Life is a Rollercoaster Teil II - Morpheus
Teil II: Begegnungen
Lawrence lag auf seinem Bett und schrieb an dem Brief weiter, den er angefangen hatte. Oder, besser gesagt, er versuchte es zumindest. Doch es wurde ihm dadurch, dass Jamie ihm die ganze Zeit über die Schulter sah oder ihm irgendwelche Fragen stellte, nicht unbedingt erleichtert. Seufzend gab er irgendwann auf und legte Papier und Stift weg. Er würde ihn eben schreiben bevor er zu Bett ging. Vielleicht würde die Müdi cen morgen den Brief schon abschicken zu können. gkeit seinen Zimmergenossen vor ihm dahinraffen, dann hätte er gute Chan
Der Junge drehte sich auf den Rücken und schloss die Augen. Seine Gedanken schweiften zu der Situation, in der er sich gerade befand. In seine alte Schule konnte er unmöglich zurück nachdem man ihn im hohen Bogen rausgeschmissen hatte. Und das wegen solch einer Lappalie! Wie intolerant war sein Ex-Direktor eigentlich?
Wütend grub sich Lawrence' Hand in den frischen Bettbezug. Und nun saß er hier fest, allein und ohne eine Chance auf Rückkehr. Und nach Hause wollte er schon gar nicht. Er hatte beschlossen, egal wie schrecklich er es hier fand, auch in den Sommerferien dieses Gebäude nicht mehr zu verlassen. Sollten sie doch sehen, was sie davon hatten. Wobei, er konnte sich nicht vorstellen, dass es seinen Eltern sonderlich viel ausmachte, wenn er nicht nach Hause kam. Eher das Gegenteil...
"Hey Law, alles klar?", hörte er wie von weitem die Stimme Jamies.
Er öffnete die Augen und sah ihn aus funkelnden Augen an. "Ja, wieso?", fauchte er.
Der Ältere grinste. "Nun, ich hab mir Sorgen gemacht. Oder ist es bei dir normal, dass du beinahe das Bettlaken zerfetzt wenn du in Gedanken bist?"
Erstaunt glitt sein Blick zu seiner Hand. Er hatte sie wirklich derart fest in die Laken gegraben, dass die Knöchel schon weis unter der Haut hervortraten. Als hätte er sich verbrannt zog er sie zurück. Damnd. Wieso hatte er sich nicht besser unter Kontrolle? Er würde wohl lernen müssen, sich nach außen mehr zu distanzieren. Eigentlich gar nicht so seine Art. Er lachte gerne und alberte mit seinen Freunden herum. Früher. Jetzt hatte er keine Freunde mehr. Und er hatte auch kein Interesse mehr daran, sich mit irgendjemandem abzugeben. Diesem James würde er noch helfen, einen Text für sein Lied zu schreiben, aber dann war es vorbei. Schluss, aus, Sense. Finito!
Ein lauter Knall riss ihn aus seinen Gedanken. Irgendwo in diesem Stock schien etwas hart zu Boden gefallen zu sein.
"Hast du das eben auch gehört?", fragte Jamie ihn.
Er nickte knapp.
"Komm, wir sehen nach, ob irgendjemandem was passiert ist!" James sprang auf und eilte zur Tür. Im Rahmen blieb er stehen und wandte sich noch einmal zu Lawrence um.
"Na los, jetzt komm endlich!"
Der Junge seufzte. Langsam erhob er sich und tapste hinter dem anderen her.
Jamie lauschte gespannt, ob er hörte, aus welcher Richtung der Aufschlag gekommen war. Die Tür zu dem Zimmer mit der Nummer ein stand sperrangelweit offen. Als er hineinlugte, stieß er einen leichten Pfiff aus.
Lawrence sah ebenfalls hinein- und erschrak für einen Augenblick. Auf dem Boden lag ein Monstrum von einem Rollstuhl und dahinter konnte er eine blonde Locker hervor lugen sehen. Sofort eilten er und Jamie auf die Verunglückten zu. Lawrence erreichte ihn als erstes.
"Alles in Ordnung?", fragte er. Der Junge am Boden sah erstaunt auf. Er hatte goldblonde niedliche Locken und ein zartes, fast zerbrechlich wirkendes Gesicht. Ein dünner Faden roten Blutes zog sich über seine linke Wange und hatte seinen Ursprung in einem schmalen Schnitt in der Schläfe. Die Augen des Jungen waren flaschengrün und schienen fast eine eigene Leuchtkraft zu besitzen. Der Kleine erinnerte Lawrence ein wenig an diese kitschigen Rauschgoldengel, die seine Mutter an Weihnachten immer an den Tannenbaum gehangen hatte.
