Leben und Lieben am Harris College Teil 6 - Miki
Kapitel 6: Hiobsbotschaften
Die nächsten zwei Wochen verliefen völlig unspektakulär und ohne wilde Träume.
Der Schulalltag hatte sich selbst beim letzten Schüler wieder eingestellt, und mit den Prüfungsvorbereitungen kam bei den meisten auch die Erkenntnis, dass man dem Unterrichtsstoff im Allgemeinen und Speziellen wieder mehr Aufmerksamkeit schenken musste, um am sechsten Juni mit gutem Gewissen nach Hause fahren zu können.
Zu Roberts Erleichterung hatten sie auch endlich mit den Auftrittsvorbereitungen angefangen und probten nun zweimal die Woche. Wäre Dale ein Mitglied ihrer Gruppe gewesen, der Tommy spontan den schlichten Titel »Boygroup« verpasst hatte, hätten sie die Proben abbrechen müssen, denn der Kanadier hatte Sonderurlaub bekommen und war nach Toronto geflogen, weil seine Mutter ernsthaft erkrankt war.
Das war am sechsten Mai gewesen, und inzwischen war der zwölfte. Robert konnte nicht genau sagen, warum, aber an diesem Montag vermisste er Dale ganz besonders. Vielleicht lag es daran, dass Mr Wollschlaeger ihnen einen Auszug aus dem originalen ›Parzival‹ des dreizehnten Jahrhunderts gegeben hatte, zu dem sie die passende Stelle im Buch finden und vergleichen sollten.
Robert blickte auf die Uhr, doch der Zeiger schien stehen geblieben zu sein - wenn er nicht sogar rückwärts lief. Er warf einen Blick zu Antonio, der eifrig etwas auf ein Blatt Papier kritzelte, das so ganz und gar nicht nach ›Parzival‹ aussah. Robert seufzte und wünschte sich sehnsüchtig seinen Banknachbar zurück. Zettel schreiben mit Dale war immer ein großer Spaß gewesen, und wenn er darüber nachdachte, hatte alles mit Dale immer großen Spaß gemacht. Er wusste allerdings nicht, warum ihm das ausgerechnet jetzt einfiel, und wandte sich nach einem vernehmlichen Räuspern von Mr Wollschlaeger wieder seiner Aufgabe zu.
Irgendwann waren die ersten drei Stunden dann doch endlich vorbei, und Kunst bei Mr Berrymore verging diesmal dafür wie im Flug. Momentan stand Photographie auf dem Lehrplan, woran Robert großen Gefallen gefunden hatte. In der ersten Stunde hatte sein Kurs die Werke des zweiten Kurses - in dem auch Antonio war - begutachtet und diskutiert, bevor sie nach draußen gingen und Aufnahmen mit Schwerpunkt auf Licht und Schatten machten. Mr Berrymores ruhige Art erinnerte Robert an seinen Onkel, und er bekam mit einem Mal ein bisschen Heimweh und beschloss, ihn und Tante Betty später am Tag endlich mal wieder anzurufen.
Bevor es jedoch soweit war stand Sport auf dem Programm, und an diesem Tag war es die Hölle. Stevens schien noch schlechter drauf zu sein als sonst und nahm sie so hart dran wie lange nicht mehr. Obwohl es draußen kalt und der Rasen feucht vom Regen der letzten Nacht war, hatte er sie alle ins Stadion geschickt, um Rugby zu spielen.
Zu Roberts Verwunderung war Tommy bisher noch nicht aufgetaucht, und es schien ihn seit dem Frühstück auch niemand mehr gesehen zu haben. Es blieb ihm jedoch nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn nachdem Antonio zu spät von Mr Morgans Mathematikstunde gekommen war und Robert etwas länger beim Befestigen der Schienbeinschützer gebraucht hatte - ohne wollte er nie mehr spielen, das hatte er sich geschworen -, schien Stevens sie beide besonders auf dem Kieker zu haben. Sie waren noch keine fünf Minuten auf dem Platz, als Robert seine ersten zwanzig Strafliegestütze bekam, und kurz darauf wurde auch Antonio an seine Seite geschickt.
Als sie dann spielten und Antonio den Ball verfehlte, rastete Stevens aus: »Sperr doch mal die Augen auf, Itaker! Spielt man bei euch nur Softball, oder bist du einfach nur zu blöde?!« Robert sah, wie Antonio unter seiner dunklen Haut rot anlief, doch der Italiener kniff die Lippen zu einem hauchdünnen Strich zusammen und erwiderte nichts. »Clive, bring ihm mal das Fangen bei! ... Hey, Clive! Jetzt sofort!«
Clive Sproul, ein breitschultriger Junge, der Antonio etwa um eine Handbreit überragte, löste sich aus der Menge und kam auf Stevens zu. Obwohl er auf Roberts Etage wohnte und sogar Präfekt war, kannte er ihn kaum. Er hatte jedoch auch nie das Bedürfnis verspürt, den ehrgeizigen und etwas aggressiv wirkenden jungen Mann näher kennen zu lernen, und Antonios lautloses Zähneknirschen verriet ihm, dass der Italiener gerade dasselbe dachte.
