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[Defining the Distance in Lightyears - Nika]

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Abenddaemmerung der Goetter - Prolog

Prolog

Zu einer Zeit, als die Götter noch auf Erden lebten, in einer für sie errichteten Stadt mit Namen Raküén, herrschten sie über die Menschen in einer absoluten und sehr strengen Weise.
Da sie die Welt unter sich aufgeteilt hatten, kam es des öfteren unter ihnen zu Eklat darüber, wie die Menschen zu behandeln seien. Die Götter der verschiedenen Länder regierten mit unterschiedlichsten Regeln und Gesetzen über ihre Gebiete.
Einer behandelte die Menschen als gleichberechtigt und andere schätzten sie geringer als das Vieh auf den Feldern und das Wild in den Wäldern. Eins stand fest: Diesen Göttern mußte ohne Widerspruch gehorcht werden, denn sie hatten wahrlich göttliche Kräfte zur Verfügung um die Menschen einzuschüchtern oder gar zu vernichten.
Über diesen Göttern der verschiedenen Gebiete herrschte ein göttliches Paar, dessen Autorität von allen anderen anerkannt worden war, als der Kaiser alle anderen Götter besiegt hatte. Dieser mächtigste aller Götter hieß Kokana-o und an seiner Seite herrschte, fast ebenso mächtig wie er selber, seine Gemahlin Chikara.
Einige der anderen Götter waren ihre eigenen Kinder, doch da das Leben in Unsterblichkeit sehr langweilig war, kam es sehr häufig vor, daß sich einer von beiden einen anderen Partner suchte, um dort ein wenig Abwechslung zu finden.
Chikara war außerdem auch noch die Göttin der Schatten und des Strebens nach Macht, Einfluß und absoluter Autorität. Kaufleute und Bankleute hatten sie zu ihrer persönlichen Schutzgöttin erklärt, ebenso wie einige der menschlichen Lords, die den göttlichen Herrschern dienten.

 

Kokana-o war ein Mann der sich an Macht und Autorität ebenso erfreute, wie seine Gemahlin. Er liebte zudem auch noch Spiele, die meist ziemlich brutal waren, um seine Langeweile zu vertreiben. Manche Götter sahen solche Spiele ebenfalls gern, bei denen meist Menschen gegeneinander oder gegen Tiere kämpfen mußten. Wenn Kokana-o Lust hatte verschmolz er einige Tiere zu Monstren und stattete diese mit besonderen Kräften aus, diese Ungeheuer kämpften dann auch mit Menschen oder gegen einander. Diese Spiele vermochten sein Interesse zu erwecken, auch die Musik von Ongakka, der Göttin der Musik, vermochte ihn von seinem trübseligen Leben ein wenig abzulenken. Menschen übernahmen alle wichtigen und unwichtigen Arbeiten in Raküen, so daß für die Götter nur die Langeweile blieb.

Chikara hatte sich es angewöhnt ihre eigenen kleinen Machtspiele zu spielen. Sie spielte auch gerne mit allen männlichen Wesen, solange sie noch nicht von ihr verführt worden waren, war sie eine bezaubernde und sehr anhängliche Schönheit. Sobald aber das Herz des Betreffenden bloß lag und er sich unsterblich in sie verliebt hatte, ließ sie ihn ihre Unnahbarkeit und Ablehnung spüren. Oft gab sie diesen Männern dann eine unlösbare Aufgabe, wie zum Beispiel ihr einen Baum mit goldenen Blättern zu suchen. Sie war eine der ersten, aber bei weitem nicht die einzige Göttin die auch gerne einen allzu menschlichen Mann mit in ihr Bett nahm. Sie liebte es auch glückliche Paare zu entzweien, denn wenn der Mann erst gewonnen war, hatte sie besseres zu tun, als ihn zu beachten oder sein Werben an zu nehmen. Manchmal nahm sie auch die Frauen mit in ihr Bett, doch meistens waren es Männer. Wenn mal wieder einer ihrer ehemaligen Geliebten Selbstmord begangen hatte, erzählte sie Kokana-o davon, den diese Geschichten meist rasend eifersüchtig machten. Manchmal erschlug er auch einen ihrer Geliebten, während sie bezaubernd und zufrieden lächelnd zu schaute.

Als Chikara erfuhr, daß in einem der Länder, die den Göttern unterstellt waren ein ebenso weiser wie nachsichtiger Gott herrschte, der die Menschen mit Respekt und Brüderlichkeit behandelte, beschloß sie, diesem Gott seine Verfehlung der göttlichen Gesetze auf ihre persönliche Art klarzumachen.

Das Land in dem der besagte Gott herrschte lag sehr nahe an den Eisbergen und war karg und öde. Nur einer der Götter war mit diesem Land einverstanden gewesen: Keizuko. Seit er dieses Land unter seiner Herrschaft hatte, war er nie mehr in Raküen aufgetaucht. Keiner konnte sich genau erinnern, wie er aussah und wie seine Persönlichkeit gewesen war, also beschloß Chikara in ihrer offiziellen Position, als Kaiserin, Keizuko aufzusuchen. Sie stellte einen Troß zusammen, der ihr allen Luxus garantierte und begab sich auf die Reise in das ferne Land Kokyo. Für einen Unsterblichen ist die Dauer einer Reise unerheblich, dennoch trieb Chikara ihre Karawane zur Eile an. Auf ihrer Reise kehrte sie immer wieder in den Palästen der Götter ein, deren Länder sie gerade durchquerte. Das ließ den Respekt vor ihr erneut wachsen, denn sie war machtvoll und wo sie Verstöße gegen die Gesetze sah, rollten Köpfe und Posten. Die Paläste wurden von den Menschen auch Tempel genannt, in denen sie ihren Göttern huldigten. Besonders gesegnet waren die, welche den Göttern in ihren Tempeln dienen durften und die Priester. In jedem Land gab es auch einen Tempel, der das kaiserliche Paar pries und in den entsprechenden Orten auch Tempel für Götter, die symbolisch für Eigenschaften standen.
In manchen Orten wurde Chikara direkt als Göttin verehrt, manche mit Musikakademien verehrten Ongakka. So zog der prächtige Troß, der ohne Mühe ein Dorf hätte füllen können, weiter in Richtung Nordost.

