Unheimlicher Gefährte - Teil 1
Als es mitten in der Nacht an unserer Tür klingelte, hoffte ich sehr, dass es eine hübsche Frau war; allen anderen Menschen durfte ich nicht erlauben, so etwas zu tun.
Gähnend, nur in T-Shirt und Boxershorts, ging ich zur Tür und öffnete.
Die junge Frau, die hereinkam, war beileibe kein Fotomodell, dennoch war sie hübsch genug um die nächtliche Störung zu entschuldigen.
"Bitte, verzeihen Sie, dass ich so spät noch störe. Ich suche jemanden, der Tristan Tellanvor heißt. Ich muss ihn sehr dringend sprechen!“, brach es aus ihr hervor.
"Weshalb wünschen Sie mich zu sprechen, Fr. Weis?“, erklang Tristans sanfte, dunkle Stimme in einem freundlichen Ton. Er stand vor der Tür zu seinem Bereich der Wohnung und sah nicht so aus, als ob ihn der nächtliche Besuch besonders überrascht hätte, denn der war vollständig bekleidet und zeigte keinerlei Schlaftrunkenheit. "Ich bin Tristan Tellanvor.“
Zu seinen Füßen hockte Miyu, seine goldene Katze und sah zufrieden aus.
Die junge Frau riss erstaunt die Augen auf. "Woher kennen Sie meinen Namen?“
Tristan lächelte beruhigend, magisch und ich gähnte schamlos hinter ihrem Rücken. Ich war in keiner Weise auf den Besuch vorbereitet gewesen und natürlich hatte Tris mir einmal wieder nichts davon erzählt. Ich merkte, wie mein Schlafbedürfnis kurzzeitig übermächtig wurde, doch dann hörte ich Tristans Stimme und riss mich zusammen. "Ich erkläre Ihnen das alles später. Wollen Sie sich vielleicht setzen? Ich glaube, eine Tasse Tee würde Ihnen gut tun!“ Einladend deutete er auf unseren 'Geschäftsraum', wo er die junge Frau auf einen der geschmackvollen Sessel setzte. Sie schien beinahe willenlos, dabei sahen ihre großen Augen ihn irgendwie misstrauisch an.
Tristans Blick fiel auf mich, auf diese Art zeigte er mir, dass ich nun in die Küche verschwinden und einen Tee kochen sollte. Ich nickte müde und gehorchte brav.
Die Zeit zwischen Wasser aufsetzen und Tee aufgießen gab mir auch die Gelegenheit, mir eine Jeans anzuziehen. Mein Blick fiel auf die Uhr in der Küche. Es war 3.42 Uhr. In der Nacht! Die beste Zeit im tiefsten Schlaf zu verweilen. Mit diesem Gedanken beschäftigt, stellte ich drei Tassen, Tee, Milch und Zucker auf ein Tablett und balancierte dieses in den Raum, in dem sich Tristan mit unserer neuen Klientin unterhielt. Das war gar nicht so einfach.
Als ich den Raum betrat, bot sich mir das übliche Bild. Die junge Frau wurde von Tristan beobachtet, während sie ihm ihre Probleme schilderte. Sie wirkte sehr viel zuversichtlicher als beim Betreten des Raumes, dennoch waren ihre Gesten bescheiden und sie selber noch sehr befangen, als ob sie sich fragte, auf welche Dummheit sie sich mit uns eingelassen hätte. Ich wusste, dass Tristan sich nicht nur die Geschichte anhörte, sondern gleichzeitig auch damit verbundene Assoziationen empfing, Wenn er Lust gehabt hätte, hätte er in ihren Gedanken einen ausgedehnten Spaziergang machen können, doch meist blieb er erst einmal an der Oberfläche.
Sobald ich an den Tisch in der Mitte trat, wandte mir Tristan den Kopf zu und lächelte.
"Danke, Yan. Möchten Sie vielleicht einen Tee, Fr. Weis?“, erkundigt er sich bei ihr. Sie schien dankbar für die Ablenkung zu sein und nickte.
"Ja, gerne. Bitte mit zwei Stück Zucker“, antwortete sie. So klein und ängstlich wie auf dem Flur war ihre Stimme nicht mehr. Sie klang jetzt voller und ein wenig traurig, also ganz und gar zu ihrer Person passend.
Ich reichte ihr die Tasse und sie warf mir einen dankbaren Blick aus ihren tiefblauen Augen zu. Tristan verzog höhnisch den Mund. Natürlich konnte er auch in mir lesen. Also dachte ich: Sie gefällt mir halt! und Tristan schüttelte kaum merklich den Kopf.
"Das ist mein Partner Yannik von Falkenberg“, stellte Tristan mich vor. Dann reichte ich ihm auch einen Tee. Ich mochte noch nie gerne Tee, also setzte ich mich einfach dazu.
"Fahren Sie fort, Fr Weis“, bat Tristan und sie nickte.
"Ich rief also bei ihr an, doch es meldete sich nur der Anrufbeantworter. Den ganzen nächsten Tag versuchte ich sie bei ihren Freunden zu erreichen. Doch keiner von ihnen hatte etwas von Alex gehört“, berichtete sie und ihre Augen wirkten gequält.
"Haben Sie es bei ihren Eltern versucht?“, erkundigte sich Tristan, betont neutral.
Ihr Kopf schnellte blitzartig hoch, ihre Augen waren trocken und ihr Gesicht war bleich. "Die sind tot. Schon seit vielen Jahren. Wir sind bei unseren Großeltern aufgewachsen. Dort war sie nicht!!“ Ihre heftige Reaktion wunderte mich nicht. Tristan war in ein Fettnäpfchen getreten. Doch bei ihm beobachtete ich, wie seine Augen zu goldenen Schlitzen wurden
"Verzeihen Sie mir, das war dumm“, entschuldigte er sich.
"Schon gut, Sie konnten das ja nicht ahnen...“ beschwichtigte sie. Da war ich mir nicht sicher, ob er es nicht doch geahnt hatte.
Sie seufzte sehr tief und berichtete weiter. "Abends rief ich noch einmal bei Alex an und als der Anrufbeantworter ansprang, war statt ihrer Stimme, die Stimme dieses grässlichen Mannes drauf. Er hätte Alex entführt, behauptete er. Wenn ich sie wiedersehen wollte, sollt ich morgen zu einem Ort kommen, allein.“
Ich fand es an der Zeit, dass ich auch mal etwas sagen sollte. "Will er Geld? Was für Forderungen hat er an sie gerichtet?“
Sie begann zu weinen. “Das ist ja das Seltsame. Er hat überhaupt nichts verlangt, außer das ich komme.“
Tristan nickte. "Woher kennt dieser Mann Sie?“
"Ich habe ihn einmal getroffen, da war er zusammen mit Alex in meinem Laden. Er hatte irgendeinen italienischen Namen. Er war groß und irgendwie hatte ich Angst vor ihm“, stammelte sie. "Werden Sie mir helfen, Hr. Tellanvor?“
Tristan erhob sich und ging auf das Gemälde seines Vaters zu, das an der Wand hing. Kurz blickte er hinauf, als wolle er sich von seinem Vater einen Rat holen. "Eigentlich sind wir für Entführungen nicht zuständig, Fr. Weis“, begann er und mir wurde so eiskalt, wie der Ton seiner Stimme war. Was sollte das denn jetzt schon wieder?
"Die Polizei ist für solche Fälle zuständig.“
"Wenn Sie es sagen...“, hörte ich die kleinlaute Stimme von der jungen Frau.
"Tris...“, begann ich vorwurfsvoll, doch dann kreuzte sein Blick den meinen und ich verstummte.
"Es gibt bei der Polizei Experten, die sich um Lösegeld und alles kümmern würden“, fuhr er fort. Ich fühlte mich von Tristans Verhalten angewidert. Warum machte er erst einen auf Mr. Niceguy und dann auf unnahbar?
Die junge Frau schien alles mit trauriger Verlassenheit hinzunehmen.
"Oder erzählen Sie das alles nur um mich zu testen? Wollen Sie herausfinden, ob die Behauptungen über mich wahr sind? Da muss ich sie enttäuschen, das haben schon andere versucht und es ist ihnen nicht gelungen!“ Tristan stand nun wieder vor ihr und sein Blick war sehr provozierend.
"Ich wollte nichts von alldem. Ich habe nur gehofft, dass Sie mir helfen könnten. Aber anscheinend habe ich mich getäuscht. Es tut mir leid, dass ich Sie mitten in der Nacht gestört habe.“ Ihr Ton war weiterhin sehr mitleiderregend. "Ich gehe jetzt besser...“
Sie erhob sich und ich warf Tristan einen vernichtenden Blick über die Schulter zu, während ich sie hinaus begleitete. Tristan hob plötzlich die Hand und warf mir etwas zu. Erschrocken, aber mit guten Reflexen ausgestattet, fing ich das Etwas auf: Es war Tristans Siegelring. Ein Erbstück seiner Familie und ein Geschenk seines Vaters. Dieser Ring gestattete es Tristan oder St.Clair, seinem Vater, immer mit der Person, die ihn trug, in Kontakt zu bleiben.
Schnell eilte ich der jungen Frau hinterher. "Entschuldigen Sie Tristans Verhalten. Vielleicht lag es ja an der nächtlichen Stunde, dass er so schlecht gelaunt war, bat ich sie für meinen Freund um Verzeihung.
"Ja, vielleicht", murmelte sie, noch unglücklicher als zuvor.
"Passen Sie auf, ich gebe Ihnen diesen Ring, der wird Sie beschützen.“ Ich hielt ihr den Ring entgegen.
"Wie soll mich ein Ring denn beschützen können?“ entgegnete sie skeptisch, was ich ihr nicht verdenken konnte.
"Na ja, er kann auf jeden Fall nicht schaden“, wandte ich mit einem kecken Grinsen ein, "Und irgend etwas möchte ich für Sie tun.“
"Das ist nett. Dann trage ich den Ring“, sie lächelte mich an, dieses Lächeln zog meinen Blick automatisch auf ihre sinnlichen Lippen. Ich schluckte schnell und sagte: "Viel Glück bei der Polizei. Hoffentlich geht es ihrer Schwester gut.“
Sie nickte kurz und verließ unsere Etage.
"Was sollte denn das ?!?“ schnauzte ich Tristan an, nachdem ich in den Raum zurückgekehrt war. Er lehnte an dem Türrahmen zu seinem Büro, die Arme vor der Brust verschränkt, und würdigte mich keines Blickes. Daran war ich ja gewöhnt.
"Ich wollte sie testen! Ich glaube, ich weiß worauf der Entführer ihrer Schwester aus ist, ich weiß nur nicht warum.... Und mir ist unklar, wie er es erkennen konnte...“, murmelte er.
Das war schon viel. Erklärungen musste ich ihm immer aus der Nase ziehen. "Was meinst du, Tris?“
Er schenkte mir einen kühlen Seitenblick. "Hat sie den Ring genommen?“
"Ja.“
"Sehr gut. Yan, jemand ist hinter ihr her, weil er ihre Kräfte erkannt hat“, erklärte er kurz.
"Was denn für Kräfte?“
Ich erinnerte mich sehr gut an all die Leute, die uns schon ihre Kräfte vorgeführt hatten: Löffel verbiegen, Radios aus der Entfernung anstellen, Gedanken lesen, entweder die von mir oder die von Tris – was sie sofort zu Schwindlern abstempelte, denn niemand konnte auch nur den kleinsten Gedanken von Tris lesen. Leute, die mit angeblich hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet waren und die Zukunft vorhersagen wollten. Viele Spinner hatten diesen Raum betreten in den letzten Jahren und nahezu alle von ihnen waren ernüchtert wieder gegangen. Anders schien das nun mit dieser jungen Frau zu sein.
"Was hat sie denn für Kräfte, Tris?“, fragte ich noch einmal, als er mir nicht antwortete.
"Mir scheint, dass sie sich selbst dieser Kräfte nicht bewusst ist, deshalb wollte ich sie provozieren und sie aus ihrer Reserve locken. Doch es gelang mir nicht. Ihre Kräfte sind sehr gut abgekapselt und tief in ihr verborgen.“ Er verließ seine supercoole Position und kam auf mich zu, dabei lächelte er fies. "Außerdem haben diese Kräfte mit dem Tod ihrer Eltern zu tun...“
"Du meinst, der Entführer ihrer Schwester, ich nehme einfach mal an, dass diese Alex ihre Schwester ist, ist eigentlich auf ihre Kräfte aus? Und mit eben diesen Kräften hat sie einst ihre eigenen Eltern umgebracht?“ So versuchte ich die ganze Geschichte für mich verständlich zu machen.
"Ja. Wir werden sehen, warum jemand solch zerstörerische Kräfte mit einer Entführung für sich gewinnen will. Und wir werden sehen, warum er Alex entführt hat, statt sich gleich Fr. Weis zu schnappen.“ Tristan seufzte. "Da ist etwas im Gange, Yan. Etwas Großes. Ich spüre es.“ Er sah irgendwie traurig aus und mir lief eine Gänsehaut den Rücken hinunter. Wenn Tris spürte, dass etwas im Gange war, dann war es auch so. Nichts Gutes nach seinem Gesicht zu urteilen.
