Scharlachrote Nächte - Kapitel 1
Kapitel 1: Okkulte Spinner
"Mir gefallen diese Typen nicht, Arne", beschwerte sich Thore bei seinem Redakteur.
"Weil sie Okkultisten sind?"
"Nee, weil sie ein Haufen Sonderlinge sind, die bei Tag einen normalen Eindruck machen." Thore seufzte tief und ließ sich mit einer Pobacke auf der Kante von Arnes Schreibtisch nieder. "Die spinnen alle, ehrlich."
Arne lachte. "Deshalb ist es doch 'ne gute Story: 'Die Wahnsinnigen sitzen gleich am Schreibtisch neben dir!' Das sollte die Leser aufrütteln und dazu bringen, unser Magazin zu kaufen."
Leidend verzog Arne sein Gesicht. "Das kann nicht dein Ernst sein, oder? Stell dir mal vor, für ihren neuesten Hokuspokus brauchen die Spinner Vampirblut. Wie tief kann man noch sinken, hm?"
Sein Redakteur setzte sein Geschäftsgesicht auf und belehrte Thore. "Das mag ja sein, aber im Moment ist das Interesse der Leser am Übernatürlichen besonders groß."
"Dann lass mich was Seriöses recherchieren und schick 'nen anderen zu den okkulten Spinnern."
"Du bist schon in deren Kreis und das weißt du. Oder glaubst du, dass sie inzwischen Verdacht geschöpft haben?"
Thore rekapitulierte seine Gruppe von Okkultisten kurz, dann schüttelte er seinen Kopf. Außer dem wirklich smarten Falko, der nicht nur aufgeweckt, sondern auch extrem attraktiv war - und offensichtlich mit ihm flirtete - gab es eigentlich keinen, der besonders misstrauisch erschien. "Ich glaube kaum."
"Gut, dann ist ja alles okay. Wie lange brauchst du ungefähr noch für deinen Artikel? Ich hätte ihn sonst gern in der nächsten oder übernächsten Ausgabe." Arne war in erster Linie Redakteur und erst in hinterer Reihe Thores Freund.
"Mir ist es egal. Ich kann dir ja mal zusammenschreiben, was ich schon habe und dann kannst du mir sagen, was du noch brauchst."
"Gut, dann reich mir das morgen rein, okay?" Mit einem halben Grinsen wandte sich Arne wieder seinem Bildschirm zu, so dass Thore nur mit einem Schulterheben gehen konnte. Im Grunde mochte er die kurz angebundene Art von Arne, allerdings seit er mit dem Studium endgültig fertig war, nervte ihn die Art der Ermittlungen, die sein Redakteur ihm aufdrückte. Immer nur die reißerischen Themen, die mit Tod, Blut und Sex zu tun hatten. Unwillig ließ sich Thore vor seinem Computer nieder, rief seine bisherigen 'Recherchen' auf, die in Wirklichkeit eher kleine Zusammenfassungen der Treffen dieser okkulten Gruppe waren. Sie nannten sich 'Die Kinder des Blutes und des Lichts' und verehrten nicht den Teufel, sondern eine Art Naturgottheit, deren wirklicher Name nicht genannt werden durfte. Die Gruppe sprach von ihm als Dagod. Thore hatte den Eindruck, dass Dagod auf dem alten slawischen Gott Svarozic, der auch als Dazbog und später als Radegast bekannt war, beruhte, denn eben wie dieser war Dagod zuständig für das irdische Leben, dessen Länge und Erschaffung. Allerdings hatte dieser Gott auch immer wieder Blutopfer verlangt, meistens Pferde und Eber, welche den slawischen Völkern heilig waren. Es gab aber auch belegte Fälle von Menschenopfern. Meistens waren die Opfer ausgeblutet worden, so dass der Gott aus ihrem Blut neue Energie zum Leben ziehen konnte.
Als er das geschrieben hatte, schüttelte er den Kopf. Die meisten der Mitglieder waren vorher entweder Mitglieder der Gothic-Szene gewesen oder hatten anderen Kulten angehört, die meist den Satan verehrten. Allerdings hatte Thore keine Ahnung, wieso gerade dieser abstruse Kult sich durchgesetzt hatte.
Anscheinend waren die finanziellen Mittel dieses Kults sehr viel größer als die der anderen. Immerhin hatten 'Die Kinder des Blutes und des Lichts' eigene, saubere Räume, die in keiner Weise den Klischees von nächtlichen Friedhöfen und zugigen Burgen entsprachen. Dazu kam die Kleidung, die umsonst zur Verfügung gestellt wurde. Weite Roben, die Thore zu theatralisch fand, gehalten in Weiß und Rot, gerade so, dass man darin nicht ganz wie ein in Blut getauchter Priester aussah. Thore hatte sich so in seine Aufzeichnungen vertieft, dass die Zeit an ihm vorbeigeflossen war. Schließlich sah er auf seine klobige Armbanduhr, die kurz vor sechs am Abend anzeigte.
