe ihren Kampf und ihre verzweifelten Hilfeschreie gehört, konnte sie aber nicht zuordnen. Wäre ich nur etwas schneller gewesen, Yan.“
"Wer sollte so etwas denn tun?“ fragte ich, ahnungslos, wie fast immer.
"Sophia hat es getan, doch ich kann es nicht beweisen.“ Tristan sah traurig auf seine Schuhspitzen. Ich war überrascht, dass der Tod eines Mädchens, dass er eigentlich gar nicht gekannt hatte, so eine Reaktion bei ihm auslöste. "Ich möchte zu ihr gehen, kommst du mit, Yan?“
"Bist du wahnsinnig? Wenn sie das mit Marina gemacht hat, wie auch immer, was wird sie dann erst mit nem' Knirps wie dir machen?“, widersprach ich entsetzt. Ich erinnerte mich noch sehr gut, wie er damals von unseren Klassenkameraden zusammengeschlagen worden war.
"Ich bin stärker als sie“, stellte Tristan sachlich fest und dann sah ich es das erste Mal: Sein fieses, menschenverachtendes Lächeln. Er war sich seiner Macht so sehr bewusst, dass er nicht mehr darüber nachdenken musste.
Also gingen wir zu ihr, in ihr Haus. Ihre Mutter ließ uns herein, freute sich über so angenehmen Besuch und bewirtete uns mit Kaffee und Kuchen. Schließlich versuchte sie, ihre Tochter zu holen.
Als Sophie endlich zu uns kam, was eigentlich wohl unter ihrer Würde war, weil wir in ihren Augen noch minderjährig waren, erkannte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Auch als ihre Mutter kurz verschwand, weil das Telefon klingelte, rückte sie weiter von uns weg.
"Warum hast du das getan", verlangte Tristan zu wissen.
Sophie triumphierte grausam. "Weil ich es konnte", erklärte sie kalt, dann lächelte sie überlegen.
Warum wusste sie sofort, dass es um Marina ging?
Sie lachte noch ein mal; ich fand es grässlich und wollte nur noch nach Hause. Ich sah wie ihre Miene sich verdunkelte und sie sich konzentrierte. Tristan schüttelte nur bedauernd mit dem Kopf und Sophies Augen weiteten sich mit Schrecken. Sie begann zu schreien. Ein schmerzgepeinigter Schrei, der sich immer mehr in die Länge zog. Schließlich war es ganz still.
Ihre Mutter kam vom Telefonieren zurück.
"Was ist denn los, Liebling?", fragte sie Sophie, die nur müde den Kopf schüttelte.
"Der Tod von Marina nimmt sie immer noch sehr mit, glaube ich", erklärte Tris, dann stand er auf. "Wir gehen wohl besser."
Draußen fragte ich ihn: "Was hast du getan?"
Tristan wandte sich mir zu und lächelte menschenverachtend. "Dafür gesorgt, dass sie es nie wieder tun kann."
Ich wachte aus meinem Tagtraum auf, als Tristan den Raum betrat.
"Daran denkst du also, Yan. Findest du mein Lächeln wirklich menschenverachtend?“, er lächelte mich, um zu beweisen, dass es das nicht war, bezaubernd an.
"Lass mich in Ruhe, Tris. Du weißt genau, dass du es kannst. Was hast du dem Kommissar gesagt?“
"Das, was in der Nacht geschehen ist, als sie vor unserer Tür stand. Jede Lüge ist dabei unnötig. Natürlich habe ich unser Erlebnis in der Nacht danach ausgelassen, aber was wir in der Nacht gemacht haben, wollte er bis jetzt ja auch noch nicht wissen.“
Sidonie schlief noch immer. Wir beide starrten die junge Frau an und ich seufzte schließlich. Ich verließ das Zimmer und wartete darauf, dass Tristan mir folgen würde. Nach einiger Zeit kam er dann auch.
Ich sah meinen Partner fragend an. "Soll ich morgen Abend versuchen, Alexandra zu befreien?“, fragte ich Tristan.
