Leben und Lieben am Harris College Teil 1 - Miki
Kapitel 1: Trimesterbeginn
»Na, das war ja ein krönender Abschluss für den ersten Schultag. Den Rest der Woche meld' ich mich krank...« Robert warf sein Trikot auf die Bank im Umkleideraum und sank schwer atmend in die Hocke. Er hatte das Gefühl, sich keinen Millimeter mehr bewegen zu können, ohne dass irgendein Teil seines Körpers abfallen würde.
Tommy verließ die Turnhalle nur in geringfügig besserem Zustand. Verschwitzt und rot im Gesicht warf er seinem Freund ein Handtuch über die Schultern, bevor er mit der Anmut eines Achtzigjährigen auf der harten Holzbank Platz nahm. Ein Blick zu seinen Mitschülern brachte ihm zu dem Ergebnis, dass die anderen mindestens genauso fertig waren wie er.
»Ich kann nicht glauben, wie jemand freiwillig in den Fechtclub beitreten will.« Antonio, dem sein schwarzes Haar nass an der Stirn klebte, ließ sich neben Tommy fallen und streckte alle Glieder von sich. »Diese zwei schrecklichen Stunden haben mir gereicht für mein ganzes Leben.«
Von allen Seiten erklang zustimmendes Stöhnen.
»Aber bei gutem Wetter hätten wir vielleicht Rugby gespielt«, gab Robert zu Bedenken. Mit Hilfe der Bank schaffte er es, auf die zitternden Beine zu kommen. »Stevens schien ziemlich sauer über den Nebel und-«
»Quatsch, der ist doch immer schlecht drauf«, fiel Tommy ihm ins Wort. Seine Stimme klang gedämpft unter dem Handtuch, das er sich übers Gesicht gelegt hatte. Dann seufzte er theatralisch. »Leute, lasst mich einfach hier liegen, bis ich sterbe, okay? Ich spüre jeden Knochen einzeln...«
Robert lachte und gab seinem Freund einen Klaps mit dem Handtuch, aber Tommy machte keine Anstalten, sich zu wehren. »Ich bin tot und spüre nichts«, murmelte er und sank noch ein Stück tiefer.
Antonio klopfte Tommy aufmunternd auf die Schulter und verschwand in Richtung Dusche. Robert hingegen rieb sich nur oberflächlich den Schweiß vom Körper, bevor er begann, sich anzukleiden.
»Du wirst elendig stinken«, kam es dumpf von Tommy. Er musste das Handtuch nicht vom Gesicht nehmen, um zu wissen, dass sein Freund wie jeden Montag den Kontakt mit Harris'schen Wasser scheute.
»Dann sei doch froh, dass du als Toter nichts mehr riechst«, erwiderte Robert grinsend und zog ihm das Handtuch vom Gesicht. Tommys braune Augen blickten direkt in seine. »Außerdem stinke ich in einer Stunde gleich wieder nach Stall, also wäre duschen ziemlich sinnlos.«
»Ach ja, Scheiße! Man erwartet mich ja da.« Tommy erhob sich ächzend und fuhr sich durchs verstrubbelte Haar. »Das hätte ich fast vergessen. Fuck!« Er durchwühlte seine Sporttasche und förderte nach kurzer Suche Dusch- und Haargel zutage. Das Thema ›stinkender Zimmernachbar‹ schien vorerst abgehakt.
»Wo warst du gestern eigentlich, wenn nicht zu Hause?« Robert versuchte, gleichgültig zu klingen, obwohl ihm diese Frage seit dem Morgen unter den Nägeln brannte.
»Bei Jona.« Tommy grinste in sich hinein, den Kopf über die Tasche gebeugt, aber es entging Robert trotzdem nicht.
»Ach, das ist dir also ›dazwischengekommen‹, ja? Du lässt deinen besten Freund für ein Schäferstündchen sitzen?«
»Leck mich, Robby«, trällerte Tommy und verschwand ebenfalls unter die Dusche.
Robert zog sich grinsend an. Tommys Freundin Jona hatte die letzten drei Wochen auf einer Bildungsreise in Paris verbracht, was Tommy drei- bis viermal die Woche dazu veranlasst hatte, sich telephonisch bei seinem Freund auszuheulen. Anscheinend hatte die Freude über ihr Wiedersehen nun ebenso viele Stunden in Anspruch genommen.
Robert mochte Jona eigentlich ganz gerne, auch wenn er sie nicht besonders gut kannte. Seit die auszubildende Krankenschwester Tommy nach seiner Fischvergiftung im Dezember versorgt hatte, hatten sich die beiden mehrmals die Woche gesehen, und Jona war an vielen Abenden Gesprächsthema Nummer Eins in Zimmer Sieben geworden. Offiziell waren sie zwar ›nur gute Freunde‹, aber eigentlich nahm ihnen das inzwischen niemand mehr ab. Tommys Leidensmiene in den vergangenen drei Wochen hatte auch die letzten Zweifel beseitigt.
»Hey, Robby, schläfst du im Stand?« Antonio hielt ihm sein feuchtes Handtuch an den Nacken und holte ihn unsanft in die Gegenwart zurück.
Der Geruch von herbem Duschbad erfüllte inzwischen den gesamten Umkleideraum. Robert atmete ihn tief ein und knöpfte seine Weste zu, während sein Blick auf die Bank fiel. Dales Sachen lagen noch immer unberührt neben seinen, und auch Chris war noch nicht aus der Sporthalle gekommen. »Wo sind denn die anderen?«
Antonio zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, sie lassen sich jetzt Tipps von Brian schenken.«
Robert verstand. Brian McTierney gehörte zu den wenigen, die sich über die Fechtstunde gefreut hatten. Nachdem Robert ihn und seinen Fechtpartner Mikola Visnjic ein paar Minuten lang beobachtet hatte, war ihm auch der Grund dafür klar geworden: Die beiden hatten einen so beeindruckenden Kampf hingelegt, dass alle Augen in der Halle minutenlang nur auf sie gerichtet gewesen waren. Selbst Stevens hatte sich ein anerkennendes Nicken abringen müssen, bevor er die Anderen weiter hatte triezen können.
»Da sind sie ja!« Antonio deutete in Richtung Eingang, wo Chris und Dale tatsächlich in Begleitung von Brian auftauchten. Die haselnussbraunen Augen des Schotten blitzten vergnügt, als er eine Anekdote über seine Teilnahme an einem Wettkampf vor zwei Jahren wiedergab. Kurz darauf verabschiedeten sich Chris und Dale lachend und kamen zu Robert und Antonio herüber.
