Scharlachrote Nächte - Kapitel 2

Kapitel 2: Ausbruchsversuche

Schmerzen waren das erste, was er wahrnahm, als Thore wieder erwachte. Vor allem dumpfe, hämmernde Kopfschmerzen, die sich in pulsierenden, roten Wellen in seinen Augenlidern visualisierten. Sein Gehirn spuckte erste Tatsachen aus: Er lag auf der Seite und nicht gerade auf weichem Untergrund.
"Oh", stöhnte er und wollte dabei spontan seine Hände zum Kopf heben, aber es ging nicht. Versuchsweise zog er noch einmal an seinen Armen, aber an den Handgelenken war er gefesselt, so dass seine Arme hinter dem Rücken verschränkt blieben. Auch das Wackeln seiner Beine war behindert, daraus schloss er, dass er auch an den Fußgelenken gebunden war. Als er ein wenig herumprobierte, schnitten sich die Fesseln in sein Fleisch. Das tat verdammt weh, bot aber eine kleine Ablenkung von den Kopfschmerzen. Konzentriert fischte er in der Luft herum, bis er ein Ende mit den Fingern erwischen konnte. Es fühlte sich nach Plastik an, rau auf der einen Seite.
Kabelbinder, schoss es durch seinen Kopf, belohnt von einer weiteren Schmerzattacke. danach holte er tief Luft und öffnete die Augen, entgegen des Protestes von seinem Schädelinneren.
Vor ihm erstreckte sich ein grauer Betonboden, erleuchtet in seiner ganzen Schönheit von grellem Neonlicht, der vor einem Schuhpaar endete. In den schwarzen, klassischen Schuhen steckten Füße, stellte er etwas belämmert fest. Um die Fußgelenke waren breite Eisenbänder, an denen Ketten befestigt waren.
Auch ein Gefangener?
Sein Blick folgte den Beinen aufwärts, über eine graue Hose, die an den Knien aufgescheuert war, wahrscheinlich von einem Sturz, über den nachtblauen Pullover, der ebenfalls dreckig und an einigen Stellen kaputt war. Dabei musste er feststellen, dass die Hände des anderen Mannes ebenfalls hinter dem Rücken gebunden waren, zumindest sah es so aus. Als er schließlich das Gesicht erreichte, fiel ihm zuerst das Tuch über dem oberen Teil des fremden Gesichts auf.
Immerhin das hatten die Kultmitglieder Thore erspart.
Als nächstes bemerkte er die formvollendeten Lippen auf, welche extrem blass waren, aber erstaunlicherweise, trotz der brenzligen Situation, zu lächeln schienen. Das Klirren der Ketten holte Thore aus seinen Gedanken, denn der andere kam auf ihn zu.
"Sind Sie wach?", fragte der Fremde mit einer angenehmen Stimme - jung mit einem leicht rauen Farbton.
"Ja." Er versuchte sich in eine bequemere Lage zu ruckeln, dabei tat ihm eigentlich alles weh, vor allem der Arm, auf dem er die meiste Zeit gelegen hatte. "Zum größten Teil zumindest."
"Wo sind wir?", wollte der Fremde wissen.
Thore blickte sich um so gut er konnte, erkannte ein paar Regale, auf denen alte Einmachgläser gefüllt mit verblasstem Obst, Weihnachtslichterketten Farbdosen und anderer Müll standen. Wenn er seinen Kopf weiter verdrehte, konnte er eine Tür erkennen. Er schätzte, dass es Holz war. "Ich glaube, es ist ein Keller."
"Daher der muffige Geruch." Sarkastisch verzogen sich die einnehmenden Lippen. Danach sank der Fremde etwas ungeschickt neben Thore auf die Knie. "Sie bluten", stellte er sachlich fest. "Frisches Blut. Alles in Ordnung?"
Thore schluckte. "Wahrscheinlich habe ich meine Handgelenke aufgeschnitten, als ich versucht habe, mich zu befreien."