"Verflucht!" Er sprang auf, seinen Computer völlig vergessend, und verließ mit großen Schritten die Redaktionsräume. Draußen kletterte er in seinen alten, grünen Jeep, an dessen Fahrertür ein Schaf prangte. Gerade noch am Tempolimit raste er zu seiner Wohnung, die er hastig betrat.
Wie eigentlich immer, stand sein Mitbewohner Friedel mitten im Weg und Thore prallte gegen ihn. "Uff!"
"Ja sag mal, was ist denn nun wieder mit dir los?", erkundigte sich Friedel entrüstet, sein südlicher Akzent war durch den Schreck noch verstärkt.
"Bin zu spät dran", fasste Thore schnell zusammen, was Friedel zum Lachen brachte. "Ja moi, den Tag möcht' ich erleben, an dem du mal nicht zu irgendetwas hetzen musst."
Thore hatte den Anstand, etwas zu erröten. Konnte er denn etwas dafür, dass seine Gedanken manchmal einfach davon wanderten und sich nicht um das Verstreichen der Zeit kümmerten?
Mit der Zeit hatte sich Thore angewöhnt, den eingebauten Wecker in seiner Armbanduhr zu stellen, damit er rechtzeitig zu Vorlesungen, Terminen oder Verabredungen kam. Gerade an diesem Tag hatte er es vergessen. Auf der anderen Seite wusste er, dass Friedel es nur gut meinte. Immerhin hatte er auch so mache Macke, mit der Thore leben musste. Eine war die Vernarrtheit in Hydrokulturen, welche das Wohnzimmer in einen Dschungel auf Tonkügelchen verwandelt hatte. Die andere war eine Vorliebe für knackige Ballett-Tänzer, deren psychische Stabilität die eines Schmetterlings in einem Taifun war. Zudem schrieen sie beim Orgasmus größtenteils unerträglich theatralisch, so dass Thore in seinem Bett die Augen verdrehte und sich vorkam, als lausche er einem übertrieben gespielten Porno.
Friedel seinerseits nahm häufiger Anstand an Thores riesiger Kollektion von Büchern, die hinter dem Dschungel sämtliche Regale füllten, dazu seine Gesteinsammlung, die sortiert in einem kleinen Regal lag. Dazu kam noch, dass Thores wenig ausgeprägter Sinn für Romantik öfter mal gegen Friedels Suche nach dem einen, richtigen Prinz stieß. Vor allem, wenn Friedel wieder einmal einem seiner Tänzer hinterher trauerte und bei Thore Trost suchte. Nach zehnminütigem Trösten, erklärte Thore meist: "Finde dich damit ab und such dir einen Neuen." Das löste meist einen zweiten, noch längeren Weinkrampf bei seinem Freund aus.
Ansonsten verstanden er und Friedel sich prima.
"Hast recht", lenkte Thore also ein, bevor er schnell in sein Zimmer hetzte. Er musste noch die Kleidung zusammensuchen und sich stilgerecht schminken, bevor er aufbrechen konnte. Er hüpfte auf einem Bein, während er versuchte, schnell aus seinen halbhohen Stiefeln zu schlüpfen und an seiner Hose zu zerren. Das Ergebnis war, dass er auf sein Bett taumelte und flach liegen blieb. Er fluchte leise, dann zog und zerrte er weiter an seinen Sachen, bis er schließlich nur noch in Unterhose vor dem Spiegel stand. Da erst atmete er durch.
Nach einem weiteren Blick auf seine Uhr stellte er lächelnd fest, dass er etwas Zeit wieder gut gemacht hatte.
Besser gelaunt klebte er sich das Mikrophon zu seinem Diktiergerät auf die Haut, so dass es in Brusthöhe alles aufnehmen würde, danach zog er erst die übliche schwarze Hose an und dazu ein T-Shirt. Er verstaute den kleinen Recorder sicher in seiner Hosentasche, bevor er drüber ein Hemd anzog, ebenfalls in stilsicherem Schwarz. Das Gewand stopfte er in eine Umhängetasche, froh über den knitterfreien Kunststoff.