»Wisst ihr, vielleicht ist Fechten gar nicht so schlecht«, begann Chris grinsend, bevor ihn die Blicke der anderen abrupt zum Schweigen brachten. Sein Grinsen behielt er jedoch auch auf dem Weg zur Dusche noch auf den Lippen.
»Wie, du bist schon fertig?« Dale, inzwischen nur noch mit einem Handtuch bekleidet, schaute Robert überrascht an. Sein kräftiger Brustkorb hob und senkte sich in den blassen Sonnenstrahlen, die sich hartnäckig einen Weg durch die Wolkendecke erkämpft hatten.
»Ja, ich dusche lieber heute Abend.« Robert kratzte sich an der Schläfe und lächelte nervös. »Ich geh doch nachher mit Tommy zum Gestüt, danach muss ich eh duschen. Oder vielleicht kann ich sogar bei ihm baden.«
»Beneidenswert.« Dale schnalzte mit der Zunge und folgte Chris zur Dusche. »Wir sehen uns dann ja morgen früh in Mathe«, rief er über die Schulter zurück. »Mach dir 'nen schönen Abend!«
»Ja, danke!« Robert hob die Hand zum Gruß, aber Dale war schon in der Dampfwolke verschwunden, die sich entlang der Fliesen des Duschraumes ihren Weg nach draußen bahnte.
Schnell stopfte er die feuchten Sportsachen in seine Tasche und verließ die Umkleidekabinen. Vor der Halle brauchte er einen Moment, um seine Straßenschuhe in dem Haufen nahezu identischer schwarzer Ledererzeugnisse zu entdecken. Er entschied, dass die Anweisung, Kleidung mit dem Namen des Eigentümers zu versehen, die großartigste Idee seit der Gründung des Harris Colleges gewesen war. Trotzdem brauchte er fast drei Minuten, um seine Schuhe in der hintersten Ecke zu entdecken, wo er sie gewiss nicht abgestellt hatte.
»Hey, du hättest echt auf mich warten können!« Tommy kam hinter ihm angerannt, die Sporttasche lässig über die Schultern geworfen. Im Gegensatz zu Robert brauchte er zwei Sekunden, um seine Schuhe zu finden. Dies hatte jedoch weder mit Glück noch mit übersinnlichen Fähigkeiten zu tun, sondern lag ausschließlich an der Staubschicht, die sich auf dem Leder niedergelassen hatte und den Schuhen einen großen Wiedererkennungswert einbrachte.
»Die haben aberr-r lange keine Schuhcreme mehrr-r gesehen, Mrr-r Tomkin«, kritisierte ihn Robert im nahezu perfekt nachgeahmten Tonfall der alten Bibliothekarin, Mrs Pinks. Nur wenige Schüler ließen sich in ihrer Gegenwart in nicht ganz korrektem Aufzug blicken, was die inzwischen Zweiundachtzigjährige jedoch nicht davon abhielt, in regelmäßigen Abständen die Schlampigkeit der Jugend zu bemängeln. Robert musste grinsen, als er sich an eine Ermahnung der verschrobenen Frau erinnerte, die ihm jüngst zuteil geworden war.
»Ich bitte vii~ielmals um Ihre Vergebung, Ma'am«, säuselte Tommy und verneigte sich tief. »Ich hoffe, Sie mit einer Einladung auf mein stattliches Gehöft besänftigen zu können.«
»Oo~oh, Sie Schlimmerr-r, Sie!« Robert wackelte tadelnd mit dem Finger und setzte den pikiertesten Blick auf, zu dem er fähig war. Als ihn jedoch zwei vorrübergehende Mitschüler aus den unteren Jahrgängen amüsiert anstarrten, biss er sich rasch auf die Lippen. »Mein Gott, die müssen ja jetzt was Tolles von uns denken«, murmelte er grimmig. »Manchmal benehmen wir uns echt wie Idioten!«
»Aber wie äußerst liebeswerte.« Tommy grinste, bevor er sich bei Robert unterhakte und ihn in Richtung Mensa zog, um sich vor der Begegnung mit seinem Vater noch einmal zu stärken.
»Hast du meinen Hufkratzer gesehen, Jeni?« Robert lehnte sich über die Tür zu Saschas Box und schaute auf den Gang, konnte jedoch außer Sand und alten Strohhalmen nichts entdecken.
»Hab ich nicht. Der war vorhin noch in der Kiste mit seinem Putzzeug.« Rote Locken erschienen über der gegenüberliegenden Boxentür, gefolgt von dunklen Augen, einer winzigen Stubsnase und dem breiten Lächeln der Pflegerin Jenifry. »Hast du ihn vielleicht im Stroh versenkt?«
»Ich hoffe nicht.« Robert verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse. »Wenn ja, hat Sascha ihn bestimmt schon in die letzte Ecke gescharrt.« Er drehte sich um und kraulte dem alten Wallach die Kruppe, während sein Blick den strohbedeckten Boden absuchte. »Na, alter Junge? Wo hast du ihn versteckt?« Mit den Stiefeln schob er vereinzelte Strohberge beiseite, brachte jedoch nur eine Schicht festgetretener Sägespäne ans Licht.
Der große Apfelschimmel schnaubte leise und schüttelte den Kopf, dass die Mähne nur so flog. Statt nach dem Hufkratzer fing er an, in Roberts Tasche nach etwas Essbarem zu suchen, doch der schob den neugierigen Kopf mit einem ausdrücklichem »Nein!« beiseite und schlüpfte unter Saschas Hals hindurch, um die andere Seite der Box abzusuchen. Er blieb jedoch erfolglos.
»Hier, nimm meinen solange.« Jenifry war an die Box getreten und versuchte, Robert ihren Hufkratzer zu reichen, ohne dass Sascha ihn zuerst zwischen den Zähnen hatte. Sie lachte leise und strich über seine Nüstern, nachdem das Unterfangen geglückt war. Sascha schnaubte und entzog sich ihrer Hand. »Oho! Ich bin ihm anscheinend nicht gut genug.« Jenifry ließ abermals ihr helles Mädchenlachen erklingen. »Man merkt, dass er dich vermisst hat. Du warst nicht oft hier in den Ferien, oder? Ich hab dich jedenfalls kaum gesehen.« Sie beobachtete Robert, der eine Kette am Halfter des Wallachs befestigte und diese neben der Futterkrippe einhakte.