"Woher weißt du das, Tris?“
"Schlaf gut, Yan“, sagte er nur, statt mir zu antworten. Er lächelte mir freundlich, beinahe mitleidig zu. Man konnte nie voraussehen, was Tristan als nächstes für eine Laune an den Tag legen würde.
"Gute Nacht, Tris“, antwortete ich automatisch. Innerlich verspürte ich Lust, ihn zu schlagen. Wieder einmal ließ er mich in der Ungewissheit stehen, ohne auch nur einen Bruchteil der Antworten. Wieder einmal setzte er seine Undurchschaubarkeit als Waffe ein und verletzte mich damit.
Mir war ja bewusst, dass er es nicht so meinte, das hatte er mir immer wieder versichert. Er vergaß eben immer wieder, dass ich seine Fähigkeiten nicht teilte.
Etwas verwirrt und zutiefst beunruhigt ging ich zu Bett.
Ich träumte wirr.
Immer wieder schrie Tristan mit seiner Jungenstimme: "Das ist nicht wahr - Nein!", und als ich ihn zu sehen bekam, war er erst acht Jahre alt.
"Was hast du denn, Tristan?“, fragte ich ihn, einen Moment ein Erwachsener von 1,93m Körpergröße, im nächsten Moment nur ein paar Zentimeter größer als der achtjährige Tristan.
"Was ist denn los?“ fragte ich dann, ebenfalls mit meiner Jungenstimme. Ich schaut mich um. Die Welt hatte eine andere Perspektive. Die Zäune waren hoch und die Erwachsenen groß. Vierzehn Jahre alt zu sein, kam mir vor, als wäre das schon das Rentenalter. Ich rannte in die Richtung, aus der ich Tristans Stimme hörte. Als ich ihn fand, erstarrte ich, glotzte ungläubig und voller Entsetzen auf den Grund seines Geschreis. Ein Mädchen, also eigentlich nichts besonderes. Nur hing dieses mit einem Seil um den Hals von einem Balken auf dem Dachboden unserer Schule. Ihr Gesicht war blau, ihre Zunge hing heraus und ihre Augen waren verdreht. Ich fing an zu schreien.
Schweißgebadet erwachte ich und richtete mich auf. Sie war meine erste Tote gewesen. Danach hatte ich einige, schlimmer zugerichtete gesehen, doch dieses Mädchen blieb mir am intensivsten in Gedächtnis.
Ihre langen blonden Haare glänzten so schön und so lebendig, und doch sie war tot. Tristans achtjährige Stimme schrie noch immer im meinem Hinterkopf: "Warum? Warum?!?“ und das, obwohl ich inzwischen einigermaßen wach war. Ich kratzte mir den Kopf, in der Hoffnung, die Stimme würde dadurch verschwinden, da öffnete sich die Tür und Tristan trat ein.
"Hast du schlecht geträumt, Yan?“, fragte er mit seiner freundlichen Stimme, die häufig trügerisch war.
Ich lächelte schal. Natürlich hatte er gespürt, dass ich einen fiesen Traum hatte.
"Ja und du kamst sogar darin vor“, antwortete ich tonlos.
Seine bernsteinfarbenen Augen leuchteten freundschaftlich, als er sich zu mir auf die Bettkante setzte. "Es tut mir leid, wie ich gestern Nacht mit dieser jungen Frau umgegangen bin. Ich war so fasziniert von diesen Kräften, die in ihr schlummern, dass ich sie unbedingt provozieren wollte.“
"Hast du nicht gesagt, ihre Kräfte wären so zerstörerisch, oder irre ich mich? Wenn du es geschafft hättest, wäre ich jetzt ein Grillhähnchen oder so etwas?“
Tristan lachte; das tat er nicht sehr häufig. "Nein, das wärst du nicht. Ihre Kräfte sind zwar groß, aber da sie diese nicht kontrollieren kann, hätte ich sie leicht in eine andere Richtung lenken können.“ Tristans Kräfte waren immer ein Geheimnis für mich. Er sprach nicht gerne darüber. Es war auch sehr schwer für ihn, mir zu beschreiben, was genau er tat.
In diesem Moment vermittelte er mir ein recht genaues Bild von seiner Macht. Wenn dieses junge Frau tatsächlich ihre Eltern mit ihren Kräften getötet hatte und Tristan diese Kräfte so einfach umleiten konnte... Mich fror ganz plötzlich. Der junge Mann auf meiner Bettkante erschien mir sehr fremd und furchteinflößend.
Der Teekessel pfiff in der Küche und Tristan stand auf: "Es ist auch Kaffee für dich da. Komm frühstücken, Yannik“, lud er mich ein und ich konnte nur Nicken, denn meine Stimme versagte vor lauter Furcht.
Ich zog nur meinen Paisley-Morgenmantel – ein Geschenk meiner Mutter – an und ging in die Küche. Auf dem Tisch war alles für ein typisches Tristan-und-Yannik-Frühstück vorbereitet: Obst und Müsli und schließlich irgend etwas total ungesundes. Heute gab es süße Brötchen und Gelee.
Tristan schenkte mir Kaffee ein und ich versuchte, die Gedanken an seine gewaltigen Kräfte zu verscheuchen. Ich teilte mir mit diesem Mann immerhin eine Wohnung, auch wenn es eine große war. Es konnte nicht sein, dass ich nach zwanzig Jahren Angst vor meinem besten Freund bekam.
Ich aß eines der süßen Brötchen, während Tristan seinen Tee trank. Keiner von uns sprach ein Wort. Für Tristan waren Worte sowieso unnötig, er konnte ja meine Gedanken lesen. Anscheinend tat er es aber gerade nicht.
"Was meintest du gestern, als du gesagt hast, dass hinter dieser ganzen Entführungsgeschichte etwas Größeres stecke?“, fragte ich in die Stille.
Tristans Tasse hielt auf halbem Weg zu seinem Mund inne. Er stellte die Tasse ab und musterte mich. Von Tristan gemustert zu werden ist ein wenig so, als ob ein Greifvogel eine Maus mustert. Man fühlt sich klein und wehrlos.
"Ich habe das Gefühl, dass irgend jemand versucht die Welt zu ändern...“, begann er zögernd.
"Versuchen wir das nicht alle, Tris? Wir versuchen es, aber es nützt nichts. Vielleicht ist es ja nur die allgemeine Stimmung, die du da spürst“, wandte ich ein. Die Welt verändern. Das klang nach Greenpeace, nicht nach Gruseln und Gefahr.
"Vielleicht...“, gab Tristan unsicher zu, dann lächelte er plötzlich und schien erleichtert. "Manchmal bin ich wirklich froh, dass nur einer von uns mit dem Kopf in anderen Welten steckt, und nicht wir alle beide, Yan. Wenn du nicht alles von einem ganz anderen Standpunkt aus betrachten würdest, wäre ich schon lange paranoid geworden.“
"Das bist du doch schon lange...“ scherzte ich, obwohl mir nicht nach Lachen zumute war. Es war eine Kunst, sich nicht verfolgt zu fühlen, wenn die Gedanken der ganzen Welt in einen eindrangen. Tristan hatte mir erzählt, er hätte sich mit der Zeit so eine Art seelischen Schutzschildes zugelegt. Manche Umstände zerstörten diesen Schild, zum Beispiel Kaffee, Drogen oder Alkohol. Manchmal auch Sex. Dennoch waren die Gedanken der Menschen wie ein leise gestelltes Radio. Wenn alles ruhig war, vernahm er die Gedanken wieder. Ich wusste, das ich niemals mit Tristan tauschen wollte, auch wenn ich ihn so manches Mal um seine Kräfte beneidet hatte.
Tristan kicherte leise. Auch das bekam kein Mensch außer meiner Person zu hören. Doch, Isis kannte dieses leise Geräusch auch.
"Wahrscheinlich hast du recht“, gab er gutgelaunt zu, dass er seelisch nicht ganz gesund war.
"Wirst du dieser Frau wirklich nicht helfen, wenn du vermutest, dass da sowieso noch viel mehr als nur eine Entführung dahinter steckt?“, fragte ich dann, "Weshalb wolltest du, dass ich ihr den Ring gebe?“
"Ich will ihr helfen, das stimmt. Außerdem könnten ihre Kräfte gefährlich sein, sie könnte Menschen damit verletzen oder sogar töten. Deshalb der Ring. Ich will herausfinden, wo sich Fr. Weis mit dem Entführer trifft.“
"Wo ist sie im Moment?“ fragte ich, erfreut, dass Tristan sich doch dazu entschlossen hatte, der hübschen Frau mit den traurigen Augen zu helfen.
"Anscheinend ist sie zu Hause. Sie ist unruhig. Wenn ich ihre wirren Gedanken richtig deute, dann wird sie sich abends mit dem Entführer in ihrem Laden treffen.“ Tristans Augen glitten aus der Realität in eine metaphysische Welt, die für mich für immer verschlossen bleiben würde.
"Laden? Was denn für ein Laden?“ fragte ich.
Die Realität kehrte in Tristans Augen zurück. "Ach, das habe ich die noch gar nicht erzählt?“
"Nein“, grummelte ich, "Du erzählst mir ja nie etwas!“
"Äh... Also sie hat einen Laden , der Windfänger heißt. Der Laden ist wohl recht einträglich, deswegen wunderte sie sich ja auch, warum der Entführer kein Geld wollte.“
"Was ist das für ein Laden?“
"Sie verkauft alles für Fallschirmspringer, außerdem Drachen und Windspiele.“
Von Außen betrachtet wirkte der Laden sehr bunt. Im Schaufenster hingen Lenkdrachen und regenbogenfarbene Windspiele. Anzeigen für Lehrgänge im Fallschirmspringen füllten die Glastür, deren Klinke Tristan in der Hand hielt.
Hätte Tristan nicht beschlossen, dass er seine Kräfte einsetzen wollte, um Menschen zu helfen, dann hätte er der beste Einbrecher der Welt werden können. Seine Kräfte schalteten jede Alarmanlage aus und öffneten jedes Schloss auf der Welt.
Also sah Tristan noch nicht einmal hin, während das Schloss brav klickte und knackte, wie er es wollte. "Komm schon, Yan! Die Auslagen kannst du dir ein anderes Mal anschauen!“, flüsterte Tristan ärgerlich, während er den Laden betrat.
Schnell und möglichst unauffällig folgte ich ihm, und nachdem ich die Tür geschlossen hatte, verriegelte sie Tris wieder. Tristan zog mich hinter einen Kleiderständer mit Sprunganzügen und drückte mich nach unten.
Das konnte nur bedeuten, dass es wohl gleich rund gehen würde. Na prima.
Ich war schon lange nicht mehr so aufgeregt wie bei unseren ersten Fällen. Ich beobachtete nur den Verkaufsraum von meiner Position aus, obwohl ich nicht sonderlich viel erkennen konnte
Nach einigen Minuten konnte ich das mir bereits bekannte Klicken der Tür hören, die kleine Glocke darüber bimmelte aufgeregt und sah, wie eine unglaublich nervöse Fr. Weis den Raum betrat. Kaum zu glauben, aber Tristan hatte sogar diese kleine Glocke ruhig gehalten. Die junge Frau tat mir Leid. Ich kannte nicht einmal ihren Vornamen, fiel mir ein. Tristan neben mir schüttelte nur ein wenig den Kopf. Ich sah ihn an. Sein Blick schien zu sagen "Kannst du an nichts anderes denken?“ und ich hob entschuldigend die Schultern.
Als ich meinen Blick wieder auf sie richtete, bemerkte ich, dass sie ganz unbewusst mit Tristans Ring spielte. Er passte ihr ebenso haargenau, wie allen anderen Menschen, denen Tristan diesen Ring schon gegeben hatte. Dieser Ring war dennoch nur halb so geheimnisvoll wie Tristan selbst und seine gesamte Familie.
Die goldenen Augen meines Partners verengten sich kurz – also Zeit für Action. Meine Muskeln spannten sich, was sehr unbequem war, während ich auf dem Boden zusammengekauert hockte. Tristan hob beschwichtigend die Hand.
Also, was denn nun?, dachte ich und ich wollte das Tristan diesen Gedanken hörte. Verstört sah mich Tristan kurz an und legte den Finger auf die Lippen. Gesagt hatte ich kein einziges Wort. Wollte er nun, dass ich meine Gedanken leiser drehte? Wie sollte ich das denn anstellen?
Dann begriff ich. Wahrscheinlich vermutete Tris, dass der Entführer ebenfalls Gedanken lesen konnte. Tristan nickte zustimmend und ich schloss die Augen. Konzentrierte mich auf das Atmen. Mit jedem Ausatmen ließ ich meine Gedanken hinaus fließen. Nun sollte eigentlich nichts Erkennbares mehr in meinem Kopf sein.
Die Tür öffnete sich, die Glocke bimmelte und ich vergaß meine Gedankenleere. Ich wandte mich dem Geschehen im Verkaufsraum zu.
Der Mann, den sie als Italiener beschrieben hatte, sah auch wie ein Italiener aus. Er war nicht sehr groß, hatte breite Schultern, eine schmale Taille und schwarze Haare. Er stand mit den Rücken zu uns, so dass ich nicht von seinem Gesicht erkennen konnte. Einen italienischen Akzent hatte er nicht.
