Illusionen und Phantome
Ein Schrei erschütterte die menschenleeren Gänge der ZGD - Unterkünfte. Die Schreie, die ihm nachfolgten bedeuteten neues Leben.
"Herzlichen Glückwunsch, euer Hoheit. Es sind beides Jungen. Wie sollen sie heißen?" Talliden hielt einen der Neugeborenen im Arm, der in eine Decke gewickelt war.
"Der Ältere wird Arlenn heißen, nach Fallenn und Arison. Der jüngere Nicles, nach Nicolai und Leslie. Diese Menschen hatten einen großen Anteil an meinem Leben." Svanie betrachtete ihre beiden Söhne voller Zärtlichkeit. Talliden nickte und sah auf ihren eigenen Bauch, der ebenfalls verriet, daß ihr eigenes Kind bald zur Welt kommen würde. Seit ein paar Wochen waren sie und die Königin in den Bauten auf der Insel im Ero - See versteckt, um auf die Geburt des Thronfolgers zu warten. Daß es gleich zwei waren, war sehr ungewöhnlich.
"Nun warten die beiden nur noch auf ihren Spielgefährten, Talliden und dann kehren wir nach Branor zurück." entschied die junge Mutter und Königin.
"König Kavel wartet gewiß ungeduldig auf seinen Nachwuchs, euer Hoheit." stimmte Talliden ihr zu.
Als einige Zeit später wieder ein Schrei die Stille zerriß, folgten ihm gleich mehrere.
"Ein Mädchen, Talliden. Eine wunderschöne Tochter." verkündete Svanie ihr und Talliden sah schwach zu Svanie auf. Als sie sich erheben wollte, um ihre Tochter zu baden, brach sie zusammen.
"Irgend etwas stimmt nicht, Svanie. Ich verliere zuviel Blut!!" stöhnte Talliden.
"Was kann ich tun?!!" schrie Svanie, die Angst bekam. Talliden verlor das Blut zu schnell, sie spürte schon, wie ihr die Realität zwischen den Fingern zerrann, ebenso die Zeit. Es gab Dinge, die gesagt werden mußten.
"Hört mir zu, Hoheit. Ich wollte dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen, doch ihr sollt es wissen. Das Mädchen ist die Schwester von Arlenn und Nicles, denn Kavel ist ihr Vater. Verzeiht mir. Ich habe ihn sehr geliebt."
" Kavel ist ihr Vater?" Svanie hielt die Hand ihrer Freundin.
"Ja. Bitte kümmert euch um sie." bat sie und schloß die Augen. "Kavel braucht nie zu erfahren, daß sie die Schwester seiner Zwillinge ist!" sie seufzte und verlor das Bewußtsein und kurz darauf das Leben.
Svanie weinte und flüsterte :
"Das ist sie nicht. Sie ist nicht ihre Schwester!"
Leslie sah in die Augen ihres Geliebten:
"Je älter ich werde um so mehr vermisse ich die Welt aus der ich komme!" seufzte sie und streckte sich. Sie war eine reife Frau, die immer noch sehr attraktiv war, aber dennoch machte ihr das Fehlen von Luxus doch ein wenig zu schaffen . Sie vermißte viele Dinge, die ihr als Teenager nie so wichtig erschienen waren, wie warme Decken und Fertiggerichte.
"Unser Sohn sitzt auf dem Thron, er hat geheiratet und jetzt bist du nur noch eine gute Mutter und keine Königin mehr." Tetsuro, der langjährige Geliebte der Königin grinste unverschämt und Leslie küßte ihn. denn sie liebte es, wenn er sie ein wenig auf den Arm nahm.
"Dennoch hätte ich gern gewußt, ob meine Mutter noch lebt. Was wohl passiert ist in der Welt aus der ich komme? Wieso kann ich nach all diesen Jahren nicht aufhören daran zu denken?" Leslie schaute traurig auf Llonden und ihre Augen verloren sich in der Ferne. Tetsuro legte seine Arme um sie und hoffte sie so wieder zurück zu bekommen.
Arluro saß neben seinem besten Freund und einstigem Geliebten und spielte Prai`si mit dem König von Llonden, der diese drei Dinge in sich vereinigte. Manchmal sahen sie sich für Freunde ein wenig zu lange in die Augen, doch Arluro liebte die wunderbare Farbe dieser Augen und ihr Funkeln.
Der König von Llonden spielte nicht sehr aufmerksam, denn in Gedanken war er bei der Flugprüfung seines Schützlings Arlenn, die in Kürze stattfinden sollte. Als Arlenn 16 Ekens alt geworden war, hatten Kavel und Svanie ihn gebeten, Arlenn in Arlminth zu erziehen und zu unterrichten, da der älteste Sohn vom königlichen Paar in Zahrlt einfach zu viele Merkmale eines Fliegers aufwies und deshalb in Zahrlt ein wenig unglücklich war. Schweren Herzens hatte Svanie ihren Sohn nach Llonden und dann nach Arlminth gebracht, wo er vom König persönlich unter die Fittiche genommen worden war, der zusätzlich noch einer der hohen Ratsmitglieder in Arlminth war.
"Hey, Nico, was ist denn? Du bist am Zug!" drängte Arluro, der die Gedanken seines Freundes nicht schwer erraten konnte. Der König von Llonden hob träge den Blick und erwachte:
"Ich hoffe nur, daß Arlenn den Test besteht. Svanie wäre sehr enttäuscht, wenn er nicht ein Arlminthflieger ist:" seufzte der König.
"Ich glaube eher, daß du enttäuscht wärst.
Nico, er schafft das schon, so wie du ihn in den letzten Wochen gedrillt hast!" lächelte sein Freund, Liebhaber und Urahn.
Ein Diener trat ein: "Die Königin von Zahrlt ist hier mit ihren Kindern."
"Laß sie herein!" rief Arluro und sah dann verschämt auf König Nicolai "wenn es dir recht ist..."
"Ja, bitte sie doch herein." stimmt der zu und der Diener verschwand.
"Sag mal, Arluro, wer ist hier König? Du oder ich, hä?" lacht Nicolai und dann starrte die Tür an, als hoffte er hindurch schauen zu können. Arluro wußte, daß Nicolai es kaum erwarten konnte, die Königin von Zahrlt zu erblicken, genauso wie sie es ihrerseits kaum erwarten konnte.
Die Tür schwang auf und eine Frau in einem hellblauen Kleid erschien, neben ihr ein Junge von 24 Ekens und daneben ein Mädchen gleichen Alters. Das Mädchen war ein wenig größer als der Junge und hatte kurze Haare, während der Junge seine Haare in einem Zopf trug.
Die Frau war groß und sehr charismatisch, mit leuchtenden blaugrünen Augen und honigblonden Haaren, die normalerweise in wilden Locken über ihren Rücken hingen, im Moment aber zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt waren. Sie war die Kusine des Königs und hatte ebenfalls Arlminthblut in ihren Adern.
"Willkommen einmal wieder hier in Llonden, Svanie." sagte Arluro, als Nicolai keine Anstalten machte etwas zu sagen.
Statt einer Erwiderung des Grußes ging die Königin zu ihm und umarmte ihn, dann küßte sie ihn leicht auf die Lippen und Arluro wußte wieder, warum er sich einst so sehr in sie verliebt hatte.
"Svanie..." brachte Nicolai schließlich heraus. Sie lächelte bezaubernd und das konnte jedem Mann den Atem verschlagen: "Hallo Nico... Wie geht es meinem Sohn?" Sie hatte Angst ihm in die Augen zu schauen, überhaupt in das so vertraute Gesicht zu schauen und deshalb lächelte sie ihrem zweiten Sohn an: "Nicles möchte seinen Bruder sehen. Ich möchte gerne an seiner Prüfung teilnehmen. Führst du uns zu ihm?"
"Ich möchte ihn auch wieder sehen." schmollte Kaviden, die ihre Mutter voller Trotz ansah und dann lächelte Svanie: "Ja, natürlich möchtest du das. Also, Hoheit. Würdet ihr uns die Ehre erweisen und uns zu Arlenn führen"
Nicolai nickte und dann brachte er seinen ersten Satz heraus: " Die Prüfung ist noch nicht vorbei, Außenstehende dürfen nicht daran teilnehmen, vor allem, weil Arlenn nicht in Arlminth geboren wurde."
"Ich hoffe, daß Chara ihn nicht zu hart fordert." seufzte Svanie.
"Keine Sorge, Svanie. Er ist gut, wirklich. Ich habe ihn einige Flüge allein machen lassen, die er mit Bravour absolviert hat. Also, er ist ein Arlminth, das ist so gut wie sicher." begeisterte sich Nicolai und dann bot er Svanie einen Stuhl an.
Die beiden Geschwister wußten, jetzt würde es ein großes Blabla geben und für sie nur Langeweile, als plötzlich ein junges Mädchen hereinkam. Sie starrte kurz Svanie und Nicolai an und dann rief sie:
"Hallo Königin Svanie."
"Das ist Diodara, meine Schwester." stellte Nicolai sie vor, obwohl sie vor allem Svanie bestens bekannt war. Diodara lächelte und sah Nicles erwartungsvoll an. Nicles wurde rot und Svanie schickte ihre beiden Kinder mit Diodara zum Spielen fort. Eigentlich waren die beiden erleichtert, daß sie das Blabla nicht ertragen mußten, doch irgendwie fanden Nicles und Kaviden Diodara ziemlich arrogant. Die Erwachsenen sahen sich gegenseitig an und schwiegen beharrlich, weil jeder seinen eigenen vergangenen Träumen und Verlangen nachhing. Irgendwie war die Atmosphäre in dem Raum sehr geladen und als Kiré, die Königin Llondens und Nicolais Ehefrau, hereinschritt, war ihr Ehemann geradezu erleichtert.
"Hallo mein Liebster." trällerte sie und küßte Nicolai auf die Wange. Nicolai seufzte und schaute in die goldenen Augen seiner Ehefrau. Sie lächelte freundlich und dann begrüßte sie Svanie überschwenglich, sie wurde umarmt und Svanie machte ein unglückliches Gesicht. Kirés überschwengliche Art war ihr peinlich.
"Ich freue mich so, dich wieder zu sehen, Svanie und dein entzückender Sohn, Arlenn, wird die Prüfung bestehen, keine Sorge!! Du weißt ja, daß ich mir immer einen eigenen Sohn gewünscht habe, doch bislang ist noch kein Nachwuchs in Sicht." plapperte sie und Svanie nickte überrumpelt. Kiré zwitscherte weiter vor sich hin und versuchte weiterhin die Stimmung aufzulockern. Es wurde nicht nur Svanie, sondern auch Nicolai und Arluro ein wenig peinlich.
"Kiré, wir sollten Svanie lieber zu ihrem Sohn bringen, sie haben sich schon lange nicht mehr gesehen. Die Prüfung müßte bald vorbei sein und erst müssen wie ja nach Arlminth fahren." beruhigte Nicolai seine Frau.
"Was ist mit Kaviden und Nicles?" erkundigte sich Svanie "Ich habe versprochen, sie gleich mitzunehmen und ich halte meine Versprechen. Wenn Nicles seinen Bruder nicht als erster zu sehen bekommt, wird er mich bestimmt ziemlich lange kaum beachten, so wie ich ihn kenne."
An einem anderen Ort führte Diodara Nicles und Kaviden durch ein Gewirr von Straßen und Gassen und die beiden Zahrlter fühlten sich in der großen Stadt Llonden nicht sehr wohl. Sie waren in Zahrlt von dichten Wäldern umgeben und konnten mit soviel Verkehr nicht umgehen.
"Ich bringe euch nach Arlminth, dort ist Arlenn, doch dazu müssen wir durch Llonden bis vor die Tore der Stadt." erklärte Diodara den beiden verängstigten Gästen. Kaviden besann sich auf ihren Nordvolkstolz und atmete kräftig durch um schließlich eher einen lässigen und unberührten Eindruck zu machen. Nicles wollte nur endlich seinen Zwillingsbruder wiedersehen, also eilte er Diodara ohne besonderen Stolz nach.
Inzwischen waren ihre Familien schon lange in Arlminth eingetroffen, die früher einmal eine schwebende Stadt gewesen war, doch seit dem Beschluß von Leslie nun auf den Boden aufgebaut worden war. Die weißen Gebäude waren geblieben, ebenso die luftige Architektur, nur zwischen den typischen Arlminthern sah man nun auch Menschen aus Llonden durch die Straßen eilen.
In Arlminth begrüßte sie ein Arlminther, den sie alle kannten: Amanduro.
"Die Prüfung ist noch nicht zu Ende, Euer Hoheit." berichtete er der erwartungsvollen Svanie, die nervös aussah. "Doch lange kann es nicht mehr dauern. Die Prüfung wird so gut wie nie bei Menschen vorgenommen, die nicht in Arlminth geboren wurden, obwohl es in den letzten Jahren doch mehr Kinder gab, die das Blut eines Arlminth hatten, obwohl sie nicht hier geboren worden waren."
"Das stimmt." pflichtete Nicolai ihm bei, der als König und als Arlminth selbst von der Problematik der genmanipulierten Außenseiter wußte "Immer mehr Arlminth mischen sich mit den anderen Völkern. Ich glaube, daß man das Ende der Arlminthfähigkeiten absehen kann. Bald können nur noch die Cerise fliegen und kein menschliches Wesen mehr."
"Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, schließlich sind die Menschen ja auch nicht mit Flügeln geboren worden. Wenn ich nicht gewesen wäre, hätten sie nie die Rasse der Arlminth aus meinen Genen mutieren können. Vieles wäre Llonden, Llynd und Zahrlt erspart geblieben, wenn das nicht geschehen wäre!" gab Arluro zu bedenken, der Stammvater aller Arlminth war, dann aber für über
10 000 Ekens eingefroren worden war.
"Laßt uns doch von etwas erfreulicherem als nun gerade von den Zwergen reden." schlug Kiré vor und sah alle bezaubernd lächelnd an. Nicolai schloß für einen Moment die Augen. Früher, als Kind hatte er sich besser mit ihr verstanden, doch seitdem sie eine Halbcerise als Nichte hatte, mied sie ernste Themen und hatte sich total verändert. Außerdem war sie da noch nicht seine Ehefrau sondern nur eine Freundin gewesen.
Die Tür des Ratshauses öffnete sich und der Ruf: "Svanie!" erscholl aus der Richtung, als dann folgte: "Ich habe bestanden!!!" war jedem klar, das der junge Mann, der auf Svanie zu lief, ihr Sohn war.
Svanie starrte mit Tränen in den Augen in die Richtung der Tür, halb bange, daß dies nicht mehr der Arlenn war, den sie ihren Sohn nannte. Doch als sie das weizenblonde Haar und die himmelblauen Augen in dem hübschen Gesicht sah, breitete sich ein mehr als erleichtertes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie fing ihren Soh in ihren Armen auf. "Oh, Arlenn. Ich habe dich so vermißt, aber ich ja bin so stolz auf dich." brummelte sie. "Und ich auch!" lobte Nicolai seinen Schützling, der daraufhin seine Mutter losließ und ihn umarmte.