Der Blondschopf nickte tapfer und musterte Lawrence seinerseits interessiert.
Jamie kniete sich ebenfalls neben ihn und meinte: "Sicher?"
Ein bezauberndes Lächeln schlich sich auf die Züge des Kleinen. "Ganz sicher."
Jamie nickte und wandte sich dann an Lawrence: "In Ordnung. Du hebst ihn hoch und ich richte seinen Rollstuhl wieder auf, okay?"
Lawrence nickte. Zu dem ‚Rauschgoldengel' meinte er: "Leg deinen Arm um meine Schulter", was er auch sofort tat. Der Junge war so leicht wie er es erwartet hatte. Er hatte fast Angst, ihn zu zerbrechen so zierlich war er. Wobei man ihn nicht als zu dünn oder unterernährt titulieren konnte. Seine Statur war nur für einen Jungen recht...ungewöhnlich.
Jamie rückte den umgekippten Wagen wieder in die richtige Position und Lawrence setzte den Kleinen behutsam wieder ab.
"Danke", lächelte dieser.
"Keine Ursache", grinste Jamie, "Ich bin übrigens James O'Hara. Aber Jamie reicht vollkommen aus. Und das", er deutete auf seinen Zimmergenossen, "ist Lawrence Johnson."
"Freut mich", lächelte der Lockenkopf, "Ich bin Chrystopher Nichel Bandrix."
"Hä?" Jamie kratzte sich verständnislos am Kopf, "Es ist wohl besser, wenn du mir das aufschreibst."
Chrystopher lachte. "Ich denke doch, das wird nicht nötig sein. Nennt mich einfach Chrys. C.H.R.Y.S!"
"Mit ‚y' auch noch? Herrje, was mutet man mir armen Kerl alles zu..." Jamie schüttelte grinsend den Kopf. "Aber sag mal, 'nen schicken Wagen hast du da"; meinte er und deutete auf Chrys Rollstuhl.
Der Kleine nickte grinsend. "Gell? Der allerneuste Schrei! Ich versteh gar nicht, wie jemand noch zu Fuß gehen kann. Wenn du hier einmal drinsitzt, willst du gar nicht mehr raus."
Das konnte Lawrence sich lebhaft vorstellen. Warum der Junge wohl im Rollstuhl saß? Und vor allem- warum kam er her, an diese Schule? Es müsste doch auch andere Schule geben, die behinderten gerechter eingerichtet waren, als diese hier? Zu was das führt, hatte man ja gesehen...
Jamie schlug Chrys lachend auf die Schulter. "Super Einstellung, Kleiner!"
Die Lippen des Blonden verzogen sich zu einem niedlichen Schmollmund. "Von wegen ‚Kleiner'! Ich bin immerhin schon fünfzehn...", wehrte er sich.
"WAS?" Jamie schien außer sich zu sein. "Ich hätte dich nicht älter als zwölf geschätzt!!!"
Chrys lächelte. "Tja, ich hab mich für mein Alter eben gut gehalten!"
Das hatte er wirklich. Auch Lawrence hätte ihn bei weitem jünger gehalten. Dass er gerade mal ein Jahr unter ihm war, verblüffte ihn doch etwas. Wahrscheinlich lag das an seinem trügerischen Äußeren. Er ging einen Schritt auf Chrys zu und streckte seine Hand nach ihm aus. Behutsam besah er sich die Verletzung, die er sich bei seinem Sturz zugezogen hatte. "Tut es weh?", fragte er schlicht.
Große grüne Augen sahen ihn unschuldig an, bevor er leicht nickte. "Ein bisschen"; gab er kleinlaut zu.
Dachte ich mir.
"Was hattest du da unten denn zu suchen?", fragte Jamie.
"Ich wollte meine Sachen in den Schrank setzen, aber da mit den oberen Fächern habe ich so meine Schwierigkeiten...", erklärte Chrys. Der braunhaarige Jungen mit den zahlreichen Sommersprossen sah ihn erstaunt an. "Na, dann sag doch was! Ich bin sicher, jeder hier hätte dir geholfen, wenn du was gesagt hättest! Nächstes Mal kommst du sofort zu einem von uns, verstanden?" Er drohte ihm scherzhaft mit dem Finger. Chrys grinste. "In Ordnung. Ich will's mir merken."
