So ein Theater! - Kapitel 12
Teil 12: Reden, Schweigen und leere Worte
Die Stimmung im gesamten Byron Haus war verständlicherweise nicht sehr überschwänglich, als der nächste Tag begann. Die Schüler schlichen durch die Flure, unterhielten sich im Flüsterton über Mikola und seine jetzige Situation. Immer wieder kamen Gerüchte mit ins Spiel, darüber, dass es eigentlich ein Regierungssturz gewesen sein sollte und ähnliches. Natürlich wurden beim Frühstück auch diejenigen eingeweiht, die noch nichts von der sensationellen Ermordung von Mikolas Vater gehört hatten.
Desmond wirkte nicht nur sehr unausgeschlafen, er schenkte auch jedem, der ihn hoffnungsvoll auf weitere Informationen anblickte, einen vernichtenden Blick aus blitzenden Augen. Dazu kam, dass er erst sehr spät an ihrem üblichen Tisch auftauchte.
Auch Shaw war begierig darauf, zu hören, was in der Nacht noch vorgefallen war. Noch bevor er fragen konnte, vernahm er Brians angenehme, warme Stimme. "Wie geht es dir, Des?"
Wie immer war der Schotte weniger neugierig, sondern eher um das Wohlergehen seiner Freunde besorgt. Manchmal fragte sich Shaw, wie aus Brian je ein Journalist werden sollte, wenn er seiner Neugier nicht mehr nachgab.
Des hob gleichgültig die Schultern. "Miko hat die Nacht über geweint und Rache geschworen." Der Blonde ließ sich auf einen Stuhl fallen und rieb sich mit dem Handrücken müde über das Gesicht.
"Willst du einen Tee?" Brians Stimme blieb teilnehmend, dabei wirkte die Frage nicht im Geringsten aufdringlich.
"Kaffee ist von Nöten, glaube ich", brummte Des. Brian nickte lächelnd und verschwand, um sich als Ober zu betätigen. So blieb Shaw die Gelegenheit Des unter vier Augen zu sprechen.
"Ich finde es total klasse von dir, dass du Mikola beigestanden hast."
"Hm..." Des schien von seiner eigenen Leistung nicht erbaut.
"Wirklich!"
"Ich war nun mal gerade da, als er jemanden brauchte. Glaub mir, er hat nicht einmal erkannt, wer da bei ihm war."
Brian kam wieder zurück mit Kaffee und einem Bananen-Nuss Muffin, alles beides servierte er Des galant. Shaw zuckte innerlich zusammen, als sich die Blicke der beiden trafen und dabei soviel zu wissen schienen, dass er sich blöd vorkam. Wütend und irgendwie verletzt wandte er sich seinem eigenen Frühstück zu und sprach kein Wort mehr, bis sie in die Vorhalle ihrer Schule kamen.
Am schwarzen Brett hing eine Notiz, die besagte, dass Nachmittags ein Gottesdienst für Mikolas Vater abgehalten werden würde und dass die Schüler vor dem Unterricht in die Aula kommen sollten.
Dort war es schon recht voll, Gerüchte und die Wahrheit machten die Runde, so dass ein stetiger Geräuschpegel sie begrüßte. Zusammen setzten sie sich, hingen ihren Gedanken nach, wobei Des müde vor sich hin blinzelte. Auch als der Direktor vor die versammelte Schülerschaft trat, wachte er kaum auf. Zum Glück kam Richard Hicks bei seiner Rede kurz und knapp zur Sache.
Er erklärte, dass es einen Anschlag gegeben hatte, wie Mikolas Vater dabei umgekommen war und dass deshalb trotzdem keinerlei Gefahr für die Harrisianer bestünde.
"Dennoch werden Fremde an den Toren kontrolliert werden", erklärte Hicks. "Bitte nehmt eure Schulausweise mit, wenn ihr das Gelände verlasst."
Die Schüler murmelten beunruhigt.
"Das ist eine angeordnete Sicherheitsmaßnahme, die vorbei sein wird, wenn die Untersuchung über den Tod von Mikola Visnijcs Vater abgeschlossen ist."
Er dankte allen Schülern für ihre Kooperation, wies noch einmal auf den Gottesdienst hin, bevor er das Stehpult auf der Bühne wieder verließ. Ungewöhnlich gemäßigt gingen die Schüler zu ihrem Unterricht, auch Shaw, Brian und Des trennten sich, um ihrem Stundenplan nachzugehen.
Weder in der Mittagspause noch später im Byron-Haus trafen Shaw und Brian auf Des. Er war wie weg gezaubert.
