Leben und Lieben am Harris College Teil 3 - Miki
Kapitel 3: Unerwartete Gäste
»Morgen, Robby!«
»Morgen!«
»Hey...«
Robert nahm neben Chris, Geoff und Dale, die ihn der Reihe nach begrüßten, am Frühstückstisch Platz. »Guten Morgen«, erwiderte er fröhlich und stach einen Strohhalm durch sein Kakaopäckchen. Im Gegensatz zu Tommy, der sich beim Verlassen des Zimmers noch immer murrend im Bett herumgewälzt hatte, fühlte er sich trotz der kleinen Party am Abend frisch und ausgeruht.
»Wo'sch Tommy?«, fragte Chris mit vollem Mund und schaute in Richtung Speiseausgabe, wo sich zwar zahlreiche Schüler tummelten, jedoch kein Tommy auszumachen war.
»Der muss erst mal richtig wach werden«, grinste Robert, während er ein Croissant mit goldgelbem Honig beschmierte. Unwillkürlich schweifte sein Blick zu Dale, und wie erwartet zeichneten sich unter dessen Augen dunkle Ringe ab. »Er fühlt sich so wie Dale aussieht«, fügte er hinzu und biss genüsslich in sein klebriges Frühstück.
»Ah ja...« Chris grinste vielsagend, und auch Geoff verbarg sein Gesicht hinter einer großen Teetasse.
Dale brummte etwas Unverständliches und nippte lustlos an einer Tasse Kaffee. Robert verzog das Gesicht bei der Vorstellung, diese tiefschwarze Brühe ohne Zucker und Milch trinken zu müssen.
»Buona mattina!« Antonio stellte scheppernd sein Tablett auf den Tisch und ließ sich neben Dale auf die Bank fallen. Der drückte mit zusammengekniffenen Lippen seine Faust an die Schläfe, erwiderte jedoch ein leises »Hey...« zur Begrüßung.
»Guten Morgen«, wünschten Chris und Geoff im Chor. Sie blickten den Italiener neidisch an. Zwar sah keiner von ihnen so übermüdet aus wie Dale, doch von Antonios Frische waren sie mindestens ebenso weit entfernt.
»Es gibt endlich wieder die gute Eier«, verkündete Antonio freudestrahlend und deutete auf sein Tablett, auf dem drei große, weiße Eier lagen.
»Wieso endlich?«, fragte Tommy überrascht. »Hattet ihr keine Eier zu Ostern?«
»Nur aus Schokolade, so ist es üblich. Aber seit Papà eine Vergiftung von Salmonellen hatte, essen sie sowieso gar kein Ei mehr in der Familie. Verrückt.« Er köpfte sein Ei geschickt und griff nach dem Salzstreuer. »Meine Familie macht sich sowieso nicht viel aus einem Osternbrauch. Wir backen auch keinen Osternkuchen und nicht alle gehen zu einer Kirche.« Er zuckte mit den Schultern und wandte sich seinem Ei zu.
Robert wollte noch eine Frage stellen, wurde jedoch unterbrochen, als sich Tommy, den keiner hatte kommen sehen, ächzend neben ihn auf die Bank fallen ließ. Er verschränkte seine Arme auf der Tischplatte und legte den Kopf darauf, ohne auch nur ein Wort der Begrüßung verlauten zu lassen.
Robert biss auf seinem Strohhalm herum und unterdrückte mit Mühe die gehässige Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag.
Geoff räusperte sich. »So... jetzt, wo alle versammelt sind, darf ich hoffentlich daran erinnern, dass ihr mir versprochen hattet, das Schlachtfeld in meinem Zimmer noch heute zu beseitigen, ja?« Sein Gesicht strahlte, als hätte er gerade einen schulfreien Tag angekündigt.
Die Anderen stöhnten leise und verfielen gleich darauf in ein ausgelassenes Gespräch über den gestrigen Abend. Robert klinkte sich nach einer Weile aus und wandte sich Tommy zu, der sich seit seiner Ankunft keinen Millimeter bewegt hatte. Ein Tablett hatte er nicht mitgebracht.
»Isst du gar nichts?«
»Kein Tee mehr da«, gab Tommy knapp zurück, ohne sich zu regen.
»Hier, kannst meinen haben.« Robert schob seine Tasse zu Tommy, der sich halbherzig aufrichtete und den Kopf auf einen Ellenbogen stützte. Seine braunen Augen waren noch immer sehr schmal, als wollten sie jeden Moment wieder zufallen.
»Du hast Make-up benutzt«, stellte Robert leise fest. Das war bei Tommy zwar nichts Neues, aber das letzte Mal lag bestimmt schon über drei Monate zurück, wenn er sich richtig erinnerte.
»Bestes Mittel gegen Augenringe«, erwiderte sein Freund schulternzuckend und trank einen Schluck. »Ist doch nur ganz wenig. Danke für den Tee.«
»Kein Problem.« Robert spürte Blicke im Nacken und drehte sich um. Dale schaute ihn schweigend über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg an, und mit einem Mal fühlte er sich unbehaglich. Schnell wandte er den Blick ab und wieder Tommy zu, der seinen Kopf nur mit großer Mühe über der Tischplatte zu halten schien. »Du kannst oben Aspirin von mir haben«, meinte Robert schließlich gnädig und schlürfte geräuschvoller als beabsichtigt den letzten Rest Kakao aus seinem Trinkpäckchen.
Entgegen aller Erwartungen verlief der zweite Schultag recht locker, und als Robert Tommy in der siebten Stunde zu Englisch, ihrem einzigen gemeinsamen Fach, wiedertraf, war dieser offensichtlich munter wie eh und je.
Robert lächelte erleichtert und zog sein abgewetztes Exemplar von ›Romeo und Julia‹ aus der Tasche.
Es war eine Ausgabe von 1916, und dem dunkelgrünen Einband haftete der markant muffige Geruch alter Bücher an. Es war das einzige Buch, das er je von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte, und obwohl mehrere Seiten eingerissen und geklebt worden waren, hätte er um nichts in der Welt eine neue Ausgabe aus der Bibliothek geholt.
Liebevoll strich er über das an einigen Stellen fleckig gewordene Cover, bevor er das Buch aufschlug und die kunstvoll geschriebene Widmung auf der vergilbten und an zwei Stellen eingerissenen ersten Seite las.
»Für Cassy - in Liebe, George W. F. Fitzpatrick«
Cassy war seine Großmutter gewesen, das wusste er von Onkel Sid. Wer George war, hatte er nie herausgefunden, doch er hatte sich als kleiner Junge oft ausgemalt, dass sich dahinter wie bei Romeo und Julia eine tragische Liebesgeschichte verbarg, und hielt bis heute an diesem Gedanken fest.
»Psst, hey, Robby!« Tommy stupste ihn mit dem Ellenbogen an und nickte nach vorne. Robert folgte seinem Blick und sah, dass Mr Fiennes ihm direkt ihn die Augen sah.
»Wie schön. Wenn Mr Bartlett nun auch endlich bereit ist, dem Unterricht zu folgen, können wir ja beginnen.«
Robert spürte, wie sein Gesicht heiß wurde, saß jedoch kerzengerade da und verzog keine Miene.