"Guten Abend, Sidonie“, begrüßte er sie lässig. Aha, jetzt kannte ich ihren Vornamen.
Und Sidonie war wütend.
"Wo ist meine Schwester? Was haben Sie mit ihr gemacht?“ fragte sie, mit nur mühsam unterdrücktem Zorn in ihrer Stimme.
"Beruhigen Sie sich, Alexandra geht es gut. Sie wird freigelassen, wenn Sie unsere Forderungen erfüllen.“
"Wenn Sie Geld wollen, Sie können alles haben, was ich besitze, auch den Laden hier.“ Sidonie zeigte um sich und wartete auf eine Zustimmung seinerseits. Doch er lachte nur.
"Wir wollen bestimmt kein Geld, liebste Sidonie.“
Ich zog die Augenbrauen zusammen. Liebste Sidonie? Hatte sie nicht behauptet, sie kenne diesen italienischen Kerl kaum?
Tristan legte eine Hand auf meine Schulter und schüttelte den Kopf. Ich sollte also ruhig bleiben. Na schön, ich würde es wenigstens versuchen.
"Was...“, hauchte sie, dann riss sie sich zusammen. "Was wollen Sie denn sonst?“
"Wir wollen Sie, verstehen Sie? Wir wollen, dass Sie unserem kleinen, exklusiven Club beitreten. Sie sollen sich nur erinnern, was Sie damals taten, als Sie vierzehn Jahre alt waren. Dann dürfen Sie wieder gehen. Das ist wirklich alles, was wir von ihnen wollen", forderte er ruhig und bestimmt. Angst wandelte sich in reines Entsetzen auf Sidonies Gesicht und Tristans Augen weiteten sich.
"Nein, das kann ich nicht tun“, wisperte sie entsetzt.
"Dann werde Sie ihre Schwester stückweise zurückbekommen, Liebste“, gab der Italiener frech zurück.
Sidonies Pupillen weiteten sich unnatürlich, zur gleichen Zeit spürte ich von irgendwoher einen Luftzug an meiner Wange. Sogleich merkte ich, wie Tristan mich auf den Boden drückte, als plötzlich der Kleiderständer davon wirbelte, wie in einer Windhose. Ich hob den Kopf und versuchte zu erkennen, was vor sich ging: Im Laden schien ein Sturm zu toben, in dessen Zentrum sich der Italiener in der Luft wand.
Tristan ließ mich los und sprang auf.
"Tris...!“ rief ich, voller Angst um meinen Freund.
Doch er stand ganz ruhig, der Sturm zerrte an seinem langen Mantel, an seinen Haaren, doch er schien davon nicht beeindruckt.
Ich konnte beobachten, wie er langsam seine Hände zu Fäusten ballte und diese dann unter seinem Kinn kreuzte. Der Sturm wurde schwächer, ich konnte fast sehen, wie Tristan ihm die Kraft nahm. Langsam erhob ich mich. Eine letzte Böe traf mich und dann war es vorbei.
Sidonie brach zusammen und blieb mit geschlossenen Augen liegen. Ich lief zu ihr, während sich Tristan um den Italiener kümmerte. Sidonie atmete und schien in Ordnung, außer, dass sie nicht bei Bewusstsein war.
"Yan, komm her!“ rief Tristan mich leise. Jetzt erst nahm ich das Chaos um mich herum wahr, während ich zu Tristan ging. Der Laden war zerstört. Ich seufzte, dann kniete ich mich neben Tristan. Augenblicklich konnte ich erkennen, weshalb mein Partner so seltsam betroffen aussah. In der Brust, in den Armen und im Gesicht des Italieners steckten Drachenstäbe. Sie waren tief in das Fleisch eingedrungen. Irgendwo im Bauch hatte ihn auch eine metallene Windmühle durchbohrt, die wie eine Sonnenblume aussah.
Der Anblick dieses Mannes war grotesk und schrecklich zugleich. Blut sickerte aus den Wunden, an den Stäben vorbei. An manchen hingen noch bunte Fetzen von Drachenseide. Schrecken löste sich von mir mit einem tiefen Seufzer. Dieser Mann lebte aber wenigstens noch. Noch.
Ich zog aus meiner Lederjacke mein Handy und rief die Feuerwehr an, damit die uns einen Notarztwagen schickten.
"Bis der Wagen hier ist, schaffe ich lieber Fr. Weis hier weg“, erklärte mir Tristan. "Du erklärst das hier den Bullen als Einbruch, wenn die hierher kommen. Wir sehen uns nachher, Yan. Okay?“
"Klar, geh nur. Ich weiß zwar nicht, was ein Wirbelsturm in einem Drachenladen mit einem Einbruch zu tun hat, aber ich werde mir schon was einfallen lassen.“
Tristan schulterte Sidonie, wobei ich das Gefühl bekam, er würde gleich zerbrechen. Er nickte mir kurz zu und verschwand lautlos wie ein Geist.
Solche Sachen musste immer ich ausbaden. Na ja, was soll’s?
Natürlich kam die Polizei, wie Tristan es vorausgesehen hatte und fragte mich tausend Fragen, dann musste ich noch mit auf das Revier. Vorher konnte ich beobachten, wie der Italiener auf einer Bahre in den Notarztwagen geschoben wurde. Die Stäbe steckten noch in ihm, deswegen hatte die Decke sehr viele Beulen. Wäre das alles nicht so schrecklich gewesen, hätte ich darüber lachen müssen.
Nachdem ich volle drei Stunden auf der Wache gesessen und immer die gleichen Fragen beantwortet hatte, ließ man mich nach Hause. Tristan hatte nicht das Auto genommen, das wusste ich, also musste ich zurück zu Sidonies Laden und das Auto abholen.
Ziemlich erledigt kam ich zu Hause an.
Ich hatte mich immer gefragt, weshalb wir eigentlich ein Gästezimmer hatten, da doch nie jemand bei uns übernachtete. Tristan hatte kaum Freunde und meine Freunde hatten alle Angst vor ihm.
Nun wusste ich, dass Tristan es für Sidonie eingerichtet hatte. Ich hatte in seinen Räumen nachgeschaut und dort niemanden gefunden, als letztes sah ich in unserem Gästezimmer nach.
"Nun erfüllt dieses Zimmer wenigstens einen Zweck“, sagte ich müde statt einer Begrüßung. Tristan wusste ja schon lange, dass ich wieder da war.
Sidonie lag auf dem Bett und schien tief zu schlafen.
"Sie hat sich total verausgabt, als sie den Italiener mit den Stäben spickte“, erklärte mir Tristan, freiwillig. “Da sie ihre Kräfte nicht kontrollieren kann, kann sie auch nicht die Ausmaße eingrenzen. Gut, dass ich einen Schirm um den Laden projiziert hatte.“
"Ja, toll. Du bist ein richtiger Held, Tris. Ich geh jetzt schlafen, wenn du nichts dagegen hast“, murmelte ich, eher unwirsch.
Tris erhob sich aus dem Stuhl, auf dem er neben Sidonies Bett gesessen hatte. "Geh nur. Hab keine Angst, es wird nichts passieren, heute Nacht“, beruhigte er mich.
"Na, mir reicht auch das, was schon passiert ist“, erwiderte ich müde und schlich in mein Schlafzimmer und dort in mein Bett.
Keine Träume, an die ich mich erinnern könnte in der Nacht. Vielleicht hatte Tristan sie auch abgeschirmt, ich wusste es nicht genau. Als ich erwachte, fühlte ich mich frisch und dennoch immer noch geschockt von den Ereignissen des vorherigen Abends.
In der Küche wartete wieder ein Frühstück für mich. Ich setzte mich und harrte Tristans. Schließlich begann ich mir schon einmal einen Kaffee einzugießen. Unerwartet hatte ich wieder das Bild des gespickten Italieners vor Augen. Ich schluckte.
Dieser Mann hatte Sidonies Schwester entführt, er hatte sie erpresst, dafür hatte sie ihm Schmerzen zugefügt. Eigentlich geschah es ihm recht, dennoch konnte ich dieses Bild nicht als gerecht empfinden. Ich war wieder einmal gelähmt vor Entsetzen.
"Es war auch nicht gerecht, Yan, und es war dumm von ihr. Dieser Mann ist nur ein Handlanger. Der wahre Schuldige weiß nun, wie mächtig sie ist und er wird mit weiteren Drohungen versuchen, sie zu sich zu locken“, erklang Tristans Stimme aus der Richtung des Türrahmens. Er gähnte unverschämt weit.
Solch menschliche Gesten und Schwächen waren allein für unsere Gemeinschaft bestimmt. Ich wusste, dass Tristan in der Gesellschaft von anderen eher wie eine Statue oder eine ägyptische Gottheit wirkte, als wie ein Mensch. Er hatte sich dieses Verhalten angewöhnt, weil er Angst hatte, dass man ihn sonst Hänseln und Verletzen würde, so wie in seiner Kindheit.
Für mich schien Tristan schon geheimnisvoll genug, wie musste er dann erst auf andere wirken?
Er war groß und schien unglaublich zerbrechlich zu sein, da er sehr dünn war. Seine langen Gliedmaßen und seine sensiblen Finger bestärkten diesen Eindruck nur. Am auffälligsten waren seine bernsteinfarbenen Augen, die manchmal eher golden wirkten, zu anderen Gelegenheiten fast hellbraun erschienen. Sie standen etwas schräg in seinem schmalen, fein gezeichneten Gesicht. Er hatte lange goldbraune Wimpern und Haare in der gleichen Farbe, die aber meistens etwas wirr wirkten. Er trug sie zu Zeit ziemlich kurz.
Manchmal sagte mir jemand, er sähe aus wie ein Engel. Andere, zum Teil gläubige Christen, hatten mir versichert, er sei der Sohn des Teufels.
Auf jeden Fall wirkte er weniger wie ein Mensch, eher wie ein übernatürliches Wesen auf die meisten Menschen. So ganz an den Haaren herbeigezogen war das zwar nicht, aber soweit ich das beurteilen konnte, tat er so ziemlich das gleiche wie alle anderen Menschen, nur eben noch etwas mehr.
Nachdem er ausgiebig gegähnt und sich gestreckt hatte, setzte er sich mir gegenüber und goss sich Tee ein.
"Was macht unser Gast?“, erkundigte ich mich, ganz nebenbei, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, eine Frau mit riesigen übersinnlichen Kräften, welche sie definitiv nicht kontrollieren konnte, im Haus zu haben.
"Sie schläft“, antwortete Tristan schlicht.
"Was ist, wenn sie uns auch für Italiener hält?“, fragte ich, ein wenig überspitzt.
"Ich hab doch gesagt, das ist kein Problem. Sie ist zwar sehr stark, aber sie hat noch viel zu lernen. Jeder Schwächere mit völliger Kontrolle über seine Kräfte könnte sie besiegen.“
"Ich dachte, dieser Italiener hätte auch irgend welche Kräfte gehabt“, dachte ich laut, obwohl es für Tris im Grunde keinen Unterschied machte, ob ich laut oder leise dachte.
"Er war ziemlich schwach und völlig überrascht von ihrem Ausbruch.“ Tris sah mich an, als wollte er wissen, ob ich mit dieser Auskunft zufrieden sei.
"Hallo“, unterbrach uns eine weibliche Stimme, sehr schwach.
Ich erschrak, während Tristan – Mr. Coolness persönlich - sich nur lächelnd zu ihr umdrehte, "Guten Morgen“, sagte und ihr einen Platz an unserer trauten Tafel anbot. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir einen dritten Stuhl an unserem Tisch stehen hatten.
"Guten Morgen“, sagte sie zu mir und ich sah sie ziemlich misstrauisch an.
"Ich werde Sie nicht beißen“, versprach sie, aber ich war mir dessen aber nicht ganz sicher. Tristan stand auf und stellte Teller und eine Tasse vor sie hin.
"Kaffee oder Tee?“, fragte er und sie lächelte, weil sie so eine normale Frage wohl nicht erwartet hatte.
"Kaffee bitte“, antwortete sie und ich goss ihr ein, aber sah sie dennoch weiterhin skeptisch an.
"Erinnern Sie sich an gestern Abend?“, fragte ich, ganz unverblümt.
Tristan starrte mich kurz an. Wäre ich telepathisch veranlagt gewesen, hätte ich wahrscheinlich ein "Du Trampel!!“ Schrei gehört, doch meine übersinnlichen Fähigkeiten waren gleich null und so kriegte ich nur seinen Blick ab.
"Nicht mehr an viel. Ich weiß noch, wie dieser schreckliche Mensch sagte, ich würde meine Schwester in kleinen Stücken zurückbekommen, wenn ich nicht in ihren Club käme. Dann ist alles irgendwie verschwommen, plötzlich waren Sie da, Hr. Tellanvor und danach war alles Schwarz. Und heute bin ich hier. Was ist passiert?“ Ihre unschuldigen Augen sahen mich fragend an. Wie sollte ich das erklären? Ich hatte ja selbst nur die Hälfte mitgekriegt.
"Genauso ist es, du hast wirklich nur die Hälfte mitgekriegt. Würdest du diesen Teil unserer Arbeit bitte mir überlassen, Yan?“, meldete sich Tristans Stimme, ein wenig triumphierend. Dann setzte er sich hin und Sidonie sah ihn verwundet an. Er nahm ihren Blick mit seinem gefangen.
