Gutes Ende - Kapitel 3
Mit zwei großen Papiertüten voller Bentos liefen Leif und Tom durch die Krankenhausflure bis zu Franks Zimmer. Ohne aufgehalten zu werden, konnten sie einfach eintreten, nachdem Leif geklopft hatte.
"N'Abend", begrüßte Frank Leif und schenkte Tom einen fragenden Blick. "Der Neue, nehme ich an."
"Richtig, der bin ich." Tom schenkte Frank ein 1000Watt Grinsen mit Leuchtkraftverstärker. "Tom Haußmann, sehr erfreut."
Die beiden schüttelten sich die Hände, wobei sie sich freundlich grinsend abschätzten. Leif rollte mit den Augen. Das konnte ja heiter werden. Frank hatte doch gar keinen Grund, den Platzhirsch heraushängen zu lassen. Sein Job wartete nur auf seine Rückkehr, Tom war ein vorübergehender Ersatz. Die immer wiederkehrende Unsicherheit von Frank, die ihn so frustrierte, ging Leif ein wenig auf die Nerven. Schnell zog er zwei Stühle zum Bett und setzte sich, dabei deutete er auf den anderen, damit sich auch Tom aus Franks Intimsphäre zurückziehen konnte.
"Wir haben dir Futter mitgebracht." Leif hielt die Taschen hoch und genoss das Aufleuchten in Franks Augen.
"Sushi!", rief Frank aus und riss die Tüten an sich, dabei wirkte es, als wolle er sie umarmen. Nach einem Gedenkmoment beäugte er gierig deren Inhalt. Anerkennende Geräusche ließen Leif grinsen, bis der Kommentar: "Iih, Inari!" das zufriedene Brummen unterbrach.
"Das ist nicht alles für dich alleine", erklärte Leif trocken, "Wir haben auch seit heute Mittag nichts mehr gehabt. Die Inari sind meine – her damit!" Fordernd streckte er seine Hand aus. Frank war mit Essen nicht zu trauen. Er aß auch Dinge, die er hasste, solange er sie in den Händen hielt – was seine Klagen über das Krankenhausessen ein wenig unglaubwürdig machte. Aber es gab Leif die Gelegenheit, Frank zu besuchen und ein paar Punkte bei ihm für seine Freundlichkeit gut zu haben.
Nicht allzu widerwillig reichte Frank die wenig geliebten Inari-Sushis weiter. Tom hatte für sich aus der zweiten Tüte eine Palette mit Inside-Out Röllchen geschnappt, ebenso wie ein paar Stäbchen, danach hatte er den Schlagabtausch zwischen Frank und Leif aufmerksam beobachtet. Er wirkte entspannt, als er schließlich aß.
"Nun erzähl mal, wie war es bei der VHS", nuschelte Frank während sie in schweigsamer Gefrässigkeit vereint waren.
"Weiterhin das gleich Problem: die Budgetzusage der Stadt ist noch nicht da, als auch noch keine Entscheidung. Tom hat dich bei Fr. Peschel gut vertreten."
Tom sah erst erstaunt aus, bevor er dankbar lächelte. "Die Vorarbeit hattet ihr ja auch schon gemacht."
Leif hob die Schultern. "Es liegt also auf keinen Fall an dir, wenn wir den Auftrag nicht bekommen."
Frank stellte das Essen ein. "Hey, und ich bin es dann gewesen, oder was?"
"Natürlich nicht. Wenn der Auftrag flöten geht, dann ist es eben so. Wir haben gute Arbeit geleistet, aber vor allem Tom, der ja nun gerade erst angefangen hat." Leif runzelte seine Stirn. "Habe ich dir je die Schuld an irgendeinem verlorenen Auftrag gegeben?"
Frank schüttelte zwar den Kopf, starrte aber Tom einen Augenblick lang eiskalt vernichtend an, bevor er sich wieder den Reisröllchen widmete.
Das konnte er nun gerade noch gebrauchen, einen Typ, der sich wie ein Platzhirsch vor seinem neuen Mitarbeiter aufführte. Leif seufzte, bekam dabei Wasabi in den falschen Hals und Hustete, während ihm Tränen die Wangen herabliefen.
"Verdammt scharf", keuchte er hinterher, als er die besorgten und amüsierten Blicke der beiden Männer wieder wahrnehmen konnte.
"Daher verzichte ich immer auf das Höllenzeug", triumphierte Frank und stopfte sich genüsslich zwei weitere Sushis in den Mund.
"Am besten etwas neutrales hinterheressen", empfahl Tom und deutete auf eine eher süße Rolle. "Nimm die."
Das ließ sich Leif nicht zweimal sagen, er naschte von Toms Palette, denn er hatte erst beim Essen bemerkt, dass er wirklich hungrig war. Der Italiener war doch schon einige Stunden her. Er grinste Tom an, der nahe zu ihm gerückt war, um den Sushitausch zu vollziehen. "Danke."
"Ich kann doch meinen neuen Boss nicht schon am ersten Tag leiden lassen, das vermiest mir meine Aufstiegschancen", sagte Tom und zwinkerte Leif zu. Der schnaubte amüsiert.
"Stimmt, am besten erst einmal einschleimen", stimmte Frank bitter zu. Gemeinsam wandten sich Tom und Leif zu ihm und runzelten die Stirn.
Solange Frank sich von Tom bedroht fühlte, war wohl an der miesen Laune nichts zu ändern. Leif hasste es, solche Situationen überbrücken zu müssen, aber er war es ja schon von seinen Klienten gewohnt.
"Du weißt doch, gerade Schleimer habe ich besonders gern", witzelte er lahm, aber bevor Frank etwas erwidern konnte, wechselte er das Thema. "Apropos Schleimer – rat mal, was so ein komischer Fuzzi heute auf dem Bau gesagt hat?"
Frank lachte wissend. "Dass du 'nen süßen Arsch hast?"
"Häh? " Verwirrt blinzelte Leif. Hatte er schon wieder ein Tretminenthema erwischt? Er hatte gedacht, der Bau wäre sicheres Terrain.
"Davon habe ich gar nichts mitbekommen, und ich war die ganze Zeit dabei", melderte sich Tom. "Wann ist denn das passiert? 'Ne Schande, dass ich das verpasst habe." In seiner Stimme schwang unterdrücktes Lachen mit.
"Blödsinn!", wehrte Leif ab. "Er meinte, die Agentur habe noch keine 3-D Präsentation erhalten. Das kann doch gar nicht sein, oder? Hattest du die nicht schon vor zwei Monaten fertig gemacht und rausgeschickt?"
Die Frage schien Frank aber nicht recht zu sein, denn er wurde still. Schließlich blickte er auf seine Bettdecke und erklärte: "Ich weiß nicht mehr so recht, durch den Unfall habe ich ne Menge vergessen."
"Oh, du hast Amnesie? Das tut mir Leid", kam Toms Mitleidsbekundung.
"Das hast du mir ja noch gar nicht gesagt." Leif fühlte sich ein wenig ausgeschlossen. Vielleicht kam ja auch daher Franks plötzlicher sexueller Neigungswechsel? Als Folge des Unfalls? Konnte man dann sicher sein, dass es keine zeitweilige Erscheinung war? Sozusagen sexuelle Präferenzamnesie? Sogar noch verunsicherter als nach dem Kuss fragte er: "Kann das geheilt werden?"
