Willkommen im Leben: Wintergedanken - Taurus
Da waren sie nun, er, Jonathan Paul McPhearson und sie, Schule Nummer Sieben. Diesmal in England, Nottingham.
Er konnte sich ein sarkastisches "Ui, toll." nicht verkneifen, was ihm einen missmutigen Seitenblick seines Vaters einbrachte. Doch Jahre langes Training hatten dafür gesorgt, das Jonathan diesen Blick ohne spätere Gewissensbisse ignorieren konnte.
Uninteressiert schaut er sich auf dem Gelände um. Sie gingen gerade wegs auf eine Art von Springbrunnen zu, während sich rechts Fahrradständer befanden. Im Moment befanden sich nur wenige Räder darin, immer hin waren Ferien und jene Schüler, die aus der Umgebung waren, würden den Teufel tun, als sich hier länger als nötig aufzuhalten.
Es war eh schon merkwürdig das mitten in der Zeit ein neuer Schüler kam, der gerade mal noch ein gutes halbes Jahr vor sich hatte. Aber aus irgendwelchen Gründen hatten das Direktorium seiner alten Schule und er, unüberwindliche Meinungsverscheidenheiten und man hatte sich geeinigt, das es wohl besser wäre wenn Jonathan seine Bildungslaufbahn an einer anderen, besseren Schule fortsetzen würde. Kurz: Sie hatten ihn rausgeworfen und das nur weil er nicht ganz in ihr Verhaltenmuster gepasst hatte. Als wäre das Jonathans Problem gewesen. Leider musste er sich an dieser Schule benehmen oder sein Vater würde entgültig rot sehen, und das konnte ziemlich ins Auge gehen.
Innerlich fragte er sich sowieso wie sein Vater es geschafft hatte, das ihn das Harris College angenommen hatte. Die Stellung seines Vaters hin oder her, bei seinem bishergen Lebenslauf, er würde sich noch nicht einmal selbst über den Weg trauen.
Er seufzte lautlos und vergrub seine Hände in den Hosentaschen.
Wenig später standen sich auch schon dem Direktor gegenüber, dessen Rede wurde genauso überhört wie die Reden, der anderen Direktoren vor ihm. Okay, er würde hier keinen Ärger machen, das schloss aber nicht mit ein, das er sich aktiv an irgendetwas beteiligen würde.
Die Minuten krochen nur dahin bis er letztendlich an diesem Tage erschöpft vor der Tür stand, hinter der seine Heimat für die nächsten Zeit liegen würde. Mit einem weiteren Seufzen drückte er die Klinke nach unten und wartete auf das unvermeitliche, unberechenbare: seinen Zimmernachbar. 'James Maria Stone' glaubte er sich zu erinnern. Jonathan öffnete die Tür und fand einen komplett dunklen Raum vor sich. Es war zwar noch früher Nachmittag, doch die frühe Jahreszeit sorgte schon jetzt für ein schummriges Dämmmerlicht. Von seinem Zimmernachbran fehlte jede Spur.
'Um so besser. Vielleicht ist er noch bei seiner Familie, wir haben gerade mal den 2. Januar. Andererseits dann wäre die Tür nicht offen gewesen, oder?' Gedankenverloren begann er mit dem Schlüssel in seiner Hand zu spielen und schmieß seine Tasche auf das eindeutig unbenutzte Bett. Dann schlich er regelrecht zum Fenster und schaute nach draußen. Weit kam er mit dem Ausblick nicht, denn vor ihm ragte das Hauptgebäude auf, um das wenige Schneeflocken tanzten. Ein weiterer Minuspunkt an diesen Ort.
Jonathan war betrübt, er fühlte sich hier mehr als unwohl. Aber innerlich schwor er sich die paar Monate auch noch zu schaffen, er musste es einfach oder er würde etwas sehr wichtiges verlieren und dazu war er nicht bereit. Leider wusste dies auch sein Vater und Jonathan war damit einfach erpressbar. Er seufzte erneut, heute anscheinend seine Lieblingsgeste und machte sich daran seine Sachen auszupacken, wenigstens etwas um die Zeit herum zu kriegen. Als sein Blick dabei auf seine Schuluniform fiel, fluchte er verhalten. 'Vielleicht ich hätte ich mich doch in das Internat meiner Schwester einschleichen sollen. Die haben wenigstens komplett schwarze Uniformen.' Aber auf der anderen Seite standen ihm Röcke und Strumpfhosen nicht besonders gut.
Nach dem er seine Sachen sogar nach farblich nach Alphabet sortiert hatte, schmiss er sich gefrustet aufs Bett und versuchte zur Ruhe zu bekommen. Wenn er so weiter machte und sich nicht bändigte, würde er spätestens in zwei Wochen wieder seine Sachen packen dürfen und das galt es zu vermeiden. Denn am Ende wollte er auch seinem Vater beweisen, das er es schaffen konnte, wenn er es nur wollte. Er schloss die Augen und fand seinen kurzen Frieden in einem seichtem Schlaf.