"Was tun Sie da?“, sie klang verwirrt. "Wer sind Sie?“, fragte sie dann, noch verwirrter.
Über die Telepathie schien er sie nicht erreichen zu können, also begann er laut zu sprechen.
"Was ist es, das sie da so tief in sich verbergen? Was wissen diese Leute über Sie, das Sie selbst nicht wissen. Oder besser, nicht wissen wollen?“ Seine leise Stimme wirkte hypnotisch. Ich fühlte mich bereit, ebenfalls zu erforschen, was ich nicht über mich wahrhaben wollte.
Sidonie stöhnte leise, als ob sie Schmerzen hätte.
Doch Tristans Blick kannte kein Erbarmen. Er ließ sie nicht gehen, sondern führte sie in die tiefsten Abgründe ihrer Selbst.
"Mama, Paps...“, stammelte sie und fiel Tristan in die Arme. Schluchzend, sich an ihn klammernd und wie ein Kind, Schutz bei ihm suchend.
"Ich wollte es nicht, nicht so. Es tut mir so leid. Ich wollte es nicht!“, schluchzte sie wieder und wieder. Tristan hielt sie in den Armen und ließ sie gewähren. Sie wurde leiser und leiser, bis es ganz still wurde. Irgendwie kam ich mir dämlich vor und stand auf um die Küche zu verlassen. Tristan griff meinen Ärmel und bat mich zu bleiben.
"Wieso?“, gab ich zurück und er zeigte auf Sidonie, die ihre Augen geschlossen hatte.
"Schläft sie schon wieder?“, fragte ich, etwas gereizt und Tristan seufzte, als er nickte. Ich legte ihren Arm um mich, hob sie hoch und trug sie in unseren Gästeraum – ganz wie ein Märchenprinz.
Tristan hatte sich an einer Teetasse festgeklammert und wirkte sehr blass und aufgelöst, als ich zurück in die Küche kam.
"Geht es dir gut, Tris?“, erkundigte ich mich.
Sein Blick schmetterte mich nieder. Soviel von dem, was er sonst vor der Welt und sogar vor mir verbarg, war in seinen Augen zu sehen.
"Anscheinend nicht...“, stellte ich sehr treffend fest. Hinter mir meldete sich unsere Katze Miyu, die wohl auch spürte, dass mit ihrem Herren und Meister etwas nicht stimmte. Vielleicht hatte sie auch Hunger?
"Sie hat Hunger“, äußerte Tristan. Er beobachtete mich, wie ich sie fütterte. Zwei paar goldene Augen, die mir zusahen, wie ich eine schlichte Dose Katzenfutter öffnete und in einen Napf kippte, an dessen Rand 'Alles für die Katz' stand.
Ich war froh, dass sich Tristan nicht auch noch über das Futter hermachte, wie Miyu es tat.
Er lächelte. "Ich mag kein Katzenfutter.“
"War ja nur so ein Gedanke“, brummte ich, halb amüsiert. Er erhob sich, doch sackte in den Knien zusammen. Ich war mit einem Schritt bei ihm und hielt ihn fest.
"Was ist denn mit dir, Tris?“, fragte ich ängstlich.
"Ich bin so müde, Yan. So müde“, flüsterte er.
"Warum?“, fragte ich.
"Ich habe diese Stimmen satt, die ständig über irgend etwas nachdenken... Mindestens dreimal am Tag wünsche ich mir, ich wäre so wie du. Seit wir uns kennengelernt haben, wünsche ich, ich wäre so wenig übersinnlich begabt wie du, Yan“, gab er zu.
"Du hast doch schon so vielen Menschen mit deinen Fähigkeiten geholfen, Tris“, warf ich ein.
"Ja. So vielen...“, wiederholte er leer.
"Komm, Tris. Ich bring' dich ins Bett. Vielleicht geht es dir nachher besser. Vielleicht hast du dich mit diesem ganzen Kram, wie einem Schild projizieren und in den Abgründen der Seele von Leuten herumstöbern, ein wenig übernommen.“
Ich zog ihn hoch, was nicht schwer war, er wog weniger als Sidonie. Miyu folgte uns. Ich legte ihn auf sein Bett und er wandte mir sein Gesicht zu und lächelte traurig. Genauso hatte er mich angelächelt, als wir uns kennen gelernt hatten, vor zwanzig Jahren.
"Kann ich noch was für dich tun, Tris?“, fragte ich und er schüttelte leicht den Kopf. Ich stand auf und verließ sein Zimmer.
War ich nur der Wärter in einer Irrenanstalt? So kam ich mir langsam aber sicher vor. Vielleicht gab es ja überhaupt keine übersinnlichen Kräfte und Tristan war einfach nur verrückt? Eine verlockende Vorstellung. Ich seufzte und rief von unserem Wohnzimmertelefon Isis Tellanvor an. Danach sank ich in einen unserer eleganten und durchaus bequemen Sessel.
Als es an der Tür klingelte, ließ ich Isis herein und beschloss, ein wenig Einkaufen zu gehen. Das war wenigstens eine praktische Tätigkeit, die nicht sehr viel mit Menschen, die von Drachenstäben aufgespießt waren, zu tun hatte.
Leider musste ich in unserem Supermarkt mit einer sehr langen Schlange an der einzigen offenen Kasse vorliebnehmen.
Das Herumstehen und in den Wagen starren, der voller unnutzem Kram war, lockte meine Gedanken auf einen Spaziergang in die Vergangenheit.
Ein warmer Tag in meinem achten Lebensjahr. Ein Tag zum Fahrradfahren und Schwimmen, doch leider auch schon der erste Tag des neuen Schuljahres und deshalb blieb uns nur unsere aufgestaute Energie in wilden Prügeleien auszuleben.
In den Ferien war ich mit meinen Eltern an der Côte d´Azur gewesen und wir hatten an Bord einer Yacht ein paar Touren unternommen. Andere Kinder in meinem Alter hatte ich keine getroffen, dafür aber jede Menge Französisch sprechender Kindermädchen, die abends auf mich aufpassen sollten. Als ich hörte, welchen Spaß die anderen gehabt hatten, die nur an die Nordsee gefahren waren, brach bei mir der akute Neid aus.
Auf jeden Fall war ich ziemlich schlecht gelaunt. Als es zum Unterricht klingelte, kehrte ich nur widerwillig an meinen Platz neben einem Jungen namens Michael zurück. Wir waren jetzt Drittklässler, von denen erwartete man schon etwas angepassteres Verhalten als von den Erst- und Zweitklässlern. Also saß ich, den Kopf in die rechte Hand gestützt, auf meinem Holzstuhl und hasste die Welt. Zu der Zeit war ich mir auch ziemlich sicher, dass die Welt mich zurückhasste.
Die Tür öffnete sich und unsere junge Lehrerin betrat mit einem Neuen die Klasse.
"Guten Morgen, ich hoffe, ihr hattet alle schöne Ferien. In diesem Jahr bekommt ihr einen neuen Klassenkameraden. Das hier ist Tristan Tellanvor. Er überspringt ein Jahr, er ist also ein Jahr jünger als ihr. Erzähl mal was über dich, Tristan“, forderte Fr. Grothe ihn auf.
Ich konnte sehen, dass Tristan, der bis dahin schüchtern auf den Boden geschaut hatte, den Kopf hob. So bekam ich das erste Mal seine Augen zu sehen. Seine bernsteinfarbenen Augen. Er war schmächtig, kleiner als die meisten von uns und wirkte verloren, so allein vor der Tafel.
"Ich bin Tristan und ich mag menschenleere Orte und die Philosophen des alten Griechenlandes“, sagte er leise, damit hatte er bei einer Horde neunjähriger Energiebündel natürlich verloren. Sofort wurde er als seltsam abgestempelt, das bekam er bald darauf am eigenen Leibe zu spüren.
"Sie sind dran...“, hörte ich die Stimme der Frau, die ihren Wagen hinter mir stehen hatte. Eilig stellte ich alle Sachen und Flaschen auf das Transportband und bezahlte. Als ich alles in meinen Rucksack gepackt hatte, verließ ich eilig den Supermarkt. Ich fühlte mich immer noch ein wenig drömelig durch meinen Tagtraum.
Ich ging nicht den üblichen Weg zurück, sondern setzte mich auf eine Bank in einem kleinen Parkstück, in dessen Mitte ein Spielplatz für die Kinder der Umgebung errichtet worden war.
Dieser Spielplatz erinnerte mich an den Tag, an dem Tristan und ich Freunde wurden. Damals hatte ich diesen Tag gar nicht so als den Beginn einer Freundschaft wahrgenommen, doch zurückblickend, war das definitiv so.
Ich kam aus der Schule an jenem Spielplatz vorbei und hörte wie einige von meinen Mitschülern, unter ihnen auch dieser Michael, der neben mir saß, jemanden beschimpften und traten.
Ich eilte hin, denn ich fühlte mich selber ziemlich stark und toll.
Sofort sah ich, dass es Tristan war, den sie dort misshandelten. Tristan weinte nicht, wie es die meisten unserer Opfer taten, er schrie nicht, er blutete nur leise aus dem Mund und sah diese vier Jungen, die ihn verletzten mit seinen rätselhaften Augen an. Ich weiß nicht einmal warum, doch ich hatte das Bedürfnis, ihm zu helfen.
"Lasst ihn sofort in Ruhe!“ schrie ich und die anderen drehten sich zu mir um.
"Was? Du willst diesem Schwulen helfen? Diesem Mamasöhnchen?“ empörte sich Michael. Wir hatten alle keine Ahnung, was ein Schwuler eigentlich war. Die meisten Eltern sagten es mit Verachtung, also musste es etwas Schlimmes sein. Vor allem meine Eltern sagten es mit tödlichem Unterton.
"Ich hab gesagt, ihr sollt' ihn in Ruhe lassen“, wiederholte ich. Schon fielen sie über mich her. Ich hatte damals gerade erst zwei Jahre Karateunterricht hinter mir und verteidigte mich ziemlich dürftig. Mein Kopf hatte schon eine Platzwunde, die in den Sand blutete, als ich sah, wie sich alle vier an die Köpfe griffen und schrien, als bohre ihnen jemand eine Nadel durch ihren Schädel. Sie sprangen auf und liefen davon, heim zu ihren Mamis.
Schweratmend blieb ich liegen, versuchte erst einmal zu sortieren, was mir nun alles weh tat. Irgendwie fand ich auch den Anblick meines Blutes auf dem hellen Sand faszinierend und mir wurde gerade klar, dass ich meine Schulfreunde verloren hatte. Das war ja ein guter Beginn für ein neues Schuljahr...
"Danke“, hörte ich Tristans sanfte Stimme. Er kniete sich neben mich. Ich drehte meinen Kopf so, dass ich ihn sehen konnte. Er lächelte mich traurig an, dann holte er aus einer Tasche ein Papiertaschentuch und drückte es auf meine Platzwunde. Erst jetzt begriff ich, dass sie ganz nah an meinem linken Ohr war.
"Das muss genäht werden“, stellte er sachlich fest. "Dazu müssen wir zu einem Arzt.“ Mühsam richtete ich mich auf und mein Kopf schmerzte noch mehr.
Also sagte Tristan: "Warte hier, ich bin gleich wieder da.“
Kurz darauf war Tristan mit der schönsten Frau wieder zurück, die ich bis dahin gesehen hatte. Ihre rätselhaften, braunen Augen musterten mich und ein leises Lächeln verschönerte ihren melancholischen Blick. Später erfuhr ich dann, dass diese Schönheit Tristans Mutter war.
Sie hob mich hoch und setzte mich in ihr Auto, dann fuhren wir alle zusammen in ein Krankenhaus.
Ich wurde geröntgt, genäht und geimpft, während der Arzt mir versicherte, dass ich nur eine leichte Gehirnerschütterung hätte, die in ein paar Tagen vergessen sei. Ich solle nur ein paar Tage im Bett bleiben und viel liegen, deshalb würde er mich im Krankenhaus behalten. Da hatte er aber seine Rechnung ohne meine Eltern gemacht.
Sie kamen völlig schockiert, dass ihr Sohn, Erbe ihres Vermögens, sich geprügelt hatte und schleiften mich nach Hause, wo sie eine Krankenschwester für mich einstellten.
Als ich in das Liegetaxi geschoben wurde, sah ich wie Tristan vor der Tür meines Behandlungsraumes auf mich gewartet hatte. Er lief ein paar Schritte hinter der Bahre und meinen aufgelösten Eltern hinterher. Ich suchte ihn zwischen den Beinen meiner hysterischen Eltern und als sich unsere Blicke trafen, wusste ich, dass ich einen neuen Freund hatte, einen, der ganz anders war, als all meine vorherigen Freunde.
Auf der Bank in dem Park saßen neben mir inzwischen zwei weibliche Teenager, die sich angeregt und albern unterhielten. Sie schienen mich als Testobjekt für ihre weiblichen Reize ausgewählt zu haben, da sie mir ständig schmelzende Blicke unter ihren langen schwarzen Wimpern hervor schenkten. Ich lächelte unverbindlich, griff meinen Rucksack, stand auf, drehte mich noch einmal kurz zu ihnen hin und sagte freundlich: "Ich bin doppelt so alt wie ihr.“ Dann verließ ich den Minipark.
