Abenddaemmerung der Goetter - Kapitel 3

 

Kapitel 3: Der Sohne eines Gottes

 

Als Rin am nächsten Morgen den anderen Priesterinnen und Kaha präsentiert wurde, waren alle entzückt, vor allem da er anscheinend sein Aussehen eines wenige Tage alten Neugeborenen gegen das eines properen Säuglings eingetauscht hatte. Seine Haare schienen auch kräftiger und zahlreicher geworden zu sein, ihr dunkler Ton ließ allmählich darauf schließen, daß seine Haare einmal schwarz werden würden.
Alle Priesterinnen schlugen entzückt die Hände zusammen, als er gähnte. Jede fand, daß er das schönste Kind sei, das sie je zu sehen bekommen hatten.
Taishi verstand das nicht ganz, denn sie fand auch die Kinder der Priesterinnen süß und liebenswert. Außerdem erschien ihr Rin ungewöhnlich.
Den ganzen Tag über schrie er nicht ein einziges Mal, er verlangte nicht nach Essen, seine Windel war nie naß zu ungelegen Zeiten und Taishi fand, daß er überhaupt wenig Geräusche von sich gab.
Stets beobachtete er alles mit seinen großen und wachsamen Augen, er schien alles, was gesagt wurde, mit großen Interesse mitzuhören.
"Findest du sein Verhalten nicht ungewöhnlich?" fragte sie Kaha, die zusah, wie Taishi ihm die Flasche gab.
"Ich hatte nie eigene Kinder, mir erscheint Rin nicht besonders ungewöhnlich." erwiederte diese.
"Ich habe das Gefühl, als wäre er gestern noch kleiner gewesen und hätte weniger Haare gehabt." Taishi hob ihn hoch und musterte sein Gesicht. Im Tageslicht konnte sie auch erkennen, daß die Farbe dieser Augen ein dunkles Violett war. Die Tiefe dieser Augen schien einen hineinzuziehen.
"Wahrscheinlich warst du nur etwas aufgeregt, so daß die heute alles ein wenig anders vorkommt..." erklärte Kaha.
Taishi war versucht ihr zuzustimmen, doch irgendwie schien ihr seltsames Gefühl dennoch zu bleiben.
Derinda kam und nahm ihr den Kleinen ab, damit Taishi ihren täglichen Pflichten als Oberste Priesterin nachgehen konnte.
Nie waren ihr diese Pflichten so lästig vorgekommen, wie an diesem Tag.
Als sie erschöpft in ihre Gemächer zurückkehrte, erwartete sie dort statt Rin Taron.
"Taron Sama, welch Ehre." stammelte sie und verbeugte sich.Taron erhob sich: "Taishi, ich hatte gehofft, daß ich dich treffen würde. Ich wollte dir ausrichten, daß Yerwa mit deiner Arbeit sehr zufrieden ist." begann er, da ihm nichts besseres einfiel.
"Oh, danke sehr. Es ist mir eine Ehre, Yerwa zu würdigen." stotterte sie, zerrissen zwischen dem Drang Rin zu sehen und der Pflicht, ihre Tarnung aufrecht zu erhalten.
"Ich würde dich gerne einmal im Saal von unserem Gott und Herrscher tanzen sehen."
"Dann sagt mir einen Tag und ich werde dort sein, Lord Taron." beeilte sich Taishi zu sagen.
"Ich werde dir zu gegebener Zeit Bescheid geben, Taishi." schloß Taron das Gespräch schnell.
Taishi verbeugte sich, als er ging und fragte sich hinterher, was dieser Besuch zu bedeuten hatte.
Schnell verließ sie ihre Gemächer, nachdem sie sich kurz gewaschen und umgezogen hatte, um zu der Kinderstube zu eilen, in der tagsüber Derinda und die anderen Priesterinnen, die auch Mütter von kleinen Kindern waren, auf ihn aufpaßten.
Derinda spielte mit ihm, als sie den gemütlichen Raum betrat, den die Mütter selbst eingerichtet hatten.
"Rin!" rief Taishi und Derinda hob ihn hoch und kam zu ihr.
Als Taishi Rin wieder im Arm hielt, entspannte sie sich ein wenig. Es klopfte an der Tür und Yuka trat ein.
Ein Mann in diesem Raum war schon etwas ungewöhnliches, denn der Vater dieser Kinder ließ sich nie dort sehen und andere Männer hatten kein Interesse an diesem Raum.
Yuka kam auf Taishi und das Kind zu.
"Das ist also der berühmte Rin. Jeder hier im Palast spricht über ihn, auf jeden Fall jeder in den unteren Rängen. Ich wollte ihn unbedingt einmal sehen." Taishi lächelte, dann reichte sie Rin an Yuka weiter. Verblüfft nahm der den Knaben auf den Arm. Ein fasziniertes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des dunkelhäutigen Mannes aus:
"Er gefällt mir. Ich würde gerne für ihn spielen, wenn du es erlaubst."
"Natürlich darfst du für ihn spielen, Yuka." Taishi war verwirrt und erfreut.
Weshalb schaffte es ein solches Wesen, das weder sprechen noch laufen oder große Reden halten konnte, alle Menschen um es herum in seinen Bann zu ziehen?
Taishi sah den zärtlichen Blick in den Augen der Menschen, die ihn ansahen und ihre Ergebenheit.

Auch als Abends Yuka für den Kleinen spielte, schien sich das ganze Leben in ihren Gemächern nur um Rin zu drehen. Rin lag schlafend in ihrem Bett und schien sich nicht im Geringsten von den vielen Leuten, die ihn anstarrten, gestört zu fühlen.
Die sanfte Melodie, welche Yuka seiner Flöte entlockte, schläferte nicht nur Rin ein sondern entlockte auch Karí ein herzliches Gähnen. Yuka sah es aus seinen Augenwinkeln und war zufrieden.
Sie rollte sich auf ihrem Bett zusammen und schlief ein.
Schließlich vertrieb Derinda alle Leute aus dem Zimmer, so daß auch Taishi sich endlich zur Ruhe legen konnte.
Diese schlief neben ihrem kleinen Schützling ein.