"Nein, auf keinen Fall. Schau lieber, was für Leute sich um sie herum aufhalten. Wenn es tatsächlich alles solche sind, wie der Italiener, hast du sowieso keine Chance.“
"Mir wäre es lieber, wenn du mitkämest...“, gab ich ehrlich zu. Ich war eigentlich kein Schwächling. Einige Jahre Kampfsport, Schusswaffentraining und eine Menge Geld im Hintergrund gaben mir eine gewisse Stärke, aber wenn es darum ging, einem Haufen übersinnlich begabter Spinner gegenüber zu treten, dann hatte ich lieber selbst einen Übersinnlichen auf meiner Seite.
"Wenn das alles nur ein Ablenkungsmanöver ist und sie versuchen Sidonie zu holen, während wir uns wie Trottel in irgendeinem Club herumtreiben, dann bleibe ich lieber hier“, regelte Tristan die Frage.
Ich nickte. Tristan hatte recht, wie meistens.
"Jetzt konzentriere dich auf unseren Fall“, beschwor er mich. "Guck, das ist Sidonies Schwester. Präg dir das Gesicht ein.“
Er gab mir ein Foto, auf dem deutlich Sidonie und ein weiteres Mädchen zu erkennen waren. Alexandra war buchstäblich die Modellausgabe von Sidonie. Dass sie größer und schlanker war, erkannte ich sofort, auch schienen ihre Augen nicht von ständiger Trauer umwölkt zu sein. Ich warf Tristan einen Seitenblick zu und sah, dass er amüsiert grinste. "Ich wusste, dass sie dir gefällt.“
Abends, als ich im Bett lag, versucht ich mir dieses Mädchen in ein wenig verängstigter und müder vor zu stellen. Wie viele Tage war sie nun schon in Gefangenschaft? Drei? Vier? Mehr?
Eine solche Strapaze konnte ein hübsches Gesicht schon ruinieren...
Mir war auch immer noch nicht wohl bei dem Gedanken, diesen Club zu betreten. Ein Mann, der genau wusste, wie ich aussah und wo ich mich aufhielt, erschien mir mehr als nur gefährlich. Auch wie eiskalt seine Stimme geklungen hatte... Und wie jung.
Ja, mir fiel plötzlich auf, dass ich die ganze Zeit annahm, dass er ein junger Mann sein musste. Aus seiner Stimme sprach die ganze Arroganz der Jugend, wenn man glaubt, man sei unverletzbar und unsterblich. Das machte ihn um so gefährlicher. Ich musste gut gewappnet sein morgen Abend.
Am Morgen wurde ich wieder durch das Klingeln unserer Haustürklingel geweckt. Allerdings hörte ich, wie Tristan diesmal zur Tür ging.
"Guten Morgen, Hr. Tellanvor“, hörte ich schwach eine männliche Stimme auf dem Flur, die mir irgendwie bekannt vorkam. "Wir haben gestern miteinander telefoniert. Ich bin Kommissar Dahms.“
"Ich weiß, wer Sie sind. Was wünschen Sie?“
"Ich hätte gerne Ihren Partner gesprochen, Yannik von Falkenberg.“
"Er schläft noch. Soll er Sie zurückrufen, sobald er wach ist?“
"Darf ich hereinkommen und auf ihn warten?“ erklang scharf die Stimme des Kommissars.
Auf einmal war es ruhig. Stille. Ich fragte mich, was da wohl vorging.
Würgte Tristan ihn gerade? Küssten sie sich? Was zum Teufel machten die zwei da?
"Wo..? Was ist....?“, hörte ich den Polizisten dann verwirrt sagen.
Tristans freundliche Stimme antwortete: "Gehen Sie lieber nach Hause und frühstücken etwas. Ihre Frau wartet schon auf Sie!“
"Wie? Ach so!! Ja, Sie haben recht. Entschuldigen Sie die Störung“, stammelte der Kommissar, dann hörte ich, wie unsere Wohnungstür sich wieder schloss.
Neugierig verließ ich mein Bett und sah Tristan im Flur stehen und mit dem Kopf schütteln.
"Er ist nicht tot!“ stellte er statt einer Begrüßung fest.
"Wer?“, fragte ich müde. Den Kommissar konnte Tris ja wohl kaum meinen.
"Der Italiener. Es geht ihm besser.“
"Hast du das in den Gedanken des Kommissars gelesen?“
"So ähnlich. Der Italiener hat den Kommissar manipuliert.“
Ich stockte. Manipuliert? Hm, dann er wohl wirklich auf dem Wege der Besserung. "Warum?“, fiel mir dazu nur ein.