Gähnend, nur in T-Shirt und Boxershorts, ging ich zur Tür und öffnete.
Die junge Frau, die hereinkam, war beileibe kein Fotomodell, dennoch war sie hübsch genug um die nächtliche Störung zu entschuldigen.
"Bitte, verzeihen Sie, dass ich so spät noch störe. Ich suche jemanden, der Tristan Tellanvor heißt. Ich muss ihn sehr dringend sprechen!“, brach es aus ihr hervor.
"Weshalb wünschen Sie mich zu sprechen, Fr. Weis?“, erklang Tristans sanfte, dunkle Stimme in einem freundlichen Ton. Er stand vor der Tür zu seinem Bereich der Wohnung und sah nicht so aus, als ob ihn der nächtliche Besuch besonders überrascht hätte, denn der war vollständig bekleidet und zeigte keinerlei Schlaftrunkenheit. "Ich bin Tristan Tellanvor.“
Zu seinen Füßen hockte Miyu, seine goldene Katze und sah zufrieden aus.
Die junge Frau riss erstaunt die Augen auf. "Woher kennen Sie meinen Namen?“
Tristan lächelte beruhigend, magisch und ich gähnte schamlos hinter ihrem Rücken. Ich war in keiner Weise auf den Besuch vorbereitet gewesen und natürlich hatte Tris mir einmal wieder nichts davon erzählt. Ich merkte, wie mein Schlafbedürfnis kurzzeitig übermächtig wurde, doch dann hörte ich Tristans Stimme und riss mich zusammen. "Ich erkläre Ihnen das alles später. Wollen Sie sich vielleicht setzen? Ich glaube, eine Tasse Tee würde Ihnen gut tun!“ Einladend deutete er auf unseren 'Geschäftsraum', wo er die junge Frau auf einen der geschmackvollen Sessel setzte. Sie schien beinahe willenlos, dabei sahen ihre großen Augen ihn irgendwie misstrauisch an.
Tristans Blick fiel auf mich, auf diese Art zeigte er mir, dass ich nun in die Küche verschwinden und einen Tee kochen sollte. Ich nickte müde und gehorchte brav.
Die Zeit zwischen Wasser aufsetzen und Tee aufgießen gab mir auch die Gelegenheit, mir eine Jeans anzuziehen. Mein Blick fiel auf die Uhr in der Küche. Es war 3.42 Uhr. In der Nacht! Die beste Zeit im tiefsten Schlaf zu verweilen. Mit diesem Gedanken beschäftigt, stellte ich drei Tassen, Tee, Milch und Zucker auf ein Tablett und balancierte dieses in den Raum, in dem sich Tristan mit unserer neuen Klientin unterhielt. Das war gar nicht so einfach.
Als ich den Raum betrat, bot sich mir das übliche Bild. Die junge Frau wurde von Tristan beobachtet, während sie ihm ihre Probleme schilderte. Sie wirkte sehr viel zuversichtlicher als beim Betreten des Raumes, dennoch waren ihre Gesten bescheiden und sie selber noch sehr befangen, als ob sie sich fragte, auf welche Dummheit sie sich mit uns eingelassen hätte. Ich wusste, dass Tristan sich nicht nur die Geschichte anhörte, sondern gleichzeitig auch damit verbundene Assoziationen empfing, Wenn er Lust gehabt hätte, hätte er in ihren Gedanken einen ausgedehnten Spaziergang machen können, doch meist blieb er erst einmal an der Oberfläche.
Sobald ich an den Tisch in der Mitte trat, wandte mir Tristan den Kopf zu und lächelte.
"Danke, Yan. Möchten Sie vielleicht einen Tee, Fr. Weis?“, erkundigt er sich bei ihr. Sie schien dankbar für die Ablenkung zu sein und nickte.
"Ja, gerne. Bitte mit zwei Stück Zucker“, antwortete sie. So klein und ängstlich wie auf dem Flur war ihre Stimme nicht mehr. Sie klang jetzt voller und ein wenig traurig, also ganz und gar zu ihrer Person passend.
Ich reichte ihr die Tasse und sie warf mir einen dankbaren Blick aus ihren tiefblauen Augen zu. Tristan verzog höhnisch den Mund. Natürlich konnte er auch in mir lesen. Also dachte ich: Sie gefällt mir halt! und Tristan schüttelte kaum merklich den Kopf.
"Das ist mein Partner Yannik von Falkenberg“, stellte Tristan mich vor. Dann reichte ich ihm auch einen Tee. Ich mochte noch nie gerne Tee, also setzte ich mich einfach dazu.
"Fahren Sie fort, Fr Weis“, bat Tristan und sie nickte.
"Ich rief also bei ihr an, doch es meldete sich nur der Anrufbeantworter. Den ganzen nächsten Tag versuchte ich sie bei ihren Freunden zu erreichen. Doch keiner von ihnen hatte etwas von Alex gehört“, berichtete sie und ihre Augen wirkten gequält.
"Haben Sie es bei ihren Eltern versucht?“, erkundigte sich Tristan, betont neutral.
Ihr Kopf schnellte blitzartig hoch, ihre Augen waren trocken und ihr Gesicht war bleich. "Die sind tot. Schon seit vielen Jahren. Wir sind bei unseren Großeltern aufgewachsen. Dort war sie nicht!!“ Ihre heftige Reaktion wunderte mich nicht. Tristan war in ein Fettnäpfchen getreten. Doch bei ihm beobachtete ich, wie seine Augen zu goldenen Schlitzen wurden
"Verzeihen Sie mir, das war dumm“, entschuldigte er sich.
"Schon gut, Sie konnten das ja nicht ahnen...“ beschwichtigte sie. Da war ich mir nicht sicher, ob er es nicht doch geahnt hatte.
Sie seufzte sehr tief und berichtete weiter. "Abends rief ich noch einmal bei Alex an und als der Anrufbeantworter ansprang, war statt ihrer Stimme, die Stimme dieses grässlichen Mannes drauf. Er hätte Alex entführt, behauptete er. Wenn ich sie wiedersehen wollte, sollt ich morgen zu einem Ort kommen, allein.“
Ich fand es an der Zeit, dass ich auch mal etwas sagen sollte. "Will er Geld? Was für Forderungen hat er an sie gerichtet?“
Sie begann zu weinen. “Das ist ja das Seltsame. Er hat überhaupt nichts verlangt, außer das ich komme.“
Tristan nickte. "Woher kennt dieser Mann Sie?“
"Ich habe ihn einmal getroffen, da war er zusammen mit Alex in meinem Laden. Er hatte irgendeinen italienischen Namen. Er war groß und irgendwie hatte ich Angst vor ihm“, stammelte sie. "Werden Sie mir helfen, Hr. Tellanvor?“
Tristan erhob sich und ging auf das Gemälde seines Vaters zu, das an der Wand hing. Kurz blickte er hinauf, als wolle er sich von seinem Vater einen Rat holen. "Eigentlich sind wir für Entführungen nicht zuständig, Fr. Weis“, begann er und mir wurde so eiskalt, wie der Ton seiner Stimme war. Was sollte das denn jetzt schon wieder?
"Die Polizei ist für solche Fälle zuständig.“
"Wenn Sie es sagen...“, hörte ich die kleinlaute Stimme von der jungen Frau.
"Tris...“, begann ich vorwurfsvoll, doch dann kreuzte sein Blick den meinen und ich verstummte.
"Es gibt bei der Polizei Experten, die sich um Lösegeld und alles kümmern würden“, fuhr er fort. Ich fühlte mich von Tristans Verhalten angewidert. Warum machte er erst einen auf Mr. Niceguy und dann auf unnahbar?
Die junge Frau schien alles mit trauriger Verlassenheit hinzunehmen.
"Oder erzählen Sie das alles nur um mich zu testen? Wollen Sie herausfinden, ob die Behauptungen über mich wahr sind? Da muss ich sie enttäuschen, das haben schon andere versucht und es ist ihnen nicht gelungen!“ Tristan stand nun wieder vor ihr und sein Blick war sehr provozierend.
"Ich wollte nichts von alldem. Ich habe nur gehofft, dass Sie mir helfen könnten. Aber anscheinend habe ich mich getäuscht. Es tut mir leid, dass ich Sie mitten in der Nacht gestört habe.“ Ihr Ton war weiterhin sehr mitleiderregend. "Ich gehe jetzt besser...“
Sie erhob sich und ich warf Tristan einen vernichtenden Blick über die Schulter zu, während ich sie hinaus begleitete. Tristan hob plötzlich die Hand und warf mir etwas zu. Erschrocken, aber mit guten Reflexen ausgestattet, fing ich das Etwas auf: Es war Tristans Siegelring. Ein Erbstück seiner Familie und ein Geschenk seines Vaters. Dieser Ring gestattete es Tristan oder St.Clair, seinem Vater, immer mit der Person, die ihn trug, in Kontakt zu bleiben.
Schnell eilte ich der jungen Frau hinterher. "Entschuldigen Sie Tristans Verhalten. Vielleicht lag es ja an der nächtlichen Stunde, dass er so schlecht gelaunt war, bat ich sie für meinen Freund um Verzeihung.
"Ja, vielleicht", murmelte sie, noch unglücklicher als zuvor.
"Passen Sie auf, ich gebe Ihnen diesen Ring, der wird Sie beschützen.“ Ich hielt ihr den Ring entgegen.
"Wie soll mich ein Ring denn beschützen können?“ entgegnete sie skeptisch, was ich ihr nicht verdenken konnte.
"Na ja, er kann auf jeden Fall nicht schaden“, wandte ich mit einem kecken Grinsen ein, "Und irgend etwas möchte ich für Sie tun.“
"Das ist nett. Dann trage ich den Ring“, sie lächelte mich an, dieses Lächeln zog meinen Blick automatisch auf ihre sinnlichen Lippen. Ich schluckte schnell und sagte: "Viel Glück bei der Polizei. Hoffentlich geht es ihrer Schwester gut.“
Sie nickte kurz und verließ unsere Etage.
"Was sollte denn das ?!?“ schnauzte ich Tristan an, nachdem ich in den Raum zurückgekehrt war. Er lehnte an dem Türrahmen zu seinem Büro, die Arme vor der Brust verschränkt, und würdigte mich keines Blickes. Daran war ich ja gewöhnt.
"Ich wollte sie testen! Ich glaube, ich weiß worauf der Entführer ihrer Schwester aus ist, ich weiß nur nicht warum.... Und mir ist unklar, wie er es erkennen konnte...“, murmelte er.
Das war schon viel. Erklärungen musste ich ihm immer aus der Nase ziehen. "Was meinst du, Tris?“
Er schenkte mir einen kühlen Seitenblick. "Hat sie den Ring genommen?“
"Ja.“
"Sehr gut. Yan, jemand ist hinter ihr her, weil er ihre Kräfte erkannt hat“, erklärte er kurz.
"Was denn für Kräfte?“
Ich erinnerte mich sehr gut an all die Leute, die uns schon ihre Kräfte vorgeführt hatten: Löffel verbiegen, Radios aus der Entfernung anstellen, Gedanken lesen, entweder die von mir oder die von Tris – was sie sofort zu Schwindlern abstempelte, denn niemand konnte auch nur den kleinsten Gedanken von Tris lesen. Leute, die mit angeblich hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet waren und die Zukunft vorhersagen wollten. Viele Spinner hatten diesen Raum betreten in den letzten Jahren und nahezu alle von ihnen waren ernüchtert wieder gegangen. Anders schien das nun mit dieser jungen Frau zu sein.
"Was hat sie denn für Kräfte, Tris?“, fragte ich noch einmal, als er mir nicht antwortete.
"Mir scheint, dass sie sich selbst dieser Kräfte nicht bewusst ist, deshalb wollte ich sie provozieren und sie aus ihrer Reserve locken. Doch es gelang mir nicht. Ihre Kräfte sind sehr gut abgekapselt und tief in ihr verborgen.“ Er verließ seine supercoole Position und kam auf mich zu, dabei lächelte er fies. "Außerdem haben diese Kräfte mit dem Tod ihrer Eltern zu tun...“
"Du meinst, der Entführer ihrer Schwester, ich nehme einfach mal an, dass diese Alex ihre Schwester ist, ist eigentlich auf ihre Kräfte aus? Und mit eben diesen Kräften hat sie einst ihre eigenen Eltern umgebracht?“ So versuchte ich die ganze Geschichte für mich verständlich zu machen.
"Ja. Wir werden sehen, warum jemand solch zerstörerische Kräfte mit einer Entführung für sich gewinnen will. Und wir werden sehen, warum er Alex entführt hat, statt sich gleich Fr. Weis zu schnappen.“ Tristan seufzte. "Da ist etwas im Gange, Yan. Etwas Großes. Ich spüre es.“ Er sah irgendwie traurig aus und mir lief eine Gänsehaut den Rücken hinunter. Wenn Tris spürte, dass etwas im Gange war, dann war es auch so. Nichts Gutes nach seinem Gesicht zu urteilen.
"Woher weißt du das, Tris?“
"Schlaf gut, Yan“, sagte er nur, statt mir zu antworten. Er lächelte mir freundlich, beinahe mitleidig zu. Man konnte nie voraussehen, was Tristan als nächstes für eine Laune an den Tag legen würde.