James ging schwebend und pfeifend den leicht schummrigen Gang entlang. Er hatte eben noch mit den Zwillingen und seiner Mutter telefoniert. Wie jedesmal nach einem längeren Besuch, vermisste er seine Familie stark. Doch die Telefongespräche ermöglichtem es ihm, langsam wieder in den normalen Alltag am Harris College zu finden.
Und nun war er gespannt auf seinen neuen Zimmernachbarn. Sein letzter hatte sich nach einigem hin und her dafür entschieden an einer anderen Schule seinen Abschluss zu machen, was James sehr bedauerte. Er hatte den Eindruck gehabt sie beide wären gute Freunde gewesen. Doch da hatte er sich anscheinend geirrt, denn an Richs Zensuren hatte es alles andere als gelegen.
James seufzte lautlos und öffnete seine Zimmertür, die Nummer Fünf im ersten Stock des Lord Byron Hauses und stutzte wie schon Jonathan einige Zeit vor ihm. Das Zimmer war nun komplett dunkel, obwohl gerade mal Nachmittag war. Er wollte schon enttäuscht das Licht anschalten, als er auf dem alten Bett von Richard einen schwarzen Haarschopf aus der Decke lucken sah.
'Da ist er ja.' James musste schmunzeln. 'Die Reise muss wohl anstrengend gewesen sein, oder hat dich unser Direx so geschafft?' Er beschloss den anderen nicht mehr zu stören als nötig und wand sich seinem Laptop zu, Hausarbeiten schreiben sich leider immer noch nicht von selbst.
Geklapper weckte Jonathan aus seinem nur leicht erholsamen Schlaf, er brauchte einige Augenblicke um sich zu orientieren.
'Dunkel, Bett, unbekannt... Dad, England, Nottingham... HARRIS COLLEGE.' Mit einem Ruck saß er aufrecht im Bett und schaute sich schnell um. Das Geklapper war abgebrochen. Jonathan drehte sich in Richtung der sanften Lichtquelle. Richtig dort saß sein Zimmernachbar und grinste ihn breit an.
"Na? Gut geschlafen, Dornrößchen." Seine Antwort war nur ein vernichtender Blick.
"Ui, doch so toll?" Das Grinsen wurde noch breiter. Nath haute sich gedanklich mit der Hand gegen die Stirn. Diese verdammte Internat bot Platz für schätzungsweise 500 Schüler, die Hälfte wahrscheinlich hier schlafend und er, ausgerechnet er, musste an eine Frohnatur geraten. Und war dieser auch noch für die nächste Zeit ausgeliefert.
Sein Plan sich zu benehmen wurde in diesem Augenblick auf eine äußerst harte Probe gestellt. Er hasste sein Leben. Um sich vor eventuellen Mordplänen abzulenken, nahm er seine Decke, drehte sich um, zog sie sich dabei über die Ohren.
James vernahm noch ein dumpfes "Gute Nacht" und dann war Stille. Sein Grinsen wurde, wenn überhaupt möglich, noch breiter. Er warfen seinem gesprächigen Mitmenschen noch einen Blick zu und beschäftigte sich dann wieder mit seinen Aufzeichnungen, wie immer verstand er von Kunst soviel wie Garfield vom Mäuse fangen.
Das nächste Wecken war ein sanftes Rütteln an Jonathans Schulter. Völlig verpennt, brauchte er wieder einige Sekunden um sich zu orientieren. Er schüttelte die Hand an seiner Schulter ab und setzte sich auf. James Stimme drang nur langsam zu ihm durch: "... Abendessen." Jonathan nickte nur und rieb sich über die Augen. Sein Zimmernachbar schien noch einen Moment unschlüssig zu sein. Nath drehte den Kopf und funkelte ihn erneut an. James lächelte schief und verließ das Zimmer.
Nath versuchte wieder klar zu denken. Er hasste es so tief zu schlafen und dann geweckt zu werden, er war danach immer komplett durch den Wind und seine Schutzmauer ziemlich dünn. Er atmete noch einmal tief durch und schwang dann seine Beine aus dem Bett, ein Blick aus dem Fenster sagte ihm, das der Schneefall zugenommen hatte, wahrscheinlich würde sogar ein Sturm aufziehen. Wenigstens das Wetter entsprach seiner Stimmung, frostig und sehr kühl. Er strich sich einmal durch die Haare und glättete etwas seine Kleidung, ehe er auch den Weg aus den Räumlichkeiten fand und sich aufmachte die Mensa zu suchen.
Und da stand er auch schon vor dem ersten Problem, er hatte nicht die geringste Ahnung wo dieser Ort lag, und die Dunkelheit machte es auch nicht leichter, in dieser Beziehung etwas zu finden. Er seufzte, denn er hatte es mal wieder geschafft eine Person zu vergraulen, bevor sie ihm helfen konnte. Ab und zu sollte er doch mal sein Gehirn wieder einschalten, wie seine Schwester immer zu sagen pflegte. Seine Schwester... er musste festellen, dass er sie vermisste, genauso wie seinen Bruder und vor allem dessen Sohn. Man würde ihn für krank erklären, wenn einer der beiden, das mit bekommen würde. Aber er war weit weg, nicht zum ersten Mal, und dennoch... Seine Schwester war in Frankreich und sein Bruder, samt Familie, in Deutschland. Er würde sie wohl vor seinem Abschluss nicht wieder sehen.
