Leben und Lieben am Harris College Teil 5 - Miki
Kapitel 5: Basketball, Gespenster und ernste Gespräche
Die Luft war heiß und stickig in dem roten Zelt. Schwerer Parfümgeruch lag in der Luft und vermischte sich mit dem klebrigen Schweiß, der von Roberts Brust herunterrann. Diffuses Licht umgab ihn wie eine mysteriöse Aura, als er den Körper vor ihm fest gegen seinen Bauch presste. Die geübte Zunge des Sheriffs von Nottingham vollführte einen erotischen Tanz auf seiner Haut; warm, zärtlich und gleichzeitig voller Wildheit.
Robert stöhnte auf, als sich zwei Arme von hinten um ihn schlangen. Will Scarlets Lippen liebkosten seine feuchte Schulter, während sich eine weitere Hand daran machte, seine Brustwarzen zu umspielen. Dale, dessen Kleid inzwischen auf die Hüften heruntergerutscht waren, blickte ihn aus seinen großen dunklen Augen an, ein verschmitztes Lächeln auf dem glänzenden Gesicht. Seine Lippen näherten sich Roberts und berührten sie vorsichtig, warm, nach Minze schmeckend...
Robert atmete krampfartig ein und riss die Augen auf. Kalte Luft strömte schmerzhaft in seine Lungen, frei von Parfüm und Schweiß. Er hatte geträumt. Roberts Herz raste wie nach einem Marathonlauf bei Stevens. So etwas hatte er noch nie geträumt. Da war Will Scarlet gewesen, der wie Antonio ausgesehen hatte, und der Sheriff von Nottingham, der große Ähnlichkeit mit Tommy gehabt hatte.
Und von Dale, der unverwechselbar Dale gewesen war.
Mit zittrigen Gliedern schob er die Bettdecke vom Körper und richtete sich auf. Tommy bewegte sich auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers und nuschelte unverständliche Worte. Robert stieg aus dem Bett und lief ins Bad.
Als er nach einigen Minuten wiederkam, ließ der Hauch Morgendämmerung am Horizont einen baldigen Sonnenaufgang erahnen.
»Was war denn los?«
Er zuckte zusammen. Tommy kniete im Schatten des Fensterbretts an der Heizung und fummelte an ihr herum, während seine Silhouette mit der dunklen Wand verschmolz.
»Schlecht geträumt«, murmelte Robert und wandte sein glühendes Gesicht ab, hoffend, dass Tommy nicht weiter nachfragen würde.
»Na ja, gut, dass du jetzt wach bist«, entgegnete der und schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein. »Die Heizung ist noch gar nicht angegangen, komisch. Die wird doch sonst immer um sechs eingeschaltet.«
»Vielleicht hat Mr Bonett ja verschlafen? Soll vorkommen.« Robert war froh über den Themenwechsel und hockte sich neben Tommy, um selbst die Heizung zu überprüfen. Sie war, wie er gesagt hatte, eiskalt.
»Ist ja auch Mist, dieses ganze System!«, fluchte Tommy und richtete sich auf. »Wenigstens die Heizungen hätten sie modernisieren lassen können, mit Zeitschaltung oder so. Ist doch die letzte Kacke!«
Robert kicherte leise und erhob sich ebenfalls. »Du machst echt aus jeder Mücke einen Elefanten, Tommy. Leg dich einfach wieder hin und mach noch mal die Augen zu. Wenn du dann tatsächlich aufstehen musst, wird die Heizung schon warm sein.« Er selbst kletterte wieder unter die noch warme Bettdecke zurück.
»Mir ist aber jetzt kalt«, nörgelte sein Freund. Er kratzte sich im Nacken und bedachte Robert mit einem kurzen, nachdenklichen Blick, bevor er ohne Vorwarnung in dessen Bett stieg und ihn zur Wand schob. »Komm, mach mal Platz. Zu zweit ist es wärmer.«
»Tommy!« Robert rückte zur Wand, mehr aus Schreck als aus Einverständnis. »Sind wir nicht langsam ein bisschen zu alt dafür?« Er zog die Decke an seine Brust und blickte den blonden Jungen entgeistert an.
»Blödsinn, für Körperwärme ist man nie zu alt.« Tommy grinste anzüglich. »Oder mache ich dich an?«
»Schwachsinn!« Robert verzog das Gesicht und legte sich hin, den Blick zur weißen Zimmerdecke gerichtet. Er würde Tommy im Leben nicht von seinem Traum erzählen - er konnte es sich ja selbst nicht einmal erklären.
Tommy rutschte neben ihm zurecht und kuschelte sich an ihn. Er hatte so gar nichts von einem bösen Sheriff.
Robert seufzte innerlich. Tommy war für ihn wie ein Bruder, der Mensch, den er mit am meisten liebte - er fühlte sich widerlich, als er an seinen Traum zurückdachte. Auch Antonio war dabei gewesen, der unschuldige Antonio. Robert fragte sich, ob der Italiener überhaupt schon einmal Sex gehabt hatte. Er konnte es sich kaum vorstellen.
Und Dale. Dale in seinem hellen Kleid, das beim Ausziehen eine muskulöse, leicht behaarte Brust entblößt hatte. Männlich und stark, nicht so weich wie seine. Sexy. Er presste die Handballen auf die Augenlider und atmete tief durch. Seit wann hatte er solche Gedanken?
»Woran denkst du?«, fragte Tommy leise.
Robert hätte beinahe aufgelacht. Es war absurd, aber für den Bruchteil einer Sekunde hatte er das Gefühl gehabt, sein Freund hätte seine Gedanken erraten. »An nichts«, erwiderte er und drehte sich auf die Seite, um ihn anzusehen.
Tommys Gesicht war ungewöhnlich gleichmäßig und hübsch. Er hatte schmale Augen, lange, volle Wimpern und dunkle Augenbrauen, die mit seinen brauen Augen harmonierten. Die kleine, von einem Fahrradunfall stammende Narbe auf der Nasenwurzel war die einzige Unregelmäßigkeit in dem sonst so ebenmäßigen Gesicht, und Robert beneidete ihn dafür.
Er selbst hatte zwar ein Tommy nicht unähnliches Gesicht, doch es war in seinen Augen zu weich und beinahe mädchenhaft. Auch seine Haut war samtweich und frei von Unreinheiten oder Bartstoppeln, was ihn zwar ganz froh machte, doch auch immer wieder Kommentare wie »Babyface« oder »Milchbubi« mit sich gebracht hatte. Vor zwei Jahren hatte er sich schließlich in einer spontanen Aktion ein Piercing durch die rechte Augenbraue stechen lassen, doch der sonst so gütige und über vieles hinwegsehende Hicks hatte ihm danach gehörig die Leviten gelesen.
Den Internatsregeln zufolge durfte Robert das Piercing nur außerhalb des Schulgeländes tragen, was er zu Beginn auch regelmäßig getan hatte. Nachdem jedoch auch Onkel Sid wiederholt mit verächtlichem Grunzen kundgetan hatte, was er von der Sache hielt, hatte er es immer seltener und schließlich gar nicht mehr reingemacht. Inzwischen war das Loch kaum noch zu sehen, und manchmal ärgerte er sich darüber, dass er es hatte zuwachsen lassen. Für einen zweiten Anlauf konnte er jedoch keinen Mut mehr aufbringen.
