Leben und Lieben am Harris College Teil 4 - Miki
Kapitel 4: Robert Hood And His Merrymen
Das Wochenende kam wie eine Erlösung nach der ersten anstrengenden Schulwoche. Das warme Wetter hatte sich gehalten, und Jim hatte die grandiose Idee gehabt, den Samstag auf einem Ritterfest im Sherwood Forest zu verbringen. Sie waren alle begeistert gewesen.
»Komm schon, Tommy, die anderen warten schon.« Robert hängte sich eilig seinen Rucksack über die Schulter und drehte sich zu Tommy um, der vor dem Spiegel stand und an seinen Haaren herumzupfte. »Du bist echt der eitelste Kerl, den ich kenne!«
»Aber auch der schönste«, flachste Tommy und ließ endlich vom Spiegel ab. »Worauf wartest du? Ich bin fertig, gehen wir.«
Robert rollte mit den Augen und sagte nichts. Er schob Tommy aus dem Zimmer, schloss die Tür ab und eilte mit ihm nach unten, wo tatsächlich schon alle auf sie warteten.
Neben Dale und Chris waren auch Jona und Chris' Freundin Whitney anwesend. Jim, informierte ihn Dale, wartete mit einem Kleinbus vom Theater der St. Anthony Schule auf dem Parkplatz.
»Na dann, auf geht's!« Tommy umfasste Jonas Hüfte und marschierte los in Richtung Parkplatz. Als sie am Lord-Byron-Haus vorbeikamen, verließ Dale kurz die Gruppe, um Antonio zu holen. Das offene Fenster im zweiten Stock bestätigte ihnen, dass der Italiener wie immer der Letzte war, und tatsächlich kam Dale kurz darauf mit ihm im Schlepptau zurück. Fröhlich plaudernd legten sie die letzten Meter bis zum Parkplatz zurück, Jona inzwischen in ein tiefes Gespräch mit Whitney verwickelt, während Tommy an Roberts Seite am Ende der Gruppe lief.
Als sie die Festwiese passierten, schaute Tommy zur Flussgabelung hinunter. »Dort hinten liegt er, ganz nah am Wasser, unter den Bäumen«, sagte er leise und blieb stehen. Robert folgte seinem Blick und drückte kurz Tommys Hand. Sein Freund lächelte wehmütig. »Wir hätten ihn ja sowieso nicht hier behalten können.«
»Nein...« Robert nickte und zog Tommy mit sich. Er wirkte schwach in diesem Moment, und Robert hielt es für besser, wenn sie nicht stehen blieben. Zu seiner Erleichterung hatte der Rest der Gruppe inzwischen Jim erreicht und rief nun ungeduldig nach ihnen. Sie beeilten sich, aufzuschließen, und drängelten sich der Reihe nach in den uralten VW Samba-Bus.
»Bleibt ja sogar ein Sitz übrig, wundervoll«, grinste Dale. »Wer zuerst eine aufreißt, darf ihn für sich beanspruchen.« Alle lachten, bis auf Tommy und Dale selbst. Sie tauschten einen kurzen, rätselhaften Blick, bevor sich Tommy von Jonas Fingern in seinem Nacken ablenken ließ.
Als sie eine knappe Stunde später ankamen, standen sie bereits vor dem Problem, einen Parkplatz zu finden. Schließlich setzte Jim sie nahe der ersten Ritterzelte ab und suchte allein weiter, während die Jungs ein Programmheft organisieren und sich einen Überblick verschaffen sollten.
»Jetzt schaut euch an, was ich hier habe.« Tommy wühlte mit geheimnisvoller Miene betont langsam in seinem Rucksack herum, bevor er einen spitzen Hut aus weichem braunen Leder hervorzog. Eine rote Feder schmückte die linke Seite und tanzte anmutig im Wind.
»Wo hast du den denn her?«, fragte Robert stirnrunzelnd.
»Den, mein lieber Robby Hood,«, begann Tommy und setzte den Hut auf Roberts Kopf, »habe ich extra für Euch anfertigen lassen.«
Die anderen prusteten los, und Robert riss sich den Hut hastig vom Kopf. »Was soll der Quatsch? Spiel doch selber den Robin Hood, du Witzbold.«
»Nee, ich will mich ja nicht lächerlich machen«, grinste Tommy und setzte ihm den Hut abermals auf den Kopf. »Außerdem bist du hier unser Meisterschütze, also steht er dir zu.«
»Komm schon, Robby«, mischte sich Dale ein und gab sich alle Mühe, sein Grinsen zu unterdrücken. »Du siehst damit richtig verwegen aus, wirklich.«
»Ja sicher«, gab Robert brummend zurück, ließ den Hut jedoch zu seinem eigenen Erstaunen dort, wo er war.
Whitney hielt ihm einen Handspiegel vors Gesicht. »Es sieht wirklich gut aus«, bemerkte sie schüchtern.
Robert glaubte ihr kein Wort, doch als er sein Spiegelbild betrachtete, musste er zugeben, dass das helle Leder sehr gut mit seinen grünen Augen und seinem kastanienbraunen Haar harmonierte. »Na ja, geht so«, erwiderte er und gab Whitney den Spiegel zurück. »Danke.«
»Ihr steht ja immer noch hier rum.« Jim kam auf sie zu, die Hände lässig in den Hosentaschen. Sein Blick fiel auf Robert, und er pfiff leise durch die Zähne.
