Gutes Ende - Kapitel 1
"Wie lange wird Frank noch im Krankenhaus bleiben müssen?", fragte Barkeeper Helge seinen Stammkunden Leif Brendler ein wenig schadenfroh. Leif hatte seinen Kopf auf die linke Hand gestützt und spielte mit dem rechten Zeigefinger mit ein paar Tropen Wasser, die auf der Bar glitzerten. Nun verzog sich der weiche, einladende Mund unwillig.
"Die Therapie im Krankenhaus ist bald abgeschlossen, aber die anschließende Reha wird eventuell einige Monate dauern. Und ich habe noch immer keinen Ersatz gefunden." Leif seufzte und sah den Barkeeper leidend an. Sein Innenarchitekt Frank Kusch hatte sein Auto bei Hagelschauern und schlechter Sicht gegen einen unschuldig herumstehenden Baum gefahren und konnte daher nicht ins Büro kommen. Leider war Sylvie, seine Assistentin, zwar ein Ass in organisatorischen Dingen, aber eine architektonische Amateurin. "Alleine kann ich die momentanen Aufträge nicht bearbeiten. Anscheinend gibt es keine Innenarchitekten, die nur für ein paar unsichere Monate einspringen wollen." Mit einem grimmigen Lächeln nahm Leif einen Schluck von seinem Martini, den er eigentlich nicht so gern trank. Aber Frank mochte Martinis. Wie oft hatten sie sich nach der Arbeit hier im 'Cuba Libre' noch einen Drink und ein paar kleine Snacks gegönnt. Oft auch zusammen mit Sylvie, die im Gegensatz zu ihrem Boss, extrem trinkfest war. Leif vermisste diese Abende.
Er war so vertieft in diese nostalgische Selbstquälerei, dass er nicht bemerkte, wie sich jemand neben ihn setzte. "Wie viele Martinis hatte er schon?", erkundigte sich Sylvie mit einem Seufzer bei Helge.
"Bloß zwei", beteuerte der Barkeeper. "Was darf es sein?"
"Nur so ein Bio-Limonaden-Zeug. Seitdem Frank den Unfall hatte, ist mit meinem Boss nichts mehr anzufangen. Da brauche ich einen klaren Kopf." Natürlich war das so übertrieben, dass man es fast als gelogen bezeichnen konnte, doch ein Körnchen Wahrheit blitzte hervor. Ein zu großes Korn, als dass Leif hätte protestieren können. Helge verschwand, um Sylvies Wunsch zu erfüllen.
Wie es Sylvies Art war, kam sie ohne Ausschweife zum Kern der Sache. "He Chef, warum suchst du dir nicht einen kleinen Tröster für heute Nacht?"
Leif sah sie nicht einmal an, sondern hob die Schultern.
"Keiner aus deinem Beuteschema da? Keiner mit kurzen, dunklen Haaren, 'nem ordentlichen Kreuz zum Festkrallen, schmaler Hüfte und braunen Augen?" Leif konnte das Grinsen in ihrer Stimme hören.
"Ach, halt die Klappe," murmelte Leif – genervt und ertappt zugleich. Warum wusste sie nur so genau, dass er gern mal einen der hiesigen Frank-ähnlichen für ein kleines Schäferstündchen einwickelte? Vor allem – wenn sie es bemerkt hatte, wie stand es dann mit dem Objekt seiner Begierde? Wusste Frank auch von seinen Gefühlen? Wenn ja, war das verdammt unangenehm. Immerhin war Frank verheiratet und hetero. Allerdings deprimierte ihn an diesem Abend nicht ausschließlich seine unerwiderte Zuneigung. "Im Büro brauche ich dringender einen Stellvertreter für Frank als im Bett." Verdammt – hatte er das gerade laut gesagt?
Verständnisvoll legte Sylvie ihm eine Hand auf die Schulter. "Wir schaffen das schon, Leif."
Das erste Mal an diesem Abend strömte Leben durch Leif. Wütend richtete er sich auf. "Unsere bisherigen Aufträge – ja, die schaffe ich. Aber wir uns können nicht die neuen Kunden durch die Lappen gehen lassen, nur weil Frank Kusch unbedingt einen Crash-Test am eigenen Leib durchführen muss. Da liegen drei viel versprechende Anfragen auf meinem Tisch und ich komme nicht einmal dazu, die Leute anzurufen." Frustriert kippte er sich den Rest seines Drinks in den Hals und orderte gleich den nächsten bei Helge, der ein rotes Getränk vor Sylvie platziert hatte. Auch den nächsten Drink stürzte Leif ohne Nachzudenken hinunter.
"Nun mal langsam! Der Abend ist noch lang..." Sylvie klang besorgt, aber ihren Tadel ließ er von sich abprallen. Klar, der Abend war noch lange nicht vorbei, so sehr er sich auch anstrengte. Immerhin tat der Alkohol das, was Leif erhofft hatte. Seine Probleme und Sorgen wurden undeutlicher und weniger aufdringlich. Franks Unfall ebenso wie die zerplatzenden Aufträge und sein Verlangen nach einem knackigen Hetero, dessen Chef er war.