Als sie wieder erwachte, strampelte Rin neben ihr recht kräftig. Außerdem schien seine Kleidung vom Abend zuvor ein wenig zu klein zu sein. Derinda hatte schon alles für seine morgendliche Mahlzeit gerichtet und fütterte ihn.
Taishi sprach wiederum Kaha auf dieses Phänomen an. Kaha konnte es sich nicht erklären, doch Yuka, der zugehört hatte, meinte:
"Vielleicht ist er ja der Sohn eines Gottes, diese sollen ja ein wenig anders sein als andere Kinder. Deswegen ist vielleicht auch seine Mutter umgekommen. In manchen Gegenden werden Frauen mit Kindern, die von den Göttern stammen, verstoßen."
"Wie grausam." stieß Taishi hervor, dennoch fand sie die Erklärung recht einleuchtend.
Als sie am Abend wieder zu Rin zurückkehrte, spielten Yuka und Derinda mit ihm. Taishi war zwar froh, daß sich so viele Leute um ihn kümmerten, aber irgendwie kam sie sich doch ein wenig überflüssig bei seiner Erziehung vor.
Sie fragte sich außerdem, wie sich sein Wachstum entwickeln würde. Er schaffte es bereits am nächsten Tag aus eigener Kraft zu sitzen. Dinge zu erforschen war für ihn nicht so wichtig. Während andere Kinder alles was sie fanden in den Mund steckten, schien er sich eher für die Gespräche um sich herum zu interessieren.

Da Derinda sich viel um Rin kümmerte, hieß es nun für Karí fast jedesmal am Tag mit Taishi in den Tempel zu gehen, wo sie Taishi bei ihren Tempelpflichten als Dienerin unterstützte.
Bei den Segnungen des Getreides, das sich dabei auf seltsame Art vermehrte, erkannte Karí ein bekanntes Gesicht. Zwischen zwei gewaltigen Schultern schaute ihr das Gesicht ihres Vaters entgegen.
Taishi erkannte Kuma auch sofort und mußte Karí mit einem streengen Blick zurechtweisen, damit sie nicht laut nach ihrem Vater rief.
Doch als die offizielle Segnung zu Ende war, lief Karí sofort los, um ihrem Vater um den Hals zu fallen.
Dieser war mehr als freudig erstaunt, seine Tochter gesund und munter zu sehen.
Ebenso erstaunt war er, als sie ihm die Geschichte von Taishis Beförderung erzählte und das Taishi nun die Oberste Priesterin sei.
Kuma mußte sich zuerst selbst davon überzeugen.
"Bei Yerwa, ich hätte dich in diesen prächtigen Kleidern wahrlich nicht wiedererkannt, Taishi! Du siehst beinahe aus wie eine richtige Frau. " entfuhr es ihm, als Karí ihn in den privaten Bereich des Tempels gezerrt hatte und Kuma die neueste Oberste Priesterin erblickt hatte. Taishi war sich nicht ganz sicher, ob das als Kompliment gemeint war.
"Man, bin ich froh, euch beide lebend wieder zu sehen! Ich dachte schon das Schlimmste."
Dann wandte er sich an seine Tochter:
"Ist dir auch wirklich nichts passiert, meine kleine Sternschnuppe?"
Karí schüttelte mit Tränen in den Augen den Kopf.
"Vater, ich bin so froh dich noch einmal wieder zu sehen. Stell dir vor, Taishi ist Teil einer Legende! Sie soll die Götter stürzen." begann Karí gleich eifrig zu erzählen.
Taishi hechtete zu ihr und hielt ihr den Mund zu - allmählich hatte sie genug von diesem Gerede.
Karí sah sie ein wenig beleidigt an.
Als Taishi sich sicher war, daß Karí erstmal ruhig sein würde, ließ sie wieder los.
"Was sollte denn das? Wenn es doch die Wahrheit ist, Taishi!" zischte ihr Karí dann sehr leise zu.
Taishi zog sich wieder zurück, sie hatte noch ihre Tempelpflichten erledigen und keine Zeit für solchen Blödsinn. Außerdem sah sie, daß Vater uns Tochter ein paar Augenblicke für sich alleine brauchten. Sie mußte noch ein paar Leute segnen, dann konnte sie sich wieder Rin widmen. Sie bemerkte, daß sie wirklich inzwischen sehr an dem Jungen hing, obwohl er ein wenig seltsam war und nicht wie die anderen Kinder der Priesterinnen.
Sie hoffte auch, daß er nicht am Ende Derinda ihrer Person vorziehen würde, da sie wirklich fast nur bei ihm war. Ein beunruhigender Gedanke war auch, daß Karí wirklich so fest davon überzeugt war, daß sie ein legendäre Heldin werden sollte. Sie fühlte sich nicht zu etwas großem berufen, es reichte ihr die Aussicht, den Palast eines Tages wieder verlassen und dann auf einem Pferd durch die Wildnis der Berge reiten zu können. Sie wunderte sich, daß dieser Wunsch eine Art heftiges Heimweh ganz plötzlich bei ihr auslöste. Sie spürte, wie ihr Innerstes sich nach der eiskalten Luft bei Nacht sehnte und sie sich kaum bewegen konnte.
Kuma hatte nicht nur Karí glücklich gemacht, sondern auch ihr die Erinnerung an den Wald und ihre ursprüngliche Freiheit zurückgebracht.
Sie lehnte sich an eine Wand und alle Menschen sahen sie berunruhigt an. Einige begannen zu tuscheln. Sie, die Oberste Priesterin, sollte ähnlich einer Göttin, keinen Anflug von Schwäche zeigen, doch sie konnte nicht anders. Sie mußte die Augen schließen. Eine Träne fiel auf ihre Wange. Sie ließ sich an der Wand entlang zu Boden sinken. Dort blieb sie sitzen und schien kein Interesse daran zu haben, sich zu bewegen.
Die Menschen im Tempel zeigten außer Besorgnis auch ein wenig Angst, denn sie hatten keine Ahnung, was dieser Schwächeanfall zu bedeuten hatte.
Durch die Unruhe im großen Tempelsaal aufmerksam geworden, suchte Yuka nach der Ursache dieses Verhaltens und entdeckte Taishi, die immer noch teilnahmslos an der Wand saß.
"Taishi, was machst du denn hier? Steh auf, alle starren dich schon an! Hörst du mich?" redete er intensiv auf sie ein. Doch eine Reaktion erhielt er nicht.
Er seufzte tief und hob sie hoch, dann trug er sie in den privaten Bereich und legte sie auf eine Matte.
"Taishi, sag was? Was ist denn passiert?"
Taishi vernahm seine Stimme wie aus weiter Ferne, auch sein Gesicht, das so nah über sie gebeugt war, verschwamm.
Sie fühlte sich wie vom Wind davongetragen, als wöge sie nicht mehr als ein Blatt.
Sie stand auf einer freien Fläche und sah eine Armee vor sich, die auf sie zukam. Hinter sich hörte sie ungeduldiges Hufscharren von Pferden. Sie fühlte in ihrer einen Hand einen Speer und in der anderen ein Schwert. Sich wundernd, was sie dazu bringen sollte, sich mit so einer lächerlichen Bewaffnung gegen eine Armee zu stellen, schien sie etwas zu suchen, einen Menschen, der ihr sagen sollte, daß es Zeit zu Angriff sei. Als ihr Blick über die berittenen Soldaten hinter ihr glitt, erkannte sie die hellen braunen Augen Yukas wieder.
Schon wieder er in ihrem Traum?
Doch sie wußte, daß er es nicht war, auf dessen Befehl sie wartete, vielmehr schien er eher auf sie zu warten. In seiner Hand war statt einer Waffe nur der seltsame Stab und er schien deshalb nicht beunruhigt.
Der Wind erhob sich, wühlte in ihren Haaren und sprach zu ihr...
Sie wandte sich wieder um - die Soldaten waren verschwunden, ebenso Yuka.
Es war nun Nacht. Die Sterne schienen auf einen dichten Wald, aus dessen Schatten eine hochgewachsene Gestalt hervortrat. Erst schien es ein Mann zu sein, schließlich erkannte sie aber, daß es eine Frau war, deren Augen geschlossen waren.
Sie war die gleiche, die Taishi schon einmal erblickt hatte. Taishi versuchte ihre Stimme zu erheben, doch es gelang ihr nicht. Dafür hob die Frau zum Sprechen an:
"Keine Angst, meine Tochterstochter. Noch scheint es zu schwer für dich, Wirkliches zu sehen. Du bist noch nicht geübt. Bald werden die Bilder eindeutiger und dann werde ich nicht mehr aus dem Wald kommen, sondern die Person, welche du hier sehen wirst. Es ist dennoch bald an der Zeit, deine Tarnung aufzugeben und deiner wahren Bestimmung zu folgen! Zu viel wurde im Laufe der Zeit vergessen - du mußt das Versprechen halten, das dich bindet. Versuche nicht deinem Schicksal zu entkommen, es hat dich schon lange eingeholt und hält dich fest in seinen Klauen. Schöpfe Mut und stelle dich der Aufgabe!!"
Die Frau verschwand und Taishi spürte, wie der Wind sie wieder zurück in Yerwas Palast brachte, wo Yuka sie beim Namen rief.

