Im Licht der Sonne - Kapitel 2
"Guten Morgen!", rief Marc, der an einem der Tisch zusammen mit Reggie saß und winkte Tristan zu. Tristan ging zu ihm und deutete auf die Leute, die er nicht kannte.
"Guten Morgen. Sollte ich die Leute da kennen?"
"Das sind weitere Kollegen. Sie kamen gestern Abend spät von einer anderen Ausgrabungsstelle zurück, deshalb haben Sie die nicht mehr getroffen. Ich hatte zwar erwähnt, dass Sie die heute Morgen treffen würden, aber da waren Sie wohl nicht ganz anwesend." scherzte Marc.
"Mag sein..." Tristan lächelte distanziert. Er wollte so etwas nicht von einem Mann hören, den er kaum kannte. Reggie, die bei Marc am Tisch saß, lächelte amüsiert.
"Wollen Sie frühstücken?", erkundigte sie sich. Tristans Lächeln wurde etwas weniger eisig.
"Gern, aber ich möchte mich lieber erst bei den anderen vorstellen."
Mit unlesbarer Miene bewegte er sich auf den anderen Tisch zu. Noch nie hatte er sich besonders wohl gefühlt, wenn er von so vielen neugierigen Menschen umgeben war. Ihre Gedanken dröhnten in seinem Kopf, fragten nach seiner Herkunft, seinem Aussehen, seiner Freundin, seinen Vorlieben, seinen Qualifikationen. Diese Leute waren sehr begierig darauf zu erfahren, wer der komische Fremde war.
Der komische Fremde, ja das war er wohl immer für die Menschen. Ausgeschlossen durch sein angebliches Genie, sein Aussehen und seine Fähigkeiten. Bewundert vielleicht, gefürchtet öfter.
Deshalb hielt er sich lieber fern, was hier in der Wüste wohl gerade in der Kantine kaum möglich war.
An dem Tisch saßen nur Männer, die alle aus dem arabischen Raum zu kommen schienen. Solche Leute waren empfänglicher für Übersinnliches, das wusste Tristan. Er war gespannt, wie die vier reagieren würden.
"Guten Morgen, ich bin Tristan", stellte er sich vor.
"Guten Morgen, ich bin Basil, das sind Achmed, Bill und Cem", stellte einer die anderen drein vor. "Ich habe natürlich schon viel von Ihrer Familie gehört, wer nicht. Du scheinst ein wahres Genie zu sein, dennoch hoffe ich auf gute Zusammenarbeit."
"Genie kann man nicht sagen, ich lerne ja noch. Gute Zusammenarbeit, darauf hoffe ich auch."
Tristan gab den Männern rundum die Hand. Er wunderte sich, warum ein so arabisch aussehender Mann einen amerikanischen Namen wie Bill trug. Die anderen beiden schienen ein wenig verschlossen, was ja auch kein Wunder war. Tristans Ruf konnte einem schon Angst machen.
Schließlich setzte Tristan sich zu Marc und Reggie. Der alte, strenge Ägypter brachte Tristan eine heißen Tasse Kaffee. Unbehaglich starrte Tristan auf die schwarze Flüssigkeit.
"Was haben Sie denn?", erkundigte sich der stets zuvorkommende Marc.
"Ich vertrage keinen Kaffee...", murmelte Tristan und stand auf.
"Verzeihen Sie, könnte ich Tee bekommen?", fragte er den strengen Ägypter.
"Hier gibt es nur gewürzten Chai", erwiderte dieser ungnädig.
"Das ist auch gut", Tristan wartete bis er eine Tasse mit extrem süßen Pfefferminztee in der Hand hielt und bedankte sich äußerst höflich in Ägyptisch bei dem alten Mann. Der alte Mann lächelte Tristan seltsam
freundschaftlich an.
"Geistersprecher?", fragte er Tristan dann, der erst zögerte, dann aber langsam nickte.
Der alte Ägypter sah in die Leere neben Tris. "Wo ist ihr Vater?"
"Er ist bei meiner Mutter."
"Dann seien Sie vorsichtig, Geistersprecher. Die alten Seelen sind gierig nach Leuten wie ihnen."