Als sie das Land Kokyo erreichten, gefiel ihr gleich das karge Ambiente nicht. Es war kein Begrüßungskomitee erschienen und auch kein Führer. Chikara war erbost über den mangelnden Respekt, der ihr hier gezollt wurde. Sie befahl ausfindig zu machen, wo Keizuko sich aufhielt und unverzüglich zu diesem Ort zu eilen.
Ein Abgesandter erfuhr in einem kleinen Dorf, wo sich der Palast befand und befahl einem der Bewohner, die Kaiserin dorthin zu führen. Die Bewohner des Dorfes schienen der Gottkaiserin gegenüber ziemlich mißtrauisch zu sein, dennoch führte ein Mann die Kaiserin und ihr Gefolge weiter in Richtung Nordost.
Der Troß bewegte sich also zu dem Palast des Gottkönigs Keizuko. Der Palast erschien und sofort erkannte man, daß die Tore für alle offen standen und reges Treiben innerhalb der Palastmauern herrschte. Ein Markt fand innerhalb der Mauern statt und ein Mädchen tanzte zum Vergnügen der Zuschauer leicht bekleidet und elegant. Es herrschte allgemeine Feierstimmung und jeder schien fröhlich und unbesorgt. Den einem Gott gebührenden Respekt vermißte Chikara allerdings, es schien eine ungezwungene Atmosphäre zu herrschen.
Der Führer wurde von einer Gruppe Männern freudig begrüßt.
"Was ist das für ein Gefolge, daß du mitbringst, Schiige?" fragte einer von ihnen den Mann.
"Diese Dame sagt, sie wäre Chikara, die Gottkaiserin aus Raküen. Sie möchte mit unserem König sprechen." antwortete Schiige. Dann verbeugte er sich und verschwand ohne weiteres Wort in der fröhlichen Menge.
"Werdet Ihr mich nun zu Eurem König bringen oder nicht?" kam eine ungeduldige Frage der Gottkaiserin. Der Mann, dessen Name Chuji lautete starrte die schöne und kalte Frau an. Wenn sie eine Gottkaiserin war, dann konnte er davon nichts bestimmtes erkennen. Sie saß auf einem Thron, der von hundert Männern getragen wurde, der Thron bestand aus feinstem Elfenbein. Das unglaublich lange , schwarze Haar war um sie herum drapiert, so daß jedem der seidige Glanz auffallen mußte. Ihre Augen hielt sie verführerisch halb geschlossen, Chuji konnte ihre Farbe nicht erkennen. Er schluckte. Vielleicht war sie keine Gottkaiserin, aber mit Sicherheit war sie die schönste und beeindruckendste Frau, die er je erblickt hatte.
"Ihr könnt mit diesem Gefährt nicht zu ihm, Euer Hoheit. Die Pfade in den Bergen sind viel zu schmal." stammelte Chuji und fiel auf die Knie.
Also mußte Chikara ihre vielen Dienerinnen und Sklaven zurücklassen und in eine einfache Sänfte umsteigen, die von nur vier Männern getragen wurde. Chuji ging voraus und die Leibgarde der Kaiserin folgte ihnen, in der Mitte fühlte sich die Gottkaiserin schon allein durch diesen Aufstieg in die Berge aus Äußerste beleidigt. Wenn sie feststellen mußte, wie sehr die uralten Gesetze von Keizuko gebrochen wurden, würde er sowieso von Kokana-o streng bestraft und wahrscheinlich sogar getötet werden.
"Wir sind angekommen, Eurer Hoheit, dort hält sich Keizuko-o auf." berichtete Chuji, der auf ein paar Häuser auf einem Hügel zwischen wogenden Reisfeldern zeigte. Doch das Haus war leer und Chikara dachte sich gerade aus, wie sie Chuji bestrafen könnte, als sie Lärm hörten. Lachen, Beifall und laute anfeuernde Rufe. Chikara hatte keine Lust wieder in die Sänfte zu klettern, also lief sie zu den Geräuschen, die aus dem Hinterhof erklangen.
Es bot sich ihr ein Anblick, den sie nicht erwartet hatte. Mehrere Männer zogen an einem Stück Seil, um einen Stamm aufzurichten, der wohl den einen Teil des Daches für ein neues Haus halten sollte. Frauen und Kinder standen rundherum und riefen: "Nur noch ein Stück! Weiter so...!" und ähnliches.
Es brandete Applaus auf, als der Stützbalken aufgerichtet war.
Chuji, der neben Chikara stand, rief: "Schaut, dort ist Keizuko-o doch!" und zeigte auf die Männer.
"Seit wann nennst du mich denn Keizuko-o, Chuji-ototo?" rief einer der Männer zurück. Dann kam er durch das Gedränge zu Chuji.
"Ich hätte dich ja mitgenommen, wenn ich gewußt hätte, wie interessiert du an Richtfesten bist!" lachte der Mann.
"Seid ihr Keizuko-o, Diener seiner kaiserlichen Majestät Kokana-o aus dem Geschlecht derer, die aus Raküen stammen und aus dem Clan Hakari?" unterbrach Chikara das Gespräch.
"Ich bin es. Und wer seid Ihr?" gab Keizuko zurück.
"Ich bin Chikara, Eure Gebieterin und Gemahlin von Gottkaiser Kokana-o." antwortete sie mit einem grausamen Lächeln und nun sah Keizuko, der sie zuerst überhaupt nicht ernst genommen hatte, ihr ebenfalls lächelnd ins Gesicht.
"Es freut mich, Euch in meinem Reich begrüßen zu dürfen!" grinste er und verbeugte sich tief. Chikara fragte sich, ob sie wirklich gesehen hatte, was in ihrem Gedächtnis so klar erschien, diese flirrenden grünen Augen, die all das Leben in sich vereinigten, das sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Äußerlich hatte er ansonsten keinerlei Anzeichen seiner Göttlichkeit. Er trug kein "drittes Auge" auf der Stirn. Seine langen metallisch glänzenden anthrazit farbenden Haare hatte er nachlässig mit einem Lederband zu einem Zopf gebunden, aus dem einige Strähnen geschlüpft waren. Seine Kleidung unterschied sich in Nichts von der seiner Untergebenen. Sie hoffte, er möge ihr noch einmal seine Augen zeigen.
"Weshalb beehrt Ihr mich mit Eurer erlauchten Präsenz?" fragte Keizuko und Chikara wünschte sich, er möge sie weniger offiziell ansprechen und ihr noch einen Blick in seine Augen gewähren.
"Ich komme in offizieller Mission und werde sehen, ob die alten Gesetze auch hier befolgt werden. Mir ist zu Ohren gekommen, daß Ihr ein wenig nachlässig seid in Eurem Umgang mit den Sterblichen!" Chikara nahm ihre unnahbare Haltung ein. Keizuko verbeugte sich.
"Wir treffen uns im Palast, Chikara-sama. Ich werde dort sein, wenn ihr ankommt, dort besprechen wir alles weitere. Ich werde Gemächer für Euch und Eure Eskorte richten lassen." schlug er vor und Chikara nickte einmal sehr hoheitsvoll. Dann setzte sie sich wieder in die Sänfte, die sie haßte, und ihre Eskorte brach wieder auf.
Als sie am Palast ankamen, standen einige Bedienstete davor und Chikara erkannte, daß für den Rest ihres Hofstaates bereits gesorgt worden war. Auch war Keizuko schon angekommen, denn er stand, in angemessenerer Kleidung im Palast, um ihr aus der Sänfte zu helfen.
"Noch einmal willkommen in Kokyo, kaiserliche Hoheit Chikara-sama." begrüßte er sie formvollendet.
"Nun Keizuko-o, wie ich sehe, scheint an den Gerüchten einiges wahr zu sein." begann Chikara, doch er unterbrach sie.
"Ihr seid müde und sicherlich sehr erschöpft von der langen Reise in unser fernes Land. Wollt Ihr Euch nicht erst einmal ein wenig erfrischen? Hier gibt es eine unterirdische Zisterne in der warmes mineralhaltiges Wasser fließt. Ein Bad in diesem Wasser entspannt Euch sicherlich und dann begebt Euch ruhig zu Bett, wir werden morgen unser Gespräch beginne, wenn Ihr so ausgeruht wie der junge Morgen seid." Er lächelte sie noch einmal an und sie erheischte noch einen Blick auf die Augen, die zu tanzen schienen. Sie erkannte, daß selbst die Pupille dieser Augen nicht Schwarz sondern ein dunkleres Grün war.
Als sie sich in dem warmen Wasser ausstreckte, das tatsächlich so himmlisch war, wie Keizuko es versprochen hatte, zog ein triumphierendes Lächeln über ihr Gesicht. Sie wußte, was sie an ihm mochte und wollte ihn besitzen. Das war ein sehr guter Anfang für einen weiteren Eroberungszug.