Sie fuhr auf. Yuka sah sie befremdet an.
"Was ist denn bloß passiert? Wo warst du?" fragte er ein wenig mißtrauisch.
"Ich habe dich wieder gesehen... Du hast dich auf einen Kampf vorbereitet, um dich herum waren viele Soldaten auf Pferden. Ich war auch dort." Taishi erhob sich. Sie fühlte sich erschöpft und spürte, wie sich riesige Kopfscherzen in ihrem Schädel breitmachten.
"Taishi, manchmal fürchte ich mich fast vor dir... Wie machst du das?
Wieso siehst du solche Sachen? Mir scheinen das eher Visionen als Träume zu sein!!!" besorgt und interessiert betrachtete Yuka die junge Frau.
Taishi hielt ihren Kopf fest und schüttelte ihn leicht:
"Das kann nicht sein - ich habe keine Visionen. Ich hatte noch nie welche!
Wieso jetzt? Was habe ich getan?"
"Frag mich nicht - ich weiß es nicht, aber vielleicht solltest du versuchen dich ein wenig genauer zu erinnern und vielleicht aus den Zeichen zu erkennen, ob es eine nahe oder ferne Zukunft ist, die du dort siehst, oder ob es nur Symbole für eine Entwicklung in der Zukunft sind. Wenn du soviel Krieg siehst, vielleicht sollten wir dann versuchen diesen zu verhindern? Und wenn es wirklich die Zukunft ist, die du da erblickst, dann möchte ich wissen, wieso ich versuche einen Krieger zu spielen.
Ich weiß, das Krieg und Gewalt nur zu neuem Krieg und weiterer Gewalt führen. Ich bin zu alt, für einen Kopf voller wirrer heroischer Vorstellungen.
Versuch dich zu erinnern, daß wird dir helfen."
Yuka half ihr auf die Beine und Taishi dachte kurz über seinen Rat nach:
"Wahrscheinlich hast du recht!" lächelte sie etwas unsicher. Yuka nickte sie aufmunternd an, dann wandte er sich ab und ging.
Taishi war sich nicht sicher, ob sie seinen Rat annehmen sollte oder nicht, da sie sich ein wenig davor fürchtete, daß eine von Yukas Vermutungen der Wahrheit entsprach.
Sie schlich sich aus dem Tempelbereich davon, darauf hoffend, daß ihr niemand begegnen würde, der sie ansprach. Sie legte die Arme um ihre eigene Taille, als versuche sie sich selbst festzuhalten.
Eigentlich war sie sich ihrer selbst immer sehr bewußt und sicher gewesen, doch nun fühlte sie sich selbst fremd.
Wer war diese Oberste Priesterin, die seltsame Träume hatte und nicht durch die Berge striff?
"Bin ich noch ich?" flüsterte sie leise und wußte keine Antwort darauf. Sie wünschte sich nur noch, Rin bei sich zu haben und niemanden sehen zu müssen.
Schließlich erreichte sie den Raum, in dem Rin seine Tage verbrachte. Als sie eintrat, sah sie bereits, daß Rin auf dem Boden saß und den anderen Kindern, die schon älter waren, beim Spielen zusah, dabei sah er so nachdenklich und konzentriert aus, als ob er schon einen Teil ihrer Spiele verstand.
Die Priesterinnen, die auf die Kinder aufpassten, begrüßten Taishi ehrfürchtig, doch Taishi nahm die Frauen kaum wahr - sie näherte sich Rin, der sich zu ihr umwandte und sie freudig ansah.
"Komm Rin, ich nehme dich mit." sagte sie sanft zu ihm.
Sein Einverständnis voraussetzend nahm sie ihn mit. Ihr Ziel waren die heißen Thermen unter dem Palast.
Höchst erleichtert darüber, daß niemand anwesend war, ließ sie sich mit Rin in das heiße Wasser gleiten.

"Meinst du, Yuka hat recht?" fragte sie den kleinen Jungen, der noch kein Wort sprechen und ihr auch deshalb kaum antworten konnte.
"Glaubst du auch, daß ich in die Zukunft sehen kann? Das habe ich früher nie gekonnt, weißt du? Ich frage mich, wieso ich jetzt damit anfangen sollte? Ich habe gar keinen Bedarf, in die Zukunft zu sehen... Eigentlich glaube ich, daß die Menschen nichts über ihre Zukunft wissen sollten - es kann einen doch um den Verstand bringen, wenn man die Zukunft kennt, aber nichts daran ändern kann, oder?"
Rin legte seinen Kopf ein wenig auf die Seite und schien heftig über ihr Problem nachzudenken.
Taishi betrachtete ihre Spiegelung, die durch die stete Bewegung des Wassers verzerrt wurde.
Wahrscheinlich war sie wirklich nicht mehr dieselbe, die damals den Palast betreten hatte. Die Ereignisse hatten sie verändert und eigentlich hatte sie diese Veränderungen recht bereitwillig und ohne größeren Widerstand hingenommen. Sie war ein wenig enttäuscht von sich selbst, als sie sich dort unter der Erde betrachtete. Sie hatte sich immer für eine unabhängige junge Revolutionärin gehalten, doch nun fand sie heraus, daß es mit ihrem Kampfgeist doch nicht so weit her war.
Sie drückte Rin an sich und schloß die Augen.

