So ein Theater! - Kapitel 10
Träume gegen Realitäten
Mit einem wohligen Seufzer drückte sich Shaw dem Liebkosungen entgegen, warmen Lippen, die seine Haut vermaßen wie eine sinnliche Landkarte. Er spürte, dass seine Hüften wieder in die Matratze heruntergedrückt wurden, wie eine sanfte Zurechtweisung. Als er einen Protest ächzte, hob sein Buhle den Kopf und Shaw erkannte, dass es Quinn war. Sie grinste ihn hungrig an und drängte sich an ihn zu einem eingehenden Kuss, geeignet, Shaw hilflos zum Aufstöhnen zu bringen. Immer wieder fanden sich ihre Münder, manchmal genießerisch, als ob sie alle Zeit der Welt hätten, dann wieder leidenschaftlich, bis sie einheilten. Quinn schenkte ihm einen verschmitzt verführeririschen Blick, bevor sie begann seine Seiten zu streicheln, während sie an seinem Körper hinabglitt. Erwartungsvoll sah er auf ihre leuchtend roten Haare und drückte seinen Kopf mit einem erkenntlichen Stöhnen zurück in das Kissen, als sie mit ihrem Mund seinen Penis umschloss. So erregt wie er war, brauchte es nur ein wenig Zungenkunst um ihn kommen zu lassen. Nachdem er von seinem Hoch ein wenig runtergekommen war, leckte er seine trockenen Lippen und lächelte träge, dabei blieben seine Augen geschlossen. Er fühlte, wie seine Partnerin wieder zu ihm herauf glitt, so dass er sie ergriff und zu einem behaglichen Kuss zu seinem Mund zog. Trotz seiner Müdigkeit war es ein wundervoller Baiser, bei dem er sich selbst schmecken konnte.
"Danke...", murmelte Shaw gemächlich, zufrieden wie ein Kater am Feuer.
"Oh, dann kann ich dieses Mal endlich eine Rückzahlung erwarten?", fragte Des ihn.
Entsetzt öffnete Shaw seine Augen und setzte sich auf. Als er sich umsah, stellte er fest, dass er geträumt hatte, allerdings sehr lebendig geträumt, wie er mit einem Blick auf dem Fleck in seinem Pyjama feststellte. Schockiert warf er schnell einen Blick zu Brians Bett, um zu sehen, ob sein Bettnachbar aufgewacht war. Brian schlief, zumindest schien es so. Dann schlüpfte Shaw schnell aus dem Bett, schnappte seine Duschsachen, um sich dann ins Bad davon zu stehlen.
Schließlich, als er unter dem warmen Wasserschwall stand, erlaubte er sich an den Traum zurückzudenken.
"Niemals! Ich bin nicht homo, verdammt!", murmelte er.
Dabei hatte der Traum so gut begonnen - Quinn hatte ihre Sache gut gemacht. Was hatte sich seine Libido dabei gedacht, sie durch Des zu ersetzen, hä? Warum hatte ihn der Traum so betrogen?
Wahrscheinlich daher, weil ich gestern Abend noch an Des gedacht habe. Und dann dieses ganze Chaos mit Henry und Mel und Quinn und...
Er lehnte sich an die gefliesten Wände und schlug die Hände vors Gesicht. "Verdammt! Verdammt!"
Noch nie hatte er von einem Jungen geträumt, oder auch nur an irgendetwas vage Sexuelles gedacht, wenn er Mitglieder seines eigenen Geschlechts betrachtete. Was war mit ihm los?
Sicher der ganze Stress - das Theater, die anstehenden Prüfungen, für die er zu wenig lernte, wie er selbst wusste und die Zerwürfnisse zwischen seinen besten Freunden und ihm. Freunde, genau, und nichts anderes.
Vielleicht plagte ihn auch nur dieser Kuss zwischen Henry und Des?
Er wurmte Shaw, dass Henry einen intimen Teil von Des kannte, der ihm selbst verschlossen war. Dazu kam noch, dass es ausgesehen hatte, als genieße Henry dieses Geplänkel, während Des der erfahrene Führer in ihrem Lippenkontakt war.
Woher hatte Des diese Erfahrungen?