"Vielen Dank, ich werde mich bemühen."
"Was haben Sie mit ihm gemacht?" erkundigte sich Marc, als Tris zurück an den Tisch kam.
"Mit wem?" fragt der verwundert.
"Mit dem Alten", flüsterte Marc, "Der zeigt sonst nie ein Lächeln."
Tristan hob die Schultern und nahm einen Schluck des heißen Getränks.
Sein erster Arbeitstag begann beschaulich.
Er teilte sein Zelt mit Basil, der etwas unwillig Platz für Tristan schuf. Nachdem Tristan aber tatkräftig mitangepackt hatte, taute Basil etwas auf.
Er erzählte, dass seine Mutter Engländerin war und dass er daher seinen Namen hatte. Er hatte in Oxford studiert und war vor zwei Jahren zu den Ausgrabungen gestoßen. Damals war er ein 'arrogantes Arschloch' wie er selbst sagte, aber später hatte er gelernt, dass man mit Teamarbeit besser voran kam.
Oxford...
Tristan musste sich bemühen, seinen Schmerz nicht offen auf seinem Gesicht zu zeigen. Vor allem nicht vor diesem fast Fremden. Sein Vorsatz, seine Empfindungen hinter sich zu lassen, war gleich wieder zunichte
gemacht.
Oxford...tat weh.
Dieser Name tat weh, denn Yan war dort. Weit weg von ihm.
Glücklicherweise erbot sich Basil, Tristan die Ausgrabungsstätten genauer zu zeigen und Tristan nahm das Angebot gerne an. Vielleicht hielt ja körperliche Betätigung die Erinnerungen fern?
Er trottete hinter Basil her, sah sich die Ausgrabungen in der Höhle an.
Mumien waren hier gefunden worden und viele Grabbeigaben, die wohl von Grabräubern als nicht wertvoll klassifiziert worden waren. Auf jeden Fall hatten diese Grabräuber wertvolle Schriftrollen und Tafeln achtlos auf einen Haufen geschmissen, der nun langsam, Schicht für Schicht abgetragen wurde. Das Gewusel an der Stelle war groß. Ausgräber, Assistenten, Leute, die dafür bezahlt wurden, Dreck wegzutragen Tristan taumelte fast unter dem Ansturm der Gedanken und Emotionen. Dabei bemerkte er erst, wie dünn seine geistigen Wände und Wälle geworden waren.
Yan schadete ihm nur.
Währenddessen waren sie bei Bill und Achmed angelangt, mit ihren Assistenten jeden Zentimeter des ockerfarbenen Erdreichs nach neuen Rollen und Tafeln absuchten.
Tristan fiel auf, dass es angenehm kühl in der Höhle war. Das künstliche Licht erzeugte eine seltsam surreale Atmosphäre, Wandvorsprünge und Gesteinsformationen malten groteske Fratzen in die tanzenden Schatten.
Unter all den lebenden Gedanken und Gefühlen, der Leute um ihn, hörte Tristan das Flüstern uralter, ruheloser Geister.
Sie erzählten von ihren Reisen durch die Welt und davon, dass sie schließlich an den Ort an dem ihr Körper lag, zurückgekehrt waren. Sie klagten über den Wandel der Welt und wie schlecht alles geworden war. Sie sehr sie litten. Keiner ihnen war es gewohnt, gehört zu werden, sie waren ungeübt, noch stärker waren sie überrascht, Tristans Macht und Klarheit unter sich zu spüren. Langsam wurden es immer mehr Stimmen. Und dann zeigten sie sich ihm sogar.
Tris sah ein hübsches, ägyptisches Mädchen von vielleicht sieben Jahren neben Basil stehen, welches auf eine Ecke der Höhle zeigte. Tristan entschuldigte sich bei Basil, folgte dem Fingerzeig und sah in die Ecke. Dort lag eine Puppe. Erst als er genauer hinsah, erkannte er, dass es eine mumifizierte Katze war. Sehr minimal lächelte Tristan dem Mädchen zu.