»Woran auch immer du nicht denkst, es muss unheimlich interessant sein«, flüsterte Tommy.
Robert zuckte zusammen. Tommy schien ihm schon eine Weile direkt in die Augen geschaut zu haben, ohne dass er es bemerkt hatte. »Tut mir Leid, ich bin noch etwas müde«, murmelte er entschuldigend und schloss erschöpft die Augen.
Er hatte nicht gelogen. Trotz der langen Nacht fühlte er sich wie gerädert, und wenn er darüber nachdachte, konnte er sich auch sehr gut erklären, warum. Er sagte jedoch kein Wort mehr, und als er das nächste Mal die Augen aufschlug, war es bereits kurz nach neun Uhr und von Tommy keine Spur mehr zu sehen.
Eilig zog Robert sich an - Bluejeans und einen hellen Rollkragenpullover, nachdem er über Antonios Worte nachgedacht hatte - und ging ins Clairmont Haus hinüber, wo er allerdings bis auf vereinzelte Bummler niemanden mehr antraf, und danach weiter ins Café, wo seine Freunde tatsächlich bei ihrem schon fast beendeten Frühstück saßen.
»Wir dachten schon, du kommst gar nicht mehr«, grinste Dale und zog vom Nachbartisch einen Stuhl heran.
Robert lächelte flüchtig, mied jedoch den Blick des Kanadiers. Stattdessen sah er Tommy vorwurfsvoll an. »Du hättest mich ja echt mal wecken können!«
»Du hast aber so süß geschlafen«, flötete Tommy und sammelte alle übriggebliebenen Brötchen auf seinem Tablett zusammen. »Wie ein Baby, total niedlich.« Chris und Antonio kicherten leise. »Komm, hier, Resteessen.« Tommy schob sein Tablett zu Robert, der inzwischen Platz genommen hatte und sich grummelnd die letzte Pfütze Kaffee aus der großen Kanne eingoss.
»Danke«, brummte er und biss lustlos in ein Brötchen, ohne es zu belegen. Noch immer haftete der seltsame Traum in seinem Gedächtnis, und er wagte es kaum, den anderen in die Augen zu schauen.
Es schenkte ihm jedoch auch niemand spezielle Aufmerksamkeit, denn Tommy unterhielt sie alle mit einer dramatischen Beschreibung des letzten Springturniers, an dem er teilgenommen hatte. Seinen Erzählungen zufolge hätte man meinen können, er würde einen Hollywoodstreifen zum Besten geben, doch Robert wusste, wie sehr sich sein Freund manchmal die Wahrheit zurechtbog, wenn es ihm geeignet erschien.
Als er fertig wurde, spülte Robert gerade den letzten Bissen seines Brötchens hinunter und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. Die goldene Frühlingssonne schickte ihren ganz persönlichen Sonntagmorgengruß durch die großen Glasfenster des Cafés, und er schloss die noch immer müden Augen und ließ sein Gesicht von ihr bescheinen.
»Apropos Turnier«, begann Dale und stellte vernehmlich scheppernd seine Kaffeetasse ab. »Heute ist Basketball-Juniorturnier in der Stadt, hat jemand Lust, zuzuschauen? Ich hab noch Freikarten.«
»Klar, warum nicht?«, antwortete Chris. »Ich war schon lange nicht mehr bei deinen Jungs zuschauen. Die sind ziemlich gut, oder?«
»Schließlich hab ich sie auch hart trainiert«, gab Dale zurück, und Robert musste nicht die Augen öffnen, um zu wissen, dass er breit grinste.
»Was ist mit euch? Tommy? Robert?«
»Hm, ja...« Robert gähnte und zwang sich, endlich wach und vor allem unverkrampft zu werden. »Klar, ich komm gerne mit.«
»Ich treffe mich aber später noch mit Jona«, sagte Tommy, und Antonio verkündete im selben Augenblick, dass er noch eine Museumsfreikarte hatte, die er nur noch heute nutzen konnte.
Chris horchte auf. »Etwa ins Castle Museum?«
»Ja, wieso?«
»Cool, nimmst du mich mit? Da wollte ich auch schon lange mal wieder hin.«
»Klar, kein Problem.«
»Hey, vergesst aber nicht, dass wir heute noch proben wollen, ja?«, erinnerte Robert sie alle an den verabredeten Termin.
»Ach ja...«
Die Begeisterung hielt sich in Grenzen, und Robert verteilte vorwurfsvolle Blicke. »Wir sind angemeldet, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Also reißt euch mal zusammen!«
Sie einigten sich nach einigem Hin und Her auf neunzehn Uhr und verabredeten sich zu halb zwölf an den Autos. Eigentlich hatten sie alle in Roberts Wagen fahren wollen, doch kurz bevor dies beschlossene Sache war, überfiel ihn sein Bruder Thomas mit Allain MacKenzie und Jack Davidge im Schlepptau und überredete ihn, sie später mit in die Stadt zu nehmen.
Der Streit darum, wer in welchem Auto mitfahren sollte, war vorprogrammiert gewesen.
»Ich fahre bei Robert, er ist schließlich mein Bruder«, legte Thomas rigoros fest, und fügte im selben Atemzug hinzu, dass Allain und Jack seine Freunde waren und er nur ungern von ihnen getrennt wäre.
»Damit haben sich die freien Plätze bei mir auf nulleinhalb reduziert«, gab Robert zerknirscht zu verstehen. Er hätte gerne Tommy bei sich gehabt, wusste jedoch nicht, womit er das begründen sollte und hielt deswegen den Mund.
»Zurück fahren wir ja mit dem Bus«, lenkte Thomas nach einem kurzen Seitenblick auf seine beiden Freunde ein. »Antonio will doch noch woanders hin, oder nicht? Dann könnt ihr mit Robert zurückfahren.«
»Also schön«, sagte Chris und warf Antonio einen schiefen Blick zu. »Aber wehe, ich komme nicht in einem Stück beim Turnier an, dann sind wir geschiedene Leute.«
»Certamente.« Der Italiener grinste spitzbübisch. Sie wussten alle, dass er ein ziemlich miserabler Fahrer war und seinen Führerschein nur mit Ach und Krach bestanden hatte. Trotzdem hatte er einen, und ein Auto dazu, was die Sache meist von allein regelte.
»Also gut, dann bis nachher.« Tommy stand auf, griff nach seinem Tablett und läutete allgemeine Aufbruchsstimmung ein.
Robert verbrachte die nächsten anderthalb Stunden zusammen mit Tommy, Dale und Antonio in der Bibliothek. Während Tommy die Musikalienregale auf neue Violinstücke untersuchte, quälten sich die anderen damit, die neusten Erkenntnisse über ›Parzival‹ zusammenzutragen. Obwohl sie inzwischen über zweihundert Seiten des Romans gelesen hatten, fand keiner von ihnen die Geschichte wirklich ansprechend. Trotz Dales zunehmender Leidensmiene entband sie das aber nicht von ihrer Pflicht, sich weiter mit dem Werk zu beschäftigen.
»Ich gehe unsere Jacken holen, Robby«, rief Tommy irgendwann und nickte ihnen zu.