»Kein Wort«, beeilte sich Robert zu sagen, und Jim grinste nur. »Also, gehen wir?«
»Zu Befehl, Robin!« Tommy hielt Jona seinen Arm hin. Sie knickste elegant und hakte sich unter, während Whitney beinahe scheu Chris' Hand ergriff. Die anderen liefen nebeneinander hinter Tommy her, und kurz darauf tauchten sie in die bunte Menschenmenge ein.
Die Luft roch nach frisch gebackenem Brot, und wenige Meter von ihnen entfernt pries ein in Lumpen gekleideter Mann Getreidebrei an. Dale verzog das Gesicht und spähte stattdessen hinüber zu den großen Fässern, die neben einem alten Steinofen aufgestellt waren und gerade angezapft wurden. Ein schwer leserliches Schild, das daneben aufgestellt worden war, wies zusätzlich auf Fassbrause für jüngere Besucher hin.
»Wein und Bier den ganzen Tag, das muss das Paradies gewesen sein«, meinte Dale und rieb sich vergnügt die Hände.
»Und deswegen ist kaum ein Mensch mehr als dreißig Jahre alt geworden - ein wunderbarer Paradies«, erwiderte Antonio und tippte sich vielsagend auf die Stirn.
Tommy blieb einige Meter vor ihnen stehen und schaute sich um. »Was haltet ihr davon, wenn wir uns in einer Stunde wieder hier treffen?«, schlug er vor. »Jona und ich wollen etwas für den Muttertag einkaufen gehen, das ist vielleicht nicht so interessant für euch.« Er warf Robert und Chris einen entschuldigenden Blick zu. »Ich meine, wenn ihr mit wollt, ist das auch okay. Ich wollte nicht sagen, dass-«
»Nee, du hast schon Recht«, gab Robby zurück. »Ich gehe mir das Bogenschießen anschauen, da hinten.«
»Klasse, ich komme mit.«
»Ich auch.« Der Rest schloss sich einstimmig Roberts Vorschlag an.
Sie verabredeten sich mit Tommy und Jona später am Steinofen, und wenige Augenblicke später war das junge Paar in der Menschenmenge verschwunden.
»Es ist sogar ein Bogenschießwettbewerb«, stellte Chris überrascht fest, als sie sich für eine bessere Sicht bis zum Hauptzelt vorgekämpft hatten.
Tatsächlich leuchtete auf einem großen Schild in weißen Lettern:
»›Kunst des Bogenschießens‹
Anmeldung für Teilnehmer am Wettbewerb hier«
»Wie sieht's aus, wollen wir mitmachen?« Dale schaute die anderen fragend an.
»Bis auf Robby kann doch niemand von uns Bogenschießen«, entgegnete Chris und hob zweifelnd die Augenbrauen.
»So gut kann ich das auch nicht«, korrigierte Robert beschwichtigend, doch Dale fühlte sich bereits herausgefordert.
»Guck mal, wie viele sich da anmelden. Die werden das ja wohl auch nicht alle gelernt haben, also bekomme ich das auch hin.«
»Kann sein, aber du wirst keinen müden Heller gewinnen.«
»Um was wetten wir?«
Chris überlegte, grinste dann. »Also gut. Wenn du nicht unter die ersten... sagen wir, die ersten zehn kommen solltest, verkleidest du dich nachher als Maid Marian.«
Dale stockte kurz, dann nickte er. »Einverstanden, schlag ein.«
Die anderen amüsierten sich prächtig bei dieser Vorstellung, und selbst die bisher eher ruhig gebliebene Whitney gab eine spöttische Bemerkung von sich. Dale war sich jedoch seiner Sache sicher und stellte sich am Ende der kurzen Schlange Teilnehmer an.
»Wir auch?«, fragte Antonio, an Robert gewandt.
Dieser nickte. »Klar, warum nicht. Was ist mit euch, Jim, Chris?«
Jim hob abwehrend die Hände. »Keine Chance, Meister Robin. Auf meine Schießkünste müsst ihr wohl oder übel verzichten. Ich werde Euch jedoch zusammen mit Master Chris und seiner Maid anfeuern, wenn es genehm ist.«
Chris und Whitney nickten rasch. »Ja, macht ihr das mal unter euch aus«, versicherte Chris. »Wir suchen uns inzwischen einen Platz. Viel Glück!«
Bis der Wettbewerb anfing verging noch eine ganze Stunde. Robert, Dale und Antonio hatten sich mit einigen der insgesamt siebenundzwanzig Teilnehmer in ein Bierzelt gesetzt, nachdem sie ihre Suche nach ihren verschollenen Freunden aufgegeben hatten.
Antonio wurde nach jeder verstrichenen Minute sichtlich nervöser. Er musterte verstohlen die anderen Teilnehmer, bis auf zwei oder drei alle wesentlich älter als sie selbst, und klammerte sich an sein Bier. Dann sprang er plötzlich auf und lief auf einen Stand in einigen Meter Entfernung zu. »Ich werde gleich wiederkommen«, rief er über die Schulter zurück, und Dale grinste.
»Dort hinten werden Glücksbringer aus Blei gegossen«, erklärte er auf Roberts fragenden Blick hin. »Vielleicht hätte ich mir einen mitbringen lassen sollen.«
»Deine Chancen, unter die ersten zehn zu kommen, sind doch gar nicht so schlecht«, meinte Robert und nippte nachdenklich an seiner Fassbrause.