Steven gab Clive einen Ball und ein paar kurze Anweisungen, und der Siebzehnjährige ging zusammen mit Antonio zum Rand des Spielfeldes. Robert hob die Daumen und flüsterte ein »Toi, toi, toi!«, bevor er sich eilig wieder dem Spiel zuwandte, um nicht Stevens nächstes Opfer zu werden.
Einige Minuten lang verlief alles ruhig, bevor ein plötzlicher Schmerzensschrei die Köpfe aller Spieler herumfahren ließ. Antonio war in die Hocke gegangen und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das rechte Handgelenk, während Clive hilflos über ihm stand und erschrocken dreinschaute.
Stevens lief mit missmutiger Miene zu ihnen hinüber, und Robert und die meisten anderen Spieler folgten in einigem Abstand.
»Lass mal sehen, Junge.« Stevens prüfte Antonios Handgelenk, nicht unbedingt sanft, wie Robert fand, und runzelte die Stirn. »Tja, die könnte gebrochen sein. O'Neill wird da nicht viel machen können, also fährst du am besten gleich ins Krankenhaus zum Röntgen. Clive, du hast doch ein Auto; fahr ihn!« Seine Stimme duldete keinen Widerspruch, und Clive nickte matt.
Antonio biss sich auf die Lippen, und Robert konnte nicht bestimmen, wer von beiden weniger begeistert über Stevens' Vorschlag aussah. »Der Rest von euch zurück aufs Feld, aber plötzlich!« Stevens machte eine scheuchende Handbewegung, und Robert hatte keine Gelegenheit mehr, Antonio Mut zu machen oder ihn zu trösten. Er sah ihn mit hängendem Kopf hinter Clive hertrotten, doch der schrille Laut der Trillerpfeife befahl ihm unmissverständlich, seine Aufmerksamkeit wieder dem Spiel zuzuwenden.
Als die achte Stunde endlich zu Ende war, zog sich Robert eilig an und machte sich daran, Tommy zu suchen. Er fand ihn jedoch weder auf ihrem Zimmer noch sonstwo im John-Morgan-Haus. Auch im Hauptgebäude und im Clairmont Haus hatte ihn niemand gesehen, und nach einer dreiviertel Stunde entschied er missmutig, die Suche aufzugeben.
Er war gerade auf dem Weg zurück zu seinem Zimmer, als er Chris mit schnellen Schritten die Treppe herunterkommen sah. »Chris, hey!« Er stellte sich dem blonden Jungen in den Weg, der den Eindruck machte, als wäre er schnurstracks an ihm vorbeigelaufen.
»Oh, Robby«, erwiderte Chris und blinzelte verwirrt. »Was ist?«
»Hast du Tommy gesehen?«
»Nee, keine Ahnung. Du, ich hab Golfclub, Tom- äh, Robby, sorry, eilig... bis später.«
»Äh, okay...« Robert wollte noch kurz die Sache mit Antonio erwähnen, aber Chris war bereits an ihm vorbeigelaufen. Etwas verwundert über dessen Gestammel zuckte er mit den Schultern und wollte nach oben gehen, als eines der Telefone klingelte. Robert blieb stehen und sah sich um. Es war niemand da, der einen Anruf erwartete, und normalerweise rief nur jemand in den Häusern an, wenn man sich mit jemandem verabredet hatte.
Als das Telefon zum vierten Mal klingelte, hob er zögernd ab. »Ja, hallo?«
»Robby?«
»Ja. Antonio?«
»Ja! Gott sei Dank habe ich dich gleich am Hörer, das hätte ich nie geglaubt. Ich habe nicht viel Geld für Telefonieren, aber ich wollte schnell sagen, dass du dir keine Sorgen mehr machen sollst.«
»Was ist mit deiner Hand?«
»Gebrochen.« Es trat eine kurze Pause ein, dann sprach Antonio so leise, dass Robert den Hörer fest an sein Ohr pressen musste. »Clive ist wegen mir sehr sauer, weil sein Rudertraining ausgefallen ist.« Robert konnte förmlich hören, wie der Italiener schadenfroh grinste.
»Das war ja klar. Soll ich dich abholen?«, fragte er.
»Nein, Clive nimmt mich wieder mit. Stevens hat gesagt, er muss warten, also ist er gerade nicht sehr glücklich. Aber Robby, ich wollte dir noch sagen, dass ich Whitney hier gesehen habe. Ist sie krank?«
»Puh, keine Ahnung. Aber Chris-« Bevor er weitersprechen konnte, war Antonio aus der Leitung verschwunden und von einem leisen Tuten ersetzt worden. Robert legte auf und setzte sich auf einen der bereitstehenden Hocker, falls der Italiener noch mal anrufen würde. Zumindest glaubte er jetzt zu wissen, warum Chris so komisch drauf gewesen war; vielleicht war Whitney ja tatsächlich krank geworden.
