Glück mit den Männern - Kapitel 4: Neue Bekanntschaften
Anmerkungen:
In Japan haben Haustüren Handgriffe und sind einfach zu öffnen, solange man sie nicht zuschließt
Alle Krank-Tage werden vom Urlaub abgezogen
Katsu-Curry: Reis mit dicker Currysauce und einem paniertem, frittierten Stück Schweinefleisch dazu. Gibt es in mild, mittel und scharf. Wirklich lecker
Onii – großer Bruder (Wortspiel mit Oni = Dämon)
"Manami!", rief ein ängstlicher Jun, während er seine Schwester auf ihr Futon halb trug, halb schleifte. "Schwesterchen!"
Manami schlug schließlich die Augen auf und blinzelte ihren Bruder an. "Jun...?" Sie konnte nur flüstern. "Was ist geschehen?"
"Das wollte ich dich eigentlich gerade fragen", murmelte Jun mit vor Sorge zitternder Stimme.
"Mir war einfach plötzlich schwindelig und alles lief wie in Zeitlupe..." Manami setzte sich auf, als die Tür aufgerissen wurde und ein völlig aufgeregter Aiji hereingestürmt kam.
"Ist alles okay?" japste er schon an der Tür, vollkommen außer Atem. "Ich habe es am Telefon gehört." Er sank neben Jun auf die Knie und betrachtete die junge Frau auf dem Futon mit kritischem Blick.
"Ich denke schon, Aiji. Es war nur ein Schwächeanfall. Wahrscheinlich habe ich nur zu viel gearbeitet." Manami schenkte Aiji ein dankbares Lächeln.
"Meinst Du, Schwesterchen?" Juns Ton klang nicht gerade überzeugt. "Vielleicht solltest du lieber mal zum Arzt gehen..."
"Das können wir uns nicht erlauben, kleiner Bruder," Seine Schwester seufzte und Jun wusste, dass sie recht hatte. Sie brauchten jeden Urlaubstag um ihre Eltern in Okinawa besuchen zu können,
Aiji seufzte ebenfalls, dann zog er Jun am Ärmel und aus dem kleinen Zimmer.
"Vielleicht solltest du heute Abend bei ihr bleiben?", murmelte er.
Jun hob hoffnungslos die Schultern. "Das geht leider nicht, Aiji-kun. Ich muss arbeiten, sonst werde ich gefeuert." Er fühlte wie seine Hände von Aijis ergriffen wurden, sanft und zaghaft. "Ich werde für heute Abend dich arbeiten, Jun. Du bleibst hier bei Manami."
"Aber..." wollte Jun einwenden.
"Sch!" Aiji brachte seinen Freund durch einen Finger um Schweigen, den er auf Juns feingeschwungene Lippen legte. Er musterte das irgendwie unschuldig und treuherzig wirkende Gesicht seines Gegenübers mit einem zärtlichen Lächeln.
"Lass mich das für euch tun", bat Aiji leise, sein Finger immer noch auf den seidigen Lippen seines besten Freundes, ihre Augen fesselten einander. Nur für einen kleinen Moment.
Jun sah zu Boden und Aiji nickte. "So ist es okay. Manami braucht dich heute Abend."
Nun wusste Jun auch wieder, warum er den großen, schlanken Mann mit den endlosen Beinen und dem umwerfenden Sex-Appeal seinen besten Freund nannte. Aiji war einfach unfassbar liebenswürdig - manchmal.
Leider hatte es mit ihnen beiden nicht geklappt. Nachdem sie eine Nacht mit einem Orgasmus-Marathon verbracht hatten, mussten sie morgens feststellen, dass es sonst zwischen ihnen nicht funkte. Auf jeden Fall nicht so, wie es sollte, wenn es zu etwas wie einer Liebesbeziehung führen sollte. Die Magie der Leidenschaft zerkrümelte im Licht des Tages wie ein erstarrter Traum. Aber die Zuneigung in ihnen blieb. So wurden sie Freunde und das war das Ende ihrer kleinen Affäre.
"Ich verstehe...", murmelte Jun, seltsam hellhörig gegenüber den Atemzügen seines Freundes. "Danke, Aiji-kun."
Aiji presste seine Lippen zwischen Juns Augenbrauen. "Kümmere dich gut um sie, Jun." Mit dieser Bitte ließ er Jun in dem kleinen Flur seines Apartments stehen.