Am nächsten Tag erwartete Keizuko sie in einem Raum, der nicht gerade für einen Gott gemacht schien, aber eine gewisse Eleganz ausstrahlte, was vor allem an den edlen Materialien der Möbel und den lebendigen Farben lag. Keizuko bot ihr einen Stuhl an, auf dem sie auch Platz nahm und sich umsah. Sogar viele Dienerinnen und Diener hatten prunkvollere Räumlichkeiten in Raküen, als Keizuko hier. Er wirkte auch durch und durch menschlich und ließ die ätherische Aura vermissen, die Chikara in Anwesenheit anderer ihrer Art normalerweise verspürte. Sie fragte sich, ob er überhaupt noch in Besitz seiner besonderen Fähigkeiten war oder ob er alles aufgegeben hatte. Es war schwer sich vorzustellen, daß Keizuko einst der für Kokana-o härteste Gegner gewesen war, den er nur mit Mühe besiegen konnte und für den er einst eine Auszeichnung seinen Clans angeordnet hatte. Kokana-o hatte es geschafft, das linke Ohr Keizukos zu treffen und ein Teil abzutrennen, dafür hatte Keizuko ihm eine Narbe über dem Herzen verpaßt. Seit der Zeit ihres Zweikampfes wuchsen dem Clan der Hakari ein spitzes Ohr, die eine Auszeichnung darstellten In den Zeiten des Götterkrieges wurden dieses Ohr als Warnung vor den mächtigen Hakari verstanden.
"Ja, Chikara-sama, auch ich habe es noch." beendete Keizuko ihren Gedanken. Er strich seine metallisch glänzenden Anthrazit farbigen Haare zurück und zeigte ihr sein spitzes Ohr.
"Einst war Euer Clan ein treuer und mächtiger Verbündeter des Kaiserhauses. Kein Feind konnte Eurem mächtigen Clan entkommen. Was bewegte Euch dazu, Euch von uns abzuwenden?" fragte Chikara streng.
"Was mich bewegte war Euer Lebensstil und Eure Verachtung für die Sterblichen. Es schien mir nicht recht, diese Leute nur deshalb zu verachten, weil sie kurz leben und die ganze Zeit für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen. Ich habe alles abgelegt und lebe hier als Freund unter Freunden. Mein Leben war leer, bis ich die Kunst zu leben von den Sterblichen erlernte." erklärte Keizuko sanft.
"Das ist Blasphemie, Keizuko-o. Wir sind die Vorbilder der Sterblichen, wir sind ihr Ideal! Nach unserer Schönheit, unserer Unsterblichkeit und unserem Reichtum streben sie." Chikaras Augen wurden zu Schlitzen uns ihr schönes Gesicht drückte beinahe Ekel aus.
"Nicht hier in Kokyo, Chikara-sama. Hier ist ein jeder von den anderen abhängig, da dies kein fruchtbares Land ist. Die Menschen nennen mich ihren Bruder und das bedeutete mir mehr als eine Auszeichnung von Kokana-o. Ich weiß, ich werde für diese Worte büßen, vielleicht sogar sterben, aber ich werde es tun in dem Bewußtsein, daß ich gelebt habe." Seine irisierenden Augen hatte er fest auf ihr Gesicht gerichtet und Chikara bekam einen trockenen Mund. Sie war gespalten zwischen Verlangen und Abscheu. Sie wollte keinerlei so heftige Emotionen verspüren und schlug die Augen nieder.
"Die Strafe wird unser aller Herrscher verhängen, Keizuko-o, nicht ich.", sie versuchte ruhig zu bleiben, dennoch fing ihr Herz unvermutet an heftiger zu schlagen. Sie hatte sehr wohl viele Strafen, nach ihrem eigenen Ermessen während dieser Reise und auch zu vielen anderen Gelegenheiten, verhängt, die meist den Tod für den Bestraften bedeuteten. Außer denen, die für einen Gott gelten mochten. Das durfte sie nicht entscheiden und es bedurfte des speziellen Zepters des Kaisers, um einen Gott töten zu können. Ansonsten waren sie und ihre Art unzerstörbar und unverletzbar. Nur das Zepter mit dem Namen Hametsu besaß die Macht, das dritte Auge eines Gottwesens für immer zu schließen und so seinen Tod zu erlauben.
"Unser Herrscher? Bedeutet das, Ihr ruft mich nach Raküen, Chikara-sama?" , erkundigte sich Keizuko und strich sich mit einer Hand unter seinem Kinn entlang. "Dann werde ich mich zur Abreise bereitmachen. Warum habt ihr nicht eines Eurer selbstgeschaffenen Geschöpfe genommen, um nach Kokyo zu kommen, wenn es Euch nur darum ging, mich zu Euch zu bestellen, dann hättet Ihr Madan, Euren Boten zu mir senden können. Wieso seid Ihr höchstpersönlich gekommen?"
"Keizuko-o, Ihr habt einen wachen Verstand und versteht es, den Dingen sehr direkt auf den Grund zu gehen. Das kennen wir in Raküen nicht. Die Wahrheit ist, daß ich Euch treffen wollte, seid Ihr nun schockiert?" sie beobachtete wie er ihre Antwort abwog. Er drehte sich zu einem Fenster.
"Ihr dürft Euch hier wie zu Hause fühlen, nur glaubt nicht, daß ich Euch die ganze Zeit hier Gesellschaft leisten werde, Chikara-sama. Es gibt viel zu tun, die Ernte steht bevor und ich habe einige Verpflichtungen meinem Volk gegenüber. Ich denke, daß Ihr Euch hier bei uns nur langweilen werdet." führte er aus.
"Dann ist es hier nicht anders als in Raküen. Ich werde bleiben, wenn es Euch nicht zu sehr stört. Und beeilt Euch nicht mit der Abreise, für uns ist jede Zeit pünktlich genug." beeilte Chikara sich zu sagen.
"Wird Euer Gatte, unser aller Herrscher Euch nicht vermissen, Chikara-sama?" fragte Keizuko und zog eine Augenbraue hoch.
"Es ist nicht das erste Mal, daß ich fort bin und es ist auch nicht das erste Mal, daß wir getrennt schlafen!" antwortete sie in einem tiefen und rauchigen Ton.
"Verzeiht mir, daß ich Euch fragte! Das war respektlos und unhöflich." entschuldigte sich Keizuko mit einer Verbeugung und dann wandte er sich zum Gehen.
"Bitte bleibt!" befahl Chikara in einer unsicheren Tonlage, die zwischen Bitte und Befehl schwankte.
Keizuko schaute sie über die Schulter an: "Ich bin ein wenig spät dran, ich habe noch einige Menschen, denen ich Hilfe angeboten habe. Wenn Ihr Euch weiter mit mir unterhalten wollt, dann müßtet Ihr mir folgen."
Er verschwand würdevoll aus dem Raum und ließ eine verblüffte Chikara zurück, deren Verblüffung allmählich Zorn wich über diesen unverschämten Mann, den sie nicht im Geringsten beeindruckt hatte. Sie eilte festen Schrittes in ihre Gemächer, wo sich einige ihrer Leibdienerinnen erschreckt aus ihren Ruhepositionen erhoben. Normalerweise schritt Chikara würdevoll und von mindestens zwanzig Leibwachen begleitet.
"Kaiserliche Hoheit, wie können wir Euch dienen?" fragte eine von ihnen.
"Ich brauche etwas anderes zu Anziehen und beeilt euch!!" befahl sie streng. Durch ihren Befehl löste sie ein riesiges Gewimmel in ihren Gemächern aus, obwohl dieser Wunsch nichts ungewöhnliches war.
Schließlich breiteten sich vor Chikara die schönsten Stoff in edelster Verarbeitung und in den verführerischsten Schnitten aus.
"Das ist nicht das richtige. Ich brauche etwas anderes, stabileres." keifte Chikara, obwohl keiner der Dienerinnen etwas für den Kleidergeschmack der Kaiserin konnte. Chikara sah sich um. Sie musterte eine der Dienerinnen.
"Zieh das aus!" kam ihr knapper Befehl.

Keizuko stand neben Chuji und begutachtete die Ähren , um festzustellen, welche für die Aussaat geeignet schienen, als Chikara vor ihm erschien. Sie trug die für ihre Verhältnisse einfache Kleidung einer Dienerin und ihr Gesichtsausdruck war verbissen.
"Wenn Ihr mir schon den Rücken zukehrt, Keizuko-o, dann muß ich eben zu Euch kommen." schnappte sie.
Chuji sah erstaunt auf die Herrscherin, doch Keizuko lächelte amüsiert.

Die Herrscherin begleitete ihn nun von den Tälern in die Berge und dann wieder zurück. Überall wurden sie herzlich aufgenommen. Chikara hatte sich auf eine kleine Eskorte beschränkt und auch ihre Diener und Garden wurden von den Menschen mit versorgt.
Doch überall wo Keizuko auftauchte, gab es nicht nur Heiterkeit. Manche Leute hatten nichts zu essen, da ein Erdrutsch ihre Felder mitsamt der Ernte vernichtet hatte, oder die Zuchttiere waren von einem wilden Tier gerissen worden. Keizuko half so gut er konnte. Handelte mit anderen, die mehr hatten. Obwohl er göttliche Kräfte hatte, setzte er sie nicht für diese Hilfe ein. Die Menschen liebten ihn und nannten ihn Keizuko-ani, was Bruder Keizuko bedeutete. Für die Menschen in Kokyo war es eine Selbstverständlichkeit, daß ihr Gott und Herrscher ihnen half und sie ihm dafür die Macht überließen. Viele betrachteten ihn nicht als überlegenes Wesen mit übernatürlichen Kräften, sondern als Freund. Sehr selten geschah es, daß Keizuko in seinem Palast aß, er war meistens irgendwo eingeladen oder auf Reisen. Chikara mußte feststellen, daß ihr das Leben als stetig Reisende nicht sonderlich gefiel. Sie beschloß, sobald als möglich Keizuko zu verführen und dann zu Kokana-o zurückzukehren, um dort zu berichten. Doch das stellte sich als gar nicht so einfach heraus, da sie nach den Tätigkeiten und Strecken des jeweiligen Tages immer todmüde auf ihr Lager sank und froh war, wenn sie ein wenig Schlafen konnte. An Verführung war nicht zu denken. Keizuko hingegen war in seinem Element. Er liebte die Reisen durch Kokyo und die Menschen, die er dabei traf. Jedes neue Leben, daß innerhalb seiner Abwesenheit geboren worden war, wurde ihm vorgestellt. Viele junge Mädchen himmelten ihn an, sie schienen nicht davon abgeschreckt zu sein, daß er als übernatürliches Wesen zu betrachten war und kein normaler Mann. Voller Verachtung beobachtete Chikara die glänzenden Augen und sehnsuchtsvollen Blicke, die Keizuko verfolgten. Keine Sterbliche konnte ihm je das bieten, was sie zu bieten hatte. Sex zwischen Unsterblichen war von betonter Langsamkeit, Chikara hatte von der Göttin der Verliebten erfahren, daß diese einmal ein Menschenleben lang mit ihrem ewigen Geliebten vereint gewesen war, bevor sie erschöpft für ein paar Jahre voneinander gelassen hatten. Chikara hatte zu viele Pflichten, als daß sie es dieser Göttin hätte nachahmen können, doch sie hatte schon daran gedacht, es einmal zu tun.