Man, war er blöd gewesen, Frank überhaupt einzustellen. Gut, zuerst hatte er die potentielle Attraktivität seines Angestellten nicht so richtig wahrgenommen. Klar, der Mann sah fantastisch aus, aber da gab es immer noch willige Nicht-Heten, die einfacher zu haben waren. Doch ohne Warnung wurde seine Vorliebe für Typen, die irgendwie eine Ähnlichkeit mit Frank aufwiesen, stärker. Männer, die genau so waren, wie Sylvie sie in seinem 'Beuteschema' beschreiben hatte. So musste er, sehr zu seinem persönlichen Verdruss feststellen, dass er sich in seinen Angestellten verknallt hatte. Nach dieser Erkenntnis wurde das Unglück auch für ihn deutlicher. Leif atmete gern Franks Geruch ein, berührte ihn ohne ersichtlichen Grund und masturbierte danach heimlich auf dem Klo... Kurz gesagt: Er benahm sich wie ein liebeskranker Idiot.
Als er seinen siebten Martini bestellte, intervenierte Sylvie. "Genug für heute, Leif." Sie zog ihn am Kragen seines teuren Jacketts vom Hocker. "Wir gehen!"
Undeutlich spürte er, wie sie sein Portmonee in der Innentasche fand und Helge Geld gab. "Stimmt so," beschloss sie, während Leif lahm überlegte, ob er je ein so großzügiges Trinkgeld gegeben hatte wie eben.
Wahrscheinlich nicht.
Daher machte sich Helge wohl auch nichts daraus, dass sie beide ohne förmliche Verabschiedung durch die Tür ins Freie verschwanden. Die kühle, feuchte Nachtluft versetzte Leif einen kleinen Schock und brachte ihn soweit wieder zu sich, dass er sich bewusst wurde, wo er war und mit wem.
"Sylvie, ich will nach Hause...", murmelte er und fasste sich an die Stirn. Anscheinend klopfte der Kater des kommenden Morgens schon einmal an seine innere Schädelwand.
Sie seufzte und schüttelte den Kopf. "Ich nehm' dich mit zu mir. Unglücklich verliebt bist du wirklich nicht zurechnungsfähig."
Leif brummelte Etwas, das weder Ablehnung noch Zustimmung war, weil er wusste, dass Sylvie am Ende eh ihren Kopf durchsetzen würde. Zudem war es eine angenehme Aussicht, morgens nicht allein aufwachen zu müssen.
Entschlossen ergriff Sylvie seine Hand und zog ihn zu ihrem Auto. Kaum war er auf dem Beifahrersitz gelandet, nickte Leif schon ein. Es war oberflächlicher Alkoholschlaf, der ihm seltsame Bilder vorgaukelte.
Frank in seinem Krankenhausbett, der ihm verführerisch zuzwinkerte. Leif selbst hatte eine Rose in der einen Hand und eine Tüte mit chinesischem Essen in der anderen – Frank hasste den würzlosen, breiigen Krankenhausfraß. Franks Gesicht leuchtete auf, als er den Namen ihres Lieblingschinesen erkannte und Leif wünschte sich, dass dieses Grinsen nicht nur dem Chili-Schweinefleisch gelten würde. Als Frank dann aber freudig anfing, sich die Kleider vom Leib zu pellen, war das was anderes.
"Hm, mit scharfem Sex dazu...", murmelte er wohlig.
"Komm, wach auf!", befahl Sylvie und rüttelte an seiner Schulter. "Wir sind da."
Verwirrt blickte er sie an. Mit einem zynischen Grinsen zog sie ihn aus dem Wagen, durch die Haustür die Treppen hinauf und in ihre Wohnung. Dort drückte sie ihn wenig zart fühlend gegen die Wand, damit er nicht in sich zusammensackte und auf dem engen Flur wieder einschlief. "Also, du putzt dir die Zähne. Deine Zahnbürste ist die mit dem rosa Stiel."
"Warum ausgerechnet rosa?", protestierte Leif etwas lahm. Auch wenn er Männer im Bett eindeutig bevorzugte – rosa und er passten dennoch nicht zusammen.
"Weil die kein anderer haben wollte." Sylvie schnaubte belustigt. Was danach geschah konnte Leif nicht später nicht mehr rekonstruieren, aber er hatte Erinnerungsfragmente an die Zahnbürste, ein altes Shirt und eine warme Decke, bevor er sich endgültig dem Schlaf ergab.
Geweckt wurde er von lauten Stimmen und einem plötzlichen Gewicht auf seinen Oberschenkeln. War es Miri oder Lydia, die auf ihm herumtobte? Unwillig löste er sich aus seinem Kissen, um das störende Wesen in Augenschein zu nehmen.
"Leif, aufstehen!", befahl jemand gleich neben seinem Ohr, noch bevor er eins seiner Augen aufmachen konnte. Dann waren es wohl alle beide Mädchen, angetreten, um ihm das verkaterte Leben zu vermiesen.
"Ja, ja...", murmelte er und quälte seine Augen dazu, endlich aufzugehen. Miri saß breit grinsend auf seinen Beinen, während ihre ältere Schwester neben ihm hockte. Benebelt richtete er sich auf der Schlafcouch in Sylvies Wohnzimmer auf, begleitet von den erwartungsvollen Blicken der beiden Mädchen.