Später kehrte sie verschlossen in ihre Gemächer zurück, wo sie schon von Derinda und Karí erwartet wurde, die sie aufgeregt ansahen.
"Was habt ihr denn?" fragte sie verwundert und betrachtete die panischen Gesichter der beiden jungen Frauen.
"Da ist jemand, der mit dir sprechen will, Taishi." stotterte Karí und deutete auf den Empfangsraum der Gemächer von Taishi.
"Mit mir? Wer ist es denn?" erkundigte sich Taishi und fragte sich, was bei ihren Freundinnen solche Panik ausgelöst hatte.
"Mir scheint, der Besuch unseres ehrenwerten Herrschers bringt Eure Dienerinnen ein wenig durcheinander, Taishi Sama." vernahm sie die Stimme von Taron.
Sie riß die Augen auf.
>>Yerwa? Hier? Was soll ich nur tun? Wie soll ich mich nun verhalten??<< dachte sie voller Panik und drückte Derinda Rin in die Arme.
Dann wandte sie sich um und sah Taron an.
"Welche Ehre für uns, daß unser großer, verehrungswürdiger Herrscher uns mit seiner Anwesenheit beglückt!" rief sie, dabei bemühte sie sich, so glücklich wie irgend möglich zu klingen.
Taron sah sie intensiv an und schien ein wenig überrascht über ihre Freude zu sein.
"Wieso sollte ich meine beste Oberste Priesterin denn nicht einmal sehen wollen?" erklang die immer ein wenig gelangweilt erscheinende Stimme Yerwas aus der Tür und alle ließen sich auf die Knie fallen.
"Mein Herr und Gebieter" , rief Taishi "was kann ich für Euch tun?"
"Keine Sorge, ich wollte nur einmal sehen, weshalb die Menschen in größeren Mengen als je zuvor in den Tempel strömen , um mich zu preisen. Ich wollte mich nur vergewissern, ob Ihr tatsächlich das Mädchen seid, daß ich vor einiger Zeit in den Palast ließ. Aber wie ich sehe, seid Ihr es nicht mehr." ein breites Lächeln erschien auf dem Gesicht des schönen Mannes, obwohl es ein wenig träge wirkte.
"Eure Arbeit ist gut, fahrt fort damit." er trat auf Taishi zu. Dann faßte er unter ihr Kinn und wandte ihren Kopf so, daß sie ihm in die Augen sehen mußte. "Ich verstehen Eure Macht nicht, doch sie ist mein. Alle Götter werden mich um eine Priesterin mit dem Namen des Nordwindes beneiden." er lachte leise und böse. Taishi schluckte und fühlte Gänsehaut überall an ihrem Körper.
Yerwa ließ sie los und wandte sich zum gehen.
"Keine Angst, eine Oberste Priesterin ist für alle Männer unantastbar - auch für mich. So seid Ihr mir viel nützlicher als in Position einer Geliebten. Niemand wird Euch anrühren, oder er muß es mit seinem Leben bezahlen."
Taron sah aus seiner untertänigen Haltung zu Taishi hinüber und sein Blick war eher voller Zorn als Ehrfurcht.
Als Yerwa den Raum verlassen hatte, wagte für einige Zeit keiner sich zu bewegen.
Nur Rin strampelte auf Derindas Arm, die ihm auch in kniender Position nicht losgelassen hatte und Taishis Blick wurde kälter und härter von Sekunde zu Sekunde.
Schließlich erwachten alle aus ihren erstarrten Posen.
"Ich HASSE ihn." preßte Taishi hervor und dann sah sie erschreckt auf Taron. Taron schüttelte abwehrend den Kopf. Seine melancholischen graugrünen Augen schienen sie beruhigen zu wollen.
Taron trat zu ihr.
"Ich weiß!" sagte er ruhig. "Das tue ich auch."
Taishi atmete tief ein. Dann sah sie ihm ins Gesicht und studierte dessen Ausdruck.
Nun erschien er ihr noch viel jünger als je zuvor. Er lächelte sanft, als ob er nicht der Sohn des Gottes war, den sie gerade beschimpft hatte, sondern ein normaler Mensch. Taishi fiel auf, daß er wirklich ein sehr attraktiver Mann war. Der Zug um seine Augen schien traurig. In ihr entstand ein Bild.
Ein Junge, der um seine Mutter weinte. Priesterinnen, die um ihn herum an dem Bett der Toten standen.
Sie fühlte, wie er ihre Hand nahm und noch näher kam.
"Auch ich weiß von der Legende." flüsterte er in ihr Ohr. Taishi wollte zurückweichen, doch sein Griff wurde hart. "Aquinas, der Wind des Westens, voller Stolz und Zorn, Leaumar, der Wind des Südens, voller Wärme und Grausamkeit, der Ostwind ZeeHang, Fruchtbarkeit und Unzuverlässigkeit in sich bergend und Taishi, der Nordwind, Klarheit und Berechnung. Das sind die Winde und schon immer wollte ich wissen, wie solche Winde sich wohl in Personen verwandeln sollten."
"Was?!?" stieß Taishi verwirrt hervor und riß sich von ihm los. "Was meint Ihr damit?" Sie starrte ihn erst verwirrt und dann mit langsam erwachendem Zorn an.
"Ich bin nicht der Wind, Taron Sama. Vielleicht mag es ja so eine Legende geben, aber bis jetzt bin ich der einzige Mensch , der den Namen eines Windes trägt. Sich auf eine Legende zu verlassen, wenn man die Dinge ändern will, hilft nicht dabei, etwas zu bewirken!" Ihre Augen schienen zu glühendem Eis gefroren zu sein und ihre Stimme zeugte auch nicht von viel mehr Wärme. Taron sah sie mit einem melancholischem und verständnisvollen Ausdruck an, dann sagte er:
"Ihr mögt ja nicht der Wind Taishi sein, aber zumindest seid ihr genauso kalt."
Er verbeugte sich kurz und verließ die Gemächer.
Derinda preßte Rin an sich und Karí schien auch immer noch schockiert darüber, was gerade geschehen war.
"Taishi,", begann sie leise und zögerlich "du hast gerade den Sohn eines Gottes, der uns helfen wollte, verärgert. Bestimmt werden wir jetzt alle, Kaha, Yuka, Derinda, du und ich, zum Tode verurteilt. Und was wird dann aus Rin? Wer wird sich um ihn kümmern, wenn wir alle nicht mehr hier sind?"
Karí sprang auf und sah verzweifelt aus. Taishi sah ihre junge Freundin an. Irgendwie schaffte Karí es immer, sie dazu zu bringen, ihre Handlunge zu überlegen. Auch wenn Karí sie manchmal fast in den Wahnsinn trieb.
Ihr Blick fiel dann auf Rin, der zufrieden in Derindas Armen lag.
>> Karí hat recht. Nicht nur Rin wäre dann allein, auch die Menschen meines Volkes. Wir können nicht viel tun, aber das wenige ist besser als gar nichts. Wenn wir ihnen das bißchen Hoffnung noch nehmen, das ihnen noch verblieben ist, könnten wir sie gleich zum Untergang verdammen...<<