Dale winkte an. »Ach, ist doch eh nur ein Spiel.« Als er Roberts ernsten Gesichtsausdruck sah, versetzte er ihm einen leichten Stoß an der Schulter. »Hey, Robby! Nimm doch nicht immer alles so ernst! Ich seh dich ja fast nie lachen.«
Robert lächelte matt. »Ich bin nervös, das ist alles. War vielleicht doch keine so gute Idee.«
»Kneifen gilt nicht!« Dale nahm einen großen Schluck Bier und atmete befreit durch. »Sei einfach mal locker und hab deinen Spaß! Das Leben ist viel zu kurz, um ständig Trübsal zu blasen.«
»Du hast ja ein tolles Bild von mir«, erwiderte Robert und musste widerwillig grinsen. »Ich hab eine Menge Spaß mit Tommy und so, mach dir mal keine Sorgen.«
»Ohoo~o!«, feixte Dale und duckte sich instinktiv.
»Nicht, was du wieder denkst!«, protestierte Robert mit erhitzten Wangen. Er wusste zwar, dass Dale ihn aufzog, doch das konnte er nicht so auf sich sitzen lassen.
Antonio kam ihm allerdings dazwischen, denn der Italiener tauchte unvermutet zwischen ihren Stühlen auf. »Es hat gerade angefangen, kommt mit schnell!«
Sie sprangen eilig auf und folgten ihm. Tatsächlich stand ein Mann am Rande des eingezäunten Schießplatzes und verteilte kleine Rosetten mit aufgestickten Startnummern. »Mr Miller-Goldberg, ist er nun noch anwesend?« Der Mann klang ungeduldig, und Dale beeilte sich, seine Nummer entgegenzunehmen.
»Die Vier«, stellte er missmutig fest. »Ziemlich blöd, aber na ja.«
Robert zog Nummer sechzehn, Antonio die achtzehn, und sie gingen gemeinsam ins Zelt, um sich einen von zwei verschiedenen Bögen auszusuchen. Während Antonio sich für einen der prachtvoll geschnitzten Langbögen entschied, wählten die beiden anderen zusammengesetzte Bögen, wie sie - wenn auch in wesentlich modernerer Form - am Harris College verwendet wurden.
Robert zeigte Dale noch schnell, wie er den Pfeil richtig anlegte, dann wurde er auch schon aufgerufen. »Viel Glück«, konnte er ihm noch wünschen, bevor Dale grinsend ins Sonnenlicht hinaustrat.
Zu Roberts Enttäuschung durften die noch verbleibenden Teilnehmer den anderen nicht zusehen, und so konnten sie nur am Raunen und Stöhnen des Publikums erkennen, wie gut ein Teilnehmer war. Auch die Punkte wurden nicht laut angesagt.
Antonio verzog das Gesicht, als Dale schoss und ein Stöhnen durchs Publikum ging. »Er hat noch nie so etwas gemacht«, nahm er ihn in Schutz, und Robert nickte nervös. Wieder stöhnte das Publikum auf.
»Das muss ja nichts heißen«, versuchte Robert, sich selbst Mut zuzusprechen. »Vielleicht hat er ja auch nur ganz knapp die Mitte verfehlt.« Er glaubte selbst nicht daran, aber immerhin war das Raunen im Publikum bei Dales letztem Schuss deutlich leiser. Kurz darauf folgte verhaltener Applaus, und der nächste Teilnehmer wurde aufgerufen.
»Puh, ich bin total nervös.« Robert wischte seine feuchten Hände an den Hosenbeinen ab und schielte nach draußen, ohne etwas erkennen zu können.
»Warum trägst du eigentlich immer Schuluniform?«, fragte Antonio plötzlich. »Hast du keine andere Sachen?«
Robert kratzte sich verlegen an der Schläfe. »Öh, doch. Ich fühl mich darin nur nicht so wohl, das ist alles. Die Uniform sieht doch gut aus.«
»Das tut sie, aber du bist ein hübscher Junge, Robby.« Robert hatte das unangenehme Gefühl, rot zu werden. »Du solltest mehr Abwechslung tragen, vielleicht ein Jeans oder etwas aus Leder, wie Shaw.«
Robert schüttelte energisch den Kopf. »Das würde furchtbar aussehen. Shaw sieht so gut aus, und so sportlich, Leder steht ihm wirklich. Aber ich mit meinen kurzen Beinen würde mich lächerlich machen!«
»Quatsch.« Antonio betrachtete ihn skeptisch von oben bis unten. »Oder du trägst etwas Enges, sieh Tommy. Es wäre sogar besser bei dir, du bist nicht so dünn.« Er nickte, als wollte er sich selbst bestätigen, und im Hintergrund raunte das Publikum in unregelmäßigen Abständen. »Du versteckst dich hinter deine Uniform, Robby. Das tut dir nicht gut. Außerdem sieht man die Uniform nicht gerne in der Freizeit getragen.«
Robert nickte halbherzig und wünschte sich inständig, endlich aufgerufen zu werden. Antonio hatte gut reden, fand er - der Italiener sah blendend aus und war bei allen Mädchen im Umfeld beliebt. Einige besuchten sogar nur wegen ihm das Haus der Exponate, auch wenn das Antonio nicht sonderlich zu interessieren schien. Wenn er einmal in seine Arbeit versunken war, bekam er um sich herum nichts mehr mit. Trotzdem sah er auch im gedankenverlorenen Zustand noch unverschämt gut aus.