Da sie nun ihr Ziel erreicht und Leif geweckt hatte, hüpfte Miri erfreut von ihm runter.
"Sylvie sagt, du sollst duschen und dann in die Küche kommen", erklärte Lydia knapp, ohne Rücksicht auf sein schmerzerfülltes Stöhnen. Sie schenkte Leif einen abschätzigen Blick. "Außerdem stinkst du!"
Leif zog die Augenbrauen hoch. "Dein morgendlicher Charme ist nicht zu überbieten", flüsterte er.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und ähnelte Sylvie, die mit strenger Miene auf seine Unterschrift wartete, während er fruchtlos am Computer herumfummelte. Lydias Miene blieb würdevoll. Sie war immerhin zwölf Jahre, mit dem scharfen Blick ihrer Mutter gesegnet und dem Empfinden, dass Liebe auch in Strenge ausgedrückt werden konnte. Wenn sich Leif an ihre Anweisungen hielt, ging es ihm hinterher besser, so einfach war das. Daher wurde ihr Gesichtsausdruck auch erst weicher, als sich Leif auf die Beine quälte und ins Bad bewegte.
Wie so oft, hatten Sylvie und Lydia recht, denn nach der Dusche ging es Leif wirklich besser. Und der Rotbuschtee – Kaffee durfte er zuerst noch nicht, weil der seinen Kater nur verstärken würde – Toast und Orangenmarmelade belebten ihn zusätzlich, vor allem als Sylvie das Ganze mit einer Kopfschmerztablette krönte.
Während er langsam das Augenmerk vom Kopfschmerz auf seine Umgebung lenkte, entspannte er sich deutlich. Sylvie hatte einmal wieder erkannt, was ihm gut tun würde. In ihrer kleinen Familie fühlte er sich wohl, zwischen der stürmischen Miri und der altklugen Lydia, die ihn beide als Freund und Teil ihres Haushalts akzeptiert hatten. Sie hatten keinerlei Scheu vor ihm, tobten und schmusten mit ihm, als ob er ein Verwandter war. Das gefiel Leif sehr, der bei seinen Sex-Partnern zwar Körperkontakt erfuhr, aber immer nur in Hinblick auf die gegenseitige Befriedigung. Viel Lachen, Tollen und albernes Kreischen war nicht dabei. Das alles tankte er in Sylvies Haushalt.
Zugegeben, seine Beziehung zu Sylvie hatte lange schon die Grenze der reinen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung überschritten, aber er empfand das nicht als Einbuße seiner Integrität. Sie waren eben auch noch gute Freunde, das hatte bisher nicht bei der Arbeit gestört. Sicherlich lag das auch daran, dass er keinerlei Interesse an allem hatte, was Buchhaltung und Terminplanung anging. Da Sylvie schon eher realitätsverankert als träumerisch war, ergänzten sie sich in Sachen Aufgabenverteilung sehr angenehm.
Er lehnte er sich zurück und beobachtete, wie Lydia und Miri von ihrer Mutter in die Schule geschickt wurden. Sie winkten ihm zum Abschied fröhlich zu, bevor sie die Wohnung verließen. Die Stille danach war wie ein kleiner Schock. Weniger Lärm hieß auch weniger Ablenkung.
Nun kehrten Leifs Gedanken zu den Terminen und Aufträgen zurück, welche für den Tag anstanden. Ein junges Paar wollte eine Beratung, da sie ein Energiesparhaus bei ihm in Auftrag geben wollten, das würde sicher mehr als zwei Stunden dauern. Dann hatte er noch eine Verabredung außer Haus, bei der es sich um eine Inneneinrichtung handelte. Eigentlich Franks Klienten, aber nun musste er ihnen wohl erklären, weshalb er diesen Auftrag nicht annehmen konnte. Diese Aussicht missfiel Leif sehr. Im Laufe seiner vierjährigen Selbständigkeit hatte er sich mühsam einen Ruf als Rundum-Sorglos-Architekt erworben, der sich mit Energie- und Umwelttechnik auskannte. Schließlich hatte er dann auch noch das passende Interieur anbieten wollte, hatte er Frank in sein Unternehmen geholt. Zusammen hatten sie mehrere Häuser gestaltet, die nicht nur schön anzusehen waren, sondern auch wohnlich und sparsam. Es war also kein Wunder, dass er Frank vermisste. Sylvies schwerer Seufzer holte ihn aus seinen Gedankengängen.
"Ist wohl auch unser Signal, um in den Tag zu starten," witzelte Leif schwach.
"Richtig. Du hast zwei Außentermine. Einen Termin um Eins mit den Heuckes, die auf das Modell für ihr Haus warten. Dann einen um Drei mit Jacobs Und dann noch einen um Vier mit Herrn Borchardt." Sylvie war schon wieder voll in ihrem Element, während Leif noch nicht diese Energie verspürte. Das neue Design harrte noch der Fertigstellung und der Vier-Uhr-Termin war eher unangenehm. Es ging um das Fundament in einer moorigen Gegend, dessen Kosten plötzlich zu explodieren drohten. Keine motivierenden Aussichten. Doch Leif strich sich die Haare aus der Stirn und fasste den Entschluss, einen weiteren Tag lang alles zu tun, um Frank und Sylvie nicht zu enttäuschen. So würde der Tag auch schneller vergehen.