"Sie benutzen Plastikfesseln."
"Habe ich mir fast gedacht." Thore versuchte ebenfalls auf die Knie zu kommen, aber sein Kopf schmerzte sehr und ihm wurde schlecht davon.
"Blieben Sie lieber noch einen Augenblick liegen", riet ihm der Fremde.
"Aber wenn die okkulten Spinner kommen, um uns bluten zu lassen wie Schweine für Blutwurst?" Die andere Frage war, warum hatte sie es nicht gleich gemacht?
"Okkulte Spinner? Bluten?", fragte der Fremde.
"Ja. Vielleicht haben Sie es ja nicht mitbekommen, aber wir sind in den Händen eines Kults, der seinem Gott Blutopfer bringt. Ich bin Journalist und habe hier ermittelt. Verdammt, ich habe nicht bedacht, dass diese Idioten ernsthaft gefährlich sein könnten."
"Ist es ein Svarozic Kult?", hakte der andere heiser nach. Es klang beinahe besorgt.
"Ich denke schon. Sie nennen ihn Dagod." Thore fiel auf, dass die Lippen des anderen Mannes sich in einen dünnen Strich verzogen hatten. "Wie sind Sie hier gelandet?"
Diese Frage löste ein bitteres Lachen aus. "Oh, ich war auf dem Weg von einem Essen nach Hause, es war schon etwas später, als mich einige Leute aufhielten. Sie fragten mich nach dem Weg zum Bahnhof, dabei umkreisten sie mich immer enger. Warum ist mir das nicht aufgefallen? Vier hielten mich fest, während ein anderer mich mit einem Knüppel auf den Kopf schlug."
"Scheiße!", kommentierte Thore.
"Könnte man so sagen." Der Fremde lachte noch einmal, dieses Mal klang es ehrlicher, angenehm harmonisch.
"Wir müssen hier weg!" Mit Mühe und Ächzen richtete Thore sich auf, allerdings kam er nicht auf die Knie, sondern saß seltsam verkrampft auf einer Pobacke, die Beine angewinkelt hinter ihm. "Ich habe kein Bedürfnis als Leiche zu enden."
"Vielleicht können wir mit dem Tuch anfangen?"
Thore nickte, was weh tat. Zudem konnte der andere es nicht sehen. "Okay. Am Besten senken Sie Ihren Kopf und ich halte es mit dem Zähnen fest, während Sie sich befreien. Einverstanden?" "Einen Versuch ist es wert."
Thore schnappte sich den oberen Teil des Tuches mit dem Zähnen und biss kräftig zu, damit es sich nicht wieder löste. Der Andere zog und wand seinen Kopf aus dem Tuch, so dass Thore sich die ganze Zeit gegen den Zug anlehnte. Als das Tuch sich am Ende unerwartet löste, fiel er durch den Schwung erst einmal hinten über.
"Autsch!", beschwerte er sich, von seinem Mitgefangenen hörte er ein erleichtertes: "Danke."
Mühsam hievte er sich wieder hoch, leise vor sich hin fluchend. In sitzender Position angekommen, war er natürlich neugierig auf das Gesicht, das zu dem attraktiven Mund gehörte. Er wurde nicht enttäuscht.
Am erstaunlichsten waren die Augen. Ihre Farbe war ein helles, klares Grau, sie waren groß, wirkten ein wenig melancholisch. Sie zogen seinen Blick in ihre Tiefe, fesselten ihn dort, ohne dass er sich ernsthaft wehren wollte. Dichte, kurze Wimpern brachten ihr Leuchten noch mehr zur Geltung. Entweder sie, oder das fiese Neonlicht. Die Augenbrauen waren kräftig, aber nicht breit. Thore bewunderte kurz, wie sie zuerst sanft anstiegen und dann rapide abfielen. Als er noch in ihre Betrachtung vertieft war, zogen sie sich auch schon kritisch zusammen. "Entschuldigung, wollten wir nicht überlegen, wie wir hier herauskommen?"