"D-das kann noch keiner so genau sagen", antwortete Frank stockend. Gut, das war ja nun auch nicht gerade ein Thema, das man gern vor einem völlig Fremden besprach. Leif wechselte einen Blick mit Tom, der kaum merklich nickte. "Okay, ich werde gehen. Hat mich gefreut, dich kennen zu lernen." Tom schüttelte Franks Hand, schenkte Leif ein Wir-sehen-uns-Lächeln und verließ das Zimmer.
Nach einer stillen Nachdenkpause, räusperte sich Leif. "Also, was ist das mit der Amnesie?"
"Das wird noch untersucht. Ich wollte vor allem den Störenfried loswerden." Entspannter streckte sich Frank auf dem Bett aus, dabei fielen die Reste des Abendbrots zu Boden.
Mit einem genervten Seufzer sammelte Leif die Tüte und die Plastikbehälter ein, wollte sie in den Mülleimer werfen, als er Franks Hand an seinem Handgelenk spürte. Er wurde an Frank herangezogen, während der Müll wieder zu Boden fiel.
"Du bist heute ja nicht besonders gesprächig", stichelte Frank, als sich Leif auf Augenhöhe mit ihm wiederfand, "und auch nicht besonders nett."
Leif verzog seinen Mund ein wenig nach unten. "Na, so wie du dich Tom gegenüber verhalten hast..."
"Der Kleine ist noch ein Grünschnabel und du nimmst ihn so in Schutz, das hat mich gestört." Franks Tonfall wechselte von beleidigt zu verführerisch. "Außerdem hat er hier nichts zu suchen, wenn ich mit dir alleine sein will."
Überrascht von der direkten Anmache, wehrte sich Leif sich nicht, als Frank ihn küsste, allerdings reagierte er auch erst nach ein paar Augenblicken und erwiderte den intimen Kontakt. Hungrig und ungeschickt küssten sie sich, lernten die Vorlieben des anderen kennen. Leif fühlte sich geradezu dürstend nach körperlicher Zuneigung. Er ließ seine Zunge über Franks Unterlippe fahren, spürte die harten Bartstoppel, ihre Struktur erinnerte eher an Sandpapier, nicht im geringsten zart. Aber Leif mochte es so, zumindest in diesem Moment. Mit einem stimmvollen Seufzer presste er seinen Mund wieder an Franks, wo ihre Zungen aneinander rieben und miteinander spielten. Etwas Hartes, nicht nachgiebges presste sich in Leifs Rücken und sein Gehirn spuckte die sinnlose Information aus, dass es wohl Franks Armgips war, der seine Rippen zusammenpresste. Mit dem rechten Bein kniete er auf dem Bett, so dass er der verführerischen Körperwärme näher war, während seine Hände von Franks Schultern über die Brust hin zum Gemächt wanderten. Gerade als er beherzt in die Intimgegenden vordringen wollte, klingelte sein Handy. Frank und er erstarrten, blinzelten sich zurück in die raue Wirklichkeit, als sie aus ihrem leidenschaftlichen Rausch zurückgebimmelt wurden.
"Scheiße!", schimpfte Frank scharf.
Leif fühlte in seiner Manteltasche nach dem Klapptelefon. "Das sag mal...", stimmte Leif noch etwas atemlos zu, dabei warf er einen Blick auf die Nummer. Unbekannt.
Mit einem leichten Stirnrunzeln beantwortete er den Anruf. "Leif Brendel hier."
"'Tschuldigung für die Störung", hörte er Toms Stimme, "Aber ich habe keine Ahnung, wie ich von hier aus zum Büro und damit zu meinem Fahrrad komme."
Innerlich schlug sich Leif gegen die Stirn – natürlich, sie hatten ja vorgehabt, zusammen wieder zum Büro zu fahren.
"Das hatte ich vergessen! Ich sag Frank noch kurz Tschüss und komme dann." Sofort packte ihn das schlechte Gewissen. Seine Geilheit hatte keine guten Auswirkungen auf Rücksichtnahme und Verantwortungsbewusstsein. Er schloss das Handy, bevor er sich an Frank wandte. "Tut mir Leid, aber ich muss los."
Die Enttäuschung und eine gewisse Missgunst waren deutlich auf Franks Gesicht zu lesen, doch Leif entschied, dass seine Schuld gegenüber Tom größer war als seine Verpflichtung gegenüber Frank.
"Kommst du morgen wieder?", fragte Frank patzig.
"Kann ich noch nicht genau sagen. Im Moment ist alles ein wenig chaotisch, das weißt du doch selbst."
"Das sollte dich aber nicht davon abhalten, mich zu besuchen." Frank kreuzte seine Arme, was ein lächerliches Bild mit dem Gips abgab.
"Ich habe dich bis jetzt fast jeden Abend besucht, das sollte dir doch als Indikator genügen oder?" in Leifs Kopf leuchtete auch noch die Frage nach der Ernsthaftigkeit von Franks Scheidungsplänen und seinen plötzlichen Homogelüsten auf, aber Tom wartete. Das alles musste noch in einer ruhigeren Minute besprochen werden. Er verzog die Lippen etwas unwillig, dabei spürte er, dass er wunde Mundwinkel hatte. Kleine Sünden bestraft Gott sofort, hätte seine Mutter dazu wohl gesagt. "Also, ich versuche, morgen vorbei zu kommen, aber ich verspreche nichts."
Ohne weitere Schmoll-Arien von Frank abzuwarten, verließ er das Zimmer, ging nachdenklich durch die kaltbeleuchteten Flure.
Worauf ließ er sich mit Frank da ein?
Das war wohl die Kernfrage.
Dass er mit Frank schlafen wollte, war ihm ja schon lange klar, aber welche Auswirkungen würde es haben?
Zudem war hatte das Objekt seiner Begierde gerade nicht einmal scheinbar nett zu Tom gewesen, was er in Nachhinein mehr und mehr missbilligte. Überhaupt, dieser Krankenhaus-Frank war hübsch anzuschauen und geil, aber sein Verhalten war es nicht.
Konnte es sein, dass es an der, zuvor zum ersten Mal erwähnten, Amnesie lag? Darauf konnte er immerhin ja noch hoffen, beschloss er, als er schließlich das Gebäude verließ.
An seinem Auto lehnte Tom und starrte in den Himmel, wo zwischen kleinen Wolken immer mal wieder ein Stück Sternenhimmel durchschimmerte. Im Schein der Straßenlaternen sah er verdammt jung und verträumt aus. Leif kam näher und Tom drehte sich zu ihm, nahm die kleinen Kopfhörer aus den Ohren und lächelte entschuldigend. "Ich wollte wirklich nicht stören."
Leif winke ab. "Schon gut, daran hätten wir auch früher denken können. Dann hättest du hier nicht auf dem kalten Parkplatz stehen müssen."
"War nicht so schlimm, ich hatte ja Musik dabei." Demonstrativ nahm Tom den mp3-Player ab und steckte ihn in die Manteltasche.
"Woher hattest du eigentlich meine Num-", begann Leif, doch dann grinste er und folgerte. "Sylvie!"
"Natürlich, woher denn sonst?" Auch Tom grinste und setzte sich schnell in den Wagen, als Leif den automatischen Türöffner betätigte. Er rieb sich schnell die Hände, um sie etwas anzuwärmen. "Du hast aber recht, es ist wirklich kalt heute Nacht."
