Teil 15: Solche und andere Freunde
Mit einem steifen Hals erwachte Shaw, zuerst nicht sicher, wo er war. Ins künstliche Licht blinzelnd sah er sich um, Erinnerungen strömten zusammen mit den Eindrücken in sein erwachendes Gehirn.
Er saß in einem kleinen Privatflugzeug, auf dem Weg nach Prestwick. Die Sitze waren unbequem, aber es war das einzige, was Desmond auf die Schnelle hatte besorgen können.
"Des?", fragte er müde, bevor er sich aufsetzte.
Sein Freund saß ihm gegenüber und starrte aus dem reflektierenden Fester. "Was?", fragte er. Auf Shaw wirkte er müde und abgekämpft. Immerhin hatte Des innerhalb einer Stunde den Flieger organisiert, während er selbst mit Hilfe der Lehrer versuchte Mr. Hicks die Lage zu erklären. Zum Glück war der Schulleiter sehr viel verständnisvoller als Shaw es erwartet hatte. Dessen Hauptsorge galt Shaws Aufführung.
"Die Aufführung ist in fünf Wochen, haben Sie da Zeit für eine Reise wie diese?"
Natürlich hatte Hicks damit Recht, wie Shaw deutlich an seinem plötzlich trockenen Mund merkte. Unerwartet fiel ihm Quinn ein. "Ich hoffe, dass wir nicht länger als zwei Tage brauchen werden, Mr. Hicks. Aber falls ich länger weg sein werde, habe ich eine Vertretung von der St-Anthony Schule."
Mit einem kleinen Seufzer nickte Richard Hicks bedächtig. "Sie wissen, dass ich Sie und Mr. Stainthorpe-Pickering nur aufgrund Ihrer guten Leistungen und Ihres vorbildlichen Engagements für einen Freund fahren lassen kann."
Shaw nickte. Erleichtert, dass sie Brian holen durften, angespannt, weil er und Des nun Hicks gegenüber eine Schuld hatten.
"Ich erwarte, dass Sie den verpassten Lehrstoff schnellstens nachholen," bestätigte der Schulleiter dieses gleich darauf.
"Verstanden, Sir."
Raymond Hopkins legte seinem Schüler einen unterstützenden Arm auf die Schulter. "Keine Sorge, wir werden schon dafür sorgen, dass die Drei nicht geschont werden, wenn sie erst einmal zurück sind. Für mich geht es schließlich auch um den Ruderwettbewerb."
Die Last auf Shaws Schultern wurde noch um einiges schwerer. Betreten wünschte er sich einfach in sein Bett, Brian gleich in dem daneben und dabei ihm komische Formulierungen aus der Redaktion zu zitieren. Allerdings erfüllte sich seine Hoffnung nicht, denn als sie Des wiedertrafen hatte der bereits ein kleines Flugzeug organisiert, wie allerdings, das erklärte er nicht. Shaw vermutete, dass sein Freund Verbindungen hatte spielen lassen, die in Zusammenhang mit seiner Familie standen. Des tat so etwas nicht gerade gern. Sicherlich war es besser, wenn Shaw gar nicht erst nach dem 'Wie' fragte.
Er bemerkte, dass er seinen Freund anstarrte. "Wie lange brauchen wir noch?"
"Ungefähr eine halbe Stunde. Du hast nur kurz geschlafen." Des wandte seine Augen nicht von dem blinden Fenster ab.
"Meinst du, dass wir Bri schnell finden?"
Des seufzte leise. "Die Frage ist eher, ob wir ihn schnell davon überzeugen können, wieder ins Harris zu kommen."
Da gab es nichts hinzuzufügen, wie Shaw bemerkte. Er lehnte sich wieder zurück und starrte seinerseits aus dem spiegelnden Fenster. Alles was er erkennen konnte, war eine verschwommene, vielfältige Version seiner selbst. Wie passend. Er fragte sich, was Des wahrnahm.
Nachdem Spiegel-Shaw nichts tat, als zurückzustarren, wurde er langweilig. Shaw wandte sich wieder an Des. "Kann ich dich was fragen?"
"Tust du doch schon."
