Zufalls-Zitat

"Ist es nicht ungerecht, dass jemand seinen Vater verliert, den er liebt, während keiner sich dazu aufrafft, meinen umzulegen?", fragte er düster.

[Desmond in  So ein Theater - Nika]

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So ein Theater! - Kapitel 5

Spionieren, tolerieren und lauschen

Shaw wartete vor dem Gelände-Ausgang, der zur Busstation führte auf Henry March. Als der Junge an ihm vorbeikam, grinste er freundlich und fragte: "Kann ich einen Augenblick mit dir sprechen, March?"
Trotz ihres Altersunterschiedes und Shaws angeblicher Respektsstellung als Gruppenleiter, schenkte im Henry einen abschätzenden Blick. Immerhin war er ein Archer und Shaw Maddox. "Was gibt es denn?", fragte er in angemessen unfreundlichem Ton.
"Ich habe ein Angebot, das dich sicher interessieren wird." Shaws Lächeln war betont unschuldig und süß.
"Worum geht es?"
"Die tatsächliche Form der Archer Ruderer herauszufinden."
"Und ich soll für dich spionieren?" Henry spuckte verächtlich aus. "Niemals, Perryman! Hast du gehört?!"
"Vielleicht solltest du dir anhören, was dabei für dich drin ist..." Weiterhin blieb Shaws Stimme ruhig und war nicht im Geringsten beleidigt. Das irritierte Henry.
"Nichts, was du mir anbieten könntest, wird mich umstimmen!" Allerdings klang das nicht so selbstbewusst, wie es sollte.
"Vielleicht willst du es einfach mal anhören und dann entscheiden, ob du mir helfen kannst oder nicht?" Shaw machte eine einladende Geste und, obwohl er es im Grunde wirklich nicht wollte, folgte Henry ihm.