Mr Fiennes befeuchtete seine schmalen Lippen mit der Zunge, wie er es immer tat, wenn er das Thema wechselte, und deutete mit seinem knubbeligen Zeigefinger auf Tommy. »Mr Tomkin, Sie lesen heute den Mercutio. Bitte versetzen Sie sich in Ihre Rolle, vor allem, wenn Sie am Ende den langen Monolog halten. Sobald Sie lachen sollten, sind Sie unglaubwürdig, aber ich bin sicher, Sie werden das schaffen.« Er schaute sich um und legte die Stirn in Falten. Sein Blick, der Robert unverkennbar ignorierte, beruhigte diesen - er würde heute mit Sicherheit nicht vorlesen müssen. »Mr Toombs, Sie sind Benvolio, Mr Tamburo, Romeo. Bitte schlagen sie Akt eins, Szene vier auf.«
Robert lehnte sich ein wenig zurück und schaute aus dem Fenster. Vor zwei Stunden hatte die Sonne endlich ein Loch in die Wolkendecke gebrannt und schien nun alles nachholen zu wollen, was sie in den letzten Monaten nicht hatte geben können. Robert erblickte draußen nicht wenige Schüler, die bereits kurzärmlig am Rand des Springbrunnens saßen und sich von ihr wärmen ließen.
»›... ich bin nicht im Humor, Sprünge zu machen.‹«
»›Nicht doch, mein lieber Romeo, ihr müsst eins tanzen.‹« Tommys Stimme neben ihm ließ ihn zusammenzucken. Er schaute seinen Freund an, doch der beachtete ihn nicht. Sein Blick konzentrierte sich auf das kleine Buch in seiner Hand.
»›Ich gewiss nicht‹«, begann Antonio, »›das glaubt mir; ihr habt Tanzschuhe mit dünnen Sohlen, ich habe...‹«
Roberts Gedanken schweiften erneut ab. Sein Blick wanderte wieder zum Springbrunnen, dessen Fontäne in regelmäßigen Abständen vom Wind erfasst und über den Brunnenrand getragen wurde. Durch den feinen Sprühregen hindurch konnte Robert die Fahrradständer der externen Schüler sehen, die noch nicht einmal zur Hälfte besetzt waren; noch fuhren viele Schüler mit dem Bus, doch er wusste, dass sich das in den nächsten Tagen rapide ändern würde, sollte sich das gute Wetter halten.
»Hey, da ist Jim!«
»›... Es wird niemand so vorwitzig sein, ein Gesicht wie das meinige...‹ - Was is'?« Robert hatte sich so abrupt aufgesetzt, dass Tommy aus seinem Text gerissen wurde.
»Mr Bartlett!« Mr Fiennes baute sich vor ihrem Tisch auf, und Robert zwang sich, den Blick von draußen abzuwenden. Er hatte seinen Freund und ehemaligen Zimmerkameraden Jim Van den Hater bei den Fahrrädern gesehen, da war er ganz sicher; er wagte es jedoch nicht, sich inmitten von Mr Fiennes' kurzatmiger Strafpredigt abzuwenden, und als er fertig war, stand niemand mehr bei den Fahrradständern.
»Du darfst die ganze Szene interpretieren, ist dir das klar?«, fragte Tommy, als sie gemeinsam mit Antonio in einem Pulk von Mitschülern das Klassenzimmer verließen.
»Ja, war ja nicht zu überhören«, brummte Robert und zuckte mit den Schultern. »Hör zu, ich hab Jim draußen gesehen, ganz sicher.«
»Das bildest du dir ein«, erwiderte Tommy. »Jim ist in Birmingham, was sollte er hier wollen?«
»Vielleicht Sehnsucht nach euch treulosen Tomaten haben?«
Robert fuhr auf dem Absatz herum und suchte nach dem Besitzer der vertrauten Stimme.
Er stand keine zehn Meter hinter ihnen und trug ein kariertes Baumwollhemd, das lässig über einer hellen Schlaghose hing.
»Ich hab's doch gesagt!« Robert ließ Tommy und Antonio stehen und lief auf den jungen Mann zu, der ihm mit schnellen Schritten entgegen kam, die Arme einladend zur Umarmung geöffnet.
Als Robert wieder von ihm abließ, standen Tommy und Antonio bereits ihnen und begrüßten Jim mit einem kumpelhaften Schlag auf die Schulter.
»Schön, dich hier zu sehen«, sagte Antonio und ließ seine weißen Zähne aufblitzen.
»Warum bist du hier?«
Jim lachte auf. »Deine Begrüßungen waren schon immer charmant bis zum Umfallen, Tommy.« Er strich sich durch die dunklen, schulterlangen Haare. »Ich bin quasi aus beruflichen Gründen hier. Ich habe seit Anfang April ein Praktikum an der St. Anthony Schule, Theatermanagement und so.« Robert schaute ihn verblüfft an. »Jedenfalls wird momentan ein Projekt geplant, bei dem das Harris College zusammen mit der St. Anthony Schule ein Stück auf die Bühne bringen soll. Ist aber noch alles in den Kinderschuhen, also behaltet's für euch, okay?«
»Da wird sich Shawn aber freuen«, bemerkte Tommy und gab sich keine Mühe, den Sarkasmus in seiner Stimme zu verbergen.
»Wie gesagt, noch steht überhaupt nichts fest«, wiederholte Jim. Er zog ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche und spielte unschlüssig damit herum. »Also, wie sieht's aus? Ich hab den Nachmittag frei, hat jemand Lust, mit in die Stadt zu kommen? Ich muss noch schnell zur Bank, aber danach könnten wir uns in einen Pub setzen, oder sogar draußen in ein Café, wenn's noch einigermaßen warm ist. Hat jemand Lust?«
»Na klar!« Robert nickte begeistert, aber Tommy und Antonio schüttelten den Kopf.
»Ich muss heute Abend zu meiner Versicherung und was reden, wegen meinen Auto«, entschuldigte sich Antonio. »Ich habe leider Termin, sonst wäre ich gerne mit euch gegangen.«
»Ist doch okay«, winkte Jim ab, das Feuerzeug inzwischen in der anderen Hand. »Dale kann auch nicht, der hat Basketball, ich hab ihn schon gefragt... Aber ich bin ja bis zum Sommer in der Stadt, wir haben uns nicht das letzte Mal gesehen«, fügte er zwinkernd hinzu.
»Das ist hoffentlich keine Drohung«, grinste Tommy, doch Robby hatte das vage Gefühl, die Wärme zu vermissen, die sonst in Tommys Augen lag. »Ich hab jedenfalls noch was vor... mit Jona«, fügte er bei Roberts fragendem Blick hinzu.
»Das ist natürlich wichtiger«, stimmte Jim zu. »Rob hat mir von ihr geschrieben, aber wenn das immer noch läuft, scheint's ja was Ernstes zu sein.«
Tommy blickte Robert überrascht an und schien noch etwas sagen zu wollen, doch ihr Gespräch wurde von Geoff unterbrochen, der, hektisch mit einem Zettel in der Hand wedelnd, auf sie zugerannt kam. »Habt ihr das schon gesehen?«, fragte er, leicht außer Puste, und hielt ihnen den DIN A4-Ausdruck hin.
Antonio nahm ihn und überflog die roten Lettern, von denen Robert nur die Überschrift ›Abschiedsaufführung‹ lesen konnte. Ungeduldig wartete er, bis Antonio das Blatt an Tommy weiterreichte, der es mit zunehmend skeptischem Blick vorlas.
»›... und es wurde einstimmig beschlossen, dass der Abschlussjahrgang 2004 als erster der neuen Tradition die Ehre erweisen und am 05. Juli 2003 eine Abschiedsaufführung für den diesjährigen Abschlussjahrgang organisieren wird.‹ Unterschrieben von Hicks und den Schulräten, mit Stempel und allem amtlichen Blabla.«
»Das kann doch nicht Hicks' Ernst sein!« Robert blickte auf und sah erst Tommy, dann Antonio stirnrunzelnd an. »Das ist doch höchstens was für die Theatergruppe und den Chor, aber nicht für alle!«
»Sono cazzate!«, entfuhr es Antonio. Robert nickte grimmig, obwohl er kein Wort verstand.