Robert schaute auf seine Uhr und runzelte die Stirn. »Es ist echt schon zwanzig nach. Mit diesem Scheiß vergeuden wir noch unser gesamtes Wochenende.« Es kam ihm so vor, als hätten sie bis jetzt noch nichts Nennenswertes erreicht.
»Mir egal, ich mach Schluss für heute«, entschied Dale augenblicklich und schlug die schwere Sekundarliteratur auf seinem Schoß zu. Robert und Chris nickten zustimmend und taten es ihm nach.
»Ich hoffe, Tommy denkt an mein Portemonnaie«, überlegte Robert, als sie gemeinsam die Bibliothek verließen.
»Wieso, der Eintritt kostet dich doch nichts«, entgegnete Dale verwundert.
Robert schüttelte den Kopf und grinste. »Nee, aber eine Fahrt ohne Führerschein schon.«
Er drehte sich um, als er jemanden seinen Namen rufen hörte. Sein Bruder Thomas stand bei der Turnhalle und winkte sie zu sich. Als sie den Weg dorthin einschlugen, sahen sie auch Tommy zwischen dem Hauptgebäude und dem Clairmont Haus entlang kommen.
Sie warteten auf ihn und gingen dann gemeinsam zum Parkplatz. Thomas war ihnen viele Schritte voraus, und Robert spürte, dass er sich ein wenig darüber ärgerte, wie kühl das Verhältnis zwischen ihm und seinem Bruder momentan war. Andererseits war er selbst daran Schuld, denn meistens sahen sie sich nur in den Ferien länger und hatten sonst nicht mehr Kontakt als er zu anderen Schülern fremder Jahrgangsstufen pflegte.
»Die Heizung ist immer noch schweinekalt«, brummte Tommy und reichte Robert seine Jacke. Die Beule in der Tasche verriet, dass er tatsächlich ans Portemonnaie gedacht hatte.
»Danke. Hast du jemandem Bescheid gesagt?«
»Nee, dazu ist jetzt keine Zeit mehr. Vielleicht ist sie ja auch kaputt, dann wird man hoffentlich gerade dabei sein, das ist Ordnung zu bringen.«
»Bei uns war auch saukalt«, fügte Dale hinzu und zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich hat Mrs Bonett verpennt.«
Tommy gab ein missmutiges Grunzen von sich. Er schob seine Hände in die Hosentaschen und schlurfte mit grimmiger Miene neben ihnen her zum Parkplatz. »Wo hast du eigentlich plötzlich deine Schuluniform gelassen, Robby?«, fragte er, als sie das Stadion passierten. In seiner Stimme schwang Erstaunen mit.
»Och...« Robert warf einen Blick zu Antonio, der vor ihm lief und ihm kurz über die Schulter zublinzelte. »Ein wenig Abwechslung kann ja nicht schaden, oder?«
»Ja, sieht gut aus«, meinte Tommy anerkennend, und Robert wünschte sich, dass der kalte Wind, der ihm ins Gesicht blies, die verlegende Röte auf seinen Wangen schnell wieder abkühlte.
Wenige Minuten später fuhren sie mit beiden Autos los und hatten noch keine drei Kilometer zurückgelegt, als Antonios Frontlichter nicht mehr im Rückspiegel des Opel Corsa zu sehen waren. Kurzentschlossen blinkte Robert und fuhr links ran.
»Was ist los? Warum halten wir hier?« Thomas blickte ihn fragend an, doch Robert hob die Hand.
»Wartet kurz, es geht gleich weiter.« Er stieg aus und lief zu dem grasgrünen Ford Fiesta, der hinter ihm gehalten hatte.
Antonio kurbelte mit ratloser Miene das Fenster herunter. »Was ist los, Robby? Wieso fährst du nicht vorwärts?«
»Ich... ich denke, es ist besser, wenn Dale sagt, wo's langgeht«, sagte er entschuldigend. »Ich weiß nicht genau, wo wir lang müssen.« Sein Blick traf Tommys, und er bemühte sich, ernst und ein wenig unsicher zu gucken, als sein Freund breit grinste. »Fährst du vor?«
»Oh, certamente - kein Problem.« Antonio nickte und kurbelte das Fenster hoch. Robert sah, wie Tommy etwas zu dem Italiener sagte, und er hoffte sehr für ihn, dass es nichts Dummes war, was er später bereuen würde.
Als er wieder einstieg, fuhr Antonio an ihm vorbei und übernahm die Führung. Robert schnallte sich schnell an und beeilte sich, den Motor zu starten, denn der Italiener schien nicht viel davon zu halten, auf ihn zu warten.
»Er ist dir zu dicht aufgefahren«, bemerkte Thomas grinsend, als sie losfuhren.
Robert verzog den Mund. »Blitzmerker.« Er schaute aufs Tachometer. »Und wenn er in dem Tempo weiterfährt, haben wir ihn gleich aus den Augen verloren. Wie gut, dass mir gerade wieder der Weg eingefallen ist.« Er grinste, und Thomas schenkte ihm ein ehrliches Lächeln.
Eine Weile lang fuhren sie schweigend, und Robert bemühte sich gar nicht erst, einen Radiosender zu suchen. Er genoss die ungewohnte Ruhe und konzentrierte sich auf die inzwischen fast leere Straße. Ab und zu warf er einen Blick in die Innenspiegel, um die beiden Jungen auf der Rückbank zu beobachten.
Der Schotte Allain MacKenzie war ein eher unscheinbarer Junge mit kupferblonden Haaren, die hinten zu einem Faconschnitt rasiert waren, während er sich vorne einige lange Strähnen hatte wachsen lassen, die er ständig hinter die Ohren zurückschob. Eine breite Nase dominierte sein rundliches Gesicht, während sich die grünen Knopfaugen unter den dichten, über der Nasenwurzel zusammenwachsenden Augenbrauen versteckt hielten. Immerhin waren seine Haare so hell, dass es nicht sonderlich auffiel, aber es verlieh ihm irgendwie das Aussehen eines Zwergschnauzers, fand Tommy.
Sein Zimmernachbar Jack Davidge hingegen war von einer Aura kühler Schönheit umgeben, die Robert jedoch nicht reizte. Alles an seinem Gesicht war schmal, besonders die stechend blauen Augen und die zusammengekniffenen Lippen, und Robert fand, dass der einzige Hauch von Wärme von seinen kurzen, zimtbraunen Haaren kam, die ihm fransig in die Stirn hingen.
Als ob Jack seine Beobachtungen bemerkt hatte, drehte er sich unvermittelt nach vorne und traf für den Bruchteil einer Sekunde Roberts Blick, bevor dieser eilig wieder auf die Straße schaute. Trotzdem war ihm der spöttischen Zug um Jacks Mundwinkel nicht entgangen, und er fragte sich zum wiederholten Male, wieso sein Bruder mit Typen wie ihm rumhing.
»Habt ihr auch von dem Geist im Keller gehört?«, fragte Thomas plötzlich, und zum ersten Mal an diesem Tag erhob Allain das Wort:
»Ja, hab ich! Er soll Mrs Bonett zu Tode erschreckt haben! Sie war ganz außer sich, als ich sie heute morgen auf dem Hof gesehen habe.«
Robert mochte seine hohe Stimme nicht, und er wünschte ihm in Gedanken einen raschen Stimmbruch an den Hals. »Was für ein Geist?«, fragte er neugierig und musterte Allain im Rückspiegel.