Das erste gemeinsame Treffen der Theatergruppen war vor allem von einer extrem unangenehmen Spannung zwischen den verschiedenen Schulgruppen überschattet. Keiner kannte den anderen und alle misstrauten einander. Shaw hatte große Mühe, allen klar zu machen, welches Stück sie vorführen würden, welche Art der Präsentation gewählt worden war und warum. Er hatte Quinn neben sich stehen, damit sie ihm im Falle von Fragen aushelfen konnte, allerdings hatte er auch in einer Nachtschicht das Drehbuch durchgelesen, fragliche Stellen markiert und war dafür in Literatur eingeschlafen. Später an dem Tag hatte er seine Drehbuchautorin angerufen, wie er es versprochen hatte, damit sie gemeinsam die Stellen glätten konnten. Mit einiger Verwunderung stellte er fest, dass es ihm Sicherheit und Ruhe gab, wenn sie neben ihm stand.
Nach der Vorstellung des Stückes ging Shaw daran, die Rollen zu verteilen, dabei gab er jedem die Chance sich für eine Rolle zu bewerben. Am Ende würde aber er entscheiden, welche Besetzung er haben wollte.
Die Kostümbildner taten sich zusammen und besprachen die Kostüme, welche sie später Shaw vorstellen sollten, ebenso die Bühnenbildner. Beide Gruppen waren mit den Änderungen sehr zufrieden, denn es war für sie sehr viel einfacher, moderne Requisiten und Kostüme aufzutreiben.
"Von unserer Seite wird es da keine Probleme geben, denke ich", erklärte Jill Cavanaugh, nachdem ihre Gruppe sich mit dem Harris Kostümbildner besprochen hatte. Das erleichterte Shaw schon einmal sehr. Weil seine Schauspieler alle moderne Bürokleidung tragen würden, lag es an diesen Leuten, dass man die Konkurrenten beim ersten Blick auseinanderhalten konnte. Die Gruppe fing schon an, über Farbcodes zu diskutieren, angeregt und effektiv.
Die Bühnenbildner waren alles Harris Schüler, bis auf eine einziges Mädchen von der St Anthony. Sie schienen auch angeregt Informationen und Telefonnummern auszutauschen. "Die werden das hinkriegen", beruhigte ihn Quinn, als sie Shaws nervösen Blick sah. Er nickte, auch wenn er nach nicht ganz überzeugt war, denn die beiden Bühnenbildner schienen mehr an einem Flirt mit ihrer neuen Partnerin interessiert als an Bühnenaufbauten.
"Wenn sie sich vom Dekolletee deiner Freundin losreißen können, vielleicht...", murmelte er deswegen unzuversichtlich. Quinn lachte laut los, was ihn etwas verunsicherte.
"Keine Sorge, Shaw. Meg ist nicht an Jungs interessiert", erklärte sie ihm trocken und Shaws Augenbrauen hoben sich steil.
"Ach... Ach so?" stammelte er. Obwohl er schon mit zwei Mädchen geschlafen hatte, war er im Grunde selten auf das weibliche Geschlecht getroffen, somit war das die erste Homosexuelle, die er sah. Zumindest, die erste junge Frau, von der er wusste, dass sie auf Mädchen stand. "Habt ihr keine Angst, dass sie euch antatscht?", platzte er heraus. Sofort wurde er rot, weil ihm bewusst wurde, was er da gesagt hatte.
Quinn sah ihn schockiert an. "Hast du noch alle beisammen? Warum sollte Meg das tun?" Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. "Oder hast du etwa Angst, dass einer deiner beiden besten Freunde dich plötzlich an die Eier fasst?"
"Das ist nicht das Gleiche", protestierte Shaw schwach.
"Ist es doch! Außerdem können wir alle den Mund aufmachen, wenn wir irgendeine Anmache nicht wollen. Im Gegensatz zu 'nem Typ weiß 'ne Lesbe meistens, dass Nein wirklich Nein bedeutet." Sie schüttelte ärgerlich den Kopf und ließ ihn ohne einen weiteren Blick stehen.
Na, das hast du ja klasse gemacht!, schalt sich Shaw selbst, während er seufzte. Natürlich würde ihn weder Brian noch Desmond je sexuell belästigen, wenn er es nicht wollte, dessen war er sich sicher. Allerdings hatten die beiden auch noch nie Interesse am eigenen Geschlecht gezeigt. Shaw wusste auch, dass in so manchen dunklen Winkeln auf dem Gelände die Jungs, die nun mal auf andere Jungs standen, ihre Rendezvous abhielten. Er mied diese Orte und vergaß diese sexuellen Aktivitäten, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihm nützlich sein konnten. Wie mit Henry March, zum Beispiel. Aber auch von dem hatte er nicht geglaubt, dass der junge Archer ihn bedrängen würde. Er beschloss, sich bei Quinn zu entschuldigen.