So vergingen einige Wochen und Chikara dachte schon daran, daß gesamte Land in Schutt und Asche zu verwandeln, wenn sie nicht bald wieder in zivilisiertere Gegenden kommen würde, als sie wieder vor dem Palast standen, nur diesmal aus einer anderen Richtung
"Hat Euch der Ausflug in mein Land gefallen, verehrteste Herrscherin?", wagte Keizuko, ein wenig grinsend, zu fragen.
Chikara war zu erschöpft um sich mit ihm zu streiten und nickte deshalb nur matt. Dann sank sie in tiefen Schlaf, der vor allem der Erleichterung zu verdanken war, daß sie endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen konnte.
Als sie schließlich erwachte, erblickte sie ihre Kleidung und ihren gewohnten Hofstaat und lächelte das erste Mal wieder. Nachdem sie ausgiebig gebadet hatte, ließ sie sich sorgfältigst ankleiden. Ihrem Plan, Keizuko endgültig zu vernichten, sollte nun aber nichts mehr im Wege stehen.
Sehr sexy und dennoch elegant ausstaffiert, ließ sie sich auf ihrem tragbaren Stuhl zu Keizuko bringen, der gerade auf der Balustrade seiner Terrasse saß und ein schlichtes, aber bezauberndes Lied auf seiner Flöte spielte, die ihm einst die Göttin der Musik zum Geschenk gemacht hatte. Chikara entließ ihre Träger mit einer schlichten Geste und lauschte.
" Ich spiele eigentlich nicht vor Publikum..." erklärte Keizuko und Chikara erschrak. Sie hatte sich hinter einer Säule versteckt, um sein Spiel nicht zu stören und hatte gedacht, sie sei nicht bemerkt worden. Sie trat hinter der Säule hervor und sah ihn hochmütig an:
" Das habe ich bemerkt. Euer Spiel würde für den Hof in Raküen nicht ausreichen." wertete sie seine Flötenkünste ab. Immer griff er sie an und reizte sie dazu, ihm Paroli zu bieten. Das gefiel ihr nicht, denn eigentlich holte sie die Menschen, und Götter, aus ihrer Reserve, um sie schonungslos bis auf die Knochen bloß zu stellen.
"Deshalb spiele ich ja auch nur hier, wo ich ungestört bin." konterte Keizuko und seine Augen verloren sich in der Aussicht auf die Berge, die in einem leicht rosé farbenen Nebel vor ihm lagen. " Niemand stört mich hier!! Was wünscht Ihr von mir, Verehrungswürdige?"
" Wann seid ihr bereit nach Raküen zu kommen? Es ist nicht länger tragbar, mich hinzuhalten, schließlich bin ich die Herrscherin unseres Universums." forderte Chikara ihn heraus.
" Wenn ich nach Raküen komme, wird Euer Gemahl mich töten, das wißt ihr so gut wie ich. Laßt mir doch noch ein wenig von meiner Zeit, denn sie wird um so kostbarer, da sie nun limitiert ist." bat sich Keizuko aus. Er lächelte sie an: "Euer Gemahl wird noch früh genug das Vergnügen haben, mich zu töten, für ihn spielt die Zeit doch keine Rolle! Genießt Eure Freiheit in einem freien Land, Verehrteste und dann dürft Ihr mich richten." Er wandte sich ab und ließ sie allein stehen, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.

Chuji empfing ihn vor dem Palast und grinste: "Sie ist eine Schönheit..."
"Sie wird mich töten lassen und davor will sie mich noch leiden sehen... Aber du hast recht, schön ist sie. Schließlich ist sie die Mutter aller Götter... Naja, fast aller Götter. Sie ist meine Herrscherin und ich muß ihr gehorchen." Keizuko sah seinen Freund an. Er hatte Chujis Geburt miterlebt und nun würde er nicht mehr für ihn und seine Familie sorgen können. Keizuko vermißte schmerzlich das Leben in Kokyo, noch bevor er überhaupt fort war.
"Wenn sie mich töten läßt, versprich mir, daß du meinem Sohn von mir erzählst und von unserem Leben hier!" Nun wirkte er ernst und traurig. "Bringe ihn hierher, zu meinem Palast und schenke ihm dieses hier." er überreichte Chuji die Flöte.
"Das ist ein Scherz, nicht wahr? Du lügst! Warum sollte sie dich töten lassen? Welcher Sohn? Du hast doch gar keine Kinder. Alle Menschenfrauen sind dir egal..." Chuji war bewußt, daß sein Freund hier in vollsten Ernst zu ihm sprach.
"Ich spreche von der Zukunft, Chuji-ototo. Die Zukunft wird mir einen Sohn und den Tod bringen. Wenn du mir dieses Versprechen gibst, gehe ich leichten Herzens aus diesem Dasein. Mein Sohn wird verstehen lernen müssen, daß die Menschen die wahre Macht auf dieser Welt besitzen und nicht irgendwelche Götter." Keizuko schenkte Chuji einen intensiven Blick aus seinen irisierenden Augen.
"Ich weigere mich zu glauben, daß du sterben wirst, Bruder. Du warst schon am Leben, als meine Urgroßmutter geboren wurde, warum solltest du sterben? Du hast doch große Kräfte, wehre dich doch gegen dein Todesurteil von dieser Chikara!" Chujis Kampfgeist blitzte in ihm auf und er ballte die Hände zu Fäusten.
"Ich legte meine Kräfte ab, als ich mein drittes Auge schloß. Die Kräfte, die ich noch habe sind nichts im Vergleich zu jedem mittelmäßigen Gott! Ich bin schon lange kein echter Gott mehr, da ist es doch nur recht, das ich auch sterbe, wie jedes Wesen. Ich fürchte den Tod nicht, Chuji. Er wird leichter als das Schicksal, daß den anderen Göttern bevorsteht." Keizuko lächelte sanft und Chuji seufzte.
Einige Zeit liefen sie schweigend nebeneinander bis Chuji fragte:
"Woher weißt du das alles?"
"Meine einstige Geliebte Mirai zeigte mir einiges davon. Das ist schon lange her. Chuji, wirst du tun, worum ich dich bat?"
"Das werde ich, das verspreche ich dir bei meinem Leben." schwor Chuji feierlich. Dann hielt er an. "Wenn du recht hast und das die Zukunft ist, dann schwöre ich es nicht nur bei meinem Leben, sondern auch bei dem meiner Nachfahren. Wir werden deinem Sohn beistehen und deine Botschaft ausrichten!"
Keizuko nickte. Er blickte den Weg vor seinen Füßen an:
"Du weißt, wohin du ihn in meinem Palast bringen mußt, nicht wahr?"
Chuji lachte, doch es klang wie eine Klage: "Sicher. Weißt du denn auch schon, wie dein Sohn heißen soll, hm?"
"Sein Name wird Süé sein. Ich bedauere nicht mit dir auf seine Geburt anstoßen zu können, Bruder."
Keizuko wurde traurig, dann holte er tief Luft und schritt entschlossen auf ein paar Leute zu, die auf ihn gewartet hatten. Mit einem wohlwollenden Lächeln hörte sich ihre Probleme an, bedauernd, daß er nicht länger ihre Kinder aufwachsen sehen konnte.

An diesem Abend saß Chikara in einem großen Saal, der vor ihrer Ankunft so gut wie nie benutzt worden war, und ließ sich von ihrem Hofstaat mit Musik und Tanz unterhalten. Sie fand, daß sie wirklich einen guten Platz zum Schmollen gefunden hatte. Wochenlang hatte sie sich nun von diesem Emporkömmling hinhalten lassen, ohne daß er sie auch nur einmal ernsthaft angeschaut hatte oder ihr einen schmachtenden Blick zugeworfen hätte. Sie hatte nur noch das Bedürfnis, zurück nach Raküén zu reisen und den Tod von Keizuko mitzuerleben. Sie hatte in ihrem wirklich langen Leben schon einige Männer gegen deren Willen verführt, doch keiner war so hartnäckig gewesen wie Keizuko. Sie seufzte und ließ sich noch etwas Wein nachschenken.
Die Musik verstummte plötzlich und Chikara sah erstaunt nach der Ursache.
Keizuko machte ein weiteres Zeichen, nachdem die Musik verklungen war und alle Diener verließen den Saal.