"Es ist gut, Kari. Ich werde mich bei ihm entschuldigen. Vielleicht werde ich versuchen, ein wenig mehr über seine Beweggründe zu erfahren... Bist du nun erleichtert?"
Karí nickte eifrig und dann lief sie zu Derinda, nahm Rin auf ihren Arm und lief fröhlich davon.
Unter einem tiefen Seufzer ließ sich Taishi erst einmal auf ein Kissen sinken.
Derinda legte ihr sanft die Hand auf die Schulter und führte sie dann in ihr Ankleidezimmer, wo sie Taishi hieß zu warten.
Schließlich kam sie mit einem neuen Gewand zurück, das in Grau- und Blautönen gehalten war.
"Ein neues Gewand? Warum soll ich mich jetzt noch mal umziehen?" fragte sie Derinda, und die lächelte, als ob es doch klar wäre, weshalb sich Taishi ein schönes Gewand anziehen sollte.
Derinda begann Taishi mit gewohnter Routine auszukleiden, Taishi versuchte dieser Unternehmung irgendwie Einhalt zu gebieten.
"Derinda, bitte. Wie soll ich mich denn mit diesem Kleid bewegen?", doch Derinda ließ sich nicht aufhalten und schon kurz darauf konnte sich Taishi in einem Spiegel bewundern. Was auch immer sie erwartet hatte, sie erkannte sich kaum wieder.
Das Kleid schien sie wie ein zarter Schleier zu umgeben, betonte ihre klaren Augen und ließ ihre Haare leuchten. Eigentlich sah sie sehr wenig aus, wie sie sich immer in ihrem eigenen Geist vorstellte. Derinda schien zufrieden.
"Hast du nicht gehört, daß der göttliche Herrscher gesagt hat, daß mich kein Mann anrühren dürfe, oder er muß es mit seinem Leben bezahlen?" Derinda machte eine Geste, die wohl hieß: Wer muß denn davon erfahren? Taishi hatte kein gutes Gefühl dabei. Dennoch nickte sie Derinda zu und machte sich auf, um Taron zu suchen.

Sie wandelte auf den Gängen und ihr entgingen nicht die Blicke der Wachen und Bediensteten, die sie voller Begehren und Verzückung ansahen. Sie hatte keinerlei Ahnung, wo sich Taron normalerweise aufhielt. Sie fragte eine der Wachen, wo sich seine Räumlichkeiten befanden und ging der Wegbeschreibung nach.
Vor seiner Tür hielt sie inne. Hier standen keinerlei Wachen, so wie vor ihrer Tür. Überhaupt erschien dieser Teil des Palastes weniger gut erhalten und umsorgt zu werden, als der, in dem sie lebte.
Sie klopfte an die Tür.
Lange Zeit geschah gar nichts, bis sie dann noch einmal klopfen wollte, da hörte sie Schritte.
Die Tür öffnete sich und bevor sie sich besinnen konnte, hatte sie eine Schwertspitze an ihrer Kehle. An solche Situationen war sie eigentlich gewöhnt, aber in ihrem engen Kleid und ihrem eigentlich friedlichen Ansinnen, konnte sie nicht so reagieren, wie sie es wollte.
"Taishi???" flüsterte er, voller wohlwollendem Erstaunen. Die Schwertspitze verschwand und Taishi rieb sich erst einmal über die Stelle, wo ihr Leben hätte enden können. Noch während sie dies tat, ergriff er ihre Hand und zog sie in seine Gemächer, dann schloß er die Tür.
Taishi drehte ihm den Rücken zu. Es fiel ihr schwer, sich bei ihm zu entschuldigen, da sie immer noch eine leichte Wut verspürte, wenn sie an seine Anspielung auf die Legende zurückdachte.
"Dieses Kleid ist eine ziemliche Überraschung, Oberste Priesterin." begann Taron und Taishi nickte zaghaft.
"Das ist Derindas Werk. Ich hatte nicht vor, mich extra so einzukleiden. Ich bin nur hier, um Euch um etwas zu bitten." begann Taishi und dann drehte sie sich um.