"Um uns auszuspionieren. Vielleicht um Sidonie zu holen... Wie konnten die bloß annehmen, dass so etwas klappt? Sie wissen doch, dass ich hier bin...“ Tristan verlor sich mal wieder in seinen eigenen Gedanken, wanderte in jene andere Wahrnehmungswelt, dahin konnte ich ihm nicht folgen.
"Vielleicht glauben sie, du seiest ein Schwindler, ein Hochstapler, der nur so tut, als ob er allmächtig wäre“, schlug ich vor.
Tristan sah mich seltsam an. "Ich bin nicht allmächtig, nicht mal annähernd. Aber vielleicht denken die, ich sei nicht so stark, wie ich es vorgebe. Aber mir kommt das Ganze irgendwie vor, als ob hier jemand Theater spielt!“
Nun kam mir ein Verdacht: "Wenn nun Sidonie auch nur ein Teil dieses Theaterspiels ist und in Echt zu denen gehört...“
"Wie werden sehen, ob diese Frau in Wirklichkeit geschickt genug ist, um mir etwas vorzumachen. Yan, ich glaube, wir sehen hier noch nicht einmal einen Ausschnitt des Ganzen.“
Wieder breitete sich ein Grinsen auf Tristans Gesicht aus. Er liebte Herausforderungen. Ich hingegen, kam mir vor, wie ein Fisch, der an einem Haken zappelt. Irgend jemand schickte uns einen hübschen Köder und wir bissen prompt an. Ich natürlich schneller als Tristan.
Allmählich war ich auf das abendliche Treffen gespannt. Würde dort mehr sichtbar werden, als Tristan bis jetzt erkennen konnte?
Unser Frühstück wurde an diesem Tag mehr zu einem Gelage des Ungesunden, denn in Aussicht auf einen Abend unter Leuten, die mir nicht wohlgesonnen waren und bei denen Waffen wenig ausrichten konnten, betrachtete ich dieses Frühstück ein wenig als Henkersmahlzeit. Also empfand ich es nur als gerecht, dass ich mir Nutella und Smacks bewilligte.
Sidonie erschien ein wenig nach der regulären Frühstückszeit und schaute etwas krank aus. Ich wusste nicht so recht, wie ich mich jetzt ihr gegenüber Verhalten sollte, also grinste ich erst einmal freundlich, während Tristan ihr schnell noch ein bisschen Kaffee zubereitete.
Erstaunlicherweise hatte ich alles, was ich an Kenntnissen von ganz alltäglichen Dingen wie Einkaufen und Kochen besaß, von Isis und Tristan gelernt. Also konnte ich nicht mehr als er und eigentlich hatten meine Eltern das Bisschen auch für überflüssig gehalten. Ein von Falkenberg brauchte nicht selbst zu kochen, dazu waren Köche da.
Ein von Falkenberg brauchte nicht einkaufen, Fenster putzen oder aufräumen, dafür gab es das Personal.
Ein von Falkenberg lebte auch nicht mit einem Mann von fraglichem Ruf in einer Wohngemeinschaft. Das machten mir meine Eltern immer wieder klar, weshalb ich sie mied und manchmal hasste.
Während Tristan mit Sidonie in der Küche war und versuchte, sie dazu zu bringen, sich ein wenig zu entspannen, betrachtete ich noch einmal das Foto von Sidonie und ihrer Schwester. Unschuldig sahen alle beide aus. Auf keinen Fall durfte ich mich immer von den unschuldigen Augen einer Frau hereinlegen lassen.
Sidonie saß später im Wohnzimmer, oder Arbeitszimmer, wie auch immer es gerade unseren Zwecken diente, und fragte, ob sie ihre Großeltern anrufen könnte. Tristan verneinte diese Bitte scharf. Betroffen zuckte Sidonie zusammen und Tristan erklärte kurz, dass Sidonie sich durch den Ausbruch ihrer Kräfte in gewisse Schwierigkeiten gebracht hätte, die sie kaum allein bewältigen könne. Außerdem vermutete er, wahrscheinlich richtig, dass das Telefon ihrer Großeltern angezapft sei.
"Und was werde ich nun die ganze Zeit hier allein tun?“ fragte sie dann, ziemlich traurig.