"Wo ist Des wohl...?" wunderte sich Shaw laut, während er neben Brian auf das Bett des Schotten sank.
"Sicherlich bei Miko. Ich habe keine Ahnung, wie ich reagieren würde, wenn man meinen Vater umbringt, aber ich wäre ganz bestimmt im Schock. Dazu kommt, dass Miko eigentlich keine Freunde am Harris hat, Des ist noch sein engster Bezugspunkt." Brian seufzte, dann bemerkte er Shaws unwilliges Gesicht und stieß seinen Freund mit der Schulter an. "Hey, was ist denn das für eine Miene?"
"Weiß auch nicht, aber Des kommt mir immer seltsamer vor. Ich hätte nie gedacht, dass er Miko so beistehen würde."
"Bist du etwa eifersüchtig?", erkundigte sich Brian ungläubig. Shaw zuckte zusammen und boxte den Schotten pseudo-empört. "Ne, auf keinen Fall. Aber irgendwie habe ich das Gefühle ich kenne ihn kaum noch."
Brians Gesicht wurde ernst. "Wir hatten bei dir das gleiche Gefühl nach den Ferien."
"Wirklich?"
Brian nickte. "Du warst ein echtes Arschloch, mehr noch als sonst. Was Des angeht... Ich glaube, dass er erwachsen wird... Okay, noch erwachsener als er vorher war."
"Klingst selbst wie ein neunmalkluges Arschloch", beschwerte sich Shaw, halb empört, halb amüsiert. Doch während die beiden herumflapsten, sich gegenseitig anstießen oder schubsten, fiel ihm auf, dass auch Brian anders war. Seine Gesichtszüge hatten nach den Ferien einige Jugendlichkeit eingebüßt und waren klarer geworden. Brian war sehr viel mehr der Mann, der er werden würde, als der Teenager vom Juni.
/Und wie ist es mit mir?, fragte er sich unvermittelt. /Wo stehe ich?
Er ließ von Brian ab, verwirrt und ernüchtert. Sein Freund schenkte ihm einen prüfenden Blick. "Shaw?"
"Weißt du, ich dachte mir, vielleicht sollten wir an dem Gottesdienst teilnehmen." Shaw hob die Schultern, allerdings war das nicht wirklich das, was ihn beschäftigte.
"Sicher, der ist aber erst in einer Stunde. Ich dachte als Gruppenleiter musst du eh gehen..."
Shaw schnaubte. "Hopkins verlangt so etwas nicht von den Gruppenleitern, dazu kennt er das Internatsleben zu gut."
"Zum Glück!" Brian lachte. Alle waren dankbar, dass die Gruppenlehrer vom Schulleiter häufig auch nach ihren Vorerfahrungen als Internatsschüler ausgesucht wurden.
Beide zuckten zusammen, als es an ihrer Tür klopfte. Ohne auf ein 'Herein' zu warten, steckte Thomas Chisholm seinen Kopf durch die Tür. "Kommt schnell in den Gemeinschaftsraum - es ist im Fernsehen!", keuchte er aufgeregt.
Etwas perplex sahen sich Brian und Shaw an, standen dann aber auf und eilten nach unten. Der Gemeinschaftsraum war schon sehr voll, doch für den Gruppenleiter machten die Schüler etwas Platz. Shaw bedankte sich leise und dann schenkte er dem Fernseher seine Aufmerksamkeit. Seine Augen weiteten sich, als er fest stellte, dass tatsächlich der Mord an Mikolas Vater gefilmt worden war. Vor den Augen aller Schüler brach der Mann zusammen und blieb unnatürlich ruhig liegen, während Sicherheitsleute zu ihm eilten.
Shaw wandte sich bestürzt um, ebenso wie Brian, wie er entdeckte. "Lass uns hier verschwinden". wisperte der Schotte, wozu Shaw nur Nicken konnte.
Als sie ohne Ziel die Wege des Harris entlang schlenderte, beschäftigte Shaw eine Frage. "Willst du nicht Journalist werden? Journalisten berichten doch über so etwas..."
"Das heißt nicht, dass ich es gut finden muss, oder? Ich mag keine Gewalt und will darüber berichten, um sie später einmal zu verhindern oder um aufzudecken, warum solche Verbrechen geduldet werden."