"Soll ich dich lieber gleich nach Hause fahren?" Leif stellte sich eine Radfahrt bei der Kälte nicht gerade erfreulich vor.
"Nettes Angebot, aber wie komme ich dann morgen ins Büro?", fragte Tom mit einem sarkastischen Lächeln.
"Stimmt auch wieder." Leif startete den Wagen und stellte die Heizung an. Zuerst fuhren sie schweigend durch die Dunkelheit, Leif auf das Fahren konzentriert, Tom aus dem Fenster träumend.
Unerwartet fragte Tom: "Wie lange ist Frank schon bei dir Partner?"
Leif blinzelte – er war kein begeisterter Autofahrer, vor allem nicht, wenn glänzende Straßen ihn blendeten und die Scheiben leicht beschlagen waren – und kräuselte die Nase. "Seit zwei Jahren ungefähr."
"Und wie lange bist du selbständig?"
"Bald vier Jahre..." Leif war selbst darüber erstaunt. Es kam ihm kürzer vor. Die Zeit war einfach dahingeflogen und er war älter geworden, ohne dass er es richtig registriert hatte.
"Warum arbeitest du nicht für ein großes Unternehmen?"
Leif schnaubte. "Das habe ich! Ich glaube, die meisten Architekten müssen so anfangen. Aber bei einem Wettbewerb gewann ich Geld und... Nun ja. was könnte es Schöneres geben, als ein eigenes, kleines Architekturbüro?" Tom lachte leise zustimmend.
"Möchtest du auch ein eigenes Geschäft irgendwann?", fragte Leif.
Tom hob die Schultern und legte den Kopf ein wenig zur Seite. "Vielleicht. Da ist immer noch Helges Vater, der eine Werkstatt, in der Möbel restauriert werden. Da Helge auf keinen Fall was mit Holz zu tun haben will, könnte ich es haben."
"Helges Vater?"
"Wie gesagt, unsere Eltern waren ein paar Jahre zusammen. Leider haben sie sich getrennt und Iris, meine Mutter hat dann noch einmal geheiratet." Er lachte etwas bitter. "Kannst du dir vorstellen, dass ich eine Schwester habe, die gerade zehn Jahre alt ist?"
"Klingt zumindest turbulenter als meine Familie", beschwichtigte Leif. "Meine Eltern sind seit fast vierzig Jahren verheiratet – keine bekannten Seitensprünge, keine Ausbrüche aus dem bürgerlichen Leben."
Tom sah ihn fragend an, suchte wohl nach Worten. "War es schlimm?"
"Übersichtlich. Frei von Überraschungen. Das hat sowohl gute Seiten, als auch schlechte." Er hob die Schultern. Er konzentrierte sich auf das Abbiegen, spürte aber von der Seite den fragenden Blick Toms. Vielleicht war dieser sich einfach nicht sicher, ob sie sich schon gut genug kannten, um gewisse Fragen stellen zu dürfen.
Nach dem nicht gerade lockeren Abend an Franks Krankenbett, hatte Leif auch kein Bedürfnis nach tiefschürfenden Selbsterkenntnissen. Und über seine Familie wollte er noch weniger reden als über sein Begehren nach Frank.
Tom behielt seine Fragen und Gedanken für sich, wofür Leif dankbar war, und sie schwiegen, bis sie vor Leifs Büro ankamen. Dort parkte Leif , bevor er ausstieg und den Kofferraum öffnet,e um dort die Tasche herauszuholen. Auch Tom stieg aus, nahm seine Sachen in Empfang und schenkte Leif ein rätselhaftes, weiches Lächeln. "Wir sehen uns morgen", sagte er, warm in der kalten Dunkelheit.
"Ja, bis morgen." Leif hatte nicht mit einem engen Hals gerechnet, aber plötzlich war er da. Seine Gedanken sprangen zu dem Kuss mit Frank und zu dem flirtenden Mann von der Baustelle. Schließlich realisierte er, dass er dabei Toms Lippen angestarrt hatte. Über sich selbst verärgert, senkte er den Blick. "Komm gut nach Hause...", murmelte er.
Tom nickte nur, wie er aus dem Augenwinkel feststellte, bevor er sein Rad aufschloß und mit einem knappen Winken davonfuhr. Leif sah dem roten Rücklicht hinterher und seufzte. Der Tag war lang und anstrengend gewesen, dazu noch emotional sehr verwirrend.
Er brauchte Schlaf und eine kurze Gedankenauszeit. Morgen musste er sich erneut dem Leben wischen Arbeit, Frank und dem üblichen Chaos stellen – ebenso wie dem Mysterium, als das sich Tom gerade präsentierte.
Er klebte sich vor den Fernseher und schaute einen alten Film mit Rock Hudson und Doris Day, bevor er ins Bett kroch.
"Ich werde zu alt für so etwas", sagt er sich selbst laut, was aber nicht half, die Verwirrung zu lüften. Also blieb der Schlaf und die Hoffnung, das sich alles wieder einrenkte, wenn Frank erst einmal wieder gesund wäre.
Die Hoffnung starb ein wenig, als mitten in der Nacht das Telefon klingelte. Es klingelte so lange, dass Leif es nicht mehr ignorieren und Schlaf vortäuschen konnte. Unsicher tappte er ins Wohnzimmer, auf der Suche nach dem Ruhestörer. Er fand es auf dem Sofa, neben der Fernbedienung,
"Ja?", fragte er heiser und unwirsch.
"Leif? Ich bin es, Sylvie." Sie klang panisch und das weckte ihn besser als das Klingeln an sich.
"Sylvie, was ist denn los?" Müde und besorgt rieb Leif sich die Augen.
"Miri ist gerade im Badezimmer ausgerutscht und gestürzt!"
"Oh nein!"
"Leider ja. Ich wollte mit ihr in die Ambulanz, aber möchte Lydia nicht hier alleine lassen. Könnte sie heute Nacht bei dir bleiben?"
Leif konnte im Hintergrund hören, wie Miri leise weinte und Lydia ihr tröstende Worte schenkte. "Na klar! Ich komme gleich und hole sie ab." Schon bei den Worten lief er ins Schlafzimmer und zog eine Jeans aus dem Kleiderschrank.
Erleichtert seufzte Sylvie auf. "Danke. Ich fahre schon mal los."
"Ruf mich an, sobald du etwas weißt", ermahnte er noch schnell, bevor Sylvie auflegte.
Innerhalb kürzester Zeit hatte er sich halbwegs angezogen und war schnell zu Sylvies Wohnung gedüst. Zum Glück wohnte sie nicht allzu weit entfernt.
Als er aus dem Auto stieg, sah er am Fenster schon Lydia, die nach ihm Ausschau hielt. Sobald sie ihn erblickte, winkte sie, hob demonstrativ eine Tasche und verschwand vom Fenster. Sie löschte nur kurz das Licht und war schneller bei ihm, als er zur Tür gehen konnte.
"Leif!", rief sie und umarmte ihn einarmig. Er drückte sie kurz an sich, daraufhin lenkte er sie in Richtung Auto. Die Nachtluft war kalt, er war müde und wollte Lydia lieber im Warmen wissen. Die kurze Fahrt verbrachten sie schweigend.
Zurück in der Wohnung sahen sie einander an. Leif erkannte Lydias Wunsch nach einer Versicherung, dass alles in Ordnung kommen würde. Er brachte ein wässriges Lächeln hervor. "Komm, mach dich bettfertig", forderte er sanft.