Nach fünf Minuten wurde ihm jedenfalls klar, dass Antonio nicht mehr anrufen würde, und er erhob sich. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es kurz vor halb fünf war und Tommys Orchesterprobe gleich beginnen würde - mit Sicherheit war sein Freund dort zu treffen, denn er erinnerte sich daran, dass sich Tommy schon letzte Woche darüber geärgert hatte, dass er die Probe versehentlich versäumt hatte.
Er ging hinaus und atmete die kühle Frühlingsluft ein. Sie roch noch immer nach Regen. Er schaute hoch und sah, dass der Himmel zwar bedeckt war, jedoch nicht den Anschein machte, als wäre heute noch ein Wolkenbruch zu erwarten. Froh darüber setzte Robert seinen Weg fort, und auf dem Weg zur Kapelle traf er Alexander Pearl, der am Geländer der Brücke stand und in den plätschernden Fluss schaute.
Er schien in Gedanken versunken gewesen zu sein, denn als er ihn ansprach, fuhr er erschrocken herum. Für den Bruchteil einer Sekunde war seine Miene ernst und verschlossen, und Robert hatte das Gefühl, einen ihm unbekannten Jungen vor sich zu sehen, bevor Alexander sein typisches Sonnyboy-Gesicht aufsetzte und ihn angrinste. »Hey Bartlett! Na?«
Robert grinste zurück. »Hey Pearl! Beobachtest du die Fische, oder was siehst du da so Spannendes?«
»Schatten der Vergangenheit, und Fische, natürlich.« Alexander schaute zurück zum Fluss und wurde wieder ungewohnt ernst. »Sag mal, wusstest du, dass sich hier mal ein Schüler erhängt haben soll?«
»Nein. Ohne Scheiß?« Robert trat ans Geländer und schaute nach unten. Die Brücke war nicht sehr hoch, und wenn sich hier jemand erhängen wollte, hing er unter Garantie mit den Füßen im Wasser. Kein besonders angenehmer Tod, wenn er so darüber nachdachte.
»Ja. Mrs Fuentez hat uns heute davon erzählt. Das war achtundneunzig, kurz vorm Ende des Schuljahres.«
»Und warum?«
»Keine Ahnung, hat sie nicht genau gesagt.« Er zuckte mit den Schultern und schaute Robby aus warmen braunen Augen an. »Eine unglückliche Liebe, glaube ich. Jedenfalls sind wir dadurch auf das Thema gekommen. Ich hatte aber vorher nicht wirklich zugehört.«
Robert erschauderte bei dem Gedanken, dass genau hier, wo er jetzt stand, jemand so jung sein Leben beendet hatte. Unwillkürlich musste er an Tommy denken, der noch immer verschwunden war, und er drehte sich vom Geländer weg. »Hast du Tommy gesehen?«
Alexander schüttelte den Kopf. »Nee, aber der wird bei der Probe sein. Die fängt ja gleich-« Er schaute auf die Uhr und riss die Augen auf. »Fing vor drei Minuten an, Scheiße! Komm mit!« Er rannte los, und Robert blieb nichts anderes übrig, als hinterher zu laufen.
Als sie jedoch drinnen waren und durch eine Glastür in den Probenraum im linken Flügel der Kapelle schauten, war von Tommy keine Spur zu sehen. Alexander runzelte die Stirn. »Er war letzte Woche schon nicht da, das gibt langsam Ärger mit Wolli. Wir proben jetzt für die Abschlussfeier, aber wir haben nur drei Violinisten, da können wir nicht viel improvisieren«, flüsterte er.
Robert fuhr sich mit der Hand durchs Haar und nickte. »Mist! Falls er doch noch auftauchen sollte, sag ihm, dass ich ihn gesucht habe, okay?«
»Klar. Viel Glück, Bartlett.«
»Und nenn mich bitte Robert«, fügte er hinzu und lächelte zaghaft. »Ich kann es nicht ab, wenn man mich beim Nachnamen nennt.«
»Okay... Robert. Alex.« Der blonde Junge grinste breit und schlüpfte dann in den großen Raum. Robert sah ihn mit reumütig hochgezogenen Schultern unter Wollschlaegers mahnendem Blick zum Klavier schleichen, bevor er sich umdrehte und zum Ausgang lief.
Als er ihn fast erreicht hatte, öffnete sich eine Tür rechts neben ihn.