"Sie sind doch nicht allein, wir sind doch hier“, beruhigte Tristan sie und in ihrem Blick las ich, dass sie Angst vor ihm hatte, wie die meisten Menschen, die ihn nur etwas besser kennen lernten. Hatte sie nun Angst, weil sie fürchtete, dass Tris sie durchschauen und ihr etwas Schreckliches antun würde oder weil sie sich bewusst war, dass er gefährlich sein konnte?
Miyu schmiegte sich an Tristans Beine und ein leichtes Lächeln huschte über Sidonies Gesicht. Zwei paar goldene Augen trafen sich und Miyu murrte glücklich. Sodann spazierte sie zu Sidonie und schmuste mit ihr. Wahrscheinlich hatte Tristan Miyu darum gebeten. Kaum zu glauben, dass Sidonie sich durch so eine kleine Geste zu einem Lächeln hinreißen ließ, aber sie schien wesentlich entspannter als noch zehn Minuten vorher.
Mir kam Sidonie immer noch wesentlich gefährlicher als Tristan vor, obwohl sie weniger angriffslustig wirkte als er. Wenn sie mit Miyu schmuste, wirkte sie wie eine junge, hübsche Frau, die traurige Augen hatte.
Dass ich den Leuten nicht ansehen konnte, ob sie gefährliche Fähigkeiten hatten oder nicht, fand ich manchmal etwas beunruhigend, auch wenn Tris mir versicherte, dass dies kaum einer könne. Es sei schwer zu definieren, wann eine Fähigkeit das normale Maß übertrete. Viele Menschen besäßen schwache Fähigkeiten, doch die wären von der Gesellschaft akzeptiert. Intuition, Wahrträume und so etwas gehörten dazu. Deshalb könne er in vielen Menschen Kräfte spüren, die aber keinerlei Bedrohung darstellten. Wenn er nun manche von ihnen falsch einschätzte? Wenn nun einige von ihnen, wie Sidonie, ihre Kräfte einfach nur ignorierten und unterdrückten, um dann im ungeeignetsten Augenblick die halbe Welt zu vernichten?
Es klingelte an der Tür und als ich öffnete stand mir Isis gegenüber. "Ich wollte sehen, wie es Tris geht. Kann ich hereinkommen?“, fragte sie und ich nickte selbstverständlich.
"Tristan scheint es wieder gut zu gehen. Wahrscheinlich kannst du das besser beurteilen als ich“, vermutete ich.
"Wir werden sehen. Tristan kann mich genauso aussperren wie jeden anderen Menschen.“
Tristan freute sich, seine Mutter zu sehen. Sie griff unter sein Kinn und sah ihm in die Augen. Ihre Miene wechselte zu einem skeptischen Ausdruck, doch ihr Sohn schien nichts preisgeben zu wollen. Dann fiel Isis Blick auf Sidonie und sie rief: "Eine weibliche Person in dieser Wohnung - erstaunlich.“
Sidonie zuckte zusammen. Isis grinste freundschaftlich und reichte Sidonie ihre Hand.
Tristans Mutter kannte uns beide so ziemlich am besten und wusste deshalb auch über all unsere Freundinnen Bescheid. Es war ja nicht so, dass wir an Frauen – oder Männern – nicht interessiert waren; meist stand uns nur unsere Arbeit im Weg.
Für Tristan war es noch schwerer. Er hörte die Gedanken eines Partners und wusste, was dieser wirklich von ihm hielt. Viele fanden es sexy, mit einem Übersinnlichen zu schlafen und bekamen dadurch ihren Kick. Andere fürchteten ihn, sobald sie herausfanden, welche Kräfte er hatte.
Die Aufmerksamkeit der Menschen zog er sofort auf sich, aber niemand war lange geblieben.
Und ich....?
Ich hatte einmal eine Frau an meiner Seite... Ihr Name war Judith und ich wollte sie heiraten.
Sie wurde getötet. Seitdem blieb es bei oberflächlichen Begegnungen.
Isis hatte Sidonie schon in ein Gespräch über die Bedeutung von Papierdrachen im alten China verwickelt und ich tauschte mit Tristan einen Blick. Sein Blick war amüsiert und mitleidig. Vielleicht fühlte er sich schuldig...?