»Im Heizkeller soll es spuken«, erwiderte Thomas an dessen Stelle und gestikulierte aufgeregt mit den Händen. »So groß soll das Gespenst sein, hab ich gehört, und soooo riesige Augen hat es.«
»Ja, genau! Und es soll ganz schleimig sein!«, quiekte der Schotte von der Rückbank.
»Ihr seht zu viel fern«, gab Robert kopfschüttelnd zu Bedenken. »Außerdem seid ihr ein bisschen zu alt, um an solche Gesichten zu glauben, oder nicht?«
»Aber wenn Mrs Bonett es doch gesehen hat!«, beharrte Thomas, und der wohlbekannte Trotz kehrte in seine Stimme zurück.
Jack hielt sich aus der Unterhaltung raus, doch Robert glaubte, ein leises »Pff...« aus seiner Richtung vernommen zu haben. Er zuckte mit den Schultern und kümmerte sich nicht weiter um die Spukgeschichten seines Bruders, doch der und Allain diskutierten sogar noch dann, als er bereits den Zündschlüssel aus dem Schloss gezogen hatte.
Obwohl Robert nicht viel von Basketball verstand, fand er das Spiel interessant. Insgesamt traten acht Teams gegeneinander an, und als ein Glockenturm in der Nähe drei Uhr schlug, traten Dales Jungen in ihren leuchtend roten Trikots gerade zur Endrunde gegen eine Mannschaft aus Brighton an.
Dale stand mit verschränkten Armen am Rand des Spielfeldes und sah seinen Schützlingen sichtlich stolz beim Spielen zu. Robert erwischte sich dabei, wie er den jungen Kanadier immer öfter ins Visier nahm und Stolz dabei empfand, ihn zu kennen. Als Dale die Hände hob, um dem Schiedsrichter eine kurze Auszeit zu signalisieren, hatte Robert das Gefühl, unbedeutend zu sein auf dieser Welt, auf der er bisher nichts erreicht hatte und auf der er niemanden dazu bringen konnte, eine Auszeit zu nehmen, nur weil er es für angebracht hielt.
»Sag mal, träumst du im Stehen?« Tommy tippte ihn von der Seite an und warf ihm einen merkwürdigen Blick zu.
Robert schüttelte hastig den Kopf und stammelte eine Entschuldigung, an die er sich Sekunden später schon nicht mehr erinnern konnte.
»Na ja, Antonio und Chris fahren jedenfalls jetzt schon los und nehmen mich bis zu Jona mit. Dankst du Dale noch mal für die Karten?«
»Klar, kein Problem. Vergiss nicht, neunzehn Uhr Probe.«
»Ja ja.« Tommy rollte mit den Augen und hob die Hand zum Gruß, bevor er zusammen mit Antonio die große Turnhalle verließ.
Das Spiel war inzwischen fortgesetzt worden, und Robert schenkte seine Aufmerksamkeit wieder den Spielern und ab und zu Dale. Zu seiner Enttäuschung gewann die Mannschaft aus Brighton achtunddreißig zu zweiunddreißig, sodass Dales Mannschaft nur den zweiten Platz belegte. Nichtsdestotrotz verspürte er ein aufgeregtes Kribbeln im Magen, als der Kanadier am Ende den silbernen Pokal entgegennahm und die Menge in Jubel ausbrach.
Danach verschwand Dale zusammen mit seiner Mannschaft in den Umkleideräumen. Die große Halle leerte sich schnell, und Robert blieb unschlüssig am Rand des Spielfeldes stehen. Die Sonne schien durch die kleinen, milchigen Klappfenster und schaffte eine beruhigende Atmosphäre. Er zog seinen Rollkragen zurecht und ging in Richtung Ausgang, um dort auf Dale zu warten.
Auf dem Flur lehnte er sich gegen die Wand und schaute durch das Fenster der Eingangstür nach draußen. Von innen betrachtet hätte man den Tag für einen warmen Frühlingstag halten können, doch ihm war klar, dass ihn draußen ein frischer Aprilwind begrüßen wurde. Es war allemal besser, hier zu warten, auch wenn die ersten Sportler inzwischen an ihm vorbei liefen und den Flur rasch einem dicht besiedelten Bienenstock gleichen ließen.
Irgendwann kam auch eine Gruppe Trainer nach draußen, und Robert entdeckte Dale unter ihnen. Er hob die Hand zum Gruß, doch der Kanadier hatte ihn bereits erblickt und kam zielstrebig auf ihn zu. »Tut mir Leid, dass du so lange warten musstest«, entschuldigte er sich und sich ein paar feuchte Haare aus der Stirn. »Wir haben uns noch kurz über das Spiel unterhalten; du weißt ja, wie das ist.«
»Kein Problem«, winkte Tommy ab und deutete auf den dicken Beutel, den Dale in der Hand trug. »Was hast du denn da?«
»Die Trikots«, entgegnete Dale und bedeutete Robert, ihm nach draußen zu folgen. »Die Moms haben es nicht so gerne, wenn ihre Wäsche rosarot strahlt, nachdem die Jungs das einfach achtlos mit in die Maschine gestopft haben.« Er grinste. »Ich wasche die schon seit einiger Zeit bei uns im Wäschehaus. Damit kriege ich eine Maschine voll, das ist doch am effektivsten.«
Robert nickte. Er übermittelte Tommys Grüße, während sie die hundert Meter bis zum Parkplatz im Laufschritt zurücklegten. Der Wind hatte zugenommen, und trotz seiner Jacke fröstelte Robert. Wie Dale es kurzärmlig aushielt, war für ihn ein Rätsel.
»Wo ist denn dein Bruder hin?«, fragte Dale, als er im Opel Platz nahm und die Tüte mit Trikots auf die Rückbank warf.
»Die wollten doch nicht mit zurück fahren. Keine Ahnung, was die wieder vorhaben. Basketball spielen sicherlich nicht.«
»Da verpassen sie aber was«, meinte Dale schulterzuckend und zog den Gurt über seiner muskulösen Brust straff.
Als sie im Harris College angekommen waren und das Clairmont Haus betraten, um sich eine Kleinigkeit zu essen zu holen, kam ein zierlich aussehender Schüler aus den unteren Klassen auf sie zu und blieb vor ihnen stehen.
»Mr Bartlett?«, fragte er schüchtern und strich sich eine schwarze Strähne hinters Ohr. Robert nickte. »Mr Tomkin hat für Sie angerufen und lässt sich für heute Abend entschuldigen.« Er schaute ihn unschlüssig an, und Robert nickte freundlich.
»Okay, danke.«
»Auf Wiedersehen.«
»Ciao«, murmelte Dale und blickte zu Robert, dessen Gesichtszüge sich verhärteten.
