So ein Theater! - Kapitel 8
Eine seltsame Busfahrt, nächtliche Rätsel und Ärger beim Essen
Zwischen den drei Freunden hatte sich ein hartnäckiges Schweigen ausgebreitet, nachdem Brian und Shaw schnell in den Bus gehechtet waren. Sie hatten sich in eine Vierer-Sitzecke gesetzt, Brian und Shaw saßen Des gegenüber und hatten ihre Augen Boden und Schuhe geheftet, während Des anscheinend keinerlei Scheu hatte, seine beiden Freunde aufmerksam und schonungslos zu mustern. Je länger sich das Schweigen hinzog, umso unfähiger fühlte sich Shaw etwas zu sagen, als ob sich langsam ein Druck aufbaute, der ihm die Luft abschnürte. Er fühlte sich, als ob er auf einen Blitzschlag wartete oder das Ende der Welt, ganz sicher war er da nicht. Verzagt hob er seine Augen zum Blonden ihm gegenüber.
"Hallo", begrüßte der ihn trocken, dabei schien er nicht im Geringsten davon betroffen, dass seine besten Freunde ihn gerade bei einem heißen Kuss beobachtet hatten, doch Shaw stand das Ereignis noch deutlich vor Augen. Automatisch wanderte sein Blick zu Des' Lippen, die im Grunde nicht anders aussahen als vorher, allerdings hatten sie einen völlig neuen Reiz. Immerhin hatte Henry so geklungen, als hätte er Spaß beim Küssen von Des gehabt. Mehr als das sogar.
"H-Hallo", erwiderte Shaw unsicher; dann wusste er nicht mehr weiter und schwieg wieder.
"Nun", sagte Des und hob eine Augenbraue, "ich nehme an, die Show hat euch gefallen?"
"Hü-hüh?", stammelte Shaw kläglich weiter, aber immerhin hatte Brian noch ein wenig Sprachvermögen übrig.
"Show? Des, du hast ja fast Marchs' Mandeln mit deiner Zunge untersucht." Es klang seltsam neutral, als ob Brian andere Gefühle hinter einer Festungsmauer verbarg.
"Nun ja, ich habe wohl angenommen, es sei ein Date", erklärte Des sarkastisch.
Der Schotte schnaubte unzufrieden und wandte sich ab, um aus dem Fenster zu starren, obwohl man nichts sehen konnte, da sich nur der Innenraum des Wagens darin spiegelte.
Auf Desmonds Lippen spielte ein unanständiges Lächeln. "Oder hätte ich ihn lieber weiter unten untersuchen sollen?"
Shaw zuckte zusammen. "Des!", rief er geschockt und war sofort unter dem Blick der intelligenten, grünen Augen gefangen.
"Warum so geschockt? Schließlich hast du mich für ein paar Informationen eingetauscht." Weder seine Mimik noch seine Stimme ließen darauf schließen, was Desmond dabei empfunden hatte, aber bei Shaw löste die Leichtigkeit der Worte einen schmerzenden Stich in der Magengegend aus.
"Es tut mir leid, Desmond. Wirklich, ehrlich und von tiefstem Herzen."
Desmonds Blick war undurchdringlich, das Grün dunkel und kalt. "Sag mir, warum ich dir glauben soll."
"Ich meine es. Bitte, bitte, glaub mir. Heute morgen ging es mir einfach miserabel ohne dich und Brian. Alles, was ich wollte war, einen Weg zu finden, wie ich euch dazu bringen konnte, mir zu verzeihen." Kurz überlegte Shaw, sich vor Desmonds Füße zu schmeißen und zu betteln, aber die Enge des Busses hinderte ihn erfolgreich daran.
"Brian, was meinst du?", erkundigte sich Des ruhig, dabei wandte er seine Aufmerksamkeit nicht von Shaw ab.
"Ich hab' ihm Bewährung gegeben." Kurz und hart. Der Schotte drehte sich nicht um.