Verdattert kam Thore wie aus einem Traum wieder zu sich. "Stimmt ja. Sorry." Das schlimmste war, stellte er fest, dieser Mann entsprach gar nicht seinem Typ. Er stand nicht auf die feingliedrigen, großäugigen - das war Friedels Ressort. Er versuchte den Zauber abzuschütteln und sah sich schnell um. Aus den Augen, aus dem Sinn, hielt er sich vor.
"Macht nichts", lenkte der andere ein und folgte Thores schweifendem Blick. Am Ende blieben beide an den Einmachgläsern hängen.
"Wenn ich zum Regal robbe und gegen trete, fallen die Gläser sicher runter...", dachte Thore laut. Er wusste, dass er es tun musste, denn sein Mitgefangener hatte durch seine Fußfesseln nur einen sehr eingeschränkten Aktionsradius. "Mit den Scherben könnten wir die Handfesseln durchschneiden."
"Klingt gefährlich!"
Thore hob nonchalant seine Schultern. "Ich bin für alle Vorschläge offen."
Der andere Mann schwieg nachdenklich, für einen Moment hatte Thore das Gefühl, er wolle etwas vorschlagen, doch hielt sich dann zurück. Mit einem Seufzer gab er nach. "Na gut, versuchen Sie es."

Es war sehr viel schwieriger und anstrengender mit gebundenen Armen und Beinen zu robben, als Thore sich das vorgestellt hatte. Da er halb auf der Seite dabei lag, scheuerte er sich leicht die Wange auf, während er sich zum Regal vorschob. Angekommen, begann er dagegen zu treten, brachte die Gläser zum Klirren und wirbelte Staub auf.
Thore trat entschlossener gegen die wackeligen Regalbeine, bis der ganze Aufbau schwankte.
"Achtung!", rief sein Mitgefangener, so dass Thore sich schnell in einen Bal zusammenkauerte, als alte Zeitschriften, ein Raclette-Grill und die Gläser auf ihn niedersausten. Einige der Gegenstände trafen ihn schmerzhaft, aber zu seiner großen Befriedigung hörte er auch das Splittern von Glas. Nachdem endlich wieder Stille herrschte, entrollte er sich und versuchte die Scherben zu lokalisieren.
"Rechts hinter Ihnen!" dirigierte ihn der Fremde, Thore fand, dass seine Stimme auch aufgeregt eine sinnliche Qualität hatte. Mit einem selbstironischen, innerlichen Kopfschütteln wandte er sich um, versuchte sich die Position der gefährlich glitzernden Scherben zu merken, um dann rückwärts nach den Fragmenten zu tasten. Dabei gab ihm sein Mitgefangener leise Anweisungen, solange, bis er eine winkelige Scherbe fand, die sicher vom Boden eines der Gläser stammte, und greifen konnte. Seine Finger blieben an dem zuckrigen Obstwasser kleben, derweil er versuchte, eine scharfe Seite zwischen seine Handgelenke und unter das Plastik zu lenken.
"Verdammt!", fluchte er leise, denn das Plastik war sehr auf Spannung und arbeitete sich durch die Bewegungen immer tiefer in sein Fleisch, was aber auch bedeuten konnte, dass ein kühner Schnitt es durchtrennte. Entschlossen packte er die Scherbe fest und drückte sie mit aller Kraft gegen seine Fesseln. Zugleich spürte er, wie das Plastik entzweiriss und die scharfe Kante des Glases sich in seine Fingergelenke einschnitt. Triumph und Schmerz durchdrangen ihn, bevor er seine Hände vor die Augen hielt, als Bestätigung, dass es wahr war. Er hatte es geschafft, hatte die Fessel gelöst und war frei.