»Dieser verfluchte Hund!«, schimpfte er und ließ die Snacktüte in seiner Hand knistern. »Es war seine Idee, aber er hält es anscheinend nicht für nötig, sich darauf vorzubereiten.«
»Na ja, wir können ihm ja später die Hölle heiß machen«, sagte Dale, der dem Jungen hinterhergesehen hatte, bis er den Essensraum verlassen hatte. »Der kommt auch aus Amerika«, sagte er, mehr zu sich selbst als zu Robert. »Aus den USA, glaube ich. Dave oder David oder so.« Sein Blick schien entrückt, und Robert hörte Heimweh aus seiner Stimme heraus. »Na ja, wie auch immer... hast du jetzt was vor?«
»Eigentlich nicht. Aber lassen wir die Probe jetzt ganz ausfallen? Was ist mit Antonio und Chris?«
»Die rufen wir einfach mal an. Chris hat doch ein Handy.«
Sie taten es, und es hatte den Anschein, als würden sich die beiden Jungen über das Ausfallen der Probe freuen. Robert knallte den Hörer auf die Gabel und riss seine Telefonkarte so abrupt aus dem Telefon, dass Dale leise durch die Lippen pfiff.
»Die Dinger halten aber auch nicht alles aus, Robby«, bemerkte er und beobachtete Robert dabei, wie er sein Portemonnaie in die Jackentasche stopfte.
»Ich find's halt alles ein wenig ärmlich«, grollte er und folgte Dale die Treppen im John-Morgan-Haus hinauf, in dessen Parterre sich einige Telefone befanden. Er lief jedoch nicht weiter in den vierten Stock, sondern ging zusammen mit Dale zu dessen und Chris' Zimmer.
Als der Kanadier die Tür aufschloss, schlug die Kälte mit umbarmherzigen Klauen nach ihnen.
»Was ist denn hier los?«, fragte Dale überrascht und betrat den schwach erleuchteten Raum. Die Fenster waren geschlossen, doch die Luft im Zimmer schien nicht einmal zwanzig Grad zu betragen.
Robert lief zum Fenster und legte eine Hand an die Heizung. »Kalt. Scheint ja ein ernsteres Problem zu sein, wenn das immer noch nicht repariert ist.«
»Der alte Bonett ist doch die Woche gar nicht da«, meinte Dale und schaute unschlüssig aus dem Fenster. »Vielleicht stellt sich Mrs Bonett ja zu dämlich an.«
Robert fiel ein, was sein Bruder am Vormittag gesagt hatte, und er konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. »Natürlich, das ist es! Es spukt doch im Keller.« Dale schaute ihn an, als hätte er den Verstand verloren. »Nein, wirklich! Thomas hat gesagt, die Bonett wäre heute morgen kreidebleich über den Flur gelaufen und hätte was von Geistern gefaselt.«
»Ich glaub's ja nicht!«, stöhnte Dale und fasste sich an den Kopf. »Und deswegen hält es keiner für nötig, die Heizungen einzuschalten?«
Robert zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat sie sich ja nicht getraut, den Kollegen davon zu erzählen. Sonntags ist doch sowieso kaum ein Schüler da, wahrscheinlich ist es noch gar nicht aufgefallen.«
»Im Byron-Haus muss die Heizung jedenfalls funktionieren, sonst hätte Antonio heute eine Stinklaune gehabt«, gab Dale grinsend zu Bedenken.
»Ja, und die anderen haben auch nichts gesagt. Vielleicht sollten wir mal nachsehen gehen?«
»Im Spukkeller?« Dales Gesicht erhellte sich. »Klar, bin dabei!«
Er suchte kurz nach einer Taschenlampe und eilte dann gemeinsam mit Robert zur Kellertür hinunter. Sie war nicht verschlossen, doch es kostete ihn einige Mühe, sie zu öffnen, denn der Trick bestand darin, die Tür an- und beinahe aus den Angeln zu heben, damit sie sich nicht auf dem Boben verklemmte.
»Siehst du, geht doch.« Dale klopfte seine Hände an den Hosenbeinen ab und betätigte den Lichtschalter neben der Tür. Der Gang blieb finster. »Vorausschauen ist alles.« Er grinste und leuchtete mit seiner Taschenlampe ins Dunkle. Spinnweben und ein verblasster Leuchtstreifen an der Wand waren das einzige, das sie in dem langen Kellergang ausmachen konnten.
»Vielleicht ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass es hier spukt«, flüsterte Robert und betrat dicht hinter Dale gedrängt den schmalen Gang. Ihre Schritte hallten von den Wänden wieder, und irgendwo rauschte Wasser leise und gleichmäßig durch eine Leitung.
»Ach was.« Dale lachte leise, aber es klang in Roberts Ohren nicht sehr überzeugend. Sie folgten dem blassen Lichtkegel der Lampe und betraten mehrere verwinkelte Gänge, sodass Robert sich zu fragen begann, ob sie auch wieder zurückfinden würden. Er war sich nicht einmal sicher, ob sie noch unterm John-Morgan-Haus waren, denn er meinte sich zu erinnern, dass die Keller unterm Haupthaus und Lord-Byron-Haus entlang bis zum Wäschehaus führten; vielleicht sogar noch weiter.
»Hast du das gehört?« Dale blieb so unerwartet stehen, dass Robert in ihn hineinlief, bevor das letzte Wort verhallt war.
»Sorry... was gehört?«, wisperte er und spürte, wie sich die Härchen auf seinen Unterarmen aufrichteten.
»Weiß nicht.« Dales Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern. »Klang, als hätte jemand gesprochen.«
»Du spinnst!« Robert versuchte, an Dale vorbei in die Dunkelheit zu starren, doch die Taschenlampe spendete keine drei Meter weit Licht. »Die könnte mal neue Batterien vertragen«, flüsterte er.
»Hast du jetzt etwa welche mit?« Dales bissige Worte konnten die Unsicherheit in seiner Stimme nicht verbergen. Er schaute angestrengt nach vorne, doch sie konnten beide niemanden entdecken. »Ich hör wirklich schon Gespenster«, sagte Dale leise und drehte sich zu Robert um.
In diesem Moment erlosch das Licht der Lampe endgültig.
»Scheiße!« Dale fluchte, und Robert spürte, wie sein Herz in die Hose rutschte.
»Was jetzt?«, flüsterte er. »Hast du dir den Weg gemerkt?«
»So halb. Aber taste mal irgendwie nach einem Lichtschalter. Nur weil vorne das Licht nicht ging, muss das ja nicht für überall gelten.«
Robert hörte, wie Dales Hände über die Wand strichen, doch er verkniff sich die Bemerkung, dass dies die berühmte Nadelsuche im Heuhaufen war. Stattdessen tastete er ebenfalls die kalten Backsteine ab und folgte dicht hinter Dale den Gang entlang.
Dann blitzte jäh vor ihnen ein Licht auf.
»Ahh!« Dale und Robert schrieen gemeinsam auf, und Roberts Hand krallte sich in Dales Hosenbund. Sein Puls schien auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen.
Vor ihnen standen Thomas und Allain, ein Feuerzeug in die Luft haltend. Sie schauten ebenso entsetzt drein wie sie selbst.
»Seid ihr denn bescheuert?!« Robert hatte nicht so laut schreien wollen, doch sein bis zum Hals schlagendes Herz prügelte die Worte förmlich aus ihm heraus. »Was zum Teufel macht ihr hier unten?«
»Wir... wir...« Allain sah von Robert zu Dale und zurück. »Das geht euch nichts an«, sagte er schließlich mit zusammengekniffenen Lippen. Wilde Schatten huschten über sein Gesicht, als er die Flamme vor seinem Körper bewegte.
Roberts Blicke wanderten augenblicklich zu seinem Bruder und schienen ihn durchbohren zu wollen.
