Das Geheimnis: viertes Kapitel - Lain
Viertes Kapitel
Auf der Suche nach ihrem Zimmergefährten begann Charly das gesamte Schulgelände zu durchstreifen, ließ dabei keinen Winkel undurchsucht. Wo konnte er nur stecken? Draußen war es bereits dunkel geworden und die Kälte pfiff ihr unangenehm um die Ohren. Es war wohl sinnlos noch weiter nach ihm zu suchen Sie wurde ihn auf diesem riesigen Gelände doch ohnehin nicht finden. Und so kehrte sie voller Sorge und schlechtem Gewissen in ihr Zimmer zurück.
Zu ihrer Überraschung fand sie ihn dort in seinem Bett liegend. Rein zufällig mussten sich die beiden wieder verpasst haben.
Charly trat zunächst leise ein, schloss die Tür hinter sich und überlegte dabei, wie sie das unangenehme und doch unvermeidliche Gespräch beginnen sollte.
"Man könnte beinahe denken du gehst mir aus dem Weg." Brachte sie daher nur völlig unselbstbewusst hervor. Das drohende Geständnis trieb ihr den Angstschweiß ins Gesicht. Ob er es bemerken würde? Es spielte jedoch keine Rolle, da er früher oder später ja ohnehin hinter ihr Geheimnis kommen würde.
Es war dunkel im Zimmer, so dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Unsicher tastete sie sich voran, immer noch auf eine Reaktion von ihm wartend.
"So?" seine Stimme hatte einen merkwürdigen Tonfall angenommen. "Weißt du, das ist das, was ich schon die ganze Zeit lang von dir glaube…"
Sie schluckte. War sie ihm aus dem Weg gegangen? "Wirklich? Wenn dem so sein sollte, dann habe ich nichts davon bemerkt, verzeih."
Sie setzte sich auf ihr Bett. Ließ dabei ihre Hand leicht über den rauen Stoff der Bettdecke gleiten. Unauffällig wanderte ihre Hand unter das Kopfkissen. Es war wohl am besten, wenn sie mit der Tagebuchseite beginnen würde. Doch zu ihrem Entsetzten war diese verschwunden.
"Du kannst es sagen, wenn du ein Problem mit meiner … Neigung hast. Hey, ich komme schon damit klar, wenn du es nicht magst, dass ich auf Kerle stehe. Du musst es mir nur sagen!"
Was sollte das denn schon wieder? Dieses Gespräch lief doch in die völlig falsche Richtung! "Ich habe dir doch gesagt, dass ich kein Problem damit habe! Wie oft soll ich es denn noch sagen?"
Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen in dem Raum, welches jedoch durch ein ungewöhnlich lautes Klopfen an der Tür zerrissen wurde. Musste denn an diesem Abend auch alles schief laufen?
Schon einen kurzen Moment später öffnete sich die Tür und ein unbekannter, stämmig gebauter Kerl mit dunklem Haar trat herein. Sein Blick fiel zunächst auf Charly wanderte dann jedoch zu Alexis.
"Ah, da bist du ja." Dann sah er wieder Charly an. "Entschuldige. Ich wollte zu Alexis. Ich hoffe, ich störe nicht?"
Das Mädchen schüttelte nur mit dem Kopf, völlig ratlos, was nun geschehen würde. Ihr "klärendes Gespräch" würde sie jedenfalls vorerst nicht mehr fortsetzen können.
"Nein, schon O.K. Setz dich. Ich wollte ohnehin noch etwas erledigen." Schwindelte sie wenig überzeugend. Und so lehnte sie auch den Vorschlag Alexis, seinerseits mit seinem Gast das Zimmer zu verlassen ab, und flüchtete auf den kühlen Internatsgang.
Charly fröstelte, wenngleich sie sich bereits in einen dicken Wollpulli gehüllt hatte. War es hier wirklich so kalt, oder war es vielmehr die Kälte, die von ihrem eigenen Zimmer ausging?
Langsam schob sie sich in den Gängen voran, wusste nicht so recht, wohin sie gehen sollte. Und so beschloss sie zunächst eine Wanderung durch ihr Haus zu beginnen um sich schließlich vor dem Springbrunnen am Hauptgebäude wieder zu finden. Hier hatte sie damals Alexis mit seinem Ex beobachtet, gesehen wie sie sich küssten. Im Grunde hatte der ganze Schlamassel genau an diesem Tag begonnen.