Lawrence ergriff wieder das Wort. "James, du räumst seine Sachen weiter in den Schrank. Chrys, du kommst mit mir mit. Ich werde mich um deine Verletzung kümmern."
Jamie schlug die Hacken zusammen und hielt die Hand an seinen Kopf. "Aye Sir!", rief er in militärischem Ton. Chrys kicherte leise, verbiss es sich aber so gut er konnte als er Lawrence skeptischen Blick bemerkte.
Der Schwarzhaarige legte die Hände um die Griffe des Rollstuhls und schob den Jungen in sein und Jamies Zimmer. Aus seinem Schrank zog er einen kleinen Verbandskasten. Er wusste doch, dass er ihn noch brauchen konnte. Er hatte ihn aus der Praxis seines Vaters mitgehen lassen. Freiwillig hätte diese ihm noch nicht mal die Butter auf dem Brot gegönnt, also hatte er den kleinen Kasten kurz vor seiner Abfahrt eingesackt.
"Ein Verbandkasten?", ertönte hinter ihm die erstaunte Stimme von Chrys. "Ich dachte, hier gibt es so etwas wie eine Krankenstation?!"
Lawrence wandte sich um und zuckte gleichgültig mit den Schultern. "Ich verlasse mich nicht gerne auf andere. Da bin ich lieber auf alle Eventualitäten vorbereitet."
"Dann weiß ich ja, an wen ich mich wenden noch, sollte mein Rollstuhl mal wieder ein Eigenleben entwickeln", lächelte Chrys.
Der Ältere setzte sich auf sein Bett und winkte den Rollstuhlfahrer zu sich. Sofort schloss dieser die Hände um den in Kreisform eingelassenen Griff und rollte zu ihm hinüber. Kurz vor ihm hielt er an.
Lawrence öffnete den Verbandkoffer und zog ein kleines Fläschchen Jod hervor.
"Still halten jetzt", warnte er und ließ ein paar Tropfen der roten Flüssigkeit auf die Wunde tropfen. Der Junge vor ihm zuckte kurz zusammen und biss sich auf die Lippe um einen Aufschrei zu unterdrücken.
"Darf ich dich etwas fragen?", erkundigte Lawrence sich, während er ein Pflaster aus seiner Verpackung löste.
Chrys lächelte. "Natürlich!"
Lawrence klebte das Pflaster behutsam über die Verletzung und lehnte sich ein Stück zurück um sein Werk zu betrachten. "Wieso sitzt du im Rollstuhl? Ich meine, ist das angeboren oder..."
"Ein Unfall", ergänzte Chrystopher, "Es passierte, als ich elf war. Ich war mit meinen Eltern im Auto unterwegs. Der andere Autofahrer war betrunken, 2,4 Promille hat die Polizei gesagt. Er war viel zu schnell und hat die Kontrolle über den Wagen verloren. Meine Mutter war sofort tot, mein Vater starb noch im Krankenhaus. Ich habe als einziger überlebt, doch schon am Unfallort haben sie bei mir eine Querschnittslähmung diagnostiziert. Die Heilungschancen sind gleich null. Die letzten vier Jahre habe ich lernen müssen, damit umzugehen."
Lawrence sah den Jungen betroffen an. Er hatte kein Salz in offene Wunden streuen wollen. Sein eigener Kummer kam ihm im Vergleich mit dem eben gehörten lächerlich vor.
"Tut mir leid, ich wollte nicht..", setzte er an, doch Chrys unterbrach ihn kopfschüttelnd.
"Das macht doch nichts. Glaub mir, Leute wie du sind mir ehrlich lieber. Du traust dich wenigstens direkt nachzufragen. Die meisten reden hinter meinem Rücken über mich und versuchen, hintenrum den Grund für meine Lähmung herauszufinden. Ich kann nicht ändern, was passiert ist. Ich muss einfach das Beste daraus machen."
Lawrence nickte. Der Kleine hatte ihn doch tief beeindruckt. Für so tough hatte er ihn gar nicht gehalten.
Gedankenvoll packte er seinen Verbandkasten wieder in den Schrank, während er hörte, wie Chrys sich mit seinem Rollstuhl in Bewegung setzte.