So fuhren sie zusammen ins Architekturbüro. Über den Geschäftsräumen wohnte Leif. Allerdings hatte Sylvie schon früh bemerkt, dass diese Kombination ihm nicht unbedingt gut tat. Er hatte dazu geneigt, gedankenverloren bis tief in die Nacht zu arbeiten und dann morgens zu verschlafen. Mit dieser (in Sylvies Augen) Unart war schnell Schluss gewesen, nachdem sie bei ihm angefangen hatte. Sie hatte ihn per Telefon ins Bett geschickt wie ein kleines Kind und früh gnadenlos geweckt. Das war auch der Beginn seiner Übernachtungen bei Sylvie gewesen, sozusagen als Teil der Therapie. Mit mehr oder weniger Erfolg, denn sobald Sylvie im Urlaub war, wurden sein Nächte wieder länger und seine Aufstehzeit wanderte wieder gen Mittag.
Die Entscheidung, trotz leichtem Kater arbeiten zu gehen, war richtig. Sobald er in seinen hellen Arbeitsraum kam, dort die kleinen Modelle und seine Zeichnungen sah, vergaß er, dass er am Morgen noch unmotiviert war. Er tauchte in das Design des zweiten Stockwerkes für seine Klienten, werkelte an der gelungenen Beleuchtung und der idealen Ausrichtung. Er war so vertieft, dass er nebenbei einen Kaffee entgegen nahm und trank, bevor er nach Sylvie rief, um sie um eine Tasse Kaffee zu bitten. Sie schüttelte nur mit einem altklugen Lächeln den Kopf und erfüllte seinen Wunsch. Allerdings bestand sie auch darauf, dass er etwas aß. "Danach solltest du deine Präsentation für die Heuckes aufbauen, denn es ist schon nach zwölf", ermahnte sie ihn sanft.
"Verstanden, Boss", bestätigte er und freute sich, dass sie ihm eine Portion Joghurt mit frischen Früchten sowie ein Brötchen mitgebracht hatte. Sylvie war wirklich unersetzlich. Statt eines Dankes rief er ihr: "Ich liebe dich!" zu. Sie winkte mit einem Grinsen ab.
Während er Kaffee und sein Essen genoss, sah er das Modell nachdenklich an. Mit Frank zusammen hatte er dieses Projekt an Land gezogen und die Heuckes waren ebenso lange verheiratet wie Frank mit seiner Neele. Das hatte wohl für Sympathien gesorgt, denn mit Leif waren die beiden nie so warm geworden wie mit Frank. Nun ja, das musste sich nun ändern. Immerhin hatten sie während seiner letzten Anrufe, in denen Leif erklärte hatte, weswegen er nun alles alleine planen würde, eher freundlich geklungen.
Wie Sylvie es ihm geraten hatte, baute er nach dem Essen die Präsentation auf. Falls ihm jetzt dieser Auftrag verloren ging, hatte er immerhin alles getan, was in seiner Macht stand. Das Telefon war verdächtig ruhig an diesem Morgen, aber vielleicht hatte er auch einfach den Großteil der Anrufe nicht mitbekommen in seinem Eifer.
Als es an der Bürotür klingelte, öffnete Sylvie die Tür und empfing das Ehepaar Heucke, bevor sie die beiden zu Leif führte.
Ende dreißig, attraktiv und gut gekleidet, so wie er sie in Erinnerung hatte, kamen sie herein und schüttelten ihm die Hand. Und ihnen war die Enttäuschung, dass Frank noch nicht gesund war, deutlich anzusehen, wie Leif befürchtet hatte. Mit einem innerlichen Seufzer begann er die Präsentation.
Er zeigte ihnen das kleine Modell des Hauses mit den Farben und Einrichtungsvorschlägen, die er mit Frank noch im Krankenhaus abgesprochen hatte.
Besonderen Wert hatte Leif selbst auf die Energiebilanz und ideale Ausnutzung der Sonnenstunden gelegt. Zudem hatte er neben Solarzellen und Wasseraufbereitung, auch eine Pelletheizung im Keller als Vorschlag installiert. Schweigsam sahen sich die beiden das Gerät in dem Modellkeller an.
"Nun, ist sicher ganz gut, wenn man die steigenden Energiekosten und so bedenkt", stimmte schließlich der Mann lahm zu. "Herr Kusch hatte aber doch vorgeschlagen, meinen Hobbykeller. Sowie meinen persönlichen Arbeitsbereich in den Keller zu bauen." Davon hatte Leif aber noch gar nichts gehört. Etwas hilflos sah er sein Modell an. Warum hatte Frank ihm von diesen Gesprächen nichts gesagt?
"Und die Küchenzeile war doch in einem helleren taubenblau gedacht, nicht in so einem dunklen Ton, oder?", fragte die Frau zögerlich, so als ob Leif ein bedrohliches, unberechenbares Wesen sei.