Da er schon seit über zwei Monaten diesem Kult hinterher recherchierte, hatte er inzwischen auch das Make-up im Griff, allerdings nur durch Friedels geduldigen Unterricht. Thore selbst war relativ unerfahren mit Kajal, Eyeliner, Lidschatten und all den anderen Dingen, die jemanden verschönern konnten. Wenn er zurück dachte, stellte er fest, dass seine Eltern immer etwas enttäuscht darüber gewesen waren, dass er für Kosmetik kein Interesse zeigte. Als schwuler Sohn war er ein ziemlicher Reinfall.
Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Gesicht zu, das es zu verändern galt. Selbstverständlich gehörte eine blasse Grundierung dazu, dann dunkel umrahmte Augen und, das war der Dagod Bonus, roter Lidschatten und Lippenstift. Im Großen und Ganzen fand Thore, dass dieses Make-up eher einer Geisha zustand als einem Kultmitglied. Aber vielleicht hatten die Begründer dieser Gruppe ja einfach alles in den verschiedenen Kulturen geklaut, was ihnen gefiel. Richtig unästhetisch sah man so ja auch nicht aus. Vor allem Falko nicht, fiel Thore ein und er grinste lüstern.
Ob Falko wohl da sein würde?
Das größere Problem war allerdings: Er war ein Journalist und Falko war Teil seiner Recherche. Später würde sein Artikel veröffentlicht und der Kult enthüllt. Da konnte er ja wohl schlecht was mit Falko anfangen, oder? Das war gegen die Ethik eines jeden Reporters. Auch Thore hielt sich daran, also hielt er Privatleben und Beruf fein auseinander.
"Verdammt, wenn er nicht so geile Augen hätte...", murmelte er leise vor sich hin. Eisblau waren sie. Klar, scharf und gut darin, jemanden mit Blicken auszuziehen. Natürlich waren es nicht nur die Augen, aber in den Zeremonien, während Gesänge angestimmt wurden, sprachen Blicke am lautesten.
Friedel klopfte an seine Tür, obwohl die offen stand, und riss ihn damit aus seinen Gedanken. "Hast keine Zeit zum Träumen, wenn du noch pünktlich sein willst", höhnte er hinter Thore, allerdings mit Zuneigung in der Stimme.
"Ja, ja...", maulte Thore und drehte sich um, damit Friedel das Make-up ansehen konnte. "Deine Meinung, Meister der Farbtöpfe?"
"Gut genug."
"Na danke." Thore rollte die Augen, bevor auf den Flur sprang, wo er seine dunkle Lederjacke schnappte. "Ich weiß nicht, wann ich wieder da bin, okay?"
Friedel sah mit gekreuzten Armen und einigem Amüsement zu, wie Thore mit Jacke, Umhängetasche und Schuhen kämpfte, aber als sein Freund und Mitbewohner aufstand, wurde er ernst. "Pass auf dich auf, klar?"
"Hn?"
"Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl..."
Thore hob die Schultern. "Es wird schon nichts passieren." Er grinste und ging zur Tür. "Bis später."
Draußen war es inzwischen dunkel geworden, auch wenn die Straßen noch vom nachmittäglichen Regen feucht waren; es roch nach einer sternenklaren, kalten Nacht. Thore zog seine Jacke enger um sich und erschauerte. Auch im Wagen war es wieder kalt, die Heizung hatte beschlossen, mehr kalte als warme Luft auszupusten, so dass er schon begann, an Friedels Gefühl zu glauben. Bibbernd kam er schließlich in der ruhigen Wohngegend an, die so wenig nach Blutritualen aussah, wie ein Teddybär nach einem Terroristen. Der Vorteil war, dass es im Grunde nie Probleme gab einen Parkplatz zu finden. Er klingelte bei 'Scherrau' und wurde reingelassen, ohne nach seiner Identität gefragt worden zu sein. Alles lief so wie immer, dachte Thore, während er die Marmorstufen in den dritten Stock hinaufstieg und das Diktiergerät einschaltete. Im Flur begrüßte ihn der Hohepriester Stefan, hochgewachsen, schwerfällig und mit einem angenehmen Lächeln. Thore entledigte sich seiner Jacke, schlüpfte in das Kultgewand, wobei ihm die Haare durch die elektrische Aufladung ein wenig aus der Form gerieten. Danach platzierte er seine Jacke neben die der anderen an der Garderobe, dabei hatte er den Geruch von feuchter Wolle und Mottenkugeln in der Nase, der blieb, bis er das Kultzimmer betrat. Angeekelt kräuselte er die Nase, konnte aber nicht genau sagen, was dieses leicht süßlich-muffige Aroma eigentlich hervorbringen konnte. Es gaukelte ihm Vertrautheit zu, die er nicht zuordnen konnte.