Hinter ihm jubelte auch sein Mitgefangener. "Sie haben es!" und Thore drehte sich zu ihm, zeigte seine freien, blutenden Hände. Obwohl ihm an und für sich der Anblick von Blut nicht so viel ausmachte, auch wenn es ihm nicht behagte, war es doch mit seinem eigenen etwas anderes, denn er fühlte sich seltsam zitterig, als er den Lebenssaft seine Handrücken entlangfließen sah. Unwillig schüttelte er den Schwindel ab, nutzte die Scherbe schnell, um noch seine Fußfessel zu durchschneiden, bevor er sich seinem Mitgefangenen zuwandte.
Der starrte auf das Blut, welches auf dem grauen Beton grell rot leuchtete. Als Thore ihm näher kam, wicht er zuerst zurück, als ob er sich fürchtete.
"Ich schneide Ihre Hände los, keine Angst", erklärte Thore beruhigend, der diese Reaktion nicht verstand. Meinte der andere etwa, dass er ihn nun mit der Scherbe die Kehle aufschlitzen wollte? Warum sollte er das tun?
"E-Entschuldigung."
Thore hob die Schultern, dabei spürte er, wie das Blut brennend in seine Füße zurückströmte. Der Atem des anderen war hörbar, schwerer als Thore erwartet hatte, die Augen heller als noch vorher. Sie leuchteten unheimlich, zogen Thore erneut an, doch er wiederstand und wandte sich wieder den anstehenden Aufgaben zu.
Der andere Mann drehte sich ruckhaft um, hob die Hände Thore bittend entgegen, der mit dem Plastik kurzen Prozess machte. Erleichtert rieb sein Mitgefangener hinterher seine Handgelenke und sah Thore dankbar an, seine Augen wieder dunkler, weniger auffallend und doch magnetisch.
Thore fragte sich, ob es vielleicht an der bizarren Situation lag, dass er den anderen Mann so attraktiv fand. Denkbar war, dass es der Einfluss von Todesangst und Adrenalin war, der ihn zu einem welpenäugigen Bewunderer machte. Zumindest wünschte er es sich, denn er wollte nicht zu einem zweiten Friedel werden, der sich immer wieder völlig planlos in Männer verknallte, die ihm nur das Herz brachen. Schnell griff sein Verstand wieder nach den offenkundigen, weniger emotionsbeladenen Problemen. In diesem Fall die Fußketten.
"Was machen wir damit?", fragte er, wesentlich erregter als er es beabsichtigt hatte, deutete dabei mit der Fußspitze auf die Fesseln.
"Vielleicht schaffen wir es zu zweit die Ketten aus der Wand zu brechen? Es scheit, als wären sie nicht besonders gut befestigt", schlug der Fremde rau vor. Thore untersuchte die Wand und musste zustimmen. Die Dübel waren locker im Beton, so dass sie zu zweit sicher die Möglichkeit hatten, sie endgültig zu lösen.
"Sie haben recht...äh...", Thore stockte. Er wusste den Namen des anderen Mannes nicht und suchte fragend den Blick seines Mitgefangenen. "Oh, ich habe mich gar nicht vorgestellt, ich heiße Ludowig. Georg Ludowig."
"Thore Johansson. Journalist beim Fluchtpunkt." Schon am nachdenklichen Blick von Georg sah Thore die Frage voraus. 'Nein, ich bin kein Skandinavier, meine Mutter fand den Namen toll, als sie während der Schwangerschaft Urlaub in Dänemark gemacht hat", erklärte er nach einem Augenrollen.
Georg lachte. "Der Name passt zu Ihnen." Dabei bezog er sich gewiss auf Thores blonde Haare, breiten Handgelenke und hohen Wangenknochen, so wie schon so mancher vorher. Daher verzog sich Thore Mundwinkel nach unten und er drehte sich wieder der Wand zu.
"Was ist nun mit diesen Ketten?", grummelte er und zog probehalber an einer der Ketten. Durch das Blut waren seine Hände glitschig geworden, daher rutschte er ab und polterte hinten über. Für einen Moment wurde wieder einmal alles schwarz.
