Abenddaemmerung der Goetter - Kapitel 1

Kapitel 1: Taishi, der Nordwind

 

 

Taishi stand voller Zorn am Bergpaß, der die Grenze nach Kokyo bildete und mußte zähneknirschend zusehen, wie ein paar gut gekleidete Männer die Arbeit eines ganzen Jahres einfach mitnahmen.
Die Ziegen und Schweine hätten einigen Familien geholfen satt den Winter, der spürbar bevorstand, zu überstehen.
Taishi fürchtete, daß viele der Neugeborenen, die in dieser Zeit geboren worden waren, den Winter nicht überstehen würden und es für sie niemals einen Frühling geben würde.
Der kalte Wind fuhr durch ihr dunkelrotes Haar und schien seinen Spaß daran zu haben, es zu zerzausen. Ärgerlich fuhr sie sich durch die ungebändigte Haarpracht und innerlich verfluchte sie ihren Herrscher, der arrogant und egoistisch war, süchtig nach Luxus, ebenso wie nach hübschen Frauen und Männern und ihr Volk bluten ließ.
Als die Karawane aus ihrer Sicht verschwunden war, verließ sie ihren Aussichtsposten und kehrte zu ihrem Pferd zurück. Drei Männer erwarteten sie dort. Es waren Männer aus der Stadt, mit denen sie trainierte und mit denen sie den Haß auf den Herrscher teilte.
"Was macht ihr hier?" erkundigte sie sich.
"Heute haben sie meine Tochter in den Palast geholt um eine Priesterin zu werden..." berichtete einer der Männer traurig. Er war stark wie ein Bär und hatte ein ähnliches Aussehen, doch er war sanftmütig und liebte seine Familie über alles. Sein Name war Kuma.
"Was? Sie haben Karí als Priesterin berufen, gerade sie? Wie alt ist sie? Elf Sommer ?" Taishi empörte sich und ihre Augen blitzten.
Die Männer nickten und Taishi wußte, daß dies bedeutete, daß Karí ein Schicksal im Bett des Herrschers drohte.
Sie schwang sich auf ihr kleines, zähes Pferd und sah die Männer an:
"Soll ich also mit dem Herrscher reden?" und die Männer nickten wieder.
"Ihr seid mir eine tolle Hilfe. Na gut, ich werde mit ihm reden! Aber versprechen kann ich nichts, das wißt ihr."
Sie sprengte auf ihrem Pferd Keibá den Berghang hinunter und in Richtung Palast.
Sie wußte, daß sie sich beeilen mußte, denn es war eine Zwei Tages Reise bis zum Palast.
Nur eine kurze Rast gönnte sie sich und ihrem Pferd, dann eilte sie weiter. Schon an den Toren wurde sie von den Wachen aufgehalten, die sie nach ihrem Begehr im Palast fragten.
" Mein Name ist Taishi Meinon und ich muß unbedingt den Herrscher sprechen, es ist wichtig!" drängte Taishi und machte ein unschuldiges Mädchengesicht, dem kaum einer widerstehen konnte. Die Wächter seufzten beide sehnsüchtig.
Auch wenn sich Taishi die meiste Zeit wie ein Mann benahm und handelte, so kannte sie doch ein oder zwei Tricks, die sie nur durch ihre Weiblichkeit verwirklichen konnte. Die beiden Wachen sahen sich an und der eine verschwand hinter dem Tor.
"Was will ein so nettes Mädchen wie du denn im Palast?" erkundigte sich der andere derzeit.
"Ich bin hier, um mich Yerwa als Priesterin anzubieten." erklärte Taishi kurz und das Gesicht der Wache sah nun eher traurig aus.
"Bist du dir da sicher?"
"Ja, deshalb will ich ja mit ihm reden."
Die andere Wache kehrte mit einem gutaussehenden jungen Mann wieder zurück und der betrachtete Taishi eindringlich.
"Was wollt Ihr von unserem Herrscher?" erkundigte er sich streng.
"Ich möchte eine Priesterin für unseren hohen Herren werden!" wiederholte Taishi ihr Anliegen.
Der junge Mann nickte und sah zufrieden aus.
"Ich glaube, Ihr seid soweit qualifiziert. Yerwa wird mit Euch reden, aber zuerst solltet Ihr Euch ein wenig frisch machen."
Taishi lächelte strahlend:
"Ihr seid zu großzügig!!" dann folgte sie ihm in den Palast.