»Ja, stimmt.« Robert stützte Saschas schweres Unterbein auf seinem Knie ab und machte sich über den ersten Huf her. »Ich hab meine Trimesterarbeit geschrieben und hatte kaum noch Zeit für anderes. Ich brauche da immer ein wenig länger als Tom- als Robert.«
»Wahrscheinlich«, bestätigte sie, auch wenn es nicht gerade das war, was sein Ego hatte hören wollen. »Ich glaube, Mr Tomkin hat sich nicht einmal zwei Tage lang mit der Schule beschäftigt. Jedenfalls ist er fast immer im Stall oder unterwegs gewesen.«
»Der Glückliche.« Robert erhob sich und tätschelte Sascha, der sich inzwischen von ihnen ab- und seiner Futterkrippe zugewandt hatte. »Aber dafür habe ich endlich mal wieder die Küche von Tante Betty genießen können. Das ist doch auch was.« Er schlüpfte abermals unter dem Hals des Wallachs hindurch und drehte der Pflegerin den Rücken zu. »Gib Fuß!«, befahl er laut, und Sascha ließ die Prozedur des Hufauskratzens willig über sich ergehen, ohne sich auch nur einen Millimeter von der Nahrungsquelle wegzubewegen.
»Also, ich gehe dann mal arbeiten.« Jenifry klopfte ihre Hände lautstark an den Hosen ab und nickte Robert zu. »Man bezahlt mich ja leider nicht fürs Plaudern. Bis dann, Robby.«
»Ja, bis dann.« Sie hatte sich bereits abgewandt, als er sie noch einmal zurückrief: »Oh, Jeni, warte! Dein Hufkratzer.« Er stellte Saschas Hinterbein ab und kam mit erhitztem Gesicht an die Boxentür. Jenifrys Augen leuchteten im Dämmerlicht des Stalles, und Robert spürte plötzlich, dass sie gerne noch bei ihm geblieben wäre. »Danke.« Er vermied den direkten Augenkontakt, als er ihr den Kratzer zurückgab. »Hab einen schönen Abend«, fügte er noch hinzu, nachdem er sich abgewandt hatte.
»Ja, du auch. Danke.« Ihre Stimme klang enttäuscht, aber Robert wartete, bis ihre Schritte verklungen waren, bevor er sich wieder umdrehte.
Er hatte die junge Pflegerin vom ersten Moment an gern gehabt, als sie vor drei Jahren ihre Arbeit auf dem Gestüt begonnen hatte; doch seit Tommy ihm mitgeteilt hatte, dass sie für Robert gerne mehr als eine gute Freundin wäre, fühlte er sich ein wenig unbehaglich in ihrer unmittelbaren Nähe.
»Na ja... da kann man nichts machen, was, alter Junge?« Er tätschelte den Wallach ausgiebig, bevor er in die Knie ging und ein wenig Ordnung in die Putzkiste brachte, die von den meisten Pflegern wie ein Stiefkind behandelt wurde. Dabei stieß er auch auf den vermissten Hufkratzer und legte ihn verärgert ins richtige Fach, bevor er die Kiste zuklappte und die Box verließ. »So, mein Junge, träum du auch was Schönes.« Er klopfte Sascha noch einmal den Hals und bildete sich gerne ein, dass das Schnauben des Wallachs eine freundliche Antwort zum Abschied war.
»Hast du Sascha in den Schlaf gewogen, oder warum brauchst du neuerdings fast eine Stunde zum Striegeln?«, neckte Tommy, als Robert seine Reitstiefel im Vorraum des großen Wohnhauses abstellte.
»Ich hab ihm ein Lied gesungen«, erwiderte der mit todernster Miene und marschierte an ihm vorbei ins Bad, um seine Reithosen gegen ein Paar verwaschener Jeans zu tauschen und sich zu waschen.
»Hauptsache, es war nicht von Robbie Williams«, rief Tommy laut hinterher. »Das mag er nämlich überhaupt nicht.«
Robert schob die Tür ins Schloss und entschied, dass Mr Robert Tomkin in einem halben Jahr nicht achtzehn, sondern höchstens acht Jahre alt werden konnte - anders war sein Verhalten manchmal nicht zu erklären. Und wenn er länger darüber nachdachte, dann musste seine Theorie sogar stimmen - Tommy hatte Phasen, in denen er sich ausgesprochen unreif verhielt. Auch die Tatsache, dass Tommy sich vor drei Jahren allen Ernstes in den Kopf gesetzt hatte, trotz seiner Körpergröße nicht mehr als fünfzig Kilo zu wiegen und Jockey zu werden, hatte Robert ernsthaft am Verstand seines Zimmernachbarn zweifeln lassen. Nach einigen Wochen hatte das Hungern seines Freundes sogar solche Ausmaße angenommen, dass Robert schließlich heimlich die Krankenschwester Mrs Firth-O'Neill davon unterrichtet hatte.
Sie hatte ihm versprochen, sich um Tommy zu kümmern und nicht zu verraten, woher sie von dessen Plänen wusste, doch ihrem Mann war versehentlich herausgerutscht, dass Robert die Sache gemeldet hatte. Danach hatten er und Tommy in vollendeter Mit-dir-spiel-ich-nicht-mehr-Kindergartenmanier vier Wochen lang nur die nötigsten Worte gewechselt, und Robert war diese Zeit als eine der schlimmsten am Harris College in Erinnerung geblieben. Er hatte sich sogar schon beim Schulleiter nach einem möglichen Zimmerwechsel erkundigt, als er hatte erleben müssen, wie Tommy, sturer als je zuvor, nach einem Schwächeanfall wegen Unterernährung aus der Sporthalle getragen und ins Hospital gebracht werden musste.
Als Robert ihn an diesem Tag besucht und die halbe Nacht am Krankenhausbett verbracht hatte, waren die Bruchstücke ihrer Kameradschaft jedoch ohne Worte zu einem neuen, festen Band der Freundschaft geschmiedet worden, das bis zum heutigen Tag niemand hatte zerreißen können.
Inzwischen war seit diesem Vorfall fast ein Jahr vergangen, doch Robert wusste, dass Tommy sein Idealgewicht bisher nicht wieder erreicht hatte. Insgeheim zweifelte er auch daran, dass er es überhaupt vorhatte. Allerdings hatte sein Zimmernachbar inzwischen entschieden, dass ein Leben als Jockey doch zu anstrengend war.
Robert grinste beim Gedanken an das unmögliche Bild, das Tommy mit seinen 1.79 Metern auf einem Rennsattel geboten hätte, und im Spiegel grinsten weiche Gesichtszüge unter kastanienbraunem Haar zurück. Sie ähnelten denen seiner Mutter so sehr, dass er manchmal das Gefühl hatte, nicht sich selbst, sondern ihr Abbild im Spiegel zu erblicken. Besonders die schmalen, leuchtend grünen Augen hatten er und Thomas von ihr geerbt.