Anscheinend war sein Freund nicht in Redelaune. Shaw seufzte. Wenn Des wollte, dann konnte man er verschlossen wie ein Banksafe sein. Und kalt wie ein Eisfach. Normalerweise ignorierte Shaw diese Eigenschaften und plapperte einfach drauf los, aber dieses Mal fühlte er sich eingeschüchtert. "Wenn wir Brian dazu bringen, wieder ins Harris zu kommen, wird dann alles wieder wie früher?"
"Nein."
Genau die Antwort, die Shaw nicht hören wollte. "Warum denn nicht?" Sogar in seinen eigenen Ohren klang er nach verletztem Kind.
Endlich richtete Des seinen Blick auf ihn. Lange Sekunden waren die grünen Augen hinter den Gläsern auf Shaw gerichtet, prüfend und frostig. "Weil wir nicht mehr die sind, die wir vorher waren." Er setzte sich anders hin, wandte sich ganz Shaw zu, eine Spur wärmer als zuvor. "Solange du handelst, ohne an die Gefühle anderer zu denken, kannst du nicht von mir erwarten, dich wie früher zu behandeln."
"Ich denke doch an die Gefühle anderer!" protestierte Shaw empört, doch das Zusammenziehen seines Magens strafte seine Widerrede Lügen. "Ich versuche es zumindest...", brummelte er schließlich kleinlaut.
"Dafür kann ich aber keinerlei Anzeichen entdecken."
"Bist du deswegen sauer auf mich?" Shaw wurde immer zaghafter.
"Sauer bin ich nicht", erklärte Des langsam. "Ich versuche nur, die Gefahr, durch dich und dein Handeln verletzt zu werden, auf ein Minimum zu reduzieren."
Shaw wich unwillkürlich in seinen Sessel zurück. In seinem Kopf versuchte er diese Anklage und ihre Konsequenzen zu verstehen. Was hatte er getan, dass sein bester Freund eine solche Meinung von ihm bekommen hatte? Der schadenfrohe Teil seiner Selbstverachtung spielte ihm Szenen vor, die dazu geführt haben könnten. Auch früher hatten sie doch jede Menge Blödsinn gemacht, ohne die Gefühle anderer auch nur im Geringsten in Betracht zu ziehen, warum hatte Desmond nicht damals schon den eiskalten Rückzieher gemacht?
"Im Grunde geht es nur um deine Gefühle, oder? Du bist irgendwie gekränkt und zeigst mir dafür die kalte Schulter. Um die Gefühle anderer scherst du dich doch gar nicht."
Interessant war die Anzahl unterschiedlicher Gefühle. welche hintereinander einen Auftritt und Abgang in Des' Gesicht hatten. Fassungslosigkeit abgelöst von Ärger, dann Zweifel und Verachtung, bis schließlich ein bitteres Lächeln alles andere vertrieb. "So ist es wohl. Die Gefühle anderer kümmern mich nicht, daher sind mir deine Angriffe auch egal." Damit beendete er das Gespräch und starrte wieder aus dem Fenster, bis die Ansage kam, dass sie nun Landen würden.
Auch wenn Shaw die Übelkeit hasste, die ihm das Starten und Landen verursachte, war er doch dankbar dafür, dass sein untätiges Sitzen gegenüber Des endete.
Da sie kein planmäßiger Flug waren, landeten sie auf einer abgelegenen Bahn, von der sie mit einem Lotsenwagen abgeholt wurden. Auch wenn Shaw betrübt und unglücklich war, fand er es doch aufregend, so etwas zu erleben. Sie wurden von einem Sicherheitsteam in Empfang genommen, die sie noch einmal auf eventuell geschmuggelte Waffen und Sprengstoffe untersuchten. Dass er für einen potentiellen Terroristen gehalten wurde, amüsierte Shaw. Natürlich hatten sie keinerlei gefährliche Gegenstände dabei, vielleicht abgesehen von Des' rasiermesserscharfen Blicken. Nach dieser exklusiven Behandlung war es ein Schock, wieder zu den 'normalen' Reisenden zu gehören, die durch den Zone geschleust und in die Ankunftshalle entlassen wurden.
Auf die Frage: "Haben Sie etwas zu verzollen?", fiel Shaw nur: "Wir haben nicht einmal frische Unterwäsche mit..." ein. Das stimmte. Sie waren auf einen schnellen Erfolg ihrer Mission ausgerichtet, ein längerer Aufenthalt würde definitiv zu einem Problem werden. Desmond grinste flüchtig, aber sogar das reichte aus, um bei Shaw ein dankbares Flattern in der Brust auszulösen. Noch war nicht alles verloren! Mit einem halbem Grinsen ließ der Zollbeamte sie ziehen.