Jun brachte grünen Tee an das Bett seiner Schwester, legte kühle Umschläge auf ihre Stirn. Als sie wieder etwas fitter war, ließ er eine Wanne mit heißem Wasser ein und schrubbte ihrem Rücken.
Sie war zierlich und schlank, ihre langen schwarzen Haare ließen ihre Haut unter dem fluoreszierenden Licht der Badezimmerlampe blass erscheinen. Als sie ausgestiegen war, trocknete er ihren Rücken mit einem weichen Handtuch, mit langen massierenden Bewegungen. Sie redeten kaum. Juns Gedanken drehten sich um seine Schwester, ihre Arbeit, die sie nicht besonders mochte, ihre Träume.
Er lehnte seinen Kopf an ihren Rücken. "Es tut mir leid", murmelte er, sachte.
Sie lachte leise, sehr sanft aber es klang wirklich fröhlich. "Ist schon gut, kleiner Bruder. Sicher habe ich nur zu viel Stress. Morgen ist alles wieder gut."
Er wusste nicht, ob er ihr wirklich glauben sollte, aber er beließ es dabei.
Aiji betrat die kleine Karaoke Bar, in der Jun normalerweise arbeitete. Der Manager der Bar sah ihn erstaunt und ein wenig verärgert an. Er kannte Aiji schon von den Gelegenheiten, wenn dieser nachts Jun abgeholt hatte. Dabei war ihm der hagere Mann immer etwas unseriös vorgekommen.
"Was wollen Sie? Yamamura ist noch nicht hier."
"Ich vertrete Yamamura heute Abend. Er kann nicht kommen, weil er einen Zwischenfall in der Familie hatte. Ich weiß, was ich zu tun habe." Aiji schenkte Juns Arbeitgeber ein Millionen-Yen-Lächeln, bei dem dem Mann die Spucke wegblieb.
"Sie werden es nicht bereuen..." flüsterte Aiji ihm anschließend zu, als er lächelnd feststellte, dass zwei hübsche junge Damen an einem Tisch ihm bedeutsame Blicke mit einer Einladung zuwarfen. Aiji lächelte zurück, zwinkerte ihnen zu.
"Na schön, dann ziehen Sie sich gefälligst um", brummte der Manager.
Aiji verbeugte sich vorbildlich – wäre doch nur Jun da, um dieses Schauspiel einmal zu sehen - und verschwand in die hinteren Räume, um sich umzuziehen und seine Schürze mit dem Logo umzubinden.
Am Ende des Abends war der Manager der kleinen Karaoke Bar sehr zufrieden mit Aijis Arbeit. Er näherte sich dem jungen Mann, der noch die letzten Gläser abwusch. Er betrachtete die schlanken Finger, die eleganten langen Beine - den gesamten ziemlich schmächtigen Körper, der mit seinen langen Linien lockte.
"Haben Sie heute noch was vor?", fragte der Manager in einer dunklen Stimme. Aiji zuckte leicht zusammen, dann blickte er hoch, mit einem nichtssagenden Lächeln. "Tut mir leid. Ich kann meine Freundin nicht warten lassen."
"Ihre Freundin, sicher...", wiederholte der Manager sarkastisch, aber ließ von Aiji ab.
Anschließend reinigte der die letzten Gläser, nahm seine Winterjacke, verabschiedete sich sehr höflich und verließ die Bar. Durch die windige Winternacht ging er zufrieden nach Hause.
Am Morgen erwachte Jun durch das Piepen seines Weckers. Während er noch den Weg in die Realität suchte, hörte er das seine Schwester schon dabei war, in der Küche zu rumoren.
Jun taperte ins Bad, bereitete sich auf seinen Job vor, als er ein fröhliches "Guten Morgen!" von ihr vernahm.
"Morgen...", lallte er zurück, die Zahnbürste bereits zwischen den Zähnen. Als sie hereinkam, frisch und voller Zuversicht, lächelte ihren kleinen Bruder an. "Danke für gestern Abend. Heute geht es mir wirklich wieder gut. Ich hab dich lieb, Jun."
Jun grinste mit Zahnpasta im Mund und nuschelte: "Isch hob disch au' lieb, Manami." Beide kicherten ein wenig.
Die Geschwister aßen Tost und tranken Kaffee, bevor Manami als erste die Wohnung verließ und Jun schnell seine Sachen schnappte, um seine U-Bahn noch zu erwischen.
Während der Fahrt, dachte er kurz an den vergangenen Abend, an Aiji und dessen weichen Blick, dabei hoffte er, dass in der Bar alles glatt gelaufen war.