Bei diesem Gedanken drückte plötzlich ein unsichtbares Gewicht auf Roberts Brust; sein Lächeln erstarb und hinterließ ein dumpfes Gefühl der Leere in ihm. Obwohl seine Mutter schon vor über zehn Jahren gestorben war, gab es Momente, in denen er sie so schmerzhaft vermisste, dass ihm zum Heulen zumute war. Er schluckte schwer und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augenlider.
»Du wirst Falten bekommen, wenn du weiterhin so ernst aus der Wäsche schaust.« Tommys Gesicht tauchte unvermutet neben seinem im Spiegel auf. Sein Augen blickten so fröhlich und lebhaft, dass sich Robert bei ihrem Anblick sogleich etwas besser fühlte.
»Und dann finde ich keine Frau, sterbe als alte Jungfer und werde keine Kinder haben, um ihnen meinen unermesslichen Reichtum zu vererben, ich weiß.« Seine Stimme klang ein wenig belegt, aber Robert gelang erneut ein kleines Lächeln.
»Erfasst.« Tommy grinste. »Also komm jetzt! Mum hat extra für dich Cornish Pastry gemacht, also lass sie nicht warten.« Er schob seinen Freund durch das rustikale Wohnzimmer an den Esstisch, an dem sein Vater bereits Platz genommen hatte.
Der alte Herr, der Robert jedes Mal an einen preußischen Hauptmann erinnerte, grüßte die Jungen mit wohlwollenden Nicken. »Da seid ihr ja, ihr beiden. Essen ist gleich fertig, setz dich ruhig schon hin, Robert.« Tommy hatte schon die Stuhllehne ergriffen, als sein Vater ihn scharf anblickte. »Robert Bartlett, nicht Tomkin. Du könntest inzwischen ja mal deiner Mutter zur Hand gehen, junger Mann.« Robert lächelte verlegen und nahm Platz, während Tommy mit düsterer Miene in der Küche verschwand.
Die Wohnung war erfüllt vom Duft nach Teig und Fleisch, und der Hunger überfiel Robert so unerwartet wie eine Raubkatze ihr Opfer. Eigentlich war er es nach den Ferien nicht mehr gewohnt, schon sechs Uhr abends zu essen, denn bei seinem Onkel gab es erst nach den Acht-Uhr-Nachrichten Abendbrot. Aber schließlich musste Familie Bartlett auch nicht gegen fünf Uhr aufstehen, um dreißig Pferde zu versorgen.
Dazu kam, dass Tommys Eltern wesentlich älter und somit wahrscheinlich schneller erschöpft waren als seine Verwandten oder die Familien seiner Mitschüler. Tommys Mutter hatte ihren einzigen Sohn erst mit neununddreißig Jahren zur Welt gebracht, und Robert wusste, dass sie sich manchmal ein wenig mit ihm überfordert gefühlt hatte. Vielleicht hatte auch Tommy das geahnt und aus diesem Grund so hart dafür gearbeitet, ein Stipendium für das Harris College zu kommen. Darüber gesprochen hatte er allerdings nie.
»Du bist ja recht selten in den Ferien hier gewesen, Robert«, begann Mr Tomkin, nachdem er eine Weile lang stumm seine Pfeife für den Nachtisch gestopft hatte. »Meine Frau und ich haben dich vermisst.« Er verschloss sorgfältig die uralte Tabakdose, die ihm sein Vater vor langer Zeit vermacht hatte, und blickte Robert direkt in die Augen. »Du hast einen guten Einfluss auf unseren Sohn. Wärst du nicht hier, hätte es jetzt eine lange Diskussion gegeben, warum er in der Küche helfen soll.« Sein Lächeln brachte vergilbte Zähne zum Vorschein. »Dabei hatte ich für heute genug Ärger mit ihm.«
Robert fühlte sich zunehmend unwohler. Bei solchen Gesprächen kam er sich wie ein Verräter vor, und er atmete erleichtert auf, als Mr Tomkin zum nächsten Satz ansetzen wollte, jedoch von Tommys Rückkehr unterbrochen wurde.
»Sooo, da wären wir. Bitte sehr, mein Herr.« Tommy reichte seinem Vater einen dampfenden Teller und zog eine Flasche Bier aus der Küchenschürze seiner Mutter, die er sich umgebunden hatte. »Wünschen der Herr, dass ich ihm die Flasche öffne?«
»Scher dich doch zum Teufel, du Nichtsnutz.« Das Grollen seines Vaters zeigte allerdings nicht die beabsichtigte Wirkung, denn Tommy gab sich völlig unberührt und tänzelte mit albernen Schritten aus dem Zimmer, um die nächste Portion zu holen.
Robert unterdrückte mühsam ein Grinsen. »Sir, vielleicht gehe ich besser helfen-«
»Nichts da, setz dich! Du bist unser Gast, und Robert tut ein wenig Arbeit mal ganz gut.«
Robert nickte angespannt und hoffte, dass der alte Herr nicht von Neuem anfangen würde, über seinen Sohn zu sprechen. Sein Wunsch wurde ihm auch gewährt, denn Tommy kam erneut ins Wohnzimmer, diesmal gleich mit zwei Tellern und gefolgt von seiner Mutter, einer kleinen, äußerst agilen Frau, der man ihr Alter nicht ansah. Robert musste sogar zugeben, dass seine Tante Betty älter aussah, und die hatte noch nicht einmal ihren fünfundvierzigsten Geburtstag erreicht.
»So, einmal Cornish Pastry für Euch, Sir« - er stellte den Teller vor Robert ab und verbeugte sich - »und einmal für Euch, edle Dame.« Den zweiten Teller reichte er seiner herzhaft lachenden Mutter, die ihrerseits einen großen Salatteller auf Tommys Platz stellte.
»Nichts als Karnickelfutter«, brummte Mr Tomkin mit einem Blick auf Tommys Mahlzeit und rückte seiner Pastete mit einem scharfen Messer zu Leibe. »Du wirst noch einmal verhungern, Robert.«
»Guten Appetit, Dad«, wünschte Tommy vergnügt, ohne auf seine Worte einzugehen. Robert musterte seinen Freund verstohlen von der Seite und fand, dass er in seinen engen Klamotten wirklich ein wenig zu dünn aussah - doch seit seiner Fischvergiftung rührte Tommy, der auch nach dem Aufgeben seiner Jockeyträume weiterhin vegetarischer Kost den Vorzug gegeben hatte, überhaupt nichts mehr mit Fleisch darin an.
Während des Essens wurde Robert auch wieder klar, warum er trotz seiner Zuneigung zu Tommys Familie nur ungern mit ihnen aß: am Tisch herrschte absolute Stille.