»Vielleicht solltest du einmal mit Tommy einkaufen gehen«, fuhr Antonio fort und schob den Hut auf Roberts Kopf ein Stück höher. Der hatte inzwischen vergessen, dass er ihn überhaupt noch trug, und wollte ihn gerade abnehmen, doch Antonio zog seine Hand zurück. »Lass den auf, das sieht wirklich sehr bess- nein, scusi... viel besser aus. Du siehst wirklich ein bisschen aus wie ein Robin Hood.«
Robert umklammerte seinen Bogen und fühlte sich zunehmend unwohler. Das hier war fast schlimmer, als wenn Desmond Stainthorpe-Pickering beim Bogenschießen jede seiner Bewegungen haargenau beobachtete und hinterher erörterte. Wenn er darüber nachdachte, wäre ihm eine solche Situation sogar lieber als ein Gespräch mit Antonio, der einem seine Meinung direkt ins Gesicht sagte - einer der Gründe, warum der Italiener so oft bei Tommy aneckte.
»So, Nummer sechzehn, Mr Bartlett - sind Sie das?« Der junge Mann, der vorhin die Rosetten verteilt hatte, blickte zu Robert herüber.
Der nickte und atmete tief durch. »Okay. Wünsch mir Glück.«
»Viel Glück!« Antonio klopfte ihm auf die Schulter und grinste. »Du schaffst das gut, du bist immerhin der Beste von uns. Bocca al lupo!«
»Danke. Dir auch viel Glück!« Robert festigte seinen Griff um den Bogen und ging mit wackligen Beinen auf den Zeltausgang zu.
Die Sonne hatte sich gerade hinter die Wolken zurückgezogen, und er empfand das Licht als angenehm und fürs Schießen gut geeignet. Etwas selbstsicherer schritt er auf die Zwei-Mann-Jury zu.
»Mr Bartlett?« Robert nickte und nahm die drei Pfeile entgegen, die ihm eine ältere Frau in wunderschöner Tracht reichte. Sie lächelte aufmunternd.
»Viel Glück«, wünschte der stämmige Mann mit rotblondem Kinnbart neben ihr.
»Danke.« Robert atmete noch einmal durch und ging zu der Aufstelllinie, die man mit weißer Kreide ins Gras gezogen hatte. Am Rande des Zauns erblickte er Dale und all die anderen Teilnehmer, die dort auf den Ausgang des Turniers warteten. Dale hob beide Daumen, und Robert fühlte, wie seine Beine schwach wurden.
Er drehte sich um und sah zur Zielscheibe. Sie war etwa fünfzig Meter entfernt, er hatte schon weiter schießen müssen. Doppelt gelb, rot, blau und schwarz staffelten sich die Ringe von innen nach außen, ganz so, wie er es gewohnt war. Seine Hände hörten auf zu zittern.
Konzentriert legte er den Pfeil an, spannte die Sehne, zielte und schoss. Die Menge raunte im Hintergrund, doch er beachtete sie kaum. Der Pfeil steckte im zweiten roten Ring, knapp am Rand des ersten.
Er sammelte sich und schoss erneut, diesmal noch ruhiger. Er hörte das blitzschnelle Surren des Pfeils, bevor er gedämpft auf die Zielscheibe traf. Gelb, wenn auch nicht die Mitte. Die Menge jubelte.
Mit höchster Konzentration legte er den dritten Pfeil an und spannte den Bogen. Er visierte abermals den gelben Punkt an, blinzelte, zielte erneut und schoss.
Die Menge stöhnte auf, und Robert ließ den Bogen sinken. Erster Ring blau. Er zuckte mit den Schultern und schluckte die Enttäuschung runter. Er ging zur Jury und stellte den Bogen zu den vielen anderen neben den Tisch. Das Publikum klatschte laut, und er schritt mit weichen Knien zu Dale, der das Victory-Zeichen machte.
»Das war doch super, ganz toll! Du gehörst zu den Besten!« Er strahlte, als hätte er selbst geschossen.
Robert lehnte sich gegen den Zaun und schaute der jungen Frau, die nach ihm dran war, zu. Er fühlte, wie sein Herz pochte, doch langsam begann er, stolz auf sich zu sein. Er hatte immerhin zweimal sehr gut getroffen, ohne Übungsschüsse davor. Nicht schlecht nach drei Wochen Ferien und dem geschwänzten Training am Mittwoch, entschied er.
Die junge Frau traf nicht ein einziges Mal, doch das Publikum applaudierte höflich. Sie gab ihren Bogen ab und machte Platz für Antonio, der sich lässig der Jury vorstellte und dann an die Aufstelllinie trat.
Anhand der Bögen neben dem Tisch der Jury erkannte Robert, dass der Italiener einer der wenigen war, die einen Langbogen gewählt hatten. Gespannt beobachtete er, wie Antonio den ersten Pfeil auflegte und schoss.
Der Pfeil bohrte sich drei oder vier Meter vor der Zielscheibe in den Boden, und Robert verzog das Gesicht. »So ein Pech.«
»Keine Angst, Antonio ist das völlig egal«, beruhigte ihn Dale und grinste.
Tatsächlich zuckte dieser mit den Schultern und legte ungerührt den nächsten Pfeil an. Dann hob er das linke Bein nach hinten und balancierte auf dem rechten. Der Bogen in seiner Hand wackelte heftig.
»Was macht er denn jetzt?«, fragte Dale entgeistert.
Diesmal war es Robert, der sich ein Grinsen nicht verkeifen konnte. »Er spielt Amor, sieht man doch.«
Der Pfeil surrte durch die Luft und direkt an der Zielscheibe vorbei. Das Publikum grölte, und ein Mädchen hinter ihnen pfiff lautstark.
»Amors Pfeil hat wohl mitten ins Herz getroffen«, witzelte Dale und beobachtete, wie Antonio mit der Eleganz eines sterbenden Schwanes den letzten Pfeil auf seine Reise schickte. Er traf den äußeren schwarzen Ring.