Jim und Geoff, die sich inzwischen einige Schritte entfernt und angeregt über die Shandler-Gruppe unterhalten hatten, deren Leitung Geoff nach Jims Schulabschluss im letzten Jahr übernommen hatte, lenkten ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Dreiergruppe zurück.
»Wir sollen eine Abschiedsaufführung für den Jahrgang über uns geben«, erklärte Robert und reichte den Zettel an Jim weiter.
Der überflog ihn kurz und lachte zu Roberts Entsetzen laut auf. »Mein Gott, was ist daran so schlimm? Wir wurden sang- und klanglos aus der Schule geschoben und mussten uns ganz allein besaufen, das war viel schlimmer!« Er zwinkerte und gab das Blatt an Robert zurück, der ihn verdattert anstarrte. »Hey, Mund wieder zu, Rob. Außerdem müssen sich die Anderen nächstes Jahr dann auch für euch blamieren, also seht das mal ganz locker.«
»Aber die Prüfungen«, warf Antonio ein, ohne überzeugend zu klingen.
»Ich erinnere mich nicht daran, dass bei uns irgendwer früher als eine Woche mit dem Lernen begonnen hat«, entgegnete Jim und deutete mit dem Feuerzeug direkt auf Antonios Nase. »Außerdem sind die Prüfungen schon im Mai.«
Robert sah aus den Augenwinkel den Anflug eines Grinsens um Tommys Mund; der Gedanke daran, dass Tommy überhaupt freiwillig ein Schulbuch in die Hand nahm, erschien ihm ebenfalls sehr abwegig.
»Also, ich muss jetzt jedenfalls los, die Bank macht um sechs zu.« Jim versenkte das Feuerzeug wieder in der Tasche und warf Robert einen fragenden Blick zu. »Kommst du?«
»Klar. Bis später, ihr zwei.«
»Ciao.«
Es war fast halb zehn, als Robert das Licht im vierten Stock des John-Morgan-Hauses einschaltete.
Jim und er hatten einen neu eröffneten Pub im Stadtzentrum entdeckt und sich dort - nachdem sie gemeinsam unter viel Gelächter die von Mr Fiennes geforderte ›Romeo und Julia‹-Szene interpretiert hatten - mehrere Gläser Brown Ale genehmigt, sodass Jim ihn nicht wie geplant mit dem Auto gefahren, sondern stattdessen zum Bus gebracht hatte. Robert fühlte sich inzwischen zwar wieder klarer im Kopf, doch dafür hatte ihn im Bus die Müdigkeit so sehr übermannt, dass er am liebsten einfach auf seinem weichen Platz sitzen geblieben wäre. Zu seiner Enttäuschung hatte der Busfahrer nicht viel von dieser Idee gehalten und ihn erbarmungslos in die kalte Nacht hinaus geschickt.
Vor dem Clairmont Haus erblickte er Paul Hendriks, den Leiter der Eddings-Gruppe, der zudem noch Präfekt und gerade dabei war, zwei Mittelschülern den Marsch zu blasen. Robert beeilte sich, an ihnen vorbei in sein Haus zu kommen, bevor auch noch ihn ein Teil von Hendriks Zorn traf.
Erst vor seinem Zimmer blieb er überrascht stehen.
Es war alles still, doch er hätte schwören können, dass gerade jemand darin gesprochen hatte. Er runzelte die Stirn und versuchte, so leise wie möglich zu atmen. Es war unwahrscheinlich, dass Tommy um diese Zeit noch Besuch hatte, aber er war sich jetzt sicher, jemanden leise kichern zu hören.
Leise öffnete er die Tür. »Tommy? Bist du allein?«
Das Kichern verstummte abrupt. Robert schob die Tür auf und erblickte im einfallenden Flurlicht zwei Schuluniformen vom Harris College, die achtlos auf den Boden geworfen waren.
Verwirrung und Scham stiegen siedend heiß in ihm auf. »Oh... t-tut mir Leid, Tommy! Ich... ich-« Er wollte die Tür wieder schließen, doch Tommy hatte bereits seine Nachttischlampe angeknipst.
»Robby, warte!« Sein verschwitzter Oberkörper glänzte im Schein der Lampe, und seine Wangen waren gerötet. Roberts Blick streifte ihn jedoch nur kurz. Seine Neugier galt dem Körper, der sich im Schatten Tommys befand und sich soeben aufrichtete, die Bettdecke bis ans Kinn gezogen.
»Hi, Robert...« Es war nicht mehr als ein verlegenes Flüstern, das im geräuschvollen Rascheln der Decke fast unterging.
Robert erkannte die Stimme dennoch. »Jona?« Er hörte, wie sein Unglauben von allen vier Wänden widerhallte.
»Mach doch mal die Tür zu!«, zischte Tommy leise und richtete sich in den Sitz auf. Jona zog erschrocken die Decke an sich und entblößte für einen Moment Tommys nackten Körper, bevor dieser die Decke ein Stück zurückzog.
Robert hatte trotzdem gesehen, dass sein Freund noch immer erregt war. Hochrot im Gesicht riss er seine Schranktür auf, zog ein Handtuch heraus und verließ mit einem knappen »Bin duschen.« das Zimmer. Im Hintergrund hörte er Tommy leise lachen und ihm etwas hinterher rufen, das er jedoch nicht verstand.
Erst, als er ausgezogen war und seine Armbanduhr auf die Spiegelablage im Bad legte, hatte sich sein Puls wieder einigermaßen normalisiert. Um diese Zeit war außer ihm niemand mehr hier, und er genoss die ungewohnte Ruhe. Trotzdem beeilte er sich mit dem Duschen, denn das nächtliche Abstellen des warmen Wassers hatte schon so machen Spätheimkehrer im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt überrascht.
Während das heiße Wasser auf seine Schultern prasselte, versuchte er, ein wenig Ordnung in seine Gedanken zu bringen.
Ja, er hatte für einen Moment angenommen, Tommy wäre mit einem Mitschüler im Bett gewesen.
Ja, er war schockiert gewesen - wer wäre das nicht?
Ja, auch noch, als sich der vermeintliche Mitschüler als Jona herausgestellt hatte - schließlich traf man nicht alle Tage auf nackte Frauen, schon gar nicht am Harris College.
Und ja, die ganze Situation war ihm oberpeinlich gewesen - war es eigentlich noch immer, wenn er genau darüber nachdachte.
Robert atmete tief durch und reckte sein Gesicht dem Wasserstrahl entgegen. Wenn er es so betrachtete, waren Schock, Entsetzen, Scham und Ärger über Tommy, den das alles gar nicht zu kümmern schien, durchaus angebracht gewesen.
Trotzdem... irgendetwas nagte da in seinem Hinterkopf, etwas, auf das er nicht kam, das ihm aber keine Ruhe ließ.
Er ging das Ganze noch einmal in Gedanken durch, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Stattdessen begannen die Bilder nackter Haut, die in seinem Kopf herumschwirrten, so langsam ihre Wirkung zu zeigen - etwas, auf das er im Moment am meisten verzichten konnte.