Davon wusste Leif erst recht nichts. Langsam wurde er wütend auf seinen Innenarchitekten, auch wenn er gern immer noch dessen Schwanz zum Mittag verspeist hätte.
"Nun ja, die Farben können wir sicherlich noch zu Ihrer Zufriedenheit verändern", hörte Leif sich sagen, aber ärgerte sich darüber. Frank hatte diese Farben abgesprochen und für Leif die Farbpalette ausgesucht. Er selbst hatte keine Ahnung, inwiefern sich Frau Heuckes taubenblau von dem graublau im Modell unterschied. Er wollte Häuser bauen, keine flugrattenfarbenen Küchen entwerfen.
Die Frau drehte Das Modell noch ein wenig unentschlossen herum, blickte unglücklich auf die Küche, während ihr Mann anscheinend kein Interesse an den Vorteilen des Energiesparens hatte, sondern nur wieder gehen wollte.
Zu Leifs Glück kam Sylvie und brachte Tee, Kaffee und ein paar Kekse. "Danke dir, Sylvie", murmelte
er, bevor er schnell Getränke ausschenkte. Das überbrückte wenigstens ein paar Minuten. Das Ehepaar nahm nur widerwillig die Getränke an, nippten kurz, wobei die dem Modell eher ablehnende, flüchtige Blicke zuwarfen.
"Ich werde das Modell noch einmal überarbeiten, nachdem ich mit Herrn Kusch gesprochen habe", intervenierte Leif schnell, bevor die Stimmung noch mehr abkühlte. "Durch den Unfall hatte er sicher nur vergessen, ein paar Details an mich weiter zu geben."
Die Erwähnung des Unfalls zeigte Wirkung. Sofort waren die beiden gnädiger. Sie betonten, wie sehr sie die momentanen Aussetzer von Frank verstünden und dass sie einfach noch einmal vorbeikommen würden, wenn Leif das Modell fertig hatte. Danach verabschiedeten sie sich, baten Leif, Frank ihre Genesungswünsche zu übermitteln.
Leif war froh, sie gehen zu sehen. Sylvie stand mit einem bezaubernden Lächeln neben ihm und verabschiedete die Kunden, das aber sofort verschwand, als die Tür hinter den Heuckes ins Schloss gefallen war.
"Was war das?", fragte sie entsetzt.
"Keine Ahnung. Hat dir Frank irgendetwas über die Wünsche der Heuckes mitgeteilt?"
"Ebenso wenig wie dir", brummte Sylvie.
"Liegt sicherlich an seinem Unfall." Leif wusste nicht, ob er das zu seiner eigenen Beruhigung sagte, oder ob er daran glaubte.
"Hoffen wir es", murmelte Sylvie so leise, dass er es fast nicht hörte.
Ja, hoffen konnten sie es. Frank war doch kein schlechter Kerl, im Allgemeinen zuverlässig und korrekt. Allerdings hatte er schon einige Male den Kunden Zugeständnisse gemacht, ohne vorher mit Leif Rücksprache gehalten zu haben. Er vermied unangenehme Konfrontationen, ob nun mit den Kunden, mit Leif oder mit seiner eigenen Frau. Der Weg des geringsten Widerstandes war Franks Route.
Leif hatte mitbekommen, dass es im Hause Kusch einige Debatten gab, deren Inhalt er nicht erfuhr, die anscheinend weder zu Franks noch zu Neeles Zufriedenheit verliefen. Nun ja, solange Franks Arbeit nicht darunter litt, ging es ihn nichts an. Zudem war er, was Liebesbeziehungen anging, ein unbeschriebenes Blatt. Seine Nächte waren befriedigend genug und seine Tage waren so geschäftig, dass er nichts vermisste. Und er hatte ja Sylvie und ihre Töchter.
"Ich werde ihn nachher mal besuchen und danach fragen", sagte er entschlossen, doch Sylvie schnaubte nur leise.
Bevor er zu seinem Außentermin aufbrach, revidierte er das Modell, welches den Heuckes so missfallen hatte. Er tat es mit schwerem Herzen, denn er mochte das Haus so wie es war. Küchenfarben waren ihm immer schon einerlei gewesen. Zwischendurch kamen Anrufe. Er sprach mit ein paar seiner Partner, mit denen er schließlich dann seine Häuser baute. Mit Bedauern teilte er mit, dass sie Pelletheizung wahrscheinlich flachfallen würde. Aber er amüsierte sich über die Flüche, die durch das Telefon kamen.
Schließlich wurde er von Sylvie zum Aufbruch gedrängt, damit er zu seinen Außenterminen nicht zu spät kam.