Später in seinem Zimmer, nachdem das Licht gelöscht war, erzählte er Brian von seinem Fehltritt. Der Schotte lachte, aber es klang verständnislos.
"Du bist ganz schön intolerant, Shaw", tadelte er dann, was seinen Freund zusammenzucken ließ. "Ich dachte immer, dein Vater wäre so liberal."
"Na ja..." Shaw runzelte seine Stirn.
"Auf der anderen Seite... Wie lange bist du jetzt schon in der Internathölle? Seit du elf warst, oder?"
"Ja."
"Okay, dann erledigt sich meine Frage. Komisch nur, dass Des so tolerant ist. Immerhin macht er diesen Tanz schon mit seit er drei ist."
"Aber er war an anderen Schulen als ich", verteidigte sich Shaw, etwas unwillig.
"Ausrede, Ausrede", sang Brian spottend, aber schon viel besser gelaunt.
"Er ist einfach... anders als alle anderen", versuchte er vorsichtig zu erklären. Allerdings war das ziemlich offensichtlich, denn Desmond war sicherlich kein normaler Internatsschüler. Selten hatte er einen kennen gelernt, der wirklich mit dem Alter, in dem es möglich war, auch in einem Internat gelebt hatte. Desmonds Eltern hatten so schnell wie möglich den Sohn aus ihrem Leben entfernen wollen. Was konnte an einem Dreijährigen so schlimm sein?
"Das stimmt, aber erklärt nicht, warum du so ein Holzkopf bist. Also, bleib cool und denk mal nach. Was ist so schlimm daran, wenn ein Mädchen nun mal mit einem anderen Mädchen ins Bett steigt? Fühlst du dich in deiner Männlichkeit bedroht, oder was?"
Daraufhin konnte Shaw nur schnauben. "Nein, das sicher nicht. Ich weiß auch nicht..."
"Du inszenierst einen Autor, in dessen Stücken früher nur Männer alle Rollen gespielt haben und dessen sexuelle Ausrichtung zumindest als bisexuell angenommen wird. Hier auf dem Gelände knutschen die Jungs schon fast öffentlich und du hast Probleme mit einer Lesbe. Also wirklich..."
Shaw merkte, wie er im Dunkeln rot wurde. Brian hatte natürlich Recht. Bevor er sich weitere Argumente und Ausreden einfallen lassen konnte, hörte er schon, dass sein Zimmernachbar schlief. Also tat er es Brian nach.


In der Woche fragte er Mrs. Foster ob sie die Aufgabe von Mr. Barnes für dieses Jahr übernehmen würde. Die recht junge Frau war begeistert, vor allem als sie von der Wahl des Stückes und dem Beschluss, es in einer modernen Version aufzuführen, hörte.
"Ich stehe Ihnen gern mit Rat und Tat zur Seite, Mr. Perryman. Ich hätte gern das Drehbuch und würde auch gern ihre Partnerin kennen lernen, geht das in Ordnung?"
"Sicher, Mrs. Foster. Ich werde Ihnen Qui - äh - Ms. Yolen vorstellen."
"Gut, denn ich möchte doch mal sehen, welches Mädchen Ihre Zustimmung so schnell gefunden hat." Das vielsagende Lächeln hatte zusätzlich die Farbe in Shaws Wangen verstärkt und er stotterte irgendetwas, darauf bedacht, schnell wegzukommen.