Das Publikum johlte und applaudierte wie wild, während sich Antonio tief verbeugte und den Bogen abstellte.
Dann kam er auf Dale und Robert zu. »Na, wie war ich?«
»Einsame Spitze!«, rief Dale lachend und hob den Daumen.
Eine halbe Stunde und neun Teilnehmer später standen die Ergebnisse fest. Dale war nicht einmal annähernd unter die ersten zehn gekommen, wie er mit gespieltem Entsetzen feststellte. Mit seinem einzigen Treffer im ersten blauen Ring - »Ein reiner Glückstreffer!«, betonte er immer wieder - hatte er es jedoch immerhin auf Platz fünfzehn geschafft. Antonio war Einundzwanzigster, und zu Roberts größter Überraschung hatte er selbst den vierten Platz gemacht.
Seine Freunde klopften ihm anerkennend auf die Schulter, und Dale zog sogar einen imaginären Hut vor ihm. In diesem Moment stießen auch Jim, Chris und Whitney sowie Tommy und Jona, die die anderen inzwischen eingesammelt hatten, zu ihnen und gratulierten überschwänglich.
Erst, als Tommy fragte, seit wann sich auch Dale fürs Bogenschießen begeistern würde, kam die Wette zwischen diesem und Chris wieder auf.
Tommy war entzückt. Mit einem diabolischen Grinsen verkündete er, dass er und Jona den Kostümfundus bereits entdeckt hatten, und dass man dort nur auf Freiwillige wartete.
Eine dreiviertel Stunde später war Dale nicht mehr wiederzuerkennen. Er trug ein langes Kleid aus weißem und cremefarbenem Stoff, das über der Brust mit mehreren verkreuzten goldenen Bändern verziert war. Er hatte den trapezförmigen Ausschnitt ausgepolstert, um eine weiblichere Figur zu erhalten, und einen Kranz aus Gänseblümchen in die dunklen Haare gesteckt. Sein Gesicht war von einer Maskenbildnerin dezent geschminkt worden, und man hatte ihm ein Halsband mit leuchtend roten Steinen umgelegt.
Robert sah ihn mit offenem Mund an. Zwar hätte er Dale in dieser Aufmachung nie für eine echte Frau gehalten, doch das Ergebnis war trotzdem verblüffend. Er selbst hatte nur das passende Kostüm zu seinem Hut gewählt, weiche Lederhosen und eine dunkelgrüne Weste, die mit einem Lederband zugebunden war.
»Na, sieh mal einer guck!« Tommy schnalzte anerkennend mit der Zunge, als Dale aus dem Umkleidezelt trat. Chris und Antonio schauten auf, und der Italiener, der dabei war, sich in Will Scarlett zu verwandeln, pfiff durch die Zähne.
»Hey, Whitney, da hast du aber mächtig Konkurrenz bekommen«, rief Jim lachend. Er hatte sich als Little John verkleidet, behauptete er zumindest.
Chris, der sich eine abgewetzte Kutte übergehängt und seinen Bauch mit einem Kissen ausgestopft hatte, war als Bruder Tuck allerdings wesentlich überzeugender, frotzelte Tommy. Er selbst war zum Sheriff von Nottingham geworden und trug protzige Kleidung und einen breitkrempigen Hut mit bauschiger Feder. Sein Gesicht hatte er mit dunklem Puder bearbeitet, der an seinen Bartstoppeln haften geblieben war und ihm etwas Verbrecherisches verlieh.
Jim ließ sich von seinen Worten nicht beeindrucken. Er drehte sich zum Spiegel und versuchte, sich mit Hilfe der amüsierten Maskenbildnerin einen falschen Bart anzukleben.
Jona hatte zuvor dasselbe getan und trat mit stolz geschwellter Brust als König Löwenherz ins Sonnenlicht. »Das ist perfekt«, schwärmte sie und drehte sich um sich selbst. »Wenn ich so morgen ins Krankenhaus gehe, schicken sie mich gleich wieder nach Hause und übernehmen selbst die Nachtschicht.« Die anderen lachten.
Als Letzte trat schließlich auch Whitney aus dem Zelt. Sie hatte sich als Burgfräulein verkleidet und trug ein langes, himmelblaues Kleid mit hellen Blumenstickereien. Ihre rotbraunen Haare waren zu dicken Zöpfen geflochten und hingen rechts und links über die Schultern. Sie trug ein enggeschnürtes Korsett und schien ein bisschen verlegen darüber, denn ihre Hand bedeckte ständig das Dekolleté. Erst, als Chris ihr ein funkelndes Kollier um den Hals legte, schöpfte sie etwas Mut und ließ ihre Brust unbedeckt.
»Sie können mit den Kostümen bis dort zur Wiese gehen«, informierte sie die Maskenbildnerin, als alle fertig verkleidet und etwas unschlüssig vor dem Zelt standen. Die ältliche Frau lächelte ihnen zu. »Vielleicht wollen Sie ja ein paar Photos machen. Es wäre schade, einen solchen Moment nicht festzuhalten.«
Robert schaute fragend in die Runde. »Hat jemand von euch eine Kamera dabei?«
Alle schüttelten den Kopf, und Tommy zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Na ja, aber ich bin dafür, dass wir trotzdem mal zur Wiese gehen.«
Der Rest der Gruppe nickte einverstanden, und nachdem Jim und Robert ihre Führerscheine als Pfand hinterlegt hatten, schlenderten sie lachend und die bewundernden Blicke der Passanten genießend zu einer großen Wiese, auf denen sich mehrere Leute niedergelassen hatten und die warme Sonne genossen.