Niedergeschlagen ließ sie sich auf eine der Bänke sinken, bemerkte dabei kaum das kalte Holz unter ihrer Haut. Sie spürte nicht mehr den kalten Wind in ihrem Gesicht, hörte nicht das Plätschern des Wassers auf den glatten Steinen.
Charlotte wusste nicht wie lange sie so dagesessen hatte, erinnerte sich nur noch, dass es kalt geworden war. Sie war aufgestanden, hatte sich enger in ihren Pulli gekuschelt und sich auf den Rückweg gemacht. Die Lust auf ein Gespräch mit Alexis war ihr aber gehörig vergangen. Und so war sie mehr als froh, als sie ihrem Zimmergefährten bereits schlafend in seinem Bett antraf. Morgen war ja schließlich auch noch ein Tag.
Als Charly am nächsten Morgen in ihrem Bett erwachte hatte sie ein seltsames Gefühl. Alles schien sich seltsam um sie zu drehen, ihr Kopf brummte und auch ihr Magen schien sich ihr verdreht zu haben. Sie fühlte sich seltsam matt und schläfrig, schob dies dann jedoch auf das frühe Aufstehen und quälte sich aus dem Bett. Wie jeden morgen quetschte sie sich in ihr hautenges Korsett um sich bereits wenige Minuten später am Frühstückstisch wieder zu finden.
In der ersten Stunde hatte sie Sportunterricht, wo sie sich gerade Stunde für Stunde, mit dem Degen in der Hand, dem Bild ihres angriffswütigen Lehrers gegenüber sah. Auch das Fechten war eine ihrer Lieblingssportarten und so war es kein Geheimnis, dass ihre Leistungen in dieser Sportart, ebenso wie beim Bogenschießen, vorzeigbar waren. Und doch schien sie MR Stevens deswegen ein Dorn im Auge zu sein.
Sie war die Letzte die die Sporthalle betrat. Es war nicht leicht gewesen, sich mit diesem Schwindelgefühl im Kopf umzuziehen. Doch was blieb ihr für eine Wahl?
Sie taumelte in die Mitte der Sporthalle, wo sie sich zu einer Gruppe ihrer Mitschüler gesellte, die gerade die Degen für die bevorstehende Stunde ausgaben. Charly nahm sich einen und trollte sich schließlich zu Alexis, welcher in einer Ecke stehend bereits auf sie wartete. Ein schlechtes Gewissen kam ihr auf, als sie sich erinnerte, dass sie ihm doch schon gestern von ihrem Geheimnis erzählen wollte. Sie würde diese unangenehme Arbeit heute Abend erledigen müssen, da jetzt nicht der Richtige Zeitpunkt für eine solche Unterhaltung schien.
"Hey! Na wie geht´s ?" sie verfluchte sich, als sie bemerkte, wie unsicher ihre Stimme klang. Sie hatte Angst vor ihm, vor seiner Reaktion, auch wenn sie sich das nicht eingestehen wollte.
"Wie soll´s schon gehen." Seine Stimme wirkte düster vielleicht auch ein wenig abweisend.
"Keine Ahnung. Was wollte dieser Typ eigentlich gestern Abend noch?"
"Geht dich nichts an. Ich frag doch auch nicht ständig, was dieser Desmond von dir will." Charly fühlte sich getreten, missverstanden. Da wollte sie gerade ein entspanntes Gespräch mit ihm anfangen und er überhäufte sie schon wieder mit Vorwürfen. Das war doch wirklich ungerecht.
"Weißt du, es wäre mir lieber du würdest fragen, statt dich seit Wochen vor mir zu verkriechen, dich in deinem Tagebuch zu vergraben, statt mit mir zu sprechen." Erschrocken hielt sie inne. Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Vollkommen fassungslos blickte sie in Alexis Gesicht, welcher mit weit aufgerissenen Augen dastand und sie geschockt anblickte. Sie hatte einen Fehler gemacht und begann bereits diesen zu bereuen. Doch Zeit für eine Wiedergutmachung blieb ihr nicht, denn der Pfiff ihres Lehrers riss sie aus ihren Gedanken.
Noch einmal warf sie ihrem Kumpel einen reumütigen Blick zu, doch er ignorierte sie vollkommen. Und so blieb ihr nichts anderes als niedergeschlagen und immer noch schwindelig in die Mitte der Halle zu traben.
