Festen Schrittes betrat er die Büroräume über der Polizeiwache, in denen sein Vater arbeitete. Keiner hatte versucht ihn aufzuhalten, da ihn eh alle kannten.
"Tut mir leid mit deinem Bruder.", hatte ihm ein Kollege seines Vaters gestanden.
"Ich muss mal eben in sein Büro." hatte Christian gedrängt und war problemlos hingekommen.
Er untersuchte die Papiere auf dem Schreibtisch seines Vaters und fand heraus, wer sich um den Fall kümmerte. Dann schlich er sich in das Büro des Kommissars und untersuchte die Akten dort.
Unter den Beweisstücken fand er das Adressbuch seines Bruders. Damit würde er anfangen.
Der nächste Kopierer vervielfältigte für ihn das Privatleben seines toten kleinen Bruders. Verbindungen, Spuren, Hinweise auf sein Leben und vielleicht auf die Ursache für seinen Tod.
Das würde seine ersten Schritte bestimmen, das würde ihn leiten.
Er brachte das kleine Adressbuch zurück und merkte erst, als er es wieder zwischen die anderen Beweisstücke legte, merkte er, wie schwer es ihm fiel, das kleine Ding loszulassen. Zitternd ließ er das kleine benutzte Büchlein wieder an seinen Platz gleiten.
Dann drehte er sich um, beim Gehen faltete er die Blätter und steckte sie in seine Jackentasche.
Er verabschiedete sich betäubt von den Männern der Nachtschicht und verließ die Wache.
In seiner Wohnung wartete seine Katze Vanilly schon lange geduldig auf ihr Gnadenbrot. Er streichelt das blass-orange Tier abwesend und begann in den Kopien aufzufalten und anzuschauen.
Namen, Adressen, Telefonnummern...das Leben, Vergnügen und Leiden seines Bruders verteilt auf ein paar verknüllte Seiten Umweltpapier.
So viele Namen, er kannte keinen davon.
Sein Leben bestand aus nicht einmal halb so vielen Namen und Telefonnummern.
Das würde sich von nun an ändern.
Mit einer Tasse Tee in der Hand und nachdem er die arme Vanilly ausreichend mit Futter und Wasser von ihrer Zwangsdiät erlöst hatte, begann er sich einen Plan zurechtzulegen.
Die Frauen würde er zuerst anrufen.
Schließlich hatte Robert ja wohl Sex gehabt und soweit er das beurteilen konnte, war sein Bruder immer ein Fan vom weiblichen Geschlecht gewesen.
Er würde einfach der alphabetischen Reihenfolge nachgehen, eine Nummer nach der anderen. In der Stimme vielleicht den Tod seines Bruders hören. Eventuell Schuld, Lust und Blut. So schwer und drückend, dass es zu ihm dringend musste.
Und wenn es nun lachende, kalte Stimmen waren?
Was dann?
Auch darin könnte Schuld stecken, unerkannt, verborgen lauernd, nur darauf wartend, entdeckt zu werden.
Er klemmte den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter und tippte die erste Nummer ein. Das Freizeichen steigerte seine Erwartung, ließ Gedanken in ihm aufsteigen.
Was wollte er sagen? Hätte er sich möglicherweise vorher überlegen sollen, was?
Doch er brauchte nichts zu fürchten, denn das Rufen des Telefons stieß auf kein offenes Ohr. Dann wählte er die nächste Nummer, entschlossen einfach erst einmal nach einer Verbindung zu Robert zu suchen.
"Hallo?" meldete sich eine männliche Stimme.
"Hier ist Christian Grothe. Ich wollte mal fragen, ob Vera da ist."
"Vera wohnt hier schon lange nicht mehr. Sie ist nach Lyon gezogen."
Also keine Mörderin.
"Oh, vielen Dank."
Viele waren nicht erreichbar, da die Uhrzeit ungünstig war.
Christian beschloss am nächsten Tag bei einigen Adressen einfach einmal vorbeizuschauen.
Die anderen klangen ehrlich und hatten für die Nacht ein Alibi, manche beides. Viele waren wohl Freundinnen von seiner Mutter, denn sie kannten ihn und erkundigten sich gleich nach Robert und ihm.
Christian schwieg sich beharrlich über den Zustand seines Bruders aus.
Schließlich um 1Uhr morgens beschloss er es erst einmal aufzugeben.
Er war unentschlossen, ob er ins Bett gehen sollte.
Lange saß der dunkelhaarige Mann auf seinem Sofa und starrte in seine unbeleuchtete Wohnung, Gedanken betont neutral.
Er konnte nicht riskieren zu viel zu denken und eventuell Bilder in seinem Kopf entstehen zu lassen.
Grausame Bilder.
Sein kleiner Bruder, in Not, schreiend, nach ihm oder einem anderen Helfer in seiner Todesangst. Er hatte ihn in der schlimmsten Stunde allein gelassen.
In dem Moment, der entscheidend gewesen war, war er nicht bei seinem Bruder gewesen. Schuld plagte ihn, hielt ihn wach und gedämpft.
Schatten und Licht Vollführten ihr ewiges Spiel an seiner Wand, wenn Autos vorbeifuhren.
Keine Gewinner, nur Verlierer.
Nur das Grau herrschte für immer.
Nicht schlafen, nicht die Gedanken gewinnen lassen.
Stark blieben, heute und morgen, solange es sein muss.
Für Robert.
Dann fiel sein Kopf zur Seite und er schlief.