Taron trug außer seiner Hose nur ein halbherzig angezogenes Hemd, das Ganze wirkte, als hätte er absolut nicht mit Besuch gerechnet. Taishi fiel auch auf, daß in der Luft der Geruch von Wein lag. Sie sah in Tarons gerötetes Gesicht und versuchte ein kümmerliches Lächeln.
"Ich wollte Euch um Eure Verzeihung bitten. Ich habe übertrieben reagiert. Doch seit ich von dieser Legende erfahren habe, scheint sie mich zu verfolgen. Sie verursacht mir Albträume und läßt die Leute übertriebene Ansprüche an mich stellen. Alle denken jetzt, ich wäre irgendeine sagenhafte Gestalt, die sie von allem befreien könnte. Doch das bin ich nicht! Außerdem gibt es nur mich, den Nordwind und keine anderen Leute mit Windnamen sind bisher gefunden worden. Bis die anderen Winde gefunden werden, bleibt die Legende das, was sie eigentlich ist: Ein Wunschtraum."
"Ich hatte immer geglaubt, Ihr wärt ein Mann." murmelte Taron, der von ihrer Rede nicht viel zu halten schien. "Ein großer Mann, kräftig und massiv. Klarheit und Berechnung. Das klingt nach einem Mann.
Wärme und Unzuverlässigkeit, das klingt nach einer Frau."
"Es tut mir leid, wenn ich Euch in dieser Hinsicht enttäuscht habe. Ich bin nun mal eine Frau."
"Ich bin nicht enttäuscht," erklang seine Stimme scharf "dazu bin ich inzwischen mit über 200 Jahren zu alt. Ich bin nur ein wenig überrascht."
Taishi wich bei der Erwähnung seines Alters ein wenig zurück. Sie hatte gehört, daß die Kinder von Göttern im Allgemeinen langlebiger waren, als normale Menschen, doch daß auch Taron schon so alt war, damit hatte sie nicht gerechnet.
"Habt Ihr mich damals nur eingelassen, weil Ihr meinen Namen erfahren hattet?" flüsterte sie.
In ihr keimte der Verdacht, daß sie nur ihres Namens wegen hier war und das alles schon von Anfang an so geplant gewesen war. Wieso war sie bloß mit einem solchen Namen gestraft worden? Wieso meinte ein jeder, daß jetzt die Zeit gekommen sei, um die Götter zu stürzen? Es konnten doch noch Jahrhunderte vergehen, bis eine andere Taishi mit den anderen Winden zusammen die Götter endgültig stürzen würde.
"Vielleicht war es so, wie Ihr sagt. Ich konnte nicht glauben, daß dieses zerstrubbelte, schmutzige Etwas vor dem Tor die Tochter des Windes sein sollte. Doch als ich Eure Augen erblickte, vor kaltem Feuer glühend, erkannte ich, daß Ihr es wart." er schritt entschlossen auf sie zu, bis er ihr so nah war, daß sie den Wein in seinem Atem riechen konnte. Sie hatte Angst, er würde versuchen, sie zu küssen, doch stattdessen fiel er vor ihr auf die Knie und senkte den Kopf.
"Verfügt nach Eurem Willen über mich, Tochter des Nordwindes." bat er sie.
Taishi fühlte Erleichterung und Entsetzen zur gleichen Zeit. Sie starre ein wenig dämlich auf ihn und dann begann sie wieder zu atmen. Schließlich kam sie sich so dämlich vor, wie sie aussah. Sie begann zu kichern. Ein feines, hohes Kichern, das immer noch sehr angespannt klang.
Von diesen Lauten verwundert, blickte Taron zu ihr auf.
"Was habt Ihr? Wirke ich so lächerlich? Ist Euch meine Person zu schäbig? Wollt Ihr mich erniedrigen?" erkundigte er sich, doch Taishi schüttelte den Kopf. Sie wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkwl und antwortete:
"Nein, keineswegs. Es ist nur: Eigentlich hatte ich vor, mich vor Eure Füsse zu werfen, Euch um Verzeihung anzuflehen, in der Hoffnung, daß Ihr uns nicht verraten würdet. Karí fürchtete bereits um unser aller Leben und nun das... Es tut mir leid, aber Ihr seid wirklich ein guter Schauspieler... Ihr müßt aber wirklich nicht vor mir knien!!!" Sie bot ihm ihre Hand, um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein. Erstaunt nahm er an.
"Ich bin froh, daß Ihr uns nicht verraten werdet, Taron Sama! Auch wenn ich bestimmt nicht die Tochter des Nordwindes bin, so kann ich doch gerne auf jede Hilfe zurückgreifen, die man mir anbietet." Sie lächelte strahlend.
"Nennt mich bitte nur Taron." begehrte er, doch Taishi schüttelte den Kopf.
"Dann vergesse ich es in falscher Gesellschaft, Taron Sama. Doch wenn Ihr uns wirklich helfen wollt, dann werde ich Euch ein wenig von dem erzählen, was wir bislang getan haben."
"Woher wollt Ihr wissen, daß Ihr mir vertrauen könnt?"
"Wenn Ihr bloß im Auftrag Eures Vaters handelt, bin ich bald tot. Wenn ich Euch aber zu Recht vertraue, dann werden die Menschen in Kokyo davon profitieren. Ich hoffe letzteres. Wenn Ihr aber ein Verräüter seid und ich sterben muß, dann versprecht mir bitte etwas, bei Eurem Leben!" Taishi schlug die Augen nieder.
Taron sah, daß ihr Anliegen wirklich sehr wichtig für sie war. Er rückte einen Stuhl für sie zurecht.
"Ich schwöre Euch alles, bei meinem Leben, Tochter des Nordwindes." sagte er ernsthaft.
"Ihr wißt doch gar nicht, um was ich Euch bitten werde. Verschenkt Euer Leben nicht so einfach, wer weiß wozu Ihr es noch braucht..." Sie fummelte mit der linken Hand am Armband am rechten Handgelenk herum. Sie war nervös. Mit dieser Bitte gab sie vor sich selber zu, daß sie nicht unbesiegbar war und nahm die Hilfe eines Fremden in Anspruch. Sie tat gern alles selbst, jetzt mußte sie ihre Prinzipien brechen.
"Ich fand vor einiger Zeit eine tote Frau im Tempel, bei sich hatte sie ein Kind, das noch gerade am Leben war. Dieses Kind habe ich bei mir aufgenommen, meine Freunde und ich versorgen ihn, als ob er unser eigenes Kind wäre, doch wenn uns etwas zustoßen sollte, so bitte ich Euch, Taron Sama, kümmert Euch um Rin. Er hat nichts mit dem zu tun, was wir planen oder verbrechen. Er ist ein unschuldiges Kind und wenn ich recht vermute, Euch ähnlich, da sein Vater wohl ein Gott war, der seine Mutter vertrieb, um sie in Schande sterben zu lassen." Taishi seufzte.
Taron stellte fest, daß sie wenn sie verzweifelt war, ihm nicht so gut gefiel. Natürlich hatte er ihr versprochen, sogar bei seinem Leben, ihr einen Wunsch zu erfüllen, doch dieser Art hatte er ihr Anliegen nicht erwartet. Sie wirkte nicht wie eine mütterliche Person. Dennoch schien ihr Herz an diesem Kind zu hängen.Vielleicht war es sogar ihr eigenes?
"Ich schwöre es Euch." seine Stimme klang fest, als er dies zu seiner eigenen Verwunderung sich sagen hörte.
Taishi sprang auf.
"Gut, dann werde ich jetzt mein Leben und das meiner Freunde in Eure Hand geben, indem ich Euch erzähle, wie wir bis jetzt die Menschen unterstützt haben."
Sie begann mit der Schilderung der Not der Menschen und ihrer Aktionen als Anführerin der Diebe, die viel zurück gestohlen hatten und schließlich berichtete sie von der Lebensmittelvergabe im Tempel.
Taron lauschte ihren Ausführungen gebannt. Ab und an nickte er, als hätte er so etwas von der Person mit dem Namen des Nordwindes erwartet und als Taishi geendet hatte, lächelte er sie voller Freude und Verlangen an. Taishi wich zurück.
"Seit ich klein war habe ich von der Person geträumt, die einst die Legende der Winde erfüllen würde. Das es jemand wie Ihr sein würde, hätte ich nicht erwartet. Ihr übertrefft meine Vorstellung ohne weiteres.
"Euch zu dienen wird eine Freude und eine Ehre sein."
Taishi war sich nicht sicher, ob das der Wahrheit entsprach, sie lächelte unsicher und verabschiedete sich schnell.