Beim nächsten Treffen der Theatergruppe wurde die Stimmung schon etwas gelassener und anscheinend belebte die Zusammenführung auch die Kreativität der Mitglieder. Shaw hatte ein Vorsprechen der Kandidaten für die Rollen angesetzt und wollte Quinn an seine Seite haben, weil er ihre Fähigkeit, Leute einzuschätzen, gut gebrauchen konnte. Sie lehnte aber ab.
Also hatte er Des bekniet ihm zu helfen.
"Was ist es im Moment mit dir und diesen Auswahlverfahren?", hatte der sich beschwert, weil er eigentlich Religionsstudien an dem Nachmittag lernen wollte. Zudem hatte Mikola ein kleines Problem mit Geschichte, bei dem er ihm helfen wollte, unter dem Mantel der Verschwiegenheit, selbstverständlich. "Und warum muss ich dir dabei aushelfen?"
"Des, bitte, bitte, bitte! Du bist nun mal einfach unschlagbar darin, Leute auseinander zu nehmen. Außerdem magst du Theater nicht, deshalb bist du viel neutraler als die anderen Leute. Beim Boot hat es doch auch prima geklappt."
"Warum nimmst du nicht Brian mit?"
"Er kann auch kommen, aber du bist nun mal schonungsloser. Außerdem hast du nie Angst, deine Meinung zu sagen."
Desmond verdrehte genervt die Augen. "Was ist bitte daran so toll? Das kann jeder, wenn er nur mal ein wenig seinen Kopf aus dem Sand zieht."
"Bitte, mach das für mich. Von mir aus, bring Brian mit."
Desmond legte einen Finger an seine Lippen und schüttelte den Kopf. "Was wirst du erst machen, wenn wir nicht mehr bei dir sind?"
Das ließ Shaw einhalten. Sein Freund hatte recht, nach diesem Schuljahr würden sie getrennte Wege gehen. Brian an irgendeiner Uni, er an einer anderen und Des.. Bei dem wusste keiner, was genau er eigentlich machen würde. Er brauchte nicht zu arbeiten bei dem Geld, was seine Familie hatte, andererseits hasste er diese Familie und das damit verbundene Vermögen.
"Ich weiß es auch nicht", murmelte Shaw betroffen und beide schwiegen einen Augenblick, weil ihnen das Thema zu nah ging. "Was wirst du nach dem Harris machen?", fragte er dann, kleinlaut.
"Studieren, wahrscheinlich. Ich habe schon einige Unis angeschrieben und es sieht gut aus mit einem Platz. Allerdings weiß ich nicht, was ich genau studieren soll. Für die Familie wäre irgendetwas mit Wirtschaft oder so sicher sehr erfreulich, also kommt das schon mal nicht in Frage."
"War ja vorauszusehen." Shaw merkte, wie er grinste.
"Aber, ganz unter uns, ich habe überlegt, ob ich auf Lehramt studieren soll."
Das schockierte Shaw so sehr, dass er erst einmal nichts sagen konnte. Erst nach einigen Atemversuchen bekam er heraus: "Ein Lehrer?! Du?!"
"Entschuldige mal, was soll denn das heißen?", Desmond tat beleidigt. "Ich dachte, du kriechst gerade vor mir zu Kreuze, damit ich dir bei deinem Theatermüll helfe!"
"Tschuldige, der Gedanke war nur so abstrakt...", versuchte Shaw sich zu retten. "Du wirst sicher der coolste Lehrer, den man sich vorstellen kann."
Sarkastisch hob Desmond eine Augenbraue. "Du meinst, die Schüler würden mich hassen? Wenn man, wie ich, sein Leben in diesen 'netten' Institutionen verbracht hat, dann ist man dankbar für jemanden, der einen versteht. Hicks war selbst hier an der Schule, deswegen weiß er, wie scheiße alles ist."
"Des...", begann Shaw, etwas unsicher wie er es ausdrücken sollte. "Du... Du magst keine Menschen, geschweige denn deine Mitschüler. Wie soll das denn dann erst werden, wenn du die dann auch noch unterrichten sollst?"
Desmond wedelte beschwichtigend mit seiner Hand. "Das lass mal meine Sorge sein." Dann war er gegangen.