So viele Tote säumten unseren Lebensweg. Manchmal fragte ich mich, ob die Menschheit nur davon lebte, sich gegenseitig zu vernichten.
Ich stand auf, abends sollte ich mich mit den Entführern von Sidonies Schwester auseinandersetzen. Schließlich sollte ich herausfinden, auf welcher Seite sie stand. Plötzlich hoffte ich, dass sie unschuldig war. Unschuldig, weil sie mir gefiel. Unschuldig, weil ich die Nase von toten Menschen voll hatte. Unschuldig, weil ich mich danach sehnte, noch einmal zu lieben. Ich verließ das Wohnzimmer und ging in mein Schlafzimmer.
Lange hatte ich schon nicht mehr an Judith gedacht. Fast automatisch öffnete ich die Schublade meines Minischreibtisches und holte das einzige Photo, dass ich noch von ihr besaß, hervor.
Ein anderer Yannik war auf diesem Bild zu sehen. Nicht nur jünger, sondern auch offener. Seine Arme lagen auf den Schultern einer jungen Frau, fast noch ein Mädchen. Ihre leuchtend roten Haare schmeichelten ihrem Teint und ihre klaren braunen Augen schienen in eine schöne Zukunft zu blicken. Eine Zukunft als Frau eines reichen Mannes, als Mutter von Firmenerben, die sich mein Vater so sehr wünschte.
Ich fühlte mich schwach und machtlos, in diesem Augenblick sehr viel deutlicher als sonst. Meine Knie gaben nach und ich war bereit, mich einfach fallen zu lassen. Da fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich sah mich um.
Tristan stand neben mir und schaute beinahe so traurig wie ich selbst auf das alte Photo. Deswegen war er mein Freund. Er war wirklich da, wenn ich jemanden brauchte. Kein Wort war nötig, es würde keines fallen.
Tristan nahm das Photo aus meiner Hand und legte es in die Schublade zurück. Selbst er konnte die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Ich nickte zustimmend und um ihm zu sagen, dass ich ihm das nicht Übel nahm. Die Erinnerung konnte mich im Moment schwach machen, dennoch stärkte sie meinen Willen für die Unternehmung am Abend.
Tristan ließ mich allein, mit einem kurzen Blick auf die Schublade verließ ich das Zimmer und folgte ihm. Judiths Photo war in meiner Schublade begraben, neben meiner Waffe, so wie ihr Körper im Dunkeln. Sie war unerreichbar.
Ich hörte, wie Isis weiterhin mit Sidonie redete und konnte erkennen, dass Sidonie sich ihrem Charme nicht entziehen konnte. Sie wirkte relativ entspannt und sogar der traurige Zug um ihre Augen hatte sich gemildert. Tristan lächelte, denn er kannte das Vorgehen seiner Mutter in solchen Fällen.
Isis war eine sehr intelligente, warme Frau, die es fast immer schaffte, eine gemeinsame Basis mit ihrem Gegenüber zu finden. Es gab kaum ein Thema, zu dem sie nicht etwas sagen konnte. Zudem war sie eine Frau, was Sidonie bestimmt sehr angenehm fand, weil die beiden Männer in diesem Haushalt wohl nicht alle Tassen im Schrank hatten.
Als weitere Frau betrat schließlich noch unsere Haushälterin betrat die Wohnung. Meine Eltern hatten darauf bestanden, dass ich wenigstens eine zuverlässige Haushaltshilfe brauchte, die aufräumte und putzte, wenn ich schon einen Koch und sonstiges Personal ablehnte. Also hatte ich Hedwig Schröder eingestellt, eine rundliche Frau mit einem strahlenden Lächeln, die sich sofort in Miyu und ihr Herrchen verguckt hatte und uns eine ebenso große Hilfe im Haushalt, wie auch im Aufmuntern war.
Tristan hatte mir einst gesagt, dass ihre Gedanken genauso strahlend waren, wie ihr Lächeln und sie eine der wenigen Personen war, die völlig ehrlich durch die Welt gingen. Deshalb war unser Verhältnis ziemlich herzlich und Tristan hatte einen passenden Mann für Heti gefunden, der ihr Lächeln ebenso schätzte wie wir, denn ihr vorheriger Mann hatte sie nur ausgenutzt und sie verachtet.