»Wir... wir wollten mal gucken, wegen dem... wegen dem Geist«, druckste Thomas herum, und Robert konnte gerade noch sehen, wie er verlegen nach unten schaute, bevor Allain mit einem Schmerzenslaut das Feuerzeug erlöschen ließ.
»Scheiße, ist das heiß!«, schimpfte er. Man hörte ihn in der Dunkelheit lautstark pusten.
»Wie lange seid ihr schon hier unten?«, fragte Dale mit gedämpfter Stimme, als könnten sie belauscht werden.
»Wir sind eben erst gekommen«, antwortete Thomas.
Robert hob die Augenbrauen. »Wie seid ihr denn unbemerkt an uns vorbeigekommen?«
»Sind wir doch gar nicht.« Allain ließ das Feuerzeug erneut aufflammen, behielt es jedoch misstrauisch im Auge. »Da vorne ist die Tür, wir sind eben erst reingekommen.«
»Oh.« Robert schaute an dem blonden Jungen vorbei und fand dessen Worte bestätigt. Ein schmaler Lichtstreifen fiel durch eine angelehnte Tür, keine zehn Meter von ihnen entfernt. »Sind wir unterm Byron-Haus?«
»Wo denn sonst?«, fragte Thomas und schaute seinem Bruder in die Augen. »Sagt bloß, ihr seid bei euch reingekommen?«
»Klar, schließlich sind die Heizungen bei uns nicht an.«
»Ja, aber wir haben gehört, dass der Geist im Heizkeller gewesen sein soll«, entgegnete Thomas, »Und der ist näher bei uns dran.« Er verschränkte die Arme und blies sich eine Strähne aus der Stirn.
»Jedenfalls«, fiel Dale schnell ein und schaute sich um, »hier ist kein Geist, also können wir auch genauso gut wieder hochgehen.«
»Zu den Heizungen geht's aber nach da«, antwortete Allain und deutete auf einen schmalen Gang hinter Robert und Dale, den sie im Dunkeln übersehen hatten.
Als wäre dies das Stichwort gewesen, ertönte auf einmal ein Poltern aus dieser Richtung. Sie erstarrten alle, und Allain ließ vor Schreck das Feuerzeug fallen.
»Mist!«, fluchte er und beugte sich hinunter, wobei er gegen Robert stieß und diesen gegen Dale schubste.
»Sorry.«
»Aua! Pass doch auf!«, wimmerte Allain. Als er das Licht wieder aufflammen ließ, schüttelte er mit schmerzverzerrtem Gesicht die rechte Hand und warf Thomas einen bösen Blick zu.
»Ich frage mich, ob außer uns noch jemand auf Gespenstersuche ist«, witzelte Dale und schaute angestrengt in den dunklen Gang. Dann betrat er ihn einfach.
Robert überlegte, ob er einfach stehen bleiben und warten oder mitgehen sollte, doch als Thomas an ihm vorbeilief, folgte er ohne nachzudenken. Auch Allain schloss sich ihnen an, nachdem er offenbar entschieden hatte, dass es unschön war, ganz allein zu warten.
Der Gang führte um zwei Ecken, bevor er von schwachem Licht durchflutet wurde. Zwei verstaubte Glühlampen hingen an der Decke und versuchten angestrengt, die Schatten in die Ecken zurückzudrängen, die den Heizkeller unablässig heimsuchten. Sie hatten ihr Ziel erreicht.
»Miau.«
Sie blieben alle vier gleichzeitig stehen. Vor ihnen saß ein sandblonder Junge im Schneidersitz auf dem Boden, den Rücken zu ihnen gekehrt. Auf seinem Schoß tapste eine der Schulkatzen etwas tollpatschig herum und stupste gegen seine Brust. Als er sie kommen hörte, schaute er über die Schulter nach hinten.
Es war Desmond Stainthorpe-Pickering, mit dem Robert zusammen im Bogenschießclub war.
»Oh, Besuch«, sagte er und musterte sie mit durchdringendem Blick. Als niemand antwortete, hob er die Augenbrauen. »Was ist?«
Dale prustete unvermutet los. »So sieht also Mrs Bonetts Geist aus. Sehr gruselig, in der Tat.« Er erntete einen verachtenden Blick von Desmond.
Die kleine Katze - Rawn, wenn Robert sich richtig erinnerte - war bei Dales Lachen erschrocken geflüchtet. Desmond erhob sich, und Robert fiel zum ersten Mal auf, dass er viel kleiner war als er und Dale. Trotzdem kam er sich unterlegen vor. »Mrs Bonett hat heute morgen angeblich einen Geist gesehen«, begann er zu erklären und stellte im selben Augenblick fest, wie lächerlich das klang. Desmonds Gesichtsausdruck bestätigte dies unmissverständlich. »Jedenfalls sind bei uns deswegen den ganzen Tag lang die Heizungen aus gewesen, und wir wollten nachsehen-«
Desmond wischte seine Worte mit einer Handbewegung beiseite. »Ich hab die Katzen gefüttert, mehr nicht. Diese Frau ist einfach hysterisch.« Offensichtlich schien er die daraus entstandene Aufregung nicht im Geringsten zu verstehen.
Dale schien ebenso wenig bemüht, sich mit ihm zu unterhalten, denn er schritt schnurstracks an ihm vorbei auf die Heizventile zu und drehte das rechte auf, über dem in abgeblätterter Schrift ›JM‹ und ein kryptischer Zahlencode stand. Irgendwo hinter der Wand brummte ein Boiler auf.
»So, das hätten wir. Und tschüss.« Er sah Desmond kurz an und ging dann einfach zurück in den Gang. Thomas und Allain, die die ganze Zeit über geschwiegen hatten, folgten ihm nach einem kurzen Blick auf den schlaksigen Jungen, der mit verschränkten Armen im diffusen Licht stand und sie stumm beobachtete.
»Ja, also... ciao.« Robert nickte ihm unschlüssig zu, bevor er den anderen folgte. Er hatte das Gefühl, Desmonds stechende Blicke im Nacken zu spüren, und war froh, als er um die Ecke bog und in das Dunkel der Kellergänge eintauchen konnte.
Sie hatten den Ausgang im Lord-Byron-Haus genommen und sich dort von Thomas und Allain verabschiedet, die der armen Hausmeisterin die Sache erklären und sie beruhigen wollten. Es war kurz nach achtzehn Uhr, und Robert fing wieder an, sich über Tommy zu ärgern, doch nachdem Dale ihm drohte, ihn auf der Stelle stehen zu lassen, wenn er nicht den Mund hielt, stimmte er lachend zu.
»Was machen wir jetzt mit dem geschenkten Nachmittag?«, fragte er, als sie über das Gelände liefen und die wenigen Schüler beobachteten, die sich mutig auf die Bänke vor dem Café gesetzt hatten und dort dem kühlen Wind trotzten.
»Wie wäre es, wenn ich Sie auf einen Tee einlade?«
Sie fuhren beide herum und erkannten Mr Ó Donnaill, der warmherzig lächelnd hinter ihnen stand, zwei große Einkaufstüten in der Hand. »Ich habe gerade Ihren Bruder getroffen und ihn von Ihrem wagemutigen Ausflug in die Harris'schen Kellergewölbe berichten gehört.«
Robert fragte sich, ob Schülern der Zutritt zu den Kellern gestattet war. Er bezweifelte es.