"Gute Nacht, Tris“, antwortete ich automatisch. Innerlich verspürte ich Lust, ihn zu schlagen. Wieder einmal ließ er mich in der Ungewissheit stehen, ohne auch nur einen Bruchteil der Antworten. Wieder einmal setzte er seine Undurchschaubarkeit als Waffe ein und verletzte mich damit.
Mir war ja bewusst, dass er es nicht so meinte, das hatte er mir immer wieder versichert. Er vergaß eben immer wieder, dass ich seine Fähigkeiten nicht teilte.
Etwas verwirrt und zutiefst beunruhigt ging ich zu Bett.
Ich träumte wirr.
Immer wieder schrie Tristan mit seiner Jungenstimme: "Das ist nicht wahr - Nein!", und als ich ihn zu sehen bekam, war er erst acht Jahre alt.
"Was hast du denn, Tristan?“, fragte ich ihn, einen Moment ein Erwachsener von 1,93m Körpergröße, im nächsten Moment nur ein paar Zentimeter größer als der achtjährige Tristan.
"Was ist denn los?“ fragte ich dann, ebenfalls mit meiner Jungenstimme. Ich schaut mich um. Die Welt hatte eine andere Perspektive. Die Zäune waren hoch und die Erwachsenen groß. Vierzehn Jahre alt zu sein, kam mir vor, als wäre das schon das Rentenalter. Ich rannte in die Richtung, aus der ich Tristans Stimme hörte. Als ich ihn fand, erstarrte ich, glotzte ungläubig und voller Entsetzen auf den Grund seines Geschreis. Ein Mädchen, also eigentlich nichts besonderes. Nur hing dieses mit einem Seil um den Hals von einem Balken auf dem Dachboden unserer Schule. Ihr Gesicht war blau, ihre Zunge hing heraus und ihre Augen waren verdreht. Ich fing an zu schreien.
Schweißgebadet erwachte ich und richtete mich auf. Sie war meine erste Tote gewesen. Danach hatte ich einige, schlimmer zugerichtete gesehen, doch dieses Mädchen blieb mir am intensivsten in Gedächtnis.
Ihre langen blonden Haare glänzten so schön und so lebendig, und doch sie war tot. Tristans achtjährige Stimme schrie noch immer im meinem Hinterkopf: "Warum? Warum?!?“ und das, obwohl ich inzwischen einigermaßen wach war. Ich kratzte mir den Kopf, in der Hoffnung, die Stimme würde dadurch verschwinden, da öffnete sich die Tür und Tristan trat ein.
"Hast du schlecht geträumt, Yan?“, fragte er mit seiner freundlichen Stimme, die häufig trügerisch war.
Ich lächelte schal. Natürlich hatte er gespürt, dass ich einen fiesen Traum hatte.
"Ja und du kamst sogar darin vor“, antwortete ich tonlos.
Seine bernsteinfarbenen Augen leuchteten freundschaftlich, als er sich zu mir auf die Bettkante setzte. "Es tut mir leid, wie ich gestern Nacht mit dieser jungen Frau umgegangen bin. Ich war so fasziniert von diesen Kräften, die in ihr schlummern, dass ich sie unbedingt provozieren wollte.“
"Hast du nicht gesagt, ihre Kräfte wären so zerstörerisch, oder irre ich mich? Wenn du es geschafft hättest, wäre ich jetzt ein Grillhähnchen oder so etwas?“
Tristan lachte; das tat er nicht sehr häufig. "Nein, das wärst du nicht. Ihre Kräfte sind zwar groß, aber da sie diese nicht kontrollieren kann, hätte ich sie leicht in eine andere Richtung lenken können.“ Tristans Kräfte waren immer ein Geheimnis für mich. Er sprach nicht gerne darüber. Es war auch sehr schwer für ihn, mir zu beschreiben, was genau er tat.
In diesem Moment vermittelte er mir ein recht genaues Bild von seiner Macht. Wenn dieses junge Frau tatsächlich ihre Eltern mit ihren Kräften getötet hatte und Tristan diese Kräfte so einfach umleiten konnte... Mich fror ganz plötzlich. Der junge Mann auf meiner Bettkante erschien mir sehr fremd und furchteinflößend.
Der Teekessel pfiff in der Küche und Tristan stand auf: "Es ist auch Kaffee für dich da. Komm frühstücken, Yannik“, lud er mich ein und ich konnte nur Nicken, denn meine Stimme versagte vor lauter Furcht.
Ich zog nur meinen Paisley-Morgenmantel – ein Geschenk meiner Mutter – an und ging in die Küche. Auf dem Tisch war alles für ein typisches Tristan-und-Yannik-Frühstück vorbereitet: Obst und Müsli und schließlich irgend etwas total ungesundes. Heute gab es süße Brötchen und Gelee.
Tristan schenkte mir Kaffee ein und ich versuchte, die Gedanken an seine gewaltigen Kräfte zu verscheuchen. Ich teilte mir mit diesem Mann immerhin eine Wohnung, auch wenn es eine große war. Es konnte nicht sein, dass ich nach zwanzig Jahren Angst vor meinem besten Freund bekam.
Ich aß eines der süßen Brötchen, während Tristan seinen Tee trank. Keiner von uns sprach ein Wort. Für Tristan waren Worte sowieso unnötig, er konnte ja meine Gedanken lesen. Anscheinend tat er es aber gerade nicht.
"Was meintest du gestern, als du gesagt hast, dass hinter dieser ganzen Entführungsgeschichte etwas Größeres stecke?“, fragte ich in die Stille.
Tristans Tasse hielt auf halbem Weg zu seinem Mund inne. Er stellte die Tasse ab und musterte mich. Von Tristan gemustert zu werden ist ein wenig so, als ob ein Greifvogel eine Maus mustert. Man fühlt sich klein und wehrlos.
"Ich habe das Gefühl, dass irgend jemand versucht die Welt zu ändern...“, begann er zögernd.
"Versuchen wir das nicht alle, Tris? Wir versuchen es, aber es nützt nichts. Vielleicht ist es ja nur die allgemeine Stimmung, die du da spürst“, wandte ich ein. Die Welt verändern. Das klang nach Greenpeace, nicht nach Gruseln und Gefahr.
"Vielleicht...“, gab Tristan unsicher zu, dann lächelte er plötzlich und schien erleichtert. "Manchmal bin ich wirklich froh, dass nur einer von uns mit dem Kopf in anderen Welten steckt, und nicht wir alle beide, Yan. Wenn du nicht alles von einem ganz anderen Standpunkt aus betrachten würdest, wäre ich schon lange paranoid geworden.“
"Das bist du doch schon lange...“ scherzte ich, obwohl mir nicht nach Lachen zumute war. Es war eine Kunst, sich nicht verfolgt zu fühlen, wenn die Gedanken der ganzen Welt in einen eindrangen. Tristan hatte mir erzählt, er hätte sich mit der Zeit so eine Art seelischen Schutzschildes zugelegt. Manche Umstände zerstörten diesen Schild, zum Beispiel Kaffee, Drogen oder Alkohol. Manchmal auch Sex. Dennoch waren die Gedanken der Menschen wie ein leise gestelltes Radio. Wenn alles ruhig war, vernahm er die Gedanken wieder. Ich wusste, das ich niemals mit Tristan tauschen wollte, auch wenn ich ihn so manches Mal um seine Kräfte beneidet hatte.
Tristan kicherte leise. Auch das bekam kein Mensch außer meiner Person zu hören. Doch, Isis kannte dieses leise Geräusch auch.
"Wahrscheinlich hast du recht“, gab er gutgelaunt zu, dass er seelisch nicht ganz gesund war.
"Wirst du dieser Frau wirklich nicht helfen, wenn du vermutest, dass da sowieso noch viel mehr als nur eine Entführung dahinter steckt?“, fragte ich dann, "Weshalb wolltest du, dass ich ihr den Ring gebe?“
"Ich will ihr helfen, das stimmt. Außerdem könnten ihre Kräfte gefährlich sein, sie könnte Menschen damit verletzen oder sogar töten. Deshalb der Ring. Ich will herausfinden, wo sich Fr. Weis mit dem Entführer trifft.“
"Wo ist sie im Moment?“ fragte ich, erfreut, dass Tristan sich doch dazu entschlossen hatte, der hübschen Frau mit den traurigen Augen zu helfen.
"Anscheinend ist sie zu Hause. Sie ist unruhig. Wenn ich ihre wirren Gedanken richtig deute, dann wird sie sich abends mit dem Entführer in ihrem Laden treffen.“ Tristans Augen glitten aus der Realität in eine metaphysische Welt, die für mich für immer verschlossen bleiben würde.
"Laden? Was denn für ein Laden?“ fragte ich.
Die Realität kehrte in Tristans Augen zurück. "Ach, das habe ich die noch gar nicht erzählt?“
"Nein“, grummelte ich, "Du erzählst mir ja nie etwas!“
"Äh... Also sie hat einen Laden , der Windfänger heißt. Der Laden ist wohl recht einträglich, deswegen wunderte sie sich ja auch, warum der Entführer kein Geld wollte.“
"Was ist das für ein Laden?“
"Sie verkauft alles für Fallschirmspringer, außerdem Drachen und Windspiele.“
Von Außen betrachtet wirkte der Laden sehr bunt. Im Schaufenster hingen Lenkdrachen und regenbogenfarbene Windspiele. Anzeigen für Lehrgänge im Fallschirmspringen füllten die Glastür, deren Klinke Tristan in der Hand hielt.
Hätte Tristan nicht beschlossen, dass er seine Kräfte einsetzen wollte, um Menschen zu helfen, dann hätte er der beste Einbrecher der Welt werden können. Seine Kräfte schalteten jede Alarmanlage aus und öffneten jedes Schloss auf der Welt.
Also sah Tristan noch nicht einmal hin, während das Schloss brav klickte und knackte, wie er es wollte. "Komm schon, Yan! Die Auslagen kannst du dir ein anderes Mal anschauen!“, flüsterte Tristan ärgerlich, während er den Laden betrat.
Schnell und möglichst unauffällig folgte ich ihm, und nachdem ich die Tür geschlossen hatte, verriegelte sie Tris wieder. Tristan zog mich hinter einen Kleiderständer mit Sprunganzügen und drückte mich nach unten.
Das konnte nur bedeuten, dass es wohl gleich rund gehen würde. Na prima.
Ich war schon lange nicht mehr so aufgeregt wie bei unseren ersten Fällen. Ich beobachtete nur den Verkaufsraum von meiner Position aus, obwohl ich nicht sonderlich viel erkennen konnte
Nach einigen Minuten konnte ich das mir bereits bekannte Klicken der Tür hören, die kleine Glocke darüber bimmelte aufgeregt und sah, wie eine unglaublich nervöse Fr. Weis den Raum betrat. Kaum zu glauben, aber Tristan hatte sogar diese kleine Glocke ruhig gehalten. Die junge Frau tat mir Leid. Ich kannte nicht einmal ihren Vornamen, fiel mir ein. Tristan neben mir schüttelte nur ein wenig den Kopf. Ich sah ihn an. Sein Blick schien zu sagen "Kannst du an nichts anderes denken?“ und ich hob entschuldigend die Schultern.
Als ich meinen Blick wieder auf sie richtete, bemerkte ich, dass sie ganz unbewusst mit Tristans Ring spielte. Er passte ihr ebenso haargenau, wie allen anderen Menschen, denen Tristan diesen Ring schon gegeben hatte. Dieser Ring war dennoch nur halb so geheimnisvoll wie Tristan selbst und seine gesamte Familie.
Die goldenen Augen meines Partners verengten sich kurz – also Zeit für Action. Meine Muskeln spannten sich, was sehr unbequem war, während ich auf dem Boden zusammengekauert hockte. Tristan hob beschwichtigend die Hand.
Also, was denn nun?, dachte ich und ich wollte das Tristan diesen Gedanken hörte. Verstört sah mich Tristan kurz an und legte den Finger auf die Lippen. Gesagt hatte ich kein einziges Wort. Wollte er nun, dass ich meine Gedanken leiser drehte? Wie sollte ich das denn anstellen?
Dann begriff ich. Wahrscheinlich vermutete Tris, dass der Entführer ebenfalls Gedanken lesen konnte. Tristan nickte zustimmend und ich schloss die Augen. Konzentrierte mich auf das Atmen. Mit jedem Ausatmen ließ ich meine Gedanken hinaus fließen. Nun sollte eigentlich nichts Erkennbares mehr in meinem Kopf sein.
Die Tür öffnete sich, die Glocke bimmelte und ich vergaß meine Gedankenleere. Ich wandte mich dem Geschehen im Verkaufsraum zu.
Der Mann, den sie als Italiener beschrieben hatte, sah auch wie ein Italiener aus. Er war nicht sehr groß, hatte breite Schultern, eine schmale Taille und schwarze Haare. Er stand mit den Rücken zu uns, so dass ich nicht von seinem Gesicht erkennen konnte. Einen italienischen Akzent hatte er nicht.
"Guten Abend, Sidonie“, begrüßte er sie lässig. Aha, jetzt kannte ich ihren Vornamen.