Nach einer kurzen Begrüßung des Lehrers teilte man sie in Gruppen ein. Sie sollten sich in Paaren aufstellen und mit den Übungen beginnen. Charly ahnte bereits, dass sie wieder mit Alexis in einem Team sein würde. Ihr graute bereits davor. Doch wie durch ein Wunder wurde sie stattdessen durch MR Stevens zu einem Sondertraining beordert. Ob sie darüber froh sein sollte, wusste sie jedoch nicht.
Nachdem er allen Anderen die Aufgabe erläuterte wandte der Lehrer sich ihr zu. Charly spürte, wie ihr das Herz bis zum Halse schlug, sie sich am liebsten in Luft aufgelöst hätte und verschwunden wäre. Wenn sie doch wenigstens richtig in Form gewesen wäre… Doch ihr war klar, dass er sie nicht im Geringsten schonen würde.
Diese Vermutung bestätigte sich bereits mit seinem ersten Hieb, der sie gefährlich nach hinten taumeln ließ. Sie schwanke, fing sich jedoch gleich wieder um zum Gegenangriff anzusetzen. Diesen wehrte MR Stevens jedoch mit Leichtigkeit ab.
"Was denn, das ist alles was du kannst?" Sie sah, wie bei diesen Worten seine Augen gefährlich aufblitzten. "Dabei haben wir doch noch gar nicht richtig angefangen!" Und wieder trieb er sie mit seinen Angriffen zurück. Charly kam es vor als würden Stunden vergehen. Sie spürte, wie sie merklich schwächer wurde, wehrte sich jedoch voller Verzweiflung. Sah er denn nicht, wie gefährlich sie taumelte?
Noch einmal zwang sie sich zu einem Gegenangriff, nahm all ihre Kräfte zusammen blieb jedoch erfolglos. Mit einem Kräftigen Schlag traf er ihre Schulter und sie ging zu Boden.
Voller Freude sah ich, wie mein Gegenüber zu Boden ging. Ich hatte ihn besiegt, diesen Hochmütigen Schüler, welchen ich schon so lange herausfordern wollte. Erstaunlich einfach war es gewesen, um ehrlich zu sein hatte ich mehr Gegenwehr von ihm erwartet. Doch anscheinend hatte ich ihn und seine Stärke doch gewaltig überschätzt.
Abschätzend blickte ich zu ihm auf den Boden, wollte wissen wann er aufstehen würde und wir unseren Kampf fortsetzen konnten. Doch zu meiner Erschütterung blieb er regungslos liegen. Kreideblech war er, seine Stirn voll kaltem Schweiß. Was war mit ihm?
Fragend blickte ich mich um, sah, wie alle mich mit fassungslosem Blick musterten. Was hatten sie? Sie dachten doch nicht, das alles war meine Schuld? Ich hatte ihm doch nichts getan!
Am ganzen Körper zitternd trat ich näher und hockte mich neben ihn. Vorsichtig nahm ich ihm seinen Helm ab, hielt mein Ohr an seinen Mund. Er atmete nicht…
Einen Moment lang war ich wie gelähmt, fühlte seinen Puls. Er war schwach, doch er war noch da. Er lebte.
Ich begann ihn zu beatmen, hielt ihm die Nase zu und drückte seinen Mund auseinander. Er reagierte nicht. Noch einmal tastete ich nach seinem Puls, jetzt war er verschwunden…
Ich riss ihm den Schutzanzug vom Leib, weil ich so unmöglich seinen Herzmuskel erreichen konnte und tastete mit meinen gefalteten Händen nach seiner Brust und mich sogleich in rhythmischen Abständen auf ihn zu stemmen. Doch statt seinem flachen Brustkorb unter meiner Hand spürte ich etwas völlig anderes. Da war ein hartes Stück Stoff, mit metallenen Striemen versehen und als ich vorsichtig und nichts ahnend sein T-Shirt hob, stellte ich mit entsetzten fest, dass es ein Korsett war. Kein Wunder, dass er darin keine Luft bekam. Und doch beschlich mich eine ungute Vorahnung.
Ich wies zwei Schüler an ihn mit mir in das Krankenzimmer der Sporthalle zu tragen. Einen Anderen schickte ich zum Krankenflügel um Hilfe zu holen.
Wir legten ihn auf die schmale Liege und ich schickte die anderen aus dem Zimmer, um nicht beobachtet werden zu können. Unsicher griff ich noch einmal unter das T-Shirt und befreite ihn von diesem Ding. Doch der Anblick der sich mir da bot, war alles andere als der eines zarten Jungenkörpers.