Während der Mahlzeiten wurde im Hause Tomkin nicht ein Wort gesprochen, und Robert hatte das Gefühl, sein Kauen wäre im ganzen Raum zu hören. Die einzigen Geräusche im Wohnzimmer waren das Klirren des Bestecks, das Klappern der Gläser und das leise Schmatzen von Tommys Vater, der durch die Nase nie genug Luft bekam und zwangsläufig durch den Mund atmen musste. Nicht ein Wort wurde gesprochen.
Robert beeilte sich, fertig zu werden, denn Tommy hatte seinen Salat bereits vertilgt und schien ebenfalls darauf zu hoffen, den Tisch schnell verlassen zu können. Als sein Freund auch in den nächsten zwei Minuten nicht fertig wurde, bot er sogar an, den Tisch schon mal abzuräumen. Seine Mutter quittierte diese Aussage mit einem überraschten Aufblicken, aber Mr Tomkin meinte, dass dies bis nach dem Essen warten konnte. »Außerdem kannst du dann deiner Mutter mal die Arbeit abnehmen und gleich alles in einem Rutsch abwaschen«, fügte er hinzu, bevor er leise schnaufend auf Stück heiße Kartoffel zerbiss.
Tommy stand deutlich ins Gesicht geschrieben, dass er darauf durchaus verzichten konnte; er schwieg jedoch und betrachtete konzentriert seine Fingernägel. Robert wünschte sich an einen Ort in weiter Ferne.
Nach zehn weiteren schweigsamen Minuten hatte auch der Rest der Familie das Essen beendet, und Robert half Tommy eilig beim Abräumen, während sich Mr Tomkin seine Pfeife anzündete und seine Frau eine Zeitschrift zur Hand nahm.
»Ich hasse diese verdammte Stille beim Essen!« Tommy stellte die Teller lautstark in der Spüle ab und drehte den Hahn so heftig auf, dass ihm das heiße Wasser auf die Brust spritzte. »Verdammte Scheiße!« Fluchend stellte er das Wasser wieder ab und blickte zwischen Spüle und Tisch hin und her, als suche er etwas zum Zertrümmern.
»Komm, ich mach das, okay?« Robert versuchte, seine Stimme so besänftigend wie möglich klingen zu lassen, zuckte aber trotzdem zusammen, als Tommy sich ruckartig umdrehte. Er tat jedoch nichts, und Robert schob ihn sacht zur Küchenbank. »Komm, jetzt setz dich da hin und reg dich erst mal ab. Kann ich nachher bei dir baden? Oder würde dich das stören?« Vom Thema abzulenken war die geschickteste Taktik, hatte er entschieden.
»Von mir aus.« Tommy zuckte gleichgültig mit den Schultern. Seine Laune schien sich noch immer knapp unter dem Gefrierpunkt zu befinden.
Robert wandte sich der Spüle zu und ließ sie volllaufen, während er das restliche Geschirr in der Küche zusammensammelte und dabei einen großen Bogen um seinen Freund machte, der wortlos die geblümte Tischdecke anstarrte. Dann, nachdem er eine Weile mit den Fingerspitzen auf den Tisch getrommelt hatte, sprang er ohne ersichtlichen Grund auf und verließ die Küche, ein knappes »Ich lass dir schon mal Wasser ein.« von sich gebend.
Robert seufzte leise und ließ mit nachdenklicher Miene den Lappen über den letzten Teller kreisen. Es kam nicht oft zum Streit in der Familie Tomkin - zumindest hatte er nicht oft welchen erlebt -, aber wenn es passierte, dann war Tommy grundsätzlich der Meinung, dass er im Recht war und allen Grund hatte, sich wie ein bockiges Kleinkind zu benehmen. Robert fand, dass es nicht zu viel verlangt war, ein wenig im Haushalt zu helfen, denn Tommy musste sich zu Hause bestimmt nicht überarbeiten; als er jedoch das erste Mal dieses Thema angesprochen hatte, war Tommy ausgerastet und hatte ihn fast aus der Wohnung geschmissen. Seitdem war Robert vorsichtiger geworden, wenn es darum ging, sich in Tommys Familienangelegenheiten einzumischen. Dennoch blieb er bei der Meinung, dass das Verhalten seines Freundes nicht gerechtfertigt war.
Als Robert nach verrichteter Arbeit ins Bad ging, war von Tommy nichts zu sehen. Dafür bedeckte eine glitzernde Schaumdecke die Badewanne, die unterm Dachfenster des geräumigen Bads stand. Robert fühlte ein angenehmes Gefühl der Vorfreude in sich aufsteigen, als er das heiße und duftende Wasser mit der grauen Dämmerung außerhalb des Fensters verglich. Er ließ seine Klamotten an Ort und Stelle auf den Boden fallen und stieg in die Wanne. Eine Gänsehaut überzog seinen Körper.
Zu seinem Bedauern gab es am Harris College keine Möglichkeit zu baden, worüber sich Robert regelmäßig beklagte. Er liebte heiße Schaumbäder, und er liebte Tommys Eltern dafür, dass sie es duldeten, wenn er nahezu eine Stunde lang ihr Bad besetzte. Dabei kam es ihm jedes Mal so vor, als würde dieser Raum überhaupt nicht mehr zum Gestüt gehören, denn im Gegensatz zu dem alten, rustikal eingerichteten Haus, in dem der Großteil des Mobiliars aus dunklem Holz bestand, war das Bad mit weißen und sonnengelben Fliesen ausgestattet. Schränke, Vorleger und Fensterrahmen waren in hellem Orange gehalten und leuchteten in dem warmen Deckenlicht, das wie ewiges Sonnenlicht wirkte. Dabei lag das Bad auf der Nordseite des Hauses und hatte seinen Lebtag noch keinen echten Sonnenstrahl erblickt.
Robert atmete den Duft des Schaumbads ein und sank noch ein Stück tiefer ins Wasser. Das Plätschern der Wellen, die über seinem Körper zusammenschwappten, hallte leise in seinen Ohren wider. Die nächsten zwanzig Minuten döste er vor sich hin und ließ seine Gedanken um alles und nichts kreisen. Er spürte, dass er sich wie lange nicht mehr entspannte, und er befand das für gut. Wie hatte er es nur so lange ohne Badewanne aushalten können...
»Deine Klamotten hättest du aber echt woanders verteilen können!« Tommys Stimme drang so unerwartet an sein Ohr, dass Robert sich zu schnell umdrehte und seinen Ellenbogen hart am Wannenrand stieß. Er fluchte und jammerte zugleich, ohne dass es Tommy auch nur im Geringsten berührte. »Siehste, das war jetzt die Strafe dafür«, bemerkte er und schob Roberts Hose mit dem Fuß beiseite, ließ sie jedoch auf dem Boden liegen. Eine leise Melodie summend wusch er sich die Hände, betrachtete prüfend sein Antlitz im Spiegel und blickte erst wieder zur Wanne, als er schon fast draußen war. »Mach, dass du fertig wirst. Wir haben noch was vor.« Dann schloss er schwungvoll die Tür.