Soweit Shaw sich erinnern konnte, hatte Des niemals etwas über Interessen an anderen Leuten seines Alters erwähnt, weder weiblich noch männlich. Immer mehr kam es ihm so vor, als gäbe es da den Des, den er nicht kannte. Sinnlicher und sexuell erfahrener als er wusste.
Warum hatte sein bester Freund ihm nie davon erzählt? Irgendwo tief in seinem Inneren fühlte er sich auch ein wenig verraten, weil Des ihm nicht genug vertraute, um ihm von solchen Begegnungen zu erzählen.
Natürlich war Des verschlossen und mochte es nicht, über seine Probleme zu reden, aber Shaw hatte immer gehofft, das wäre bei ihm anders. Immerhin, sie waren beste Freunde und er seinerseits erzählte Des fast alles.
Er war so sehr in seine Gedanken vertieft, dass er nicht bemerkte, dass die Tür zu den Duschräumen geöffnet wurde.
"Shaw?" Erst als er Des erstaunte Stimme hörte, sah er ruckartig auf. Ihre Blicke trafen sich und beide erstarrten. Des Gesicht war völlig offen, keine der alltäglichen Masken hatten sich schon über seine Traurigkeit gelegt. Seine Wange war immer noch geschwollen, doch nicht so schlimm wie tags zuvor. Des trug seinen Bademantel in Babyblau und schien darunter nackt, in seinen Händen Kulturbeutel und Duschgel. Das Grün seiner Augen erinnerte Shaw in diesem Augenblick an die ersten Knospen im Frühling - frisch und hoffnungsvoll.
"Was machst du hier um diese Zeit?", erkundigte sich Des befremdet, seine Stimme etwas rau.
"I-ich wollte dich gerade das se-selbe fragen...", stammelte Shaw.
Des schnaubte belustigt. "Es ist halb Sieben. Ich wollte noch Schießen gehen vor dem Unterricht."
"A-ah", brachte Shaw heraus und vor seinem inneren Auge kamen Bilder von Des, der gerade wieder von seinem Ausflug zu Shaws Genitalien wieder auftauchte, feixend wie die Katze aus Alice im Wunderland.
In der Realität verengten sich Des Augen fragend. "Was hast du denn? Stimmt was nicht?"
"Ne-nein, alles in Ordnung."
Des hob die Schultern und entledigte sich seines Badesmantels. Er drehte die Dusche neben Shaws an, schrubbte sich und wusch seine Haare, während Shaw sich abwandte und schnell flüchtete. Er suchte Zuflucht im Nebenraum, wo er seine Zähne putzte und sich rasierte. Zuerst war er so angespannt, das seine Hände zitterten, aber dann bekam er es doch noch hin. Was gut war, denn kurz darauf kam auch Des, der ebenfalls schnell die kaum sichtbaren Bartstoppel von seinem Kinn kratzte.
Nach einer Weile von mehr oder wenigem unangenehmen Schweigen, sah Des zu Shaws Spiegelung rüber und traf seinen Blick dort erneut. "Eigentlich ist es ganz gut, dass ich dich so ungestört treffe. Es gibt etwas, über das ich gern mit dir reden würde."
"Oh?", wunderte Shaw sich, denn damit hatte er nicht gerechnet. Eigentlich hatte er sich nur weg gewünscht und Des Nähe verflucht. Allerdings, als er Des' ernsten Ton vernahm, drängte er Fragen über seine sexuelle Orientierung in eine überfüllte Ecke seines Gehirns.
"Irgendwie siehst du aus, als hätte ich dir deine Enthauptung angeboten... Es geht um Brian, keine Angst.", sagte Des. Von Draußen hörten sie Türen schlagen und undeutliche Stimmen. Des sah ärgerlich darüber aus, dass ihre Privatsphäre gestört wurde.
"Zieh dich an und wir treffen uns bei den Zielscheiben", erklärte er seinem Freund und Shaw nickte, bevor er in sein Zimmer huschte. Brian schlief immer noch, zu seinem Glück und so schlüpfte er schnell in die gewohnte Schuluniform, ehe er sich auf den Weg zu den Bogenschießanlagen machte.