Der erste war an einer Baustelle. Das Haus war schon zum Teil fertig und es ging bei den Jacobs nur um einen Check, ob alles nach ihren Vorstellungen verlief. Als sie die fensterlosen, teilweise auch noch wandlosen Räumlichkeiten zusammen erkundeten, fühlte sich Leif richtig wohl. Er konnte den zukünftigen Besitzern alles erklären, während diese mit Spannung auf ihr fertiges Haus warteten. Herr Jacobs diskutierte auch noch gutmütig, ob die neuen Wasseraufbereitungsanlagen, von denen er im Internet gelesen hatte, nicht besser seien, als die, welche nun eingebaut wurden. Leif versprach, sich zu erkundigen und mit freundlichen Gefühlen verabschiedeten sie sich. Leif gefiel es, wenn seine Kunden selbst an dem Projekt interessiert waren und er hatte nicht das Bedürfnis, in allem recht zu behalten.
Sein nächster Termin war ein Wärmedämmtechniker, mit dem er eigentlich an Ort des Baus über das Haus der Heuckes hatte reden wollen, da diese aber nun so skeptisch waren, standen sie zu zweit auf dem Grundstück der Heuckes und überlegten Alternativen. Solange aber noch keine Entscheidung getroffen war, konnten sie weder über Kosten noch über die Aufarbeitung des Grundstücks reden.
Unzufrieden über den Verlauf des Tages kehrte er anschließend ins Büro zurück. Schon als er eintrat, wunderte er sich über das angeregte Gespräch.
Hatte Sylvie nicht gesagt, er hätte nur drei Termine?
Noch mehr erstaunte ihn der Anblick der Gäste.
Als erstes erkannte er Helge, den Barkeeper aus dem 'Cuba Libre'. Fragend hob er eine Augenbraue. Daneben saß ein Mann, den er noch nie gesehen hatte. Er hatte recht kurzes, blondgesträhntes helles Haar, welches kunstvoll zerzaust war. Eine gerade Nase führte zu einem appetitlichen, eher breiten Mund, dünne, gerade Augenbrauen gaben ihm einen entschlossenen Ausdruck.
"Da bist du ja", rief Sylvie, noch bevor Leif seine Gesichtskontrolle beenden konnte. Dabei war es ein attraktiver Anfang gewesen. Sie stand auf und zeigte auf den Fremden. " Das hier ist Tom Haußmann und er will uns aushelfen solange Frank krank ist."
Der Fremde erhob sich und steckte seine Hand aus. Verwirrt ergriff und schüttelte Leif sie. Dabei sah er in das schmale, energisch-attraktive Gesicht und wurde von den unglaublich blauen Augen verdutzt. "Freut mich", sagte er schnell. "Sie sind also Innenarchitekt?"
"Nun, nicht ganz. Ich habe zwar Innenarchitektur studiert, aber habe dann beschlossen, Möbeldesigner zu werden. Zur Zeit habe ich meine Entwürfe einigen Agenturen und Möbelhäusern zugeschickt und warte auf deren Antworten. Daher könnte ich für einige Zeit bei Ihnen aushelfen."
Er beugte sich und holte eine große in Leder eingebundene Mappe hervor. "Hier drin sind ein paar meiner Entwürfe und eine DVD mit meinen Präsentationen. Wenn Sie ihnen gefallen, würde ich gern hier anfangen."
Noch etwas überrumpelt nahm Leif sie entgegen. "Verstehe, ich werde sie mir ansehen."
Sein Blick fiel auf Helge. "Und was machst du hier?"
Helge lachte kurz. "Oh, Tom und ich waren mal so etwas wie Brüder. Unsere Eltern hatten eine längere Beziehung als wir noch klein waren. Nach ihrer Trennung haben wir allerdings den Kontakt aufrecht erhalten und so habe ich dein Problem mit einem fehlenden Innenarchitekten und Toms momentane Arbeitslosigkeit zu einer Lösung gebracht."
Tom nickte.
Sylvie lächelte ehrlicher als am Morgen. "Gut, dass du an uns gedacht hast, Helge."
"Hey, ist zwar nicht gut für den Umsatz, aber ständig so einen Trauerkloß an der Bar hocken zu haben ist auch kein schöner Anblick." Er zwinkerte ihr zu.
"Also wirklich!", protestierte Leif. Doch vor dem Fremden wollte er nicht weiter darauf eingehen.
"Könnten Sie vielleicht noch heute einen Blick in die Mappe werfen?", fragte Tom, der anscheinend auch nicht weiter auf Leifs Nachtleben eingehen wollte.
"Ja...", Leif fuhr sich verwirrt über die Stirn. "Ja, klar."
Helge, Sylvie und Tom folgten ihm zu seinem Arbeitsplatz, wo er die gezeichneten Entwürfe zuerst betrachtete. Sie waren erstklassig, vielleicht weniger komplex als Franks, dafür aber übersichtlich und mit reizvollen Details. Vor allem an den gezeichneten Möbelstücken sah man, welchen Schwerpunkt Tom gesetzt hatte.
Auch an der DVD, die verschiedene Entwürfe einzelner Räume ebenso wie ganze Hauseinrichtungen in einem Stil als Computeranimation zeigte, konnte er kein Hindernis für eine Einstellung festmachen. Als er alles wieder zusammenpackte fiel Leifs Blick auf das Modell des Heucke-Hauses. Es wäre wirklich erfreulich, noch jemanden dabei zu haben, der lieber über Küchenfarben als über Wärmedämmung sprach. Weil er so gedankenversunken ohne ein Wort zu verlieren ins Nichts starrte, fragte Tom vorsichtig: "Was meinen Sie, Herr Brendel?"