»... bis später, ja, mache ich. Bye bye. - Oh, Mr Bartlett!« Mrs Smith, die junge Deutschlehrerin von Thomas, betrat den Gang und sah ihn auf eine Art und Weise an, die Robert sagte, dass sie ihn nicht nur grüßen wollte. Wie zur Bestätigung seiner Gedanken legte sie ihm die Hand auf die Schulter und schaute ihn ernst durch ihre Brille hindurch an. »Es ist gut, dass ich Sie treffe, Mr Bartlett. Ich wollte sowieso mal mit Ihnen reden, über Ihren Bruder.«
Robert merkte, wie er sich verspannte. »Was ist mit Thomas? Hat er was angestellt?«
»Nein, nicht wirklich.« Sorge zeichnete sich auf ihrem hübschen Gesicht ab. »Er ist in letzter Zeit sehr unaufmerksam und gibt ständig patzige Antworten«, sagte sie und spielte mit dem Anhänger ihrer Halskette herum. »Ich wollte erst einmal Sie fragen, ob er vielleicht Probleme hat, bevor ich Ihre Tante anrufe, aber...«
Robert schüttelte den Kopf. »Ich weiß, was Sie meinen, aber ich habe keine Ahnung, warum er so ist... ich sehe ihn ja nicht allzu oft«, fügte er etwas verlegen hinzu. »Aber ich werde ihn darauf ansprechen, versprochen.« In seinen Füßen kribbelte es; er wollte los und nach Tommy suchen. Um seinen Bruder konnte er sich später kümmern, sein Freund ging erst mal vor. Langsam machte er sich wirklich Sorgen, dass ihm etwas passiert sein könnte.
Mrs Smith ließ ihn jedoch noch nicht gehen. »Da ist noch etwas«, sagte sie und trat näher an ihn heran. »Ich habe noch nicht mit meinen Kollegen gesprochen, obwohl das erforderlich ist, aber...«, sie schaute sich kurz um, bevor sie weitersprach, »Es besteht der Verdacht, dass Ihr Bruder etwas mit Drogen zu tun haben könnte.«
Robert wurde übel. Thomas und Drogen? Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Oder doch? Diesem Jack traute er so Einiges zu. »Ich werde gleich morgen mit ihm reden«, versprach er, und diesmal war es sein voller Ernst.
»Danke.« Mrs Smith richtete sich auf und strich ein paar Falten aus ihrem langen Kleid. »Ich werde Mr Hicks davon unterrichten müssen, aber es wäre mir sehr lieb, wenn Sie vorher mal mit Ihrem Bruder reden könnten. Aber bitte sagen Sie mir umgehend Bescheid.«
»Natürlich.« Er nickte und drehte sich um, um nach draußen zu gehen. Er wusste nicht, wie sie sich vorstellte, dass er mehr herausbekommen würde als sie, doch er wollte trotzdem mit Thomas reden. Er war sich sicher, dass es der Einfluss dieses Jacks war, der seinen Bruder in ein schlechtes Licht rückte.
Doch das hatte auch Zeit bis morgen - momentan war Tommy einfach wichtiger. Und der einzige Ort, an dem er noch nicht gesagt hatte, war das Gestüt; vielleicht war Tommy ja einfach nach Hause gegangen.
Zwanzig Minuten später fuhr er mit dem Auto auf den Hof. Schlamm spritzte auf, als er etwas scharf um einen Anhänger herumfuhr und dahinter parkte. Der Boden war aufgeweicht, und er war froh, seine Reitstiefel auf dem Rücksitz liegen zu haben, sodass er nicht mit seinen polierten Schuhen zum Kofferraum waten musste. Er zog sie eilig an und ging dann als erstes zum Wohnhaus.
»Es ist niemand da, Robby!«, rief eine Frauenstimme hinter ihm, und als er sich umdrehte, sah er Jenifry aus dem Stall und auf ihn zu kommen. »Mr und Mrs Tomkin sind zum Futterhändler gefahren und kommen erst in einer halbe Stunde zurück. Willst du was Bestimmtes?« Sie blieb vor ihm stehen und schaute ihn aus ihren dunklen Augen an.
»Na ja... eigentlich suche ich Tommy. Ist er hier?«
»Tommy? Oh, du meinst Robert - der ist ausgeritten, vor einer Ewigkeit schon.« Sie strich sich eine dicke rote Locke aus dem Gesicht und lächelte ihn an. »Ich wollte mir gerade einen Tee kochen. Wenn du willst, können wir drinnen auf ihn warten.«
Robert schüttelte den Kopf, und ein Schatten glitt über Jenifrys Gesicht. »Sorry, Jeni, aber... ich will lieber Sascha etwas bewegen. Vielleicht finde ich Tommy ja.«
»Na gut.« Sie verzog den Mund, zuckte jedoch mit den Schultern. »Dann bis später.« Mit diesen Worten ging sie ins Haus und ließ Robert stehen.
Sie tat ihm schon ein bisschen Leid, doch er verspürte nicht die Absicht, ihr in irgendeiner Weise falsche Hoffnungen zu machen. Außerdem wollte er wirklich nach Tommy suchen. Irgendetwas stimmte da absolut nicht, wenn sein Freund den Unterricht schwänzte und alleine ausritt.
Die Box von Tommys Hannoveranerstute stand offen und war wirklich leer, und Robert beeilte sich, Sascha aufzuzäumen. Als der alte Wallach aus der Box geführt wurde, schnaubte er begeistert. Robert musste trotz seiner Sorgen lächeln und tätschelte ihm die Nüstern. »Wir suchen jetzt nach Tommy und Ophelia, ja?« Als sie den Hof betraten, zog er den Sattelgurt fest und schwang sich auf Saschas Rücken.