Ó Donnaills Augen verrieten ihm jedoch, dass sie keinen Ärger zu erwarten hatten. »Ein ›Nein‹ lehnte ich ab, meine Herren. Ihre Heldentat sollte gefeiert werden. Ich bringe nur schnell diese hier«, er hob die Hände mit den Tüten, »nach oben. Ich habe das Gefühl, bei Zwillingen steigt die Anzahl der Kleidung in der Potenz. Für Conor haben wir nicht einmal halb so viel benötigt.« Er lächelte gequält und deutete mit dem Kopf aufs Café. »Suchen Sie doch schon mal einen netten Platz aus. Bis gleich.«
Als er weg war, schauten sich Robert und Dale verwundert an. Dann zuckte Dale mit den Schultern. »Na los, komm.« Er ging zusammen mit Robert ins Café und wählte einen Tisch am Fenster.
»Wieso ist er denn um diese Zeit noch hier?«, fragte Robert und nahm neben ihm an der Kopfseite des Tisches Platz.
»Irgendeine Versammlung, soweit ich weiß. Ist doch immer blöd für die, die außerhalb wohnen.«
Sie bestellten drei Tassen Tee und einen Teller mit verschiedenen Keksen und schauten schweigend aus dem Fenster. Die Sonne stand glutrot am Horizont und tauchte die großen Glasfenster des gegenüberliegenden Stadions in ein Meer aus Flammen. Zwei Schüler aus der Mittelstufe rannten zum Eingang, die Sporttaschen gegen ihre Körper schlenkernd. Sie kamen offensichtlich zu spät zum Training.
»Man trifft Sie ja selten ohne Mr Tomkin an. Sie haben doch nicht etwa gestritten?« Ó Donnaill war unbemerkt zu ihnen an den Tisch getreten und schaute Robert teils belustigt, teils besorgt an.
Robert schüttelte den Kopf und meinte leicht grummelnd: »Der amüsiert sich in der Stadt und lässt dafür unsere Probe sausen.«
»Ach ja, die Vorbereitungen für die Abschlussfeier.« Ó Donnaill setzte sich ihnen gegenüber und nahm einen Keks. »Wie ich hörte, singen Sie alle wie damals zum Weihnachtskonzert?«
»Ich nicht«, entgegnete Dale sofort und etwas schroffer als nötig.
Ó Donnaill sah überrascht aus, sagte jedoch nichts dazu. Stattdessen erzählte er ihnen von seiner eigenen Abschlussfeier, als er noch in Galway zur Schule gegangen war. »Wir hatten einen hochbegabten Violinisten, George Wood, der zum Schluss ein wunderschönes Stück auf seiner Geige gespielt hat«, erinnerte er sich. »Selbst hartgesottene Jungs wie ich hatten damals Tränen in den Augen.« Er lächelte wehmütig. »Manchmal bereue ich es, aus Irland weggegangen zu sein. Aber dann hätte ich nie meine wunderbare Frau kennengelernt... und so wunderbare Schüler wie Sie«, fügte er zwinkernd hinzu.
Robert nippte grinsend an seinem Tee. Es war schön, hier zu sitzen und sich zu unterhalten, fand er. Tommy ging nicht gerne ins Café, was er bedauerte. Vielleicht sollte er öfters mal etwas mit anderen unternehmen. Dale zum Beispiel war ein ausgesprochen angenehmer Begleiter, fand er.
»Schade, dass Mr Tomkin nichts spielen möchte«, fügte Ó Donnaill bedauernd hinzu. »Er hätte das Zeug dazu.«
»Tommy will nicht?« Diese Information war neu für Robert. »Haben Sie ihn gefragt?«
Der Lehrer nickte. »Er hält es für seine Pflicht, mit ihnen gemeinsam zu singen, obwohl er meint, er könne das nicht und habe vor allem Sie anmelden wollen.« Bei diesen Worten musterte er Robert nachdenklich, und der Achtzehnjährige spürte, dass er verlegen wollte.
Dales folgende Worte trugen ihren Teil dazu bei: »Ja, Robby singt wirklich gut«, sagte er. Man sah ihm an, dass er es ernst meinte. »Aber er tut es nur, wenn er denkt, er wäre allein.« Mit einem Seitenblick sah er auf Robert, der am liebsten in seiner Tasse versunken wäre.
Wann hatte Dale ihn denn singen gehört? Abgesehen vom Weihnachtskonzert vor über zwei Jahren sang er nur, wenn er alleine war, und auch das nicht oft. Dale stand doch nicht etwa vor seiner Tür und lauschte? Er lächelte bei diesem albernen Gedanken und nahm einen Schluck Tee, der ihm die Zunge verbrühte.
»Führen Sie denn etwas anderes auf, Mr Miller, wenn Sie nicht singen?«, fragte Ó Donnaill interessiert und trank seinen Tee so unbekümmert, als käme er frisch aus dem Kühlschrank.
»Ja, ich arbeite an der Technik.«
»Ehrlich?« Robert blickte überrascht auf. »Davon wusste ich ja gar nichts.«
Dale grinste breit. »Mein lieber Robby«, sagte er und stützte sein Kinn auf die Hand, »es gibt so vieles, das du nicht von mir weißt. Du würdest überrascht sein.«
Robert bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Ó Donnaill die Stirn runzelte. Der junge Lehrer sprach jedoch im nächsten Moment ein anderes Thema an: »So, und eigentlich würde mich jetzt die Geschichte mit dem Geist im Keller interessieren...«
Robert und Dale erzählten abwechselnd, wie sich der Nachmittag zugetragen hatte, und amüsierten sich im Nachhinein sehr über sich selbst. Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile mit Ó Donnaill, bevor dieser beim Klang der Kirchturmglocken erschrocken aufsprang und, sich hastig verabschiedend, zu seiner Versammlung eilte.
Robert und Dale verließen kurz nach ihm das Café und gingen langsam zum John-Morgan-Haus zurück. Die Sonne war inzwischen untergegangen und der Himmel erstreckte sich in stahlgrau über ihnen. Vor dem Hauptgebäude erblickten sie Mr Frey und Mr Bull, die gerade ihre Zigarettenstummel entsorgten und dann ins Haus verschwanden. Von Pünktlichkeit schienen sie beide nicht viel zu halten.
Dale schaute noch eine Weile auf die zugefallene Tür. »Ich glaube, Bull ist deswegen so gut zu uns, weil er selbst weiß, wie es ist, seine Familie kaum zu sehen«, sagte er, und Robert fragte sich, wie er jetzt darauf kam. »Am Donnerstag hat Richards mitten im Unterricht zu heulen angefangen, irgendwas wegen seiner Mom, und er ist mit ihm rausgegangen und ewig nicht wiedergekommen. Aber danach schien alles wieder okay zu sein. Ein toller Mann.« Er versenkte die Hände in den Hosentaschen und kickte einen kleinen Stein beiseite. »Meine Schwester hat mir einen Brief geschrieben«, wechselte er auf einmal das Thema. Er schaute zum Himmel, an dem bereits die ersten Sterne aufblitzten. »Sie will jetzt Schauspielerin werden. Schauspielerin! Vor einem Monat war's noch Sängerin, und davor Photomodel. Ich wäre jetzt gerne drüben und würde ihr ordentlich was husten.«
»Ich wusste gar nicht, dass du eine Schwester hast«, erwiderte Robert erstaunt. Er zog seine Jacke fester um den Körper. Der Wind hatte in der letzten Stunde ordentlich aufgefrischt.