"Verzeiht die Unterbrechung, kaiserliche Herrscherin, doch ich wollte allein mit Euch reden." begann Keizuko.
"Ich verzeihe Euch, Keizuko-o. Was ist es, daß Ihr mit mir besprechen möchtet?" Chikara richtete sich auf ihren Kissen auf und sah ihn ein wenig abfällig an, mit dem Gedanken im Kopf, ihn bald tot zu sehen.
"Ich wollte Euch sagen, daß ich bereit bin, nach Raküen mit Euch zu reisen. Wir können gleich morgen aufbrechen. Ich habe Euch lange genug warten lassen, Verehrteste und danke Euch für Eure Geduld. Nun ist die Zeit gekommen, mein Leben neigt sich dem Ende. Ich werde keinen Widerstand leisten, verfügt über mich und mein Leben, Herrscherin." er unterstrich seine Unterwerfung durch einen Kniefall, dann beugte er den Kopf und wartete auf ihre Reaktion.
"Der letzte des Hakari Clans.... Nobel, ehrenhaft und stolz wie zu allen Zeiten." murmelte Chikara, ein wenig überrascht von seiner plötzlichen Unterwerfung. "Wieso der plötzliche Sinneswandel?" verlangte sie zu wissen, doch er antwortete ihr nicht.
Chikara erhob sich und trat zu ihm.
"Dann soll es so sein, Keizuko-o, wir brechen morgen auf. Bestimmt einen Menschen, der Eure Geschäfte weiterführt, bis Euer Stellvertreter ankommt."
"Das habe ich schon. Ich bin bereit zu gehen." Keizukos Stimme klang sanft und gefaßt.
"Bereit zu sterben, seid Ihr das auch?" fuhr sie ihn an.
"Ja, das bin ich. Ich fürchte mich nicht, anscheinend fürchtet Ihr Euch mehr. Bangt für mich mit, Chikara-sama." Keizuko erhob sich und seine Augen waren fest auf ihre gerichtet "Für uns alle gibt es Schlimmeres als den Tod, glaubt mir." Er verbeugte sich und wandte sich um.
"Wartet! Ihr seid anders als alle Götter in Raküen, die ich kenne. Jemanden, der den Tod nicht fürchtet, gibt es unter den Unsterblichen nicht." Sie eilte zu ihm und ergriff seine Hände. "Ich... ich wollte Euren Tod, doch jetzt bewundere ich Euren Mut. Schenkt mir etwas davon, seid nicht geizig. Ich hoffte Euch erniedrigen zu können, doch dieser Versuch ist mir mißlungen. Verzeiht mein Verhalten..."
Keizuko zog seine Hände aus den ihren.
"Es gibt nichts, was ich Euch geben kann. Ihr seid meine Herrscherin, ich beuge mich Euch. Wir werden morgen aufbrechen und mein Leben wird in Raküen enden, wo es auch begann. Schlaft gut, Chikara-sama." er wandte sich von ihr ab und verschwand.
Verwirrt blieb Chikara zurück.
Sie hatte was sie wollte und doch auch nicht. Ihr Auftrag war erfüllt und sie konnte mit gutem Gewissen nach Raküen zurückkehren, doch ihr kleines Spiel hatte nicht geklappt. Sie wollte so gerne sehen, wie dieser Mann sich in ihren Händen wand, wie sie ihm die Lebensenergie rauben konnte und endlich sein lästiges Lächeln von seinem Gesicht wischen konnte. Dennoch verspürte sie Sehnsucht nach ihm, sein so schwer zu eroberndes Herz sollte nur ihr gehören. Nur ihr. Sie fürchtete sich ein wenig vor ihm, da sie ihn nicht beherrschen konnte. Diese Nacht war die letzte Gelegenheit, ihn in zivilisierter Umgebung zu verführen und festzustellen, ob seine Unbezwingbarkeit sich auch im Liebesspiel fortsetzte!

Sie befahl ihren Dienerinnen, die verführerischsten Stoffe und Düfte herauszusuchen und sie für eine Nacht ohne Gleichen vorzubereiten. Allein der Wert des Haarschmuckes, den sie nun aufsetzte, war ein Königreich wert. Sie ließ sich so perfekt herrichten, daß man sie für eine Vision halten konnte.
Alle Dienerinnen schlugen entzückt ihre Hände zusammen und Chikara nickte, dann befahl sie allen, sie in dieser Nacht nicht mehr zu stören.
Allein und ohne Eskorte eilte sie zu den Gemächern von Keizuko.
Sie öffnete die Türen selbst denn wie immer hatte er keine Bediensteten oder Wachen um sich, und fand ihn im Schneidersitz vor dem Kamin in seinem Raum sitzend und in die Flammen starrend.
Er drehte sich um und lächelte:
"Ich habe dich erwartet..."
Chikara zuckte zusammen: er spielte mit ihr. Er hatte gewußt, was sie vorhatte und sie bewußt zappeln lassen. Sie verharrte in ihren Schritten und fühlte sich sehr entblößt.
"Um ehrlich zu sein, habe ich dich schon sehr lange erwartet." fuhr Keizuko fort. Er musterte sie und lächelte. Es war kein überhebliches, sondern eher ein mitleidiges und gequältes Lächeln, daß Chikara eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
Ohne ein weiteres Wort kam er auf sie zu und mit trauriger Zärtlichkeit hob er ihr den kostbaren Schmuck vom Kopf und striff ihr den teuren Umhang von den Schultern. Sie wirkte sehr verletzlich und dadurch auch wesentlich schöner.
"Kein Schmuck braucht deiner Schönheit zu schmeicheln." murmelte Keizuko leise und Chikara sehnte sich danach, mehr Sätze von dieser Art zu hören. Sie merkte, daß sie atmete um diese Worte zu hören, um seinen Blick auf ihrer Haut spüren zu können und um seine Augen in ihr Innerstes tauchen zu lassen. Sie fühlte sich sehr viel lebendiger als in all der Zeit zuvor, an die sie sich erinnern konnte. Sie entdeckte in ihrem Herzen schon eine Vorahnung des Schmerzes, den Keizukos Verlust mit sich bringen würde und so wurde ihr Gefühl nur noch vertieft.

Er berührte sie nicht noch einmal, obwohl ihr Blick ihn darum anflehte.
Keizuko haderte mit sich, seinem Schicksal und der Zukunft. Er wünschte sich, daß er handeln konnte, den Tod und das Schicksal betrügen und mit dieser Frau seine Ewigkeit verbringen könnte.
Er hatte versucht, sie nicht zu begehren.
Er hatte versucht dem Schicksal zu entkommen und sie schlecht und abfällig behandelt.
Versuchte sie von sich fernzuhalten.
Sich bloß nicht zu verlieben!
Alles umsonst.
Als Chikara sich gegen ihn lehnte und flüsterte:
"Halt mich, denn ich verliere mich...!" war alles Zaudern und Hadern vergessen.
Er schloß seine Arme um sie und atmete ihren Duft ein. Sie blickte ihn mit tränenverhangenen Augen an.
Welche Kraft trieb sie dazu, diesen wenig göttlichen Mann attraktiv zu finden. Warum schmerzte ihre Seele bereits jetzt von seinem Verlust? War dies die von den Sterblichen so vielbeschworene und hochgeschätzte Liebe? Oder zwangen sie hier noch andere Mächte?
Sie, die mächtigste unter den Göttinnen, fühlte sich hilflos wie ein Ast im Sog eines Wasserfalls.
Ähnlich empfand auch Keizuko.
Wie Ertrinkende klammerten sie sich aneinander, nicht wissend, daß eben sie füreinander keinen Halt bieten konnten. Ihre Leidenschaft war von einer solchen Verzweiflung, daß beide weinten.
Viel zu schnell verging die Nacht, schon graute der Morgen, als schon die Dienerinnen sich auf die Suche nach ihrer Herrin machten.
Nach einem letzten sehnsüchtigen Kuß verließ Chikara Keizuko und eilte in ihre Gemächer, um dort eine verschlafene Kaiserin zu spielen.
Ihre Dienerinnen fanden sie dort und beeilten sich, sie für die Reise anzukleiden. Chikara ließ dies mit sich geschehen wie eine Puppe, auch als Keizuko sich vor ihr hinkniete und sich endgültig in ihren Gewahrsam übergab, zeigte sie keine Regung und auch ihr Inneres blieb leer, weil jegliches Anzeichen von Gefühl zu gefährlich war.
Ihre von vier mal hundert Mann getragene Sänfte wurde hochgehoben und die Reise begann.
Obwohl Keizuko ein Gefangener war, wurde er wie ein Gott behandelt. Er reiste auf einem edlen Pferd und wurde von einer Leibgarde und einer Wache im Auge behalten. Diener erfüllten alle seine Wünsche.
Als sie die Landesgrenze überschritten, erhob sich ein unheimliches Heulen. Der prunkvolle Zug hielt ein und das Bild, welches sich ihnen bot, war eines, daß Keizuko in seiner Entschluß wanken ließ.
Hunderte von Menschen hatte sich an dem Bergpaß eingefunden und schrien ihre Klage über den Verlust ihres Gottkönigs und Freundes hinaus. Keizuko beugte das Haupt und zollte so seinen Respekt an sein Volk. Als er wieder aufblickte, konnte jeder deutlich die Tränenspuren auf seinen Wangen sehen.
Daraufhin beugten auch alle Menschen ihre Häupter und die Klagen verstummten. Keizuko ließ die Zügel los und sprach:
"Danke, daß ihr gekommen seid. Ich verlasse Kokyo schweren Herzens und mein letzter Gedanke wird der an eure Freundlichkeit und Güte sein. Ich schulde euch mehr, als ich jemals wieder gutmachen könnte. Aber ich verspreche euch dies: Eure Tage als Untergebene werden bald vorbei sein!!"
Damit endete er seine Rede und trieb sein Pferd an.
Chikara schluckte und gab ihren Männern ein Zeichen. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung.