Robert blinzelte. Er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wovon Tommy sprach. »Du kannst das nächste Mal trotzdem anklopfen!«, rief er ihm hinterher und rieb sich verärgert den Ellenbogen. Er hasste es, wenn ihn jemand nackt sah, und Tommy wusste das nur zu gut. Robert grollte vor sich hin und versank bis zum Kinn im Wasser. Er hatte auch seinen Onkel mit viel Überredungskunst dazu bringen können, einen Schlüssel für das Bad zu besorgen, das er gemeinsam mit seinem Bruder Thomas benutzte, wenn er gerade nicht im College wohnte.
Robert seufzte. Mit einem letzten sehnsüchtigen Gedanken an weitere zwanzig Minuten im heißen Wasser zog er den Stöpsel und kletterte aus der Wanne. Was auch immer Tommy noch vorhatte, zumindest seine Laune schien sich gebessert zu haben. Robert beeilte sich mit dem Abtrocknen und föhnte entgegen seiner Gewohnheit sogar seine Haare, wenn auch nur oberflächliche anderthalb Minuten lang. Dann schlüpfte er in Unterhosen und Jeans und schnappte sich den Rest seiner Kleidung, um Tommy aufzusuchen.
Der lag in seinem Zimmer auf dem Bett und starrte die Decke an. Als Robert eintrat, blickte er nur kurz auf und zog eine Augenbraue hoch. »So dringend war's nun auch wieder nicht, dass du hier halbnackt antanzen musst.«
»Dir kann man heute echt gar nichts Recht machen.« Robert warf ihm sein nasses Handtuch entgegen und betrachtete sich in dem großen Spiegel, der eine von vier Wänden in Tommys Zimmer komplett einnahm. Inzwischen wusste er, dass Tommy früher beim Ballett gewesen war und der Spiegel noch aus diesen Zeiten stammte, aber er war sicher, dass sein Freund ihn nicht aus Faulheit, sondern aus Eitelkeit hatte hängen lassen. Nach entgeisterten Blicken beim ersten Besuch in Tommys Zimmer hatte er ihn lange Zeit damit aufgezogen, bis Tommy ihn angefaucht hatte, dass er nicht mehr zu kommen brauche, wenn ihm sein Zimmer nicht passe. Seitdem hatte Robert kein Wort mehr darüber verloren.
»Du hast ja richtige Muskeln bekommen.« Tommy hatte sich aufgerichtet und betrachtete ihn nun ebenfalls.
»Mmm.« Robert nickte mit unbewegter Miene. Innerlich hatte er das Gefühl, vor Stolz zu platzen, auch wenn er sich das vor Tommy nicht anmerken ließ. Seit drei Monaten machte er nun regelmäßig Krafttraining, und endlich sah man es ihm auch an. Natürlich hatte er noch lange nicht die Oberarmmuskeln von Dale erreicht, die er sich als heimliches Ziel gesteckt hatte; doch fürs Erste konnte er ganz zufrieden sein, fand er.
Dale...
Robert spürte mit einem Mal ein Kribbeln im Magen, als er an heute Nachmittag dachte, als Dale nach dem Sportunterricht so gut wie nackt vor ihm gestanden hatte. Der Kanadier, der wesentlich öfter als er selbst trainierte, entsprach bis auf seinen winzigen Bauchansatz Roberts männlicher Traumfigur. Ihm war zwar klar, dass er sie auf Grund seiner kurzen Beine nie wirklich würde erreichen können, doch ein Oberkörper wie Dales war in seinen Augen durchaus erstrebenswert. Vielleicht war er inzwischen sogar ein wenig zu sehr darauf fixiert, gestand sich Robert ein, denn in letzter Zeit hatte er ihn bei jeder Gelegenheit betrachtet, die sich ihm geboten hatte. Aber das würde sich ändern, wenn er erst einmal selbst so aussähe.
»Man könnte meinen, du hättest dich noch nie im Spiegel gesehen«, zog Tommy ihn auf, aber Robert entging der ungeduldige Unterton in seiner Stimme keineswegs. Er kleidete sich rasch an und missbrauchte Tommys Bürste für seine inzwischen fast vollständig trockenen Haare.
»Was hast du denn noch so Großartiges vor, dass du so drängeln musst?«
»Hehe.« Tommy grinste breit und deutete auf den Korb, der neben der Tür stand und von Robert bisher übersehen worden war. Er war randvoll mit Süßkram und Chipstüten, abgerundet mit zwei Weinflaschen, denen Robert sofort ansah, dass Tommy sie aus dem Keller seiner Eltern entwendet hatte.
»Es ist keiner von den alten Jahrgängen«, beruhigte der auch prompt sein schlechtes Gewissen, als er Roberts fragenden Blick gedeutet hatte. »Sie werden es überhaupt nicht merken.«
Robert zog ungläubig die Augenbrauen hoch, sagte jedoch nichts dazu. Schließlich war Tommy heute leicht reizbar, und er musste einen Streit nicht unbedingt herausfordern. »Du hast nicht allen Ernstes noch vor, jetzt Party zu machen, oder?«, fragte er stattdessen, obwohl ihm die Antwort bereits klar war.
»Natürlich, was denkst du denn? Der Vorschlag kam von Chris, nicht von mir. Er hat mich eben angerufen, sie bereiten gerade alles vor. Eigentlich fehlen nur noch wir... und die Fressalien natürlich.« Er grinste über beide Ohren.
Eine halbe Stunde später stellte Robert den Motor seines Opel Corsa ab und zog den Zündschlüssel. »Da wären wir. Und, wo wird gefeiert?«
»Bei Geoff, da haben wir etwas Ruhe.« Tommy drehte sich um und angelte den Korb vom Rücksitz.