Kurzentschlossen drehte er die Dusche auf kalt und zwang sich, eine halbe Minute lang unter dem unbarmherzigen Wasserstrahl stehen zu bleiben, bevor er seinen Körper in Rekordzeit trocken rubbelte und zähneklappernd mit noch feuchten Füßen in seine Schuhe schlüpfte.
Als er das Bad verließ, sah er jemanden an der gegenüberliegenden Wand hocken. Noch im selben Moment richtete sich sein Gegenüber auf und gab ein zögerliches »Ähm...« von sich.
Es war Jona.
Robert blieb überrascht stehen. Im Dämmerlicht des Flures hatte er sie tatsächlich einen Augenblick lang für einen Jungen gehalten. Die Harris'sche Schulkleidung unterstützte diesen Eindruck enorm, denn Tommys Freundin war von Natur aus groß und schlank, hatte schmale Hüften und flache Brüste, die unter dem zu weiten Hemd verborgen blieben. Erst ihr rundliches Gesicht mit der kleinen Stubsnase und den großen, ein wenig zu eng beieinander stehenden Augen entlarvte sie als Mädchen.
Als hätte Robert seine Gedanken laut ausgesprochen, schob sie ihre Brille ein Stück höher und setzte dazu an, in typisch weiblich-verlegener Manier eine Haarsträhne hinters Ohr zu streichen. Ihre kürzlich abgeschnittenen Locken machten ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung. Sie brach mitten in der Bewegung ab und machte einen Schritt auf ihn zu, blieb dann jedoch unschlüssig stehen.
Robert zog unwillkürlich sein Handtuch fester um die Hüften, als er sich seiner Nacktheit unter dem gar nicht so großen Stück Stoff bewusst wurde. Jonas Blick folgte seiner Bewegung.
»Ja, ähm...«, begann Robert und brachte sie dazu, wieder direkten Augenkontakt herzustellen, »Wolltest du etwas von mir?«
»Ich wollte mich entschuldigen«, erwiderte Jona hastig und holte tief Luft. »Ich will nicht, dass du was Falsches von uns denkst... Tommy hat gesagt, das ist alles halb so wild, aber... ich meine, wir hätten dir Bescheid sagen sollen, oder noch besser erst gar nicht-«
»Was ihr macht, ist doch eure Sache«, unterbrach Robert sie, »und was ich denke, ist allein meine.« Jona schaute ihn erschrocken an, und er fügte freundlicher hinzu: »Nur... schließt einfach das nächste Mal die Tür ab, okay?«
Sie nickte schwach, sah jedoch mit einem Mal müde und überarbeitet aus. Er legte seine Hand auf ihre schmale Schulter und drückte sanft zu, um sie zu beruhigen. Ihre blauen Augen schimmerten dunkel hinter den Brillengläsern.
Dann wurde Robert klar, dass ihr die Situation mindestens ebenso peinlich gewesen sein musste, und ein ehrliches Lächeln glitt über sein Gesicht. »Ich bin nicht sauer oder so, okay? Bei Tommy muss man eh mit allem rechnen, also denk einfach nicht mehr dran, ja? Ich hab's schon wieder vergessen.«
Jona schluckte und entzog sich seiner Hand. »Ist gut... danke. Ich... ich werd' dann mal gehen. Danke. Gute Nacht.«
»Ja, Nacht. Komm gut nach Hause.« Er blickte ihr hinterher, bis sie um die Ecke gebogen war, und ging dann nachdenklich in sein Zimmer zurück.
Tommy lag halbnackt im Bett und las in einer Zeitschrift, blickte jedoch sofort auf, als Robert den Raum betrat. Sein Grinsen reichte von einem Ohr bis zum anderen.
»Wisch dir den dämlichen Blick von der Backe«, grollte Robert und warf sein Handtuch über den Stuhl. »Ich hab nichts gesehen und nichts gehört, also halt den Mund.«
»Klaro.« Tommy nickte, ohne seine Miene zu verändern, und blätterte wieder in seiner Zeitschrift.
Robert kroch unter seine Bettdecke und nahm seufzend die in seinen Augen viel zu dicke ›Parzival‹-Ausgabe in die Hand. »Na, Prost Mahlzeit«, brummelte er und schlug die erste Seite auf.
Mittwoch war der einzige Tag der Woche, in dem Robert nicht ein einziges Fach mit Tommy zusammen hatte. In der Regel sahen sie sich erst in der Mittagspause wieder, denn Tommy fachsimpelte in der ersten Pause meistens mit Wolli, bei dem er in den ersten drei Stunden Musik hatte.
Aus diesem Grund verbrachte Robert den Vormittag mit Dale und Chris, mit denen er - nachdem er drei anstrengenden Stunden mit Mr Berrymore endlich entkommen war - im zweiten Unterrichtsblock Mathematik hatte.
Als sie sich unter allgemeinem Murren über die viel zu kurze Pause vor dem Mathematikraum versammelten, stieß Robert fast mit Mr Oswald zusammen, der schnaufend und nach Schweiß riechend an den Schülern vorbei zur Treppe eilte.
»Passen Sie gefälligst auf, wohin Sie Ihre Füße setzen, junger Mann«, schimpfte er, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. Man sah ihm an, dass er um nichts in der Welt zu spät zu seiner Klasse kommen wollte, und zu Roberts Erleichterung verschwand er gleich darauf im angrenzenden Klassenzimmer.
»Ich bin so froh, dass wir nicht diesen Stinker Oswald in Mathe haben«, raunte Dale, als ihre Lehrerin Mrs Morgan die Tür zum Mathematikraum aufschloss. »Pearl hat erzählt, er hat ihm letztens drei Punkte abgezogen, nur weil er zwei Aufgaben nicht deutlich genug voneinander getrennt hat. So ein Wichser!«
Robert nickte grimmig und folgte Dale auf seinen Platz. Er hatte von seinem Bruder ganz ähnliche Geschichten über Oswald gehört und legte keinen Wert darauf, am eigenen Leibe zu erfahren, wie viel davon der Wahrheit entsprach.
»So, meine Herren!« Mrs Morgan klatschte fordernd in die Hände und blickte die Klasse über den Rand der Brille an. »Wollen wir mal sehen, was Sie über die Ferien noch alles behalten haben. Bücher vom Tisch, Blätter raus, und dann bitte ich die nächsten vierzig Minuten um absolute Ruhe.«
Robert und Dale stöhnten im Einklang mit ihren Mitschülern auf.
Nach der Mittagspause, in der Tommy zum Erstaunen aller auch nicht erschienen war, trennten sich ihre Wege wieder. Robert hatte Wirtschaft und stellte fest, dass es das Schicksal ausnahmsweise einmal gut mit ihm meinte: Mr Frey musste um halb vier zu einem Gerichtstermin und gab mit Bedauern bekannt, dass weder Mrs Houston noch Mr Oswald - der zu allem Überfluss auch dieses Fach unterrichtete - Zeit hatten, um ihn in der letzten halben Stunde zu vertreten. Die Klasse jubelte, und Mr Frey hob beschwichtigend die Hände, während ein schelmisches Lächeln über sein jungenhaftes Gesicht glitt.
In der unverhofften Freizeit gönnte sich Robert zusammen mit einigen Anderen aus seinem Kurs den ersten Eisbecher des Jahres, den das Café im Clairmont Haus zum halben Preis anbot.
Kurz vorm Klingeln schlenderte er zurück zum Haupthaus, um vor dem Physikraum auf Tommy und Dale zu warten. Wie immer dauerte es einige Minuten, bevor Mrs Morgan ihren Kurs entließ, und Robert hatte Zeit, einige Worte mit seinem Bruder Thomas zu wechseln, der in Begleitung von Mr Fiennes den Flur herunterkam, einen Stapel Oxford Dictionaries in den Armen.