"Ich kann jetzt nicht schlafen", murmelte sie trotzig.
"Ich weiß. Aber wir können uns wenigstens auf der Couch einkuscheln und auf Neuigkeiten warten."
Lydia nickte kantig und zog sich aus, während Leif Decken und Kissen aus dem Schlafzimmer holte. Lydia mummelte sich schon einmal ein.
"Was ist eigentlich passiert?", fragte Leif schließlich, während er die Jeans wieder mit seiner Sschlafanzughose tauschte.
"Ich hab's nicht mitgekriegt. Erst als Miri plötzlich wie am Spieß geschrien hat, bin ich aufgewacht. Da war ganz viel Blut im Badezimmer und..." Weiter kam sie nicht, weil die Erinnerung an die Ereignisse sie einholte.
Leif setzte sich neben sie und zog sie an sich. "Miri hat doch einen solchen Holzkopf, da ist sicher nichts Schlimmes passiert."
"Hast Recht", murmelte Lydia zögerlich und barg ihr Gesicht an seiner Schulter. So verblieben sie gemeinsam auf der Couch, ohne das Bedürfnis zu reden. Beruhigend streichelte Leif Lydias Schulter, sie drückte sich an ihn. Sie schreckten auf, als das Telefon endlich klingelte.
Leif nahm ihren ängstlichen Blick auf und hielt Augenkontakt, während er abnahm. "Brendel."
"Es ist alles in Ordnung", war das erste, was Sylvie ihm sagte. "Nur eine Platzwunde! Miri ist geklammert worden und bleibt über Nacht noch hier. Wie geht es Lydia?"
"Sie wartet auf die Neuigkeiten." Leif gab Lydia einen Daumen nach oben und konnte gleich sehen, wie sie sofort entspannte.
"Kannst du sie morgen in die Schule bringen?", fragte Sylvie.
Leif grinste. "Klar."
"Danke dir. Gib mir mal kurz Lydia."
Leif übergab das Telefon an Lydia, die mit leise mit ihrer Mutter redete, während Leif das Bett zurecht machte. Manchmal übernachteten beide Mädchen bei ihm, wenn Sylvie einen Weiberabend mit ihren Freundinnen machte. Zuerst hatten die beiden auf dem Sofa geschlafen, aber da Miri eh immer nachts bei ihm ins Bett getappst kam, hatten sie sich aufs Bettteilen geeinigt.
Gerade legte er die zweite Decke auf die linke Seite, als Lydia ins Schlafzimmer kam. Ihre Erleichterung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Leif drehte sich zu ihr und lächelte. "Wollen wir dann schlafen?"
Wortlos nickte Lydia und kroch unter die Decke, wo sie sich zufrieden einkuschelte. Leif löschte noch überall das Licht, bevor er es ihr nachtat.
"Hast du den Wecker gestellt?", fragte sie leise nach einigen Minuten Stille.
Leif warf einen Blick auf das gelbe Monsterküken. "Wecker ist an."
"Dann ist ja gut...", murmelte sie müde.
"Schlaf gut", wünschte Leif noch, überdachte verwundert, wie verrückt der ganze Tag gewesen war, bevor er in den Schlaf rutschte.
"Halt die Klappe", brummte er, als der Wecker ihn nach zu wenigen Stunden aus dem Schlaf riss. Er tastete nach dem Ausstellknopf und drückte ihn, bevor er einen Blick auf den Bauch des Kükens wagte, der das Zifferblatt umschloss. Egal, wie häufig er blinzelte, um seine Sicht zu klären, die Uhrzeit blieb bei Acht Uhr.
"Scheiße!", rief er und wandte sich um. Lydia hatte bereits ein Auge offen. "Was ist denn?"
"Ich habe vergessen, die Weckzeit umzustellen, wir sind zu spät!", erklärte Leif heiser, mit einem Bein schon aus dem Bett.
"Was?!" Auch Lydia fuhr hoch, blinzelte auf die Zeit und zog die Augenbrauen zornig zusammen. "Ich habe gerade Mathe!" Lydia liebte Mathematik. Es war ihr bestes Fach und ihre liebste Lehrerin unterrichtete es.
"Wir beeilen uns, dann schaffen wir es noch zur zweiten Stunde", intervenierte Leif weitere Vorwürfe. Lydia schenkte ihm einen tödlichen Blick. Leif beschloss, diesen zu ignorieren und sich schnell im Bad ein oder zwei Hände Wasser ins Gesicht zu werfen, bevor er in ein Auto stieg.
Mit Zahnbürste im Mund stieg er einfach wieder in die Jeans, die er schon in der Nacht schnell übergezogen hatte, während Lydia eine Schüssel mit Smacks inhalierte.
Um halb Neun waren sie soweit, dass beide angezogen waren, Zähne geputzt und die Küche nach Frühstück für Lydia zum Mitnehmen [eine kleine Banane und zwei Schokoladencroissants] durchforsteten hatten. Leif hatte seine Autoschlüssel gefunden, wieder verlegt und erneut entdeckt, unter dem ungeduldigen Blick von Lydia, die mit verschränkten Armen an der Wohnungstür auf ihren Chauffeur wartete.
Als sie endlich die Haustür öffneten, stand ihnen ein erstaunter Tom gegenüber, der gerade die Hand zum Klingeln erhoben hatte.
"Tom?", entkam Leif, ebenfalls perplex.
"Äh, guten Morgen?" Tom sah von Leif zu Lydia und wieder zurück. "Was ist los?"
"Wir haben verschlafen...", begann Leif, wurde aber von einem ungnädigen Räuspern unterbrochen. "Okay, ich habe verschlafen", gab er zu. "Und wir sind viel zu spät dran. Komm erst einmal rein."
Er und Lydia traten zurück, so dass Tom in den Flur treten konnte. Leif bastelte schon an seinem Schlüssel rum, trennte den Büroschlüssel ab und reichte ihn Tom. Ihre Finger streiften einander und etwas hilflos blickte Leif auf. Auf Toms Gesicht hatte sich ein amüsierter, aber auch besorgter Ausdruck gelegt.
"Geh schon mal rein. Lass das Telefon bimmeln soviel es will", erklärte Leif hastig, dem plötzlich der Mund beim diesem Anblick trocken wurde. "Sylvie wird sicher auch gleich da sein."
"Was ist denn los?", fragte Tom erneut, den Schlüssel fest in der Hand, im engen Flur fast an Leifs Körper gepresst.
"Leif, wir müssen los!", drängte Lydia.
Dankbar nutzte Leif diese Ablenkung um sie anzusehen. "Du hast recht", stimmte er zu, wandte sich wieder an Tom – und dessen verdammte blaue Augen – und hob die Schultern. "Erkläre ich alles später." Ohne dass er es wollte, ohne überhaupt eine Intention dazu verspürt zu haben, lehnte sich Leif vor und küsste Tom zart auf den Mundwinkel. Als würden sie sich jeden Tag so verabschieden, so natürlich wirkte diese Geste der Zuneigung. Doch als Leif sich zurückzog, blinzelten sie sich verwirrt an.
"Leif, nun komm schon!" Lydia klang wütend und holte Leif zurück auf den Boden der Tatsachen.
"Bi-bis später", stotterte er heiser und wandte sich schnell ab.