"Klingt gut. Nun Shaw, du bist auf Bewährung und solltest versuchen, deine Freunde weniger auffällig zu prostituieren."
"Danke." Erleichtert atmete Shaw auf und wagte es schließlich, wesentlich entspannter an die Rückenlehne zu sinken. "Aber ich schätze, davon habe ich erst einmal genug."
"Vor allem, weil dein Verhandlungsgeschick als Zuhälter lausig ist. Du hättest dabei noch viel mehr rausholen können."
Shaw starrte seinen Freund mit offenem Mund an, Brian hingegen ächzte. "Desmond!"
Der Angesprochene hob die Schultern. "Was ist denn dabei?"
"Ich-Ich bin kein Zuhälter!", warf Shaw empört ein, der endlich seine Sprache wiedergefunden hatte. "Außerdem habe ich nie gesagt, dass du March küssen sollst, als ob es ab morgen verboten würde! Du sollst überhaupt keine Jungen küssen, verstanden?"
Brian runzelte die Stirn und musterte Shaw, in seinen Augen huschten verschiedene Schatten vorbei, während Des seinen Kopf schräg lehnte. "Ach, tatsächlich?"
Shaw merkte, wie er krebsrot wurde, aber zurücknehmen konnte er seine unbedachten Worte nicht mehr. Zu seinem Glück hielt der Bus mit einem leichten Ruck an ihrer Haltestelle, also stiegen die Drei aus und schlugen den Weg zum Harris ein. Seltsamerweise schien Desmond recht beschwingt, während Brian mit hochgezogenen Schultern hinter ihnen hertrottete.
Im Byron Haus trafen sie auf verschiedene Mitschüler, welche die Drei neugierig und doch etwas skeptisch ansahen.
"Was ist denn los?", erkundigte sich Shaw bei Thomas, froh darüber, jemand anderem zum Reden zu haben, als seine besten Freunde.
"Sproul und Everard haben sich gezofft. Es ging um so etwas wie Spionage und Schändung der Gruppenehre von Archer durch Maddox, soweit ich das verstanden habe."
Shaw wurde eiskalt, doch er schaffte es "Ist Everard was passiert?" zu flüstern.
"Ne, aber die beiden mussten zu Hopkins und Darcy." Tyler Darcy hieß der Lehrer, der für die Archer-Gruppe zuständig war. Zum Unglück für die beiden Gruppen verstanden sich die beiden Lehrer sehr gut, so gut, dass man munkelte, sie wären miteinander liiert.
"Au weia", murmelte Shaw deswegen. Die beiden Gruppenlehrer waren eigentlich sehr tolerant, was die Anwendung der Regeln betraf, aber bei solchen Dingen wie die Ehre ihrer Gruppen kannten sie sicher keinen Spaß. "Ist er schon wieder zurück?"
"Nein, bestimmt lassen sie die beiden einen Strafaufsatz schreiben oder so", vermutete Thomas und hob die Schultern, als wolle er damit sagen, dass es ihn nicht betraf. Shaw schnaubte nachdenklich.
"Dreimal verdammt und was hat das mit uns zu tun?", murmelte er,
"Alle sagen, wenn so etwas passiert, hat es immer etwas mit euch zu tun," erklärte Thomas fröhlich, bevor er verschwand.
"Klasse, gerade noch das, was wir brauchen", grollte Brian, während sie zu ihren Zimmern gingen. "Nun wird der ganze Dating Quatsch auch noch von Hopkins unter die Lupe genommen. Danke Shaw."
Sofort piekte Shaw wieder das schlechte Gewissen. Hörte das denn nie wieder auf?
"Wir wissen noch nicht, worum es bei Williams' und Sprouls' Auseinandersetzung genau ging. Besser ist es, erst einmal abzuwarten und ruhig zu bleiben.", warnte Desmond leise. "Morgen früh sollte einer von uns mit Williams reden und sehen, was Hopkins genau von ihm gewollt hat. Am besten du, Brian."