Nun saß Shaw im verdunkelten Theater und war sich nicht sicher, ob Desmond nun kommen würde oder nicht, weil er den Endkonsens des Gespräches nicht so recht erfasst hatte.
Als erstes erschien aber Mrs. Foster, die gerne ebenfalls dabei sein wollte.
"Vielleicht können Sie ja den Rat einer älteren Frau annehmen?", neckte sie ihn schelmisch, worauf zwar Shaw errötete, aber auch lachte.
"Sicher, gern."
Sie setzte sich neben ihn und checkte die Liste der Bewerber. "Oh, Ihre Drehbuchschreiberin bewirbt sich für die Rolle der Viola?"
Shaw blinzelte erstaunt. Er hatte die Liste doch gelesen! Dann fiel ihm ein, dass er bei P steckengeblieben war, weil er lieber mit Brian noch ein wenig am Abend im Sonnenschein gerudert hatte.
"Was?!", rief er verwirrt und betrachtete die Liste, und tatsächlich! Da stand Quinns Name. Deswegen hatte sie also abgelehnt, mit ihm hier zu sitzen!
Mrs. Foster lachte leise, da erschienen hinter ihr in der Sitzreihe zwei Gestalten: Desmond und Brian.
"Jungs, bin ich froh euch zu sehen!", erklärte Shaw mit Erleichterung.
"Wir konnten uns dieses - wie hat Brian es noch genannt? - wichtige, kulturelle Ereignis doch nicht entgehen lassen. Einmal in meinem Leben habe ich die Chance, den grauenvollen Schauspielern noch vor ihrem Auftritt meine Abneigung zu bekunden, also mache ich genau das." Des setzte sich mit einem bitteren Lächeln auf den Lippen, das Shaw im Halbdunkel gerade als dämonisch empfand.
"Verzeihen Sie ihm", entschuldigte sich Brian, immer der Gentleman, bei der Lehrerin, die großzügig abwinkte.
Nachdem auch er sich gesetzt hatte, blickte Des auf seine Uhr. "Und wann geht der Tanz der Eitelkeiten genau los?"
Shaw lachte einmal mit Häme. "Sobald ich es sage. Weißt du, dass ist das Schöne am Regisseur-Sein; man darf andere herumkommandieren und hat die absolute Macht."
Desmond hob eine dünne Augenbraue. "Wer auch immer dir diese Mach verliehen hat, muss nicht mehr alle beisammen gehabt haben."
Brian lachte laut. "Da könnte was Wahres dran sein", fügte er hinterher an. Mrs. Foster versteckt ihr Gelächter hinter der Liste mit Bewerbern.
"Idioten", brummelte Shaw, war aber nicht wirklich tief getroffen. Ohne den beiden einen Blick zu schenken, rief er: "Wir können anfangen!"
Da holte Desmond eine kleine Videokamera aus seiner Tasche und begann die Auftritte der Bewerber zu filmen, was Shaw eine brillante Idee fand. Sein Freund hatte wirklich ein cleveres Köpfchen hinter der gefühlskalten Fassade.

Ein Kandidat nach dem anderen sprach vor, manche hatten schon einmal mit Shaw zusammengearbeitet, manche waren neu hinzugekommen, doch alle waren nervös und schienen noch fahriger, wenn sie erst einmal die Lehrkraft und Desmond mitsamt Kamera erblickten.
Als letzte sprach Quinn vor, deren Nachname nun mal der letzte auf der Liste war, bevor Shaw noch einmal alle auf die Bühne bat. "Ich danke euch allen für eure Mühe. Ich habe ja eure Daten und werde mich mit euch in Verbindung setzen, sobald wir eine Auswahl getroffen haben, okay?", erklärte er den angehenden Schauspielern. "Ich bitte aber alle schon einmal den Text für die Rolle, für die ihr euch beworben habt, gut zu studieren! Wir haben nicht allzu viel Zeit, um zu Proben, deswegen gebt euer Bestes. Vielen Dank noch mal."
Quinn, die auf der Bühne stand und versuchte, an den Lichtern vorbei einen Blick auf Shaw zu erheischen, war beeindruckt, wie professionell er klang. Das hatte sie gar nicht gedacht. Er schien immer so gedankenverloren und ein wenig chaotisch, aber als sie nun das zustimmende Gebrummel um sich vernahm, merkte sie, dass die Schauspieler ihn ernst nahmen. Shaw hatte tatsächlich die Anlage, ein Regisseur zu werden. Und das beeindruckte sie mehr als sie es zugeben wollte.