"Tja, Euer Hoheit. Euer Sohn ist ein Arlminth. Ich kann nur gratulieren." bestätigte Chara, die unbemerkt ebenfalls den Raum betreten hatte. Svanies Augen trafen die ihre ehemaligen Feindin zu einem wortlosen Danke. Chara nickte annerkennend und Svanie lächelte ihren Sohn noch einmal strahelnd an.
Nicolai freute sich so sehr, als ob sein eigener Sohn diese, nicht unerhebliche Prüfung, bestanden hätte.
"Vergiß nicht, ein Arlminth hat nicht nur die Freiheit zu fliegen, er muß auch jedes zweite Eken seinen Bund mit dem Himmel erneuern. Das kann einem zum Fluch geraten, wenn man keine Sternenfallpartnerin hat." redete er auf den Prüfling ein. Arlenn nickte, aber schien diese Worte nicht sehr ernst zu nehmen. Für ihn schien sein erster Sternenfall noch unendlich weit entfernt.
"Wären wir doch nur mit Svanie geflogen, dann wären wir viel schneller in Arlminth gewesen!" beschwerte sich Kaviden bei Nicles, der staunend auf Arlminth blickte. Sie waren nun schon einige Zeit unsterwegs. Etwas außer Atem, konnte sich der junge Prinz dennoch der Schönheit der ehemaligen Himmelstadt nicht entziehen. "Sei ruhig!" fauchte Diodara, "So hast du wenigstens einmal das Zentrum von Terkum kennengelernt. Nicht wahr, Prinz Nicles?" Diodara erwartete Zustimmung, doch Nicles Gedanken waren seinen Füßen vorausgeeilt und schon längst ganz woanders.
"Arlenn..." flüsterte er.
"Wo ist mein Bruder?" erkundigte sich Arlenn bei den Erwachsenen.
"Er ist mit Diodara spielen gegangen..." antwortete Kiré freundlich, doch Arlenn schüttelte den Kopf: "Er ist auf dem Weg hierher!"
Nicles eilte den Mädchen voraus. Er brauchte Diodara nicht, um herauszufinden, wo sich sein Bruder aufhielt. Er riß die Tür zum Ratssaal auf und mit großen Schritten, alle anderen ignorierend, trat er vor seinen Zwillingsbruder. Ohne erkennbare Freude sahen sie sich an.
"Bruder." sprachen beide synchron und dann lehnten sie ihre Köpfe an der Stirn aneinander, als ob sie nur so stehen könnten. Nicolai war es erschienen, als würden die hellen blauen Augen von Arlenn dunkler und im Gegenzug dazu die moosgrünen Augen von Nicles heller.
Nun betraten auch die beiden Mädchen den Raum und Kaviden umarmte ihren Bruder stürmisch. Im Gegensatz zu ihren Brüdern hatte sie keinen Tropfen Arlminthblut in sich, sondern war eine reinblütige Nordländerin. Ihr Temperament konnte schon mal mit ihr durchgehen, doch ihre Brüder liebte sie sehr eindringlich und ohne Kompromisse. Sie hatte keine Ahnung, daß sie gar nicht mit den beiden verwandt war, ganz im Gegenteil, sie hielt sich für ein Kind, das mit ihnen den Mutterleib geteilt hatte, da Svanie alle drei zur selben Zeit nach Burg Branor gebracht hatte.
Kiré sah die drei sehnsuchtsvoll an. Sie wünschte sich eigene Kinder, aber nicht solche Monster, wie es das Kind von ihrem Bruder Jarré war.
Reyé hatte hellblaue Haut, grüne Haare und goldene Augen. Wenigstens hatte sie nicht auch noch die Flügel ihrer Mutter geerbt. Jarré hatte sich mit ihr in die Nähe des Schleimigen Waldes zurückgezogen, somit saßen auf dem Llynder Thron nun weder sie noch ihr Zwillingsbruder, sondern Leto, der um einige Ekens jünger war, als sie. Kiré betrachtete die drei Geschwister. Sie sahen einander nicht so ähnlich, wie sie selbst ihren beiden Brüdern ähnelte. In ihrer Familie gab es nur den Einfluß von Claytons Familie, der königlichen Familie, die seit Generationen schon dunkelhaarig und braunäugig gewesen waren, und den von Rhotan, die jeder nur als golden beschreiben konnte. Sie, Kiré, hatte braune Haare und goldene Augen, ihr Zwillingsbruder hatte goldbraune Augen und braune Haare und einen ihr sehr ähnlichen Mund und Leto hatte die goldene Haut und die goldenen Augen seiner Mutter, nur seine Haare waren schwarz, wie die von seinem Großvater Akgnary, einem der Norson Generäle.
Wenn sie aber so Svanies Kinder betrachtete, schien sich in ihnen Llonden, Zahrlt, Arlminth und das Nordfolk zu vereinen.
Die Tochter schien nur aus pastellfarben zu bestehen. Kavidens Augen waren fliederfarben, ihre Haare ein helles beigeblond und ihre Haut war hell, wie die aller Nordländer. Die Söhne hatten nicht nur ein unterschiedliches Temperament, sondern schienen dieses durch ihr Aussehen auch nach außen zu reflektieren. Zuerst stach einem natürlich Arlenn ins die Augen, der einen umwerfenden Charme und ein sonniges Gemüt hatte, zu dem auch noch sehr nach Arlminth aussah. Leichtgebräunt, mit weizenblonden Haaren und Augen, die aussahen, wie Scheiben aus einem Sommerhimmel ausgeschnitten, machte er den Eindruck eines jungen Herzensbrechers. Arlenns extrovertierte und unkomplizierte Art zeigten jedem das Arlminthblut in seinen Adern. Sein Zwilling, den sie ganz unpassend nach Nicolai benannt fand, war blasser und hatte die Haarfarbe seiner Mutter, nur schien irgendwie noch etwas dunkles rotbraun hineingeraten zu sein. Er trug schon jetzt seine Haare lang und als Zopf, wie beim Nordfolk üblich und doch glänzten sie eher wie Arlminthhaare. Den stärksten Kontrast machten jedoch seine Augen, die mit ihrem dunklen Moosgrün zu seinem eher scheuen und wenig kommunikativen Wesen paßten. Sein Gesicht war meist ernst und es fiel Kiré nicht schwer zu glauben, daß er bereits ein guter Schwertkämpfer war und auch mit anderen Waffen verstand umzugehen.
Kiré wußte, daß Nicolai gerne Kinder gehabt hätte. Sie merkte es an der Begeisterung, die er immer schon Svanies Kindern entgegengebracht hatte. Für ihn schien das nur ein weiters Abenteuer zu sein, doch Kiré wußte, daß Kinder auch Verantwortung bedeuteten! Wenn sie Svanies Mann, Kavel, ansah, dann erkannte sie einen Vater, aber nicht in Nicolai, der selber manchmal wie ein Kind erschien.
Es war schon erstaunlich, daß er es überhaupt fertigbrachte, über ein so großes und mächtiges Land wie Llonden zu herrschen, doch seine Untertanen liebten ihn. Sie konnte ja selbst eine gewisse Faszination an seiner Person nicht leugnen. Er war frech und charmant, launisch und zärtlich, voller Zuneigung und introvertiert zugleich. Außerdem hatte er das Aussehen eines Ranen: schön und gefährlich. Sie wußte, daß ihm keine Frau jemals widerstanden hatte noch je würde und daß er diesen Vorteil eine Zeit bis zur völligen Besinnungslosigkeit ausgenutzt hatte. Das war vor ihrer Ehe gewesen.
Manchmal war Kiré stolz, den Mann geheiratetet zu haben, den jede andere sich nur erträumt hatte, doch sie hatte festgestellt, daß er niemals wirklich ihr gehören würde. Er behandelte sie mit der gleichen leicht herablassenden Freundlichkeit, mit der er sie schon als Kind behandelt hatte und schien sie auch nicht als Frau zu sehen. Sex mit ihm war wie ein Spiel, das ihm Spaß machte und bei dem er begeistert mitspielte, doch von sich selber verriet er nichts dabei. Seine Arlminthwelt blieb ihr verschlossen, ebenso seine Gedanken und Gefühle, die er eher bei seinem Freund anbrachte, als bei ihr. Überhaupt hielt sich Arluro ständig in Nicolais Nähe auf. Nonverbale Kommunikation war bei diesen beiden das Hauptverständigungsmittel. Manches Mal sahen sie sich lange in die Augen, dabei zeigte Nicolai mehr Emotionen und Zärtlichkeit als er ihr gegenüber jemals ausdrückte.
Kiré konnte nicht behaupten, daß es ihr schlecht ging, Sie war von Luxus umgeben und von einem fürsorgenden Hofstaat, doch sie vermißte Leidenschaft und Tiefe. Sie fragte sich, wem diese Sehnsucht galt, die sie in den Augen ihres Mannes erkennen konnte, wenn er ins Nichts starrte. Wem gehörte er?
Etwa einem Mann?
Arluro vielleicht?
Doch Arluro hatte ihr versichert, daß dem nicht so sei.
Kiré lächelte leer und ihr Blick blieb an Nicles Gesicht hängen. Er hatte ähnliche Gesichtzüge wie Nicolai....
Auch er war schön. Schließlich war Svanie Nicolais Kusine, ihre Mutter war sogar die eineiige Zwillingsschwester von Leslies Mutter gewesen, vielleicht lag dieses Aussehen in der Familie.
Plötzlich fragte sich Kiré, welchen ihrer Söhne Svanie wohl mehr liebte.
Svanie lächelte stolz und froh und ihr Blick traf Nicolais. Sie ging auf ihn zu.
"Herzlichen Dank, daß du dich um Arlenn so lieb gekümmert hast, Nicolai." da sich ihre Blicke sowieso schon getroffen hatten, waren sie verpflichtet irgendwelche Sätze auszutauschen.
"Das war doch selbstverständlich, Svanie..." sie spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Sie verlangte nach ihm mit ihrem Körper und ihrem Selbst., als er zu ihr sagte: "Wo ist eigentlich dein Mann? Wollte er nicht an der Prüfung seines Sohnes teilnehmen?"
Svanie schluckte. Natürlich, sie hatte zuerst geheiratet, viel später dann erst Nicolai, den die Pflicht dazu gebracht hatte.
"Also, Kavel kümmert sich um einige Angelegenheiten im Nordland. Es ist ein harter Winter dieses Eken..." erklärte Svanie die Abwesenheit ihres Mannes.
"Ein harter Winter? Ich dachte, im Nordland gäbe es sowieso nichts außer Winter." kommentierte Arluro ihre Ausführung.
"Das stimmt schon, doch dieses Eken ist noch sehr viel kälter als viele zuvor, viele Kinder starben an Unterernährung, auch viele Junge der Tiere dort. Die Nordländer ziehen immer weiter nach Süden und ich glaube kaum, daß sich die Zahrlter gut mit ihnen verstehen würden!!!" wenn Svanie sich Sorgen um ihr Land machte, war sie ganz distanziert von allen persönlichen Gefühlen. Ihre Mutter war früh gestorben und ihr Vater war noch viel früher in eine Eisspalte gefallen, seitdem trug sie die Verantwortung für ein ganzes Land und hatte diese Aufgabe von Anfang an nicht als leicht empfunden.
Arlenn hörte dieses Gespräch mit einem Ohr mit und wandte sich sofort an seine Mutter:
"Heißt das, daß Vater nicht da ist, wenn ich nach Hause komme?" seine Stimme klang empört.
Svanie nickte: "Wahrscheinlich nicht... Ich wußte gar nicht, daß du tatsächlich zurück nach Branor kommen möchtest... Willst du nicht in Arlminth bleiben? Schließlich bist du jetzt einer von ihnen."
"Vater mußte dringend fort, Arlenn. Er freute sich so, daß du so viel Erfolg hattest bei deinen Flugübungen und wäre gerne mit nach Arlminth gekommen. Du darfst nicht glauben, daß er extra nicht gekommen ist!" versicherte ihm Kaviden. Arlenn schien nicht überzeugt von den Ausführungen seiner Schwester. Er wußte, daß sein Vater ihn nur ungern nach Arlminth hatte gehen lassen, denn Kavel traute keinem Menschen, der Metall formen und fliegen konnte. Auf der anderen Seite liebte er Arlenn zu sehr, um ihn einen Wunsch abschlagen zu können. Arlenn bewunderte ihn und wünschte sich, daß Kavel seine Fähigkeiten als Arlminth anerkannte und stolz auf ihn war. Kavel war vieles, was er niemals sein konnte. Stark, furchtlos und stetig seinen Prinzipien treu, war er ein Vorbild für Arlenn, dennoch hatte er das Gefühl, daß Welten zwischen ihnen lagen. Als er noch ein kleines Kind gewesen war, hatten sich solche Differenzen nie ergeben. Arlenn seufzte und musterte Nicolai. Wenn Nicolai sein Vater gewesen wäre, hätte er nicht solche Identitätsprobleme gehabt.
Sicher, Nicolai ging alles wesentlich lockerer und unernster an, aber er wußte Menschen zu nehmen und auf seine Seite zu bringen.
Nicles kannte jede Gefühlsregung seines Bruders und richtete seinen Blick auf Nicolai. Dieser fuhr zusammen. Der intensive Blick des Jungen ließ ihn erschauern.
"Sag deinem Sohn, daß er aufhören soll, mich so anzustarren!!" flüsterte er Svanie zu.
"Nicles, was hast du denn?" fragte Svanie ganz unvermittelt und der angesprochene schaut sie an.
"Warum ist nur Arlenn ein Arlminth und ich nicht? Wieso ist Kaviden auch kein Arlminth? Wird Arlenn hierbleiben?" löcherte Nicles sie, statt zu antworten.
"Ich kann die diese Frage nicht beantworten. Das muß Arlenn selber entscheiden, so gerne ich ihn auch wieder mit nach Zahrlt nehmen würde." Svanie musterte ihren älteren Sohn und Nicles Blick wirkte gequält.
Die anderen Fragen vermied Svanie zu beantworten. Die Antworten fand sie auch für sich zu anstrengend, zu fordernd.
Arlenn sah sich plötzlich mit einer Wahl konfrontiert, die er nicht treffen wollte.
"Bruder, ich wollte immer ein Arlminth sein. Ich wollte fliegen und meine eigenen Sternenfallpartner erwählen. Ich bin nun ein Arlminth und doch möchte ich die Eisgrenze wiedersehen, ich möchte durch die Wälder um Branor streifen und dich an meiner Seite wissen. Ich sehne mich nach unseren Ausfahrten und nach der Luft Zahrlts. Wie soll ich entscheiden, wo ich sein möchte?" Arlenn sah seinen Bruder an, der einsam und klein wirkte, dann seine Mutter, die für ihn die bedeutendste Person in seinem Leben nach seinem Bruder war.
Svanie hatte schon seit der Geburt der Zwillinge gewußt, daß sie eines Sels ihren eigenen Weg folgen würden und hatte sich immer vorgestellt, daß sie auf diesen Sel vorbereitet war. Doch nun erkannte sie, daß sie nicht im Geringsten bereit war, einen von ihren Söhnen gehen zu lassen.