Obwohl sie den Palast selbst noch nie betreten hatte, war ihr seine Architektur so vertraut wie das Haus, in dem sie lebte. Eindringlich war sie immer wieder dazu gezwungen worden, sich die Pläne und Zeichnungen einzuprägen, weil diese ein Teil eines uralten Versprechen waren
Als sie in einen Raum geführt wurde, in dem es nach Metall roch, wußte sie, daß dies die unterirdischen Bäder waren, die von den warmen Quellen in den Bergen gespeist wurden.
Ein paar junge Frauen begrüßten sie und man sah, daß sie sich gerade im Wasser amüsiert hatten. Die Frauen zogen sie mit in die unterirdischen Kavernen, lachend und schwatzend, halfen sie Taishi dabei, sich zu entkleiden. Taishi ließ dies alles etwas zähneknirschend sich gefallen.
Sie war immer schon eine unabhängige und stolze Person gewesen und das ließ diese Prozedur für sie zu einer Erniedrigung werden. Den Frauen hingegen fiel dies nicht auf.
Taishi sah sich nach Karí um, doch konnte diese nicht entdecken.
Schließlich, als sie sich in dem mineralhaltigem und beinahe heißem Wasser ausstreckte, beschloß sie sich erstmal zu entspannen, während die Frauen weiterhin schwatzten und sich neckten.
Dann wurde sie von den Frauen in einen Raum geführt in dem es Haufen von prächtigen Gewändern gab und dazu nur die edelsten Parfümöle und Schminktöpfchen aus dem entferntesten Regionen standen.
Natürlich ließ sich Taishi von den Frauen einkleiden und dann schminken. Es schien ihr geradezu unmöglich, dieses selbst zu tun, da sie so etwas noch nie getan hatte.
"Keine Angst, Kleine," begann eine der Frauen, "der Herrscher ist nicht so schlimm. Wenn er dein hübsches Gesicht und deine perfekte Figur sieht, wird er verzaubert sein, aber nach ein paar Nächten verliert er bestimmt das Interesse."
"Aber ich dachte, ich würde hier zur Priesterin ausgebildet...." gab Taishi zu bedenken und die Frauen lachten.
"Wir sind alle Priesterinnen, was meinst du denn? Die Ausbildung ist wirklich einfach und kurz. Dafür ist das Leben danach recht angenehm und ruhig."
"Habt ihr etwas von einem Mädchen namens Karí gehört?" erkundigte sich Taishi ein wenig unruhig.
Die Frauen sahen sich an und schienen traurig und betroffen.
"Ja, sie wird heute Abend zur Priesterin geweiht...." murmelte eine von ihnen.
Taishi sprang auf, der durchsichtige feine Stoff wallte dramatisch um sie herum:
"Ich muß noch heute zum Herrscher!!"
Alle Frauen schüttelten mit dem Kopf:
"Das ist so gut wie unmöglich, Mädchen!"
Taishi lief zur Tür, davor rekapitulierte sie kurz die Pläne für diese Ebene und nickte - sie kannte den Weg!
"Warte, die Wachen werden dich aufhalten!!" rief eine Frau, die dabei aber aussah, als ob sie dennoch Taishi alles Gute wünschte.
"Sollen die es doch versuchen!" knurrte Taishi und öffnete entschlossen die Tür. Mit festem Schritt eilte sie die Gänge entlang.
Wachen schienen von ihr keinerlei Notiz zu nehmen, während sie entschlossen auf die privaten Gemächer des Herrschers zu strebte. Das verwunderte sie eigentlich nicht, denn wenn jemand so zielgerichtet auf etwas zuging wirkte das weniger verdächtig, als jemand der schüchtern die Gänge entlang huschte.
Vor der Tür der Privatgemächer des Herrschers allerdings wurde sie dann doch von ein paar jungen und kräftigen Männern aufgehalten.
"Wohin gedenkt Ihr zu gehen?" fragte der mit mehr Schmuck verzierte.
"Ich wurde gerufen um zur Priesterin geweiht zu werden, also wollt Ihr versuchen, mich von meiner Berufung abzulenken??" erwiderte Taishi selbstbewußt mit etwas gekränkter Stimme.
Die beiden Männer sahen sich an. Diese Verfahren der Weihe war ihnen sehr gut bekannt und sie war schön genug, um dafür in Frage zu kommen und so traten sie beiseite und öffneten ihr die hohen Portale, um sie in die Gemächer zu lassen.
Taishi nickte beiden dankbar zu und betrat die prunkvollen Gemächer von Yerwa.