Er lenkte ihn in Richtung Westen, wo er Tommy an seinem Lieblingsplatz, einem kleinen, namenlosen See, vermutete, und tatsächlich entdeckte er frische Hufabdrücke im feuchten Sand, als er den Reitweg erreicht hatte. Er war sich ganz sicher, dass sie zu Tommys Stute gehörten, denn sein Freund gehörte zu den wenigen Reitern am Tomkin-Hof, die bei einem solchen Wetter Stollen an den Hufeisen befestigten.
Wahrscheinlich hätte er dieselbe Entscheidung getroffen, wäre sein Pferd auch nur annähernd so schreckhaft wie Tommys gewesen, doch Sascha war unbeschlagen und so trittsicher, dass sich Robert keine Sorgen machte, mit ihm auszurutschen und zu stürzen; nie würde der ruhige Paso Fino so plötzlich und unvermittelt zur Seite springen, wie es Tommys Stute meist schon beim leisesten Rascheln eines Tieres tat.
Robert zog den Sattelgurt noch einmal nach, bevor er antrabte und den Wallach kurz darauf in einen schnellen Tölt verfallen ließ, während er unentwegt nach Ophelias Hufabdrücken schaute. Er schien jedoch recht mit seiner Vermutung gehabt zu haben, denn die Spur lief weiter geradeaus, als sie die letzte mögliche Abzweigung des Weges passiert hatten. Ein paar Minuten später konnte er schon Wasser durch die Büsche schimmern sehen, und als er die schattige Lichtung schließlich erreichte, sah er Tommy unter einer Weide sitzen und Steine in den See werfen.
Robert saß ab und lockerte den Sattelgurt, bevor er Sascha neben Ophelia unter einem Baum anband, wo Mr Tomkin vor Jahren eine hüfthohe, vier Meter lange Stange für genau diesen Zweck aufgebaut hatte. Dann ging er in Richtung See.
Tommy hatte ihn mit Sicherheit kommen sehen, blickte jedoch stur geradeaus und warf wieder einen Stein ins Wasser. Das leise Ploppen schien das einzige Geräusch im Wald zu sein.
Robert blickte seinen Freund mit besorgter Miene an und erkannte, dass Tommys Gesicht rot und verheult war. Erschrocken lief er zum ihn, ließ sich in die Hocke sinken und legte eine Hand auf die schmale Schulter.
»Tommy, hey... was ist denn los?«
Tränen traten in die Augen des blonden Jungen, doch er wischte sie nicht weg. »Es ist einfach aus«, sagte er, und es klang so hilflos, wie Robert es noch nie bei seinem Freund erlebt hatte.
»Was ist aus?«, fragte er vorsichtig, doch im selben Moment konnte er es sich auch schon denken.
»Jona. Sie hat einfach Schluss gemacht.« Tommy schluchzte auf, und Robert ließ sich neben ihm auf die Knie sinken.
Er wusste nicht, was er sagen sollte und brachte nur ein mitfühlendes »Oh nein...« heraus. Er legte einen Arm um Tommy und zog ihn an sich.
»Sie hat jemanden kennengelernt, in Frankreich«, flüsterte Tommy mit heiserer Stimme. »Er ist so alt wie sie, auch Mediziner... und jetzt hat sie einfach Schluss gemacht.« Er schluchzte auf und vergrub sein Gesicht an Roberts Schulter.
Der strich ihm tröstend über den Nacken und merkte, wie sich in seinem Inneren Wut zusammenbraute.
Jona war seit einer Woche zurück und hatte bis offenbar heute heile Welt gespielt. Ihm wurde schlecht, wenn er daran dachte, dass sie noch mit Tommy geschlafen hatte, obwohl sie bereits mit einem anderen liiert war. Wahrscheinlich hatte sie gerade Spaß in den Armen eines anderen, ohne sich darum zu kümmern, wie sehr Tommy die Sache mitnahm.
Robert biss sich wütend auf die Lippen. Tommys Tränen hinterließen dunkle Flecken auf seiner Jacke, doch er hielt ihn minutenlang fest und streichelte seinen Nacken, bis seine Knie so sehr schmerzten, dass er sich bewegen musste.
»Wir sollten lieber zurückreiten, Tommy«, begann er vorsichtig und spürte, wie der andere sich versteifte. »Es ist zu kalt, um hier die ganze Zeit-« Er verstummte, als er begriff, dass er mit Argumenten im Moment nicht sehr weit kommen würde.
»Ich möchte noch etwas hier bleiben«, flüsterte Tommy und starrte mit ausdruckslosem Gesicht auf die Wasseroberfläche. »Bitte...«
Robert nickte. »Aber mach keinen Unsinn, ja?«, sagte er leise, und ein müdes Lächeln glitt über Tommys Gesicht.
»Quatsch.«
Robert blieb noch kurz unschlüssig stehen, bevor er zu Sascha ging und ihn mit sanfter Gewalt überredete, das saftige Gras zu vergessen und mit ihm zu kommen. Als er aufsaß schaute Ophelia ihnen aus großen, dunklen Augen nach und schnaubte leise, bevor sie wieder den Kopf senkte und ein ganzes Grasbüschel auf einmal herausrupfte.