Sie kam näher, dann streckte ihre sie Hand nach Tristan aus, der auf die Mumie der Katze deutete.
"Sie ist immer noch bei dir", erklärte er auf Altägyptisch im örtlichen Dialekt, welchen er einfach in den Gedanken des Mädchens fand. "Sie wird immer bei dir bleiben. Du brauchst dir keine Sorgen mehr darum zu machen."
Das Mädchen lächelte erleichtert, nickte dankbar und verschwand.
Tristan sah einen Augenblick an die leere Stelle, als er bemerkte, wie still es auf einmal war. Außerdem starrten ihn alle an.
"Was haben Sie gerade gesagt?", erkundigte sich Basil, dabei schien er ein wenig fassungslos zu sein.
"Hier liegt noch etwas, scheint eine mumifizierte Katze zu sein", sagte Tristan schnell, dem plötzlich klar wurde, dass alle sein altägyptisches Gemurmel gehört hatten.
Basil kam hinzu und sah sich die zerbrechliche Katzenmumie an.
"Oh ja! Das ist ein toller Fund. Wenn die Katze hier liegt, vielleicht finden wir ja auch noch mehr."
Basil freute sich, während er die Katze vorsichtig in Augenschein nahm..
"Sie schienen ein gutes Gespür zu haben", lobte er seinen neuen Kollegen.
"So könnte man es nennen", murmelte Tristan, der froh war, dass sich die meisten wieder ihren Arbeiten zugewandt hatten, als sich eine Hand auf seine Schulter senkte.
"Wie ich sehe, führt Basil Sie herum?", stellte Marc übertrieben erfreut fest.
Tristan meinte ein wenig Unberechenbarkeit hinter seinen Gedanken zu verspüren, sowie dunklere
Gefühle, die er lieber nicht erkunden wollte. Erschöpft nickte er, weil ihn die Empfindungen der Menschen und Geister ein wenig zu schaffen machten.
"Marc, er hat gerade hier ganz hinten noch ein Katzenmumie gefunden. Wenn die von den Räubern dort hingeworfen wurde, ist da vielleicht noch mehr...", berichtete Basil aufgeregt. Tristan merkte wie ihm durch die vielen Geister der Lebenden und der Toten langsam schwindelig wurde. Er wünschte sich, Yan wäre da um ihn aufzuheitern, aber er war es nicht. Das konnte Yan sonst immer gut... Yan...
Die Wände schienen näher zu kommen, die anderen Menschen und die Toten erstickten ihn fast mit ihrem gedanklichen Überschwang.
Er musste einfach raus aus der Höhle. Also stürmte er mit eiligen Schritten in Richtung Ausgang.
"Tristan, warten Sie doch!!", rief Marc, der nicht verstehen konnte, was den jüngeren Mann so plötzlich quälte und lief Tristan hinterher.
"Was ist denn los? Macht Ihnen die Hitze zu schaffen?", erkundigte er sich besorgt, wobei seine Hand sich auf Tristans Rücken legte, der unter der Berührung zusammenzuckte.
"Wahrscheinlich", log Tristan, während er sich von der Hand entfernte. Marc erschein ihm wie ein Bohrer, der seine schützenden Wälle mürber machen wollte.
"Sie sollten sich vielleicht einen Moment ausruhen. Am Anfang macht die Hitze jeden fertig", fuhr der Projektleiter unbeirrt fort.
Bitte, hör auf einfach zu reden, dachte Tristan genervt. Er brauchte nur einen Augenblick Ruhe und vielleicht etwas zu trinken.
Der alte Ägypter kam mit einem Glas Chai auf ihn zu.
Erstaunt nahm Tris das Getränk entgegen. War der Alte etwa wirklich telepathisch? Aber wenn er schon so leicht Tristans Fähigkeiten erkannt hatte, würde das auch nicht mehr verwundern, doch Tris fühlte sich zu müde, um noch in einem Gehirn herumzustöbern.
Marc sah hilflos zu, wie die beiden ein freundliches Lächeln austauschten, das ihm das Blut in den Adern stocken ließ.