»Na toll. Jetzt zieht ihr den armen Geoff da auch noch mit rein.«
Geoff Wheel, Chris' jüngerer Bruder, war der Leiter der Shandler-Gruppe, der auch Chris und Dale angehörten, und war somit eigentlich verpflichtet, etwas mehr Verantwortungsbewusstsein als normale Schüler des Harris Colleges an den Tag zu legen. Offensichtlich hatte aber niemand Lust, über die Folgen eines möglichen Erwischtwerdens groß nachzudenken, denn Tommy zuckte nur mit den Schultern. »Es war seine Idee.«
Gemeinsam trugen sie den Korb über den Hof bis in den dritten Stock des John-Morgan-Hauses, wo sich Geoffs Zimmer befand. Robert blickte sich alle zwei Sekunden nervös um, doch der Campus lag verlassen im bereits wieder dichter werdenden Nebel da. Außerdem zeigte seine Armbanduhr erst kurz nach acht Uhr - noch durften sie ganz regulär zwei Stunden aufbleiben, auch wenn er kaum damit rechnete, dass die Party mit dem zehnten Schlag der Turmuhr vorbei sein würde - beziehungsweise beim neunten, denn für Geoff galten andere Zeiten der Nachtruhe. Aber sie hatten ja nicht umsonst sein Zimmer gewählt, welches als Einzelzimmer ein wenig abseits der anderen Räume lag.
Zu Roberts Erleichterung standen sie wenige Minuten später auch endlich vor besagtem Ziel. Tommy gab mit verführerischer Stimme einen »Klopf klo~opf!«-Singsang von sich, bevor er die Tür öffnete und den prall gefüllten Korb mit ausgestreckten Armen präsentierte. Klatschen, Jubel und eine Hitzewelle begrüßten die beiden Jungen, und Robert beeilte sich, die Tür hinter sich zu schließen, bevor die gesamte Etage auf sie aufmerksam wurde.
Während Chris, Geoff und Antonio den Korbinhalt auf einem Tisch mit weiteren Knabbereien verteilten, fing Tommy an, Geoffs Stereoanlage mit CDs zu bestücken. Robert brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass es seine waren, obwohl er natürlich nicht gefragt worden war. Er beließ es bei einem grimmigen Zähnefletschen, das er Tommy schenkte.
Dale nahm neben Robert auf dem Bett Platz, nachdem er ausgiebig die zahlreichen Bücher in Geoffs Zimmer betrachtet hatte. Obwohl es eigentlich Chris war, der vom Aussehen her dem Bild eines Bücherwurms entsprach, war es sein fünfzehnjähriger Bruder, der sein halbes Leben in der Stainthorpe-Pickering-Bibliothek verbrachte. Inzwischen trug er sogar einen Großteil zu deren Verwaltung teil, worüber der um einen Kopf kleinere Chris mächtig stolz war. Natürlich tat er diese Tatsache vor seinen Kumpels mit einem verächtlichen Wink ab; aber so mussten sich Brüder verhalten, hatte Robert gelernt. Schließlich tat er selbst auch nichts anderes, als sich in Gegenwart von anderen ständig über Thomas aufzuregen.
»Tolle Idee von Tommy, den Schulbeginn zu feiern, oder?« Dale grinste in Richtung Weinflasche, während Robert Tommy ein zweites Zähnefletschen schenkte. Sein Freund zog schuldbewusst den Kopf zwischen die Schultern und machte keine Anstalten, innerhalb der nächsten Minuten in Roberts Nähe zu kommen. »Hast du schon mal in ›Parzival‹ reingeschaut?« Dale hatte sich von den Leckereien ab- und Robert zugewandt. »Das ist so eine Scheiße, sag ich dir! Und ich hab noch über vierhundert Seiten vor mir.«
»Ich hab's mir noch gar nicht angetan«, gab Robert zu. Sie hatten erst am Donnerstag wieder Deutsch, und ihm war klar, dass er nicht vor Mittwoch Abend anfangen würde. Also sollte er Dale nicht nur für seinen Körper, sondern auch für seinen starken Willen bewundern, stellte er fest. Der Gedanke daran brachte allerdings erneut dieses eigenartige Gefühl mit sich, und mit einem Mal trat die Körperwärme, die Dale neben ihm ausstrahlte, mit voller Wucht in sein Bewusstsein. Er roch noch immer ein wenig nach Duschgel. Robert streifte seine Schuhe ab und zog die Knie an den Körper, um sie mit beiden Armen zu umfassen und sich innerlich etwas abzuschirmen.
Dale betrachtete inzwischen gedankenverloren ein eingerahmtes Bild, das über Geoffs Schreibtisch hing. Robert folgte seinem Blick und erkannte es; Chris hatte dasselbe auf seinem Nachttisch stehen. Es zeigte seine und Geoffs Eltern vor der deutschen Botschaft in Tirana, beide lächelnd und sonnengebräunt. Soviel er wusste, waren er Botschafter und sie Dolmetscherin, was dazu führte, dass sie ständig unterwegs waren und so gut wie keine Zeit für ihre Kinder fanden. Er hatte die beiden jedenfalls bisher noch nie getroffen und konnte sich nicht erinnern, dass Chris oder Geoff jemals in den Ferien zu ihnen gefahren waren.
Dale schien dieselben Gedanken zu haben, denn er blickte Chris, der gerade den Versuch unternahm, eine der Flaschen zu entkorken, nachdenklich an. »Wann habt ihr eure Eltern eigentlich das letzte Mal gesehen?«, fragte er schließlich, und Robert entnahm seiner Stimme einen Anflug von Mitgefühl.
»Am sechsten Juni 1998«, antwortete Geoff an Chris' Stelle. »Da sind wir nach Prag gefahren und haben meinen Geburtstag gefeiert.«
Die anderen verstummten und schauten betreten drein, doch Chris lächelte und winkte ab. »Na ja, aber dafür sehen wir ja unsere Schwester oft genug. Sie geht auf eine Klosterschule in Bristol, und wir besuchen sie in so ziemlich jeden Ferien.« Geoff nickte zustimmend, wirkte jedoch nicht sehr glücklich.
Robert hatte das Bedürfnis, ihn in den Arm zu nehmen und zu trösten; er konnte ein wenig nachvollziehen, wie sich Geoff fühlen musste, der seine Eltern seit seinem elften Geburtstag nicht mehr gesehen hatte.
»Okay, genug Trübsal geblasen!« Chris hatte es inzwischen geschafft, die Flasche zu öffnen, und füllte eifrig sechs Gläser. »Lasst uns darauf anstoßen, dass wir jetzt wieder zwei Monate lang gequält werden, dazu noch mit den Abschlussprüfungen.«
Die anderen stöhnten auf, und Tommy warf Chris Geoffs Plüschfuchs an den Kopf. Die beiden Brüder beschwerten sich im Chor, obwohl sich Geoff mehr um sein Tier als um den verschütteten Wein auf seinem Schreibtisch sorgte.
Dass die Tür geöffnet worden war, bemerkten sie erst Sekunden später.
Vor Schreck warf Chris sein Glas beinahe ein zweites Mal um. Mr Ó Donnaill stand mit unleserlicher Miene auf der Schwelle und schien sich ein Bild vom Geschehen zu machen.