Die alten Kopfschmerzen mischten sich zu den neuen, er stöhnte, bevor er Georgs Gesicht über sich erkennen könnte. Zumindest nahm er an, dass es sein Mitgefangener war, denn seine Augen hatten noch Schwierigkeiten sich zu fokussieren. Er blinzelte ein paar Mal, runzelte seine Stirn und versuchte etwas zu sagen, doch seine Kehle war wie ausgedörrt. Er sehnte sich nach dem klaren Geschmack von Wasser, schmeckte aber nur Staub und diesen metallischen Anklang von Blut.
"Kannst du aufstehen?", fragte Georg. Am Rande nahm Thore das Duzen wahr, hauptsächlich beschäftigte er sich damit, seine Lippen zu befeuchten.
"Weiß nicht", krächzte er. "Versuchen kann ich es." Als er sich zum Sitzen gequält hatte, stöhnte er, froh darüber, dass er nun frei seine Hände gegen die pochenden Schläfen drücken konnte, damit sein Kopf nicht in eine grau-rote Masse explodieren konnte. Dabei stellte er fest, dass um seine Handgelenke irgendwelcher Stoff gewickelt war. Er schenkte den notdürftigen Verbänden einen Blick, dann wandte er sich an Georg. Der grinste leicht, bevor er seinen Pullover hob und sein zerrissenes T-Shirt zeigte.
"Oh", hauchte Thore und bereute es sofort. Er hatte das Gefühl, als teile er seinen Kopf mit drei anderen Personen, die auch alle Kopfschmieren hatten.
"Ich helfe dir beim Aufstehen."
Die Welt taumelte um ihn herum, um dann schließlich mit einem Knall in ihre gewohnte Form zurückzuschnappen. Thore hielt sich krampfhaft an Georgs Oberarmen fest, wartete die Wellen von Übelkeit und Desorientierung ab. Ruhe fand er in den unerschütterlichen, grauen Augen, die ihn in sein Gleichgewicht zurückzogen. Mit einigen Zögern ließ er Georg wieder los. "Ich danke Ihnen...äh...dir", murmelte er.
"Dank deines Einsatzes sind die Ketten herausgerissen, nun können wir hier heraus." Thore fragte sich, wie lange er bewusstlos gewesen war, da er das alles verschlafen hatte, denn nach einem Blick stellte er fest, dass die Tür offen stand. "Wie...?"
"Ich habe mal einen Trick gelernt, wie man Schlösser knacken kann. Man braucht nur einen Schlüssel, einen Hammer und ein wenig Überzeugungskraft.." Wieder grinste Georg, dabei merkte Thore, dass er wieder an den sinnlichen Lippen hängen geblieben war. Sein Gehirn gab roten Alarm und warnte ihn vor zu langem hingucken. Bei Falko war es okay, weil sexuell, gewesen, aber bei Georg genoss er einfach die Art, wie die Lippen sich zu einem Lächeln verzogen und die Augen leuchteten. Sentimentalität war nicht sein Metier, davon blieb er fern.
Flirten?
Ja.
Sex?
Um Himmels Willen, ja, ja, ja!
Den Rest überließ er Schwärmern wie Friedel.
Thore rang sich ein Nicken ab. "Wir sollten hier verschwinden." Zusammen verließen sie den Kellerraum, wussten aber beide nicht, wo genau es hinausging. Die Ketten klirrten an Georgs Knöcheln, auch wenn er den langen Teil in seinen Hosenbund gesteckt hatte. Daher schlug Thore vor, voranzugehen, als sie eine Treppe erreicht hatten, die nach oben führte. Inzwischen hatte sein Kopf sich soweit erholt, dass der Schmerz kontrollierbar war.
Es war erschreckend ruhig im Haus, um so grausiger, wenn er daran dachte, dass ein Mensch umgebracht worden war - so still und heimlich, dass es keinem aufgefallen war. Vielleicht hatte es auch nur keiner hören wollen.