Schließlich war er am Laden von Shinya angekommen, erklomm die steile Treppe und wollte gerade die Tür öffnen, als diese aufgerissen wurde.
Mit verdutztem Zwinkern starrte er in das Gesicht, das ihn nun anblickte.
Braungebrannt, blonde Haare und ein kleines Nasenpiercing. Und dann waren da die Lippen, voll und sinnlich. Er sah beinahe aus wie Shinya.
"Oh, Sie müssen Yamamura-san sein", sagte der Fremde, der Ton seiner Stimme irgendwie akkreditierend. Überrumpelt nickte der Angesprochene. "Mein Bruder hat mir von Ihnen erzählt."
Jun runzelte die Stirn. 'Bruder...?'
"Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit. Ich bin Murata Kôta, der jüngere Bruder von Shinya. " Der Fremde schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, das Jun schüchtern erwiderte. "Er hat mir von ihrem Unfall mit dem Kotatsu erzählt. Man, das erlebt man auch nicht alle Tage."
Jun wurde knallrot und wünschte sich in eine menschenleere Wüste. "Ach so", stammelte er, "Glücklicherweise hat Ihr Bruder mir angeboten, hier zu arbeiten."
"Erstaunlich", meinte Kôta anerkennend, "Meistens ist er nicht so freundlich."
Eine Stimme erklang aus dem Hintergrund: "Was redest du denn da?!" Jun erkannte sofort den älteren der Murata-Brüder. Kôtas Stimme war viel rauer und männlicher, während Shinyas Stimme klang wie die eines sehr jungen Mannes.
"Nur die Wahrheit, Onii...Autsch!"
Von hinten knuffte Shinya seinen kleinen Bruder mit einem schelmischen Grinsen – auch wenn es fast schon bösartig wirkte - und Kôta rieb sich theatralisch die schmerzende Stelle. Jun konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen und versuchte es zu verbergen, indem er den Kopf senkte.
"Kommen Sie herein", rief Shinya Jun zu, der eintrat und begann sich aus den vielen Schichten seiner Winterkleidung zu pellen.
Die ganze Zeit klebten die Augen von Kôta an ihm, was Jun allerdings entging, weil er in seinen Schal vertüdelt war. Seinem Boss entging es allerdings nicht. Eine von Shinyas Augenbrauen flog hoch, als er den Blick auf den Gesicht seines Bruders bemerkte.
Schließlich war Jun ausgepackt und wandte sich lächelnd an beide Muratas: "Was soll ich heute tun?", fragte er, während er sich wunderte, warum ihn beide so anstarrten.
"Ich und Kôta wollten ein paar Aufträge nacharbeiten. Es wäre klasse, wenn Sie sich weiter um die Kunden kümmern könnten", sagte Shinya in einer betont neutralen Stimme.
Jun nickte und verbeugte sich leicht. "Gar kein Problem."
Shinya quittierte seine Antwort mit einem freundlichen Nicken, während Kôta sich beschwerte: "Was?! Ich bin gerade gestern zurückgekommen und soll gleich wieder schuften?", was ihm einen weiteren brüderlichen Knuff einhandelte.
"Wir müssen was aufholen. Immerhin warst du zwei Wochen nicht da und es haben sich reichlich Aufträge angesammelt. Und wenn du wieder zur Uni gehst, dann kann ich das nicht alleine schaffen. Okay?"
"Verstanden, Onii..." gab der jüngere Murata nach und die beiden ließen Jun allein zurück.
"Wenn Sie Fragen haben, wissen Sie ja wo wir sind", rief Kôta noch schnell um die Ecke, mit einem breiten Grinsen.
"Ja, danke", antwortete Jun und betrachtete das Auftragsbuch, um sich die Namen der anstehenden Abholer einzuprägen. Unerwartet fühlte er eine Präsenz neben sich und sah auf. Neben ihm stand Shinya und lächelte ihn seltsam an.
"Oh, ist noch etwas?" stotterte der arme Jun verwirrt, biss sich unsicher auf seine Unterlippe und schenkte dem Mann einen hilflosen Blick.
"Ich wollte mich nur für das Bentou bedanken, es war fantastisch. Danken Sie Ihrer Schwester."