Später saßen Shaw, Brian und Des in Mrs. Fosters Zimmer und verglichen ihre Eindrücke von den Vorträgen der einzelnen Bewerber.
Bei der Besetzung von Viola und Sebastian gab es die meisten Probleme, weil die beiden sich ja zum Verwechseln ähnlich sehen mussten. Die anderen Rollen hatten sie bereits besetzt, als dieses Problem wirklich imminent wurde.
"Ich finde, dass Sie die Rolle der Viola mit einer jungen Dame besetzen sollten, Mr. Perryman", erläuterte Mrs. Foster. "Es gibt der Rolle sehr viel mehr Authenzität."
"Gut, das kann ich akzeptieren. Dann sollten wir schauen, wer von den Sebastian-Bewerbern am meisten Ähnlichkeit mit den Viola-Bewerberinnen hat." Shaws Vorschlag schlossen sich die anderen an und gingen in einen der Medienräume, um sich das Band anzusehen.
Nach zwei Stunden hatten sie einigermaßen eingegrenzt, welche Paare an Schauspielern die Zwillinge spielen konnten. Dann fing die schwierige Aufgabe an, die beste Kombination zu finden.
"Viola ist wichtiger als Sebastian. Wenn wir eine gute Viola haben, dann ist mir der andere eher egal." Shaw war aufgestanden und ging im Raum auf und ab, innerlich verdeutlichte er sich noch einmal die Auftritte der Teilnehmer.
"Ich fand deine Freundin ganz gut", meinte Brian, der ihm fasziniert zusah. "Sie konnte gut sprechen und wirkte männlich genug, als dass man ihr einen Cesario abnehmen würde."
"Sie ist nicht meine Freundin", wehrte Shaw ab, der sich innerlich sträubte, Quinn spielen zu lassen. Warum, wusste er auch nicht so ganz, aber es gab da einen Widerstand.
"Mir hat auch diese Melanie Herold ganz gut gefallen", sagte Mrs. Foster, "Sie hatte ein gutes Gespür für den Textfluss und Rhythmus."
Shaw wog diese Einschätzung gegen die andere ab und nickte langsam, auch wenn er noch keine Entscheidung getroffen hatte. Am Ende blickte er Desmond direkt an, suchte in der passivem Miene nach Antworten, fand keine und fragte deshalb: "Was meinst du, Des?"
"Vom Standpunkt der Attraktivität als verkleideter Mann würde ich Miss Yolen vorziehen. Sie gibt einen hübschen Kerl ab. Aber um später einen Mann zu bezirzen, da denke ich sind die meisten männlichen Zuschauer eher bei Miss Herold gefesselt. Sie hat nun mal den Vorbau und die weiblicheren Bewegungen." Keine Emotionen beeinflussten Desmonds Analyse, danach wandte er sich ab. "Den Rest musst du allein entschieden, alter Junge." Damit stand er auf und ging, ließ die anderen etwas sprachlos zurück.
"So kann man es natürlich auch sehen", brachte Brian nach einigen Augenblicken hervor.
"Im Grunde hat er recht", stimmte Mrs. Foster zu, allerdings sah sie etwas skeptisch aus, was an Des' theatralischem Abgang gelegen haben mochte. "Am Ende entscheiden Sie, da Sie die Regisseur sind. Die Vorzüge der beiden hat Mr. Stainthorpe-Pickering ja sehr genau getroffen, nun müssen sie sehen, was für das Stück das Beste ist." Als sie Shaws zweifelnde Miene sah, lächelte sie aufmunternd. "Schlafen Sie drüber und morgen entscheiden Sie."
Das klang nach einer guten Idee, so dass Shaw nickte. Er und Brian verließen die Schule und gingen im orangenen Abendlicht zurück zum Byron-Haus.
Tief in Gedanken, merkte er kaum, dass Everard ihm etwas über eine Nachricht von einem Henry March erzählte. Er saß vor seinen Hausaufgaben und las die Texte, ohne ein Wort mitzubekommen. Er nahm auch nicht wahr, wie Brian das Zimmer leise verließ und fragte nicht, wohin sein Zimmernachbar ging. In seinem Kopf drehte sich alles im Kreis. Als er schließlich im Bett lag, war Brian nicht zurück.
Vielleicht wollte er ihm Freiraum zum Denken geben? Brian war eigentlich immer sehr rücksichtsvoll. Shaw seufzte und beschloss zu schlafen, doch allein ging es nicht. Er stand auf und zog seinen Mantel über den Pyjama, um den Schotten suchen zu gehen.
Zuerst sah er im Gemeinschaftsraum nach, doch da war Bri nicht. Ebenso wenig im Lernraum, oder beim Hausmeister. Schließlich fielen ihm die Kätzchen wieder ein, so verließ er das Gebäude und ging dort suchen. Zu seinem Erstaunen, brannte im Waschhaus ein trübes Licht.
Ah, da ist er also!
Shaw schmunzelte. Ihre geheime Zuflucht war abends sehr ruhig und würde sicher nicht entdeckt.
Als er näher kam, hörte er leise Stimmen. Brian und... Desmond, natürlich. Wer sonst hatte schon den Schlüssel zum Waschhaus? Amüsiert näherte er sich der Tür, als er durch eines der seinen Namen hörte, erstarrte er.
"Du weißt doch, was für ein hirnloser Depp Shaw sein kann..." Das war Brian, auch wenn er entschuldigend klang.
"Ja", kam von Des mit belegter Stimme. "Ich weiß es und trotzdem... Eigentlich ist nicht er der Idiot, sondern ich, oder nicht?"
"Du kannst doch nichts dafür, Des. Es ist weder dein Fehler noch die Schuld von Shaw, dass er nun mal ein kleines bisschen engstirnig und blind ist. Es ist einfach so."
"Ja, du hast sicher recht... Ich wünschte, es würde einfach aufhören, denn zur Zeit ist es einfach nur lächerlich."
"Nein!", hörte Shaw Brian vehement protestieren. "Es ist einfach nur eine Phase, okay? Später wirst du zurückblicken und darüber lachen."
"Ich lache jetzt schon! Ha ha!" Es klang bitter und wild. So kannte Shaw seinen ältesten Freund nun gar nicht. Selbstdisziplin war Desmonds dritter Vorname - Desmond Doyle Disziplin.
"Hör auf damit", brummte Brian und dann verstummte das Lachen. Shaw lauschte angestrengt und hörte den metallischen Klang von einer Waschmaschine, die angestoßen wurde. Verwundert ging er nun endgültig zur Tür, die er entschlossen öffnete. Als er Brian und Des erblickte, sahen ihn beide furchtsam an. Sie standen Seite an Seite an eine Waschmaschine gelehnt, im Halbdunkel der kleinen Lampe ein seltsames Paar, wie aus Licht und Schatten geformt.