Während er neben Lydia zu seinem Auto lief, berührte er ungläubig seine Lippen. Verdammt, was hatte er da wieder angerichtet?
"N'Abend", begrüßte Frank Leif und schenkte Tom einen fragenden Blick. "Der Neue, nehme ich an."
"Richtig, der bin ich." Tom schenkte Frank ein 1000Watt Grinsen mit Leuchtkraftverstärker. "Tom Haußmann, sehr erfreut."
Die beiden schüttelten sich die Hände, wobei sie sich freundlich grinsend abschätzten. Leif rollte mit den Augen. Das konnte ja heiter werden. Frank hatte doch gar keinen Grund, den Platzhirsch heraushängen zu lassen. Sein Job wartete nur auf seine Rückkehr, Tom war ein vorübergehender Ersatz. Die immer wiederkehrende Unsicherheit von Frank, die ihn so frustrierte, ging Leif ein wenig auf die Nerven. Schnell zog er zwei Stühle zum Bett und setzte sich, dabei deutete er auf den anderen, damit sich auch Tom aus Franks Intimsphäre zurückziehen konnte.
"Wir haben dir Futter mitgebracht." Leif hielt die Taschen hoch und genoss das Aufleuchten in Franks Augen.
"Sushi!", rief Frank aus und riss die Tüten an sich, dabei wirkte es, als wolle er sie umarmen. Nach einem Gedenkmoment beäugte er gierig deren Inhalt. Anerkennende Geräusche ließen Leif grinsen, bis der Kommentar: "Iih, Inari!" das zufriedene Brummen unterbrach.
"Das ist nicht alles für dich alleine", erklärte Leif trocken, "Wir haben auch seit heute Mittag nichts mehr gehabt. Die Inari sind meine – her damit!" Fordernd streckte er seine Hand aus. Frank war mit Essen nicht zu trauen. Er aß auch Dinge, die er hasste, solange er sie in den Händen hielt – was seine Klagen über das Krankenhausessen ein wenig unglaubwürdig machte. Aber es gab Leif die Gelegenheit, Frank zu besuchen und ein paar Punkte bei ihm für seine Freundlichkeit gut zu haben.
Nicht allzu widerwillig reichte Frank die wenig geliebten Inari-Sushis weiter. Tom hatte für sich aus der zweiten Tüte eine Palette mit Inside-Out Röllchen geschnappt, ebenso wie ein paar Stäbchen, danach hatte er den Schlagabtausch zwischen Frank und Leif aufmerksam beobachtet. Er wirkte entspannt, als er schließlich aß.
"Nun erzähl mal, wie war es bei der VHS", nuschelte Frank während sie in schweigsamer Gefrässigkeit vereint waren.
"Weiterhin das gleich Problem: die Budgetzusage der Stadt ist noch nicht da, als auch noch keine Entscheidung. Tom hat dich bei Fr. Peschel gut vertreten."
Tom sah erst erstaunt aus, bevor er dankbar lächelte. "Die Vorarbeit hattet ihr ja auch schon gemacht."
Leif hob die Schultern. "Es liegt also auf keinen Fall an dir, wenn wir den Auftrag nicht bekommen."
Frank stellte das Essen ein. "Hey, und ich bin es dann gewesen, oder was?"
"Natürlich nicht. Wenn der Auftrag flöten geht, dann ist es eben so. Wir haben gute Arbeit geleistet, aber vor allem Tom, der ja nun gerade erst angefangen hat." Leif runzelte seine Stirn. "Habe ich dir je die Schuld an irgendeinem verlorenen Auftrag gegeben?"
Frank schüttelte zwar den Kopf, starrte aber Tom einen Augenblick lang eiskalt vernichtend an, bevor er sich wieder den Reisröllchen widmete.
Das konnte er nun gerade noch gebrauchen, einen Typ, der sich wie ein Platzhirsch vor seinem neuen Mitarbeiter aufführte. Leif seufzte, bekam dabei Wasabi in den falschen Hals und Hustete, während ihm Tränen die Wangen herabliefen.
"Verdammt scharf", keuchte er hinterher, als er die besorgten und amüsierten Blicke der beiden Männer wieder wahrnehmen konnte.
"Daher verzichte ich immer auf das Höllenzeug", triumphierte Frank und stopfte sich genüsslich zwei weitere Sushis in den Mund.
"Am besten etwas neutrales hinterheressen", empfahl Tom und deutete auf eine eher süße Rolle. "Nimm die."
Das ließ sich Leif nicht zweimal sagen, er naschte von Toms Palette, denn er hatte erst beim Essen bemerkt, dass er wirklich hungrig war. Der Italiener war doch schon einige Stunden her. Er grinste Tom an, der nahe zu ihm gerückt war, um den Sushitausch zu vollziehen. "Danke."
"Ich kann doch meinen neuen Boss nicht schon am ersten Tag leiden lassen, das vermiest mir meine Aufstiegschancen", sagte Tom und zwinkerte Leif zu. Der schnaubte amüsiert.
"Stimmt, am besten erst einmal einschleimen", stimmte Frank bitter zu. Gemeinsam wandten sich Tom und Leif zu ihm und runzelten die Stirn.
Solange Frank sich von Tom bedroht fühlte, war wohl an der miesen Laune nichts zu ändern. Leif hasste es, solche Situationen überbrücken zu müssen, aber er war es ja schon von seinen Klienten gewohnt.
"Du weißt doch, gerade Schleimer habe ich besonders gern", witzelte er lahm, aber bevor Frank etwas erwidern konnte, wechselte er das Thema. "Apropos Schleimer – rat mal, was so ein komischer Fuzzi heute auf dem Bau gesagt hat?"
Frank lachte wissend. "Dass du 'nen süßen Arsch hast?"
"Häh? " Verwirrt blinzelte Leif. Hatte er schon wieder ein Tretminenthema erwischt? Er hatte gedacht, der Bau wäre sicheres Terrain.
"Davon habe ich gar nichts mitbekommen, und ich war die ganze Zeit dabei", melderte sich Tom. "Wann ist denn das passiert? 'Ne Schande, dass ich das verpasst habe." In seiner Stimme schwang unterdrücktes Lachen mit.
"Blödsinn!", wehrte Leif ab. "Er meinte, die Agentur habe noch keine 3-D Präsentation erhalten. Das kann doch gar nicht sein, oder? Hattest du die nicht schon vor zwei Monaten fertig gemacht und rausgeschickt?"
Die Frage schien Frank aber nicht recht zu sein, denn er wurde still. Schließlich blickte er auf seine Bettdecke und erklärte: "Ich weiß nicht mehr so recht, durch den Unfall habe ich ne Menge vergessen."
"Oh, du hast Amnesie? Das tut mir Leid", kam Toms Mitleidsbekundung.
"Das hast du mir ja noch gar nicht gesagt." Leif fühlte sich ein wenig ausgeschlossen. Vielleicht kam ja auch daher Franks plötzlicher sexueller Neigungswechsel? Als Folge des Unfalls? Konnte man dann sicher sein, dass es keine zeitweilige Erscheinung war? Sozusagen sexuelle Präferenzamnesie? Sogar noch verunsicherter als nach dem Kuss fragte er: "Kann das geheilt werden?"