"Ich weiß, daß ich häufig Entscheidungen getroffen habe, als ihr noch jünger wart, doch ich weiß, daß ihr alt genug seid, eure Entscheidungen selbst zu treffen." seufzte Svanie und hatte das Gefühl, als ob sie sich selbst einen Dolch in ihr Herz gebohrt hätte.
Arlenn schluckte: "Ich brauche noch ein bißchen Bedenkzeit." verkündete er schließlich und Svanie nickte.
Kiré ertrug die gedrückte Stimmung nicht länger und klatschte dreimal in die Hände.
"Wir sind hier nicht auf einer Beerdigung, wir sollten erst einmal die bestandene Prüfung feiern, nicht wahr?" rief sie fröhlich und alle schreckten aus ihren Gedanken auf.
"Wenn wir in den Palast zurückkehren, werden wir dort eine kleine Überraschung erleben. Also meine Lieben, wollen wir zurück?" fuhr sie fort und ihr Vorschlag wurde angenommen.
Die kleine Überraschung war ein riesiges Fest, daß nicht nur die Prüfung feierte, sondern auch die zukünftigen Thronfolger repräsentierte, falls Nicolai und Kiré niemals eigene Kinder bekommen würden.
Nicles und Arlenn waren die nächsten Verwandten des Königs, Reyé hätte ein ähnliches Anrecht auf den Thron gehabt, aber sie war nicht eingeladen. Dennoch war ihr Anrecht auf den Thron bekannt. Wenn sie nach Llynd zurückkehren wollte, dann stand ihr Kiré nicht ganz freundlich gegenüber, die ihre Nichte als Familienschande empfand, da sie zur Hälfte Cerise war. Aufgrund seiner Beziehung zu einer Cerise war ihr Zwillingsbruder Jarré entthront worden und lebte jetzt in der Nähe des schleimigen Waldes hier in Llonden.
Dies alles war auch der Grund, weshalb in Llynd Leto, Kirés um 22 Eken jüngerer Bruder herrschte, anstelle von Jarré. Leto war selber erst 38 Ekens geworden, deshalb standen ihm seine Mutter und sein Vater noch tatkräftig zur Seite. Kiré hatte sich immer gewünscht, daß sie eines Tages zusammen mit Jarré über Llynd herrschen würde, doch dieser Traum war nicht wahrgeworden.
Der König von Llynd erschien auf diesem Fest mitsamt seinen Eltern. Die beiden waren sichtlich älter geworden.
Clayton hatte schon graue Haare, was seiner Frau gut gefiel und sie liebte den Kontrast seiner Haare zu seinen Augen. Rhotan, seine Frau, Königinmutter und Tochter einer mächtigen Stammesführerin aus Norson, schien unsterblich schön, so wie Gold, dem sie so glich. Herzlich begrüßten sie Nicolai, den Sohn ihrer Freunde und schließlich traten die drei auch zu den Zwillingen, um Arlenn zu gratulieren.
Arlenn stand neben Nicles und war erstaunt, daß der König von Llynd nicht viel älter war als er selber. Der Titel König ließ meistens irgendwie den Schluß auf eine ältere Respektsperson zu.
"Herzlichen Glückwunsch, Euer Majestät." begann Leto mit einem kräftigen Handschlag.
"Vielen Dank, königliche Hoheit." antwortete Arlenn und mußte unweigerlich grinsen. Zwei junge Männer, die sich gleich gegenseitig mit ihren offiziellen Titeln ansprachen, als ginge es um eine höchst diplomatische Angelegenheit und nicht um eine zwanglose Party, fand er irgendwie albern. Außerdem sprach ihn im Schloß und auf Burg Branor auch fast niemand mit Titel an. Gerade dieser junge König legte Wert auf so etwas.
Leto sah das Grinsen und lächelte ebenfalls.
"Ihr scheint mir beide etwas förmlich, Leto." kommentierte Clayton von hinten.
"Das glaube ich auch, Arlenn." rief eine Stimme aus dem hinteren Bereich des Saales. Leslie eilte zu der Gruppe Adeliger. "Herzlichen Glückwunsch. Ich hab´ doch gesagt, daß du es schaffst." rief sie dann und umarmte Arlenn. Dann umarmten sich Leslie Rhotan und Clayton, die alte Freunde waren und fingen sofort an, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, an denen die Öffentlichkeit nicht teilnehmen sollte. Die drei verschwanden.
"Hallo, mein Name ist Nicles, ich bin Arlenns Bruder. Das hier neben mir ist Kaviden, unsere Schwester." stellte Nicles sich Leto vor.
Leto nickte und wandte seine Aufmerksamkeit den beiden zu. Kaviden machte ein ernstes Gesicht und ihre fliederfarbenen Augen musterten ihn streng. Kaviden war die gefährlichste unter den drei Geschwistern. Sie konnte sehr gut mit den meisten Waffen umgehen, sie war stark und geschickt und sie hatte wenig Skrupel. Wenn jemand einem von ihren Brüdern oder jemanden ihres Familien- und Freundeskreis etwas antat wurde sie zur unberechenbaren Rachegöttin. Sie liebte ihre Familie abgöttisch und nichts ging ihr über Loyalität zu den Menschen, die ihr wichtig waren. Gesetze interessierten sie dabei ziemlich wenig. Leto war erst einmal ein potentieller Feind.
Unter ihrem strengen Blick wurde Leto ein wenig unsicher. Er fühlte sich durchschaut im wahrsten Sinne des Wortes. Kaviden fühlte eine Hand auf ihrer Schulter.
"Du machst ihm noch Angst, Kavi. Hör auf seine Kampfkraft einzuschätzen." vernahm sie Nicles Stimme an ihrem Ohr.
Nicles trat vor: "Verzeiht unser Benehmen, König Leto. Wir fühlen uns durch Euer Kommen sehr geehrt und hoffen, daß die Beziehungen zwischen Llynd und Zahrlt auch unter der Regentschaft unserer Generation so freundschaftlich bleiben." Nicles lächelte gewinnend. Eigentlich war er ein sehr ruhiger Mensch, der nicht zu spontanen Handlungen neigte, doch er war auch ein ziemlich guter Diplomat für sein Alter. Seine Ruhe und Passivität waren häufig hilfreicher als Arlenns darauflos schwatzen und Kavidens ewige feindselige Miene.
"Oh, das glaube ich schon. Ich habe nur noch nie jemanden aus dem Nordvolk gesehen. Verzeiht mir, Prinzessin Kaviden." formvollendet verbeugte sich Leto und Kavidens Feindseligkeit wandelte sich in Erstaunen.
"Ich ... entschuldige mich auch, König." stammelte sie.
"Jetzt habt ihr aber wirklich genug Entschuldigungen ausgetauscht. Wollt ihr noch den ganzen Sel hier herumstehen und Euch gegenseitig um Verzeihung bitten?" Nicolai trat zu den vier Vertretern von 7 Völkern, die ernsthafter redeten, als alle Erwachsenen, und lachte. "Auf diese Weise werden wir nie zum Essen kommen und ich für meinen Teil freue mich schon auf die Pizza."
"Ja, die mußt du probieren, Nic. Das ist toll. Pizza ist Teig, auf dem Gemüse und Fleisch überbacken wird mit Käse." begeisterte sich Arlenn. Nicolai lächelte voller Stolz auf seinen Schützling. Die Pizza war erst durch Nicolais Mutter, Leslie, eingeführt worden und galt allgemein als königliche Speise. Arlenn hatte sie erst in Llonden kennengelernt, und sofort zu seiner allerliebsten Speise auf Terkum erklärt und freute sich nun darauf, seinem Bruder etwas Neues zeigen zu können.
Nicolai war sehr froh, Svanies Sohn wenigstens eine Zeit lang um sich gehabt zu haben.Ohne eigene Kinder, die er sich gewünscht hatte, schien ihm der Kontakt zu seinen jungrn Verwandten als kleine Wiedergutmachung. In ihm erkannte er sehr viel von sich und Svanie wieder, als sie noch so jung und unbelastet durch ihr Leben geschwebt waren. Er konnte kaum glauben, daß tatsächlich dieser Nordländer mit der größten Flugangst aller Zeiten Arlenns Vater sein sollte. Der Junge hatte mehr Alminthblut in den Adern, als Svanie selbst. Woher kam es also?
Arlenn rannte mit seinen Geschwistern zur Tafel und sie suchten sich ein paar Plätze, die ihnen erlaubten ein bißchen unter sich zu sein. Alleingelassen und nun wieder mit der komplizierten Welt der Erwachsenen konfrontiert, sank der junge König Leto sichtlich in sich zusammen.
"Na komm, Leto. Wir sollten auch was essen gehen, sonst werden die drei alles verspachteln." forderte Nicolai den verunsicherten jungen König auf. Leto nickte dankbar und Nicolai bemerkte einen roten Schatten auf den Wangen des jungen Monarchen, der verträumt der Prinzessin Zahrlts nachstarrte. Er schmunzelte in sich hinein. Es würde bestimmt weniger Ärger geben, wenn sich dieser König in ein Mitglied der zahrlter Königsfamilie verliebte, als wenn es wieder eine Cerise gewesen wäre. Obwohl er bezweifelte, daß ihn Kaviden besonders gut behandeln würde. Kaviden war eine echte Nordländerin, und die kannten nur die Loyalität ihrem Stamm gegenüber, während sie alle anderen als potentielle Feinde betrachteten.
Aufmerksame blaugrüne Augen erwarteten Nicolai an der Tafel.
"Nico, ich sorge mich um Arlenn." begann Svanie, als er neben ihr Platz genommen hatte. "Wieviel ist Arlminth in ihm? Wird er jemals in Zahrlt zufrieden sein können? Seit er hier in Llonden ist, scheint er sehr viel zufriedener als jemals auf Burg Branor. Doch in dieser Zeit hat ihn Nicles sehr vermißt, auch wenn er es nicht zugegeben hat." Svanies Stimme war leise, halb ertönte sie in seinen Gedanken und halb wisperte Svanie ihm ihre Sorgen zu.
>Ich habe keine Ahnung , wieviel Arlminth in Arlenn ist. Auf jeden Fall scheint es bei ihm an stärksten ausgeprägt. Arlenn hat Nicles auch sehr vermißt, nicht unbedingt den Sel über, aber bei Seldrountergang schien er stets ein ganz anderer zu werden. Er schaute nachdenklich in die Ferne und manche Zehor weinte er vor Heimweh. < antwortete Nicolai ihr in ihren Gedanken.
Seit Nicolai eine Dosis genmanipuliertes Blut durch einen Unfall injiziert worden war, waren seine Kräfte anders als die der meisten Arlminth. Er teilte diese Kräfte mit Arluro, dem genetischen Urvater aller Arlminth und Svanie. Svanie und er konnten sich also eigentlich ohne Worte verständigen, doch da Svanie diese Kräfte sonst nie gebrauchen konnte, war sie nicht sehr geübt darin.
Svanie seufzte schwer. Sie wußte, daß ihre beiden Söhne sehr aneinander hingen, auch wenn sie noch so verschieden waren. Nicolais Bericht über die Veränderung Arlenns war keine Überraschung für sie. Kavel, ihr Ehemann, hatte vorausgesagt, daß, falls Nicolai keinen eigenen Nachwuchs haben sollte, Arlenn den Thron in Llonden, Nicles den in Zahrlt und Kaviden den des Nordvolkes erben sollten, entsprechend ihrem jeweiligen Naturell. Svanie hatte immerzu daran gedacht, wie unglücklich die Zwillinge ohne einander sein würden. Jetzt, nach zwei Ekens, hatte sich Nicles schon sehr in sich zurückgezogen und war sogar noch schweigsamer geworden, als er sowieso schon war.
Svanie fühlte ihr Herz sinken, Schwermut legte sich über sie. Sie hatte dieses Gefühl schon sehr oft gehabt, daß alle, die sie so sehr liebte, sie verlassen würden und dann unglücklich würden.
"Ich kann es nicht ertragen, wenn meine Kinder unglücklich sind." flüsterte sie. Ihr Blick wanderte auf den Teller vor ihr. Ihr Essen war kaum berührt...
"Ich kann diesen Gedanken einfach nicht ertragen. Meine Söhne... Kavi... Mein Versprechen...." ihre Augen füllten sich mit Tränen "...Talliden..."
Hilflos beobachtete Nicolai die Gefühle seiner anderen Seelenhälfte. Was war nur mit Svanie geschehen? Sie war früher immer schon bedacht und vernünftig gewesen, aber niemals so, wie sie jetzt war.
"Was hast du, Svanie? Was ist denn mit dir los?" erkundigte er sich. Svanie wandte ihr Gesicht ihm zu.
"Ich kann es nicht sagen. Noch nicht. Nico... eines Sels werde ich dir und allen Beteiligten die Wahrheit sagen, doch noch nicht.... noch nicht..."
Nicolai schüttelte den Kopf.
"Du kannst mir doch alles sagen, Svanie. Das weißt du doch! Wir hatten doch nie Geheimnisse voreinander." versuchte er die Last von den Schultern seiner geliebten Freundin zu nehmen.
"Ich wünschte, ich könnte, Nico... Ich würde so gern..." sie lächelte verzweifelt. Sie wandte sich ab. "Es tut mir leid..." sie erhob sich und ging unsicher zu ihren Kindern, die an einer Ecke des Tisches schon die zweite Pizza herunterschlangen.
"Svanie, du mußt diese Pizza mal probieren!" rief ihr Ältester sofort. Sie lächelte tapfer: "Das habe ich schon, mein Liebling. Vor langer Zeit."
"Ehrlich, Mutter?" staunte Kaviden, die ihre Mutter für eine zu sanfte und konservative Frau hielt, sie aber gerade deshalb verehrte, weil Kaviden selbst nicht so war. Manchmal wollte sie weiblich und damenhaft sein, doch dieses blieb ihr immer fern. Immer wieder ging ihr Temperament mit ihr durch und alle Versuche, der Hofdamen, aus ihr eine echte Lady zu machen scheiterten ohne Erfolg.
Svanie strich Kaviden über die wilden blonden Haare. Sie schenkte ihrer Ziehtochter ein warmes Lächeln: "Ja, meine Kleine, als ich in eurem Alter war, waren meine Mutter Fallenn und ich häufig in Llonden am Hofe. Leslie liebte es, jedem ihre Leibspeise zu zubereiten und so bekam ich meine erste Pizza zu essen. Seitdem hat sich viel geändert, hier in Llondon ebenso wie bei uns in Zahrlt."
"War Arlminth damals noch eine fliegende Stadt?" erkundigte sich Arlenn. Svanie nickte.
"Eine fliegende Stadt, deren Pracht unübertrefflich war. Die Menschen dort waren stolz und wunderschön, als ich das erste mal in Arlminth war, dachte ich, es wäre das Paradies."
Arlenn schien diese Beschreibung zu gefallen. Für ihn war Arlminth auch jetzt noch das Paradies, nur leider mit einer sehr schmerzhaften Ausnahme. Das Fehlen seines Bruders.
"Was ist jetzt das Paradies für dich?" hörte sie die leise und angenehme Stimme ihres zweiten Sohnes.