Um sich abzulenken, sah er sich nach Falko um. Doch egal in welche Ecke er schaute, er konnte den eisblauen Blick nicht finden. "Wo ist denn Falko?", fragte er niemanden bestimmtes.
Seine Antwort war ein allgemeines Schulterheben. Eine junge Frau namens Paula, mit einem sehr kunstvollen Blüten-Tattoo, welches unter ihrem rechten Ohrläppchen begann und über ihrer Augenbraue endete, wusste mehr. "Sein Vater ist schwer krank, daher bleibt er heute Abend zu Hause."
Dankbar nickte Thore, während ihm Paula ein Glas mit rotem Wein reichte. Es war so üblich Wein zur Begrüßung zu trinken, als Ersatz für Blut. Doch dieses Mal verursachte der latente Geruch ihm leichte Übelkeit, während er angewidert in das Glas starrte. Da er durch sein Verhalten die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zog, trank er einen kleinen Schluck. Die schwere des Weines brachte ihm keine Erleichterung. Er war dankbar, als Stefan den Kreis einberief. Sie stellten sich in einem Kreis auf, wobei der Platz, welcher Südosten markierte, frei blieb, um Dagod einen Zugang zu geben, sollte der Gott sich entschließen, auf einen Sprung vorbei zu kommen.
Mit halbem Ohr lauschte er Stefans Ausführungen, während seine Neugier nach den Gründen für den Geruch spürte. "Seid gegrüßt meine Brüder und Schwestern. Wie Ihr alle wisst, ist es endlich soweit - wir werden den ersten Schritt zur Unsterblichkeit tun."
Das löste eine allgemeine, freudige Zustimmung auf den Gesichtern um Thore herum aus. Er selbst schnaubte innerlich verächtlich, denn nun ging sicher wieder das Vampir-Geschwafel los. Immer wieder hatten er gehört, dass Vampire die erwählten 'Kinder Dagods' waren, denen er mit seinem Blut das ewige Leben geschenkt hatte. Dieses Leben konnte man teilen, wenn ein Mensch selbst das Blut des Vampirs trank, zusammen mit anderen Zusätzen, von denen Thore die meisten wieder vergessen hatte. Ausgekochte Eichenrinde, um die junghaltende Wirkung zu Verstärken, daran konnte er sich erinnern. Und an Rosenwasser. Wirklich eine bizarre Mischung und er hoffte stark, dass er das Gebräu nicht kosten musste.
Stefan faltete seine Hände, dass er fast wie ein Chorleiter wirkte. "Damit wir genug Blut für uns nutzen können, müssen wir ihn vorher sättigen. Die auserwählten Kinder Dagods brauchen nicht viel Blut; sie trinken selten mehr als nötig. Nur wenn sie in einen Blutrausch geraten, dann können wir sie hinterher anzapfen. Denkt daran, er gibt, damit wir alle länger leben können."
Die Mitglieder des Kultes senkten die Köpfe, eine Geste der Dankbarkeit gegenüber dem Spender. Thore nutzte die Chance und seine Augen huschten über die Gesichter der anderen Anhänger, doch er fand keinen, der wie er, skeptisch war. Warum waren sie bloß so gläubig, wenn es doch offensichtlicher Humbug war, den sie zu hören bekamen?
"Wir beginnen mit den Vorbereitungen. Ein jeder von euch weiß ja, was zu tun ist. Paula, kümmere du dich um Thore."
Sie nickte und zog ihren Schützling am Ärmel beiseite. "Wir bereiten die Instrumente vor", erklärte sie leise, dabei wirkte sie verändert. Sonst war sie freundlich, vielleicht sogar ein wenig schüchtern, aber nun hatte sie eine ungewohnte Entschlossenheit im Gesicht. Thore sah es mit Erstaunen. Sie gingen in ein Zimmer, das er noch nie zuvor betreten hatte. Thore musste seine Augen zukneifen, denn nach dem Kerzenlicht tat die weiße Beleuchtung weh. Allerdings brachte ihn der erste klarere Blick zum ungläubigen Staunen - auf hässlichen Metallregalen lagerten Operationsinstrumente, manche steril verpackt, andere offen, so dass sie im kalten Neonlicht des Raumes unangenehm blitzten. Verwundert blickte er sich nach Paula um, die nur sanft lächelte. "Wir brauchen einige Kanülen, Wundspreizer und Skalpelle. Weißt du, wie so etwas aussieht?"