Ohne Probleme fanden sie ein Taxi vor dem Flughafen, dessen Fahrer glücklicherweise kein Problem damit hatte, sie nach Ayr und zu Brians Adresse zu fahren. Erst während der Fahrt warf Shaw einen besorgten Blick in seine Geldbörse. Ein freundlicher Zwanzigpfundschein und etwas Kleingeld war alles, was er an Vermögen besaß. Im Harris brauchte man praktisch kein Geld, es sei denn für Ausflüge nach Nottingham oder ab und an eine Kaffeespezialität in der Cafeteria. Zu seiner Beruhigung funkelte in einem Seitenfach die Not-Kreditkarte, die sein Vater ihm für alle Fälle gegeben hatte. Des schien seinen Kassensturz bemerkt zu haben. "Keine Sorge, ich habe auch noch ein paar Karten und ein wenig Bares. Wir werden zumindest irgendwo etwas zu Essen und eine Unterkunft finden. Unausgesprochen blieb dabei, dass sie Brian dann nicht gefunden haben dürften. Shaw seufzte. Warum war Brian nur so schnell abgehauen, ohne wenigstens Des Bescheid zu geben? Immerhin hatte er ja gesagt, dass er sich ihnen beiden gegenüber wie immer verhalten würde. Beinhaltete das nicht auch ein gewisses Maß an Vertrauen? Shaw nahm sich vor, seinen Freund dazu zu befragen.
Das Taxi fuhr zuerst durch unbekannte Dunkelheit, auf einer Autobahn, dann durch ebenso fremde Straßen, vorbei an Lichtern, die ihnen kein Willkommen bedeuteten. Schließlich verlangsamte sich das Tempo, bis sie an den Bordstein fuhren. "Da sind wir", sagte der Fahrer mit seinem rollenden, schottischen Akzent. "Das macht 25 Pfund."
Das kam Shaw ziemlich viel vor, aber dennoch zahlten sie ohne Diskussion, bevor sie aus dem Taxi stiegen und das Haus zum ersten Mal genauer betrachten konnten. Zu ihrem Erstaunen und Verdruss waren die Fenster dunkel. Shaw presste seine Lippen enttäuscht zusammen, doch Des schien nicht den Mut zu verlieren. Nach einem kurzen Zögern ging er zu der Tür des kleinen, nicht sonderlich ansehnlichen Hauses und klingelte. Obwohl Shaw ziemlich sicher war, dass keiner öffnen würde, gesellte er sich zu Des und gemeinsam warteten sie. Erstaunlicherweise hörten sie nach einiger Zeit Schritte, bevor die Tür aufgerissen wurde.
Ihr Gegenüber war aber keinesfalls Brian, sondern eine verschlafen aussehende Frau mit einem kompakten, hübschen Gesicht. Shaw blickte sie verblüfft an, während Des anscheinend nichts von seinem Auftrag abbringen konnte. "Entschuldigen Sie die späte Störung", begann er, "aber wir suchen Brian McTierney."
Die Augen der Frau wanderten einen kurzen Augenblick über sie beide, nahmen die uniforme Kleidung wahr. Sie lächelte wissend. "Schulfreunde, wie?"
"Ich denke, das trifft es," bestätigte Shaw, der seine Sprache fix wiedergefunden hatte. "Das hier ist Desmond Stainthorpe-Pickering und ich bin Shaw Perryman."
Sie lachte, was Shaw überraschte. "Wer auch sonst. Ich kenne Sie schon aus Bris Geschichten. Kommen Sie herein, Gentlemen." Sie trat zur Seite, so dass Shaw und Des eintreten konnten. Während sie ihr folgten, sprach sie einfach weiter. "Ich bin Georgina McTierney."
"Brians Lieblingstante," murmelte Shaw.