Dann wirbelte Tommy unvermutet herum und zog den spitzen Degen, den er an seiner Hüfte trug. Er war zwar nur aus Plastik, glänzte jedoch beeindruckend in der Sonne. »Habe ich Euch, Robin! Nun gibt es kein Entkommen mehr! Rückt Marian raus und sterbt wie ein Mann!« Er fuchtelte wild vor Roberts Nase herum, und die anderen wichen automatisch ein Stück zurück.
»Rettet Marian, Robin!« Jim fiel als erster in das Spiel ein und warf dem verdutzten Robert einen Degen zu. Der hatte nur einen Dolch um Gürtel stecken und eigentlich nicht vorgehabt, diesen zu benutzen.
»Oh Robin, zu Hülf, zu Hüüülf!« Dale versuchte, so hoch wie möglich zu klingen, während er sichtlich angestrengt einen Lachkrampf unterdrückte.
Whitney drückte sich währenddessen an Chris. Sie schien nicht viel von Tommys Einfall zu halten und hielt ihren Freund nachdrücklich fest.
Robert schlug sich tapfer und tänzelte unter den Anfeuerungsrufen der anderen mit Tommy auf der Wiese herum. Er begann, unter der warmen Weste zu schwitzen, doch Tommy sah ebenfalls geschafft aus, als er den nächsten Schlag parierte.
»Na, hier ist ja was los!«
Die beiden hielten überrascht inne und drehten sich zu der wohlbekannten Frauenstimme um.
Mrs Foster stand neben Dale und Antonio und musterte die Runde amüsiert. Auch Mrs Baker, die Chorleiterin, vor der laut Tommy sogar das Orchester den größten Respekt hatte, stand bei ihnen.
»Aber aber, meine Herren«, schmunzelte sie und blickte von Robert zu Tommy und wieder zurück, »lassen Sie sich von uns nicht aufhalten.«
Robert wollte den Bogen verlegen wegstecken, fand jedoch keinerlei Vorrichtung dafür an seinem Gürtel und ließ verlegen den Arm sinken. »Guten Tag, Mrs Baker, Mrs Foster.«
Tommy schien weder Scheu noch Anstand zu haben und ergriff unverblümt die Hand von Mrs Foster, um einen eleganten Kuss darauf zu platzieren. Bei Mrs Baker tat er dasselbe, und zu Roberts Erstaunen errötete sie schwach.
»Eigentlich müssten Sie beide in meinem Theaterkurs mitspielen«, überlegte Mrs Foster laut. Jim nickte zustimmend und quittierte Roberts warnenden Blick mit einem breiten Grinsen.
Mrs Baker pfiff durch die Lippen. »Mr Miller-Goldberg macht sogar eine ganz besonders herausragende Figur, nicht wahr, Majorie?« Zu Roberts Erstaunen warf sie Dale jedoch einen Blick zu, der alles andere als Belustigung verriet. Der Kanadier verzog allerdings keine Miene.
»Nun, Jungs, wir sehen uns ja vielleicht noch. Wenn nicht, wünschen wir einen schönen Abend.« Mrs Foster Augen glänzten dunkel im Licht der Sonne. »Aber nehmt euch kein Beispiel an den Gesellen, die bereits jetzt ins Sanitäterzelt gebracht werden mussten. Genießt lieber den Tag.«
»Die Fassbrause soll wohl auch recht gut munden«, fügte Mrs Baker noch zwinkernd hinzu, bevor sie sich bei ihrer Kollegin unterhakte und sie gemeinsam in Richtung Festplatz verschwanden.
»Ich wusste gar nicht, dass auch Lehrer hierher kommen«, bemerkte Chris überrascht.
Robert nickte und wollte etwas erwidern, wurde jedoch von einem schmerzhaften Stich abgelenkt; Tommy hatte ihm seinen Degen in die Rippen gebohrt.
»Har har, Schurke!«, rief er laut, als wären sie nie unterbrochen worden.
Robert wirbelte herum und landete einen so günstigen Treffer, dass der Degen des Sheriffs von Nottingham in hohem Bogen davonflog.
»Har har, Schurke«, gab Robert grinsend zurück und hielt mit der freien Hand seinen Dolch an Tommys Hals. »Ihr werdet Euch jetzt schön artig ergeben und uns auf eine Fassbrause einladen, sonst-« Er drückte noch ein wenig fester zu, ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen.
»Ich ergebe mich, ich ergebe mich ja«, presste Tommy hervor und hob die Arme.
Die anderen johlten und applaudierten, bis Jim Tommy seinen Degen zurückgab und zu Robert meinte: »Und nun darfst du die Braut standesgemäß küssen.«
Roberts Kinnlade klappte hinunter auf den plattgetretenen Rasen.
»Na los, Robby, das gehört schon dazu!«, feixte Chris. »Du hast schließlich um deine Geliebte gekämpft.«
Dale knickste elegant und spitzte die Lippen. »Kü~üsst mich, oh Robin.«
Selbst Robert fiel in das heitere Lachen mit ein. Er trat vor und drückte Dale einen flüchtigen Kuss auf die Lippen, bevor er Jim seinen Degen zurückgab und sich tief verbeugte. »So, Vorstellung beendet, mich dürstet es arg nach einem kühlen Schluck.«
Als sie eine halbe Stunde später gemeinsam auf hölzernen Bänken vor einem Bierzelt saßen, hatte die Sonne bereits den Zenit überschritten und ihre Heimreise angetreten.