Eine für Nicles typische Frage. Er schien immer alles durchschauen zu wollen.
"Es gibt keins, Nic. Das habe ich mit den Jahren gelernt. Aber das soll euch nicht davon abhalten, euer Paradies zu finden. Vielleicht habt ihr ja mehr Erfolg, als ich." Svanie hatte es nie für klug gehalten, ihre Kinder kindlich zu behandeln. Von Anfang an hatte sie alle drei in ihre Pläne miteingeweiht, sie an ihren Aufgaben als Königin teilhaben lassen und so hatten alle drei früh begriffen, daß sie ihrer Mutter wichtig und teuer waren.
Auch Kavel hatte dabei keine Ausnahme gebildet.
Nachdem Svanie ohne Talliden, aber mit drei Säuglingen vom Ero-See zurückgekehrt war, hatte er sich sofort in die Aufgabe eines Vaters gestürzt. Auch hatte er sich ihrer Kampfausbildung angenommen.
Er und Svanie hatten viel Wert auf Bildung und Verantwortung gelegt. Sie hatten niemals Probleme mit den Zielen ihrer Erziehung. Und so waren die beiden zu einem harmonischen Paar geworden, daß eine glückliche Familie ihr eigen nannte. Und Svanies Herz war ruhiger geworden, erfüllt von dem Glück um sich herum.
Auch hatte sich Svanies Sympathie für Kavel in aufrichtige Zuneigung gewandelt und seine Begeisterung für Kinder hatte sie sehr amüsiert. Zu ihren liebsten Erinnerungen zählte nun eine Nacht, in der sie alle in einem Bett geschlafen hatten, dich aneinander gedrängt, zufrieden in den Duft der vertrauten Personen und deren Wärme eingehüllt, kein anderes Begehren in ihrem Herzen, außer die Zeit anzuhalten.
Sie lächelte ihren jüngeren Sohn an.
Nicles war anders als seine Geschwister. Es gab Zeiten, da konnte er Bilder aus den Köpfen anderer Leute sehen. Nun sah er die Erinnerung seiner Mutter und lächelte. Dann ging er zu ihr und umarmte sie. "Svanie, wir werden unser Paradies suchen." erklärte er seiner Mutter, die darum kämpfen mußte, nicht zu weinen. Nicolai hatte zusammen mit Arluro das Gespräch zwischen Mutter und ihren Kindern angesehen und angehört.
"Sie ist anders als früher..." murmelte der König Llondens und Arluro seufzte tief.
"Nein, nicht so sehr, wie du es glaubst, Nico. Sie war nur für dich anders. Nur für dich. Doch damals hatte sie nicht die Verantwortung für drei Kinder.
Ich habe sie so kennengelernt, wie du sie jetzt siehst: desillusioniert und verantwortungsbewußt."
Nicolai sah ihn an. Arluro belog ihn niemals.
"Warum sehe ich das erst jetzt?" murmelte er leise.
"Weil du anders warst. Wir waren verdammt jung damals. Zumindest wir beide..." Arluro betrachtete Nicolais Profil, das klassisch schön war und ihm verriet, daß Nicolai sich betrogen fühlte. Betrogen von seiner eigenen Beobachtungsgabe. Betrogen um die Frau, die er mehr als alles auf Terkum liebte.
"Warum? Warum habe ich das nicht bemerkt? Was ist mit mir los?" murmelte er. "War sie niemals meine Svanie?"
"Oh, doch. Mit Haut und Haar war sie dein. Aber dann kam alles anders, als du es geplant hattest." Arluro schüttelte kaum merklich den Kopf.
"Komm, mein Freund, es ist nicht die Zeit für Trübsinn." forderte Arluro ihn auf, als er bemerkte, daß die Aufmerksamkeit Nicolais Schützlings auf ihn gerichtet war.
"Nico, ich möchte Nicles meine Gemächer zeigen, dürfen wir uns entfernen?" fragte Arlenn höflich und strahlte Nicolai voller Charme an.
"Sicher." gab der Monarch seine Erlaubnis und die beiden Teenager stürmten davon, hinter ihnen her eine empörte Kaviden, die es haßte, zurückgelassen zu werden.
Arluro hatte sich entfernt und auch sonst schien sich jeder gut zu amüsieren, außer Nicolai.
Svanie unterhielt sich mit Leslie und Tetsuro, die alle beide Arlenn wie einen Enkel liebten und sehr liebevoll Anekdoten aus der Zeit, die Arlenn in Llonden verbracht hatte, erzählten.
Ab und zu lachten alle drei und Nicolai fühlte sich ausgesperrt.
"Wirst du mit mir nach Llonden kommen?" fragte er Svanie, die in vor Blut starrer Kleidung und völlig erschöpft vor ihm stand.
"Ich... kann nicht. Mein Land braucht mich. Ich bin nicht frei, zu tun, was ich möchte, Nico. Alle zählen auf mich und vertrauen mir. Auch wenn ich es noch so sehr möchte - ich kann es nicht tun."
Sie wandte sich um. Ihre Haltung strahlte Stärke und Entschlossenheit aus. Sie wirkte erwachsen. Mit sicheren Schritten entfernte sie sich von ihm und schloß sich ihren Truppen an, die ebenso müde und erschöpft aussahen, wie sie selbst.
"Ich weiß, daß Ihr sie liebt, Prinz Nicolai." erklang eine weibliche Stimme neben ihm.
Talliden ergriff seine Hand. "Und ich weiß auch, daß sie Euch mehr liebt, als sie es auszudrücken vermag. Dennoch, die Sorge um ihr Land wird sie immer von Euch trennen, deshalb, laßt sie gehen. Dieses Land braucht eine Königin wie sie, und diese Welt ein Land wie Zahrlt. Was ihr auch tut, keine Macht Terkums wird sie von Zahrlt trennen können. Sie ist Zahrlt und alle Zahrlter würden ihr Leben für ihre Königin geben. Auch die Nordländer sind mit ihr einverstanden. Diese Frau gehört hierher. Sie und ihr Mann sind die große Hoffnung dieser Generation." Talliden lächelte ihn an, ihre Augen schienen zu sagen "So ein König mußt du erst noch werden, Bubi!"
Dann ging auch sie. Nicolai blieb zurück, allein.
Die Wahrheit von Tallidens Worten sickerte in sein Herz und in seinen Verstand. Er war ihrer nicht würdig und das war wahr. Sein Blick wanderte zu Boden und heiße Tränen rannen durch den Dreck auf seinen Wangen. "Svanie..." flüsterte er. Eine andere Gestalt kam auf ihn zu: "Laß uns nach Hause gehen, Nico." murmelte Arluro, der genug Blutvergießen für den Rest seiner Tage gesehen hatte.
So waren sie nach Llonden zurückgekehrt und schließlich war Nico König geworden, immerzu bemüht, so ein guter König zu werden, wie Svanie es vorgemacht hatte.
Er hatte sich vorgenommen, Svanies würdig zu werden, er war durch sie erwachsen geworden, doch hatte er nie erkannt, daß sie immer gewußt hatte, daß es kein Svanie und Nico gab.
Nicolai sah auf die Feiernden und seufzte.
Ob es wohl sehr auffallen würde, wenn er einfach verschwinden würde?
Egal, er tat es einfach.
Er lehnte sich an eine Säule eines Bogenganges, der eine Aussicht auf die Stadt und Arlminth hatte. Das Licht der Monde war hell und tauchte die Umgebung in ein absurdes Szenario.
"Liebling, warum bist du einfach verschwunden?" fragte eine goldene Stimme hinter ihm.
Das hatte ihm noch gefehlt, seine Frau.
"Ich hatte Kopfschmerzen, Kiré! Ich muß einen Augenblick allein sein."
"Liebling, ich muß dich doch nicht daran erinnern, daß du der König von Llonden bist und somit Gastgeber dieser Feierlichkeiten..." begann sie an sein Gewissen zu appellieren - völlig umsonst, wie sie schon aus Erfahrung wußte. Sie hörte einen verächtlichen Schnauber von ihrem Ehemann.
"Du hast doch diese Party organisiert. Mich hast du nicht gefragt." murmelte er und sie hörte echten Unwillen aus seiner Stimme. "Laß mich in Ruhe, Kiré. Verstehst du? Geh!"
"Aber, Liebster... ich möchte dir doch nur helfen... Du solltest auch an dein Land denken!" Kiré hatte es noch nie verstanden, Menschen einfach in Ruhe zu lassen, sie war viel zu sehr auf Äußerlichkeiten bedacht und auf die Wahrung der Haltung nach Außen hin. Ihr Ehemann fuhr herum und sah sie mit leuchtenden grünen Augen an. Sofort fiel ihr sein Spitzname Nico, der Rane, wieder ein.
Der Name paßte. Sie wich zurück, vor diesem Raubtier, daß sie voller Wut anstarrte.
"Laß mich!" grollte er. Kiré schluckte, dann nickte sie. Ohne ihre übliche Grazie oder Würde drehte sie sich um und floh. Nicolai holte tief Luft.
Ruhe - endlich...
"Huh, da kriegt man ja Angst..." hörte er eine weitere Stimme. Diesmal männlich.
"Kann man denn hier nie seine Ruhe haben?" grollte er seinen Freund an.
"Friß mich nicht! Ich bin doch noch so jung...!" veräppelte Arluro ihn weiter. Ihm war sehr wohl bewußt, daß nur er allein sich solche Frechheiten gegenüber Nicolai herausnehmen durfte, alle anderen wären schon lange mit einem Verweis gestraft worden. Allerdings zeigte der Monarch von Llonden auch äußerst selten Anfälle von schlechter Laune, sondern meistens war er ein schöner sonniger Anblick, voller Charme und einem steten Lächeln auf den Lippen.
"Nico, hängst du immer noch deiner vermeintlichen Svanie nach?" änderte sich Arluros Ton, nun eher anteilnehmend.
Nicolai antwortete nicht. Sein Kopf fiel nach vorn, so daß Arluro sein Gesicht nicht mehr erkennen konnte.
Arluro fand, daß sein Freund einen erbärmlichen Anblick bot, wie er so da stand, mit gesenktem Kopf, hängenden Schultern und geballten Fäusten. Fehlte nur noch, daß er weinte und Arluro würde nicht länger einfach neben ihm stehen bleiben können. Schon fiel die erste Träne auf den polierten Boden, mit einem leisen Pitsch, das sofort Arluros Gehör erreichte.
Arluro seufzte, dann hob er Nicolais Gesicht mit einer sanften Bewegung an, so daß er in die tränenglänzenden Augen sehen konnte. Mit seiner anderen Hand wischte er die Tränen von den Wangen des jungen Mannes, das tat er mit so unendlicher Zärtlichkeit, daß ein leichtes Lächeln seine Belohnung war.
"Wenn Kiré das sehen könnte, wäre sie außer sich vor Entsetzen." erklang die rauhe Stimme des jungen Monarchen.
"Auf eine schockierte Ehefrau kann ich jetzt gut verzichten, Nico." murmelte Arluro. Nicolai seufzte genervt: "Ja, ich auch." dann sah er Arluro zärtlich an. "Aber nicht auf einen Freund..."
"Freund...?" scherzte Arluro leise "Oder Liebhaber?" dann wandte er sich ab.
"Obwohl das schon zu lange her ist."
Nicolai legte eine Hand auf Arluros Schulter.
Sicherlich war das alles schon eine Weile her, aber vergessen konnten es beide nicht. Arluro fand es unerträglich, die Körperwärme seines Freundes zu spüren und zu wissen, daß er ihn nicht näher kommen durfte. Doch sein Freund war der König des mächtigsten Landes auf diesem Kontinent und ein Staatsmann im Rampenlicht der Öffentlichkeit, er hatte nicht die Wahl, ob er nun lieber seinen Freund oder seine Frau in seinem Bett hatte. Obwohl es Zeiten gegeben hatte, in denen Nicolai solche Überlegungen einen Dreck gekümmert hatten. Doch dann war er erwachsener geworden. Damit hatte er viel von dem verloren, was ihn so unwiderstehlich gemacht hatte. Und er hatte eine völlig neue Lebensperspektive gewonnen. Erinnerungen wurden in ihrer Zeit eingefroren.
"Arluro, ich danke dir." die Stimme Nicolais war noch immer rauh.
"Nico?" rief ein weiterer junger Mann nach ihm.
"Hier hat man wirklich niemals Ruhe..." seufzte Nicolai und antwortete:
"Ich bin hier draußen, Arlenn."
Der junge Prinz hetzte zu ihm.
"Ich weiß, daß ich jetzt gerade störe." keuchte er, als er einen Blick auf die beiden Männer geworfen hatte. Arluro errötete ein wenig, doch dann wandte sich Arlenn an den König.
"Ich habe mich mit meinen Geschwistern unterhalten und ich werde nach Branor zurückkehren." Nicolai sah sofort betroffen aus.
"Ich verstehe..." murmelte er und sah seinen blonden Schützling traurig an.
"Aber ich komme zurück. Ein Eken, Nico, dann komme ich zurück, dann kannst sehen, ob ich noch dein Nachfolger sein werde." Arlenn lachte unsicher.
"Ich werde dich und Arluro vermissen. Leslie und Tetsuro auch." doch die Traurigkeit in seiner Stimme sprach seiner fröhlichen Maske hohn. Dann sah er Nicolai mit einem verzerrten Lächeln an. Und Nicolai breitete seine Arme aus, in die Arlenn sich warf. Nicolai strich sanft über die wilden weizenblonden Haare des Jungen. Sein Herz krampfte sich zusammen, nun würde er auch noch den Jungen verlieren, den er liebte, wie seinen eigenen Sohn. Arluro seufzte. In den Augen seines Geliebten konnte er den tiefen Schmerz erkennen, den er verspürte.
"Aber ich vermisse auch Vater und meine Geschwister. Zahrlt fehlt mir. Ich möchte beides! Doch das geht nicht, ich weiß." schluchzte der junge Mann in Nicolais Armen. Langsam beruhigte er sich wieder.
"Bitte, sei mir nicht böse, Nico." bat Arlenn, als er sich wieder von Nicolai löste.
"Niemals, Arlenn. Ich kann mich ja schon mal auf deine Rückkehr freuen." tröstete Nicolai ihn. Arlenn nickte und dann strahlte er. "Ich freue mich auch darauf." dann rieb er sich die Augen.
Der Streß an diesem Sel war einfach zuviel für ihn gewesen: die Prüfung, die Party und die Entscheidung forderten nun ihren Tribut.
"Nun, geh ins Bett, wir können morgen noch darüber reden." befahl Nicolai sanft und der junge Prinz gehorchte willig.
"Nun verlierst du auch noch ihn. Nico, dein Leben war leichter, als du noch nicht König von Llonden warst!" stellte Arluro leise fest. "Und ich beneide dich nicht, auch wenn du Macht und Ruhm hast."
Dann lächelte er Nicolai traurig an und zog sich zurück.
Nicolai umarmte sich selbst und sank an einer Säule nieder. Er starrte in den Himmel und seufzte, den Tränen in seinem Augen ließ er lieber keinen freien Lauf. Er war ein König und als solcher hatte er Stärke und Entschlosssenheit zu zeigen.