"Wer ist das?", fragte er mit seiner glockenhellen Stimme. Lawrence wandte sich um und sah, dass Chrys sein Photo in Händen hielt. Er deutete auf den hübschen blonden Jungen an seiner Seite.
Widerwille regte sich in dem Schwarzhaarigen, es widerstrebte ihm, Chrys davon zu erzählen. Doch immerhin, er hatte ihm auch von seiner Vergangenheit erzählt, und die war einiges schlimmer als seine eigene. Dennoch, es kostete ihn einige Überwindung, ein leise "Alexis" über die Lippen zu bringen.
"Alexis", murmelte Chrys und Lawrence überrollte ein kalter Schauer bei dem Klang dieses Namens. Einen Augenblick musterte Chrys abwechselnd das Bild und dessen Besitzer, dann lächelte er plötzlich verstehend. Er stellte das Bild beiseite und schmunzelte, behielt den Grund dafür aber für sich.
Lawrence war nicht ganz wohl bei der Sache. Wieso hatte der Kleine plötzlich so ein selbstgefälliges Lächeln auf dem Gesicht? Glaubte er etwas, er wüsste was in ihm vorging? Wohl kaum. Niemand wusste es und es würde auch nie jemand erfahren. Das war seine Angelegenheit, ganz allein seine.
"Hey, Ihr zwei, wo bleibt ihr denn so lange? Los auf, es gibt gleich Abendessen, das wollt ihr euch doch nicht entgehen lassen, oder?", rief Jamie, der sich lässig in den Türrahmen gelehnt hatte, "Ich hab das Zimmer von Chrys mittlerweile schon zweimal eingeräumt!"
Chrys lachte. "Na wunderbar, dann muss ich es ja nicht machen. Kommt, ich hab auch langsam Hunger." Er betätigte die Automatik des Rollstuhls und fuhr aus dem Zimmer. Dort sah er noch einmal über die Schulter und rief grinsend: "Wer gewinnt, bekommt den morgen den Nachtisch der anderen!"
Und sofort setzte er sich in Bewegung.
"Ey, das ist unfair! Na warte du kleine Kröte", lachte Jamie und hechtete hinter ihm her. Lawrence strich sich einmal durch die langen Haare und seufzte. Ach, was soll's, dachte er und rannte hinter den anderen her.
Gemeinsam saßen sie in einem der Esssäle des Clairmont Hauses. Sie hatten sich einen Tisch etwas abseits gesucht und machten sich hungrig über ihr Essen her. "Na ja, ist zwar nicht so gut wie zu Hause, aber es ist essbar und das ist die Hauptsache", grinste Jamie. Chrys lachte leise. "Unser Koch würde jetzt skeptisch die Nase rümpfen und alle mögliche Flüche über dieses "Kantinenessen" ausstoßen.", meinte der Jüngste der Runde.
"Koch?!" Jamies Augen weiteten sich ungläubig. "Ihr habt einen Koch?"
Chrys grinste. "Yep. Mein Onkel ist ein reicher Lord, der sehr viel Wert auf die alte Etikette legt. Du kannst dir bestimmt den Vorstellen, an dem wir essen- so ein ewiglanges Teil, an dem einem Ende sitze ich, an dem anderen er. Ich wollte mir schon ein Megaphon zulegen um mit ihm zu reden..."
Jamies Grinsen wurde noch eine Nuance breiter. "Kann ich mir vorstellen. Wie ist es bei die zu Hause, Lawrence?"
Lawrence sah von seinem Teller auf. Bei mir?
"Nun", meinte er, "Meine Eltern reden nicht mehr mit mir und verleugnen, dass sie überhaupt einen Sohn haben..."
"Was?"
Chrys sah ihn aus fragenden, grünen Augen an und Lawrence hatte ein wenig das Gefühl, er versuchte, in sein Innerstes zu sehn.
"Wieso das denn?", fragte Jamie ungläubig.
Ja, wieso wohl? Lawrence ballte die Hände zu Fäusten. "Vielleicht, weil ich hochkant von meiner alten Schule geflogen bin?"
"Ja, aber das ist doch kein Grund, seinen Sohn zu verleugnen?! Warum bist du geflogen?"
Das war sie wieder, die allseits beliebte Frage...Lawrence sprang auf und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. "Das geht dich gar nichts an", rief er und rannte aus dem Raum...
Unbeendet
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Aktualisiert (Dienstag, den 25. August 2009 um 08:09 Uhr)