Whitney und Chris tuschelten leise miteinander, während Jona und Tommy stumm Händchen hielten und sich dabei Blicke zuwarfen, als wollten sie im nächsten Moment übereinander herfallen. Robert nippte an seiner Fassbrause - er, Jim und Whitney waren die einzigen, die tatsächlich kein Bier genommen hatten - und beobachtete aus den Augenwinkeln Dale, der seit dem kleinen Kampf auf der Wiese ungewöhnlich schweigsam war. Auffällig schweigsam sogar, denn er fand nicht einmal wie sonst Kommentare zu den Fußballgesprächen, in die Jim und Antonio vertieft waren.
Robert nahm einen großen Schluck des lauwarmen Getränks und unterdrückte ein Aufstoßen. Dale hatte den Vormittag über mehrere Pfefferminzbonbons gelutscht, und der Geschmack haftete noch immer auf seinen Lippen. Zumindest hatte er das Gefühl, dem wäre so, und er fühlte sich merkwürdig unruhig in seinem Inneren.
Ein alter zahnloser Mann trat an ihren Tisch. »Hey - hicks - J-Jungs«, lallte er und schickte seinen Worten eine gewaltige Bierfahne mit. »Wenn isch ihr wäre - aber das bin ich ja nicht, hihi - hicks - dann würde isch mir das - hicks - das Ritterturnier anschauen, ja, würde ich - hicks.«
Tommy sprang hastig auf. »Na klar, das Turnier! Worauf warten wir?!« Er ließ sein halbvolles Glas stehen, nahm Jona an der Hand und stürmte los. Die anderen brachen verblüfft, jedoch ebenso rasch auf und ließen den Alten stehen. Als Robert sich im Lauf umdrehte, erkannte er, dass er noch immer vor sich hin brabbelte.
Das Turnier, von dem Tommy vorher schon begeistert berichtet hatte, war bereits in vollem Gange. Ritter in schweren Rüstungen saßen auf gepanzerten Pferden und versuchten, sich mit hölzernen oder metallenen Lanzen gegenseitig im Galopp herunterzustoßen. Robert entschied schnell, dass ihm die Sache zu brutal war, und er drehte jedes Mal den Kopf beiseite, wenn die Männer in rasantem Tempo aufeinander zu stürmten.
Die Menge johlte und klatschte wie besessen, auch Roberts Freunde. Er beobachtete sie eine Weile und sah, dass selbst Whitneys Wangen begeistert glühten. Ihre runden Brüste begannen, einen rötlichen Stich zu bekommen, und er überlegte, ob er es ihr sagen sollte, entschied sich dann aber dagegen; wie sollte er auch erklären können, dass er ganz unverblümt auf ihren Busen gestarrt hatte.
Stattdessen beobachtete er Dales markante Gesichtszüge. Im Profil zeigte sich seine Adlernase ganz deutlich, und der Kontrast zwischen der Härte seiner Gesichtszüge und den weichen Grübchen beim Lachen ließ Robert wie so oft ein neidisches Kribbeln im Bauch fühlen. Wie konnte jemand nur gleichzeitig so männlich und doch sanft wirken? Auch seine Lippen waren ganz weich gewesen.
»Ich finde, wir sollten das auch ausprobieren!«
Tommys Enthusiasmus riss Robert aus seinen Gedanken, und er schaute seinen Freund zweifelnd an. »Du glaubst doch wohl nicht, dass die uns das machen lassen, oder?«
»Probieren können wir's ja wohl, oder nicht?« Tommy blickte sich um, schien das Gesuchte jedoch nicht finden zu können, da er sich gleich darauf wieder den kämpfenden Rittern zuwandte. »Na ja, erst mal warten, bis es zu Ende ist.«
Eine Stunde später geschah tatsächlich, was Robert für unmöglich gehalten hätte: Tommy zog ihn mit hinter ein Zelt und drückte ihm eine Lanze in die Hand.
»Hier. Sir Taurus gestattet es uns, auf eine Strohpuppe zu zielen.« Er deutete mit dem Finger auf den inzwischen bis auf vereinzelte Zuschauer verlassenen Kampfplatz. »Guck, er baut schon eine auf.«
Robert folgte der gezeigten Richtung und erblickte den stämmigen Mann, der beim Bogenschießen in der Jury gesessen hatte. »Und wer ist ›wir‹, wenn ich fragen darf?« Er hob eine Augenbraue.
»Du und ich natürlich.« Er blickte zu den anderen, die gerade angeschlendert kamen. »Hey, Chris, was ist mit dir? Willst du's auch mal probieren?«
Zu Roberts Erstaunen willigte der blonde Junge tatsächlich ein, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst auch mitzumachen. Dale hielt sich diesmal allerdings zurück; die Welt vom Rücken der Pferde war seinen Worten zufolge so gar nicht seine Sache.
Der Rest der Gruppe entschied sich ebenfalls fürs Zuschauen, und als Tommy, Robert und Chris mit Brustpanzer und Helm gerüstet zwei große Pferde auf den Platz führten, hielten sie gespannt den Atem an.
»Puh... ganz schön schwer, diese Lanze.« Tommy schob sein Visier hoch und schwenkte die hölzerne Lanze, die mit roten und weißen Bändern beklebt war, hin und her. »Ich bezweifle, dass ich die überhaupt lange genug hochhalten kann.«
Er hatte Recht. Trotz mehrerer Versuche schafften sie es nicht, die Strohpuppe zu treffen oder gar von ihrem Sitz herunterzustoßen. Nur Chris gelang es beim letzten Versuch, die Puppe zum Drehen zu bringen, und Tommy kickte sie schließlich lachend mit dem Fuß beiseite, was beinahe zum Sturz vom Pferd geführt hätte.