Vorsichtig und bis aufs äußerste angespannt sah sie sich in den überwältigenden Räumlichkeiten um.
"Hier also bleiben die ganzen Steuern, die unser Volk unter äußersten Entbehrungen entrichten muß. Kinder verhungern und ganze Familien erfrieren, nur um dieses hier zu ermöglichen..." dachte sie und spürte die alte Wut in sich aufsteigen und Besitz von ihr ergreifen.
Der Mann, der sie am Tor empfangen hatte kam auf sie zu. Irgendwie schien er aus dem Nichts aufgetaucht zu sein und Taishi schrak zusammen, als er sie ansprach:
"Was tut Ihr hier? Der Herrscher hat noch nicht nach Euch verlangt!!"
Für einen Augenblick verwirrt starrte Taishi ihn an, doch dann lächelte sie bezaubernd:
"Ich habe aber seinen Ruf gespürt und bin ihm nachgegangen, edler Sama. Ich wollte nur meinem Herren und Gott dienen." sie endete mit einer tiefen Verbeugung.
Der Mann schien nicht sonderlich beeindruckt von ihrer Rede.
Dennoch lächelte er zynisch und dann machte er eine Geste, die ihr befahl, ihm zu folgen. Natürlich tat Taishi wie ihr geheißen.
Er führte sie durch immer beeindruckende Räume, die Taishis Aufnahmevermögen überstiegen. Sie stellte sich immer nur die Pläne vor, die sie so oft als Kind studiert hatte, um ja nicht die Übersicht und die Fluchtwege aus den Augen zu verlieren.
Schließlich erreichten sie einen Raum, von dem Taishi wußte, daß sich dahinter nichts mehr befand, außer eines Balkons, dessen Aussicht eine atemberaubende Bergkulisse bereithielt.
Nachdem der Mann geklopft hatte, hieß er Taishi, daß sie eintreten solle.
"Eigentlich sehr einfach. So hätte ich gleich den Herrscher ermorden können, wenn ich noch meine Waffen hätte..." dachte sie und sehnte sich nach ihrem Speer und Schwert.
Auf einem Lager aus Kissen und Stoffen lag der große Herrscher selbst. Yerwa.
Natürlich war er schön. Alle Götter waren schön in den Augen der Menschen.
Er hatte dunkles aschblondes Haar, ziemlich lang und durch einen Schmuckring locker zusammengehalten. Seine Augen waren rotbraun und sahen sie wenig interessiert und ein wenig schläfrig an. Er schien nicht im Geringsten beeindruckt oder ängstlich. Auch war er anscheinend nicht an ihrer Weiblichkeit interessiert und Taishi schluckte, bevor sie ein paar Schritte näher trat und dann auf die Knie fiel.
"O großer Yerwa, ich komme um Euch zu dienen und Euch zu gefallen." rief sie voller Determination.
Es herrschte Stille, Taishi berührte mit ihrer Stirn den Boden, um ihre Ergebenheit zu demonstrieren.
Sie war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt gehört hatte, ob er sie wahrgenommen hatte. Es verging noch mehr Zeit und allmählich wurde Taishi schmerzlich bewußt, wie unbequem sie dort auf dem Boden kauerte und kam sich ziemlich naiv vor, zu glauben, mit ihrer burschikosen Art und Ausstrahlung einen Gott beeindrucken zu können. Sie schalt sich selbst in Gedanken eine Närrin und gab alle Hoffnung auf, Karí helfen zu können.
"Wie ist dein Name?" ertönte plötzlich eine für sie unbekannte Stimme aus der Richtung des Kissenlagers.
Erstaunt hob Taishi den Kopf:
"Taishi, mein Herr und Gebieter." erwiderte sie kleinlaut.
"Komm her zu mir, Taishi!" befahl Yerwa müde und Taishi erhob sich und kam auf ihn zu. Sie erreichte den Beginn des Kissenlagers und verbeugte sich noch einmal, danach blieb sie ruhig dort stehen.
"Dich habe ich hier noch nie gesehen. Woher kommst du?" fragte Yerwa, doch echtes Interesse schien seiner Stimme fremd.
"Ich komme aus der Stadt. Erst heute bin ich hier angekommen, Herr und Gebieter. Ich wollte unbedingt in Eure Dienste treten und Euer Majordomus ließ mich zu Euch vor."
"Welcher Majordomus? Ach, meinst du etwa Taron? Das ist nicht mein Majordomus, das ist mein Sohn!"
Yerwa schien von ihrem erstaunten Gesicht amüsiert. Er lächelte ein wenig und dann musterte er sie so intensiv, daß Taishi ihn am liebsten geschlagen hätte und diesen Wunsch mit aller Macht unterdrücken mußte.
"Euer Sohn..?" stammelte sie und dann schluckte sie, um ihre Unsicherheit zu vertreiben.