»Halbschwester«, sagte Dale und strich sich Haare aus dem Gesicht. »Sie ist ziemlich verrückt, aber ich liebe sie. Trotzdem... sie ist letzten Monat zweiundzwanzig geworden und überlegt immer noch, wie sie ihre Zukunft gestalten will. Für sie besteht das Leben nur aus Spaß haben. Kurz nachdem ich abgereist bin, hat sie sich die Haare blau gefärbt - mein Vater hat fast einen Herzanfall bekommen. Klar, wo doch sein Mustersohn Damon gerade zur Marine gegangen ist.«
»Du hast auch noch einen Bruder...?«
»Halbbruder. Sind beide aus der ersten Ehe meines Vaters. Man muss schon ein Arschloch sein, wenn man zwei Ehen zu Bruch gehen lässt.« Er sah mit einem Mal verbittert aus. »Dana kann sich trotzdem alles bei ihm erlauben, auch blaue Haare oder Modelträume. Wenn ich so etwas gebracht hätte... na ja, ich bin ja nicht ohne Grund hierher abgeschoben worden.«
Robert legte ihm eine Hand auf die Schulter und wollte etwas Tröstendes sagen, doch ihm fiel nichts Gescheites ein. »Meine Mutter war auch eine Zeitlang Model«, sagte er schließlich und fand, dass es lahm klang.
»Echt?« Dale schien ehrlich überrascht zu sein, und Robert bereute es sofort, davon angefangen zu haben. Er hatte noch nie jemandem von seiner Mutter erzählt, nicht einmal Tommy. Aber dafür war es nun zu spät. »Hat sie so richtig als Model gearbeitet? Hast du Photos von ihr?«
»Nur eines, aus dem... aus einem Magazin.«
»Cool! Kann ich es sehen?«
Robert fühlte sich unbehaglich. Er trug ihr Bild immer bei sich im Portemonnaie, doch er wollte es Dale nicht zeigen. Andererseits war ihm klar, dass er Dales Gefühle verletzten würde, wenn er es ihm grundlos verweigern würde. Zögernd nahm er sein Portemonnaie aus der Tasche und klappte es auf.
Er hatte ihr Bild in einem Seitenfach untergebracht, wo man es nicht gleich sah. Es war zerknittert und an einer Stelle eingerissen, doch er hatte keine anderen Bilder von ihr. Er zog es hervor und reichte es Dale. »Es ist aus dem Playboy«, fügte er leise hinzu und wagte es nicht, den Kanadier anzuschauen.
Dale betrachtete das Bild wortlos. Es war von 1979, und schrille Haarfarben wie pink oder violett schienen gerade sehr angesagt gewesen zu sein, denn Robert erinnerte sich, dass fast alle Damen in dem Magazin sehr farbenprächtige Frisuren gehabt hatten. Robert brauchte nur die Augen zu schließen, um seine Mutter haarklein vor sich zu sehen, ihre pinkfarbenen Haare und die plüschigen rosa Hasenohren, die das einzige Kleidungsstück an ihrem Körper waren. ›Holly träumt von Hollywood‹, stand fett darunter, und kleiner: ›Holly B., süße siebzehn, träumt seit Jahren davon, in der Traumfabr‹, bevor der Artikel abgerissen war.
»Du und Thomas, ihr habt beide ihre Nase und ihren Mund«, sagte Dale leise, wie, um überhaupt etwas zu sagen. Er gab Robert das Photo zurück und schaute ihn unschlüssig an. »Ich wusste nicht, dass sie... dass-«
»Schon gut«, winkte Robert ab und verstaute das Bild sicher im Portemonnaie. »Ich wünschte, ich hätte ein anderes Bild von ihr, aber mein Onkel hat nur ein paar verstaubte Kinderphotos, und Mum hat nie Photos mit uns machen lassen.«
»Wann ist sie gestorben?«
»Vor neun Jahren. Sie hatte einen Autounfall.« Er hatte sich beim Sprechen von Dale weggedreht und lief ein paar Schritte auf den Brunnen vorm Haupthaus zu. Der Wind fuhr ihm durchs Haar und trieb ihm Tränen in die Augen, von denen er nicht wusste, ob sie auch vorher schon da gewesen waren. Irgendwann trat Dale hinter ihn und wärmte nur durch seine Nähe Roberts Rücken, der mittlerweile eiskalt war.
Robert seufzte leise auf und drehte sich zu ihm um.
»Was ist?«, fragte Dale und schaute ihn mit seinen großen Augen an, die im Dämmerlicht schwarz wie Kohle schimmerten.
»Ich habe nur gerade daran gedacht, dass wir uns alle schon so viele Jahre kennen und trotzdem sehr wenig voneinander wissen.«
»Das ist wahrscheinlich keine Seltenheit an solch einer Schule«, sagte Dale resignierend. »Wir hocken alle den ganzen Tag aufeinander, doch am Ende ist trotzdem jeder allein für sich. Wer da nicht von selbst aus sich herauskommt, der wird immer ein Geheimnis für den Rest bleiben.« Er schaute Robert in die Augen. »Du hast mir eben zum ersten Mal etwas über dich erzählt, Robby.« Er klang ungewöhnlich ernst, und Robert spürte eine Gänsehaut über seine Arme kriechen. »Du gehst zwar immer auf andere ein und hilfst, wo du kannst, aber von dir selbst redest du eigentlich nie.«
Robert erwiderte nichts. Er wusste, dass Dale Recht hatte, aber trotzdem wurde es ihm erst jetzt zum ersten Mal wirklich klar. Selbst Tommy, der für ihn fast wie ein Bruder war, wusste nur das, was er ihm erzählt hatte - und das war nicht viel. Ein einziges Mal hatte sein Freund nach Roberts Mutter gefragt, und dieses einzige Mal hatte er abgeblockt; danach war das Thema nie wieder zur Sprache gekommen, wie so viele andere Themen auch.
»Aber wir sind halt alle verschieden«, schloss Dale schließlich, als hätte er gerade einen Vortrag gehalten und käme nun zum Plädoyer. Er trat noch dichter an Robert heran, so nah, dass er auf ihn herabschauen musste. »Danke, dass du mir das Bild gezeigt hast.« Er sprach so leise, als wollte er nicht, dass irgendjemand außer Robert diese Worte hören konnte. »Deine Mutter ist wunderschön gewesen. Sie sieht dir sehr ähnlich.« Dann trat er an ihm vorbei, und der Wind schlug wieder mit voller Wucht zu.
Robert blickte hoch zum Mond, der inzwischen hinter den Gebäuden emporgeklettert war, und schickte seiner Mutter in Gedanken einen Gute-Nacht-Gruß, wie er es schon seit Jahren nicht mehr getan hatte.
Dann drehte er sich um und folgte Dale ins John-Morgan-Haus, wo er Tommy schlafend auf ihrem Zimmer vorfand, ihn richtig zudeckte und bald darauf mit einem kurzen Gedanken an seinen letzten Traum ebenfalls ins Bett ging.
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