Bei den »Fahrenden Rittern«, wie sich die mittelalterliche Gruppe nannte, hatten sie jedoch einen Stein im Brett und wurden allesamt eingeladen, an der großen Tafel zu speisen, zu denen Besucher normalerweise keinen Zutritt hatten.
Dort traf Robert auch die Frauen aus dem Kostümfundus wieder, die sie alle mit einem mahnenden Unterton in der Stimme daran erinnerten, die Kostüme am Ende noch zurückzugeben. Erschrocken gaben sie zu, dass sie sich schon beinahe daran gewöhnt hatten, und Robert bemerkte schließlich beim Umziehen, dass er sich nur schwer von der bequemen Weste trennen konnte.
Dann fiel ihnen auf, dass Tommy und Jona nicht anwesend waren.
»Der junge Mann und die Lady? Die sind vor einer Stunde in das rote Zelt dort hinten gegangen«, informierte sie ein vollbärtiger Ritter mit dickem Bauch und Bierfahne, und Robert machte sich mit schweren Beinen auf, sie zu holen. Jetzt, wo die Sonne langsam unterging, merkte er, wie sehr ihn das Laufen den ganzen Tag über geschlaucht hatte; er schalt sich insgeheim ein verwöhntes Stubenhockerkind und legte einen Schritt zu.
Das rote Zelt entpuppte sich als eine Art »Freudenhaus«, wie er gleich darauf verlegen feststellte. Eine vollbusige Frau mit einem aufreizenden Dekolleté stand am Eingang und fragte nach seinem Ausweis. Ihr blutroter Lippenstiftmund verzog sich zu einem anzüglichen Lächeln, und sie betrachtete ihn von oben bis unten. »Dich würde ich aber auch reinlassen, wenn du noch nicht volljährig bist, mein Süßer. Kostet allerdings... eine Kleinigkeit.«
Robert verzog angewidert das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Ich suche meinen Freund«, sagte er und trat automatisch einen Schritt zurück. »Schlank, blonde Haare, ist mit einem als Richard Löwenherz verkleidetem Mädchen hier.«
»Die sind drin, beeil dich.« Das Lächeln der Frau war verflogen; sie hatte ihn als Kunden bereits abgehakt und sich dem gerade ankommenden Paar zugewandt. Robert schob den schweren Vorhang beiseite und trat durch den Eingang.
Im Zelt war es stickig und roch nach süßem Parfüm. Er blickte sich um und entdeckte Tommy und Jona in einer Ecke, wo sie eng beieinander saßen und mit den Lippen aneinander festgeschweißt schienen. Tommys Hand war unter Jonas Bluse verschwunden, und Robert fühlte sich stark an die Nacht erinnert, als er die beiden in flagranti erwischt hatte.
Es blieb ihm jedoch nichts übrig, und er räusperte sich vernehmlich. Zwei andere Paare sahen zu ihm auf, und er ging beschämt weiter.
»Hey, Tommy, wir müssen los.« Er gab sich Mühe, zu flüstern, spürte jedoch noch immer neugierige Blicke im Nacken.
Sein Freund drehte sich um und grinste. »Du scheinst es ja zu lieben, uns immer im passenden Moment zu stören.« Seine Hand hatte sich nicht vom Fleck bewegt, auch wenn Jona sie gleich darauf beiseite schob und unangenehm berührt ihr Hemd zurechtrückte.
»Ich warte draußen«, beeilte sich Robert zu sagen; er verließ mit eiligen Schritten das Zelt und trat an die frische Luft, ohne die Eingangsdame eines weiteren Blickes zu würdigen. Das Interesse schien ihrerseits jedoch ebenfalls abgeflaut zu sein, und kurz darauf kamen Tommy und Jona mit verwuschelten Haaren und glühenden Gesichtern aus dem Zelt gebummelt.
»Na endlich«, brummte Robert. Er nickte in Richtung der anderen, die in einiger Entfernung am Eingang standen und sich unterhielten. »Wir warten dort, gebt schnell eure Kostüme ab. Unsere Führerscheine bringt ihr dann mit, okay?«
»Zu Befehl, Robin«, grinste Tommy und zog mit Jona los in Richtung Kostümfundus.
»... sollten wir beim nächsten Mal auf jeden Fall wieder machen«, meinte Chris gerade, als Robert bei der Gruppe ankam.
»Kommen die beiden auch noch mit?«, fragte Jim grinsend, »oder wollen sie hier übernachten?«
»Kommen gleich«, gab Robert zurück und lehnte sich gegen einen der schweren hölzernen Torpfosten. »Puh, ich bin fertig. Gut, dass ich nicht fahren muss.«
»Jimmy-Boy macht das doch gerne«, witzelte Dale und gähnte herzhaft.
Antonio, der ebenfalls ein wenig erschöpft aussah, blickte sich demonstrativ um. »Oooch, jetzt hat niemand von uns eine Mädchen abgeschleppt«, stellte er mit gespielter Enttäuschung fest. »Wie schade, der Sitz bleibt ganz leer.«
Dales Blick traf Robert einen Augenblick und hielt ihn fest, bevor sie beide in das Lachen der anderen einfielen. Trotzdem war Robert nicht nach lachen zumute, wenn er auch nicht wusste, warum, und er war froh, als Tommy und Jona endlich kamen und sie in Richtung Auto losmarschieren konnten...
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