Als Charly erwachte fand sie sich in einem abgedunkelten Zimmer wieder. Man hatte ihr das Korsett abgenommen, das spürte sie sofort, ihre Sachen gegen etwas wie ein Nachthemd getauscht. Ein ungutes Gefühl beschlich sie und sie versuchte, sich verzweifelt an die letzten Geschehnisse zu erinnern. Sie hatte mit Mr Stevens gefochten, er hatte sie besiegt. Doch was war danach?
Unbewusst wandte sie sich zur Seite und spürte, dass die Übelkeit in ihrem Magen verschwunden war. Das war ja wenigstens etwas…
"Na, bist du wach?" Was war das für eine Stimme? Sie kannte sie irgendwo her. Irritiert blickte Charly auf und sah MR Stevens Gesicht vor sich. Er musterte sie eingehend, sein Gesicht war ernst, hatte einen ihr unbekannten Ausdruck angenommen.
"Da hast du ja gerade noch einmal Glück gehabt." Begann er ohne dass sie ihn dazu aufgefordert hatte. "Glück im Unglück, sozusagen."
Charly schlucke. Er wusste es, da war sie sich sicher. Und doch beschloss sie zunächst vorsichtig zu sein.
"Was meinen sie damit?" fragte das Mädchen ein wenig unsicher, da sie sich nicht wirklich erinnern konnte, wie sie hierher gekommen war.
"Oh, das weißt du ganz genau. Du hättest in diesem Ding leicht ersticken können." Jetzt war es raus. Sie spürte, wie sie merklich errötete. Was sollte sie jetzt sagen?
"Sie wissen es also?" Eine blödere Frage fiel ihr wohl nicht ein?
Er nickte, wenn auch nur unmerklich. "Was hast du gedacht, wie lange du es geheim halten kannst?"
"Ich weiß nicht."
"Du weißt, dass du wirst deswegen zum Direktor müssen." Nun klang seine Stimme sogar ein wenig mitleidig. Charly nickte, auch wenn sie dabei ein ungutes Gefühl in der Magengegend verspürte. Sie war aufgeflogen, würde diese Schule nun vielleicht verlassen müssen. Aber was hatte sie gedacht? Dass sie ewig unentdeckt bleiben würde? Diese Chance war mehr als gering gewesen.
"Ich weiß." Sie spürte wie ihre Stimme vor Angst bebte. "Was ist eigentlich mit den anderen? Wissen sie es?"
"Ich wüsste nicht, wie ich es ihnen hätte verheimlichen sollen." Charly hatte nicht wirklich daran geglaubt. Und so blieb ihr nur das weitere Geschehen abzuwarten.
Das Zimmer des Schulleiters war groß und vornehm eingerichtet. Überall hingen Bilder der ehemaligen Schulleiter, welche angesichts der roten Vorhänge, welche am Fenster vorgezogen war, in ein unheimliches Licht getaucht wurden. Nun war sie hier - vielleicht das letzte Mal, dass sie dieses Schulgebäude von innen sah…
Es war spät am Vormittag, der Unterricht war noch im laufenden Gange. Doch man hatte sie befreit, da sie vorher zuerst "diese Sache" regeln sollte. Wahrscheinlich hofften viele Lehrer, dass sie Charly nun nie wieder sehen würden. Blieb nur zu hoffen, dass sie mit dieser Vermutung nicht Recht behielten.
Richard Andrew Hicks saß hinter seinem Schreibtisch; die Brille auf seiner Nase weit vorgeschoben blickte er sie mit unergründlicher Miene an. Wie gerne hätte sie gewusst, was er soeben dachte…
"Ah, wen haben wir denn da? Ms Charlotte Hayes. So eine Überraschung, was führt sie zu mir?"
Charly war sichtlich geschockt. Mit einem solchen Empfang hatte sie wahrlich nicht gerechnet.
"Woher kennen sie diesen Namen?"
" Na na, nun mal eines nach dem Anderen. Also?" Charly fühlte sich seltsam. Wie konnte dieser Mensch in so einer Situation lächeln? War er denn gar nicht böse, weil man ihn an der Nase herumgeführt hatte?
"MR Stevens hat mich geschickt. Es gab da einen Vorfall während des Sportunterrichts…" Alles in ihr verkrampfte sich, wollte dass nicht mehr weiter sprach. Und doch ahnte sie, dass sie keine Wahl haben würde.
"So, so in Vorfall. Was genau?"