Ihre Schwäche für Tristan behielt sie dennoch.
Also kam Heti in unser Wohnzimmer mit ihrem Sonnenlächeln, mit etwas Thunfisch für Miyu, die sofort aufsprang und um Hetis Beine strich, mit dem Ausruf: "Guten Morgen. Raus aus der Wohnung, draußen ist es wunderbares Wetter für einen Spaziergang. Ich muss jetzt arbeiten.“
Isis nickte Heti beistimmend zu. Frauen – eine verschworene Gemeinschaft! Ich wusste, dass unserer Haushaltshilfe ernst war.
"Wir können nicht, Heti“, begann ich, "denn diese junge Frau wird gesucht und kann im Moment die Wohnung nicht verlassen.“
Heti stemmte die Arme in die Hüften und sah uns streng an. "Was habt ihr wieder angestellt?“
"Gar nichts!“, verteidigte ich mich bevor ich erkannte, dass Heti schon wieder grinste.
"Dann kommt mir wenigstens nicht in die Quere und geht in die Bibliothek“, maulte sie, aber mit einem schelmischen Funkeln in den Augen.
Tristan und ich wussten, dass Widerstand zwecklos war. Wir gingen schon vor, während Isis noch kurz mit Heti klönte.
"Eine Bibliothek, wie nobel“, stellte Sidonie ziemlich sarkastisch fest. Ich schluckte. Natürlich war ich daran gewöhnt, dass ein Ort, an dem ich wohnte, viel Platz und so etwas wie eine Bibliothek besaß, aber für die meisten Menschen war diese Ausstattung weniger normal.
Unsere Bibliothek war auch nicht sehr groß. Tristan bewahrte darin seine Bücher über übersinnliche Phänomene auf und alles, was er an alten Papieren besaß. Ich hatte jede Menge Bücher über Marketingstrategien, Betriebskultur, die Zukunft der Kommunikation und Betriebswirtschaft darin stehen, die meisten veraltet.
Sie erinnerten mich an ein anderes Leben, eines, das mein Vater für mich vorgesehen hatte.
In der Bibliothek stürzte sich Sidonie gleich auf die wirklich alten Schriftstücke, die dort, sorgsamst aufbewahrt, in einem Glaskasten lagen. "Das ist ja der Wahnsinn. Wie alt sind denn die?“, keuchte sie erstaunt.
Sofort war Isis, wie aus dem Nichts, an ihrer Seite und erzählte ihr etwas über Fundort, Alter und Bedeutung der Schriftstücke. Dann berichtete sie über die Expedition, was für Probleme und Gefahren sich bei den Ausgrabungsarbeiten ergeben hatten und wie oft sie ohne Strom im Dunkeln gestanden hatten. Ich musste lächeln, denn wenn man Tristan an einem gesprächigen Tag erwischte, konnte er genauso faszinierende Abenteuer zum Besten geben. Archäologenblut hatte sein Großvater das immer genannt, in dessen Venen es genauso geflossen war. Kein Wunder, dass ich als Kind von der Familie Tellanvor gefesselt gewesen war.
"Yan, du solltest noch einmal zum Krankenhaus fahren und versuchen, diesen Italiener zu sehen. Ich möchte wissen, wie wach er ist und ob er soweit ist, seine Kräfte wieder zu benutzen. Ich habe immer noch den Verdacht, dass hier noch irgend etwas anderes vorgeht. Ich denke, er ist nur eine Marionette, aber ich kann nicht sagen für wen. Würdest du fahren?, wisperte mir Tristan zu, der merkte, dass uns keine Aufmerksamkeit gezollt wurde.
Natürlich nickte ich. Tristans Blick ruhte auf meiner Hand und ich bemerkte, dass ich immer noch den Ring seiner Familie trug. "Willst du ihn zurück?“, fragte ich leise.
"Nein. Ich werde St.Clair bitten, dich ein wenig zu begleiten, vielleicht sieht er mehr als du....“
"Ich dachte, er solle sich aus unseren Ermittlungen heraushalten.“
Tristan antwortete nicht, sondern starrte ins Leere. Ich seufzte.
Eigentlich wunderte es mich, dass ich bis jetzt noch überhaupt mit ihm redete, denn viel Sinn machte es nie. Tristan verstand es seine Geheimnisse für sich zu behalten, ebenso verstand er es, sich so zu verschließen, dass nicht einmal der beste Gedankenleser erraten konnte, was auch nur an der Oberflächen seines Geistes vor sich ging.