Tommy fand seine Worte wie immer als erstes wieder und ging sofort zur Verteidigung über: »Es ist noch nicht einmal neun! Wir feiern also ganz legal, Sir.« Er blinzelte, bevor ein entwaffnendes Lächeln seine Lippen umspielte. »Außerdem haben wir gerade auf ihren Nachwuchs angestoßen. Herzlichen Glückwunsch.« Die anderen murmelten Zustimmung, auch wenn diese Nachricht den meisten von ihnen völlig neu zu sein schien.
Bei Ó Donnaill zeigten Tommys Worte jedenfalls die erwünschte Wirkung. Er ließ die Schultern sinken und entspannte sich, erwiderte das Lächeln. »Ja, und gleich im Doppelpack«, fügte er hinzu und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. »Jetzt muss ich härter als je zuvor arbeiten, um ja nicht meinen Job zu verlieren. Also macht mir das Leben nicht allzu schwer, Jungs.«
»Auf keinen Fall!«, protestierte Chris.
»Wir doch nicht!«, verkündete Dale im selben Moment voller Überzeugung.
»Unser Wohl liegt Ihnen sehr am Herzen, Sir«, fügte Geoff als krönenden Abschluss hinzu. Die anderen nickten zustimmend, auch wenn sie - zu ihrem heimlichen Bedauern - gar keinen Unterricht bei dem sympathischen jungen Iren hatten.
Ó Donnaill versenkte die Hände in den Hosentaschen und lachte leise. Die Lachfältchen um seine Augen vertieften sich, und Robert verspürte nicht zum ersten Mal den brennenden Wunsch, dass sein unbekannter Vater genau wie dieser Mann gewesen sein mochte. Er hob sein Glas in Richtung Tür und stieß auf den frischgebackenen Vater an. Die anderen taten es ihm nach, und Ó Donnaill lächelte verlegen. »Also, Jungs, bis maximal ein Uhr, okay? Danach kommt Mr Bonett wieder, und der versteht bestimmt keinen Spaß nach mitternächtlicher Stunde. Ihr seid immerhin die achte Partygesellschaft, die sich heute spontan zusammengefunden hat. Ich muss wirklich blind sein, dass ich den ganzen Alkohol nicht entdeckt habe. Also... viel Spaß noch.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.
Robert schaut verblüfft zu Dale, dann zu den anderen. Mit einer solchen Reaktion schien trotz Tommys Worten niemand gerechnet zu haben. Der grinste jedoch nur und hob sein Glas triumphierend in Roberts Richtung, bevor er es in einem Schluck leerte.
»Gemelli, wow!« Antonio pfiff anerkennend. Als ihn die anderen fragend anschauten, korrigierte er eilig: »Es ist wirklich toll, dass er Zwillinge bekam!« Auch er leerte sein halbvolles Glas, ohne abzusetzen.
»Ich bin nur froh, dass es Ó Donnaill und nicht Wolli war, der uns erwischt hat«, äußerte Tommy und füllte sein Glas erneut. »Der war heute morgen schon so übel drauf.«
Chris nickte. »Ich hab gehört, dass seine Tochter lesbisch sein soll und er damit nicht klarkommt.«
Die anderen schauten ihn überrascht an. »Von wem hast du denn das?«, fragte Geoff, der wie Robert mit seinem Glas herumspielte und noch keinen Schluck getrunken hatte.
»Ich hab's von Alex und der von irgendeinem Mädel, die Wollis Tochter kennt. Keine Ahnung, ob da was dran ist.«
Tommy zuckte mit den Schultern. »Und wenn schon! Das ist doch heutzutage nichts Besonderes mehr.« Er füllte sein drittes Glas und leerte es noch in derselben Minute. Robert verdrehte die Augen. Auf einen betrunkenen Zimmergenossen verspürte er nur wenig Lust. »Und selbst wenn es ihn stört, dann soll er es nicht an uns auslassen. Wir sind ja schließlich nicht lesbisch.«
»Das zwar nicht«, fing Dale grinsend an, »aber ich wette, du würdest bei der gerne mal Mäuschen spielen.« Er grinste, und Tommy grinste zurück.
»Ihr seid echt kindisch, Leute!« Chris hatte die Brille abgenommen und rieb sich die Nasenwurzel. Robert bemerkte erst jetzt, wie müde er aussah, und er bezweifelte, dass auch nur einer von ihnen tatsächlich bis Mitternacht durchhalten würde.
Geoff saß auf seinem Stuhl und lauschte Tommy und Dale, die dazu übergegangen waren, nicht jugendfreie Witze zum Besten zu geben, während Antonio so aussah, als würde er im Stehen einschlafen. Robert fiel ein, dass der Italiener erst gestern Abend aus Portofino wiedergekommen war und allen Grund hatte, erschöpft zu sein.
Er selbst sehnte sich auch ein wenig nach seinem Bett, obwohl er seine Freunde die Ferien über vermisst hatte und gerne noch etwas mit ihnen gefeiert hätte. Er stellte jedoch fest, dass er sich gerade heute nicht danach fühlte, auch wenn er nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, warum. Vielleicht lag es auch nur daran, dass er nach langer Zeit wieder so früh hatte aufstehen müssen; jedenfalls entschloss er nach einer weiteren Stunde, in der sich Dale und Tommy aus Mangel an Witzen wieder dem Wein zugewandt hatten, dass er genug hatte und ins Bett wollte.
Tommy nörgelte etwa zwanzig Minuten lang rum und nannte ihn einen Spielverderber, bevor er feststellte, dass die beiden Flaschen inzwischen so leer wie sein Glas waren - was in erster Linie auf ihn und Dale zurückzuführen war. Danach folgte er seinem Freund ohne weitere Beschwerden in ihr gemeinsames Zimmer, und noch bevor Robert aus dem Bad zurück war, war Tommy bereits in voller Bekleidung eingeschlafen,.
Robert lächelte bei Tommys Anblick, der zusammengekauert wie ein Baby im Mutterleib dalag. Er legte ihm seine eigene Tagesdecke über, bevor er in sein weiches Bett kroch und das Licht löschte. Dann blickte er müde blinzelnd an die Zimmerdecke, die sich schwach im fahlen Mondlicht abhob.
Als er eine Weile in die Dunkelheit lauschte, vernahm er aus mehreren Zimmern leises Gelächter und andere Geräusche; anscheinend war ihre Party bisher die einzige, die von Mutter Natur so frühzeitig beendet worden war. Es störte ihn jedoch nicht sonderlich, und er brauchte nur noch wenige Minuten, um es Tommy gleichzutun und seine eigene Reise ins Traumland anzutreten.
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