Sie kehrte in ihre Gemächer zurück, wo Karí sie schon aufgeregt erwartete.
"Du hast dich tatsächlich bei ihm entschuldigt?`" fragte sie, ein wenig sehr aufdringlich. Taishi konnte es ihr nicht übelnehmen, da Taishi aussehen mußte, wie eine Hure, die ihren Geschäften nachging.
"Ja, du hast nichts zu befürchten, Karí. Außer, er arbeitet wirklich für Yerwa, dann sind wir alle morgen um diese Zeit tot oder zumindest eingesperrt." Derinda hatte ihrem Gespräch aufmerksam zugehört. Als sie Taishis Vermutung vernahm, lief sie zu Rins Bett und stellte sich beschützend davor.
"Keine Sorge, Derinda. Ich habe jemanden, der sich um Rin kümmern wir, wenn uns etwas zustoßen wird. Nun sollten wir alle ein wenig Schlaf bekommen, sonst sind wir morgen nicht auf dem Posten."
Die beiden anderen nickten und Derinda half Taishi beim Auskleiden.
Schließlich lagen alle drei in den Betten. Taishi schloß die Augen und vor ihr stand die grünhaarige Frau, die Göttin Mirai und lächelte sie an.
"Sehr gut, Tochter des Nordwindes. Du hast recht daran getan, sein Herz für dich zu gewinnen. Diese Kräfte sind den Kindern der Winde gegeben. Die Herzen der Menschen um sich herum zu gewinnen, ist eine gewaltige Macht. Das Blut der Götter in deinen Venen wird stärker und stärker, vor allem dann, wenn sich dir ein weiteres Windkind nähert."
"Das Blut der Götter in meinen Venen?" erkundigte sich Taishi und bemerkte, daß sie mit der Göttin reden konnte, als ob sie in der Wirklichkeit seien. Zuerst hatte sie nicht daran geglaubt, daß es klappen könne, doch nun schien es ihr normal.
"Ja. Das und deine Bestimmung werden diese Welt verändern. Auch wenn du es nicht glaubst, du bist wir-klich eines der legendären Windeskinder. Dein Leben wird die Welt der Menschen verändern."
"Ich habe keinen Beweis dafür, daß die anderen Winde existieren. Wie sollte ich einen Gott, geschweige denn die gesamte Götterschaft stürzen? Sie sind mächtig und untötbar. Die Legende lügt." Taishis Stimme klang bitter.
"Armes Kind. Bald wird dir klar werden, daß dein mächtigster Verbündeter bereits an deiner Seite steht. Seine Zukunft kann sogar ich nicht sehen. Stoß ihn nicht beiseite."
Mirai begann sich aufzulösen.
"Bitte, geht nicht. Ich habe noch so viele Fragen!" rief Taishi.
"Wir werden uns wieder treffen!" verklang die Stimme der Göttin.

Taishi wachte auf, dabei stellte sie fest, daß es schon Tag war. Noch war niemand in ihr Zimmer gestürmt um sie festzunehmen. Noch schlief auch Karí sanft auf ihrem Lager, nur Derinda hörte sie schon mit Rin spielen, denn sie vernahm sein lautes Kichern.
Verwirrt verließ sie ihr Bett, um zu schauen, was Derinda tat.
Wie immer, war Derinda fleißig gewesen und hatte Rin etwas neues zum Anziehen genäht. Sie war eine Meisterin der Nadel und hatte ein gutes Auge für Schnitte und dafür, was Leuten gut zu Gesichte stand.
Rin sah entzückend aus. Taishi meinte, es könne vielleicht daran liegen, daß sie so verschlafen war, aber sie hatte den Eindruck, Rin sein ein erhebliches Stück größer geworden. Derinda lächelte sie an und Taishi wünschte einen guten Morgen. Dann nahm Derinda Rin und legte ihn auf den Boden.
Rin rollte sich sofort auf den Bauch, dann stieß er sich mit den Händen ab und kam übers knien zum Sitzen. Schließlich lächlete er Taishi stolz an und begann, im Sitzen über den Boden zu robben und dabei einige Sachen zu untersuchen.
Verblüfft sah Taishi zu.
"Hast du das gesehen, Derinda?" rief sie aus. Derinda lächelte, als sei das alles normal.
"Das ist ja unglaublich. Er ist noch viel zu jung dafür!!!" entfuhr es Taishi und sie sah mit weiterem Erstaunen, daß Rin bereits versuchte sich an einem Stuhlbein hochzuziehen und so zum Stehen zu kommen.
Taishi lief zu ihm und sah in seine Augen. Als er sie erblickte, lachte er sie fröhlich an. Er war wirklich wesentlich größer geworden.
Taishi empfand immer mehr, daß er etwas sehr besonderes war - ein kleiner Halbgott und ein waches und aufmerksames Kind.
Nur das sie noch ihren täglichen Pflichten als Oberste Priesterin nachgehen mußte, störte sein nun um so mehr, als das sie das Gefühl hatte, sie verpasse wichtige Momente in Rins Leben.

Sie wurde von Derinda mit einer Berührung an diese Pflichten erinnert und seufzend ließ sie sich von Derinda und Kári einkleiden.
Während dieser täglichen Handlung klopfte es an der Tür.
Derinda ging um zu öffnen, herein kam Taron, korrekt gekleidet und anscheinend völlig nüchtern.
Taishi spürte, wie Kári erstarrte und merkte, wie auch ihr Atem sich beschleunigte. Leichter Angstschweiß trat auf Karís Stirn. Nun würde sich entscheiden, ob sie leben oder sterben würden.