»Hey, Tom!«
»Was'n los?« Thomas blieb stehen und blickte Robert skeptisch an. Mr Fiennes wechselte einen kurzen Blick mit Robert und ging dann weiter, während Thomas - sichtlich widerwillig - stehen blieb. Er schaute kurz über die Schultern zurück, doch von seinen Klassenkameraden war niemand mehr zu sehen.
Robert erkannte, was in ihm vorging, und grinste innerlich. Natürlich war es uncool, wenn man in aller Öffentlichkeit mit seinen Geschwistern redete, und erst Recht, wenn sie älter waren und man nicht den »herumkommandierenden Pontifex Maximus« markieren durfte, wie Tommy es immer nannte.
Thomas' nächste Worte klangen deswegen auch nicht viel freundlicher: »Was willst du denn? Ich muss los.«
»Musst eine rauchen gehen, wie?« Robert spürte, wie er automatisch auf Angriff stellte, und versuchte, ruhig zu bleiben. »Ich wollte nur fragen, ob du schon ein Geburtstagsgeschenk für Tante Betty hast.«
Thomas schüttelte knapp den Kopf. Er sah aus, als würde er jeden Moment anfangen, ungeduldig auf der Stelle zu treten.
Robert ignorierte sein Verhalten und nickte, als hätte er keine andere Antwort erwartet »Gut. Ich habe nämlich im Internetversand ein ganz tolles Porzellanservice für fünfzig Pfund gesehen. Sid würde die Hälfte bezahlen, den Rest müssten wir uns teilen. Du zehn, ich fünfzehn?«
»Von mir aus.« Thomas zuckte mit den Schultern und blies sich eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht. Seit er beschlossen hatte, seine Haare wachsen zu lassen, sah er in Roberts Augen jeden Tag katastrophaler aus. Er verkniff sich jedoch jegliche Bemerkung.
»Ist noch was, oder kann ich jetzt gehen?«
»Man, dann geh doch! Aber gib mir das Geld bitte noch diese Woche, ja?«
»Ja!« Thomas klang sichtlich gereizt, und als Robert beiseite trat, ging er ohne einen Abschiedsgruß an ihm vorbei.
»Blöder Lackaffe!«, zischte Robert und ärgerte sich, dass er Thomas überhaupt gefragt hatte. Sollte er sich das nächste Mal doch selbst kümmern.
Die Tür zum Physikraum sprang auf, und eine Horde Schüler stürmte ins Freie, als wäre der Feueralarm ausgelöst worden. Robert schaute sich um, konnte jedoch weder Tommy noch Dale entdecken. Verwundert trat er an die Tür und schaute in den Raum.
Dale hatte sich vor Tommys Tisch aufgebaut und blickte wütend auf ihn herab. Seine Augen schienen Funken zu sprühen. »Du gibst doch hier den herumkommandierenden Pontifex, du blöder Wichser! Mr Robert Tomkin der Große - spielst den beschissenen Obermacker und entscheidest über die Köpfe aller hinweg, was wir zu tun haben.«
Robert stand sprachlos in der Tür. Er fragte sich, welchen Umgang der Kanadier in den Ferien gehabt haben musste, dass er einen solchen Ton an den Tag legte. Und worum ging es eigentlich? Er schluckte, als Dale ein lautes »Du hast doch den Arsch offen, man!« hinzufügte.
Tommy schien das Ganze weniger zu berühren. Er saß zurückgelehnt mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl und hob sichtlich ungerührt die Augenbrauen. »Bist du fertig, oder hast du noch so ein paar wohlklingende Worte auf dem Herzen?«
Robert zuckte zusammen. Er spürte förmlich, wie die Luft zwischen Dale und Tommy explodierte. Fast erwartete er, dass Dale zuschlug, doch dieser rauschte plötzlich ohne ein weiteres Wort an Robert vorbei zur Tür hinaus.
In diesem Moment erblickte auch Tommy ihn, und in seinem Gesicht zeigte sich zum ersten Mal, seit Robert ihn beobachtete, eine Regung, wie ein Schmerz, der kurz auftauchte und sofort wieder verschwand. Er erhob sich, klemmte seine Bücher unter den Arm und verließ den Klassenraum.
»Hast du schon lange gewartet?«, fragte er, nachdem sie schweigend die Treppe hinunter gegangen waren.
Robert nickte. »Worüber habt ihr so gestritten? Ist irgendwas passiert?« Er fühlte sich unwohl bei dem Gedanken daran, dass seine besten Freunde untereinander verkracht waren.
»Ach, das war nicht so wichtig. Ich-«
»So klang das aber nicht«, beharrte Robert. Er blieb stehen und schaute Tommy in die Augen. »Ich hab Dale noch nie so wütend gesehen wie eben. Also, was ist passiert?«
Tommy machte den Anschein, als wollte er seinem Blick ausweichen, überlegte es sich jedoch anders und zuckte mit den Schultern. »Er hat heute morgen in seiner Freistunde zu Hause angerufen - keine Ahnung, wieso - und tierischen Krach mit seinem Dad gehabt.«
»Und deswegen geht ihr so aufeinander los?« Robert glaubte seinem Freund kein Wort.
»Nein, nicht deswegen. Aber du wolltest wissen, warum er so Scheiße drauf ist, und ich hab's dir gesagt.«
»Ja, schön, danke. Und wieso habt ihr euch nun gestritten?«
Tommy atmete gereizt durch, bevor er erwiderte: »Weil ich uns vorhin für die Abschiedsaufführung als Boygroup eingetragen habe.« Es klang fast beiläufig, doch Robert wurde schlagartig so einiges klar.
»Bitte? Du hast was? Spinnst du?!« Er senkte rasch seine Stimme, als eine Gruppe vorbeilaufender Schüler neugierig den Kopf zu ihnen wandte. »Und da fragst du dich, warum er so ausrastet? Du kannst uns doch nicht einfach so irgendwo anmelden!«
»Jetzt texte du mich auch noch zu, schönen Dank auch!« Tommy klatschte Robert wütend seine Bücher vor die Füße. »Wolli hat mich gefragt und ich hab zugesagt - ihr hättet euch doch im Leben nicht darum gekümmert, man! Aber bitte, macht euren Scheiß doch alleine!« Mit diesen Worten ließ er Robert mitten im Flur stehen.
Dieser schaute fassungslos auf die Bücher zu seinem Füßen, und dann zur Tür, durch die Tommy gerade verschwunden war. Wie in Trance bückte er sich, sammelte die Bücher auf und verließ das Hauptgebäude, um Tommy zu suchen.
Zu seiner Überraschung saß dieser gleich vor der Tür auf dem Rand des Springbrunnens und starrte mit verbissenem Blick in die Fontäne.