"D-das kann noch keiner so genau sagen", antwortete Frank stockend. Gut, das war ja nun auch nicht gerade ein Thema, das man gern vor einem völlig Fremden besprach. Leif wechselte einen Blick mit Tom, der kaum merklich nickte. "Okay, ich werde gehen. Hat mich gefreut, dich kennen zu lernen." Tom schüttelte Franks Hand, schenkte Leif ein Wir-sehen-uns-Lächeln und verließ das Zimmer.
Nach einer stillen Nachdenkpause, räusperte sich Leif. "Also, was ist das mit der Amnesie?"
"Das wird noch untersucht. Ich wollte vor allem den Störenfried loswerden." Entspannter streckte sich Frank auf dem Bett aus, dabei fielen die Reste des Abendbrots zu Boden.
Mit einem genervten Seufzer sammelte Leif die Tüte und die Plastikbehälter ein, wollte sie in den Mülleimer werfen, als er Franks Hand an seinem Handgelenk spürte. Er wurde an Frank herangezogen, während der Müll wieder zu Boden fiel.
"Du bist heute ja nicht besonders gesprächig", stichelte Frank, als sich Leif auf Augenhöhe mit ihm wiederfand, "und auch nicht besonders nett."
Leif verzog seinen Mund ein wenig nach unten. "Na, so wie du dich Tom gegenüber verhalten hast..."
"Der Kleine ist noch ein Grünschnabel und du nimmst ihn so in Schutz, das hat mich gestört." Franks Tonfall wechselte von beleidigt zu verführerisch. "Außerdem hat er hier nichts zu suchen, wenn ich mit dir alleine sein will."
Überrascht von der direkten Anmache, wehrte sich Leif sich nicht, als Frank ihn küsste, allerdings reagierte er auch erst nach ein paar Augenblicken und erwiderte den intimen Kontakt. Hungrig und ungeschickt küssten sie sich, lernten die Vorlieben des anderen kennen. Leif fühlte sich geradezu dürstend nach körperlicher Zuneigung. Er ließ seine Zunge über Franks Unterlippe fahren, spürte die harten Bartstoppel, ihre Struktur erinnerte eher an Sandpapier, nicht im geringsten zart. Aber Leif mochte es so, zumindest in diesem Moment. Mit einem stimmvollen Seufzer presste er seinen Mund wieder an Franks, wo ihre Zungen aneinander rieben und miteinander spielten. Etwas Hartes, nicht nachgiebges presste sich in Leifs Rücken und sein Gehirn spuckte die sinnlose Information aus, dass es wohl Franks Armgips war, der seine Rippen zusammenpresste. Mit dem rechten Bein kniete er auf dem Bett, so dass er der verführerischen Körperwärme näher war, während seine Hände von Franks Schultern über die Brust hin zum Gemächt wanderten. Gerade als er beherzt in die Intimgegenden vordringen wollte, klingelte sein Handy. Frank und er erstarrten, blinzelten sich zurück in die raue Wirklichkeit, als sie aus ihrem leidenschaftlichen Rausch zurückgebimmelt wurden.
"Scheiße!", schimpfte Frank scharf.
Leif fühlte in seiner Manteltasche nach dem Klapptelefon. "Das sag mal...", stimmte Leif noch etwas atemlos zu, dabei warf er einen Blick auf die Nummer. Unbekannt.
Mit einem leichten Stirnrunzeln beantwortete er den Anruf. "Leif Brendel hier."
"'Tschuldigung für die Störung", hörte er Toms Stimme, "Aber ich habe keine Ahnung, wie ich von hier aus zum Büro und damit zu meinem Fahrrad komme."
Innerlich schlug sich Leif gegen die Stirn – natürlich, sie hatten ja vorgehabt, zusammen wieder zum Büro zu fahren.
"Das hatte ich vergessen! Ich sag Frank noch kurz Tschüss und komme dann." Sofort packte ihn das schlechte Gewissen. Seine Geilheit hatte keine guten Auswirkungen auf Rücksichtnahme und Verantwortungsbewusstsein. Er schloss das Handy, bevor er sich an Frank wandte. "Tut mir Leid, aber ich muss los."
Die Enttäuschung und eine gewisse Missgunst waren deutlich auf Franks Gesicht zu lesen, doch Leif entschied, dass seine Schuld gegenüber Tom größer war als seine Verpflichtung gegenüber Frank.
"Kommst du morgen wieder?", fragte Frank patzig.
"Kann ich noch nicht genau sagen. Im Moment ist alles ein wenig chaotisch, das weißt du doch selbst."
"Das sollte dich aber nicht davon abhalten, mich zu besuchen." Frank kreuzte seine Arme, was ein lächerliches Bild mit dem Gips abgab.
"Ich habe dich bis jetzt fast jeden Abend besucht, das sollte dir doch als Indikator genügen oder?" in Leifs Kopf leuchtete auch noch die Frage nach der Ernsthaftigkeit von Franks Scheidungsplänen und seinen plötzlichen Homogelüsten auf, aber Tom wartete. Das alles musste noch in einer ruhigeren Minute besprochen werden. Er verzog die Lippen etwas unwillig, dabei spürte er, dass er wunde Mundwinkel hatte. Kleine Sünden bestraft Gott sofort, hätte seine Mutter dazu wohl gesagt. "Also, ich versuche, morgen vorbei zu kommen, aber ich verspreche nichts."
Ohne weitere Schmoll-Arien von Frank abzuwarten, verließ er das Zimmer, ging nachdenklich durch die kaltbeleuchteten Flure.
Worauf ließ er sich mit Frank da ein?
Das war wohl die Kernfrage.
Dass er mit Frank schlafen wollte, war ihm ja schon lange klar, aber welche Auswirkungen würde es haben?
Zudem war hatte das Objekt seiner Begierde gerade nicht einmal scheinbar nett zu Tom gewesen, was er in Nachhinein mehr und mehr missbilligte. Überhaupt, dieser Krankenhaus-Frank war hübsch anzuschauen und geil, aber sein Verhalten war es nicht.
Konnte es sein, dass es an der, zuvor zum ersten Mal erwähnten, Amnesie lag? Darauf konnte er immerhin ja noch hoffen, beschloss er, als er schließlich das Gebäude verließ.
An seinem Auto lehnte Tom und starrte in den Himmel, wo zwischen kleinen Wolken immer mal wieder ein Stück Sternenhimmel durchschimmerte. Im Schein der Straßenlaternen sah er verdammt jung und verträumt aus. Leif kam näher und Tom drehte sich zu ihm, nahm die kleinen Kopfhörer aus den Ohren und lächelte entschuldigend. "Ich wollte wirklich nicht stören."
Leif winke ab. "Schon gut, daran hätten wir auch früher denken können. Dann hättest du hier nicht auf dem kalten Parkplatz stehen müssen."
"War nicht so schlimm, ich hatte ja Musik dabei." Demonstrativ nahm Tom den mp3-Player ab und steckte ihn in die Manteltasche.
"Woher hattest du eigentlich meine Num-", begann Leif, doch dann grinste er und folgerte. "Sylvie!"
"Natürlich, woher denn sonst?" Auch Tom grinste und setzte sich schnell in den Wagen, als Leif den automatischen Türöffner betätigte. Er rieb sich schnell die Hände, um sie etwas anzuwärmen. "Du hast aber recht, es ist wirklich kalt heute Nacht."
"Soll ich dich lieber gleich nach Hause fahren?" Leif stellte sich eine Radfahrt bei der Kälte nicht gerade erfreulich vor.