Des war bereits dort, wie er feststellte, als er ankam. Sein Freund hatte seinen Bogen wohl im Zimmer aufbewahrt und ebenso den Köcher mit den Pfeilen. Wie immer beim Schießen trug Des Kontaktlinsen statt Brille, sein Jackett hatte er auf einen der Zäune abgelegt, obwohl der Morgen frisch war. Ein feiner Nebel zog sich im Zwielicht über die Wiesen hin, der bei den ersten Strahlen der Sonne verdampfen würde. Shaw fröstelte und zog sein Jackett enger um sich. Er war sonst nie so früh auf.
Des war vertieft in einen Schuss, so dass er Shaw nicht bemerkte und der in aller Ruhe die elegante Präzision beobachten konnte, die Des beim Spannen, Zielen und Loslassen an den Tag legte, beobachten konnte. Er störte erst nach dem Schuss.
"Des?"
Der andere drehte sich um. "Auch da? Gut."
"Blödmann", murmelte Shaw, pseudobeleidigt. "Was ist denn mit Brian?"
Nachdenklich stellte Des den Bogen an, lehnte sich darauf und sah Shaw an. "Weißt du Bescheid darüber, was mit seiner Familie während der Ferien geschehen ist?"
Stumm nickte Shaw, als er sich an die Geschichte erinnerte. "Ne ganz schöne Scheiße."
"Mehr als das, Shaw. Viel mehr. Hat er dir gesagt, dass ich die Kaution für seinen Vater gezahlt habe?"
"Ja. Das war ziemlich großzügig von dir."
Des winkte ab, als ob es nicht darum ging. "Nun, es sieht so aus, als ob Brians Vater Ersatz für den im Suff angerichteten Schaden leisten muss, außerdem gab es einen Verletzten bei der Prügelei, der anscheinend Klage erheben will. Dazu kommt allerdings, dass er aufgrund der anstehenden Schreidung auch noch einen Anwalt haben muss."
"Schande!", rief Shaw, der nie von Brian gehört hatte, was aus der ganzen Geschichte geworden war.
"Das Ganze läuft auf Folgendes hinaus: Die Banken sind nicht bereit, Brians Vater einen Kredit zur Verfügung zu stellen, da er in einem Strafverfahren steckt. Alle anderen finanziellen Reserven sind schon ausgeschöpft."
"Verdammt, das ist ja scheiße!", fluchte Shaw, der Mitleid mit Brians Vater empfand. "Deswegen hat Brian dieses Rechtsbuch gelesen."
"Verstehst du denn nicht, Shaw?", erkundigte Des sich verwundert.
"Was denn?"
"Brians Schulgeld kann nicht gezahlt werden - er muss das Harris nach diesem Trimester verlassen."
"Was?!!!" Alle Fragen, Gedankengänge und Selbstverständlichkeiten waren in Shaws Gehirn plötzlich wie eingefroren. "Was?!", wiederholte er sinnlos.
"Genau das." Des hob missmutig die Augenbrauen. "Wenn du etwas sensibler gewesen wärst, dann hätte er dir sicher auch mehr davon erzählt."
"Hmpf!"
"Wir können nicht zulassen, dass Brian wegen so bescheuerter Umstände seinen Abschluss nicht machen kann. Er selbst hat sich für ein paar Stipendien beworben und Hicks hat auch schon mit dem Gremium zur Vergabe geredet. Allerdings ist das Problem dabei, dass die Stipendienempfänger schon feststehen und somit Brian wahrscheinlich nicht mehr in Frage kommt, auch wenn er sonst ein gute Kandidat gewesen wäre."
"Scheiße! Blödes System!" Shaw sah Des an, der ein gewisses Funkeln in den Augen hatte. "Hast du eine bessere Idee, Des?"
"Nun, dafür brauche ich deine Hilfe, deswegen habe ich dir das alles überhaupt erzählt. Ich habe Brian angeboten, sein Schulgeld für sie nächsten zwei Trimester zu zahlen. Aber natürlich hat dieser halsstarrige Schotte abgelehnt." Des schüttelte betrübt den Kopf, als hätte er schon einiges versucht.
"Und nun soll ich mit ihm reden?", folgerte Shaw. Brian uns sein Stolz waren wirklich schwer zu bezähmen. Allerdings hätte Shaw einiges dafür gegeben, den relativen Reichtum seines Vaters gegen die große Familie von Brian zu tauschen, zumindest bis alles auseinanderbrach.