Robert zögerte einen Moment, bevor er die kurze Distanz zwischen ihnen schloss und sich wortlos neben seinen Freund auf das kühle Mauerwerk setzte. Eine Weile herrschte Stillschweigen zwischen ihnen, bevor Robert vorsichtig das Wort ergriff: »Hör mal, Tommy...« Er sah, wie Tommy die Schultern anspannte. Noch immer sah er ihn nicht an. »Du musst doch zugeben, dass das ziemlich... übereilt war, oder nicht?« Robert versuchte, jeglichen Vorwurf aus seiner Stimme fernzuhalten. »Es wundert mich nicht, dass Dale so reagiert hat; schließlich hast du das ja über unsere Köpfe hinweg entschieden.«
»Klar«, entgegnete Tommy mit gleichgültiger Stimme, »er ist der Gute, ich bin der Böse - er hat Recht, ich habe Unrecht.«
»Mensch, hör auf, hier rumzuzicken!« Diesmal war es Robert, der die Physikbücher neben Tommy auf den Brunnenrand knallte. »Du bist manchmal schlimmer als ein Baby, echt. Geh dich doch einfach mal entschuldigen! Dale hätte bestimmt zugesagt, wenn du einfach mal vorher gefragt hättest.«
Dass er sich in diesem Punkt allerdings irrte, erfuhr Robert eine halbe Stunde später, als er bei Dale und Chris im Zimmer auf Dales Bett saß und sich unter dessen wutentbrannten Blicken zunehmend unbehaglich fühlte.
Dale hatte ihm vor wenigen Minuten lautstark klargemacht, was Tommy ihn alles konnte und dass er im Leben nicht bei dieser schwachsinnigen Idee mitmachen würde. Chris' Beschwichtigungsversuche hatten da ebenso wenig genützt wie Roberts gestammelte Entschuldigungen für seinen Freund.
»Wir haben das einmal gemacht, schön, aber das ist jetzt fast drei Jahre her, und ich habe keinen Bock, mich noch mal vor allen lächerlich zu machen.«
»Es war aber nicht lächerlich, sondern ein großer Erfolg«, gab Robert kleinlaut zurück und duckte sich in Erwartung einer bitteren Antwort.
Dale erwiderte jedoch nichts, sondern sah mit zusammengekniffenen Lippen aus dem offenen Fenster.
Robert fragte sich, ob Tommy wohl noch immer am Brunnen saß, wo er ihn schließlich hatte sitzen lassen.
»Na ja, wie auch immer«, schaltete sich Chris plötzlich ein, der schon seit geraumer Zeit geschwiegen hatte, »ich fahre jetzt zu Whitney. Falls Alex doch noch meinen Hefter vorbeibringen sollte, legt ihn einfach aufs Bett.« Er griff seine Jacke vom Haken und warf Robert ein aufmunterndes Lächeln zu. »Ich bin jedenfalls dabei, kannst du Tommy sagen. Vielleicht beruhigt er sich dann etwas.« Er schaute zu Dale, der noch immer aus dem Fenster sah, und zuckte mit den Schultern. Dann verließ er das Zimmer mit einem fröhlichen »Bis dann.«.
Robert schlüpfte aus seinen Schuhen und zog seine Knie an die Brust. Er fühlte sich jetzt schutzlos Dales Wut ausgeliefert und überlegte, ob er nicht auch gehen sollte. Er war sowieso noch nie so ganz allein mit Dale in dessen Zimmer gewesen und hatte ein mulmiges Gefühl im Magen, das er sich nicht erklären konnte.
Dale schien sich inzwischen allerdings beruhigt zu haben, denn als er sich nach einer weiteren Minute des Hinausstarrens umdrehte, grinste er verlegen.
»Du hast mich heute von meiner schlechtesten Seite kennengelernt«, murmelte er und fuhr sich durch die dichten Haare.
»Ja, dein Wortschatz war schon beeindruckend.« Robert lachte verhalten. Er traute dem plötzlichen Stimmungswechsel noch nicht so ganz.
Dale seufzte und ließ sich neben ihm aufs Bett fallen. Die Matratze federte sofort nach unten und ließ Robert gegen Dales Schulter prallen, bevor er überhaupt reagieren und sich abstützen konnte. Er rappelte sich hastig wieder auf, doch Dale schien es nicht zu kümmern.
Er hatte sich nach vorne gebeugt und das Gesicht in den Händen vergraben. »Ich sollte mich bei ihm entschuldigen«, erklang es dumpf zwischen seinen Fingern.
»Bei wem? Tommy?«
»Ja.«
»Na ja...« Robert runzelte die Stirn angesichts des unerwarteten Sinneswandels. »Es war ja nicht gerade die feine englische Art, oder? Ich finde, er müsste sich mindestens ebenso entschuldigen.«
Dale lachte trocken. »Tommy? Nie im Leben, vergiss es. Außerdem kann er nichts dafür, dass ich Stress mit meinem Alten habe.« Er blickte auf und sah Robert mit seinen großen, grünen Augen an, die sein eckiges Gesicht auf faszinierende Weise weich und verletzlich wirken ließen. »Der Klügere gibt nach, oder nicht?«
Robert nickte, ohne den Blickkontakt zu lösen. Dales Augen waren von einem außergewöhnlich dunklen Grün, gesprenkelt mit vielen rotgoldenen Tupfern, umrahmt von ungewöhnlich langen, dunklen Wimpern. Sie verliehen ihm fast etwas mädchenhaft Schönes, fand Robert.
»Robert?«
Dales Worte rissen ihn aus seinen Gedanken, und er zuckte erschrocken zurück. »Ja! ... Was?« Er kam sich plötzlich sehr dumm vor und rückte ein Stück zur Wand.
»Nichts. Ich sagte nur, dass ich mich entschuldigen werde.«
Dale schaute ihn mit einem merkwürdigem Blick an, den Robert nicht zu deuten wusste. Er wandte das Gesicht verlegen ab und starrte auf seine grauen Socken. Am großen Zeh war der Stoff bereits so dünn, dass er wahrscheinlich bei der nächsten Wäsche reißen würde. Er entschied, ihn am Abend wegzuwerfen.
Eine Weile lang hingen sie beide ihren eigenen Gedanken nach. Irgendwo im Haus hatte jemand das Radio laut aufgedreht, und vom Hof her drang die Stimme von Mr Bonnet, der sich über die herumstehenden Fahrräder beschwerte. Warmer Nachmittagswind wehte durchs Fenster herein.
»Ich kann ja bei den Proben dabei sein und euch kritisieren«, sagte Dale plötzlich. »Aber singen werde ich trotzdem nicht.«
»Das klingt doch nach was.« Robert lächelte schwach. Er hatte keine Ahnung, was Tommy dazu sagen würde, aber er wusste, dass er sich im Fall der Fälle aufs Dales Seite stellen und Tommy in den Rücken fallen würde - andersrum wäre es einfach unfair, entschied er.
An diesem Abend wagte er es jedoch nicht, Tommy darauf anzusprechen. Er vermied es, vor dem Dunkelwerden zurück auf sein Zimmer zu gehen und blieb stattdessen bei Dale und Antonio, der nach einer Weile zu ihnen gestoßen war und erst einmal mit den Neuigkeiten des Tages überrumpelt wurde. Im Gegensatz zu Dale freute er sich jedoch über Tommys Idee und fing sofort an, über potentielle Lieder nachzudenken.
Roberts Befürchtung, dass Dales Missmut von neuem geweckt werden könnte, verblasste schnell, als dieser selbst einen Titel vorschlug. Zwar war es einer, den Tommy seiner Meinung nach alleine und in Unterhosen vortragen sollte, doch das darauffolgende Gelächter brach den Bann endgültig, und der Rest des Abends verlief ausgesprochen heiter, bis Chris nach Hause kam und die Gäste kurzerhand rauswarf.
Als Robert in sein Zimmer kam, schlief Tommy bereits, oder tat zumindest so.
Leise zog er sich aus, kletterte ins Bett und war schon im Begriff, das Licht zu löschen, als sein Blick auf den ›Parzival‹-Band auf seinem Nachttisch fiel. Mit einem Schlag wurde ihm klar, dass er gerade mal zwanzig von fünfzig Seiten gelesen und nicht im Entferntesten an eine Zusammenfassung gedacht hatte. Zu allem Überfluss hatte er donnerstags in der ersten Stunde Deutsch.