"Nun. Ich fühlte mich schon den gesamten Tag nicht wohl, alles drehte sich immerzu und als Mr Stevens mich schließlich im Fechten unterrichtete wurde mir plötzlich schwarz vor Augen…"
"Oh ich verstehe. Ich hoffe man hat dich wenigstens in den Krankenflügel gebracht…"
"Ja, selbstverständlich. Dort sagte Mr Stevens mir auch, dass sie mich zu sich gerufen hätten…"
"Ah ja, ich erinnere mich."
Charly war erleichtert. Benahe hatte sie befürchtet ihm noch einmal jedes Detail erzählen zu müssen. Und das, wo sie sich doch an gar nicht mehr erinnern konnte.
"Mr Stevens hatte mir von diesem "Vorfall" erzählt und meinte, dass ich nun zu entschieden hätte, was weiter mit dir geschehen sollte… ach, Charlotte ist übrigens ein sehr hübscher Name. Warum benutzt du ihn nicht?"
Charly war außer sich. Hatte er das Problem nicht verstanden. Oder, was wäre, wenn es gar kein Problem gab? Sie beschloss, nicht auf den Rest seiner Antwort einzugehen.
"Das müssen sie ja auch, schließlich sind sie das Oberhaupt dieser Schule."
"Ja richtig. Und weil ich nun entscheiden muss, wollte ich dich zuerst nach deiner Meinung fragen. Also was meinst du, soll nun mit dir geschehen?"
"Ich weiß nicht."
"Wie soll ich es dann wissen, wenn du es schon nicht weißt?"
Charly schwieg, wusste nicht was sie nun sagen sollte.
"Dann anders. Was würdest du denn an meiner Stelle tun?"
"Ich… würde mich von der Schule werfen." Sie antwortet in der Hoffnung das gesagt zu haben, was er hören wollte.
"So streng?"
"Wie meinen sie? Was wollen sie mit diesem Spiel eigentlich erreichen?"
"Vielleicht, dass du dich nachher nicht ungerecht behandelt fühlst…"
Sie schwieg, senkte missmutig den Kopf. "Also wollen sie mich doch von der Schule werfen?"
"Wer hat denn so etwas gesagt? Hältst du mich wirklich für so ungerecht? Oh Charlotte. Wie könnte ich denn den Wunsch deines Vaters so mit Füßen treten?"
Charly schluckte. "Sie kannten meinen Vater?"
"Ja allerdings. Man kann sagen, wir waren gute Freunde…" Und wieder setzte er dieses undurchdringliche Lächeln auf. "Und seine Tochter kenne ich auch…"
"Sie kannten mich? Dann wussten sie auch, dass…"
Auf diese Frage hin lächelte er nur, genoss ihre Unsicherheit und Überraschung. "Hattest du wirklich geglaubt, dass bei all den Formalitäten deine Identität unentdeckt geblieben wäre? Schon allein deine Geburtsurkunde. Und was dachtest du wie viel Gültigkeit dein Zeugnis haben würde, wenn du nur mit dem Namen Charly erwähnt bist?"
Charlotte war wie vor den Kopf gestoßen. Daran hatte sie damals gar nicht gedacht. Sie wusste doch ohnehin noch nicht, was einmal aus ihr werden sollte; hatte sich in Folge dessen auch noch keine Gedanken über ihre Zukunft gemacht.
"Dann war ich also die Einzige, die nicht bescheid wusste? Heißt das sie haben mich die ganze Zeit an der Nase herumgeführt, alle hier?" Sie war außer sich, wollte raus aus diesem Raum welcher plötzlich beklemmende Enge auf sie ausstrahlte.
"Nein. Im Grunde war ich der Einzige, der Beschied wusste. Die anderen hast du alle erfolgreich getäuscht. Das bedeutet aber auch, dass du nun mit den Konsequenzen leben musst."
Alle Energie die gerade eben noch in ihr geballt war, war plötzlich verschwunden. Sie wusste, dass sie die Konsequenzen für ihr Verhalten zu tragen hatte, doch eigentlich hatte sie gedacht, dass sie von der Schule verwiesen werden würde. Stattdessen würde sie hier bleiben dürfen, ganz normal weiter unterrichtet werden. Die Frage war nur, ob ein Rauswurf nicht die angenehmere Alternative gewesen wäre und eine Zeit hier, verbunden mit den Spießruten der Anderen, eine viel schlimmere Strafe war…
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Aktualisiert (Dienstag, den 25. August 2009 um 08:23 Uhr)