"Ja." Des' Miene verfinsterte sich. "Sag ihm, dass ich das Geld nicht brauche. Dass es mir sicher Genugtuung verschaffen würde, meine Familie mit seinem Schulbesucht zu verärgern. Denk dir irgendetwas aus, aber bring ihn dazu, dass er am Harris bleibt, okay?"
"Ja, auf jeden Fall", murmelte Shaw bewegt. Allerdings hatte er keine Ahnung, wie er das Schaffen sollte.
Des nickte leicht und hob seinen Bogen wieder an. "Danke Shaw. Wir sehen uns dann später" Er kehrte zum Schießen zurück.
Nachdem Shaw einige Schritte gegangen war, drehte er sich noch einmal zu Des um. "Ich finde es klasse, dass du so etwas für Brian tust."
"Er hat Talent, Shaw. Und nur weil seine Familie verrückt spielt, soll er nicht dafür büßen." Damit war für Des das Thema beendet.
Inzwischen hatte der Esssaal schon geöffnet, so dass Shaw sich einen heißen Tee und ein paar Sandwiches holte und beim Kauen überlegte, wie er Brian dazu bringen konnte, Des' Großzügigkeit zu akzeptieren.
"Hey Shaw", mit diesen Worten setzte sich Brian neben ihn. "Bist du aus dem Bett gefallen, oder was?"
Shaw murmelte etwas mit vollem Mund, das mit guten Willen "Morgen" heißen konnte. Brian lachte und beschmierte seine Toasts mit Erdbeermarmelade. Shaw sah gedankenverloren den kräftigen Fingern seines Freundes beim Händeln mit Butter und Marmelade zu, erinnerte sich an Des' Worte und seufzte.
"Immer noch Liebeskummer?", erkundigte sich Brian.
Etwas resigniert schüttelte Shaw den Kopf. "Das kommt mir im Moment gerade recht unwichtig vor." Brian hob die Schultern und wandte sich seinem Kaffee zu, als Shaw etwas einfiel. "Vielen Dank, du bist ein guter Freund."
Brian sah ihn verwundert an. "Hääh?"
"Ich werde dich vermissen, wenn die Schule zu Ende ist.."
Sofort zog Traurigkeit auf Brians Gesicht auf und er schmiss den Toast zurück auf den Teller. "Ich euch auch", gab der Schotte dann leise zu.
"Wieso nimmst du dann nicht Des' Angebot an?"
Brian sprang auf. "Was? Woher weißt du davon?"
Der Esssaal verstummte wieder einmal und alle drehten sich zu den beiden Maddoxlern um, mit erwartungsvollen Gesichtern. Erst am Tag zuvor hatten sie ja die tolle Show Archer gegen Maddox zu sehen bekommen. Vielleicht gab es eine ähnliche Einlage zum Frühstück? Brian wurde knallrot und quetschte sich schnell wieder auf seinen Stuhl zurück.
"Des hat es mit erzählt, woher sollte ich es sonst wissen?", knurrte Shaw leise.
Brians Mund öffnete und schloss sich ein paar Mal , ohne dass etwas herauskam. Schließlich senkte er den Kopf und murmelte: "Ich kann es nicht annehmen."
"Warum nicht? Keiner von uns beiden möchte, dass du das Harris verlassen musst!"
"Vielleicht bekomme ich ja ein Stipendium..."
"Und wenn nicht? Brian, ich beschwöre dich, nimm es an. Des gibt es gerne und mit Sicherheit wird es ihn nicht ruinieren."
Brian rührte sich nicht. Warum war der Schotte bloß so stolz und stur?
Shaw seufzte und ließ den Kopf hängen, bis er noch ein Idee hatte. "Pass auf, Bri. Wie wäre es, wenn du es als eine Art Kredit nimmst? Und wenn du später mal was verdienst, dann zahlst du es Des zurück."
Das schien Brian zum Denken zu bewegen. Wenigstens nahm er sein Toast und kaute darauf herum. "Das wäre eine Möglichkeit...", gab er schließlich zu, was Shaw zu einem erleichterten Lachen brachte.
"Zum Glück!", grummelte er scherzhaft und boxte Brian sanft in den Oberarm. "Ohne dich sind wir einfach nicht komplett."