»Verdammte Scheiße!«, fluchte er im Flüsterton. Jetzt, da er im Bett lag, überkam ihn plötzlich die Müdigkeit, doch gleich in der ersten Woche die Hausaufgaben zu vergessen war eine Option, die er gar nicht erst in Betracht zog. Murrend griff er nach seiner Decke, schlurfte zum Schreibtisch und warf sie sich über die Schultern, bevor er die Lampe so drehte, dass sie Tommy nicht stören wurde, und sich eingemummelt im Schneidersitz auf den Stuhl setzte, um sich durch weitere dreißig Seiten ›Parzival‹ zu quälen.
Genau zwölf Stunden und drei Minuten später hasste er sich dafür, bis spät in die Nacht gelesen zu haben, »nur um diese dämliche Zusammenfassung zu schreiben!« Robert riss das Blatt aus seinem Hefter und knüllte es demonstrativ zusammen. »Ich hätte es nicht einmal lesen müssen, das bisschen hättest du mir auch erzählen können.«
Dale zuckte zurück angesichts des unerwarteten Ausbruches und lächelte entschuldigend. »Ich wette aber, dass Wolli genau dann deine Hausaufgaben eingesammelt hätte. Sagt Murphy.«
»Murphy kann mich mal kreuzweise. Ich bin derjenige, der jetzt Englisch hat und kein Wort von ›Romeo und Julia‹ verstehen wird, weil ich gleich einpenne.«
»Dieses britische Zeug versteht doch eh kein Mensch«, gab Dale zurück und grinste so unverschämt breit, dass sein abgebrochener Eckzahn aufblitzte. »Ich hab jetzt bei Ó Donnaill, das wird wenigstens cool. Wir sehen uns dann nach der Achten. Bis später.«
»Ja, bis dann.« Robert packe seinen Hefter zusammen und verließ den Raum, die zusammengeknüllte ›Parzival‹-Fassung im Papierkorb versenkend. Vielleicht würde ja wenigstens Tommy ihn ein wenig aufmuntern können - irgendwie musste er Mr Fiennes' Stunden ja überstehen.
Als er im Englischkurs ankam, war sein Freund jedoch nicht zu sehen. Tommy war bereits vor ihm aufgestanden und nicht zum Frühstück erschienen, was jedoch an Donnerstagen nichts Ungewöhnliches war. Seit Tommy sich im letzten Jahr beim Sezieren von Fischen beinahe hatte übergeben müssen, weigerte er sich, vor dem Biologieunterricht auch nur einen Bissen anzurühren.
Dass er allerdings auch jetzt noch nicht da war, besorgte Robert ein wenig. Laut seiner Uhr hatte Tommy noch vier Sekunden Zeit, um durch die Tür zu kommen, noch zwei, eine, und da war das Klingeln, aber kein Tommy.
Robert seufzte und setzte sich so unbequem wie möglich hin, den Blick starr nach vorne gerichtet. Es würde keinen guten Eindruck machen, auch in der zweiten Englischstunde nach den Ferien geistig nicht anwesend zu sein, und so zwang er sich, Mr Fiennes ein qualvolles Lächeln zu schenken, als dieser sich die Lippen befeuchtete und ihn aufforderte, seine Interpretation von Akt eins, Szene vier darzulegen.
Die beiden letzten Stunden bei Mr Frey vergingen wie im Flug, und kurz nach vier Uhr verließ Robert den Physikraum, müde, aber äußerst zufrieden mit dem Ergebnis des Wiederholungstests, den sie am Dienstag geschrieben hatten.
»He, Bartlett!« Robert blieb stehen und schaute sich um. Chris' Kumpel Alexander Pearl kam mit schnellen Schritten auf ihn zu, zwei dicke Hefter unter den Arm geklemmt.
»Hi, was gibt's?«
»Kannst du Chris seinen Hefter mitbringen? Ich hab's gestern voll verpennt und muss jetzt weg zum Schwimmen.«
»Klar, kein Problem.« Robert nahm den dicken Hefter entgegen und warf einen Blick aufs Cover. »›El Idioma Español‹...« Er schaute erstaunt auf. »Du hast zusammen mit Chris Spanisch? Du bist doch noch in der Mittelstufe, oder?«
»Yo«, erwiderte Alexander mit einem Lächeln, von dem Robert annahm, dass es jedes Mädchenherz zum Schmelzen brachte. »Der Spanischkurs war dieses Jahr allerdings so schlecht besetzt, dass sie Mittel- und Oberstufe zusammengelegt haben. Größere Herausforderung für mich, aber die anderen beiden aus meiner Gruppe hatten schon vorm Harris College Spanisch und sind sogar den Älteren um Einiges voraus.«
»Ach so, na dann.« Robert war überrascht, dass sich dieser Junge so unbefangen mit ihm unterhielt. Normalerweise kamen Ober- und Mittelstufe nicht häufig in Kontakt, zumal es sowieso ungewöhnlich war, wenn sich Schüler, die weder in derselben Gruppe waren noch gemeinsame Kurse hatten, außerhalb der Unterrichtszeit unterhielten.
»Na gut, ich mach dann mal los. Danke noch mal, du bist ein Schatz!« Alexander klopfte ihm locker auf die Schulter und verschwand mit seinem strahlenden Sonnyboy-Lächeln die Treppe hinunter.
»Kein Problem. Ciao...« Robert sah ihm etwas perplex nach, bevor er den Kopf schüttelte und die entgegengesetzte Richtung zum John-Morgan-Haus einschlug.
Als er die Zimmertür öffnete, stolperte er fast über einen kleinen Welpen, der leise winselnd gegen seinen Schuh tapste. Robert sprang erschrocken zurück und prallte gegen Tommy, der gerade mit einem Glas Wasser ins Zimmer kam.
»Was zur Hölle-«, stieß er noch hervor, bevor Tommy ihm hastig den Mund zuhielt.
»Psst!« Er drückte die Tür zu und warf Robert einen flehenden Blick zu. »Ich musste ihn mitbringen, Robby. Shayla hat ihn verstoßen, weil ihn so ein paar dämliche Gören den halben Tag lang mit sich rumgeschleppt haben. Er riecht zu sehr nach Mensch.«
Robert ließ sich sprachlos in die Hocke sinken und kraulte das winzige schwarze Bündel abwesend, während er Tommy fassungslos anschaute. »Aber was willst du denn hier mit ihm machen?«, brachte er schließlich hervor.
Tommy zuckte hilflos mit den Schultern und hockte sich ebenfalls hin, die Arme vor der Brust verschränkt. »Ich konnte ihn doch nicht einfach so sterben lassen.«
»Nein, aber...« Robert wusste nicht, wie er Tommy die aussichtslose Situation am besten erklären sollte. »Du hättest ihn dort lassen müssen. Deine Mum-«
»Sie hätte ihn sofort ertränkt, dass kannst du mir glauben. Es ist schon schlimm genug, dass Shayla überhaupt geworfen hat. Wenn Daddy nicht wäre, würde sie alle Jungen umbringen.«
»Kann er dann nicht...?«
Tommy schüttelte schwach den Kopf. »Nein. Er lässt der Natur seinen Lauf, hat er gesagt. Das würde dazugehören.«
Robert wollte zu einer Antwort ansetzen, als die Tür geöffnet wurde und Dale ins Zimmer kam. In seiner Hand hielt er eine Packung Welpennahrung. »Das hier ist das richtige, ich hab extra noch mal beim Händler nachgefragt. Du musst es einweichen und ihm dann mit einer Spritze oder so geben. Zum Trinken ist er noch zu klein.«
»Ja, ich hab schon warmes Wasser geholt, danke.« Tommy erhob sich und nahm Dale die Packung ab, um die Spezialnahrung einzurühren.