"Ich? Warum ich?"
"Weil du und Everard ein paar mehr Kurse zusammen habt als Shaw und ich. Dazu kommt noch, dass ihr in einem Boot rudert. Wenn Shaw ihn fragen würde, wäre das sicher nicht so gut."
"Warum nicht?", wunderte sich Shaw und fragte sich, ob das eine versteckte Beleidigung gewesen war. Die konnte Desmond immer sehr gut austeilen.
"Weil du dich verplappern könntest", gab Des frei heraus zu. Brian schien geschmeichelt von Des' Vertrauen in ihn und stimmte zu. Sie hielten vor Brians und Shaws Zimmer.
"Hauptsache ich muss Williams nicht küssen, um Informationen zu erhalten", witzelte Brian, wenn es auch ansatzweise bitter klang.
"Keine Sorge, eher knutscht Williams mit der gesamten britischen Damenmannschaft im Gewichtheben, bevor er auch nur an die Lippen eines anderen Mannes denkt", konterte Des, wobei er den Schotten eigenartig warm ansah. Shaw schluckte, bemerkte eine Welle von deplaziertem Ärger, der in seinem Magen brannte, den er aber nicht analysieren wollte; so zog er Brian mit sich in ihr Zimmer.
"Nacht, Des!", rief er schnell und schloss die Tür hinter dem verdutzten Brian.
"Was war denn das für 'ne Aktion, Perryman?!", beschwerte der sich.
"Das...äh... Es ist schon spät, weißt du, und da sollten wir lieber ins Bett, um den Herausforderungen des morgigen Tages gewachsen zu sein." Innerlich wimmerte Shaw über die Lahmheit dieser Ausrede. Außerdem sah er auf Brians Gesicht deutlich, dass sein Freund genau das dachte. Der Schotte musterte ihn danach durchdringend, bevor er anfing lauthals zu lachen.
"Warum lachst du? Blödmann.", maulte Shaw.
"Du bist eifersüchtig, nicht zu fassen!"
"Was?!" Shaws Stimme überschlug sich fast. "Das bin ich nicht! Hörst du?! Ich. Bin. Nicht. Eifersüchtig! Des ist mein Freund und da will ich nicht, dass er verletzt wird!"
"Oho, das ist ja mal was ganz Neues. Gerade vor ein paar Tagen hattest du die geniale Idee, eben diesen Freund für eine Ruderschummelei zu verletzen."
"Ich habe halt erkannt, dass das alles ein Fehler war und mich entschuldigt, okay? Ich lerne aus meinen Fehlern." Mit leuchtenden Augen starrte Shaw seinen Freund böse an.
"Sicher, ganz wie du meinst." Brian wischte sich die Lachtränen auf den Augenwinkeln, bevor er sich kopfschüttelnd abwandte und seine Schlafsachen zusammensuchte. Etwas hilflos sah Shaw ihm dabei zu, seine Hände zu Fäusten geballt.
Schließlich drehte sich Brian noch einmal zu ihm. " Vielleicht ist es ja dann an der Zeit, dass du ihn endlich freigibst?" Ohne ein weiteres Wort verließ der Schotte das Zimmer und Shaw sank auf sein Bett.
Der Abend hatte ihn wirklich mehr als mitgenommen. Und dabei wusste er nicht einmal, wie die erste richtige Probe gelaufen war. Er stützte seine Ellenbogen auf die Oberschenkel und vergrub sein Gesicht in den Händen. Im Trimester vor den großen Ferien war alles noch viel einfacher gewesen. Warum hatte es sich so geändert?
Brian ließ sich Zeit und als Shaw auch ins Bad zur Abendtoilette ging, konnte er seinen Freund nirgendwo entdecken. Auf der einen Seite war er erleichtert, aber auf der anderen Seite wusste er nicht, wo Brian nun war. Hatte der Schotte wieder Zuflucht in einem fremden - Des' - Bett gefunden?