Neben dem Kantinenzelt ließ sich Tristan auf einen Stuhl unter einem Sonnenschirm fallen und versuchte nicht unfreundlich zu Marc zu werden, währen der weiter den Alleinunterhalter spielte. Er redete kaum, während Marc davon sprach, was er wohl meinte, in der Höhle alles finden zu können.
Tristan hielt sich verkrampft am dem Teeglas fest, nippte ab und zu, ließ die Süße des Tees die Bitterkeit seiner Gedanken neutralisieren, dabei sah er über die flackernde Wüste jenseits der Zelte.
Sie wirkte unbefleckt und wunderschön, obwohl sie den Tod bedeuten konnte. Sie war seine Quelle der Ruhe, die Fluchtmöglichkeit vor Marcs Geschwätz.
Samuel Goldstein tauchte aus der Wüste auf, wie ein Gespenst und setzte sich zu Tris und Marc.
"Wie war dein erster Tag, Junge?", fragte er Tristan.
Tristan konnte nichts dazu sagen, er fühlte sich überfordert und war kurz davor, Marcs Gehirn in eine blubbernde Masse zu verwandeln. "Ganz okay...", wich er aus.
Der alte Mann lachte. "Das wird schon."
Dann klopfte auch er Tristan auf die Schulter, während dieser sich mit aller Macht zusammenreißen musste, um nicht ein Blutbad anzurichten.
Ich bin zu schwach, belehrte er sich selbst, Ich sollte soviel nachdenken, vor allem nicht an... ihn..
Als der alte Mann endlich ging, wünschte sich Tris auch Marc möge verschwinden.
Alle konnten gehen. Die ganze Welt konnte zur Hölle gehen. Er wollte nur einen Augeblick völliger Ruhe.
Doch dann waren da ja noch seine Versprechen, die Menschen zu schützen.
So schlecht war es ihm, seit er sieben Jahre alt gewesen war, nicht mehr gegangen, er musste
seine geistigen Barrieren unbedingt stärken oder neu errichten.
"Entschuldigen Sie mich", flüsterte Tristan endlich heiser Marc zu und marschierte schnurstracks in sein Zelt. Ihm war egal, dass er Marc mitten in einem Satz hatte sitzen lassen.
Marc war ihm gleichgültig.
In ihm tat alles gleichmäßig weh.
Im Zelt war es unerträglich heiß.
Tristan warf einige handvoll Wasser in sein Gesicht und seufzte tief. Trotz der Hitze warf er sich auf sein Bett, verließ die offensichtliche Welt und trat in jene andere Welt, die ihm bewies, dass die erkennbare Welt nur ein Ausschnitt des Ganzen war.
Er untersuchte seine Barrieren, die schienen dünner als sonst. Als ob sie langsam verfielen, vom ewigen Andrang der Wellen langsam abgetragen wurden.
Also stärkte er sie, webte das Netz aus Abwehr und Sicherheiten neu, dann suchte er nach Lücken. Da waren glücklicherweise noch keine.
Langsam ließ der Lärm in seinem Kopf nach und er atmete erleichtert auf. Jetzt war alles wie immer. Die Welt war ein leises Murmeln, wie ein Tinitus seines Bewusstseins.
Er schwebte zwischen seinem Ich und allen anderen. Ein angenehmer Zustand, losgelöst von der Hitze, den Leuten, dem aufdringlichen Goldstein und dem noch schlimmeren Marc.
Er war in Versuchung einen kleinen Ausflug zu einem Ich zu machen, dass er sehr gründlich kannte und von
dem er präzise wusste wo es war.
Nämlich in Oxford, England.
Doch bevor er auch nur in die Richtung trieb, rief er sich selbst zur Räson und kehrte in die spürbare Welt zurück.
Als er die Augen öffnete, herrschte immer noch die relative Ruhe in seinem Kopf.
Er seufzte noch einmal tief.
Ich darf mich nicht selbst versuchen, sonst komme ich nie darüber hinweg. Werd erwachsen, Tristan.
Dann verließ er das Zelt, um sich wieder der Herausforderung zu stellen, als ein Teil der normalen Welt zu funktionieren.
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