Tristan grinste plötzlich.
"Es ist halt so, dass ich als Profi nicht all meine Tricks verraten möchte“, lachte er, denn er hatte selbstverständlich mitgekriegt, was ich mal wieder gedacht hatte.
Ich verließ die Bibliothek und ebenso die Wohnung - vielleicht wollte mich Tris ja auch nur loswerden? - dann stieg ich in meinen Wagen und brauste zum Krankenhaus.
Vor dem Zimmer, in dem Italiener lag, hielt ich an. Es war nicht mehr von Polizisten bewacht, was mich verwunderte. Ich klopfte an und trat ein. Das Bett war leer, ein Pfleger brachte gerade neue EKG-Kabel an.
"Entschuldigen Sie, wo ist der Mann, der hier gelegen hat? Ist er etwa gestorben?“, fragte ich den Mann.
Der sah mich erstaunt an und schüttelte den Kopf. "Sind Se mit ihm verwandt?“, fragte er dann und ich verneinte, aber erklärte ihm dann, dass ich derjenige sei, der den Italiener gefunden und die Feuerwehr verständigt hätte.
Der Pfleger verstand und sagte: "Er is von seenem großen Bruder in een Spezialkrankenhaus transportiert worden. Wir haben auch keene Ahnung, wo das genau sein soll, auf jeden Fall soll es irjendwo in Saudi-Arabien sein. Dort wird er wohl denn den Rest seiner Tage liejen.“
"Das klingt, als ob er sterben müsste...., überlegte ich laut.
"Nee, der hatte sich jut erholt über Nacht. Hätte bald entlassen werden können...“
Nun fragte ich mich, ob wir von dem gleichen Mann sprachen. Von einem Mann, der von einigen Holz- und Metallstäben durchbohrt gewesen war, der viel Blut verloren hatte und dem es richtig schlecht ging. "Reden wir hier beide von einem italienischen Mann?“, erkundigte ich mich.
Der Pfleger beschrieb ihn mir und es war eindeutig der gespießte Italiener. Danach musste er weg und ich kehrte auf den Flur zurück. Ich setzte mich auf eine der Bänke auf dem Flur und starrte in den Gang.
Auf einer anderen Bank, mir schräg gegenüber, saß ein kleines Mädchen, vielleicht neun Jahre alt, das seinerseits mich anstarrte. Es hatte schöne, türkise Augen, die mich eindringlich musterten. Ich grinste ihm müde und erschöpft zu; es lächelte schüchtern zurück.
Wenigstens ein nettes Erlebnis, dachte ich und raffte mich auf, um nach Hause zu fahren. Eins stand fest, ebenso wie Tristan hatte auch ich das Gefühl, das an dieser ganzen Geschichte irgend etwas nicht stimmte.
Das Mädchen beobachtete mich, wie ich dem Ausgang zustrebte und ich winkte ihr zu. Scheu sah sie auf den Boden und errötete leicht. Wenigstens war ich noch für solche Damen attraktiv.
Während ich nach Hause fuhr, begann ich über die Verletzungen des Italieners nachzudenken.
Wie konnte man einen Mann in seinem Zustand verlegen? Vielleicht war auf dem Weg nach Saudi-Arabien verstorben? Wer war dieser große Bruder, der diese Verlegung veranlasst hatte? Warum Saudi-Arabien?
Beinahe hätte ich eine rote Ampel überfahren, während ich diesen Gedanken nachhing.
Bestürzt trat ich auf die Bremse. Quietschend hielt der Wagen an und ich schluckte. Einige Fußgänger sahen mich erbost an und ich lächelte entschuldigend.
In diesen drei Tagen hatte ich mich ziemlich oft in eine Gedankenwelt zurückgezogen. Vielleicht war ich ja auch nur überarbeitet und brauchte dringend Urlaub? Einen Urlaub weit weg von parapsychologischen Erscheinungen. Weit weg von Menschen, die von Stäben durchbohrt waren. Weit weg von meinen Eltern und ihrem Geld. Weit weg von Tristan!
Die Ampel sprang um auf grün und ich fuhr wieder los.
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