Zudem machte ihn der Gedanke, noch eine Nacht ohne einen Zimmernachbarn zu verbringen, zu schaffen. Die Stille hatte sich schon in der Nacht zuvor in seinen Schädel gebohrt und ihm zusätzliche Kopfschmerzen beschert.
Mit der Zahnbürste im Mund wanderte er einmal über den Flur. Dort standen, wie immer abends. manche Türen offen und er wurde von seinen Gruppenmitgliedern, die zahlreich kurz vorm 'Licht aus' unterwegs waren, gegrüßt und nickte ihnen im Gegenzug zu. Er traf Alex Dellray, der ihn und die anderen beiden zu einer Party einlud, die bald in seinem Zimmer stattfinden sollte.
"Kommt ihr?", fragte Alex keck.
"Weiß noch nicht, ich werd' die anderen mal fragen", nuschelte Shaw mit Schaum vor dem Mund.
"Du bekommst eh keinen Schlaf in der Nacht, Perryman, dann kannst du auch bei uns feiern."
"Hey, ich bin immerhin Gruppenleiter, oder?" Alex wich schnell dem herumfliegenden Zahnpastaschnee aus.
"Ach, entspann deinen zusammengekniffenen Arsch wieder und komm. Es wird sicher lustig! Speziell Charly würde sich freuen. Du weißt ja, dass er sich noch ein wenig fehl am Platze hier im Harris fühlt."
"Ich werde es versuchen", wand sich Shaw heraus und flüchtete zurück ins Bad, um die Zahnpasta loszuwerden. Hinterher beschloss er bei Mikola und Desmond anzuklopfen, allein um zu sehen, ob Brian nicht dort war.
Die Tür wurde von Des geöffnet, bekleidet mit einem weißen T-Shirt und einer lindgrünen Schlafanzughose, der ihn irritiert ansah. "Was ist denn noch?"
Abrupt verließ Shaw auch gleich wieder seine Sprachfähigkeit. "Ähm, ich... Ich wollte nur sagen, dass zu 'ner Party in I/12 eingeladen sind."
"Party? Shaw, du weißt, wie sehr ich Partys liebe. Sie kommen gleich nach Pest, Pocken und Privatlehrern."
"Sicher, ungefähr so sehr, wie du alles liebst...", murmelte Shaw, halb belustigt, halb unsicher, was er nun tun sollte.
"Also, was fragst du überhaupt?", schnaubte Desmond uns war dabei, Shaw die Tür vor der Nase zu zuschlagen, als der schnell "Ist Brian vielleicht bei euch?", sagte.
Verwundert hoben sich erst Des hellen Augenbrauen, bevor sie sich argwöhnisch senkten. "Nein, ist er nicht. Brian ist doch dein Zimmernachbar, warum weißt du denn nicht, wo er ist?"
"Er ist einfach abgehauen. Ich habe schon auf der ganzen Etage geschaut, da ist er nicht", gab Shaw zu. Des seufzte, bevor er sich umdrehte und etwas brummte, das klang wie: "Warte eben."
Er warf einen Mantel über und schlüpfte barfuss in seine Schuhe. Ohne ein weiteres Wort ging er an Shaw vorbei, der seinem Freund eilig folgte.
Verwundert stellte er fest, dass sie das Byron Haus verließen, doch Des schien genau zu wissen, wohin sie gingen. Am Ende blieb er an der Sporthalle 1 stehen, dabei bemerkte Shaw, dass noch Licht brannte.
"Brian ist... hier?", wunderte er sich laut. Es war spät, schon nach halb elf, woher hatte Brian also die Schlüssel? Des nickte, bevor er leise die Hallentür öffnete.