'Reiß dich zusammn, du bist doch sonst nicht sentimental. Herr Gott, du hasst deine Familie, kannst sie nicht leiden und das beruht bei vielen auf Gegenseigkeit. Also lass diese Schmonzetten und such dir was zu essen.' Wo er wieder bei seinem ursprünglichen Problem war...
"Wie lange willst du noch in den Schnee starren?" Ließ eine bekannte Stimme ihn zusammenzucken. "Komm, ich habe Hunger." Erst wollte Nath ablehnen, doch was nützte es ihm am Ende. Auf stundenlanges herumirren hatte er bei diesem Wetter dann doch keine Lust, so schloss er sich wiederstrebend dem schnellen Laufschritt an.
Rechts vorbei am Hauptgebädude zu einem anderen großen Haus.
"Das ist das 'Clairmont Haus', darin sind die Essensääle und ein Café." Beschrieb James ungefragt. Nath tat so als hätte er es nicht gehört. Er wandte sich, nach dem sie den Saal betreten hatten, von dem anderen ab und suchte sich einen stillen Platz. Was angesicht der geringen Schülerzahlen kein Problem war. Zusammen mit ein paar Lehrern und dem Küchenpersonal waren es gerade mal eine Handvoll an Menschen, die sich hier ihren Weg suchten.
Er fühlte sich alles andere als wohl.
James wunderte sich ziemlich über seinen neuen Zimmernachbarn. Wenn er s nicht besser wüsste, würde er sagen der andere könne ihn nicht leiden. Na gut, er wusste es nicht besser. Aber wer konnte ihn schon nicht leiden, ihn, die Fröhlichkeit in Person. Daran musste sich doch etwas ändern lassen. Ohne weitere großartige Gedanken schnappte er sich sein Tablett und setzte sich zu Jonathan.
"Hi." War seine kurze Begrüßung, ehe er begann gleichzeitig zu essen und zu erzählen.
Nath konnte sein Glück kaum fassen, er war so froh darüber, dass der andere ihm soviel Aufmerksamkeit schenkte, das er diesem blonden Idioten am liebsten den Hals umgdreht hätte, und zwar sehr genußvoll und sehr langsam, äußerst langsam. Er brauchte dringend etwas um sich zu entspannen. Bogenschießen konnte er leider nicht, das Wetter war eindeutig gegen diesen Entschluss, irgendetwas zertrümmern leider auch nicht, dagegen sprach sein Plan nicht von dieser Schule zu fliegen. Wieder kam er zu dem Schluß, das er sein Leben hasste, nein, er hasste es abgrundtief. Und dieser bezopfte irgendwer machte es alles andere als besser.
'Warum rege ich mich eigentlich so auf, er kann dir doch vollkommen egal sein. Du musst ihn ja nur in paar Stunden in der Schule ertragen und zeitweise in deinem Zimmer und da kann man die Zeit sicherlich ein wenig kürzen.' Er stimmte sich innerlich zu, erhob sich ohne ein weiteres Wort und ging. Der erste Schrtt zur Beruhigung wäre möglichst viel Abstand zwischen sich und den anderen zu bringen.
James brauchte eine Weile um zu bemerken das der andere nicht mehr vor ihm saß. Sein Dauerlächeln wurde schief. Er hatte auf einmal das Gefühl vor sich eine Mauer zu haben, die zwar unsichtbar, dennoch deutlich erkennbar war. Eine merkwürdige Erfahrung.
Mit einer energischen Bewegung in seinem Geiste fegte er sie davon und setzte wieder sein typisches Lächeln auf.
Jonathan rannte und wäre beinah gestürzt. Er konnte sich gerade noch so mit den Händen abfangen, nur sein rechtes Knie krachte auf den harten Boden. Und diesmal seufzte er nicht, sondern begann ungehalten zu fluchen, auf französisch. Er rappelte sich hoch, klopfte sich den Dreck von den Knie und den Händen und ging weiter. Fluchend und humpelnd. Er setzte seinen gesamten Wortschatz an französischen Schimpfwörtern an die Luft. Er warf sich in seinem Zimmer aufs Bett, mit einem Mal fühlte er sich wieder so verflucht müde. Die einzigen Bewegungen, zu denen er noch in der Lage war, war nach seinem Mp3-Player zu angeln, die Ohrstecker in die Ohren zu stöpseln und die Decke über sich zu ziehen. Kurz darauf wandelte er auf der dünnen Linie zwischen Schlaf und wachen.
Als James das Zimmer betrat, war er nicht überrascht den anderen wieder schlafend vor zu finden. Er seufzte leise und machte sich dann wieder an seine Aufgaben.
Er wusste es würde eine lange Nacht werden.
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