Dale kniete währenddessen neben Robert nieder. »Hi, Robby. Wie geht es ihm?«
»Ich bin eben erst gekommen, keine Ahnung.« Robert blickte fragend von Dale zu Tommy und wieder zu Dale. »Seit wann redet ihr wieder miteinander?«, fragte er leise, doch Tommy hatte es trotzdem gehört.
»Steck deine Nase nicht in fremde Angelegenheiten, sondern hilf mir lieber«, sagte er und deutete in Richtung Kommode. »Gib mir mal die Spritze da drüben.«
Robert tat, wie ihm geheißen. »Ist die von Jona?«
»Ja, die hat sie vorhin gleich vorbeigebracht. ... So, jetzt brauch ich mal einen, der das hier festhält. Dale? Robby, pass auf, dass du den Kleinen nicht zertrittst.«
Tommy gab mit ruhiger Stimme Anweisungen, und wenige Minuten später saß er im Schneidersitz auf dem Fußboden und fütterte den gerade einmal handgroßen Welpen auf seinem Schoß. Dale und Robert hatten beide auf Tommys Bett Platz genommen und beobachteten ihn schweigend.
Nicht lange darauf legte Tommy die Spritze beiseite. Zahlreiche weiße Spritzer klebten an seiner dunklen Hose, doch es schien ihn nicht zu kümmern. Stattdessen ließ er sich von Robert sein Kopfkissen reichen und bettete den Kleinen auf seinem Schoß darauf.
»Er ist total hässlich, so nackt und blind«, meinte Dale. Es klang jedoch ungewohnt liebevoll, und Robert schaute den Kanadier überrascht an. »Der Hund meiner Oma hat vor vier Jahren auch Junge bekommen«, fuhr Dale fort, »und ich war dabei, als sie geboren wurden. Sie waren genauso nackt und hässlich, aber ich kam mir vor wie ein Vater, als ich sie das erste Mal gesehen habe.« Er schluckte und legte den Kopf schief, um den schwarzen Welpen besser im Blick zu haben. »Als ich am nächsten Morgen wieder hingegangen bin, waren sie alle tot gebissen.«
Dale hatte den Satz so emotionslos hervorgebracht, dass Robert erst einen Moment später die Bedeutung seiner Worte begriff. Die grausame Vorstellung schnürte ihm die Kehle zu, und er warf schnell einen Blick auf Tommys Schützling, um sich zu vergewissern, dass es ihm noch gut ging.
Der Welpe schlief ruhig auf Tommys Schoß. Ein kleiner schwarzer Fleck auf dem weißen Kissen, klein und zerbrechlich. Robert verstand auf einmal, wieso Tommy ihn mitgebracht hatte; er selbst fühlte bereits eine Welle der Zuneigung in sich aufsteigen.
Als er wieder zu Dale schaute, sah er, dass sich dieser über die Augen wischte. Er legte kurz seine Hand auf Dales Schulter, um ihm Trost zu spenden, ließ sie jedoch schnell wieder sinken.
Sie unterhielten sich leise über die Pläne zur Abschiedsfeier und dachten über günstige Probentermine nach, was sich als schwieriger als vermutet erwies. Irgendwann fing Dale an, sich Notizen zu machen, wer wann welchen Nachmittag freihatte, und sie kamen zu dem Ergebnis, dass sie nicht viele Möglichkeiten zum Proben hatten und bald anfangen mussten.
Zwischendurch war Robert ins Café gegangen, um ein paar Sandwiches zu holen. Als er wiederkam unterhielten sich Tommy und Dale über die politische Lage im Nahen Osten, und Robert war erstaunt, wie gut sie auf einmal wieder miteinander auskamen. Andererseits kannte er Tommys Charme lange genug, und er wusste nur zu gut, dass er selbst es selten schaffte, länger als einen Tag böse auf den blonden Jungen zu sein.
Als sich Dale schließlich verabschiedete war es bereits halb zehn.
Robert spürte die durchwachte Nacht zuvor jetzt in allen Knochen und gähnte herzhaft. Er hielt Dale Chris' Hefter hin und wünschte ihm eine gute Nacht, bevor er sich gegen seine Bettkante lehnte und gegen den Wunsch ankämpfte, jetzt einfach die Augen zu schließen.
Erst, als die Tür ins Schloss fiel, regte sich auch Tommy wieder. Obwohl er früh zu Bett gegangen war, sah er übernächtigt aus, und Robert fragte sich, wie lange er wohl in Wirklichkeit wachgelegen hatte.
»Er ist eingeschlafen«, flüsterte Tommy leise und hob das Kissen von den Beinen.
Im ersten Moment verstand Robert nicht, was er meinte, bevor ihn die Aussage wie ein Schlag ins Gesicht traf. »Wann...?« Er erkannte seine Stimme kaum wieder.
»Vor etwa einer Stunde, kurz nachdem du mit dem Essen kamst.«
»Warum hast du nicht-«
Tommy schüttelte den Kopf. »Ich konnte es einfach nicht sagen. Er sah so friedlich aus.« Er erhob sich, legte das Kissen mit dem Welpen vorsichtig aufs Bett und griff nach seinen Schuhen. »Ich bin bald wieder da, bleibst du noch so lange wach?«
Robert nickte stumm und beobachtete hilflos, wie sich Tommy anzog, einen Karton aus dem Schrank zog und den Inhalt auf seinem Bett ausschüttete. Anschließend bettete er den Welpen behutsam darin und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer.
Robert verspürte eine dumpfes, leeres Gefühl in seiner Brust. Er wusste nicht, wie lange er an derselben Stelle gekniet hatte, bevor er sich erhob und ins Bad ging, um sich zu waschen.
Als er wiederkam, war Tommy noch immer nicht zurück, und er machte sich daran, mit mechanischen Bewegungen den Bezug von Tommys Kissen zu wechseln. Als er fertig war, hörte er kurzzeitig Schritte auf dem Flur, doch es dauerte noch fünf Minuten, bis Tommy mit nassen, ungegelten Haaren ins Zimmer kam.
»Wo hast du...?«
»Am Fluss.« Tommy ließ sich auf Robbys Bett sinken und nahm sein Kissen in die Arme. Sein Blick war auf den Fußboden gerichtet. »Er hat nicht einmal vierundzwanzig Stunden gelebt... nicht einmal einen Tag.«
Robert nahm neben Tommy Platz und legte einen Arm um ihm. »Aber er hat sich wohl gefühlt«, flüsterte er heiser und zog ihn an seine Schulter. »Das ist doch das Wichtigste«.
Tommy nickte schwach gegen seinen Arm. Er atmete zitternd durch und legte sich auf Roberts Bett, seinen Freund mit sich ziehend.
Robert zog so vorsichtig wie möglich seine Decke unter ihnen hervor und warf sie über ihn und Tommy. Dann legte er seine Hand auf dessen Schulter und streichelte sie sanft, bis ihm Tommys regelmäßige Atemzüge verrieten, dass er eingeschlafen war.
Er selbst lag noch lange wach und dachte über Leben und Tod nach. Als er einschlief, hatte die Glocke in der Ferne gerade zwei Uhr geschlagen.
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