Warum fiel ihm das nur plötzlich schwerer als je zuvor?
"Herzlichen Glückwunsch, euer Hoheit. Es sind beides Jungen. Wie sollen sie heißen?" Talliden hielt einen der Neugeborenen im Arm, der in eine Decke gewickelt war.
"Der Ältere wird Arlenn heißen, nach Fallenn und Arison. Der jüngere Nicles, nach Nicolai und Leslie. Diese Menschen hatten einen großen Anteil an meinem Leben." Svanie betrachtete ihre beiden Söhne voller Zärtlichkeit. Talliden nickte und sah auf ihren eigenen Bauch, der ebenfalls verriet, daß ihr eigenes Kind bald zur Welt kommen würde. Seit ein paar Wochen waren sie und die Königin in den Bauten auf der Insel im Ero - See versteckt, um auf die Geburt des Thronfolgers zu warten. Daß es gleich zwei waren, war sehr ungewöhnlich.
"Nun warten die beiden nur noch auf ihren Spielgefährten, Talliden und dann kehren wir nach Branor zurück." entschied die junge Mutter und Königin.
"König Kavel wartet gewiß ungeduldig auf seinen Nachwuchs, euer Hoheit." stimmte Talliden ihr zu.
Als einige Zeit später wieder ein Schrei die Stille zerriß, folgten ihm gleich mehrere.
"Ein Mädchen, Talliden. Eine wunderschöne Tochter." verkündete Svanie ihr und Talliden sah schwach zu Svanie auf. Als sie sich erheben wollte, um ihre Tochter zu baden, brach sie zusammen.
"Irgend etwas stimmt nicht, Svanie. Ich verliere zuviel Blut!!" stöhnte Talliden.
"Was kann ich tun?!!" schrie Svanie, die Angst bekam. Talliden verlor das Blut zu schnell, sie spürte schon, wie ihr die Realität zwischen den Fingern zerrann, ebenso die Zeit. Es gab Dinge, die gesagt werden mußten.
"Hört mir zu, Hoheit. Ich wollte dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen, doch ihr sollt es wissen. Das Mädchen ist die Schwester von Arlenn und Nicles, denn Kavel ist ihr Vater. Verzeiht mir. Ich habe ihn sehr geliebt."
" Kavel ist ihr Vater?" Svanie hielt die Hand ihrer Freundin.
"Ja. Bitte kümmert euch um sie." bat sie und schloß die Augen. "Kavel braucht nie zu erfahren, daß sie die Schwester seiner Zwillinge ist!" sie seufzte und verlor das Bewußtsein und kurz darauf das Leben.
Svanie weinte und flüsterte :
"Das ist sie nicht. Sie ist nicht ihre Schwester!"
Leslie sah in die Augen ihres Geliebten:
"Je älter ich werde um so mehr vermisse ich die Welt aus der ich komme!" seufzte sie und streckte sich. Sie war eine reife Frau, die immer noch sehr attraktiv war, aber dennoch machte ihr das Fehlen von Luxus doch ein wenig zu schaffen . Sie vermißte viele Dinge, die ihr als Teenager nie so wichtig erschienen waren, wie warme Decken und Fertiggerichte.
"Unser Sohn sitzt auf dem Thron, er hat geheiratet und jetzt bist du nur noch eine gute Mutter und keine Königin mehr." Tetsuro, der langjährige Geliebte der Königin grinste unverschämt und Leslie küßte ihn. denn sie liebte es, wenn er sie ein wenig auf den Arm nahm.
"Dennoch hätte ich gern gewußt, ob meine Mutter noch lebt. Was wohl passiert ist in der Welt aus der ich komme? Wieso kann ich nach all diesen Jahren nicht aufhören daran zu denken?" Leslie schaute traurig auf Llonden und ihre Augen verloren sich in der Ferne. Tetsuro legte seine Arme um sie und hoffte sie so wieder zurück zu bekommen.
Arluro saß neben seinem besten Freund und einstigem Geliebten und spielte Prai`si mit dem König von Llonden, der diese drei Dinge in sich vereinigte. Manchmal sahen sie sich für Freunde ein wenig zu lange in die Augen, doch Arluro liebte die wunderbare Farbe dieser Augen und ihr Funkeln.
Der König von Llonden spielte nicht sehr aufmerksam, denn in Gedanken war er bei der Flugprüfung seines Schützlings Arlenn, die in Kürze stattfinden sollte. Als Arlenn 16 Ekens alt geworden war, hatten Kavel und Svanie ihn gebeten, Arlenn in Arlminth zu erziehen und zu unterrichten, da der älteste Sohn vom königlichen Paar in Zahrlt einfach zu viele Merkmale eines Fliegers aufwies und deshalb in Zahrlt ein wenig unglücklich war. Schweren Herzens hatte Svanie ihren Sohn nach Llonden und dann nach Arlminth gebracht, wo er vom König persönlich unter die Fittiche genommen worden war, der zusätzlich noch einer der hohen Ratsmitglieder in Arlminth war.
"Hey, Nico, was ist denn? Du bist am Zug!" drängte Arluro, der die Gedanken seines Freundes nicht schwer erraten konnte. Der König von Llonden hob träge den Blick und erwachte:
"Ich hoffe nur, daß Arlenn den Test besteht. Svanie wäre sehr enttäuscht, wenn er nicht ein Arlminthflieger ist:" seufzte der König.
"Ich glaube eher, daß du enttäuscht wärst.
Nico, er schafft das schon, so wie du ihn in den letzten Wochen gedrillt hast!" lächelte sein Freund, Liebhaber und Urahn.
Ein Diener trat ein: "Die Königin von Zahrlt ist hier mit ihren Kindern."
"Laß sie herein!" rief Arluro und sah dann verschämt auf König Nicolai "wenn es dir recht ist..."
"Ja, bitte sie doch herein." stimmt der zu und der Diener verschwand.
"Sag mal, Arluro, wer ist hier König? Du oder ich, hä?" lacht Nicolai und dann starrte die Tür an, als hoffte er hindurch schauen zu können. Arluro wußte, daß Nicolai es kaum erwarten konnte, die Königin von Zahrlt zu erblicken, genauso wie sie es ihrerseits kaum erwarten konnte.
Die Tür schwang auf und eine Frau in einem hellblauen Kleid erschien, neben ihr ein Junge von 24 Ekens und daneben ein Mädchen gleichen Alters. Das Mädchen war ein wenig größer als der Junge und hatte kurze Haare, während der Junge seine Haare in einem Zopf trug.
Die Frau war groß und sehr charismatisch, mit leuchtenden blaugrünen Augen und honigblonden Haaren, die normalerweise in wilden Locken über ihren Rücken hingen, im Moment aber zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt waren. Sie war die Kusine des Königs und hatte ebenfalls Arlminthblut in ihren Adern.
"Willkommen einmal wieder hier in Llonden, Svanie." sagte Arluro, als Nicolai keine Anstalten machte etwas zu sagen.
Statt einer Erwiderung des Grußes ging die Königin zu ihm und umarmte ihn, dann küßte sie ihn leicht auf die Lippen und Arluro wußte wieder, warum er sich einst so sehr in sie verliebt hatte.
"Svanie..." brachte Nicolai schließlich heraus. Sie lächelte bezaubernd und das konnte jedem Mann den Atem verschlagen: "Hallo Nico... Wie geht es meinem Sohn?" Sie hatte Angst ihm in die Augen zu schauen, überhaupt in das so vertraute Gesicht zu schauen und deshalb lächelte sie ihrem zweiten Sohn an: "Nicles möchte seinen Bruder sehen. Ich möchte gerne an seiner Prüfung teilnehmen. Führst du uns zu ihm?"
"Ich möchte ihn auch wieder sehen." schmollte Kaviden, die ihre Mutter voller Trotz ansah und dann lächelte Svanie: "Ja, natürlich möchtest du das. Also, Hoheit. Würdet ihr uns die Ehre erweisen und uns zu Arlenn führen"
Nicolai nickte und dann brachte er seinen ersten Satz heraus: " Die Prüfung ist noch nicht vorbei, Außenstehende dürfen nicht daran teilnehmen, vor allem, weil Arlenn nicht in Arlminth geboren wurde."
"Ich hoffe, daß Chara ihn nicht zu hart fordert." seufzte Svanie.
"Keine Sorge, Svanie. Er ist gut, wirklich. Ich habe ihn einige Flüge allein machen lassen, die er mit Bravour absolviert hat. Also, er ist ein Arlminth, das ist so gut wie sicher." begeisterte sich Nicolai und dann bot er Svanie einen Stuhl an.
Die beiden Geschwister wußten, jetzt würde es ein großes Blabla geben und für sie nur Langeweile, als plötzlich ein junges Mädchen hereinkam. Sie starrte kurz Svanie und Nicolai an und dann rief sie:
"Hallo Königin Svanie."
"Das ist Diodara, meine Schwester." stellte Nicolai sie vor, obwohl sie vor allem Svanie bestens bekannt war. Diodara lächelte und sah Nicles erwartungsvoll an. Nicles wurde rot und Svanie schickte ihre beiden Kinder mit Diodara zum Spielen fort. Eigentlich waren die beiden erleichtert, daß sie das Blabla nicht ertragen mußten, doch irgendwie fanden Nicles und Kaviden Diodara ziemlich arrogant. Die Erwachsenen sahen sich gegenseitig an und schwiegen beharrlich, weil jeder seinen eigenen vergangenen Träumen und Verlangen nachhing. Irgendwie war die Atmosphäre in dem Raum sehr geladen und als Kiré, die Königin Llondens und Nicolais Ehefrau, hereinschritt, war ihr Ehemann geradezu erleichtert.
"Hallo mein Liebster." trällerte sie und küßte Nicolai auf die Wange. Nicolai seufzte und schaute in die goldenen Augen seiner Ehefrau. Sie lächelte freundlich und dann begrüßte sie Svanie überschwenglich, sie wurde umarmt und Svanie machte ein unglückliches Gesicht. Kirés überschwengliche Art war ihr peinlich.
"Ich freue mich so, dich wieder zu sehen, Svanie und dein entzückender Sohn, Arlenn, wird die Prüfung bestehen, keine Sorge!! Du weißt ja, daß ich mir immer einen eigenen Sohn gewünscht habe, doch bislang ist noch kein Nachwuchs in Sicht." plapperte sie und Svanie nickte überrumpelt. Kiré zwitscherte weiter vor sich hin und versuchte weiterhin die Stimmung aufzulockern. Es wurde nicht nur Svanie, sondern auch Nicolai und Arluro ein wenig peinlich.
"Kiré, wir sollten Svanie lieber zu ihrem Sohn bringen, sie haben sich schon lange nicht mehr gesehen. Die Prüfung müßte bald vorbei sein und erst müssen wie ja nach Arlminth fahren." beruhigte Nicolai seine Frau.
"Was ist mit Kaviden und Nicles?" erkundigte sich Svanie "Ich habe versprochen, sie gleich mitzunehmen und ich halte meine Versprechen. Wenn Nicles seinen Bruder nicht als erster zu sehen bekommt, wird er mich bestimmt ziemlich lange kaum beachten, so wie ich ihn kenne."
An einem anderen Ort führte Diodara Nicles und Kaviden durch ein Gewirr von Straßen und Gassen und die beiden Zahrlter fühlten sich in der großen Stadt Llonden nicht sehr wohl. Sie waren in Zahrlt von dichten Wäldern umgeben und konnten mit soviel Verkehr nicht umgehen.
"Ich bringe euch nach Arlminth, dort ist Arlenn, doch dazu müssen wir durch Llonden bis vor die Tore der Stadt." erklärte Diodara den beiden verängstigten Gästen. Kaviden besann sich auf ihren Nordvolkstolz und atmete kräftig durch um schließlich eher einen lässigen und unberührten Eindruck zu machen. Nicles wollte nur endlich seinen Zwillingsbruder wiedersehen, also eilte er Diodara ohne besonderen Stolz nach.
Inzwischen waren ihre Familien schon lange in Arlminth eingetroffen, die früher einmal eine schwebende Stadt gewesen war, doch seit dem Beschluß von Leslie nun auf den Boden aufgebaut worden war. Die weißen Gebäude waren geblieben, ebenso die luftige Architektur, nur zwischen den typischen Arlminthern sah man nun auch Menschen aus Llonden durch die Straßen eilen.
In Arlminth begrüßte sie ein Arlminther, den sie alle kannten: Amanduro.
"Die Prüfung ist noch nicht zu Ende, Euer Hoheit." berichtete er der erwartungsvollen Svanie, die nervös aussah. "Doch lange kann es nicht mehr dauern. Die Prüfung wird so gut wie nie bei Menschen vorgenommen, die nicht in Arlminth geboren wurden, obwohl es in den letzten Jahren doch mehr Kinder gab, die das Blut eines Arlminth hatten, obwohl sie nicht hier geboren worden waren."
"Das stimmt." pflichtete Nicolai ihm bei, der als König und als Arlminth selbst von der Problematik der genmanipulierten Außenseiter wußte "Immer mehr Arlminth mischen sich mit den anderen Völkern. Ich glaube, daß man das Ende der Arlminthfähigkeiten absehen kann. Bald können nur noch die Cerise fliegen und kein menschliches Wesen mehr."
"Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, schließlich sind die Menschen ja auch nicht mit Flügeln geboren worden. Wenn ich nicht gewesen wäre, hätten sie nie die Rasse der Arlminth aus meinen Genen mutieren können. Vieles wäre Llonden, Llynd und Zahrlt erspart geblieben, wenn das nicht geschehen wäre!" gab Arluro zu bedenken, der Stammvater aller Arlminth war, dann aber für über
10 000 Ekens eingefroren worden war.
"Laßt uns doch von etwas erfreulicherem als nun gerade von den Zwergen reden." schlug Kiré vor und sah alle bezaubernd lächelnd an. Nicolai schloß für einen Moment die Augen. Früher, als Kind hatte er sich besser mit ihr verstanden, doch seitdem sie eine Halbcerise als Nichte hatte, mied sie ernste Themen und hatte sich total verändert. Außerdem war sie da noch nicht seine Ehefrau sondern nur eine Freundin gewesen.
Die Tür des Ratshauses öffnete sich und der Ruf: "Svanie!" erscholl aus der Richtung, als dann folgte: "Ich habe bestanden!!!" war jedem klar, das der junge Mann, der auf Svanie zu lief, ihr Sohn war.
Svanie starrte mit Tränen in den Augen in die Richtung der Tür, halb bange, daß dies nicht mehr der Arlenn war, den sie ihren Sohn nannte. Doch als sie das weizenblonde Haar und die himmelblauen Augen in dem hübschen Gesicht sah, breitete sich ein mehr als erleichtertes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie fing ihren Soh in ihren Armen auf. "Oh, Arlenn. Ich habe dich so vermißt, aber ich ja bin so stolz auf dich." brummelte sie. "Und ich auch!" lobte Nicolai seinen Schützling, der daraufhin seine Mutter losließ und ihn umarmte.