Robert lenkte Sascha nicht gleich zum Stall zurück. Der Wallach hatte Auslauf verdient, und ihm selbst gingen noch zu viele Gedanken im Kopf herum. Er bog an der ersten Abzweigung ab und ließ den Paso Fino eine Weile galoppieren, bis der Sandweg endete und in kniehohes Gras überging, von dem Robert wusste, dass es mit Vorsicht zu genießen war. Er focht einen kurzen Kampf mit Sascha, der meinte, jetzt stehen bleiben und fressen zu müssen, und gewann. Vorsichtig ritten sie durch das hohe Gras, bis sie an den Rand des Waldes kamen, der sich von hier bis zum Collegegelände erstreckte. Robert ließ die Zügel locker, und der große Apfelschimmel schüttelte kurz und heftig den Kopf, bevor er mit einem leisen Schnauben von allein den Weg Richtung Stall einschlug.
Robert ließ seine Gedanken eine Weile kreisen, bevor er irgendwann wieder auf Dale kam. Vielleicht hätte ihm der Kanadier helfen können, was Tommy anbelangte. Dale hatte ihm erzählt, dass er in seiner Basketballgruppe regelmäßig jemanden mit gebrochenem Herzen trösten musste, denn seine Spieler schienen sich in ihrem Alter jede Woche neu zu verlieben. Das war zwar nicht dasselbe wie bei Tommy und Jona, und das wusste Robert auch, aber er fühlte sich gerade sehr allein und hätte gerne jemanden um Rat gefragt.
Er selbst kannte keinen Liebeskummer, auch wenn er selbst schon zwei Freundinnen gehabt hatte und von ihnen verlassen worden war. Das lag jedoch schon Jahre zurück, und er erinnerte sich nicht einmal mehr daran, wie seine erste große Flamme ausgesehen hatte. Da war er noch nicht einmal aufs Harris College gegangen.
Seine zweite Freundin war mit einem Schüleraustausch gekommen, aus Vancouver, wenn er sich richtig erinnerte. Summer hatte sie geheißen, und war wie er sechzehn gewesen, mit blonden Locken und einer schiefen Nase. Sie waren sich bei einem Ausflug nach Gamston nähergekommen, hatten zwei Tage später miteinander geschlafen und drei weitere Tage später kein Wort mehr miteinander gewechselt. Knapp einen Monat nach ihrer Abreise hatte Robert sie bereits wieder vergessen gehabt, und auch jetzt hatte er Mühe, sich ihr Bild wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Wieder kam er zu dem Schluss, dass das nicht mit Tommys Situation zu vergleichen war, und aus Verzweiflung über seine Hilflosigkeit trieb er Sascha noch einmal richtig an und ließ ihn in einen Jagdgalopp verfallen, um alle Gedanken aus seinem Kopf wegzufegen.
Kurz nach Sonnenuntergang kam er im Harris College an und lief sofort in den dritten Stock des John-Morgan-Hauses. Bevor er den Tomkin-Hof verlassen hatte, war ihm Tommys Mutter entgegengekommen und hatte berichtet, dass Chris da gewesen sei und ihn gesucht habe.
Robert wusste zwar nicht, was Chris von ihm wollte, doch es schien dringend gewesen zu sein, wenn er deswegen sogar zum Gestüt rausgefahren war. Aus diesem Grund hatte er sich beeilt und nicht auf Tommy gewartet, von dem er sowieso nicht wusste, wann er gedachte, wiederzukommen.
Jetzt klopfte er vorsichtig an Zimmer drei an und drückte, als niemand antwortete, die Klinke herunter.
Chris saß auf einem Stuhl vor dem Fenster und hatte ihm den Rücken zugewandt. Er grüßte nicht, doch Robert spürte instinktiv, dass etwas nicht stimmte. Leise schloss er die Tür und blieb stehen.
Sein Blick fiel auf Dales gemachtes Bett. Er fragte sich, ob der Kanadier wohl bald zurückkommen würde, und vor allem, ob es seiner Mutter inzwischen besser ging. Dann drehte sich Chris zu ihm um, und er sah erschrocken, dass der Achtzehnjährige kreidebleich war.
Robert ließ sich auf Dales Bett sinken und öffnete den Mund, um zu fragen, was los war, doch Chris kam ihm zuvor: »Whitney ist schwanger.«
Robert fühlte sich, als hätte ihm jemand eine Ohrfeige verpasst. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit. »Von dir...?«, fragte er, um überhaupt etwas zu fragen, und Chris nickte schwach. Er trug keine Brille, und Robert sah, dass er wie Tommy rote Ränder unter den Augen hatte.