Brian, der ewige Weltverbesserer, bei dem Gedanken musste Shaw grinsen. "Hm, hm", stimmte er leise zu. Brian dachte an das große Gute und Des, mit seinem Plan Lehrer zu werden und vielleicht Schülern wie Mikola auch in Zukunft zu helfen, an das kleine. Sie waren alle beide auf dem Weg, die Welt mit ihren Möglichkeiten zu verbessern. Shaw kam sich unvermittelt schrecklich selbstsüchtig vor.
Er legte seine Stirn in Denkfalten, überlegte, wie er den lauteren Zielen seiner besten Freunde zuarbeiten konnte. Nach während er grübelnd neben Brian herschlenderte, hörten sie die Glocken der Kapelle läuten.
Zusammen liefen sie zu dem etwas abgelegenen Gotteshaus, wo sich außer ihnen anscheinend auch alle anderen Harris-Schüler versammelt hatten, egal ob sie zu Hause oder im College wohnten. Mr Cantfield, der Diakon des Harris, stand schon vorne an der Kanzel und schenkte allen einen mitleidigen, gütigen Blick, so wie er es immer tat. Normalerweise hasste Shaw diesen Gesichtsausdruck, während Des kalt behauptete, dass diese Miene sicher den größten Teil des Studiums von James Cantfield ausgemacht hatte. Wieder einmal fiel Shaw auf, wie seltsam es war, Des nicht an seiner Seite zu haben. Obwohl Brian da war, fehlte ihm sein anderer Freund. Allein schon um der gedrückten Stimmung in der Kapelle seinen sarkastischen Stempel aufzudrücken. Denn ohne Desmond hatten alle beide das Gefühl, als sie nun Platz nahmen, es lege sich ein bleierner Mantel aus Betroffenheit über sie. Sofort als der Diakon seine Hände erhob, verstummten alle Stimmen.
"Liebe Schüler, Lehrer und Gäste. Wir alle haben die entsetzliche Nachricht mit Trauer und Entsetzen vernommen. In diesen Stunden der Trauer sollten wir uns alle auf das Buch Matthias..." Shaw spürte schon, dass der Mann der Kirche ihm nichts sagen konnte, was er hören wollte. Seine Gedanken drifteten zum Wochenende und dazu, wie wohl der Workshop werden würde, nach diesen betrüblichen Ereignissen. Dabei ließ er seinen Blick schweifen, hoffen, dass er nicht einschlafen würde. Wie konnte man nur einen so schleimigen Mann zu einer ehrlichen Gelegenheit reden lassen?
Plötzlich entdeckte er aus den Augenwinkeln Des.
Und Mikola!
Die beiden standen abseits der Menge, dort, wo Mr Cantfield hereingekommen war. Erstaunt keuchte Shaw und stieß Brian mit dem Ellenbogen an.
"Hey", murmelte der, ebenso dröge, wie sich Shaw bis vor ein paar Herzschlägen noch gefühlt hatte.
"Da drüben sind Des und Miko!", flüsterte Shaw dringlich und Brian folgte dem Blick seines Freundes. Auch andere gelangweilte Schüler sahen dorthin, einfach nur um einem Gehirntod zu entkommen, dabei entdeckten sie alle Miko. Dann stießen sie ihren Nachbarn an, der ebenfalls auf die beiden Figuren im Hintergrund starrte, bis schließlich die Augen aller auf Miko gerichtet waren.
Mr Cantfield verstummte, so dass eine angespannte Stille einkehrte. Auch der Diakon bemerkte, dass alle Augen auf Miko gerichtet waren, der allerdings schreckhaft umherblickte.
Diakon Cantfield räusperte sich laut in sein Mikrophon, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich und das Geschehen auf der Kanzel zu lenken, doch umsonst.
Als Mikola merkte, dass die Leute ihn weiter anstarrten, blickte er fragend zu Desmond, der einmal nickte, wozu war nicht so ganz klar, doch Miko verstand. Er ging entschlossen zur Kanzel, wobei ihm Des mit einigem Abstand folgte, und beugte sich zu, Mikrophon.
"Was machst du hier, mein Junge?", erkundigte sich Cantfield mit harschem Ton, so dass Mikola etwas zurückwich.
"Lassen Sie ihn, Cantfield. Geht es hier um seinen Vater oder um Ihren?" Des' Stimme war höflich, aber auch ohne wirklichen Respekt. Der Diakon starrte den blonden Jungen an, der ohne Angst aus hellen grünen Augen den Blick erwiderte.
"Du..."hisste er Des an, verschluckte aber den Rest, als ihm bewusst wurde, wer vor ihm stand. Des' Familie war ein wichtiger Sponsor der Schule, zudem wurde seine eigene Stelle von den Stainthorpe-Pickerings finanziert, die sich gern in der Kirche engagierten, weil es gut fürs Image war. So hatten sie eine Plakette mit ihrem Namen am Eingang der Kapelle, damit war beiden Seiten gedient.