"Nettes Angebot, aber wie komme ich dann morgen ins Büro?", fragte Tom mit einem sarkastischen Lächeln.
"Stimmt auch wieder." Leif startete den Wagen und stellte die Heizung an. Zuerst fuhren sie schweigend durch die Dunkelheit, Leif auf das Fahren konzentriert, Tom aus dem Fenster träumend.
Unerwartet fragte Tom: "Wie lange ist Frank schon bei dir Partner?"
Leif blinzelte – er war kein begeisterter Autofahrer, vor allem nicht, wenn glänzende Straßen ihn blendeten und die Scheiben leicht beschlagen waren – und kräuselte die Nase. "Seit zwei Jahren ungefähr."
"Und wie lange bist du selbständig?"
"Bald vier Jahre..." Leif war selbst darüber erstaunt. Es kam ihm kürzer vor. Die Zeit war einfach dahingeflogen und er war älter geworden, ohne dass er es richtig registriert hatte.
"Warum arbeitest du nicht für ein großes Unternehmen?"
Leif schnaubte. "Das habe ich! Ich glaube, die meisten Architekten müssen so anfangen. Aber bei einem Wettbewerb gewann ich Geld und... Nun ja. was könnte es Schöneres geben, als ein eigenes, kleines Architekturbüro?" Tom lachte leise zustimmend.
"Möchtest du auch ein eigenes Geschäft irgendwann?", fragte Leif.
Tom hob die Schultern und legte den Kopf ein wenig zur Seite. "Vielleicht. Da ist immer noch Helges Vater, der eine Werkstatt, in der Möbel restauriert werden. Da Helge auf keinen Fall was mit Holz zu tun haben will, könnte ich es haben."
"Helges Vater?"
"Wie gesagt, unsere Eltern waren ein paar Jahre zusammen. Leider haben sie sich getrennt und Iris, meine Mutter hat dann noch einmal geheiratet." Er lachte etwas bitter. "Kannst du dir vorstellen, dass ich eine Schwester habe, die gerade zehn Jahre alt ist?"
"Klingt zumindest turbulenter als meine Familie", beschwichtigte Leif. "Meine Eltern sind seit fast vierzig Jahren verheiratet – keine bekannten Seitensprünge, keine Ausbrüche aus dem bürgerlichen Leben."
Tom sah ihn fragend an, suchte wohl nach Worten. "War es schlimm?"
"Übersichtlich. Frei von Überraschungen. Das hat sowohl gute Seiten, als auch schlechte." Er hob die Schultern. Er konzentrierte sich auf das Abbiegen, spürte aber von der Seite den fragenden Blick Toms. Vielleicht war dieser sich einfach nicht sicher, ob sie sich schon gut genug kannten, um gewisse Fragen stellen zu dürfen.
Nach dem nicht gerade lockeren Abend an Franks Krankenbett, hatte Leif auch kein Bedürfnis nach tiefschürfenden Selbsterkenntnissen. Und über seine Familie wollte er noch weniger reden als über sein Begehren nach Frank.
Tom behielt seine Fragen und Gedanken für sich, wofür Leif dankbar war, und sie schwiegen, bis sie vor Leifs Büro ankamen. Dort parkte Leif , bevor er ausstieg und den Kofferraum öffnet,e um dort die Tasche herauszuholen. Auch Tom stieg aus, nahm seine Sachen in Empfang und schenkte Leif ein rätselhaftes, weiches Lächeln. "Wir sehen uns morgen", sagte er, warm in der kalten Dunkelheit.
"Ja, bis morgen." Leif hatte nicht mit einem engen Hals gerechnet, aber plötzlich war er da. Seine Gedanken sprangen zu dem Kuss mit Frank und zu dem flirtenden Mann von der Baustelle. Schließlich realisierte er, dass er dabei Toms Lippen angestarrt hatte. Über sich selbst verärgert, senkte er den Blick. "Komm gut nach Hause...", murmelte er.
Tom nickte nur, wie er aus dem Augenwinkel feststellte, bevor er sein Rad aufschloß und mit einem knappen Winken davonfuhr. Leif sah dem roten Rücklicht hinterher und seufzte. Der Tag war lang und anstrengend gewesen, dazu noch emotional sehr verwirrend.
Er brauchte Schlaf und eine kurze Gedankenauszeit. Morgen musste er sich erneut dem Leben wischen Arbeit, Frank und dem üblichen Chaos stellen – ebenso wie dem Mysterium, als das sich Tom gerade präsentierte.
Er klebte sich vor den Fernseher und schaute einen alten Film mit Rock Hudson und Doris Day, bevor er ins Bett kroch.
"Ich werde zu alt für so etwas", sagt er sich selbst laut, was aber nicht half, die Verwirrung zu lüften. Also blieb der Schlaf und die Hoffnung, das sich alles wieder einrenkte, wenn Frank erst einmal wieder gesund wäre.
Die Hoffnung starb ein wenig, als mitten in der Nacht das Telefon klingelte. Es klingelte so lange, dass Leif es nicht mehr ignorieren und Schlaf vortäuschen konnte. Unsicher tappte er ins Wohnzimmer, auf der Suche nach dem Ruhestörer. Er fand es auf dem Sofa, neben der Fernbedienung,
"Ja?", fragte er heiser und unwirsch.
"Leif? Ich bin es, Sylvie." Sie klang panisch und das weckte ihn besser als das Klingeln an sich.
"Sylvie, was ist denn los?" Müde und besorgt rieb Leif sich die Augen.
"Miri ist gerade im Badezimmer ausgerutscht und gestürzt!"
"Oh nein!"
"Leider ja. Ich wollte mit ihr in die Ambulanz, aber möchte Lydia nicht hier alleine lassen. Könnte sie heute Nacht bei dir bleiben?"
Leif konnte im Hintergrund hören, wie Miri leise weinte und Lydia ihr tröstende Worte schenkte. "Na klar! Ich komme gleich und hole sie ab." Schon bei den Worten lief er ins Schlafzimmer und zog eine Jeans aus dem Kleiderschrank.
Erleichtert seufzte Sylvie auf. "Danke. Ich fahre schon mal los."
"Ruf mich an, sobald du etwas weißt", ermahnte er noch schnell, bevor Sylvie auflegte.
Innerhalb kürzester Zeit hatte er sich halbwegs angezogen und war schnell zu Sylvies Wohnung gedüst. Zum Glück wohnte sie nicht allzu weit entfernt.
Als er aus dem Auto stieg, sah er am Fenster schon Lydia, die nach ihm Ausschau hielt. Sobald sie ihn erblickte, winkte sie, hob demonstrativ eine Tasche und verschwand vom Fenster. Sie löschte nur kurz das Licht und war schneller bei ihm, als er zur Tür gehen konnte.
"Leif!", rief sie und umarmte ihn einarmig. Er drückte sie kurz an sich, daraufhin lenkte er sie in Richtung Auto. Die Nachtluft war kalt, er war müde und wollte Lydia lieber im Warmen wissen. Die kurze Fahrt verbrachten sie schweigend.
Zurück in der Wohnung sahen sie einander an. Leif erkannte Lydias Wunsch nach einer Versicherung, dass alles in Ordnung kommen würde. Er brachte ein wässriges Lächeln hervor. "Komm, mach dich bettfertig", forderte er sanft.