"Das will ich doch schwer hoffen." Mit einem spitzbübischen Grinsen zeigte sie auf Stühle in der Küche, wo sich Shaw und Desmond setzten. "Tee?", fragte sie. Schneller als sie "Nein, danke" sagen konnten, hatte sie ihnen schon Tassen mit dampfendem Tee und einige Kekse vorgesetzt. Als Shaw pflichtbewusst einen kleinen Schluck nahm merkte er, dass es genau das Richtige war, um die Reisemüdigkeit abzustreifen. Georgina hatte natürlich mehr als eine Ahnung, weshalb sie nach zehn Uhr am späten Abend bei ihrem Schulfreund auftauchten. Während Des und er die Münder mit köstlichem Gebäck und belebendem Getränk gefüllt hatten, nahm sie die Antworten auf ihre Fragen vorweg. "Bri ist leider nicht hier. Er ist zu seinem Vater ins Gefängnis gefahren. Danach wollte er zu seiner Mutter."
"Sein Vater ist im Gefängnis?!" platzte Shaw heraus, "ich dachte, er wäre auf Kaution draußen!" Er tauschte einen Blick mit Des, der seltsam neutral aussah, als ob er keine Gefühle zeigen wollte. Des hatte das Geld für die Kaution besorgt, was mochte ihm bei dieser Eröffnung wohl durch den Kopf schießen?
"War er auch. Was genau passiert ist, wollte mir Nigel nicht sagen, aber seine Freilassung auf Kaution wurde widerrufen und er muss nun im Gefängnis seine Verhandlung abwarten."
"Deswegen ist Brian also nach Hause gefahren," sagte Shaw, obwohl es offensichtlich war. Er wollte es nur noch einmal für sich selbst feststellen.
"Das war allerdings schon vor drei Tagen. Nigel wollte nicht, dass Bri es erfährt und dann nach Ayr kommt."
"Wie konnte er dann davon erfahren?"
Des schien auch eine Weile darüber nachzudenken, bevor er Shaw einen beredten Blick schenkte. "Ich glaube, wenn Brian uns sagen könnte, wer genau ihn angerufen hat..."
"Es war ein anonymer Anruf," unterbrach Georgina McTierney ihn, "das hat er mir noch erzählt."
Shaw hob fragend seine Augenbrauen. Er hatte nicht das Gefühl, dass diese Information irgendwie relevant sein könnte. Des sah das wohl anders.
Er richtete sich gerade auf und blickte ihre Gastgeberin fest an. "Wäre es möglich, dass wir hier auf Brian warten?" fragte Des in höflichem Ton.
Georgina McTierney lächelte. "Aber sicher doch. Solange Nigel sich nicht um das Haus kümmern kann, übernehme ich das. Ich versuche, Brians Mutter zu erreichen. Es ist schon spät, am Besten, ihr übernachtet hier."
"Vielen Dank." Des schenkte ihr ein respektvolles Lächeln und auch Shaw nickte dankbar.
Sie erhoben sich zusammen und Georgina McTierney zeigte ihnen ein kleines Zimmer, in dem ein Bett und ein Schlafsofa standen. Es roch unbenutzt, nach Staub.
"Ich schaue mal, ob ich noch was finde, was ihr beide zum Schlafen anziehen könnt," sagte sie fröhlich und ging fröhlich. Sobald sie verschwunden war, sanken Shaw und Des gemeinsam auf das Sofa.
"Scheiße," murmelte Desmond. "Ich hätte nicht gedacht, dass es soweit kommen würde."
Shaw horchte auf. "Was meinst du?"
"Wenn du mal das Harris Weekly Magazin lesen und weniger um irgendwelche Theaterstücke kümmern würdest, dann wüsstest du, dass es ein paar Probleme mit der Informationssicherheit gegeben hat."
"Inwiefern?" Shaw hatte tatsächlich nichts davon mitbekommen.
"Es hieß, dass in das Archiv eingebrochen wurde. Es gab allerdings keine Anzeichen, dass irgendetwas geklaut wurde. Sicher sind sich die Schreiber nicht, denn Hicks hat sich nicht dazu geäußert. Er hat aber eine Untersuchung eingleitet."
Shaw lehnte sich zurück und betrachtete die Decke. "Du meinst also, dass wer auch immer ins Archiv eingebrochen ist und dann Brians Akte gelesen hat..."
"In der natürlich ein Vermerk über seinen Vater steht. Ja, genau das meine ich." Des nahm seine Brille ab und massierte den Nasenrücken. "Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, aber ich nehme an, es waren Clive Sprouls Archers."