»Sie war heute beim Arzt, es gibt keinen Zweifel«, sagte er. Seine blassen Lippen zitterten. »Sie ist erst mal zu ihren Eltern gefahren, um es ihnen irgendwie beizubringen, und dann-« Er sprang auf und schaute ihn mit entsetztem Blick an. »Oh Gott, Robby, sie will das Kind bekommen! Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich... ich...« Er krallte seine Finger ins Haar und starrte mit leerem Blick aus dem Fenster. »Was soll ich denn jetzt machen?«
Robert stand auf und trat hinter Chris, wagte es aber nicht, ihn zu berühren. »Ich weiß es nicht«, antwortete er und atmete tief durch. »Will sie denn die Schule abbrechen?«
»Das muss sie dann ja. Sie hat doch noch zwei Jahre vor sich. Wer weiß, wie ihre Eltern-« Er verstummte.
Robert legte ihm nun doch die Hand auf die Schulter und drückte sie fest. »Wenn du Hilfe brauchst, oder jemandem zum Reden, ich bin jederzeit für dich da, ja?«
Sie schwiegen einige Herzschläge lang, und Robert fragte sich, ob er überhaupt der Richtige zum Reden war. Dann legte Chris eine Hand auf seine. »Danke«, flüsterte er, bevor er sich umdrehte und ihn ernst aus seinen blaugrauen Augen ansah. »Bitte, sag es noch keinem, auch nicht Tommy, ja? Ich will erst mal warten, bis Whitney sich meldet.«
»Natürlich.« Robert nickte, obwohl er sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher wünschte, als seine Gedanken mit jemandem teilen zu können. »Am besten, du schläfst jetzt erst mal«, sagte er stattdessen und drückte noch einmal Chris' Schulter. »Wie gesagt: Wenn etwas ist, komm einfach rüber, okay?«
»Ja. Danke, Robby.« Chris wandte sich wieder ab und sah aus dem Fenster.
Robert verstand die Geste. Er wünschte leise »Gute Nacht!« und verließ das Zimmer. Auf dem Flur fiel ihm ein, dass er wieder nichts von Antonio gesagt hatte, doch wenn er darüber nachdachte, wusste es Chris wahrscheinlich eh schon. Und wenn nicht, war das jetzt auch nicht so wichtig. Er beschloss, einfach mal nach Antonio zu sehen und lief zum Lord-Byron-Haus hinüber.
Als er in Gedanken versunken die erste Treppe hochgegangen war, hörte er Stimmen, die nicht gerade freundlich miteinander sprachen. Neugierig geworden blieb er am Rand der Treppe stehen.
»... bekomme ich jedes Mal eine Fehlermeldung. Wenn du nicht richtig programmieren kannst, dann geh doch zurück nach Kroatien und hüte Ziegen!«
»Ich weiß nicht, woran es liegt; an den Schulcomputern funktioniert alles tadellos und-«
»Dann müsst ihr es halt auch woanders testen, man!« Die aggressive Stimme klang sehr danach, als würde ihr Besitzer Streit suchen.
Robert erkannte, dass es Jack Davidge war, mit dem er sowieso noch ein paar Takte zu reden hatte. Entschlossen betrat er den Flur und erblickte Jack, der vor Zimmer neun stand und einen Fuß in die Tür gestellt hatte.
»Hey, Davidge!«, rief Robert und sah, dass sich nicht nur Jack umdrehte, sondern auch Mikola Visnjic, Desmonds Zimmernachbar, überrascht den Kopf aus der Tür steckte. Mit ihm hatte er also diskutiert. »Hi«, sagte Robert knapp und zog Jack am Arm beiseite. »Davidge, wir müssen reden. Jetzt.«
»Lass mich los, man!«, fauchte der Sechzehnjährige und befreite sich mit einem Ruck aus seinem Griff. Obwohl er einen halben Kopf kleiner war als Robert, hatte er unheimlich viel Kraft.
Robert sah aus den Augenwinkeln, wie Mikola ihm dankbar zulächelte und die Tür schloss. Er sah auf Jack hinunter und verzog das Gesicht. »Man, du stinkst wie ein ganzer Aschenbecher, ist ja widerlich!«
»Was geht's dich an?« Jack kniff die Augen zusammen und schaute äußerst feindselig drein.
»Eine ganze Menge«, gab Robert kühl zurück und verstellte dem Jungen den Weg. »Wenn du meinem Bruder irgendwelche Schwierigkeiten machst, dann bekommst du's mit mir zu tun, ist das klar?«
»U-huhh.« Jack blickte ihn spöttisch an. »Ich zittere vor Angst. Außerdem hab ich deinem Bruder nichts getan, also lass mich in Ruhe, klar?« Bevor Robert ihn aufhalten konnte, lief Jack mit schnellen Schritten an ihm vorbei.
»Wichser«, knurrte er und steuerte wieder auf sein eigentliches Ziel, Antonios Zimmer, zu. Als er den zweiten Stock betrat, hörte er in der Mitte des Ganges eine Tür zuknallen. Jacks Tür. Er runzelte die Stirn und entschied, dass in dieser Sache noch lange nicht das letzte Wort gefallen war, bevor er sich Antonios Tür zuwandte.