In seinem Fechtdress saß Brian mit gekreuzten Beinen auf dem Boden und schrieb etwas in ein Buch. Neben ihm lag das Florett, als ob es nicht mehr gereicht hatte, um seine Gefühle auszudrücken.
'Die Feder ist mächtiger als das Schwert', schoss durch Shaws Kopf. Als er Brian betrachtete, ergriff ihn Anteilnahme an dessen Zustand, den er selbst auch gut nachempfinden konnte. Während er noch nachdachte, war Des schon in die Halle getreten und setzte sich neben den Schotten. Nach einer Weile, in der Brian ungerührt weiterschrieb, berührte er dessen Unterarm.
"Es ist genug für heute", erklärte Des sanft. "Komm jetzt."
Brian zuckte zusammen, als hätte ihn ein elektrischer Schlag erwischt. Mit ungerührtem Blick schloss er das Buch und erhob sich. Des lächelte, stand ebenfalls auf, bevor er Shaw einen Blick schenkte.
"Alles okay!", teilte er seinem Freund mit, der betroffen nickte.
Wenn es nun okay war, was war vorher nicht in Ordnung gewesen? Noch ehe er diese Frage laut formulieren konnte, spürte er Desmonds warnenden Blick. Er hatte dem Anschein nach in dieser Angelegenheit nichts zu suchen. Die beiden schlossen ihn aus, derweil sie sonst alles als Trio geteilt und ausgeheckt hatten.
Als er hinter seinen Freunden zurück zum Byron Haus trottete, fragte er sich nicht nur, was Desmond über Brian wusste, das er nicht ahnte, sondern auch, ob sie je wieder als das Dreiergespann funktionieren würden, das inzwischen Maddox-Legende war.
Auch wenn Brian kommentarlos ins Bett gegangen war, nachdem er sich endgültig für den Abend fertig gemacht hatte, so tat sich nachts der Ozean zwischen Shaw und seinem Bettnachbarn auf. Shaw schlief nur, weil er in der Nacht zuvor schon kein Auge zugetan hatte.
Morgens allerdings schien alles beim Alten zu sein. Brian war fröhlich, charmant und stellte Vermutungen über Everard Williams Strafaufsatz an: 'Warum Maddox und Archer immer wieder aneinander geraten' oder 'Wege zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Archer und Maddox'. Shaw traute sich nicht, ihn auf das Verhalten am Abend zuvor anzusprechen, aus Sorge seinen Freund zu verlieren.
Beim Frühstück entdeckte Shaw James und Adrian aus seiner Theatergruppe und vergaß erst einmal Brian. Mit seinem Tablett setzte er sich zu den beiden und erkundigte sich nach dem Verlauf der Probe.
"War recht gut", gab Adrian zu, "Auch wenn Quinn nicht alle im Griff hatte. Du bist wirklich besser, Perryman." Das schmeichelte natürlich Shaws etwas angeknackstem Ego.
"Heute bin ich da, versprochen. Ich bin schon gespannt, wie eure Zusammenarbeit sich entwickelt."
Die beiden Schauspieler stimmten zu.
"Diese Melanie ist aber manchmal ganz schön zickig. Sie bildet sich etwas darauf ein, dass sie die Hauptrolle bekommen hat. Außerdem hat sie herumgetönt, dass ihr beide ein Paar seid." James lachte.
Shaw hingegen blieb das Truthahnsandwich im Halse stecken. "Sie hat was?", würgte er hervor.
"Na ja, die Mädchen haben in den Pausen über nichts anderes geredet, als euren Kuss."
Mit heftigem Schlucken schickte Shaw den Brocken Brot in den Magen. "Sie hat mich genötigt", protestierte er dann, doch die anderen beiden Jungs lachten nur. Shaw rollte die Augen, verfluchte innerlich Melanie und den Kuss, bevor er sich aufmachte, um nicht zu spät bei Mrs. Foster aufzutauchen.