Brian errötete geschmeichelt und die beiden lachten zusammen.
Während einer Pause suchte Shaw Des auf, der gerade in einer Ecke des Sprachlabors etwas über den Untergang der Phönizier las. Mit einem Heben seiner hellen Augenbrauen begrüßte er Shaw.
"Und", fragte er dann.
"Ich habe Brian vorgeschlagen, es als Kredit zu sehen. Ich glaube, so kann er es annehmen."
Ein winziges Grinsen erschien auf Desmonds Gesicht, dann nickte er. "Das ist gut. Ich werde nachher das Geld aufs Schulkonto überweisen."
Erleichtert ging Shaw zurück in den Unterricht - so erleichtert, dass ihm der Traum vom Morgen erst einmal entfiel und er gut gelaunt sogar einen missmutigen Theodor Barnes ertragen konnte.
Ebenso gut gelaunt ging er später seine Hausaufgaben an. Er hatte ein paar Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen, bei dem er Miss Pinks begegnet war, die ihm noch einmal eine Standpauke über das Verhalten eines jungen Gentleman gehalten hatte. Sogar die Bibliothekarin hatte von der 'Prügelei' gehört.
Während er im Gemeinschaftsraum über kreative Bühnengestaltung schrieb, tauchte plötzlich Raymond Hopkins neben ihm auf. Etwas verständnislos blinzelte Shaw den Lehrer an.
"Mr Perryman, kann ich Sie kurz sprechen?", fragte Hopkins.
Shaw schluckte schwer. "Sicher", brachte er heraus und folgte seinem Gruppenlehrer auf den Flur.
Raymond Hopkins steuerte ihn in eine Ecke, wo sie ungestört waren. "Erst einmal geht es um Henry March. Wir haben den Vorfall von gestern überprüft. Laut Aussagen von anderen Schülern waren es wirklich Mr Sproul und seine Kameraden, die Mr March provoziert haben."
"Das stimmt, Sir."
"Allerdings befürchten wir, dass Mr March weiterhin bedrängt werden könnte. Deshalb haben Mr Hicks, Mr Darcy und ich beschlossen, ihn ihrer Gruppe zuzuteilen. Ich bitte Sie daher, ihn bei Maddox willkommen zu heißen. Verstehen Sie?"
"Sicher, Sir", antwortete Shaw brav. Was war daran schon nicht zu verstehen?
"Zum anderen, Mrs Foster hat mich beauftragt, Ihnen einen Raum am Sonntag für Sie und die Darsteller anzubieten. Er ist im Hauptgebäude."
"Oh, das ist ja klasse!" Shaws Augen begannen zu leuchten und seine ganze Haltung straffte sich. "Sir", fügte er etwas zu spät hinten an.
Raymond Hopkins lachte. "Ihre Rudergruppe behalten Mr Darcy und ich allerdings erst einmal im Auge, Perryman. Ich hoffe für Sie, dass Mr Williams sich von nun an nicht mehr so schnell provozieren lässt."
"Das hoffe ich auch", stimmte Shaw kleinlaut zu.
"Vielleicht sollten Sie noch einmal ein ernstes Wort an ihn richten?"
"Werde ich, Sir."
Der Lehrer nickte und klopfte Shaw auf die Schulter. "Gut. Wenn Sie noch einmal solche Probleme mit den Archers haben, kommen Sie lieber einfach vorher zu mir." Damit ging Raymond Hopkins wieder und hinterließ einen nachdenklichen Shaw.
Als Shaw später in sein Zimmer kam, fand er dort Brian zusammen mit zwei anderen Jungs aus der Redaktion der Schulzeitung, die gerade über irgendetwas hitzig diskutierten.
"Oh, ich störe wohl...", murmelte er und verließ das Zimmer rückwärts wieder. Er klopfte bei Des und Mikola an, doch als er eintrat, ohne hereingebeten worden zu sein, fand er nur ein dunkles, leeres Zimmer vor. Nicht einmal Mikola war da.
Mit einem Seufzer beschloss er, mit Everard zu reden. Er fand den jungen Mann in seinem Zimmer.
Williams war erstaunt über Shaws Kommen.