Es bestand nun einmal kein Zweifel daran, daß, wenn sie Karí vor diesem Gott bewahren wollte, sie den Platz des Mädchens einnehmen mußte. Das bedeutete, daß dieser Mann sie jede Nacht zum Sex befehlen konnte und daß sie tun mußte, was er wollte.
Zuerst hatte diese Idee ja sehr selbstlos geklungen, doch nun, als sie diesem Mann und Gott gegenüber stand, wurde ihr mulmig. Sie war keine Jungfrau mehr und er war bestimmt nicht abstoßend, doch sie merkte, daß sie sich innerlich dagegen sperrte, diesen Mann in ihren Körper zu lassen.
"Und du willst eine Priesterin werden? Weshalb?" der Gott betrachtete nun ihre Augen.
"Weil jeder Euch verehrt und ich glaube, Euch so besser dienen zu können!" Taishi fing schon fast an, diesen Unsinn, den sie die ganze Zeit erzählte, selbst zu glauben.
Yerwa lachte leise und träge. Dann gähnte er groß und erhob sich.
"Wenn du versuchen willst, mich zu töten, dann sei die sicher, daß dies nicht gelingen wird. Ich bin ein Gott und als solcher untötbar. Weshalb sonst wärst du so einfach an all den Wachen vorbeigekommen? Mir gefällt deine Augenfarbe - so klar und strahlend wie ein Kristall höchster Güte. Solche Augen findet man bei Menschen selten. Dein Gesicht ist recht hübsch, vielleicht ist deine Haut ein wenig zu gebräunt, aber du bist bestimmt eine nette Abwechslung zu den ganzen Gänsen, die ich sonst so habe."
Taishi schauerte es bei seinen Worten und sie lächelte verunsichert.
Der Gott nickte und zog sie an sich, dabei stieß Taishi einen erschreckten Laut aus.
"Nun sage mir, Taishi, weshalb du den Namen des Nordwindes trägst... Und sage mir endlich, was du von mir willst!"
Taishi schluckte:
"Ich weiß nicht...warum ich diesen Namen trage. Mein Vater gab ihn mir. Ich bin hier, weil ich einem Mädchen versprochen habe zu kommen. Ihr Name ist Karí und ich will mit ihr zusammen eine Priesterin werden." stammelte sie, dabei sah sie ihm direkt in die Augen. Ihre Augen, so klar und tief, beruhigten den zornigen Gott, denn sie schienen keine Unwahrheit zu kennen.
Daraufhin ließ er sie los und schien zufrieden.
"Du kannst deine Freundin wiedersehen. Sie ist in einem der Nebenräume. Wenn du sie siehst, dann sag ihr, daß ich froh bin, daß sie mir eine zweite Frau gebracht hat." er lachte leise und schickte sie vor die Tür.
Taishi kochte vor Wut und sie hatte das Gefühl, diesem Gott hilflos ausgeliefert zu sein.
Taron stand vor der Tür und nahm sie in Empfang. Das er der Sohn eines Gottes war, verhalf Taishi nun zu einer völlig neuen Perspektive dieses jungen Mannes. Natürlich war es kaum verwunderlich, daß er gut aussah, mit göttlichem Blut, das durch seine Adern floß.
Auf der anderen Seite wunderte es Taishi, daß er keine bessere Stellung im Palast bekleidete. Immerhin war er mit dem Herrscher verwandt. Doch wahrscheinlich war er nicht der einzige Sohn, bei dem hohen Verschleiß, den sein Vater an Frauen hatte.
"Ich führe dich zu deiner Freundin!" sagte er knapp.
Taishi erstarrte. Woher wußte er von ihrer Suche nach Karí? Hatte er gelauscht?
Ungerührt schritt Taron voran und schließlich erwachte Taishi aus ihren Überlegungen, um ihm eilig zu folgen. Taron öffnete eine Tür und als Taishi hineinsah, erkannte sie in einer Ecke eine kleine Gestalt, die sich zusammengeknüllt an die Wand drückte.
Ungeachtet der Anwesenheit von Taron lief Taishi voller Mitleid auf dieses Häufchen Elend zu und rief:
"Karí? Karí, wach auf. Ich bin es - Taishi!!"
Karí hob den Kopf und blickte Taishi ungläubig an. Schließlich schien sie zu erkennen, daß Taishi Wirklichkeit war und erhob sich rasch. Dann lief sie auf die junge Frau zu und klammerte sich an sie.
"Ich hatte solche Angst!" wimmerte sie leise an Taishis Brust und sah mit einem tränenbedeckten Gesicht zu Taishi auf. "Wirst du mich befreien?"
"Ich werde es versuchen..." antwortete Taishi, dabei sah sie kurz über die Schulter und erkannte, daß Taron sie immer noch beobachtete. Als er ihren Blick spürte, entfernte er sich und schloß die Tür.