"Wieso?"
"Wann ist euer Ruderwettbewerb?"
"Am Montagnachmittag..." Shaw sprang auf. "Ach du Scheiße! Meinst du, dass jemand versucht, unser Boot zu sabotieren?"
Doch was Desmond genau meinte wurde durch das Hereinkommen von Brians Tante unterbrochen. Sie gab ihnen ein paar frisch gewaschene, aber wohl schon länger abgelegte Pyjamas. Des ignorierte diese erst einmal. "Was ist mit Brian?", erkundigte er sich sogleich, dabei setzte er seine Brille wieder auf.
"Ich habe Karen noch nicht erreicht. Vielleicht sind sie Essen gegangen?"
Des schien davon aber nicht überzeugt, er schenkte Shaw einen beunruhigten Blick, der eher auf Schwierigkeiten schließen ließ. Was Desmond damit genau meinen könnte, das war Shaw noch nicht ganz klar. In seinem Kopf drehte sich noch der Gedanke, dass irgendein Arschloch ihren Antritt beim Bootsrennen vereiteln wollte. Warum hatten sie nicht einfach ein paar Löcher in die Maddoxboote gemacht? Das hätte zumindest bei Brian für weniger emotionalen Stress gesorgt.
"Ihr macht euch Sorgen um ihn, wie?"
"Klar machen wir uns Sorgen", murmelte Shaw, "Was wären wir sonst für Freunde?"
"Ich bin froh, dass er euch hat. Hier geht alles irgendwie den Bach runter und da braucht er ein paar Menschen, die ihn nicht im Stich lassen." Shaw fühlte sofort einen scharfen Stich seines Gewissens bei diesen Worten von Georgina McTierney. Er räusperte sich ungeschickt und musterte den abgelatschten Teppich unter seinen Füssen. Brian hatte sicher auf seine Unterstützung und Freundschaft gezählt, die er einfach so gegen sein Theaterstück eingetaucht hatte. Überraschend nahm er aus den Augenwinkeln Des' Hand wahr, in der ein Dinner Mint lag. Das war mehr als ein bloßes Bonbon, die simple aber bedeutungsvolle Geste brachte ein flüchtiges Lächeln auf Shaws Lippen. Die harmonische Stimmung wurde vom Schrillen des Telephons unterbrochen. Gedämpft vernahmen sie das kurze Gespräch, wobei die Stimme von Ms McTierney fassungslos und erbost klang. Desmond und Shaw erhoben sich und gingen zurück in die Küche, wo sie Brians Tante fanden. Als sie aufgelegt hatte, schauten alle Beide fragend.
"Das war Brians Mum. Er ist nicht mit zum Essen gegangen, nun wollte sie wissen, ob er morgen wieder zurück zum Harris fährt oder nicht," sagte Ms McTierney mit angestrengter Beherrschung.
"Aber Brian ist doch noch gar nicht hier..." bemerkte Shaw etwas lahm.
"Das ist es eben - wo ist er dann?!" Sie klang müde und traurig.
"Haben Sie eine Ahnung, wo er hingegangen sein könnte?" Wie so häufig erschien Desmond unnatürlich ruhig. Shaw konnte nicht verstehen, wie sein Freund das immer wieder schaffte.
"Leider nein. Seit er am Harris ist, hat er hier ja keine richtigen Freunde mehr. Seine Schulfreunde sind fast alle woanders hingezogen und machen Ausbildungen. Durch sein Stipendium war er der einzige, der auf eine der elitären Schulen gehen konnten. In dieser Gegend hat keiner viel Geld."
"Gibt es denn keinen Ort, an den er gern geht. Oder einen Pub?"
Ms McTierney hob die Schultern. "Ich wüsste keinen."
Verzweifelt ballte Shaw seine Fäuste. "Irgendwo sollten wir ihn doch finden können, oder?!" Nach einer Zeit sträflicher Vernachlässigung seines Freundes war er doppelt entschlossen, nun aber alles richtig zu machen.
"Beruhig' dich," sagte Des beschwichtigend, "Panik hilft uns im Moment nicht weiter. Wir sollten die Polizei verständigen."