An das Bentou hatte Jun gar nicht mehr gedacht, bei den ganzen Sorgen, die er sich um Manami gemacht hatte. Ein zaghaftes "Oh..." war alles was er herausbrachte. Dann verbeugte er sich tief. "Es freut mich, dass es Ihnen geschmeckt hat. Manami wird sich sicher freuen. "
Die Augen seines Chefs verengte sich. Jeder konnte sehen, dass die Erwähnung von Juns Schwester eine gewisse Sorge in Jun verursachte. Shinya lächelte kurz und verschwand wieder zurück hinter die Kulissen, wo er von seinem Bruder mit einem bitterbösen Blick empfangen wurde.
"Was hast du, Kôta?", fragte er scheinheilig.
Der Angesprochene schmollte ein wenig. "Unfair!"
"Was denn?"
"Warum hast du mir nicht erzählt, dass dieser 'Yamamura' ein junger Mann ist. Wie du ihn beschrieben hast, hätte ich glatt geglaubt, er sei ein Trottel in den Vierzigern mit Familie."
"Und?" Shinya grinse weiterhin sehr unschuldig.
"Du bist ein blöder Idiot!"
"Wie immer." Der Beschimpfte nickte gleichmütig. "Ich dachte, du wolltest nichts mehr von Romantik und so einem blöden Kram wissen."
"Na ja...", gab Kôta zu, "Aber irgendwie... Wenn man ihn ansieht..." Seine Ausführungen verliefen sich in wehmütigen Tagträumen. Schließlich seufzte er und hob die Schultern. "Egal. Er wird aus unserem Leben verschwinden, wenn er seine Schulden abgearbeitet hat..."
Shinya nickte wortlos, die Augen fest auf die Werkbank gerichtet.
"Immer wieder die gleiche Leier". murmelte Kôta betrübt und wandte sich seiner Arbeit zu. "Zu schade." Dann beobachtete er, wie Shinya sich hinsetzte und damit begann, einen kaputten Kotatsu-Heizlüfter zu reparieren.
Jun wiederum hatte einige Leute zu betreuen und machte Termine für ihre abgegebenen Geräte. Mit seinem hübschen, unschuldigem Gesicht und seiner vorbildlichen Höflichkeit konnte er alle weiblichen Kunden dazu bringen, mehr Geduld aufzubringen, als sie es Gewöhnlicherweise taten.
Kôta tauchte im Laufe des Vormittags auf und gab ihm eine Liste mit Kundennummern."Diese Geräte sind alle fertig. Bitte suchen Sie die Telefonnummern der Leute heraus und sagen Sie Ihnen, dass sie die Geräte abholen können."
"Verstanden!", bestätigte Jun lautstark und machte sich voller Eifer an die Arbeit. Shinya lugte hinter der Ecke zu seiner Werkstatt hervor und sah, wie sein Bruder Jun fixierte und sich ein dümmliches, glückseliges Lächeln auf seinem Gesicht breit machte. Seine eigenen Lippen wurden zu einer schmalen Linie und er schloss die Augen für einen längeren Moment.
Als Kôta in die Werkstatt zurückkehrte, fand er seinen Bruder mit seinem typischen unlesbaren Gesichtsausdruck vor, den er immer aufsetzte, wenn er seine Gefühle verbergen wollte.
"Was ist denn, Onii?", erkundigte sich der Kôta.
"Gar nichts. Lag wahrscheinlich an dem Essen, dass Mutter dir mitgegeben hat."
Kôta dachte an die kalten Sobanudeln und nickte gepeinigt - ihre Mutter konnte wirklich nicht kochen.
"Apropos Essen - wie sieht es eigentlich mit einer kleinen Essenspause aus?" Die Augen Kôtas begannen hungrig zu leuchten.
"Jetzt schon?", Shinyas Stimme blieb neutral.
"Ich bin am Verhungern!"
"Du hast immer Hunger. Später!"
"Gemein! Blöder Idiot!" Kôta schmollte ein wenig, aber begab sich schließlich zurück an die Arbeit.
In ihrer Bank saß Manami hinter der Glasscheibe ihres Schalters und versuchte sich auf die Wünsche ihrer Kundin zu konzentrieren. Die Dame war über achtzig Jahre alt und kam aus Kyushuu, was die Verständigung erheblich erschwerte, obwohl Manami stets bemüht blieb, ihr zu folgen.
Vielleicht lag das Verständigungsproblem auch nur an den mörderischen Kopfschmerzen und der allgemeinen Mattigkeit, die sie zu übermannen drohten. Sie hatte Jun immerhin überzeugt, dass es ihr gutging, nun musste sie nur selbst noch daran glauben.