Sie nahmen den Weg, den Chikara gekommen war. Während sie auf das Landesinnere, auf das Zentrum des Universums zuritten, gab es keine Gelegenheit, die Chikara verpaßte, um in der Nähe Keizukos zu sein, aber so leidenschaftlich er in ihrer Liebesnacht gewesen war, so kalt erschien er jetzt. Er ignorierte sie geflissentlich und schien seinen eventuellen Gefühlen keinerlei Spielraum mehr zu lassen.
Chikara begann ihr Äußeres zu vernachlässigen und viele ihrer Untergebenen wunderten sich, wo der Anspruch auf Pracht und Luxus geblieben war...
Sie verbrachte ihre Tage in stummer Verzweiflung, die immer mehr ihren Verstand zu rauben drohte. Wie konnte sie jetzt, nachdem sie festgestellt hatte, wie kostbar und unentbehrlich Keizuko für sie war, ihn in den sicheren Tod führen?
Die Zweifel an ihren Taten nagten an ihrem Selbstbewußtsein. Schließlich hatte sie gewollt, daß er bestraft und für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wurde. Es kam ihr vor wie ein schlechter Scherz, daß jetzt, da ihr Leben begonnen hatte, es auch wieder enden sollte.
Keizuko ritt stumm und ohne ersichtlichen Kampf seinem Ende entgegen. Seine Gelassenheit bereitete Chikara noch mehr Kopfschmerzen. Sie begann nach Wein und anderen Rauschmitteln zu verlangen. Für ihre Untergebenen war es kein Problem, ihr solche zu beschaffen.
Aber auch im wohligsten Rausch konnte sie ihren Schuldgefühlen nicht entkommen. Ihre Phantasie quälte sie mit Bildern von Keizukos Kopf, der über den Mosaikboden des Palastes in Raküen rollte oder sie erblickte in ihren Träumen voller Schrecken, wie Keizukos Herz von einer Chimäre herausgerissen und verspeist wurde.
Es war kaum zu übersehen, daß ihr Verstand unter dieser Vorstellung litt. Sie hörte auf, ihre Haare zu bürsten und sie ließ ihre Kleider immer mehrere Tage an.
Sie litt und quälte sich so sehr, daß sie eines Nachts, drei Tage bevor sie Raküen erreichen sollten, trotz Etikette und Ehre, ihre Unterkunft verließ und die von Keizuko aufsuchte.
Wie ein Schatten ihrer Selbst wirkte sie mit ihren verwirrten Augen und ihrem traurigen Mund, als sie seine Unterkunft betrat.
Erstaunt blickte Keizuko auf und stellte seinen Tee beiseite.
"Was tut Ihr hier?" fragte er in ehrlicher Verblüffung.
"Ich mußte Euch sehen, Keizuko. Ich kann den Gedanken daran, daß Ihr sterben werdet nicht ertragen. Das schaffe ich nicht, versteht Ihr?" erklärte sie gehetzt und musterte sein Gesicht voller Sehnsucht.
Keizuko machte eine kleine Geste und alle Diener und Wächter verließen seine Unterkunft.
"Ihr verstoßt gegen die Etikette, Chikara-sama. Ihr wißt doch, daß an meinem Urteil nichts zu ändern ist. Ihr solltet es akzeptieren, so wie ich es akzeptiere. Mein Tod sollte Euch nicht so zu schaffen machen. Ich bin nicht Euer erster Geliebter, dem der Tod widerfährt. Es gab viele vor mir und um diese habt Ihr Euch wohl kaum gesorgt wie um mich. Versucht zu verstehen, daß Eure Verzweiflung nichts ändern wird."
Chikara ließ ihren Kopf hängen und bittere Tränen tropften auf den Boden:
"Ihr versteht ebensowenig, Keizuko! Ich möchte, daß Ihr lebt! Ich bitte Euch inständig: Lauft davon!! Flieht, solange wir noch nicht in Raküen sind. Ihr könntet entkommen und weiterleben! Ich bitte Euch! Bitte, versucht Euer Leben zu retten!"
Keizuko schüttelte sanft den Kopf. Sein Blick war gütig und traurig, als er ihre Hand ergriff und leise sagte:
"Ihr wißt, daß ich das nicht tun werde. Ich kann meinem Schicksal nicht entkommen, genausowenig wie Ihr."
Chikaras Gesicht wurde hart:
"Was sagt Ihr da? Wovon redet Ihr? Wir sind Götter! Wir machen die Schicksale der Menschen, wir haben keines. Unser Schicksal machen nur wir selbst. Ich kann nicht glauben, daß Euer Verrat an unserer Art so weit gehen könnte. Götterschicksal steht nirgendwo geschrieben und kann nicht bestimmt werden! Nie werden wir uns von so etwas lenken lassen!!"
Ihre Stimme war hart und voller Zorn, als sie ihn über dieses Thema belehrte, doch sein Blick blieb sanft, als ob er sie bedaure.
"Wenn Ihr das sagt, Herrscherin." erklang seine Stimme und er verbeugte sich. Chikara war gekommen um ihn zu retten, doch daß wollte er nicht. Sie hatte auch eigentlich keinen Streit gewollt, aber dieser Mann provozierte sie immer. Jetzt starrte sie ihn an und erkannte, daß ihr Flehen keine Wirkung erzielen würde. Sie wußte nun, daß er sterben würde und damit auch das Gefühl in ihr, das jetzt erst erwacht war. Sie sank in sich zusammen und schluchzte:
"Warum tut Ihr mir das an? Warum wollt Ihr nicht weiterleben?"
Keizuko ließ sich an ihrer Seite nieder und legte eine Hand auf ihre Schulter:
"Ihr werdet sehen, was ich nicht mehr sehen kann und darum beneide ich Euch. Ihr könnt ihn berühren und mit ihm sprechen... Ihr werdet erleben, was mir versagt werden wird. Chikara, darum beneide ich Euch nicht. Ihr solltet nicht um mich trauern. Mein Leben war lang und erfüllt und obwohl ich jünger bin, als ihr, erinnere ich mich an mindestens 8000 Sommer, die mir alle lieb sind, wenn ich so zurückschaue. Ich werde jetzt ein letztes Mal meinen alten Freund Kokana wiedersehen und all meine alten Bekannten. Mit Freude sehe ich der Erfahrung eines anderen Zustandes entgegen. Der Tag wird kommen, an dem ihr erkennt, warum ich mich so entschied. Nun trocknet Eure Tränen, Ihr habt schließlich ein Kaiserreich zu regieren!"
Chikara erhob sich und nickte tapfer. Sie fühlte, wie er sie hinausbegleitete und einen Wächter bat, sie in ihre Unterkunft zu begleiten.
Dort legte sie sich erschöpft auf ihre Bettstatt und starrte an die Decke. Leise verfluchte sie Keizuko und dann rief sie ihre Dienerinnen, damit diese ihr Haar richten sollten.
Erleichtert kamen diese der Aufforderung von ihrer Herrscherin nach. Dann zog Chikara ihre kostbarste Robe an und ließ sich einen jungen Mann zu ihrem Vergnügen bringen. Doch das Vergessen stellte sich dennoch nicht so recht ein und sie warf den jungen Mann nach ein paar Stunden raus.
Sie lag wütend und unbefriedigt auf ihrem Bett, konnte nicht schlafen und wollte Keizuko verachten und hassen. Es gelang ihr nicht.