"Williams musste mit Sproul zusammen das Bootshaus aufräumen", verkündete Brian beim Mittagessen, als er sich mit seinem Tablett neben Des und somit Shaw gegenüber setzte.
"Dann haben die beiden Softies ja dieses Mal richtig durchgegriffen", kommentierte Des, obwohl er seinem Fechttrainer Hopkins gegenüber bis dato niemals sarkastisch geworden war. "War sicher Hopkins, Darcy würde sie sicher zwei Stunden lang Händchen halten lassen."
"Da würde ich doch lieber das Bootshaus aufräumen!", rief Shaw angeekelt, doch Desmond blieb am Ball.
"Hat er noch etwas gesagt? Hat Williams herausbekommen, ob wir mit der Auseinandersetzung irgendwie in Verbindung gebracht werden?"
Brian hob die Schultern. "Er zumindest meinte nein, aber was Darcy und Hopkins nun genau vermutet haben, konnte er nicht herausbekommen."
"Hat er wenigstens gesagt, worum er und Sproul nun genau gestritten haben?"
"Sproul hat wohl gesagt, Maddox würde niemals im Rudern gewinnen können, auch wenn sie noch so viele Spione schicken. Daraufhin hat Williams erwidert, Maddox hätte keine Spione nötig, um so einen aufgeblasenen Kerl zu plätten und schon wurde es... na ja... persönlich. Ihr wisst ja, wie Williams ist, wenn es um seinen Erzfeind Sproul geht." Des und Shaw nickten beide.
"Immerhin haben sie sich nicht geprügelt", schloss Brian und schob sein Essen von sich, von dem er nicht einmal die Hälfte verspeist hatte.
Shaw nickte und ließ seinen Blick über die mampfenden Schüler gleiten. "Die beiden vielleicht nicht, aber ich glaube, Sproul hat noch Energie übrig nach dem Bootsputz."
Des und Brian wandten sich um und erkannten, dass Clive Sproul neben einem Schüler auf dem Tisch saß und anscheinend ganz langsam das Tablett über den Rand der Platte schob. Neben dem Opfer saßen zwei seiner Gefolgschaft und sorgten dafür, dass der Junge sich nicht wehren konnte. Die Strafe für Herumschweinigeln mit Essen war Esssaal bohnern. Nicht sehr beliebt bei den Schülern. Noch bevor Brian oder Shaw genau verstanden, was passierte oder wer dort terrorisiert wurde, war Desmond aufgestanden und mit festen Schritten zu Sproul gegangen.
"Lass ihn in Ruhe", forderte er ruhig und da ging seinen Freunden auf, dass es Henry March war. der Opfer des Archer-Gruppenleiters geworden war.
Diese Forderung wurde einfach ignoriert, denn als erstes landete das Dessert auf dem Boden.
Brian und Shaw wechselten einen besorgten Blick. Des stand gegen Clive Sproul ein? Des, der Gewalt verabscheute und sie auch nicht brauchte, weil sein Kopf meistens mit besseren Lösungen aufwartete?
"Ich sagte, lass ihn in Ruhe, Sproul", wiederholte Des sein Ansinnen laut und deutlich.
Das schien nicht sehr viel Eindruck zu machen, auf jeden Fall nicht auf Sproul, doch der Rest der Schüler verstummte. Es war fast unheimlich. Wo sonst das Geschirr klapperte und zahllose Gespräche einen konstanten Lärmpegel verursachten, rührte sich nichts mehr.
Außer Clive Sproul, der vom Tisch hüpfte und auf Desmond zukam. "Sieh mal einer an, Pickelig kommt dem Verräter zu Hilfe. Ist das nicht rührend, wie Romeo und Julia."
Des ging nicht darauf ein, sondern blieb unbeeindruckt salopp, seinen Blick hatte er auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne gerichtet. Sproul hatte es nicht gern, wenn man ihn ignorierte, vor allem nicht, wenn es jemand war, der wie Desmond, aus einer höheren Gesellschaftsklasse kam. Nun, wenn er den blonden Adelshampelmann nicht reizen konnte, blieb ja immer noch der Arbeiterklassejunge mit dem Stipendium.