Und Sidonie war wütend.
"Wo ist meine Schwester? Was haben Sie mit ihr gemacht?“ fragte sie, mit nur mühsam unterdrücktem Zorn in ihrer Stimme.
"Beruhigen Sie sich, Alexandra geht es gut. Sie wird freigelassen, wenn Sie unsere Forderungen erfüllen.“
"Wenn Sie Geld wollen, Sie können alles haben, was ich besitze, auch den Laden hier.“ Sidonie zeigte um sich und wartete auf eine Zustimmung seinerseits. Doch er lachte nur.
"Wir wollen bestimmt kein Geld, liebste Sidonie.“
Ich zog die Augenbrauen zusammen. Liebste Sidonie? Hatte sie nicht behauptet, sie kenne diesen italienischen Kerl kaum?
Tristan legte eine Hand auf meine Schulter und schüttelte den Kopf. Ich sollte also ruhig bleiben. Na schön, ich würde es wenigstens versuchen.
"Was...“, hauchte sie, dann riss sie sich zusammen. "Was wollen Sie denn sonst?“
"Wir wollen Sie, verstehen Sie? Wir wollen, dass Sie unserem kleinen, exklusiven Club beitreten. Sie sollen sich nur erinnern, was Sie damals taten, als Sie vierzehn Jahre alt waren. Dann dürfen Sie wieder gehen. Das ist wirklich alles, was wir von ihnen wollen", forderte er ruhig und bestimmt. Angst wandelte sich in reines Entsetzen auf Sidonies Gesicht und Tristans Augen weiteten sich.
"Nein, das kann ich nicht tun“, wisperte sie entsetzt.
"Dann werde Sie ihre Schwester stückweise zurückbekommen, Liebste“, gab der Italiener frech zurück.
Sidonies Pupillen weiteten sich unnatürlich, zur gleichen Zeit spürte ich von irgendwoher einen Luftzug an meiner Wange. Sogleich merkte ich, wie Tristan mich auf den Boden drückte, als plötzlich der Kleiderständer davon wirbelte, wie in einer Windhose. Ich hob den Kopf und versuchte zu erkennen, was vor sich ging: Im Laden schien ein Sturm zu toben, in dessen Zentrum sich der Italiener in der Luft wand.
Tristan ließ mich los und sprang auf.
"Tris...!“ rief ich, voller Angst um meinen Freund.
Doch er stand ganz ruhig, der Sturm zerrte an seinem langen Mantel, an seinen Haaren, doch er schien davon nicht beeindruckt.
Ich konnte beobachten, wie er langsam seine Hände zu Fäusten ballte und diese dann unter seinem Kinn kreuzte. Der Sturm wurde schwächer, ich konnte fast sehen, wie Tristan ihm die Kraft nahm. Langsam erhob ich mich. Eine letzte Böe traf mich und dann war es vorbei.
Sidonie brach zusammen und blieb mit geschlossenen Augen liegen. Ich lief zu ihr, während sich Tristan um den Italiener kümmerte. Sidonie atmete und schien in Ordnung, außer, dass sie nicht bei Bewusstsein war.
"Yan, komm her!“ rief Tristan mich leise. Jetzt erst nahm ich das Chaos um mich herum wahr, während ich zu Tristan ging. Der Laden war zerstört. Ich seufzte, dann kniete ich mich neben Tristan. Augenblicklich konnte ich erkennen, weshalb mein Partner so seltsam betroffen aussah. In der Brust, in den Armen und im Gesicht des Italieners steckten Drachenstäbe. Sie waren tief in das Fleisch eingedrungen. Irgendwo im Bauch hatte ihn auch eine metallene Windmühle durchbohrt, die wie eine Sonnenblume aussah.
Der Anblick dieses Mannes war grotesk und schrecklich zugleich. Blut sickerte aus den Wunden, an den Stäben vorbei. An manchen hingen noch bunte Fetzen von Drachenseide. Schrecken löste sich von mir mit einem tiefen Seufzer. Dieser Mann lebte aber wenigstens noch. Noch.
Ich zog aus meiner Lederjacke mein Handy und rief die Feuerwehr an, damit die uns einen Notarztwagen schickten.
"Bis der Wagen hier ist, schaffe ich lieber Fr. Weis hier weg“, erklärte mir Tristan. "Du erklärst das hier den Bullen als Einbruch, wenn die hierher kommen. Wir sehen uns nachher, Yan. Okay?“
"Klar, geh nur. Ich weiß zwar nicht, was ein Wirbelsturm in einem Drachenladen mit einem Einbruch zu tun hat, aber ich werde mir schon was einfallen lassen.“
Tristan schulterte Sidonie, wobei ich das Gefühl bekam, er würde gleich zerbrechen. Er nickte mir kurz zu und verschwand lautlos wie ein Geist.
Solche Sachen musste immer ich ausbaden. Na ja, was soll’s?
Natürlich kam die Polizei, wie Tristan es vorausgesehen hatte und fragte mich tausend Fragen, dann musste ich noch mit auf das Revier. Vorher konnte ich beobachten, wie der Italiener auf einer Bahre in den Notarztwagen geschoben wurde. Die Stäbe steckten noch in ihm, deswegen hatte die Decke sehr viele Beulen. Wäre das alles nicht so schrecklich gewesen, hätte ich darüber lachen müssen.
Nachdem ich volle drei Stunden auf der Wache gesessen und immer die gleichen Fragen beantwortet hatte, ließ man mich nach Hause. Tristan hatte nicht das Auto genommen, das wusste ich, also musste ich zurück zu Sidonies Laden und das Auto abholen.
Ziemlich erledigt kam ich zu Hause an.
Ich hatte mich immer gefragt, weshalb wir eigentlich ein Gästezimmer hatten, da doch nie jemand bei uns übernachtete. Tristan hatte kaum Freunde und meine Freunde hatten alle Angst vor ihm.
Nun wusste ich, dass Tristan es für Sidonie eingerichtet hatte. Ich hatte in seinen Räumen nachgeschaut und dort niemanden gefunden, als letztes sah ich in unserem Gästezimmer nach.
"Nun erfüllt dieses Zimmer wenigstens einen Zweck“, sagte ich müde statt einer Begrüßung. Tristan wusste ja schon lange, dass ich wieder da war.
Sidonie lag auf dem Bett und schien tief zu schlafen.
"Sie hat sich total verausgabt, als sie den Italiener mit den Stäben spickte“, erklärte mir Tristan, freiwillig. “Da sie ihre Kräfte nicht kontrollieren kann, kann sie auch nicht die Ausmaße eingrenzen. Gut, dass ich einen Schirm um den Laden projiziert hatte.“
"Ja, toll. Du bist ein richtiger Held, Tris. Ich geh jetzt schlafen, wenn du nichts dagegen hast“, murmelte ich, eher unwirsch.
Tris erhob sich aus dem Stuhl, auf dem er neben Sidonies Bett gesessen hatte. "Geh nur. Hab keine Angst, es wird nichts passieren, heute Nacht“, beruhigte er mich.
"Na, mir reicht auch das, was schon passiert ist“, erwiderte ich müde und schlich in mein Schlafzimmer und dort in mein Bett.
Keine Träume, an die ich mich erinnern könnte in der Nacht. Vielleicht hatte Tristan sie auch abgeschirmt, ich wusste es nicht genau. Als ich erwachte, fühlte ich mich frisch und dennoch immer noch geschockt von den Ereignissen des vorherigen Abends.
In der Küche wartete wieder ein Frühstück für mich. Ich setzte mich und harrte Tristans. Schließlich begann ich mir schon einmal einen Kaffee einzugießen. Unerwartet hatte ich wieder das Bild des gespickten Italieners vor Augen. Ich schluckte.
Dieser Mann hatte Sidonies Schwester entführt, er hatte sie erpresst, dafür hatte sie ihm Schmerzen zugefügt. Eigentlich geschah es ihm recht, dennoch konnte ich dieses Bild nicht als gerecht empfinden. Ich war wieder einmal gelähmt vor Entsetzen.
"Es war auch nicht gerecht, Yan, und es war dumm von ihr. Dieser Mann ist nur ein Handlanger. Der wahre Schuldige weiß nun, wie mächtig sie ist und er wird mit weiteren Drohungen versuchen, sie zu sich zu locken“, erklang Tristans Stimme aus der Richtung des Türrahmens. Er gähnte unverschämt weit.
Solch menschliche Gesten und Schwächen waren allein für unsere Gemeinschaft bestimmt. Ich wusste, dass Tristan in der Gesellschaft von anderen eher wie eine Statue oder eine ägyptische Gottheit wirkte, als wie ein Mensch. Er hatte sich dieses Verhalten angewöhnt, weil er Angst hatte, dass man ihn sonst Hänseln und Verletzen würde, so wie in seiner Kindheit.
Für mich schien Tristan schon geheimnisvoll genug, wie musste er dann erst auf andere wirken?
Er war groß und schien unglaublich zerbrechlich zu sein, da er sehr dünn war. Seine langen Gliedmaßen und seine sensiblen Finger bestärkten diesen Eindruck nur. Am auffälligsten waren seine bernsteinfarbenen Augen, die manchmal eher golden wirkten, zu anderen Gelegenheiten fast hellbraun erschienen. Sie standen etwas schräg in seinem schmalen, fein gezeichneten Gesicht. Er hatte lange goldbraune Wimpern und Haare in der gleichen Farbe, die aber meistens etwas wirr wirkten. Er trug sie zu Zeit ziemlich kurz.
Manchmal sagte mir jemand, er sähe aus wie ein Engel. Andere, zum Teil gläubige Christen, hatten mir versichert, er sei der Sohn des Teufels.
Auf jeden Fall wirkte er weniger wie ein Mensch, eher wie ein übernatürliches Wesen auf die meisten Menschen. So ganz an den Haaren herbeigezogen war das zwar nicht, aber soweit ich das beurteilen konnte, tat er so ziemlich das gleiche wie alle anderen Menschen, nur eben noch etwas mehr.
Nachdem er ausgiebig gegähnt und sich gestreckt hatte, setzte er sich mir gegenüber und goss sich Tee ein.
"Was macht unser Gast?“, erkundigte ich mich, ganz nebenbei, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, eine Frau mit riesigen übersinnlichen Kräften, welche sie definitiv nicht kontrollieren konnte, im Haus zu haben.
"Sie schläft“, antwortete Tristan schlicht.
"Was ist, wenn sie uns auch für Italiener hält?“, fragte ich, ein wenig überspitzt.
"Ich hab doch gesagt, das ist kein Problem. Sie ist zwar sehr stark, aber sie hat noch viel zu lernen. Jeder Schwächere mit völliger Kontrolle über seine Kräfte könnte sie besiegen.“
"Ich dachte, dieser Italiener hätte auch irgend welche Kräfte gehabt“, dachte ich laut, obwohl es für Tris im Grunde keinen Unterschied machte, ob ich laut oder leise dachte.
"Er war ziemlich schwach und völlig überrascht von ihrem Ausbruch.“ Tris sah mich an, als wollte er wissen, ob ich mit dieser Auskunft zufrieden sei.
"Hallo“, unterbrach uns eine weibliche Stimme, sehr schwach.
Ich erschrak, während Tristan – Mr. Coolness persönlich - sich nur lächelnd zu ihr umdrehte, "Guten Morgen“, sagte und ihr einen Platz an unserer trauten Tafel anbot. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir einen dritten Stuhl an unserem Tisch stehen hatten.
"Guten Morgen“, sagte sie zu mir und ich sah sie ziemlich misstrauisch an.
"Ich werde Sie nicht beißen“, versprach sie, aber ich war mir dessen aber nicht ganz sicher. Tristan stand auf und stellte Teller und eine Tasse vor sie hin.
"Kaffee oder Tee?“, fragte er und sie lächelte, weil sie so eine normale Frage wohl nicht erwartet hatte.
"Kaffee bitte“, antwortete sie und ich goss ihr ein, aber sah sie dennoch weiterhin skeptisch an.
"Erinnern Sie sich an gestern Abend?“, fragte ich, ganz unverblümt.
Tristan starrte mich kurz an. Wäre ich telepathisch veranlagt gewesen, hätte ich wahrscheinlich ein "Du Trampel!!“ Schrei gehört, doch meine übersinnlichen Fähigkeiten waren gleich null und so kriegte ich nur seinen Blick ab.
"Nicht mehr an viel. Ich weiß noch, wie dieser schreckliche Mensch sagte, ich würde meine Schwester in kleinen Stücken zurückbekommen, wenn ich nicht in ihren Club käme. Dann ist alles irgendwie verschwommen, plötzlich waren Sie da, Hr. Tellanvor und danach war alles Schwarz. Und heute bin ich hier. Was ist passiert?“ Ihre unschuldigen Augen sahen mich fragend an. Wie sollte ich das erklären? Ich hatte ja selbst nur die Hälfte mitgekriegt.
"Genauso ist es, du hast wirklich nur die Hälfte mitgekriegt. Würdest du diesen Teil unserer Arbeit bitte mir überlassen, Yan?“, meldete sich Tristans Stimme, ein wenig triumphierend. Dann setzte er sich hin und Sidonie sah ihn verwundet an. Er nahm ihren Blick mit seinem gefangen.