Als sie weiterzogen, bemühte sie sich, Keizuko zu ignorieren, doch sie ertappte sich dabei, wie ihr Blick in seine Richtung glitt. Sie erlegte sich selbst eine harte Disziplin auf und richtete ihren Blick starr auf den Weg und in die Richtung, in der Raküen lag. Dennoch fühlte sie wie innerlich ihre Panik wuchs und ihre Angst ein lebendiges Raubtier wurde, daß ihre Eingeweide genüßlich auffraß.

Zu dem Zeitpunkt, als die ersten Turmspitzen von Raküen in Sicht kamen, wirkte sie äußerlich gelassen, doch ihr Herz pochte und ihre Kehle war staubtrocken. Aus den Toren strömten die Menschen, um ihre Herrscherin zu begrüßen und sie gebührend zu empfangen. Blüten wurden auf den Weg in die Stadt gestreut und ein paar Trompeter begannen sie lautstark anzukündigen. Chikara richtete sich auf ihrem Thron auf und nahm das unnahbare Gesicht und die Haltung einer Statue an. Alle, die sie jetzt ansahen, hatten sofort das Gefühl, daß sie es mit einem übernatürlichen Wesen zu tun hatten und daß diese Frau die schönste und kälteste war, die sie in ihrem Leben anschauen würden.
Chikara war an die Blicke der Leute, die sie vergötterten, gewöhnt. Sie wußte, daß sie um jeden Preis den Ruf der Götterwelt retten mußte, ihre starre Haltung wirkte deshalb fast noch ein bißchen steifer als sonst.

Keizuko betrachtete den Ansturm und machte ein freundliches und menschliches Gesicht und wirkte wie einer der Diener, wenn man von seinen unnatürlichen Augen absah.
Er fühlte, daß er über die Zeiten, in denen er Verehrung und Jubel gebraucht hatte, hinweg war und daß ihm das Lächeln seiner Freunde die schönste Begrüßung war. Schmerzlich vermißt er Chuji und dessen Familie, die ihm stets das Gefühl vermittelt hatten, einer der ihren zu sein. Ebenso vermißte er es, einfach durch die Straßen seiner Stadt zu schlendern und dabei die Menschen bei ihrer täglichen Arbeit, ihrem Lachen und den Aufblitzen dieses Feuers, das durch die Kürze ihrer Existenz angefacht wurde zu beobachten.
In solchen Augenblicken wünschte er sich, einer der Menschen zu sein, doch dann wußte er , daß er als Gott viel mehr für sie tun konnte. Er war ihnen so nah, wie er es sein konnte und dennoch für immer von ihnen getrennt.

Nun, als sie den Torbogen durchritten, ließ er alles hinter sich, auch das Gefühl des Verlustes, er war frei und blieb es bis in alle Ewigkeit. Doch nicht ganz, etwas fesselte ihn noch an diese Welt. Doch die Zeit bis zu seiner endgültigen Loslösung schien ihm unbedeutend im Gegensatz zu der Zeit, die er schon gelebt hatte.
Frieden kehrte auf seinem Gesicht ein.

Der Weg zum Palast an sich, war ein einziger Jubelzug, an dessen Ende die Karawane im Innenhof des Palastes ankam.
Der Gottkaiser selbst, Kokana-o, betrat den Hof, um seine Gattin in Empfang zu nehmen. Chikara schritt anmutig, wie es keine menschliche Frau konnte, die vielen Treppenstufen ihrer Sänfte hinunter und dann kniete sie sich vor ihrem Mann nieder.
"Mein göttlicher Gemahl, ich bin wieder an deiner Seite, von heute an." konnte jeder ihre Stimme klar und deutlich vernehmen.

"Willkommen zurück, Chikara. Du hast den Auftrag ausgeführt, den ich dir gab, wie ich sehe. Komm und ruhe dich aus." Kokanas Stimme war sehr kalt. Dann blickte er zu Keizuko und nickte:
"Auch dir: Willkommen in Raküen, Freund! Wir haben uns lange nicht gesehen und die Umstände sind nicht sehr erfreulich."

"Du hast recht, Kokana-o, die Umstände sollten erfreulicher sein. Ich bin gekommen, um mein Leben hier zu beenden!" Keizuko stieg vom Pferd und kniete sich dann auch vor ihm hin.
"Ich gebe mich in deine Hand, o Herrscher." ergab er sich und Kokana seufzte.
Dann kamen ein paar Diener und geleiteten Keizuko in seine Gemächer. Ein Gefängnis war nicht von Nöten, aus Raküen gab es kein Entkommen. Die Präsenz von einer solchen Anzahl von Göttern machte eine Flucht unmöglich und Keizuko hatte auch immer noch nicht vor, davon zu laufen.
Er nahm ein schlichtes Mahl zu sich und ließ sich dann von den Dienern für ein weiteres Erscheinen vor dem kaiserlichen Paar einkleiden.
Auf welche Art auch immer, sein Leben würde bald ein Ende finden. Wenn es schmerzhaft werden sollte, dann würde er die Schmerzen ertragen und den Tod willkommen heißen. Fast sehnte er sich danach, das Leben endlich zu verlassen, denn das Warten schien nun nur noch lästig und nicht länger süß und reizvoll zu sein.
Die Tür zu seinen Gemächern öffnete sich und er wandte sich um.
Herein kam Mirai, die Göttin, die immer in die Zukunft sah, obwohl ihre Augen blind waren. Sie lächelte erfreut und zugleich traurig.
"Ich freue mich, dich noch einmal treffen zu können, Keizuko." erklang ihre sanfte und geheimnisvolle Stimme. Keizuko erhob sich und schritt auf sie zu.
Vor vielen Jahren waren sie einmal verliebt gewesen und jeder hatte geglaubt, er und Mirai wären das zukünftige Kaiserpaar, als es zu den Bruderkriegen unter den Göttern kam.
"Mirai, du bist schöner, als mein Geist mir vorzugaukeln pflegte. Ich bin hier aufgrund deiner Voraussage. Erinnerst du dich? Du sagtest, daß es so kommen würde..." nachdenklich sah er seine ehemalige Geliebte an.
Ihre Augen waren immer geschlossen, so daß ihre Farbe nicht erkennbar war. Ihre langen tannengrünen Haare trug sie über ihrem Arm und das Kleid war mit Zeichen und Formeln übersät. Keizuko dachte kurz daran zurück, wie gut sie sich einst verstanden hatten, wie sehr ihre Körper zueinander gepaßt hatten und wie sie ihm eröffnet hatte daß er einst der Geliebte von Chikara werden würde.
"Ich? Niemals! Lieber werde ich der Geliebte einer Menschenpferdechimäre."
Das hatte er damals gesagt, aber als der alte Kaiser Harish getötet wurde, durch Verrat, wie Mirai es vorausgesehen hatte, da hatte er begriffen, daß noch mehr von ihren Prophezeiungen nicht nur für Menschen, sondern auch für die Götter galten.
Als sich dann Kokana mit Waffengewalt und dem Zepter den Thron erkämpft hatte und Ruhe nach Raküen einkehrte, besann sich Keizuko.
Er schauderte beim Anblick der menschlichen Opfer der göttlichen Auseinandersetzung, die auf den Schlachtfeldern für ihren Gott den Tod gefunden hatten. Er fühlte sich traurig, wenn er die geplünderten Städte und Dörfer betrachtete und sah, daß die Menschen hungerten, weil sie keine Ernte einholen konnten, da sie gekämpft hatten, oder die Felder niedergebrannt worden waren.
Als er an einem Tag über ein Ruinenfeld schlenderte und sein Herz schmerzte, sah er ein Kind. Ein kleines Mädchen. Sie trug verbrannte Kleidungsfetzen, war mager und ihre schrägen, kristallklaren Augen schauten blicklos in den Sonnenuntergang. Sie war vielleicht sechs Jahre alt und als er sich zu ihr beugte, schaute sie ihn ohne wirkliches Interesse an.
"Wer bist du?" fragte er sie.

"Sheela." kam eine leise Antwort, wie von weit her.

"Wo sind deine Eltern?"