"Hm?" Leif schreckte aus seinen Gedanken auf. Er schaute Tom an. Auch wenn er sich Frank zurückwünschte, er brauchte jemanden als Ersatz. "Sie sind eingestellt. Können Sie morgen anfangen? Das Büro öffnet um zehn, aber vielleicht treffen wir uns um neun, damit ich die Lage mit Ihnen kurz erörtern kann..."
"Wirklich?" Tom schien verblüfft.
"Ähm, warum nicht?"
"Ich habe keine Referenzen, keinen Lebenslauf dabei und auch keine schriftliche Bewerbung oder so... Helge hat mich einfach so mitgenommen, da fehlte mir die Zeit... " Tom hob die Schultern, aber Helge warf ihm einen scharfen Blick zu.
"Die kannst du doch immer noch nachreichen!", warf er ein.
Aber Leif winkte ab. "Mehr als so einen Papierkram brauche ich einen Innenarchitekten."
Helge, Tom und Sylvie grinsten.
"Also, herzlich willkommen bei uns!", sagte Sylvie mit froher Stimme. "Ich bin Sylvie. Ich mache alles außer den architektonischen Kram."
Tom schien auch erleichtert, dass alles so locker abgelaufen war. Er schüttelte ihre Hand.
Leif gab ihm die Mappe zurück mit einem hoffentlich ermunternden Gesichtsausdruck. "Wir duzen uns hier. Ich bin Leif."
Tom nickte als Zeichen, dass er verstanden hatte und nahm die Mappe wieder an sich. "Dann bin ich morgen um neun Uhr hier im Büro", bestätigte er Leifs Vorschlag.
"Gut! Dann sehen wir uns morgen." Leif begleitete Tom und Helge zum Ausgang.
Als sie fort waren, spürte er Sylvies Hand auf seiner Schulter. "Eine gute Wahl, finde ich." Ihre Stimme war vieldeutig, als ob sie nicht nur die berufliche Komponente als positiv empfand.
"Nur bis Frank wieder da ist", widersprach Leif.
Sie seufzte und schüttelte leicht den Kopf. "Ich mache dann Feierabend. Die Mädchen warten auf mich."
Schnell hatte sie ihre Sachen gepackt, den Computer runtergefahren und ihren Mantel angezogen. "Bis morgen. Ich komme auch so um neun."
"Gut, grüß die Mädels." Leif erwiderte ihre kurze Umarmung, von er gar nicht wusste, womit er sie verdient hatte.
Schließlich kehrte Ruhe ins Büro ein. Allein das leise Geräusch des Verkehrs und das Ticken der Uhr in der kleinen Küche durchbrach die Stille.
Als das Telefon klingelte, schreckte Leif zusammen. Er ignorierte das Klingeln und beschloss, Frank im Krankenhaus zu besuchen. Er wollte Franks Gesichtszüge sowie Körperform in sich aufsaugen und nachts vielleicht ein wenig Druck ablassen durch Masturbieren.
Auf dem Weg hielt er kurz und holte das chinesische Essen, wie er es am Abend zuvor schon in seinem kleinen Alkoholtraum getan hatte.
Aus der Tüte drang der köstliche Duft nach Knoblauch und Ingwer, als Leif schließlich vor Franks Tür stand. Er klopfte und betrat das Zweibettzimmer, mit suchendem Blick. Frank lag auf dem Bett, der rechte Arm im Gips. Als er Leif sah, strahlte er. "Endlich mal ein angenehmes Gesicht!"
Noch mehr strahlte er als sein Blick auf die Tüte fiel. "Sag bloß du warst bei unserem Chinesen."
"So ist es", bestätigte Leif, entledigte sich seines Mantels und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Er übergab die Fressalien Frank, der begierig in der Tüte stöberte, schnell die Gabel fand und sich dann erst einmal mehrere Stückchen scharfes Schweinefleisch zu Gemüte führte. Genüsslich kaute er und seufzte dann glücklich. "Verzeih mir den Ausdruck, aber das ist wirklich geil", sagte er dann.
"Du hast ja gesagt, das Essen ist einfach scheußlich", erinnerte Leif ihn amüsiert.
"Und daran hat sich nichts geändert." Frank ließ den Reis links liegen und schaufelte weiter Soße und Fleisch in sich hinein.
Nachdem Leif sich an den Lippen sattgesehen hatte, wie sie sich gierig um die Gabel schlossen, musterte er den Raum. Der Mann, der sonst neben Frank gelegen hatte, war anscheinend entlassen, denn ein leeres, frisch bezogenes Bett stand dort.
"Wo ist denn dein Zimmerkollege?"
"Auf die Urologie verlegt", nuschelte Frank mit vollem Mund. Er schluckte. "Dem armen Kerl ging gestern die Niere flöten."
"Oh." Leif wusste nicht, was er dazu sagen sollte. "Und wann kommst du raus?"
"Kann nicht mehr lange dauern. Aber ich muss zur Reha und bis mein Arm wieder einsatzfähig ist, kann ich wohl nicht arbeiten, meint der Dok." Frank hob die Schultern. "Das kann also noch dauern."