"Was tun Sie da?“, sie klang verwirrt. "Wer sind Sie?“, fragte sie dann, noch verwirrter.
Über die Telepathie schien er sie nicht erreichen zu können, also begann er laut zu sprechen.
"Was ist es, das sie da so tief in sich verbergen? Was wissen diese Leute über Sie, das Sie selbst nicht wissen. Oder besser, nicht wissen wollen?“ Seine leise Stimme wirkte hypnotisch. Ich fühlte mich bereit, ebenfalls zu erforschen, was ich nicht über mich wahrhaben wollte.
Sidonie stöhnte leise, als ob sie Schmerzen hätte.
Doch Tristans Blick kannte kein Erbarmen. Er ließ sie nicht gehen, sondern führte sie in die tiefsten Abgründe ihrer Selbst.
"Mama, Paps...“, stammelte sie und fiel Tristan in die Arme. Schluchzend, sich an ihn klammernd und wie ein Kind, Schutz bei ihm suchend.
"Ich wollte es nicht, nicht so. Es tut mir so leid. Ich wollte es nicht!“, schluchzte sie wieder und wieder. Tristan hielt sie in den Armen und ließ sie gewähren. Sie wurde leiser und leiser, bis es ganz still wurde. Irgendwie kam ich mir dämlich vor und stand auf um die Küche zu verlassen. Tristan griff meinen Ärmel und bat mich zu bleiben.
"Wieso?“, gab ich zurück und er zeigte auf Sidonie, die ihre Augen geschlossen hatte.
"Schläft sie schon wieder?“, fragte ich, etwas gereizt und Tristan seufzte, als er nickte. Ich legte ihren Arm um mich, hob sie hoch und trug sie in unseren Gästeraum – ganz wie ein Märchenprinz.
Tristan hatte sich an einer Teetasse festgeklammert und wirkte sehr blass und aufgelöst, als ich zurück in die Küche kam.
"Geht es dir gut, Tris?“, erkundigte ich mich.
Sein Blick schmetterte mich nieder. Soviel von dem, was er sonst vor der Welt und sogar vor mir verbarg, war in seinen Augen zu sehen.
"Anscheinend nicht...“, stellte ich sehr treffend fest. Hinter mir meldete sich unsere Katze Miyu, die wohl auch spürte, dass mit ihrem Herren und Meister etwas nicht stimmte. Vielleicht hatte sie auch Hunger?
"Sie hat Hunger“, äußerte Tristan. Er beobachtete mich, wie ich sie fütterte. Zwei paar goldene Augen, die mir zusahen, wie ich eine schlichte Dose Katzenfutter öffnete und in einen Napf kippte, an dessen Rand 'Alles für die Katz' stand.
Ich war froh, dass sich Tristan nicht auch noch über das Futter hermachte, wie Miyu es tat.
Er lächelte. "Ich mag kein Katzenfutter.“
"War ja nur so ein Gedanke“, brummte ich, halb amüsiert. Er erhob sich, doch sackte in den Knien zusammen. Ich war mit einem Schritt bei ihm und hielt ihn fest.
"Was ist denn mit dir, Tris?“, fragte ich ängstlich.
"Ich bin so müde, Yan. So müde“, flüsterte er.
"Warum?“, fragte ich.
"Ich habe diese Stimmen satt, die ständig über irgend etwas nachdenken... Mindestens dreimal am Tag wünsche ich mir, ich wäre so wie du. Seit wir uns kennengelernt haben, wünsche ich, ich wäre so wenig übersinnlich begabt wie du, Yan“, gab er zu.
"Du hast doch schon so vielen Menschen mit deinen Fähigkeiten geholfen, Tris“, warf ich ein.
"Ja. So vielen...“, wiederholte er leer.
"Komm, Tris. Ich bring' dich ins Bett. Vielleicht geht es dir nachher besser. Vielleicht hast du dich mit diesem ganzen Kram, wie einem Schild projizieren und in den Abgründen der Seele von Leuten herumstöbern, ein wenig übernommen.“
Ich zog ihn hoch, was nicht schwer war, er wog weniger als Sidonie. Miyu folgte uns. Ich legte ihn auf sein Bett und er wandte mir sein Gesicht zu und lächelte traurig. Genauso hatte er mich angelächelt, als wir uns kennen gelernt hatten, vor zwanzig Jahren.
"Kann ich noch was für dich tun, Tris?“, fragte ich und er schüttelte leicht den Kopf. Ich stand auf und verließ sein Zimmer.
War ich nur der Wärter in einer Irrenanstalt? So kam ich mir langsam aber sicher vor. Vielleicht gab es ja überhaupt keine übersinnlichen Kräfte und Tristan war einfach nur verrückt? Eine verlockende Vorstellung. Ich seufzte und rief von unserem Wohnzimmertelefon Isis Tellanvor an. Danach sank ich in einen unserer eleganten und durchaus bequemen Sessel.
Als es an der Tür klingelte, ließ ich Isis herein und beschloss, ein wenig Einkaufen zu gehen. Das war wenigstens eine praktische Tätigkeit, die nicht sehr viel mit Menschen, die von Drachenstäben aufgespießt waren, zu tun hatte.
Leider musste ich in unserem Supermarkt mit einer sehr langen Schlange an der einzigen offenen Kasse vorliebnehmen.
Das Herumstehen und in den Wagen starren, der voller unnutzem Kram war, lockte meine Gedanken auf einen Spaziergang in die Vergangenheit.
Ein warmer Tag in meinem achten Lebensjahr. Ein Tag zum Fahrradfahren und Schwimmen, doch leider auch schon der erste Tag des neuen Schuljahres und deshalb blieb uns nur unsere aufgestaute Energie in wilden Prügeleien auszuleben.
In den Ferien war ich mit meinen Eltern an der Côte d´Azur gewesen und wir hatten an Bord einer Yacht ein paar Touren unternommen. Andere Kinder in meinem Alter hatte ich keine getroffen, dafür aber jede Menge Französisch sprechender Kindermädchen, die abends auf mich aufpassen sollten. Als ich hörte, welchen Spaß die anderen gehabt hatten, die nur an die Nordsee gefahren waren, brach bei mir der akute Neid aus.
Auf jeden Fall war ich ziemlich schlecht gelaunt. Als es zum Unterricht klingelte, kehrte ich nur widerwillig an meinen Platz neben einem Jungen namens Michael zurück. Wir waren jetzt Drittklässler, von denen erwartete man schon etwas angepassteres Verhalten als von den Erst- und Zweitklässlern. Also saß ich, den Kopf in die rechte Hand gestützt, auf meinem Holzstuhl und hasste die Welt. Zu der Zeit war ich mir auch ziemlich sicher, dass die Welt mich zurückhasste.
Die Tür öffnete sich und unsere junge Lehrerin betrat mit einem Neuen die Klasse.
"Guten Morgen, ich hoffe, ihr hattet alle schöne Ferien. In diesem Jahr bekommt ihr einen neuen Klassenkameraden. Das hier ist Tristan Tellanvor. Er überspringt ein Jahr, er ist also ein Jahr jünger als ihr. Erzähl mal was über dich, Tristan“, forderte Fr. Grothe ihn auf.
Ich konnte sehen, dass Tristan, der bis dahin schüchtern auf den Boden geschaut hatte, den Kopf hob. So bekam ich das erste Mal seine Augen zu sehen. Seine bernsteinfarbenen Augen. Er war schmächtig, kleiner als die meisten von uns und wirkte verloren, so allein vor der Tafel.
"Ich bin Tristan und ich mag menschenleere Orte und die Philosophen des alten Griechenlandes“, sagte er leise, damit hatte er bei einer Horde neunjähriger Energiebündel natürlich verloren. Sofort wurde er als seltsam abgestempelt, das bekam er bald darauf am eigenen Leibe zu spüren.
"Sie sind dran...“, hörte ich die Stimme der Frau, die ihren Wagen hinter mir stehen hatte. Eilig stellte ich alle Sachen und Flaschen auf das Transportband und bezahlte. Als ich alles in meinen Rucksack gepackt hatte, verließ ich eilig den Supermarkt. Ich fühlte mich immer noch ein wenig drömelig durch meinen Tagtraum.
Ich ging nicht den üblichen Weg zurück, sondern setzte mich auf eine Bank in einem kleinen Parkstück, in dessen Mitte ein Spielplatz für die Kinder der Umgebung errichtet worden war.
Dieser Spielplatz erinnerte mich an den Tag, an dem Tristan und ich Freunde wurden. Damals hatte ich diesen Tag gar nicht so als den Beginn einer Freundschaft wahrgenommen, doch zurückblickend, war das definitiv so.
Ich kam aus der Schule an jenem Spielplatz vorbei und hörte wie einige von meinen Mitschülern, unter ihnen auch dieser Michael, der neben mir saß, jemanden beschimpften und traten.
Ich eilte hin, denn ich fühlte mich selber ziemlich stark und toll.
Sofort sah ich, dass es Tristan war, den sie dort misshandelten. Tristan weinte nicht, wie es die meisten unserer Opfer taten, er schrie nicht, er blutete nur leise aus dem Mund und sah diese vier Jungen, die ihn verletzten mit seinen rätselhaften Augen an. Ich weiß nicht einmal warum, doch ich hatte das Bedürfnis, ihm zu helfen.
"Lasst ihn sofort in Ruhe!“ schrie ich und die anderen drehten sich zu mir um.
"Was? Du willst diesem Schwulen helfen? Diesem Mamasöhnchen?“ empörte sich Michael. Wir hatten alle keine Ahnung, was ein Schwuler eigentlich war. Die meisten Eltern sagten es mit Verachtung, also musste es etwas Schlimmes sein. Vor allem meine Eltern sagten es mit tödlichem Unterton.
"Ich hab gesagt, ihr sollt' ihn in Ruhe lassen“, wiederholte ich. Schon fielen sie über mich her. Ich hatte damals gerade erst zwei Jahre Karateunterricht hinter mir und verteidigte mich ziemlich dürftig. Mein Kopf hatte schon eine Platzwunde, die in den Sand blutete, als ich sah, wie sich alle vier an die Köpfe griffen und schrien, als bohre ihnen jemand eine Nadel durch ihren Schädel. Sie sprangen auf und liefen davon, heim zu ihren Mamis.
Schweratmend blieb ich liegen, versuchte erst einmal zu sortieren, was mir nun alles weh tat. Irgendwie fand ich auch den Anblick meines Blutes auf dem hellen Sand faszinierend und mir wurde gerade klar, dass ich meine Schulfreunde verloren hatte. Das war ja ein guter Beginn für ein neues Schuljahr...
"Danke“, hörte ich Tristans sanfte Stimme. Er kniete sich neben mich. Ich drehte meinen Kopf so, dass ich ihn sehen konnte. Er lächelte mich traurig an, dann holte er aus einer Tasche ein Papiertaschentuch und drückte es auf meine Platzwunde. Erst jetzt begriff ich, dass sie ganz nah an meinem linken Ohr war.
"Das muss genäht werden“, stellte er sachlich fest. "Dazu müssen wir zu einem Arzt.“ Mühsam richtete ich mich auf und mein Kopf schmerzte noch mehr.
Also sagte Tristan: "Warte hier, ich bin gleich wieder da.“
Kurz darauf war Tristan mit der schönsten Frau wieder zurück, die ich bis dahin gesehen hatte. Ihre rätselhaften, braunen Augen musterten mich und ein leises Lächeln verschönerte ihren melancholischen Blick. Später erfuhr ich dann, dass diese Schönheit Tristans Mutter war.
Sie hob mich hoch und setzte mich in ihr Auto, dann fuhren wir alle zusammen in ein Krankenhaus.
Ich wurde geröntgt, genäht und geimpft, während der Arzt mir versicherte, dass ich nur eine leichte Gehirnerschütterung hätte, die in ein paar Tagen vergessen sei. Ich solle nur ein paar Tage im Bett bleiben und viel liegen, deshalb würde er mich im Krankenhaus behalten. Da hatte er aber seine Rechnung ohne meine Eltern gemacht.
Sie kamen völlig schockiert, dass ihr Sohn, Erbe ihres Vermögens, sich geprügelt hatte und schleiften mich nach Hause, wo sie eine Krankenschwester für mich einstellten.
Als ich in das Liegetaxi geschoben wurde, sah ich wie Tristan vor der Tür meines Behandlungsraumes auf mich gewartet hatte. Er lief ein paar Schritte hinter der Bahre und meinen aufgelösten Eltern hinterher. Ich suchte ihn zwischen den Beinen meiner hysterischen Eltern und als sich unsere Blicke trafen, wusste ich, dass ich einen neuen Freund hatte, einen, der ganz anders war, als all meine vorherigen Freunde.
Auf der Bank in dem Park saßen neben mir inzwischen zwei weibliche Teenager, die sich angeregt und albern unterhielten. Sie schienen mich als Testobjekt für ihre weiblichen Reize ausgewählt zu haben, da sie mir ständig schmelzende Blicke unter ihren langen schwarzen Wimpern hervor schenkten. Ich lächelte unverbindlich, griff meinen Rucksack, stand auf, drehte mich noch einmal kurz zu ihnen hin und sagte freundlich: "Ich bin doppelt so alt wie ihr.“ Dann verließ ich den Minipark.
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