Thore schüttelte den Kopf, also zeigte Paula ihm, was sich wo befand, wobei sie ungewöhnlich elegant von Regal zu Regal tänzelte. Freudig erregt hielt sie Thore Dinge unter die Nase, von denen er gar nicht wissen wollte, wozu man sie benutzte. Allerdings war er ja nicht als Privatperson vor Ort, denn als solche wäre er nicht einmal im Traum auf die Idee gekommen, sondern als Rechercheur, und so brachte er sich dazu, Paula nach den Geräten zu befragen. "Was ist das?"
"Eine Kanüle, mit der führen wir Mittel zu, die verhindern sollen, dass das Blut gerinnt. Allerdings kann ich gar nicht sagen, ob unsere Medikamente auch bei den Kindern Godads wirken." Sie lächelte selig, ohne einen für Thore erkenntlichen Grund. Ein wenig kam sie ihm vor wie unter Drogen. Bis jetzt hatte er es noch nicht miterlebt, dass in diesem Kult Drogen konsumiert wurden, aber er war ja auch noch der Neue, dessen man sich noch nicht hundertprozentig sicher war, egal was Arne sagte. Es war kein Misstrauen, es war einfach nur noch keine wirkliche Vertrautheit.
Auch die anderen Gegenstände erweckten in Thore keine guten Vorahnungen, der Wundspreizer war mit Haken versehen, die schmerzhaft spitz blitzten. "Und, äh, wozu brauchen wir das?", fragte er heiser.
"Damit sich seine Wunden nicht von alleine schließen während wir ihn ausbluten. Stefan sagt, Godad hat seine Kinder mit großen Kräften gesegnet - sie heilen von selbst, leben ewig und man kann sie nur töten, indem man ihnen den Kopf abhackt, sie solange ausbluten lässt, bis kein Tropfen von Godads Lebenssaft mehr in ihnen ist oder man lasst sie solange Hungern, bis sie in der Sonne verbrennen können."
"Aha", murmelte Thore, dem das alles etwas zu abergläubisch klang. Langsam wurde ihm mulmig. Unsicher darüber, was er tun sollte, folgte er Paula zurück ins Kultzimmer. Die anderen hatten inzwischen eine Art Altar enthüllt, den Thore schon kannte. Meistens wurden darauf Kerzen angezündet, als Lichtopfer für den Gott. Heute allerdings sah es weniger nach einem Lichtopfer aus. Er keuchte, als er einen Mann erkannte, der auf dem Nirosta-Tisch festgeschnallt war, welcher unter dem roten Samt verborgen gewesen war. Nie wäre Thore darauf gekommen, dass der Samt Hand- und Fußfesseln verdeckte, zudem eine hydraulische Höhenverstellung und einen Ablauf. Gut konnte er sich diesen Tisch in einer Pathologie vorstellen, aber nicht in einer Wohnung.
Das Opfer auf dem Tisch rührte sich nicht und erst bei genauerem Hinsehen erkannte Thore, warum. Der Mann war tot. Sein Hals und die Innenseiten der Oberschenkel waren mit Nadeln gespickt, diese leiteten das Blut in irdene Kultgefäße. Und nun wusste Thore auch, dass dadurch der übelkeitserregende Geruch gekommen war. Ihm wurde ernsthaft schlecht und er rückte unwillkürlich von diesem Anblick ab, während sein Magen sich zusammenkrampfte. Hatte er nicht noch am Nachmittag 'Die Kinder des Blutes und des Lichts' als harmlose Spinner abgetan?
Zumindest mit den Spinnern hatte er Recht gehabt.
Er wusste auch, dass er mit seiner Reaktion einen Fehler begann, aber er konnte nicht anders als dem Impuls und der Übelkeit nachzugeben. Während er noch zurückwich, handelten die anderen Mitglieder mit eisiger Entschlossenheit.
"Wusste ich doch, dass er nicht zu uns gehört!", vernahm er noch eine schrille Stimme, bevor ihm jemand sein Gewand von hinten über den Kopf stülpte, so zog er Thore damit zu Boden. Noch während Thore sich wehrte und um sich schlug, dabei berührte er auch ein paar weiche Körper, doch leider völlig wirkungslos, wurde ihm klar, dass er verloren hatte. Alles was er noch wusste war, dass er nicht so enden wollte: Ausgeblutet auf einem Tisch, umgeben von furchterregenden Spinnern, die tagsüber ehrenwerten Berufen nachgingen und kleine Kinder erzogen. Innerlich sträubte er sich, auch wenn er gegen sechzehn Menschen keine Chance hatte. Am Ende traf ein dumpfer Hieb auf seinen Kopf und er verlor sein Bewusstsein.
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Aktualisiert (Freitag, den 31. Juli 2009 um 11:51 Uhr)