Ms McTierney stimmte zu und wählte die Nummer der Polizei. Zuerst gab sie an, dass sie wegen eines vermissten Verwandten anrufe, woraufhin sie in die Warteschleife überstellt wurde. Shaw seufzte und lehnte sich gegen die Küchenwand. Etwas wehmütig dachte er an die Proben seiner Theatergruppe und fragte sich halbherzig, wie es wohl gelaufen sein mochte. Am besten wäre es wohl auch noch, wenn er am Sonntag mit Quinn redete. Sie konnte die nächste Probe leiten, dann würden wenigstens alle noch einmal die Chance haben, ihre Rollen auszuprobieren, auch wenn er nicht da war. Dazu kam noch der Ruderwettbewerb, an dem ja auch Brian teilnehmen sollte. Hoffentlich tauchte sein Freund wieder auf, denn ohne Brian würde es ein trübes Jahr werden. Und außerdem - er konnte doch nicht so einfach seine Chancen auf einen Harrisabschluss in den Wind blasen.
"Blödmann," murmelte Shaw leise. Konnte dieser blöde Kerl nicht wenigstens einfach auftauchen, so dass sie wussten, dass es Brian gut ging?
Als Ms McTierney begann mit einem Polizisten am anderen Ende der Leitung zu debattieren, blickte Shaw auf. "Was soll das heißen, es ist noch zu früh? Wie lange muss man denn verschwunden sein, bevor man gesucht wird?" fragte sie erbost. Shaw seufzte. Typisch.
Er blickte zu Des, der mit vor der Brust gefalteten Armen aus dem dunklen Fenster schaute. Auch wenn er ruhig wirkte, Shaw erkannte doch die angespannte Muskulatur des Rückens und wie straff die Haut zum Kinn hin gespannt war.
"Nein, er ist nicht psychisch krank, aber er ist bestimmt emotional verwirrt," diskutierte Ms McTierney am Telefon weiter. Erfolglos legte sie kurz danach auf und wandte sich an die beiden Wartenden. "Nach 48 Stunden nehmen sie eine Suchanzeige auf, solange er nicht geistig verwirrt ist. Ansonsten können wir nur warten," fasste sie kurz zusammen. Sie hob hilflos die Schultern. "Vielleicht solltet ihr versuchen ein wenig zu schlafen."
Zusammen schüttelten Shaw und Desmond ihre Köpfe.
Mit einem Seufzer sagte Ms McTierney dann: "Gut, dann koche ich noch einen Tee."
Stunden vergangen in denen sie schweigend ihren Tee tranken, auf den Schlüssel im Schloss oder andere Heimkehrgeräusche achtend. Trotz des Teeins verspürte Shaw eine immer größere Müdigkeit, erschöpft von der Reise und dem vorherigen Tag hatte er noch keine Ruhe gehabt, seit er morgens aufgestanden war. Von wegen Wochenende.
Schließlich nickte Shaw ein, den Kopf auf seine Hand gestützt dämmerte er einfach weg. Sogar einen Traum hatte er, in dem er zurück am Harris war und vergebens versuchte, die Tür zum Klo zu öffnen. Geweckt wurde er durch eine Aufschrei von Ms McTierney, bevor er die Geräusche der Haustür vernahm. Sofort war auf den Beinen und lief zum Eingang. Es war tatsächlich Brian, der erst einmal von seiner Tante in die Arme geschlossen wurde. "Wie konntest du mich nur so erschrecken?" schalt sie ihn leise.
"Tut mir leid, Georgie," murmelte Brian in ihre Schulter. Erst da bemerkte er Shaw, den er mit größtem Erstaunen ansah. "Was machst du denn hier?"
Shaw ging auf Brian zu, umarmte ihn kurz einarmig, setzte an, die ganze Sache, doch Brians Gesichtsausdruck ließ ihn einhalten. Brian fixierte jemanden hinter Shaw, Erschütterung und Hunger in der schutzlosen Mimik. "Des!" flüsterte er erstickt, ließ Tante und Shaw stehen und glitt hinüber. Mit einem heiseren Geräusch presste er Des an sich., vergrub sich für einen langen Moment an dessen Schulter. Des murmelte etwas beruhigendes, was Shaw nicht verstehen konnte, löste Brian sanft aus seinen Armen und küsste ihn sanft auf die Stirn.
Bestürzt beobachtete Shaw seine Freunde. Was zum Teufel ging eigentlich vor?