"Für so einen gefühlskalten Bastard hast du deine eigene Gruppe verraten, March? Jeder weiß doch, dass Pickelig nur auf seinen Busenfreund Perryman abfährt. Wer weiß, was die beiden mit diesem bulligen Schotten nachts so treiben, hmmm?" Es war süßlich, tropfend vor Unzufriedenheit und plumper List.
Shaw, Brian und Henry sprangen auf. Da Des nur den Archerschüler sehen konnte, hob er beschwichtigend eine Hand, eine Geste, die Henry dazu bewegen sollte sich wieder zu setzen.
Leider ignorierte der den guten Rat. "Du beneidest ihn doch nur, weil er adelig ist, Sproul!"
Inzwischen hatten auch Brian und Shaw Desmond erreicht und wurden von den anderen beiden Archern in Schach gehalten.
"Wage es nicht, ihn anzurühren, Sproul!", grollte Brian in einer Art, die Shaw sehr an einen Wolf erinnerte. Er selbst merkte, wie die Situation ihnen langsam entglitt und seine Muskeln spannten sich für einen eventuellen Kampf an. Er hatte sich das letzte Mal geprügelt im Sommer als er elf gewesen war und zwar mit dem Nachbarjungen. Noch nie hatten er oder Brian im Harris körperliche Gewalt angewendet, das war ihnen eigentlich zu ungalant. Im Grunde war er auch nicht bereit, diese Regel für so einen Idioten wie Sproul zu brechen.
"Sie einer an, die Leibgarde ist auch schon da", stellte Clive abwertend nach einem Blick auf Brian und Shaw fest. "Wollt ihr euer adeliges Bettspielzeug unversehrt zurückhaben?"
Shaw zuckte zusammen. So gemein war Sproul sonst doch auch nicht. Marchs' kleine Informationsweitergabe musste ihn tiefer verunsichert haben, als er sich es hatte vorstellen können.
Noch bevor jemand etwas erwidern konnte, hatte Henry March ausgeholt und wollte Clive Sproul einen Kinnhaken verpassen, doch Des, mit seinen durch das Fechten gut trainierten Reflexen, schubste den Archer zur Seite. Leider bekam er dabei Henrys Schlag ins Gesicht und stolperte zu Boden. Schwer atmend stützte er sich auf seine Unterarme und wirkte etwas benommen.
Der gesamte Esssaal raunte überrascht.
"Des!", kam aus drei Mündern. Brian und Shaw wollten zu ihrem Freund, aber die beiden Archer hielten sie auf. "Hey!", maulte Shaw und stieß seinen Gegner zurück.
"Hört sofort auf!", befahl Des, der sich aufgesetzt hatte. Erstaunt hielten seine Freunde inne und sahen ihn an. Seine Lippe blutete und die linke Wange schwoll langsam an.
"Das würde ich aber auch meinen!", erklang die Stimme von Raymond Hopkins, der von einem Schüler geholt worden war. "Stainthorpe-Pickering, Sie gehen sofort ins Medizinische Zentrum. Die anderen kommen mit mir!"
Mikola kam und half Des auf, dann verschwanden die beiden zusammen aus dem Saal. "Es tut mir so leid!", rief Henry bedauernd ihnen noch hinterher und etwas erstaunliches: Des drehte sich um und lächelte Henry aufmunternd an. Der Junge lachte überrascht auf, dann folgte er Mr Hopkins mit den anderen zusammen. Sobald sie den Saal verlassen hatten, brandete der Lärm wieder auf und natürlich war die Prügelei Gesprächsstoff Nummer Eins.
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Aktualisiert (Dienstag, den 25. August 2009 um 12:06 Uhr)