Stunden vergingen in denen Taishi und Karí allein in dem wohl prachtvollen, doch verschlossenem Raum saßen und bang auf eine Regung von seitens des Herrschers warteten.
Karí ging es durch die bloße Anwesenheit Taishis schon besser. Sie kannte Taishi als eine starke und aggressive junge Frau, die kein Blatt vor den Mund nahm und die heimliche Anführerin der Rebellen gegen die göttliche Herrschaft war. Daß Taishi nicht irgend etwas heroisches oder großartiges tat um sie beide einfach zu befreien, konnte sie nicht begreifen. Taishi benahm sich im Geringsten nicht so, wie Karí es von ihr erwartet hätte.
Daß Taishi weder Waffen noch einen schlauen Plan hatte, wußte sie nicht, was auch besser so war.
Taishi empfand diese Wartezeit als noch schlimmer als eine körperliche Folter. Sie war ein echter Tatmensch. Abwarten brachte sie in Rage und verstärkte ihre Unsicherheit.

Als sich schließlich die Tür öffnete, war Taishi bereit, Yerwa mit ihren bloßen Händen zu würgen, doch es war bloß Taron. In seiner kühlen Art betrachtete er die beiden Mädchen und sagte tonlos:
"Folgt mir!"
Taishi wußte, daß es nun darum ging, einen Mann, den sie weder sympathisch fand noch attraktiv, ihren Körper benutzen zu lassen und dabei dafür zu sorgen, daß Karí nichts zustieß. All das schien ihr über den Kopf zu wachsen.
Taron brachte sie nicht wieder zu dem Zimmer, in dem Taishi Yerwa begegnet war, sondern er strebte dem Kammern der Priesterinnen zu und Taishi fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Sie fühlte wie ihr Körper sich mit jedem Schritt mehr verkrampfte. Karí hingegen schien immer noch sicher, da sie sich in der Nähe ihres großen Vorbildes aufhielt.
Taron stoppte abrupt und Taishi zuckte zusammen.
"Hier. Bleibt hier bis ihr etwas anderes hört. Laßt euch von den anderen Priesterinnen unterrichten!"
Taishi zog fragend die Augenbrauen zusammen:
"Wie? Was soll das heißen??"
"Das soll heißen, daß die Tochter des Nordwindes erwählt ist, die oberste Priesterin unseres Herrn, Gebieters und Gottes Yerwa zu werden!"
Taishi schien es, daß sie sich verhört haben mußte. Oberpriesterin? Sie? Unmöglich!
Sie war doch bloß gekommen, um Karí zu holen und vor einer Vergewaltigung durch einen Gott zu bewahren.
Taron schien sich um ihre Verwirrung wenig zu scheren und stieß sie und Karí in die Tür.
Die anderen Priesterinnen, die sich mit Schönheitspflege und Gesprächen beschäftigt hatten, sahen die beiden verwundert an.
Die älteste kam auf Karí und Taishi zu und fragte:
"Ihr seid schon wieder hier? Wie ist das denn geschehen?"
"Der Mann sagte, daß Taishi die Oberste Priesterin werden solle und deshalb sollt Ihr sie unterrichten." redete Karí drauf los und alle anwesenden blickten sich erstaunt an.
"Deshalb also seid Ihr wieder hier? Ich bin die jetzige Oberste Priesterin, mein Name ist Hana. Du wirst einiges lernen müssen, wenn du wirklich meine Nachfolgerin werden willst, denn die Aufgaben einer Obersten Priesterin sind vielfältiger als die einer gewöhnlichen Priesterin!" sie blickte Taishi streng an und diese nickte schwach.
"Ich hoffe, mich Euer würdig zu erweisen." murmelte sie und straffte ihre Gestalt. Dann sah sie Hana in die Augen und Hana nickte:
"Morgen beginnt die Ausbildung. Eine Oberste Priesterin hat eine eigene Dienerin, welche die Rituale und Zeremonien genauso beherrscht wie die Oberste Priesterin selbst. Wie ist dein Name, mein Kind?" fragte sie Karí und Karí sagte es ihr.
"Du wirst Taishi dienen und mit ihr lernen! Nun ruht Euch aus - denn morgen beginnen wir früh!"
Hana hob ihre edle und prächtige Robe, dann schritt sie würdevoll davon.
Schweigend wurden Karí und Taishi Betten zugewiesen, auf denen sie sich sogleich hinlegten. Der Tag war mit ängstlicher Erwartung angefüllt gewesen. Nun waren beide erschöpft und ihre Augen schlossen sich beinahe von selbst.