"Ich kann jetzt nicht schlafen", murmelte sie trotzig.
"Ich weiß. Aber wir können uns wenigstens auf der Couch einkuscheln und auf Neuigkeiten warten."
Lydia nickte kantig und zog sich aus, während Leif Decken und Kissen aus dem Schlafzimmer holte. Lydia mummelte sich schon einmal ein.
"Was ist eigentlich passiert?", fragte Leif schließlich, während er die Jeans wieder mit seiner Sschlafanzughose tauschte.
"Ich hab's nicht mitgekriegt. Erst als Miri plötzlich wie am Spieß geschrien hat, bin ich aufgewacht. Da war ganz viel Blut im Badezimmer und..." Weiter kam sie nicht, weil die Erinnerung an die Ereignisse sie einholte.
Leif setzte sich neben sie und zog sie an sich. "Miri hat doch einen solchen Holzkopf, da ist sicher nichts Schlimmes passiert."
"Hast Recht", murmelte Lydia zögerlich und barg ihr Gesicht an seiner Schulter. So verblieben sie gemeinsam auf der Couch, ohne das Bedürfnis zu reden. Beruhigend streichelte Leif Lydias Schulter, sie drückte sich an ihn. Sie schreckten auf, als das Telefon endlich klingelte.
Leif nahm ihren ängstlichen Blick auf und hielt Augenkontakt, während er abnahm. "Brendel."
"Es ist alles in Ordnung", war das erste, was Sylvie ihm sagte. "Nur eine Platzwunde! Miri ist geklammert worden und bleibt über Nacht noch hier. Wie geht es Lydia?"
"Sie wartet auf die Neuigkeiten." Leif gab Lydia einen Daumen nach oben und konnte gleich sehen, wie sie sofort entspannte.
"Kannst du sie morgen in die Schule bringen?", fragte Sylvie.
Leif grinste. "Klar."
"Danke dir. Gib mir mal kurz Lydia."
Leif übergab das Telefon an Lydia, die mit leise mit ihrer Mutter redete, während Leif das Bett zurecht machte. Manchmal übernachteten beide Mädchen bei ihm, wenn Sylvie einen Weiberabend mit ihren Freundinnen machte. Zuerst hatten die beiden auf dem Sofa geschlafen, aber da Miri eh immer nachts bei ihm ins Bett getappst kam, hatten sie sich aufs Bettteilen geeinigt.
Gerade legte er die zweite Decke auf die linke Seite, als Lydia ins Schlafzimmer kam. Ihre Erleichterung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Leif drehte sich zu ihr und lächelte. "Wollen wir dann schlafen?"
Wortlos nickte Lydia und kroch unter die Decke, wo sie sich zufrieden einkuschelte. Leif löschte noch überall das Licht, bevor er es ihr nachtat.
"Hast du den Wecker gestellt?", fragte sie leise nach einigen Minuten Stille.
Leif warf einen Blick auf das gelbe Monsterküken. "Wecker ist an."
"Dann ist ja gut...", murmelte sie müde.
"Schlaf gut", wünschte Leif noch, überdachte verwundert, wie verrückt der ganze Tag gewesen war, bevor er in den Schlaf rutschte.
"Halt die Klappe", brummte er, als der Wecker ihn nach zu wenigen Stunden aus dem Schlaf riss. Er tastete nach dem Ausstellknopf und drückte ihn, bevor er einen Blick auf den Bauch des Kükens wagte, der das Zifferblatt umschloss. Egal, wie häufig er blinzelte, um seine Sicht zu klären, die Uhrzeit blieb bei Acht Uhr.
"Scheiße!", rief er und wandte sich um. Lydia hatte bereits ein Auge offen. "Was ist denn?"
"Ich habe vergessen, die Weckzeit umzustellen, wir sind zu spät!", erklärte Leif heiser, mit einem Bein schon aus dem Bett.
"Was?!" Auch Lydia fuhr hoch, blinzelte auf die Zeit und zog die Augenbrauen zornig zusammen. "Ich habe gerade Mathe!" Lydia liebte Mathematik. Es war ihr bestes Fach und ihre liebste Lehrerin unterrichtete es.
"Wir beeilen uns, dann schaffen wir es noch zur zweiten Stunde", intervenierte Leif weitere Vorwürfe. Lydia schenkte ihm einen tödlichen Blick. Leif beschloss, diesen zu ignorieren und sich schnell im Bad ein oder zwei Hände Wasser ins Gesicht zu werfen, bevor er in ein Auto stieg.
Mit Zahnbürste im Mund stieg er einfach wieder in die Jeans, die er schon in der Nacht schnell übergezogen hatte, während Lydia eine Schüssel mit Smacks inhalierte.
Um halb Neun waren sie soweit, dass beide angezogen waren, Zähne geputzt und die Küche nach Frühstück für Lydia zum Mitnehmen [eine kleine Banane und zwei Schokoladencroissants] durchforsteten hatten. Leif hatte seine Autoschlüssel gefunden, wieder verlegt und erneut entdeckt, unter dem ungeduldigen Blick von Lydia, die mit verschränkten Armen an der Wohnungstür auf ihren Chauffeur wartete.
Als sie endlich die Haustür öffneten, stand ihnen ein erstaunter Tom gegenüber, der gerade die Hand zum Klingeln erhoben hatte.
"Tom?", entkam Leif, ebenfalls perplex.
"Äh, guten Morgen?" Tom sah von Leif zu Lydia und wieder zurück. "Was ist los?"
"Wir haben verschlafen...", begann Leif, wurde aber von einem ungnädigen Räuspern unterbrochen. "Okay, ich habe verschlafen", gab er zu. "Und wir sind viel zu spät dran. Komm erst einmal rein."
Er und Lydia traten zurück, so dass Tom in den Flur treten konnte. Leif bastelte schon an seinem Schlüssel rum, trennte den Büroschlüssel ab und reichte ihn Tom. Ihre Finger streiften einander und etwas hilflos blickte Leif auf. Auf Toms Gesicht hatte sich ein amüsierter, aber auch besorgter Ausdruck gelegt.
"Geh schon mal rein. Lass das Telefon bimmeln soviel es will", erklärte Leif hastig, dem plötzlich der Mund beim diesem Anblick trocken wurde. "Sylvie wird sicher auch gleich da sein."
"Was ist denn los?", fragte Tom erneut, den Schlüssel fest in der Hand, im engen Flur fast an Leifs Körper gepresst.
"Leif, wir müssen los!", drängte Lydia.
Dankbar nutzte Leif diese Ablenkung um sie anzusehen. "Du hast recht", stimmte er zu, wandte sich wieder an Tom – und dessen verdammte blaue Augen – und hob die Schultern. "Erkläre ich alles später." Ohne dass er es wollte, ohne überhaupt eine Intention dazu verspürt zu haben, lehnte sich Leif vor und küsste Tom zart auf den Mundwinkel. Als würden sie sich jeden Tag so verabschieden, so natürlich wirkte diese Geste der Zuneigung. Doch als Leif sich zurückzog, blinzelten sie sich verwirrt an.
"Leif, nun komm schon!" Lydia klang wütend und holte Leif zurück auf den Boden der Tatsachen.
"Bi-bis später", stotterte er heiser und wandte sich schnell ab.
Während er neben Lydia zu seinem Auto lief, berührte er ungläubig seine Lippen. Verdammt, was hatte er da wieder angerichtet?
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