"Du kannst kommen!", rief er Georg zu.
Sobald sie die Tür aufgemacht hatte, atmeten sie die kalte Luft tief ein. Doch dann wurde Thore bewusst, dass er nicht einfach so gehen konnte. Es packte ihn der Journalistenstolz und die vertrackte Neugier. Wieder lauschte er in Richtung obere Wohnung, aber vernahm nichts.
"Was hast du denn?" Georgs Stimme war zu nah an seinem Ohr, Thore erschrak sich und keuchte. Sein Herz schlug heftig, eine Gänsehaut überlief seinen Körper. Er fragte sich, ob das Angst oder Leidenschaft war. "Nichts... Na ja, ich frage mich, was die da oben machen." Thore hob die Schultern, brachte mehr Abstand zwischen sich und Georg. "Kann nichts dafür, das bringt der Job so mit sich. Klar, ich weiß, wir sollten die Polizei das machen lassen, aber..."
"Da kitzelt etwas in dir?"
Erstaunt blieb Thores Blick abermals an Georg hängen. Nie hatte er eine korrektere Beschreibung gehört. "Manchmal ist es viel mehr als ein Kitzeln", gab er etwas scheu zu. Verständnisvoll nickte Georg, dabei funkelten seine Augen schelmisch. Thore musste schlucken. Das Wasser fiel ihm wieder ein, weil der Geschmack von Blut stärker auf seiner Zunge wurde. "Gehen wir. Mein Auto steht gleich um die Ecke."

Ohne seine Jacke, die er betrauerte, weil er sie zurücklassen musste, fror Thore erbärmlich in der kalten Nacht. Dabei beneidete er Georg, dem die Kälte wenig anzuhaben schien.
"Frierst du nicht, sag mal?"
"Ich bin nicht sonderlich kälteempfindlich", gab der andere Mann zu.
Beim Anblick von Thores Wagen, lachte Georg wieder. "Das ist dein Auto?!"
"Ähm...ja."
"Passt zu dir, irgendwie."
Thore spürte, dass Georg ihn noch einmal genaustens musterte, entkam dieser Analyse aber, indem er schnell das Auto aufschloss. Leise seufzte Georg, sehnsuchtsvoll. Wieder jagte ein Schauer über Thores Nervenbahnen. Er schob alles auf das Adrenalin, schlüpfte auf den Fahrersitz und öffnete für Georg die Beifahrertür.
Danach machte er gleich die Standheizung an, genoss den Strom wärmender Luft, die immerhin die Temperatur im Wagen und Draußen überbot. Sein Herzschlag beruhigte sich langsam wieder, während die Schreiben des Wagens beschlugen und er wandte sich an Georg. "Zur Polizei?"
Etwas beunruhigt bis sich der andere Mann auf seine Unterlippe. "Ähm...also... Im Grunde möchte ich nur noch nach Hause."
"Was?! Man hat dich entführt, das musst du anzeigen."
"Thore...", fing Georg an und legte seine Hand auf Thores, die auf dem Lenkrad ruhte. Einen Moment erstarrten beide, bevor der Journalist seine schnell zurückzog. Noch ehe Georg offen legen konnte, warum er nicht gleich Anzeige erstatten wollte, fiel Thore blinkendes Blaulicht auf. Erstaunt warf er einen Blick über seine Schulter, aber alle Scheiben waren noch undurchsichtig. Also stieg er aus.
Ein Krankenwagen und andere Autos mit Blaulicht hielten vor dem Haus, aus dem er gerade geflohen war. Unwillkürlich lief er ein paar Schritte darauf zu. Aus einem Auto stieg eine hochgewachsene Gestalt, die ihm extrem bekannt vorkam. Seine Beine trugen ihn zu dem Spektakel, noch ehe er sich bewusst dazu entschlossen hatte.
Er musste sicher sein.
Als er zum Stehen kam, sah er sich bestätigt. Erstaunt rief er: "Falko!"

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