Der nächste Tag begann früh und zeigte so den Beginn eines neuen Lebensabschnittes für Taishi und Karí an.
Sie wurden eingekleidet in teure und prächtige Gewänder, die besonders Taishi mißfielen. Sie war daran gewöhnt, in Hosen, die weit und praktisch waren, ihr Leben zu gestalten, nicht in engen Röcken und freizügigen Ausschnitten.
Dann führte Hana beide Mädchen in den Teil des Palastes, der als Tempel der Verehrung für Yerwa, jedermann zugänglich war. Menschen knieten dort und baten um bessere Ernten und manche beteten für das Leben ihrer Kinder. Ein Feuer brannte an Fuße einer Yerwa - Statue, die riesig und wunderschön, es vermochte, den Leuten Respekt und Angst vor ihrem göttlichen Herrscher einzuflößen.
Hana führte die beiden in eine Ecke, wo einige Menschen um Rat baten, wie sie über den Winter kommen sollten.
Hana gab ihnen allen die Anweisung, nur fest zu Yerwa und Kokana zu beten, dann wäre der Winter schneller vorbei.
Taishi empfand diese Antwort als höhnisch und war sehr wütend. Sie wußte, wer schuld war an der Lage der Leute, und diese wußten es auch sehr wohl.
Wenn die Aufgabe der Obersten Priesterin es war, zu lügen und die Menschen in ihrer Not noch zu verspotten, dann konnte sie einfach nicht zur Obersten Priesterin werden.
Danach weihte Hana ein paar Neugeborene, von denen die meisten den Winter nicht überleben würden.
Taishi stand mit Karí etwas abseits und fühlte sich so hilflos und ohnmächtig wütend, wie selten zuvor.
"Seht genau hin, mit welchen Gesten ich die Neugeborenen segne, Mädchen. Seht auch genau, mit welcher Selbstverständlichkeit mir meine Dienerin die richtigen Öle und Tücher zur richtigen Zeit anreicht. Wenn ihr erst so eingespielt seid, sind die Leute sicher, daß Yerwa groß und wahr ist." belehrte Hana sie hinterher.
Dann schien es Zeit für eine Pause zu sein, weil Hana sie wieder hinter die Kulissen führte und dort Taishi und Karí etwas zu Essen und Trinken anbot.
Dann erschien wieder Hanas Leibdienerin und begann Hanas Gewand zu lösen, bis sie nur noch im Unter- gewand vor den Mädchen stand, dann fing sie an Hana mit einem kostbaren und gewagtem Gewand wieder einzukleiden, das wesentlich mehr Bewegungsfreiheit besaß als alle anderen Kleider der Priesterinnen.
Dabei verlor die Leibdienerin kein einziges Wort und jede Bewegung der beiden war perfekt aufeinander abgestimmt. Es wirkte beinahe wie ein leiser besonderer Tanz.
Als Hana fertig angezogen war, war sie so atemberaubend schön und strahlend, daß Karí vor Bewunderung in die Hände klatschte.