"Guten Morgen, verehrte Damen!" begrüßte Taron sie und verneigte sich höflich.
Taishi räusperte sich :
"Guten Morgen Taron-Sama. Was führt Euch zu uns, am frühen Morgen?"
"Verehrte Oberste Priesterin, zu Euch führt mich ein junger Schutzbeauftragter, für dessen Lebensunterhalt ich gestern Abend zu garantieren die Ehre hatte." er verbeugte sich ein weiteres mal galant und Taishi atmete hörbar erleichtert aus.
"Ihr meint Rin?" fragte sie, unnötigerweise, einfach um etwas zu sagen und er nickte.
Derinda war wieder einmal schneller gewesen und brachte Rin auf ihrem Arm herbei. Taron sah sich seinen neuen Schützling genau an. Rin musterte Taron aber genau so intensiv. Seine violetten Augen schienen sämtliche Informationen in unendliche Tiefen zu ziehen, was er genau dachte, schien einfach unergründlich.
"Rin heißt du also junger Mann. Also ich werde dafür sorgen, daß etwas aus Dir wird. Dein Benehmen soll geschult werden genauso wie deine Fechtkünste, du sollst einer der besten jungen Männer in ganz Kokyo werden, da die Tochter des Nordwindes es so wünscht."
Taishi keuchte - sie hatte Taron gebeten, im Falle ihres Todes für Rin zu sorgen doch hatte sie damit nicht gemeint, daß er Rin vorher auch nur sehen sollte.
"Das ... das kann ich niemals annehmen, Taron-Sama." entfuhr es ihr. Gerade konnte sie sich noch davon abhalten, ihn einfach vor die Tür zu setzen.
"Seine Erziehung wird für Euch allein viel zu schwer, also unterstütze ich Euch etwas. Ein Halbgott ist immerhin etwas besonderes." Taron trat näher zu ihr und Taishi blickte ihn verwirrt an.
Rin begann auf Derindas Arm unruhig zu werden. Sie nahm ihn mit hinaus. Taron wandte sich an Karí :
"Laß uns allein."
Karí sah Taishi hilfesuchend an, aber Taishi bestätigte Tarons Befehl mit einem leichten Nicken.
Vor Neugier sterbend und ein wenig beleidigt, verließ Karí den Raum. Als sie die Tür hinter sich schloß, begann Taishi:
"Was wollt Ihr von mir, Taron? Meinen Körper? Soll ich Euch gewisse Dienste dafür leisten, daß Ihr Rin erziehen laßt und uns nicht verratet?" ihre Stimme war kalt wie Eis.
"Psst..." unterbrach Taron sie. "Nichts von alledem. Was ich gestern sagte ist wahr - ich würde alles für Euch tun, Tochter des Nordwindes.
Aufgrund meiner Position ist Euch sicherlich auch klar, daß ich mich dadurch in recht große Gefahr begebe - aber keine Angst. ich werde Euch nicht verraten. Meine Absicht ist es eher, zu denen zu gehören, die Ihr als Eure Freunde betrachtet. Möchtet Ihr denn nicht, daß Euer Rin ein starker junger Mann wird?"
"Warum wollt Ihr mir dabei helfen?"
"Weil ich hoffe, so öfter in Eurer Nähe sein zu dürfen." gab Taron offenherzig zu.
Taishi schluckte. Sie war nicht mehr daran gewöhnt, von einem Mann solche Worte zu hören, als ob er absichtlich versuchen wolle, sie zu verunsichern.
"Aber Taron-Sama..." wich sie ihm verlegen aus.
"Glaubt mir, ich werde ein guter Freund für Euch sein." versicherte er ihr, doch Taishi, die daran gewöhnt war, ihr Leben allein in die Hand zu nehmen, verursachte seine Versicherung eher noch mehr Unbehagen.
Dennoch war Taron eine Persönlichkeit von nicht geringem Rang in der Hierachie des Palastes, auch das konnte von gewaltigem Vorteil sein.
Taishi erschrak vor sich selbst. Das kannte sie überhaupt nicht von sich. Leute wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung auszunutzen, war eigentlich wirklich nicht ihre Art.
Sie erkannte sich immer weniger als die Person, die sie glaubte, zu sein.
"Ich würde mich freuen, wenn Ihr das für Rin tun würdet." murmelte sie beschämt.
"Dann werde ich ab morgen seine Erziehung in die Hände nehmen. Er wird ein tadelloser junger Mann werden, glaubt mir"
Taishi nickte atemlos. Natürlich wäre es für Rin gut, wenn er beim Sohn von Yerwa beliebt war. Dennoch hatte sie auch Angst ihn zu verlieren. Ihr kleiner Rin war sowieso ständig von anderen Leuten umringt, sie wünschte sich, daß er stark werden würde, stark genug um gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen, daß er erkennen würde, was Ungerechtigkeit eigentlich war und daß er sein Leben leben konnte, ohne Unterdrückung und Leid.
Taishi hob die Hand und wandte sich ab. Taron schien verletzt, doch akzeptierte ihre Abweisung.
"Ich gehe jetzt, Tochter des Nordwindes. Wir werden uns morgen wiedersehen."

Als er fort war, atmete Taishi erleichtert auf. Seine Freundlichkeit erschein ihr wie eine brennende Wunde. Sie war es gewohnt, für eine erwiesene Freundlichkleit, etwas zurückzugeben. Außerdem zählte sie Taron nicht zu ihren Freunden, auch wenn er das wünschte. Sie fühlte sich außerdem schuldig, ihn nur aufgrund seiner Stellung auszunutzen.
Während ihre Freundinnen wieder zurückkehrten, wunderte sie sich, wie lange sie ihr Selbstbild noch aufrechterhalten können würde.
Sie betrachtete sich in dem Spiegel, der ihr allein als Oberste Priesterin zur Verfügung stand. Natürlich hatte sie sich verändert. Ihre Augen schienen heller geworden zu sein, wie klare Steine scheinen sie zu leuchten. Ihre Haare hatten schon lange nicht mehr Kontakt mit ihrem Namensgeber aufgenommen, sie waren glatt und ordentlich frisiert. Das hatte sie früher niemals zugelassen. Die Kleidung ließ sie zerbrechlicher erscheinen, als sie sich fühlte.
Nein, das war nicht die starke und unabhängige Taishi, die sie kannte.
Sie versuchte sich ihr neues Ich einzuprägen, damit sie nicht länger als die alte Taishi handelte.
Vielleicht war es besser, daß sie eine neue Persönlichkeit entwickelt hatte. Es eschien ihr so unwirklich, daß sie einst heimatlos durch die Berge gestriffen war und dort ihre Männer zum Kampf gegen Yerwa angestachelt hatte.
Vielleicht war es ja wirklich kein Zufall gewesen, daß ausgerechnet sie in Yerwas Palast gekommen war, die Tochter des Nordwindes...
Sie wies diesen Gedanken weit von sich und wandte sich zerstreut und unglücklich ihren täglichen Aufgaben zu.

 

 

Kommentare
Neuer Kommentar Suche
Kommentar schreiben
Name:
Email:
 
Titel:
UBBCode:
[b] [i] [u] [url] [quote] [code] [img] 
 
:angry::0:confused::cheer:
B):evil::silly::dry:
:lol::kiss::D:pinch:
:(:shock::X:side:
:):P:unsure::woohoo:
:huh::whistle:;):s
:!::?::idea::arrow:
Please input the anti-spam code that you can read in the image.

!joomlacomment 4.0 Copyright (C) 2009 Compojoom.com . All rights reserved."