"Ach, du bist es nur!" Brian war erleichtert. "Ich dachte einen Augenblick schon, ein Lehrer hätte uns erwischt."
Desmonds Augen waren dunkel, es schien, als hätte die Pupille das gesamte Auge eingenommen, er war atemlos. Der Blick, den er Shaw schenkte, schwankte zischen Schuld und Verachtung. Shaw war davon getroffen.
"I-ist was?", stotterte er und fragte sich, ob Des wusste, dass er vorher gelauscht hatte.
"Ich wollte dich gerade das Gleiche fragen", erwiderte der Blonde mit einem Kopfschütteln.
"Ich - äh - Brian war noch nicht im Bett und ich wollte mal schauen, wo er bleibt." Jetzt, da Shaw es laut aussprach, klang es ziemlich lachhaft.
"Oh, ich habe dir noch keinen Gute Nach Kuss gegeben, stimmt ja!" Brian legte ihm pompös einen Arm um die Schultern und drückte Shaw einen Schmatzer auf die Wange. "So, nun können wir alle ins Bett gehen, oder?"
"Können wir, auch wenn ich auf den Kuss gerne verzichte", kommentierte Des und sie machten das Licht aus, bevor sie zurück ins Byron Haus huschten.
Später als Shaw im Bett lag, überlegte er, ob er Brian nach dem Inhalt seines Gespäches mit Desmond fragen sollte, aber dann musste er zugeben, dass er seine besten Freunde belausht hatte. Brian mochte so etwas nicht, das ging gegen seine Ehre.
Shaw wntschied sich dagegen, auch wenn sich in seinem Magen ein ganz seltsames, nagendes Gefühl eingenistet hatte. Er beschloss, das dieses nur von der Entscheidung kam, die ihm bevorstand, auch wenn er die für einige Zeit ganz vergessen hatte.
Er rollte sich mehr zusammen und zwang sich selbst zum Schlafen.

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