"Dort." sagte die kleine Stimme und das Mädchen zeigte auf einen Haufen Leichen, der gerade dem Feuer übergeben worden war. Die Körper der Toten wurde alle dem Feuer übergeben, so stapelten sich überall zerschmetterte und verdrehte Körper, die noch verbrannt werden mußten.
"Was machst du denn jetzt?" erkundigte sich Keizuko, während er merkte, daß dieses Mädchen ihm unter die Haut ging. Ihre Einsamkeit und daß sie dennoch so stark war, fand er bewundernswerter als alle Kreationen der Götter.

"Ich weiß nicht. Unser Haus ist kaputt. Meine Schwester ist auch tot. Vielleicht werde ich mich einfach hierhin setzen und darauf warten, daß ich auch sterbe..." ihre Stimme klang emotionslos, sie schien das ernst zu meinen.

"Möchtest du mit mir kommen, Sheela?" bot Keizuko ihr an und statt einer Antwort ergriff sie seine Hand.
So nahm er sie mit nach Raküen.
Mirai sah Sheela an und war erstaunt:
"Sie ist meine Enkelin, die Tochter meines Sohnes Maddhu. Das bedeutet, daß Maddhu tot ist" Mirai beugte den Kopf. Keizuko legte den Arm um sie. Maddhu war ein Halbgott gewesen und die konnte jeder töten.
So betreuten Keizuko und Mirai gemeinsam Sheela und diese vergaß ihre Welt außerhalb von Raküen.
Kurz danach forderte Kokana Keizuko zu einem Zweikampf heraus, denn er wußte, daß Keizuko, der vor dem Krieg sein bester Freund gewesen war, nun eine gewisse Skepsis gegenüber dem System der Götter entwickelt hatte. In diesem Kampf schlug er ein Teil von Keizukos Ohr ab und Keizuko verpaßte ihm eine Narbe über dem Herzen. Kokana lachte herzlich über diesen Kampf und bot Keizuko die Herrschaft über eine Provinz an. Er war der erste Gott, dem diese Möglichkeit angeboten wurde. Er nahm an und entschied sich für Kokyo.
Anschließend verabschiedete er sich von Mirai und zog mit Sheela dorthin.
Sheelas Familie wurde schließlich ein Teil des Landes und auch Chuji, Keizukos bester Freund, stammte von ihr ab. Die jeweils erste Tochter dieser Familie hatte eine latente Fähigkeit in die Zukunft zu schauen, weshalb sie recht hoch angesehen waren.
Keizuko schüttelte die Erinnerungen an so viele erste Töchter und so viele Generationen ab und dann zögerte er, bevor er Mirais Hand ergriff und sie ihn anlächelte.
"Dann glaubst du also endlich an das, was ich die in meinem Tempel zeigte?" fragte sie, fast etwas schelmisch.
Keizuko nickte und dann fragte er sie:
"Wirst du dort sein?"
Natürlich meinte er seine Verurteilung, das wußte sie sofort.
"Ja, ich werde da sein und ich werde hier sein, wenn er kommt. Ich wünschte ich könnte ihn sehen!" Keizuko seufzte:
"Das ist der einzige Schmerz, der an mir nagt, daß ich ihn nicht sehen oder berühren können werde. Nur dieser Gedanke beschäftigt mich noch und stimmt mich nachdenklich. Wie wird er aussehen, reden, sich bewegen? Was wird er über mich denken? Ich bin traurig darüber, daß ich ihn nie in die Arme werde schließen können. Daß wir niemals zusammen einfach irgendwo sitzen und einen Wein zusammen trinken werden können. Ich werde immer nur diese unbekannte Figur für ihn bleiben, ohne Substanz...."
Mirai beugte sich zu ihm und küßte ihn:
"Dann werde ich alles, was du mir heute erzählt hast für ihn aufbewahren, so daß er es hört und erfährt, wie du wirklich warst."
Keizuko lächelte wehmütig:
"Danke Mirai."

Ein paar Diener betraten den Raum:
"Der Gottkaiser wünscht Euch nun zu sehen, Keizuko-o." sagte der am prächtigsten gekleidete und verbeugte sich. Keizuko nickte und beugte sich zu Mirai:
"Leb wohl, lebe so gut es geht. Kümmere dich bitte ein bißchen um Süé..." flüsterte er ihr zu und dann folgte er würdevollen und gefaßten Schrittes.
Mirai rief ihre Dienerin, die selbst eine Halbgöttin war und ihre Vertraute, damit sie Mirai zum großen Saal begleiten möge.
"Keizuko vom Clan der Hakari, tritt vor deine Herrscher." rief Kokana und Keizuko gehorchte.
Er stand vor dem prächtigen Doppelthron, auf dem Kokana und Chikara saßen und ihre Pracht blendete jeden. Keizuko war nicht besonders beeindruckt, ohne eine Miene zu verziehen, schritt er auf die beiden zu und beugte sein Knie.
"Ich bin in Eurer Hand, verfügt über mich." bestätigte er bestimmt und sah in die hellen Augen von Kokana.

"Ich habe von meiner Gemahlin erfahren, welcher Verbrechen Ihr Euch schuldig gemacht habt. Ihr habt freundschaftlichen mit den Sterblichen gepflegt, ihr habt dem Ruf unserer Art geschadet. Eure Rede ist aufrührerisch und deshalb verurteilen wir Euch. Und unser Urteil lautet Tod."
Keizuko nickte, dann neigte er sein Haupt, zum Zeichen, daß er seine Strafe akzeptierte.
Die Umstehenden gaben erschreckte Rufe von sich und das allgemeine Entsetzen schien wie ein Gewicht auf den Schultern aller, außer auf denen von Keizuko zu lasten
Kokana trat zu ihm und sah ihn an. Dann hielt er Keizuko das Zepter Hametsu an die Stirn und seine verbliebenen Kräfte wurden von der im Zepter tobenden Dunkelheit aufgesogen.
Als er nun die wenigen Kräfte verlor, die er noch hatte erhob sich Keizuko und fixierte mit seinen Augen die Kokanas. Dann begann er klar und deutlich zu zitieren:
"Die Kinder der vier Winde werden sich mit dem Ende vereinen..."
Währenddessen brachte ein Diener Kokanas Waffe: eine verzierte Lanze.
"Ihnen ist die Macht gegeben, die Herzen zu bewegen..." fuhr Keizuko fort.
Kokanas Augen verengten sich zu Schlitzen: "Hör auf damit, Keizuko!"
"...die Erde zu erschüttern..." Keizuko ließ sich nicht beirren.
Kokana griff nach der Waffe. Chikara wurde leichenblaß, sie fühlte, wie ihre Kehle sich mehr und mehr zusammen zog.
"...die Wellen hoch schlagen zu lassen..."
Kokana zielte auf Keizukos Herz, während er spürte, wie sein eigenes heftig zu pochen begann. Einen Gott zu töten war ein ganz besonderer Genuß.
"..und die Welt zu befreien. Aus allen Enden der Welt werden ihnen die Herzen zufliegen, wenn sie den Göttern eine neue Heimat geben..."
Aus Kokana Kehle drang ein wütendes Gurgeln, während er ausholte. Ruhig und gefaßt schaute Keizuko weiterhin in seine Augen.
"Und sie werden in Flammen beenden..."
Dann stieß Kokana zu. Die Lanze durchdrang Keizuko Brustkorb und ihre Spitze drang aus seinem Rücken hervor. Keizuko sank zusammen und lächelte kurz Chikara zu, die sich erhoben hatte und auf den Körper ihres Geliebten zurannte. Entsetzen und Verlust standen ihr im Gesicht geschrieben.
Kokana beugte sich zu seinem alten Freund und Chikara fiel neben ihm auf die Knie.
"...was einst im Feuer begann..." flüsterte Keizuko und schloß die flirrenden Augen zu seinem längsten Schlaf.
Das Zeichen der Hakari leuchtete auf seiner Stirn auf, so hell, daß alle geblendet waren und die Hände vor ihr Gesicht halten oder die Augen schließen mußten.
Das Zeichen löste sich von Keizukos Stirn und nur Chikara merkte, daß es sich mit dem Dritten Auge auf ihrer Stirn vereinigte. Die plötzliche Dunkelheit, die auf dieses Licht folge, ließ alle verwirrt und staunend zurück, bis auf Mirai. Sie vergoß bittere Tränen und zog sich dann zurück um zu warten, daß die Prophezeiung, die Keizuko gesprochen hatte, beginnen möge.
Chikara bemerkte dies und folgte ihr ungesehen.

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Aktualisiert (Montag, den 07. September 2009 um 18:49 Uhr)