Widerwillig, mit grimmig verzogenem Mund, zog sich der Diakon zurück.
Des hob die Schultern und trollte sich zurück in seine Ecke.
Erwartungsvoll starrten sie Schüler nun Mikola an, der winzig hinter dem Mikrophon wirkte. "Hallo", begann er leise. "Danke, dass ihr alle am Tod meines Vaters Anteil nehmt, auch wenn ihr nicht wisst, wie es in meinem Land ist. Mein Vater sagte schon bevor er gewählt wurde, dass es ein gefährlicher Posten sein würde. Jeder Politiker, der sich nicht mit dem organisierten Verbrechen einlässt, es sogar bekämpft, schwebt sein Leben lang in Gefahr." Miko hielt inne. Sein Akzent war stärker als sonst, seine Zunge schien mit den Silben zu kämpfen, dennoch waren seine Worte bei den Schülern angekommen, denn aufmerksame Stille hatte die wortlose Langeweile abgelöst. "Ich habe nie verstanden, was er damit gemeint hat, bis gestern." Dann stockte er und sammelte sich einen Moment. "Wenn so etwas nicht wieder geschehen soll, dann muss sich etwas ändern bei uns. Dafür werde ich weiter kämpfen."
Damit beendete er seine Rede und verließ die Kanzel. Er hatte etwas an Selbstbewusstsein gewonnen mit seinen Worten und von einigen Schülern gab es Beifall, doch die meisten redeten durcheinander.
Shaw und Brian sahen sich an. Mit dieser Ausführung hatten sie nun absolut nicht gerechnet. Der Diakon versuchte noch etwas Ordnung unter die Schüler zu bekommen, aber die strömten schon wieder zum Ausgang. Auch wenn Shaw durch die Menge mitgerissen wurde, konnte er noch erkennen, wie Mr. Hicks Mikola aufmunternd und anerkennend die Hand auf eine Schultern legte. Also hatte der Schulleiter absichtlich nicht eingegriffen, als Des dem Diakon Paroli geboten hatte?
Desmond selbst konnte er nicht bei Hicks und Miko sehen, vor allem, weil er immer weiter geschoben wurde. Draußen atmeten er und Brian erst einmal tief ein.
"Wow, hast du Des gesehen?", wunderte sich Brian, obwohl er es ja genau wusste.
"Jepp! Hätte nicht gedacht, dass Hicks das durchgehen lässt." Shaw grinste. Nun würde Des sicher noch mehr zu einem Idol der Schule werden.
"Und Miko... Man, wer hätte ihm zugetraut, dass er so reden könnte?" Brian zog die Augenbrauen lobend hoch.
Shaw lachte kurz. Auch er war an den schüchternen Mikola gewöhnt, der sich meist hinter Computern versteckte. "Meinst du, er gibt die Computer jetzt auf?"
Brian hob die Schultern. "So wie er klang, ja. Mal sehen, was er denkt, wenn er erst einmal ein wenig Abstand von dem ganzen Ereignis hat."
"Mit Des hat er zumindest einen achtungsgebietenden Gleichgesinnten."
"Wir alle, Shaw", erinnerte ihn Brian.
"Hmmmm..." Shaw war nicht begeistert davon. Desmond war seine Entdeckung. Er hatte den sommersprossogen Jungen aus seinem stachligen Panzer gezogen, nicht einer der anderen Jungs. Er hatte mit Des nachts die Küche ausgeräubert oder dem fiesesten Schläger Abführmittel in den Kakao gemischt.
"Doch eifersüchtig...", stellte Brian sanft fest, ohne Spott und Häme. Shaw schenkte dem Schotten einen wütenden Blick und grollte: "Du verstehst gar nichts." Ohne sich noch einmal unzudrehen, stapfte er davon.
/Blöder Brian! Was weiß der schon?
Und wenn Des nun nicht mehr sein alleiniger Freund war, was machte das schon? Shaw hatte ja auch noch andere Freunde, die seine Leidenschaft zum Theater teilten und weniger stur waren. Und Freundinnen!
Quinn zum Beispiel. Sie war süß, anziehend und dazu auch noch an ihm interessiert. Da konnte er doch Des einfach den anderen überlassen, oder nicht? Nach diesem Jahr würden sich ihre Wege sowieso trennen, und in den letzten Wochen hatte er ja schon bemerkt, dass er in eine andere Richtung driftete als seine Freunde. Vielleicht war das einfach der Lauf des Lebens? Man gewann Freunde, baute etwas Kostbares auf und dann zerbröselte es einfach, weil man sich anderen Dingen zugewandt hatte. Shaw knirschte mit den Zähnen.