"Nun, gleich beginnt mein täglicher Ehrungstanz für Yerwa. In der Zwischenzeit werdet ihr üben, dieses Gewand anzulegen. Derinda wird euch anleiten und ihr werdet üben, bis ich euch etwas anderes befehle." Hanas Stimme war streng und Karí nickte gehorsam.
Die beiden Mädchen sahen der Priesterin hinterher, bis Derinda ihnen eine Hand sanft auf die Schulter legte.
Sie machte eine Geste, die Karí und Taishi bedeutete, daß sie ihre Hände ausstrecken sollten.
Beiden taten wie ihnen geheißen und Derinda entfernte geschickt und kaum merklich ihre Überkleider. Taishi war erstaunt, wie sanft die Berührung der jungen Frau war.
Derinda war fertig und präsentierte beiden die Teile des Kleides, die sie nun zuerst anlegen würde. Dann zeigte sie, wie man diese Stofflagen faltete, so daß sie elegant um die Trägerin herumwallten.
Dann legte sie die ersten Teile an.
So verfuhr sie mit allen Einzelheiten bis schließlich zum Schmuck.
Als Taishi und Kari fertig eingekleidet waren, führte Derinda sie zu einem Kupferspiegel und beide staunten, wie perfekt auch ihnen dieses Gewand stand und paßte.
Schließlich entfernte Derinda wieder das Gewand. Die ganze Zeit sprach sie kein einzigen Wort.
Wieder entkleidet, zeigte sie erst Taishi, dann Karí, wie das Gewand anzulegen sei, an der jeweils anderen.
Dann sollten es Taishi und Karí allein versuchen.
Beide stellten sich nicht ganz dumm an und Derinda schien einigermaßen zufrieden. Sie nickte zustimmend und lächelte sehr sanft.
"Warum sagst du denn nichts?" fragte Karí neugierig und bekam aber keine Antwort.
"Vielleicht darf man als Dienerin der Obersten Priesterin nicht reden." flüsterte Taishi ihr hastig zu. Karí schien dieser Gedanke nicht zu passen.
Derinda verbeugte sich und öffnete die Tür, durch die sofort Hana eintrat.
"Sehr gut , Derinda. Dann dürft euch beide erst einmal ausruhen. Morgen werdet ihr mich wieder begleiten!"
Hana sah die beiden Mädchen wohlwollend an. Karí verbeugte sich ein wenig, als Taishi das sah tat sie es ihr nach.
Während Derinda die beiden Mädchen zu den unterirdischen Kavernen führte, damit sie sich noch einmal baden konnten, sah Hana ihnen nach.
"Ein Mädchen mit dem Namen des Nordwindes.... Vielleicht hat mein hoher Herr sich zuviel von ihr versprochen." murmelte sie und verließ den Raum sehr leise.

 

 

 

Kapitel 3

 

 

 

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Aktualisiert (Dienstag, den 21. Juli 2009 um 14:40 Uhr)