"Keine Sorge, ich habe jemanden gefunden, der solange aushilft", beruhigte Leif.
"Echt?"
"Ja, heute Nachmittag erst."
"Innenarchitekt?" Ob Frank darüber froh oder eher beleidigt war, konnte Leif nicht erkennen.
"Nun, nicht ganz. Abgebrochenes Studium, will lieber Möbel designen. Aber seine Mappe war gut." Leif hoffte, dass er nicht zu viel sagte und nichts, was Frank nun unnötig aufregen würde.
"Hmph", kommentierte Frank unwillig und nutzte doch noch etwas Reis um die Soßenreste aufzunehmen.
Leif suchte nach einem Thema, was weniger heikel war. "Hast du sonst noch Essenswünsche? Oder versorgt dich Neele mit allem Lebenswichtigem?"
Unvermutet sackte Frank in sich zusammen. Leif sprang auf, in Panik, dass es sich um Schmerzen handeln könnte. "Hey, alles in Ordnung?! Soll ich eine Schwester holen oder so?"
"Nein!", widersprach Frank brüsk. "Es ist nur... Setz dich wieder."
Leif setzte sich.
Frank seufzte herzzerreißend. "Neele will die Scheidung."
Leif meinte, seinen Ohren nicht trauen zu können. "Was?!", fragte er daher nach. "Warum?" An dem kleinen Unstimmigkeiten konnte es nicht liegen – die hatten die beiden schon seit er Frank kannte.
Frank druckste ein wenig herum. "Nun ja, sie meint..."
Da seine Stimme so leise war, rückte Leif näher heran. Er konnte die Körperwärme seines Begierdeobjektes spüren. Oh, wie dringend musste er in der Nacht erst einmal in erotischen Fantasien schwelgen. Nun versuchte er aber bei den aktuellen Problemen zu bleiben, was gar nicht so leicht war.
"Sie meint, ich wäre nicht mehr bei ihr, sondern würde immer an jemand anders denken." Frank klang kreuzunglücklich.
Damit hatte Leif nicht gerechnet. Wenn er bei seinen Liebesnächten ein wenig Frank in seinen Partnern sah, machte das ja wenig. Er hatte ja auch keine Ahnung, an wen die während des Sex dachten und welche Fantasien sie auslebten. Da es keine Versprechungen gab, gab es auch keine Verpflichtungen in dieser Hinsicht. In einer Ehe war das natürlich was anderes. Unangenehm berührt, schwieg er.
"Und sie war natürlich beleidigt, weil es auch noch..." Franks Stimme wurde leiser. Er hielt ein und Leif musste einfach wegsehen. Er richtete seinen Blick fest auf seine Schuhe und das PVC darunter.
"D-du musst es mir nicht sagen, wenn es dir u-unangenehm ist", stotterte er schnell. Wären sie doch beim Thema Tom geblieben...
Erstaunlicherweise lachte Frank trocken auf. "Aber es betrifft ja dich. Weil ich an dich denke."
Wie ein Blitzschlag durchfuhren Leif diese Worte. Sein Kopf fuhr hoch und sein Blick traf Franks, der ebenso warm wie verwirrt war. Vielleicht gab es Worte, Sätze und ganze Bücher, um diese Situation zu zerreden, aber Leif brauchte sie nicht. Er stand auf, krabbelte auf das Bett, kniete sich breit über Franks Beine, näherte sich dessen Lippen und sie küssten sich. Nach dem ersten Kuss ließ sich Leif zurücksinken und lockerte sinnlich seine Krawatte, öffnete den obersten Knöpfe seines Hemds, bevor er Franks Hand unter den Stoff führte, um dort seine Haut zu berühren. Genüsslich schloss er die Augen, als die breiten Finger kühl über seine Rippen fuhren. Frank keuchte leise, bevor er Leifs Lippen zu einem weiteren Kuss suchte, dieses Mal länger und sicherer als der erste. Leise stöhnten sie beide, Leif rückte näher, presste seine wachsende Erektion gegen Franks.
Es klopfte an der Tür.
Sie fuhren auseinander, als hätte sie jemand mit einem kalten Eimer Wasser übergossen. Schnell huschte Leif vom Bett und fummelte mit seinen Hemdknöpfen, als sich die Tür öffnete und Neele hereinkam.
Sofort wurde die Stimmung im Raum eisig.
"Hallo", sagte sie frostig und Leif erwiderte den Gruß leise. Sie ignorierte ihn und wandte sich an ihren Ehemann. "Ich habe dir saubere Wäsche mitgebracht."
"Danke." Franks Stimme war heiser und unentschlossen. Er sah Leif nicht an, aber Neele mit einem Blick der irgendwo zwischen bedürftig hoffend und unwirsch lag. Sie übersah auch das. Mit kalter Routine sortierte sie die Sachen in den Schrank.
Aber Leif bemerkte Franks Hoffen und ein trockener Kloß setzte sich in seinem Hals fest. Seine Fantasien waren in greifbare Nähe gerückt, zusammen mit schmerzlichen Alpträumen.
Er wünschte sich weit weg.
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