Nein! So wollte er das nicht haben!
Er spürte, wie angespannt er war - so konnte er nicht Cello spielen. Er brauchte erst einmal eine Gedankenpause, bevor er Orchesterprobe hatte. Des' Katzen fielen ihm wieder ein. Also machte er sich auf dem Weg, die kleinen Pelzknäuel zu besuchen.
Im Grunde erstaunte es ihn wenig, dass er Des dort auch vorfand. Sein Freund schenkte ihm nur einen kurzen Blick, der wohl 'ach so, nur Shaw' bedeutete.
Schweigend kraulte Shaw die roten Kätzchen, die wild nach Blättern und Schatten jagten. Nach einer Weile räusperte er sich. "War ganz schön frech, was du da heute mit Cantfield gemacht hast."
Des machte eine unbestimmte Geste. "Er ging mir auf die Nerven."
"Uns allen. Du weißt sicherlich, dass du damit der Held der gesamten Schule bist." Shaw versuchte ein Lächeln, was kläglich misslang.
Des winkte ab. "Darauf kann ich verzichten."
Shaw fiel mit Schrecken etwas ein. "Glaubst du, dass Cantfield deinen Eltern von deiner Aktion berichtet?" Die hatte Shaw ganz vergessen. Die Stainthorpe-Pickerings würden sicher nicht begeistert sein, wenn ihr Image angekratzt wurde. Solange Des nur stur und brillant war, machte es nichts, aber wenn ihr Sohn gegen ihre eigenen Absichten arbeitete, dann konnte das schon ernster werden.
Desmond seufzte elend. "Ich hoffe nicht."
Shaw erinnerte sich daran, dass einmal die Plakette der Harris Bibliothek geklaut worden war. Die, auf der stand, dass James Jasper Stainthorpe-Pickering, Lord Marchlain, Herr über die Marchlain Ländereien, diese Bibliothek zum Wohl der Schüler und des gesamten Königreiches errichten ließ. Obwohl sie es nicht gewesen waren, hatte man Des, Shaw und Brian verdächtigt.
Fünf Anwälte der Familie hatten jeden von ihnen stundenlang verhört und ihnen strafrechtliche Konsequenzen angedroht. Des aber hatten sie am längsten gequält, so dass er hinterher zwei Tage lang kaum sprach. Er hatte nie gesagt, womit sie ihn erpresst hatten, aber es hatte Des stumm gemacht.
Zum Glück tauchte das Schild wieder auf - es war von einem Schildsammler gestohlen worden - aber eine Entschuldigung hatte die Familie keinem von ihnen angeboten.
Um seinen Freund ein wenig aufzubauen, legte Shaw ihm die Hand auf die Schulter und Des sah auf, ihm direkt in die Augen. Sofort hüpfte Shaws Herz in seinen Hals, während sich der Augenblick streckte, als ob er nach der Ewigkeit griff.
Unwillkürlich, ohne dass er sich erklären konnte, wie es gekommen war, fand er seine Lippen auf Des' wieder, seine Finger in die Schulterpolster seines besten Freundes gekrallt, küssend, als ginge es um Leben oder Tod. Gierig, grenzenlos fordernd und ohne den geringsten Zweifel.
Sie drängten sich aneinander, jeder wollte den anderen an die Wand des Waschhauses pressen, fast, als tanzten sie miteinander.
Die Schulglocke ernüchterte Shaw wie ein Eimer kaltes Wasser. Er zuckte zurück. Angreifbar blinzelte er, während er versuchte, sein Herz und seine Atmung wieder zu beruhigen. Auch musste er seine Hände dazu bringen, die Schultern seines Freundes wieder loszulassen.
Ebenso überrascht betrachtete Des ihn, als ob er eine neuen faszinierende Klon von Shaw gefunden hätte.
Schließlich fand Shaw eine Imitation seiner Stimme. "I-ich muss zur Orchesterprobe...!" Er lief ein paar Schritte, dann drehte er sich noch einmal um "Entschuldige, ich weiß auch nicht, was da eben passiert ist. Vergessen wir's, okay?"
Des' Antwort wartete er allerdings nicht mehr ab, sondern flüchtete zum Hauptgebäude, während der Geschmack seines besten Freundes langsam von seiner Zunge verschwand.
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