In Augenhöhe klebte ein grellroter Aufkleber mit den Worten ›Präfekt - hier habe ich das Sagen!‹, und Robert stellte amüsiert fest, dass Antonio bei Tageslicht betrachtet wohl der laxeste Präfekt war, den das College zur Zeit hatte. Er klopfte an.
»Es ist offen!«
Robert betrat das Einzelzimmer und entdeckte Antonio, der im Schneidersitz auf dem Bett saß, eine aufgeschlagene Zeitschrift auf dem Schoß. Um seine rechte Hand leuchtete ein weißer Gips.
»Sieht ja schick aus!«, sagte Robert und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Nicht wahr?« Antonio ließ seine Zähne aufblitzen und erhob sich. Die Zeitschrift fiel dabei herunter und Robert wollte sich bücken, um sie aufzuheben, doch der Italiener kam ihm zuvor.
»Ich hab immer noch eine übrig«, sagte er und schüttelte demonstrativ die linke Hand. »Nur mit den Zeichnen wird's erst mal ein bisschen schwierig sein.« Er deutete auf eine Staffelei, die dort stand, wo in den meisten Zimmern das zweite Bett stand. Auf der Leinwand hatte Antonio begonnen, etwas zu zeichnen, und nach dem Glanz der Farbe und dem Geruch im Zimmer konnte das nicht länger als eine halbe Stunde zurückliegen. Was genau das Bild darstellen sollte, war jedoch nicht auszumachen. »Che peccato!«, murmelte der Italiener, und es klang nicht begeistert.
»Wie lange muss der Gips dran bleiben?«, fragte Robert und deutete auf Antonios Hand.
Der zuckte mit den Schultern. »Etwa vier Wochen, wenn alles gut verläuft. Es ist eine glatte Bruch.«
»Also wenn du Glück hast, musst du die Prüfungen nicht mitschreiben?«
»Es wäre schön, aber nein.« Antonio verzog das Gesicht. »Ich habe zu Hicks gesprochen, und er hat gesagt, dass ich nach vier Wochen werde gut schreiben mit links. Bastardo!« Er grinste. »Los, Robby, komm her! Du malst mir als Erster etwas auf meine Gips.« Er zog eine Packung Stifte aus der Schreibtischschublade und hielt sie Robert auffordernd hin.
Eine halbe Stunde später, nachdem bereits ein Drittel des Gipses in frohen Farben leuchtete, entschuldigte sich Antonio, dass er noch für Religion lernen müsse, und Robert wünschte eine gute Nacht. Er ging zurück ins John-Morgan-Haus und erinnerte sich daran, dass er seinen Onkel anrufen wollte, was er auch sogleich tat.
Das Gespräch dauerte jedoch nur wenige Minuten, denn zu Roberts Verärgerung waren noch andere Schüler am Telefonieren, und er konnte nicht offen über Thomas sprechen, wie er es eigentlich vorgehabt hatte. Er versprach, bald wieder anzurufen und gab liebe Grüße an Tante Betty weiter, die noch in der Stadt war. Dann legte er auf und verfluchte in Gedanken einmal mehr die Tatsache, dass momentan kein Geld für schließbare Telefonkabinen da war, die man schon vor einiger Zeit zu bauen beschlossen hatte.
Als er in ihr Zimmer kam, war auch Tommy wieder da. Er saß, noch in Alltagskleidung, auf dem Bett und hatte die Decke bis ans Kinn gezogen. Sein Gesicht wies dunkle Spuren auf, doch Robert sagte nichts. Tommy hatte ihn nicht gegrüßt, und er hielt es darum für besser, ebenfalls zu schweigen. Er bemühte sich sogar, besonders leise zu sein und seinen Freund nicht zu stören, als er sich bettfertig machte.
Mit Tommys Reaktion hatte er allerdings nicht gerechnet. »Ich bin nicht todkrank, okay?!«, fuhr ihn der blonde Junge ohne jede Vorwarnung an. »Man kann auch ganz normal mit mir reden!«
»Sag mal, hast du sie noch alle, oder was?« Robert hatte das Gefühl, gleich zu explodieren. Er spürte, dass sie beide überreizt waren und dass es besser wäre, einfach den Mund zu halten, doch die Vernunft siegte nicht. »Du bist nicht der einzige, der einen Scheißtag hatte, also lass mich bloß in Ruhe!«
»Ist ja schon gut«, entgegnete Tommy, und diesmal war es freundlicher. »Kannst du morgen für mich einkaufen gehen? Ich will noch mal mit Jona reden.«
Einen Moment lang kämpfte Robert mit sich, dann ließ er die Schultern sinken. »Ja, kein Problem.« Er versuchte, so entspannt wie möglich zu klingen, doch es war nicht zu übersehen, dass die Stimmung zwischen ihnen bis zum Einschlafen ungewohnt frostig blieb. Es schwirrten ihm jedoch so viele Gedanken im Kopf herum, dass er am Ende gar keinen mehr fassen konnte und irgendwann in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.
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Aktualisiert (Dienstag, den 25. August 2009 um 08:36 Uhr)