"Tja, Euer Hoheit. Euer Sohn ist ein Arlminth. Ich kann nur gratulieren." bestätigte Chara, die unbemerkt ebenfalls den Raum betreten hatte. Svanies Augen trafen die ihre ehemaligen Feindin zu einem wortlosen Danke. Chara nickte annerkennend und Svanie lächelte ihren Sohn noch einmal strahelnd an.
Nicolai freute sich so sehr, als ob sein eigener Sohn diese, nicht unerhebliche Prüfung, bestanden hätte.
"Vergiß nicht, ein Arlminth hat nicht nur die Freiheit zu fliegen, er muß auch jedes zweite Eken seinen Bund mit dem Himmel erneuern. Das kann einem zum Fluch geraten, wenn man keine Sternenfallpartnerin hat." redete er auf den Prüfling ein. Arlenn nickte, aber schien diese Worte nicht sehr ernst zu nehmen. Für ihn schien sein erster Sternenfall noch unendlich weit entfernt.
"Wären wir doch nur mit Svanie geflogen, dann wären wir viel schneller in Arlminth gewesen!" beschwerte sich Kaviden bei Nicles, der staunend auf Arlminth blickte. Sie waren nun schon einige Zeit unsterwegs. Etwas außer Atem, konnte sich der junge Prinz dennoch der Schönheit der ehemaligen Himmelstadt nicht entziehen. "Sei ruhig!" fauchte Diodara, "So hast du wenigstens einmal das Zentrum von Terkum kennengelernt. Nicht wahr, Prinz Nicles?" Diodara erwartete Zustimmung, doch Nicles Gedanken waren seinen Füßen vorausgeeilt und schon längst ganz woanders.
"Arlenn..." flüsterte er.
"Wo ist mein Bruder?" erkundigte sich Arlenn bei den Erwachsenen.
"Er ist mit Diodara spielen gegangen..." antwortete Kiré freundlich, doch Arlenn schüttelte den Kopf: "Er ist auf dem Weg hierher!"
Nicles eilte den Mädchen voraus. Er brauchte Diodara nicht, um herauszufinden, wo sich sein Bruder aufhielt. Er riß die Tür zum Ratssaal auf und mit großen Schritten, alle anderen ignorierend, trat er vor seinen Zwillingsbruder. Ohne erkennbare Freude sahen sie sich an.
"Bruder." sprachen beide synchron und dann lehnten sie ihre Köpfe an der Stirn aneinander, als ob sie nur so stehen könnten. Nicolai war es erschienen, als würden die hellen blauen Augen von Arlenn dunkler und im Gegenzug dazu die moosgrünen Augen von Nicles heller.
Nun betraten auch die beiden Mädchen den Raum und Kaviden umarmte ihren Bruder stürmisch. Im Gegensatz zu ihren Brüdern hatte sie keinen Tropfen Arlminthblut in sich, sondern war eine reinblütige Nordländerin. Ihr Temperament konnte schon mal mit ihr durchgehen, doch ihre Brüder liebte sie sehr eindringlich und ohne Kompromisse. Sie hatte keine Ahnung, daß sie gar nicht mit den beiden verwandt war, ganz im Gegenteil, sie hielt sich für ein Kind, das mit ihnen den Mutterleib geteilt hatte, da Svanie alle drei zur selben Zeit nach Burg Branor gebracht hatte.
Kiré sah die drei sehnsuchtsvoll an. Sie wünschte sich eigene Kinder, aber nicht solche Monster, wie es das Kind von ihrem Bruder Jarré war.
Reyé hatte hellblaue Haut, grüne Haare und goldene Augen. Wenigstens hatte sie nicht auch noch die Flügel ihrer Mutter geerbt. Jarré hatte sich mit ihr in die Nähe des Schleimigen Waldes zurückgezogen, somit saßen auf dem Llynder Thron nun weder sie noch ihr Zwillingsbruder, sondern Leto, der um einige Ekens jünger war, als sie. Kiré betrachtete die drei Geschwister. Sie sahen einander nicht so ähnlich, wie sie selbst ihren beiden Brüdern ähnelte. In ihrer Familie gab es nur den Einfluß von Claytons Familie, der königlichen Familie, die seit Generationen schon dunkelhaarig und braunäugig gewesen waren, und den von Rhotan, die jeder nur als golden beschreiben konnte. Sie, Kiré, hatte braune Haare und goldene Augen, ihr Zwillingsbruder hatte goldbraune Augen und braune Haare und einen ihr sehr ähnlichen Mund und Leto hatte die goldene Haut und die goldenen Augen seiner Mutter, nur seine Haare waren schwarz, wie die von seinem Großvater Akgnary, einem der Norson Generäle.
Wenn sie aber so Svanies Kinder betrachtete, schien sich in ihnen Llonden, Zahrlt, Arlminth und das Nordfolk zu vereinen.
Die Tochter schien nur aus pastellfarben zu bestehen. Kavidens Augen waren fliederfarben, ihre Haare ein helles beigeblond und ihre Haut war hell, wie die aller Nordländer. Die Söhne hatten nicht nur ein unterschiedliches Temperament, sondern schienen dieses durch ihr Aussehen auch nach außen zu reflektieren. Zuerst stach einem natürlich Arlenn ins die Augen, der einen umwerfenden Charme und ein sonniges Gemüt hatte, zu dem auch noch sehr nach Arlminth aussah. Leichtgebräunt, mit weizenblonden Haaren und Augen, die aussahen, wie Scheiben aus einem Sommerhimmel ausgeschnitten, machte er den Eindruck eines jungen Herzensbrechers. Arlenns extrovertierte und unkomplizierte Art zeigten jedem das Arlminthblut in seinen Adern. Sein Zwilling, den sie ganz unpassend nach Nicolai benannt fand, war blasser und hatte die Haarfarbe seiner Mutter, nur schien irgendwie noch etwas dunkles rotbraun hineingeraten zu sein. Er trug schon jetzt seine Haare lang und als Zopf, wie beim Nordfolk üblich und doch glänzten sie eher wie Arlminthhaare. Den stärksten Kontrast machten jedoch seine Augen, die mit ihrem dunklen Moosgrün zu seinem eher scheuen und wenig kommunikativen Wesen paßten. Sein Gesicht war meist ernst und es fiel Kiré nicht schwer zu glauben, daß er bereits ein guter Schwertkämpfer war und auch mit anderen Waffen verstand umzugehen.
Kiré wußte, daß Nicolai gerne Kinder gehabt hätte. Sie merkte es an der Begeisterung, die er immer schon Svanies Kindern entgegengebracht hatte. Für ihn schien das nur ein weiters Abenteuer zu sein, doch Kiré wußte, daß Kinder auch Verantwortung bedeuteten! Wenn sie Svanies Mann, Kavel, ansah, dann erkannte sie einen Vater, aber nicht in Nicolai, der selber manchmal wie ein Kind erschien.
Es war schon erstaunlich, daß er es überhaupt fertigbrachte, über ein so großes und mächtiges Land wie Llonden zu herrschen, doch seine Untertanen liebten ihn. Sie konnte ja selbst eine gewisse Faszination an seiner Person nicht leugnen. Er war frech und charmant, launisch und zärtlich, voller Zuneigung und introvertiert zugleich. Außerdem hatte er das Aussehen eines Ranen: schön und gefährlich. Sie wußte, daß ihm keine Frau jemals widerstanden hatte noch je würde und daß er diesen Vorteil eine Zeit bis zur völligen Besinnungslosigkeit ausgenutzt hatte. Das war vor ihrer Ehe gewesen.
Manchmal war Kiré stolz, den Mann geheiratetet zu haben, den jede andere sich nur erträumt hatte, doch sie hatte festgestellt, daß er niemals wirklich ihr gehören würde. Er behandelte sie mit der gleichen leicht herablassenden Freundlichkeit, mit der er sie schon als Kind behandelt hatte und schien sie auch nicht als Frau zu sehen. Sex mit ihm war wie ein Spiel, das ihm Spaß machte und bei dem er begeistert mitspielte, doch von sich selber verriet er nichts dabei. Seine Arlminthwelt blieb ihr verschlossen, ebenso seine Gedanken und Gefühle, die er eher bei seinem Freund anbrachte, als bei ihr. Überhaupt hielt sich Arluro ständig in Nicolais Nähe auf. Nonverbale Kommunikation war bei diesen beiden das Hauptverständigungsmittel. Manches Mal sahen sie sich lange in die Augen, dabei zeigte Nicolai mehr Emotionen und Zärtlichkeit als er ihr gegenüber jemals ausdrückte.
Kiré konnte nicht behaupten, daß es ihr schlecht ging, Sie war von Luxus umgeben und von einem fürsorgenden Hofstaat, doch sie vermißte Leidenschaft und Tiefe. Sie fragte sich, wem diese Sehnsucht galt, die sie in den Augen ihres Mannes erkennen konnte, wenn er ins Nichts starrte. Wem gehörte er?
Etwa einem Mann?
Arluro vielleicht?
Doch Arluro hatte ihr versichert, daß dem nicht so sei.
Kiré lächelte leer und ihr Blick blieb an Nicles Gesicht hängen. Er hatte ähnliche Gesichtzüge wie Nicolai....
Auch er war schön. Schließlich war Svanie Nicolais Kusine, ihre Mutter war sogar die eineiige Zwillingsschwester von Leslies Mutter gewesen, vielleicht lag dieses Aussehen in der Familie.
Plötzlich fragte sich Kiré, welchen ihrer Söhne Svanie wohl mehr liebte.
Svanie lächelte stolz und froh und ihr Blick traf Nicolais. Sie ging auf ihn zu.
"Herzlichen Dank, daß du dich um Arlenn so lieb gekümmert hast, Nicolai." da sich ihre Blicke sowieso schon getroffen hatten, waren sie verpflichtet irgendwelche Sätze auszutauschen.
"Das war doch selbstverständlich, Svanie..." sie spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Sie verlangte nach ihm mit ihrem Körper und ihrem Selbst., als er zu ihr sagte: "Wo ist eigentlich dein Mann? Wollte er nicht an der Prüfung seines Sohnes teilnehmen?"
Svanie schluckte. Natürlich, sie hatte zuerst geheiratet, viel später dann erst Nicolai, den die Pflicht dazu gebracht hatte.
"Also, Kavel kümmert sich um einige Angelegenheiten im Nordland. Es ist ein harter Winter dieses Eken..." erklärte Svanie die Abwesenheit ihres Mannes.
"Ein harter Winter? Ich dachte, im Nordland gäbe es sowieso nichts außer Winter." kommentierte Arluro ihre Ausführung.
"Das stimmt schon, doch dieses Eken ist noch sehr viel kälter als viele zuvor, viele Kinder starben an Unterernährung, auch viele Junge der Tiere dort. Die Nordländer ziehen immer weiter nach Süden und ich glaube kaum, daß sich die Zahrlter gut mit ihnen verstehen würden!!!" wenn Svanie sich Sorgen um ihr Land machte, war sie ganz distanziert von allen persönlichen Gefühlen. Ihre Mutter war früh gestorben und ihr Vater war noch viel früher in eine Eisspalte gefallen, seitdem trug sie die Verantwortung für ein ganzes Land und hatte diese Aufgabe von Anfang an nicht als leicht empfunden.
Arlenn hörte dieses Gespräch mit einem Ohr mit und wandte sich sofort an seine Mutter:
"Heißt das, daß Vater nicht da ist, wenn ich nach Hause komme?" seine Stimme klang empört.
Svanie nickte: "Wahrscheinlich nicht... Ich wußte gar nicht, daß du tatsächlich zurück nach Branor kommen möchtest... Willst du nicht in Arlminth bleiben? Schließlich bist du jetzt einer von ihnen."
"Vater mußte dringend fort, Arlenn. Er freute sich so, daß du so viel Erfolg hattest bei deinen Flugübungen und wäre gerne mit nach Arlminth gekommen. Du darfst nicht glauben, daß er extra nicht gekommen ist!" versicherte ihm Kaviden. Arlenn schien nicht überzeugt von den Ausführungen seiner Schwester. Er wußte, daß sein Vater ihn nur ungern nach Arlminth hatte gehen lassen, denn Kavel traute keinem Menschen, der Metall formen und fliegen konnte. Auf der anderen Seite liebte er Arlenn zu sehr, um ihn einen Wunsch abschlagen zu können. Arlenn bewunderte ihn und wünschte sich, daß Kavel seine Fähigkeiten als Arlminth anerkannte und stolz auf ihn war. Kavel war vieles, was er niemals sein konnte. Stark, furchtlos und stetig seinen Prinzipien treu, war er ein Vorbild für Arlenn, dennoch hatte er das Gefühl, daß Welten zwischen ihnen lagen. Als er noch ein kleines Kind gewesen war, hatten sich solche Differenzen nie ergeben. Arlenn seufzte und musterte Nicolai. Wenn Nicolai sein Vater gewesen wäre, hätte er nicht solche Identitätsprobleme gehabt.
Sicher, Nicolai ging alles wesentlich lockerer und unernster an, aber er wußte Menschen zu nehmen und auf seine Seite zu bringen.
Nicles kannte jede Gefühlsregung seines Bruders und richtete seinen Blick auf Nicolai. Dieser fuhr zusammen. Der intensive Blick des Jungen ließ ihn erschauern.
"Sag deinem Sohn, daß er aufhören soll, mich so anzustarren!!" flüsterte er Svanie zu.
"Nicles, was hast du denn?" fragte Svanie ganz unvermittelt und der angesprochene schaut sie an.
"Warum ist nur Arlenn ein Arlminth und ich nicht? Wieso ist Kaviden auch kein Arlminth? Wird Arlenn hierbleiben?" löcherte Nicles sie, statt zu antworten.
"Ich kann die diese Frage nicht beantworten. Das muß Arlenn selber entscheiden, so gerne ich ihn auch wieder mit nach Zahrlt nehmen würde." Svanie musterte ihren älteren Sohn und Nicles Blick wirkte gequält.
Die anderen Fragen vermied Svanie zu beantworten. Die Antworten fand sie auch für sich zu anstrengend, zu fordernd.
Arlenn sah sich plötzlich mit einer Wahl konfrontiert, die er nicht treffen wollte.
"Bruder, ich wollte immer ein Arlminth sein. Ich wollte fliegen und meine eigenen Sternenfallpartner erwählen. Ich bin nun ein Arlminth und doch möchte ich die Eisgrenze wiedersehen, ich möchte durch die Wälder um Branor streifen und dich an meiner Seite wissen. Ich sehne mich nach unseren Ausfahrten und nach der Luft Zahrlts. Wie soll ich entscheiden, wo ich sein möchte?" Arlenn sah seinen Bruder an, der einsam und klein wirkte, dann seine Mutter, die für ihn die bedeutendste Person in seinem Leben nach seinem Bruder war.
Svanie hatte schon seit der Geburt der Zwillinge gewußt, daß sie eines Sels ihren eigenen Weg folgen würden und hatte sich immer vorgestellt, daß sie auf diesen Sel vorbereitet war. Doch nun erkannte sie, daß sie nicht im Geringsten bereit war, einen von ihren Söhnen gehen zu lassen.