"Hopkins war bei mir", erklärte Shaw. "Es scheint, dass die Zukunft unseres Boots von dir abhängt, Williams."
Der Schwarze schnaubte. "Warum gerade von mir?"
"Anscheinend hat dein Streit mit Sproul Hicks besondere Aufmerksamkeit geweckt."
"Wirklich? Oh, das ist nicht gut."
Shaw lachte trocken. "So kann man es auch sagen. Egal, was Sproul jetzt tut - du darfst dich auf keinen Fall mehr provozieren lassen."
Williams sah nicht sonderlich willig aus.
"Everard, ich weiß du hasst den Kerl, aber ist das unsere Chance Wert, beim Rennen antreten zu dürfen?"
Mit einem Seufzer lenkte der ein. "Na gut. Ich gebe mein Bestes."
"Schön. Ich glaube, Des würde sagen: Es gibt keine bessere Art es dem ollen Sproul heimzuzahlen, als das Rennen zu gewinnen." Shaw hatte den feinen und trockenen Akzent seins Freundes genau nachgeahmt und beide Jungs lachten herzlich.
"Ja, das klingt nach Pickering. Schön Shaw, dann sollten wir uns anstrengen!"
"Aye aye Kapitän." Scherzhaft salutierte Shaw und ging dann wieder.
Zum Glück waren die Zeitungsleute aus seinem Zimmer verschwunden, nur Brian war geblieben. Er lag auf dem Bett und starrte an die Decke. Als er Shaw bemerkte, setzte er sich auf.
"Ist es dir recht, wenn ich Sonntag deine Darsteller interviewe? Am Mittwoch kommt die neue Ausgabe der Schulzeitung raus, sonst wird es eng."
Shaw hob die Schultern. "Sicher, wenn du sie nicht zu sehr ablenkst..."
"Niemals. du kennst mich doch!"
"Ja, leider zu gut, manchmal." Sie kicherten.
Shaw setzte sich neben Brian. "Wie geht es eigentlich deinem Vater?"
"Nicht sonderlich gut. Ich habe ihn vorhin angerufen und erklärt, dass er sich um das Schulgeld keine Sorgen mehr machen muss. Allerdings habe ich nicht verraten, woher es kommt. Ich weiß, er würde es noch mehr ablehnen als ich. Ist wohl so ein Familiencharakterzug..."
"Kann... Kann es denn sein, dass er ins Gefängnis muss?" Der Gedanke allein sorgte bei Shaw schon für Gänsehaut. Immerhin, sein Vater war seine gesamte Familie. Ein Leben ohne ihn konnte er sich einfach nicht vorstellen.
Brian zuckte mit den Achseln. "Ist noch nicht heraus. Die Verhandlungen kommen noch, allerdings nicht vor Dezember. Er hat erzählt, dass meine Tante Georgina sich um ihn bemüht. Das erleichtert mich sehr."
"Und was ist mit deiner Mutter?"
"Keine Ahnung, Pa wollte nicht darüber reden. Er weint ständig, sobald man sie auch nur erwähnt." Der Schotte runzelte die Stirn. "Weißt du, wie seltsam es ist, wenn dein eigener Vater ständig heult?"
Shaw erinnerte sich zurück, als seine Mutter gestorben war. Er erinnerte sich an seinen blassen Vater, der sehr verloren ausgesehen hatte, die Wangen tränennass. Er hatte Shaw an sich gedrückt und geweint, während sein Sohn einfach nicht konnte. Alles was durch Shaws Kopf hallte war: Sie ist weg und hat Dad zum Weinen gebracht. Ich hasse sie.
Geweint hatte er erst viel später, als er dann im Internat war, heimlich im Bett. Bis Des im angeboten hatte, mit ihm die Bettstatt zu teilen.
"Ja, ich weiß, wie das ist", murmelte er. Zu seiner Überraschung schlang Brian seine Arme um ihn und vergrub seinen Kopf an Shaws Nacken. Obwohl er Mitleid mit seinem Freund hatte, breitete sich in ihm doch ein warmes Gefühl aus: Er wurde gebraucht. Er war nicht allein.
So sollte es immer sein - sie drei zusammen durch Alltag und Chaos.
"Ist ja gut, Bri. Wir stehen das zusammen durch", versicherte er und meinte es.
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