"Ich weiß, daß ich häufig Entscheidungen getroffen habe, als ihr noch jünger wart, doch ich weiß, daß ihr alt genug seid, eure Entscheidungen selbst zu treffen." seufzte Svanie und hatte das Gefühl, als ob sie sich selbst einen Dolch in ihr Herz gebohrt hätte.
Arlenn schluckte: "Ich brauche noch ein bißchen Bedenkzeit." verkündete er schließlich und Svanie nickte.
Kiré ertrug die gedrückte Stimmung nicht länger und klatschte dreimal in die Hände.
"Wir sind hier nicht auf einer Beerdigung, wir sollten erst einmal die bestandene Prüfung feiern, nicht wahr?" rief sie fröhlich und alle schreckten aus ihren Gedanken auf.
"Wenn wir in den Palast zurückkehren, werden wir dort eine kleine Überraschung erleben. Also meine Lieben, wollen wir zurück?" fuhr sie fort und ihr Vorschlag wurde angenommen.
Die kleine Überraschung war ein riesiges Fest, daß nicht nur die Prüfung feierte, sondern auch die zukünftigen Thronfolger repräsentierte, falls Nicolai und Kiré niemals eigene Kinder bekommen würden.
Nicles und Arlenn waren die nächsten Verwandten des Königs, Reyé hätte ein ähnliches Anrecht auf den Thron gehabt, aber sie war nicht eingeladen. Dennoch war ihr Anrecht auf den Thron bekannt. Wenn sie nach Llynd zurückkehren wollte, dann stand ihr Kiré nicht ganz freundlich gegenüber, die ihre Nichte als Familienschande empfand, da sie zur Hälfte Cerise war. Aufgrund seiner Beziehung zu einer Cerise war ihr Zwillingsbruder Jarré entthront worden und lebte jetzt in der Nähe des schleimigen Waldes hier in Llonden.
Dies alles war auch der Grund, weshalb in Llynd Leto, Kirés um 22 Eken jüngerer Bruder herrschte, anstelle von Jarré. Leto war selber erst 38 Ekens geworden, deshalb standen ihm seine Mutter und sein Vater noch tatkräftig zur Seite. Kiré hatte sich immer gewünscht, daß sie eines Tages zusammen mit Jarré über Llynd herrschen würde, doch dieser Traum war nicht wahrgeworden.
Der König von Llynd erschien auf diesem Fest mitsamt seinen Eltern. Die beiden waren sichtlich älter geworden.
Clayton hatte schon graue Haare, was seiner Frau gut gefiel und sie liebte den Kontrast seiner Haare zu seinen Augen. Rhotan, seine Frau, Königinmutter und Tochter einer mächtigen Stammesführerin aus Norson, schien unsterblich schön, so wie Gold, dem sie so glich. Herzlich begrüßten sie Nicolai, den Sohn ihrer Freunde und schließlich traten die drei auch zu den Zwillingen, um Arlenn zu gratulieren.
Arlenn stand neben Nicles und war erstaunt, daß der König von Llynd nicht viel älter war als er selber. Der Titel König ließ meistens irgendwie den Schluß auf eine ältere Respektsperson zu.
"Herzlichen Glückwunsch, Euer Majestät." begann Leto mit einem kräftigen Handschlag.
"Vielen Dank, königliche Hoheit." antwortete Arlenn und mußte unweigerlich grinsen. Zwei junge Männer, die sich gleich gegenseitig mit ihren offiziellen Titeln ansprachen, als ginge es um eine höchst diplomatische Angelegenheit und nicht um eine zwanglose Party, fand er irgendwie albern. Außerdem sprach ihn im Schloß und auf Burg Branor auch fast niemand mit Titel an. Gerade dieser junge König legte Wert auf so etwas.
Leto sah das Grinsen und lächelte ebenfalls.
"Ihr scheint mir beide etwas förmlich, Leto." kommentierte Clayton von hinten.
"Das glaube ich auch, Arlenn." rief eine Stimme aus dem hinteren Bereich des Saales. Leslie eilte zu der Gruppe Adeliger. "Herzlichen Glückwunsch. Ich hab´ doch gesagt, daß du es schaffst." rief sie dann und umarmte Arlenn. Dann umarmten sich Leslie Rhotan und Clayton, die alte Freunde waren und fingen sofort an, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, an denen die Öffentlichkeit nicht teilnehmen sollte. Die drei verschwanden.
"Hallo, mein Name ist Nicles, ich bin Arlenns Bruder. Das hier neben mir ist Kaviden, unsere Schwester." stellte Nicles sich Leto vor.
Leto nickte und wandte seine Aufmerksamkeit den beiden zu. Kaviden machte ein ernstes Gesicht und ihre fliederfarbenen Augen musterten ihn streng. Kaviden war die gefährlichste unter den drei Geschwistern. Sie konnte sehr gut mit den meisten Waffen umgehen, sie war stark und geschickt und sie hatte wenig Skrupel. Wenn jemand einem von ihren Brüdern oder jemanden ihres Familien- und Freundeskreis etwas antat wurde sie zur unberechenbaren Rachegöttin. Sie liebte ihre Familie abgöttisch und nichts ging ihr über Loyalität zu den Menschen, die ihr wichtig waren. Gesetze interessierten sie dabei ziemlich wenig. Leto war erst einmal ein potentieller Feind.
Unter ihrem strengen Blick wurde Leto ein wenig unsicher. Er fühlte sich durchschaut im wahrsten Sinne des Wortes. Kaviden fühlte eine Hand auf ihrer Schulter.
"Du machst ihm noch Angst, Kavi. Hör auf seine Kampfkraft einzuschätzen." vernahm sie Nicles Stimme an ihrem Ohr.
Nicles trat vor: "Verzeiht unser Benehmen, König Leto. Wir fühlen uns durch Euer Kommen sehr geehrt und hoffen, daß die Beziehungen zwischen Llynd und Zahrlt auch unter der Regentschaft unserer Generation so freundschaftlich bleiben." Nicles lächelte gewinnend. Eigentlich war er ein sehr ruhiger Mensch, der nicht zu spontanen Handlungen neigte, doch er war auch ein ziemlich guter Diplomat für sein Alter. Seine Ruhe und Passivität waren häufig hilfreicher als Arlenns darauflos schwatzen und Kavidens ewige feindselige Miene.
"Oh, das glaube ich schon. Ich habe nur noch nie jemanden aus dem Nordvolk gesehen. Verzeiht mir, Prinzessin Kaviden." formvollendet verbeugte sich Leto und Kavidens Feindseligkeit wandelte sich in Erstaunen.
"Ich ... entschuldige mich auch, König." stammelte sie.
"Jetzt habt ihr aber wirklich genug Entschuldigungen ausgetauscht. Wollt ihr noch den ganzen Sel hier herumstehen und Euch gegenseitig um Verzeihung bitten?" Nicolai trat zu den vier Vertretern von 7 Völkern, die ernsthafter redeten, als alle Erwachsenen, und lachte. "Auf diese Weise werden wir nie zum Essen kommen und ich für meinen Teil freue mich schon auf die Pizza."
"Ja, die mußt du probieren, Nic. Das ist toll. Pizza ist Teig, auf dem Gemüse und Fleisch überbacken wird mit Käse." begeisterte sich Arlenn. Nicolai lächelte voller Stolz auf seinen Schützling. Die Pizza war erst durch Nicolais Mutter, Leslie, eingeführt worden und galt allgemein als königliche Speise. Arlenn hatte sie erst in Llonden kennengelernt, und sofort zu seiner allerliebsten Speise auf Terkum erklärt und freute sich nun darauf, seinem Bruder etwas Neues zeigen zu können.
Nicolai war sehr froh, Svanies Sohn wenigstens eine Zeit lang um sich gehabt zu haben.Ohne eigene Kinder, die er sich gewünscht hatte, schien ihm der Kontakt zu seinen jungrn Verwandten als kleine Wiedergutmachung. In ihm erkannte er sehr viel von sich und Svanie wieder, als sie noch so jung und unbelastet durch ihr Leben geschwebt waren. Er konnte kaum glauben, daß tatsächlich dieser Nordländer mit der größten Flugangst aller Zeiten Arlenns Vater sein sollte. Der Junge hatte mehr Alminthblut in den Adern, als Svanie selbst. Woher kam es also?
Arlenn rannte mit seinen Geschwistern zur Tafel und sie suchten sich ein paar Plätze, die ihnen erlaubten ein bißchen unter sich zu sein. Alleingelassen und nun wieder mit der komplizierten Welt der Erwachsenen konfrontiert, sank der junge König Leto sichtlich in sich zusammen.
"Na komm, Leto. Wir sollten auch was essen gehen, sonst werden die drei alles verspachteln." forderte Nicolai den verunsicherten jungen König auf. Leto nickte dankbar und Nicolai bemerkte einen roten Schatten auf den Wangen des jungen Monarchen, der verträumt der Prinzessin Zahrlts nachstarrte. Er schmunzelte in sich hinein. Es würde bestimmt weniger Ärger geben, wenn sich dieser König in ein Mitglied der zahrlter Königsfamilie verliebte, als wenn es wieder eine Cerise gewesen wäre. Obwohl er bezweifelte, daß ihn Kaviden besonders gut behandeln würde. Kaviden war eine echte Nordländerin, und die kannten nur die Loyalität ihrem Stamm gegenüber, während sie alle anderen als potentielle Feinde betrachteten.
Aufmerksame blaugrüne Augen erwarteten Nicolai an der Tafel.
"Nico, ich sorge mich um Arlenn." begann Svanie, als er neben ihr Platz genommen hatte. "Wieviel ist Arlminth in ihm? Wird er jemals in Zahrlt zufrieden sein können? Seit er hier in Llonden ist, scheint er sehr viel zufriedener als jemals auf Burg Branor. Doch in dieser Zeit hat ihn Nicles sehr vermißt, auch wenn er es nicht zugegeben hat." Svanies Stimme war leise, halb ertönte sie in seinen Gedanken und halb wisperte Svanie ihm ihre Sorgen zu.
>Ich habe keine Ahnung , wieviel Arlminth in Arlenn ist. Auf jeden Fall scheint es bei ihm an stärksten ausgeprägt. Arlenn hat Nicles auch sehr vermißt, nicht unbedingt den Sel über, aber bei Seldrountergang schien er stets ein ganz anderer zu werden. Er schaute nachdenklich in die Ferne und manche Zehor weinte er vor Heimweh. < antwortete Nicolai ihr in ihren Gedanken.
Seit Nicolai eine Dosis genmanipuliertes Blut durch einen Unfall injiziert worden war, waren seine Kräfte anders als die der meisten Arlminth. Er teilte diese Kräfte mit Arluro, dem genetischen Urvater aller Arlminth und Svanie. Svanie und er konnten sich also eigentlich ohne Worte verständigen, doch da Svanie diese Kräfte sonst nie gebrauchen konnte, war sie nicht sehr geübt darin.
Svanie seufzte schwer. Sie wußte, daß ihre beiden Söhne sehr aneinander hingen, auch wenn sie noch so verschieden waren. Nicolais Bericht über die Veränderung Arlenns war keine Überraschung für sie. Kavel, ihr Ehemann, hatte vorausgesagt, daß, falls Nicolai keinen eigenen Nachwuchs haben sollte, Arlenn den Thron in Llonden, Nicles den in Zahrlt und Kaviden den des Nordvolkes erben sollten, entsprechend ihrem jeweiligen Naturell. Svanie hatte immerzu daran gedacht, wie unglücklich die Zwillinge ohne einander sein würden. Jetzt, nach zwei Ekens, hatte sich Nicles schon sehr in sich zurückgezogen und war sogar noch schweigsamer geworden, als er sowieso schon war.
Svanie fühlte ihr Herz sinken, Schwermut legte sich über sie. Sie hatte dieses Gefühl schon sehr oft gehabt, daß alle, die sie so sehr liebte, sie verlassen würden und dann unglücklich würden.
"Ich kann es nicht ertragen, wenn meine Kinder unglücklich sind." flüsterte sie. Ihr Blick wanderte auf den Teller vor ihr. Ihr Essen war kaum berührt...
"Ich kann diesen Gedanken einfach nicht ertragen. Meine Söhne... Kavi... Mein Versprechen...." ihre Augen füllten sich mit Tränen "...Talliden..."
Hilflos beobachtete Nicolai die Gefühle seiner anderen Seelenhälfte. Was war nur mit Svanie geschehen? Sie war früher immer schon bedacht und vernünftig gewesen, aber niemals so, wie sie jetzt war.
"Was hast du, Svanie? Was ist denn mit dir los?" erkundigte er sich. Svanie wandte ihr Gesicht ihm zu.
"Ich kann es nicht sagen. Noch nicht. Nico... eines Sels werde ich dir und allen Beteiligten die Wahrheit sagen, doch noch nicht.... noch nicht..."
Nicolai schüttelte den Kopf.
"Du kannst mir doch alles sagen, Svanie. Das weißt du doch! Wir hatten doch nie Geheimnisse voreinander." versuchte er die Last von den Schultern seiner geliebten Freundin zu nehmen.
"Ich wünschte, ich könnte, Nico... Ich würde so gern..." sie lächelte verzweifelt. Sie wandte sich ab. "Es tut mir leid..." sie erhob sich und ging unsicher zu ihren Kindern, die an einer Ecke des Tisches schon die zweite Pizza herunterschlangen.
"Svanie, du mußt diese Pizza mal probieren!" rief ihr Ältester sofort. Sie lächelte tapfer: "Das habe ich schon, mein Liebling. Vor langer Zeit."
"Ehrlich, Mutter?" staunte Kaviden, die ihre Mutter für eine zu sanfte und konservative Frau hielt, sie aber gerade deshalb verehrte, weil Kaviden selbst nicht so war. Manchmal wollte sie weiblich und damenhaft sein, doch dieses blieb ihr immer fern. Immer wieder ging ihr Temperament mit ihr durch und alle Versuche, der Hofdamen, aus ihr eine echte Lady zu machen scheiterten ohne Erfolg.
Svanie strich Kaviden über die wilden blonden Haare. Sie schenkte ihrer Ziehtochter ein warmes Lächeln: "Ja, meine Kleine, als ich in eurem Alter war, waren meine Mutter Fallenn und ich häufig in Llonden am Hofe. Leslie liebte es, jedem ihre Leibspeise zu zubereiten und so bekam ich meine erste Pizza zu essen. Seitdem hat sich viel geändert, hier in Llondon ebenso wie bei uns in Zahrlt."
"War Arlminth damals noch eine fliegende Stadt?" erkundigte sich Arlenn. Svanie nickte.
"Eine fliegende Stadt, deren Pracht unübertrefflich war. Die Menschen dort waren stolz und wunderschön, als ich das erste mal in Arlminth war, dachte ich, es wäre das Paradies."
Arlenn schien diese Beschreibung zu gefallen. Für ihn war Arlminth auch jetzt noch das Paradies, nur leider mit einer sehr schmerzhaften Ausnahme. Das Fehlen seines Bruders.
"Was ist jetzt das Paradies für dich?" hörte sie die leise und angenehme Stimme ihres zweiten Sohnes.
Eine für Nicles typische Frage. Er schien immer alles durchschauen zu wollen.
"Es gibt keins, Nic. Das habe ich mit den Jahren gelernt. Aber das soll euch nicht davon abhalten, euer Paradies zu finden. Vielleicht habt ihr ja mehr Erfolg, als ich." Svanie hatte es nie für klug gehalten, ihre Kinder kindlich zu behandeln. Von Anfang an hatte sie alle drei in ihre Pläne miteingeweiht, sie an ihren Aufgaben als Königin teilhaben lassen und so hatten alle drei früh begriffen, daß sie ihrer Mutter wichtig und teuer waren.
Auch Kavel hatte dabei keine Ausnahme gebildet.
Nachdem Svanie ohne Talliden, aber mit drei Säuglingen vom Ero-See zurückgekehrt war, hatte er sich sofort in die Aufgabe eines Vaters gestürzt. Auch hatte er sich ihrer Kampfausbildung angenommen.
Er und Svanie hatten viel Wert auf Bildung und Verantwortung gelegt. Sie hatten niemals Probleme mit den Zielen ihrer Erziehung. Und so waren die beiden zu einem harmonischen Paar geworden, daß eine glückliche Familie ihr eigen nannte. Und Svanies Herz war ruhiger geworden, erfüllt von dem Glück um sich herum.
Auch hatte sich Svanies Sympathie für Kavel in aufrichtige Zuneigung gewandelt und seine Begeisterung für Kinder hatte sie sehr amüsiert. Zu ihren liebsten Erinnerungen zählte nun eine Nacht, in der sie alle in einem Bett geschlafen hatten, dich aneinander gedrängt, zufrieden in den Duft der vertrauten Personen und deren Wärme eingehüllt, kein anderes Begehren in ihrem Herzen, außer die Zeit anzuhalten.
Sie lächelte ihren jüngeren Sohn an.
Nicles war anders als seine Geschwister. Es gab Zeiten, da konnte er Bilder aus den Köpfen anderer Leute sehen. Nun sah er die Erinnerung seiner Mutter und lächelte. Dann ging er zu ihr und umarmte sie. "Svanie, wir werden unser Paradies suchen." erklärte er seiner Mutter, die darum kämpfen mußte, nicht zu weinen. Nicolai hatte zusammen mit Arluro das Gespräch zwischen Mutter und ihren Kindern angesehen und angehört.
"Sie ist anders als früher..." murmelte der König Llondens und Arluro seufzte tief.
"Nein, nicht so sehr, wie du es glaubst, Nico. Sie war nur für dich anders. Nur für dich. Doch damals hatte sie nicht die Verantwortung für drei Kinder.
Ich habe sie so kennengelernt, wie du sie jetzt siehst: desillusioniert und verantwortungsbewußt."
Nicolai sah ihn an. Arluro belog ihn niemals.
"Warum sehe ich das erst jetzt?" murmelte er leise.
"Weil du anders warst. Wir waren verdammt jung damals. Zumindest wir beide..." Arluro betrachtete Nicolais Profil, das klassisch schön war und ihm verriet, daß Nicolai sich betrogen fühlte. Betrogen von seiner eigenen Beobachtungsgabe. Betrogen um die Frau, die er mehr als alles auf Terkum liebte.
"Warum? Warum habe ich das nicht bemerkt? Was ist mit mir los?" murmelte er. "War sie niemals meine Svanie?"
"Oh, doch. Mit Haut und Haar war sie dein. Aber dann kam alles anders, als du es geplant hattest." Arluro schüttelte kaum merklich den Kopf.
"Komm, mein Freund, es ist nicht die Zeit für Trübsinn." forderte Arluro ihn auf, als er bemerkte, daß die Aufmerksamkeit Nicolais Schützlings auf ihn gerichtet war.
"Nico, ich möchte Nicles meine Gemächer zeigen, dürfen wir uns entfernen?" fragte Arlenn höflich und strahlte Nicolai voller Charme an.
"Sicher." gab der Monarch seine Erlaubnis und die beiden Teenager stürmten davon, hinter ihnen her eine empörte Kaviden, die es haßte, zurückgelassen zu werden.
Arluro hatte sich entfernt und auch sonst schien sich jeder gut zu amüsieren, außer Nicolai.
Svanie unterhielt sich mit Leslie und Tetsuro, die alle beide Arlenn wie einen Enkel liebten und sehr liebevoll Anekdoten aus der Zeit, die Arlenn in Llonden verbracht hatte, erzählten.
Ab und zu lachten alle drei und Nicolai fühlte sich ausgesperrt.
"Wirst du mit mir nach Llonden kommen?" fragte er Svanie, die in vor Blut starrer Kleidung und völlig erschöpft vor ihm stand.
"Ich... kann nicht. Mein Land braucht mich. Ich bin nicht frei, zu tun, was ich möchte, Nico. Alle zählen auf mich und vertrauen mir. Auch wenn ich es noch so sehr möchte - ich kann es nicht tun."
Sie wandte sich um. Ihre Haltung strahlte Stärke und Entschlossenheit aus. Sie wirkte erwachsen. Mit sicheren Schritten entfernte sie sich von ihm und schloß sich ihren Truppen an, die ebenso müde und erschöpft aussahen, wie sie selbst.
"Ich weiß, daß Ihr sie liebt, Prinz Nicolai." erklang eine weibliche Stimme neben ihm.
Talliden ergriff seine Hand. "Und ich weiß auch, daß sie Euch mehr liebt, als sie es auszudrücken vermag. Dennoch, die Sorge um ihr Land wird sie immer von Euch trennen, deshalb, laßt sie gehen. Dieses Land braucht eine Königin wie sie, und diese Welt ein Land wie Zahrlt. Was ihr auch tut, keine Macht Terkums wird sie von Zahrlt trennen können. Sie ist Zahrlt und alle Zahrlter würden ihr Leben für ihre Königin geben. Auch die Nordländer sind mit ihr einverstanden. Diese Frau gehört hierher. Sie und ihr Mann sind die große Hoffnung dieser Generation." Talliden lächelte ihn an, ihre Augen schienen zu sagen "So ein König mußt du erst noch werden, Bubi!"
Dann ging auch sie. Nicolai blieb zurück, allein.
Die Wahrheit von Tallidens Worten sickerte in sein Herz und in seinen Verstand. Er war ihrer nicht würdig und das war wahr. Sein Blick wanderte zu Boden und heiße Tränen rannen durch den Dreck auf seinen Wangen. "Svanie..." flüsterte er. Eine andere Gestalt kam auf ihn zu: "Laß uns nach Hause gehen, Nico." murmelte Arluro, der genug Blutvergießen für den Rest seiner Tage gesehen hatte.
So waren sie nach Llonden zurückgekehrt und schließlich war Nico König geworden, immerzu bemüht, so ein guter König zu werden, wie Svanie es vorgemacht hatte.
Er hatte sich vorgenommen, Svanies würdig zu werden, er war durch sie erwachsen geworden, doch hatte er nie erkannt, daß sie immer gewußt hatte, daß es kein Svanie und Nico gab.
Nicolai sah auf die Feiernden und seufzte.
Ob es wohl sehr auffallen würde, wenn er einfach verschwinden würde?
Egal, er tat es einfach.
Er lehnte sich an eine Säule eines Bogenganges, der eine Aussicht auf die Stadt und Arlminth hatte. Das Licht der Monde war hell und tauchte die Umgebung in ein absurdes Szenario.
"Liebling, warum bist du einfach verschwunden?" fragte eine goldene Stimme hinter ihm.
Das hatte ihm noch gefehlt, seine Frau.
"Ich hatte Kopfschmerzen, Kiré! Ich muß einen Augenblick allein sein."
"Liebling, ich muß dich doch nicht daran erinnern, daß du der König von Llonden bist und somit Gastgeber dieser Feierlichkeiten..." begann sie an sein Gewissen zu appellieren - völlig umsonst, wie sie schon aus Erfahrung wußte. Sie hörte einen verächtlichen Schnauber von ihrem Ehemann.
"Du hast doch diese Party organisiert. Mich hast du nicht gefragt." murmelte er und sie hörte echten Unwillen aus seiner Stimme. "Laß mich in Ruhe, Kiré. Verstehst du? Geh!"
"Aber, Liebster... ich möchte dir doch nur helfen... Du solltest auch an dein Land denken!" Kiré hatte es noch nie verstanden, Menschen einfach in Ruhe zu lassen, sie war viel zu sehr auf Äußerlichkeiten bedacht und auf die Wahrung der Haltung nach Außen hin. Ihr Ehemann fuhr herum und sah sie mit leuchtenden grünen Augen an. Sofort fiel ihr sein Spitzname Nico, der Rane, wieder ein.
Der Name paßte. Sie wich zurück, vor diesem Raubtier, daß sie voller Wut anstarrte.
"Laß mich!" grollte er. Kiré schluckte, dann nickte sie. Ohne ihre übliche Grazie oder Würde drehte sie sich um und floh. Nicolai holte tief Luft.
Ruhe - endlich...
"Huh, da kriegt man ja Angst..." hörte er eine weitere Stimme. Diesmal männlich.
"Kann man denn hier nie seine Ruhe haben?" grollte er seinen Freund an.
"Friß mich nicht! Ich bin doch noch so jung...!" veräppelte Arluro ihn weiter. Ihm war sehr wohl bewußt, daß nur er allein sich solche Frechheiten gegenüber Nicolai herausnehmen durfte, alle anderen wären schon lange mit einem Verweis gestraft worden. Allerdings zeigte der Monarch von Llonden auch äußerst selten Anfälle von schlechter Laune, sondern meistens war er ein schöner sonniger Anblick, voller Charme und einem steten Lächeln auf den Lippen.
"Nico, hängst du immer noch deiner vermeintlichen Svanie nach?" änderte sich Arluros Ton, nun eher anteilnehmend.
Nicolai antwortete nicht. Sein Kopf fiel nach vorn, so daß Arluro sein Gesicht nicht mehr erkennen konnte.
Arluro fand, daß sein Freund einen erbärmlichen Anblick bot, wie er so da stand, mit gesenktem Kopf, hängenden Schultern und geballten Fäusten. Fehlte nur noch, daß er weinte und Arluro würde nicht länger einfach neben ihm stehen bleiben können. Schon fiel die erste Träne auf den polierten Boden, mit einem leisen Pitsch, das sofort Arluros Gehör erreichte.
Arluro seufzte, dann hob er Nicolais Gesicht mit einer sanften Bewegung an, so daß er in die tränenglänzenden Augen sehen konnte. Mit seiner anderen Hand wischte er die Tränen von den Wangen des jungen Mannes, das tat er mit so unendlicher Zärtlichkeit, daß ein leichtes Lächeln seine Belohnung war.
"Wenn Kiré das sehen könnte, wäre sie außer sich vor Entsetzen." erklang die rauhe Stimme des jungen Monarchen.
"Auf eine schockierte Ehefrau kann ich jetzt gut verzichten, Nico." murmelte Arluro. Nicolai seufzte genervt: "Ja, ich auch." dann sah er Arluro zärtlich an. "Aber nicht auf einen Freund..."
"Freund...?" scherzte Arluro leise "Oder Liebhaber?" dann wandte er sich ab.
"Obwohl das schon zu lange her ist."
Nicolai legte eine Hand auf Arluros Schulter.
Sicherlich war das alles schon eine Weile her, aber vergessen konnten es beide nicht. Arluro fand es unerträglich, die Körperwärme seines Freundes zu spüren und zu wissen, daß er ihn nicht näher kommen durfte. Doch sein Freund war der König des mächtigsten Landes auf diesem Kontinent und ein Staatsmann im Rampenlicht der Öffentlichkeit, er hatte nicht die Wahl, ob er nun lieber seinen Freund oder seine Frau in seinem Bett hatte. Obwohl es Zeiten gegeben hatte, in denen Nicolai solche Überlegungen einen Dreck gekümmert hatten. Doch dann war er erwachsener geworden. Damit hatte er viel von dem verloren, was ihn so unwiderstehlich gemacht hatte. Und er hatte eine völlig neue Lebensperspektive gewonnen. Erinnerungen wurden in ihrer Zeit eingefroren.
"Arluro, ich danke dir." die Stimme Nicolais war noch immer rauh.
"Nico?" rief ein weiterer junger Mann nach ihm.
"Hier hat man wirklich niemals Ruhe..." seufzte Nicolai und antwortete:
"Ich bin hier draußen, Arlenn."
Der junge Prinz hetzte zu ihm.
"Ich weiß, daß ich jetzt gerade störe." keuchte er, als er einen Blick auf die beiden Männer geworfen hatte. Arluro errötete ein wenig, doch dann wandte sich Arlenn an den König.
"Ich habe mich mit meinen Geschwistern unterhalten und ich werde nach Branor zurückkehren." Nicolai sah sofort betroffen aus.
"Ich verstehe..." murmelte er und sah seinen blonden Schützling traurig an.
"Aber ich komme zurück. Ein Eken, Nico, dann komme ich zurück, dann kannst sehen, ob ich noch dein Nachfolger sein werde." Arlenn lachte unsicher.
"Ich werde dich und Arluro vermissen. Leslie und Tetsuro auch." doch die Traurigkeit in seiner Stimme sprach seiner fröhlichen Maske hohn. Dann sah er Nicolai mit einem verzerrten Lächeln an. Und Nicolai breitete seine Arme aus, in die Arlenn sich warf. Nicolai strich sanft über die wilden weizenblonden Haare des Jungen. Sein Herz krampfte sich zusammen, nun würde er auch noch den Jungen verlieren, den er liebte, wie seinen eigenen Sohn. Arluro seufzte. In den Augen seines Geliebten konnte er den tiefen Schmerz erkennen, den er verspürte.
"Aber ich vermisse auch Vater und meine Geschwister. Zahrlt fehlt mir. Ich möchte beides! Doch das geht nicht, ich weiß." schluchzte der junge Mann in Nicolais Armen. Langsam beruhigte er sich wieder.
"Bitte, sei mir nicht böse, Nico." bat Arlenn, als er sich wieder von Nicolai löste.
"Niemals, Arlenn. Ich kann mich ja schon mal auf deine Rückkehr freuen." tröstete Nicolai ihn. Arlenn nickte und dann strahlte er. "Ich freue mich auch darauf." dann rieb er sich die Augen.
Der Streß an diesem Sel war einfach zuviel für ihn gewesen: die Prüfung, die Party und die Entscheidung forderten nun ihren Tribut.
"Nun, geh ins Bett, wir können morgen noch darüber reden." befahl Nicolai sanft und der junge Prinz gehorchte willig.
"Nun verlierst du auch noch ihn. Nico, dein Leben war leichter, als du noch nicht König von Llonden warst!" stellte Arluro leise fest. "Und ich beneide dich nicht, auch wenn du Macht und Ruhm hast."
Dann lächelte er Nicolai traurig an und zog sich zurück.
Nicolai umarmte sich selbst und sank an einer Säule nieder. Er starrte in den Himmel und seufzte, den Tränen in seinem Augen ließ er lieber keinen freien Lauf. Er war ein König und als solcher hatte er Stärke und Entschlosssenheit zu zeigen.
Warum fiel ihm das nur plötzlich schwerer als je zuvor?
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