Unerwartet tauchte hinter der gestressten jungen Frau ihr Vorgesetzter und lausiger Liebhaber auf, der ihr über die Schulter blickte. "Yamamura-san, bitte kommen Sie nachher in mein Büro."
Manami konnte noch nicht einmal antworten. Sie erstarrte zu einem Eisblock und das Atmen fiel ihr schwer. Zum Glück verschwand er auch wieder, ohne ihre Antwort abzuwarten. Manami hätte nicht antworten können.
Nach einem Moment, in dem sie sich sammelte, wandte sie sich wieder ihrer Kundin zu.
"Was haben Sie denn?", fragte diese besorgt.
"Was meinen Sie?"
"Sie weinen."
Da erst spürte Manami die Tränen auf ihren Wangen. Ärgerlich wischte sie die Feuchtigkeit fort.
"Ich bitte vielmals um Verzeihung", entschuldigte sie sich bei der Kundin, die beschwichtigend abwinkte.
"Keine Sorge." Die Dame lächelte liebenswürdig. "Wollen wir nicht zusammen Mittag essen?"
Manamis Augen wurden groß. "Das- Das kann ich nicht annehmen."
"Unsinn. Wann haben Sie Pause?"
"In einer Stunde..."
"Dann treffen wir uns vor der Bank, in einer Stunde. Ich erwarte Sie dort. Wehe, wenn Sie nicht erscheinen!"
Manami lächelte aufrichtig durch ihre Tränen hindurch. "Verstanden", schniefte sie und die Augen der freundlichen Dame funkelten aufmunternd.
Etwas später machte sich auch der Magen von Kôta noch einmal lautstark bemerkbar. Er stöhnte und sah seinen Bruder vorwurfsvoll an. "Nun habe ich aber wirklich Hunger, Onii."
Sein Bruder schnaubte verächtlich.
"Ach, ich weiß ja, dass du geradezu unmenschlich wenig isst. Aber ich bin ein Mensch und kein Dämon, so wie du, und habe Hunger." Damit stand der strubbelige Blondschopf auf und kreuzte die Arme vor seiner Brust. "Ich geh auf ein Katsu-Curry. Danach komme ich zurück." Dabei wusste er genau, dass allein das Wort 'Katsu-Curry' seinen Bruder zum Sabbern bringen konnte. "Soll ich dir was mitbringen?"
Obwohl Shinya versuchte zu widerstehen, gelang es ihm nicht. "Okay", lenkte der Ältere ein, daraufhin nickte sein Bruder mit einem breiten wissenden Grinsen.
"Dann bis gleich!", rief Kôta, schon halb aus der Tür.
Als er an Jun vorbeikam, hielt er an. "Mögen Sie auch Katsu-Curry?", fragte er.
Jun sah ihn ein wenig überrascht an. "Un", bestätigte er schüchtern nach einem Augenblick.
"Wollen Sie mit mir essen?"
"Was?", entfuhr es dem verwirrten Jun rau, während aus der Werkstatt ein sehr viel lauteres "Waaas?!" erscholl.
"Was soll denn das, Kôta?", rief Shinya seinem Bruder zu.
"Du wirst ja wohl 'ne halbe Stunde ohne uns auskommen. Auch Yamamura-san braucht 'mal was zu Essen. Also, Yamamura-san, kommen Sie?" Kôtas breites Grinsen war aufmunternd und einladend zugleich.
"Ich...ich weiß nicht. Vielleicht bleibe ich doch besser hier", murmelte Jun, der dann seine Augen senkte. Kôta warf seinem Bruder einen vorwurfsvollen Blick zu. Der verdrehte die Augen.
"Sie haben den ganzen Morgen noch nichts gegessen und wie jedem Arbeitnehmer steht auch Ihnen eine Pause zu. Jetzt kommen Sie schon!", forderte Kôta und hielt Jun seine Winterjacke hin.
"Nur, wenn es Murata-san wirklich nichts ausmacht", wandte Jun kleinlaut ein.
Shinya seufzte, denn er fühlte, dass er weich wurde, sobald das betrübte Gesicht seines Angestellten sah. "Geht schon. Und vergesst nicht, mir etwas mitzubringen!" rief er mit einem pseudo-ärgerlichen Ton, der Jun wieder lächeln ließ.
"Danke, Onii", bedankte sich Kôta brav und dann zerrte er Jun aus dem kleinen Laden.
Draußen wickelte Jun sich erst einmal wieder in seine Winterjacke und sah Kôta schüchtern an. "Meinen Sie, dass er wirklich allein bleiben kann?"
"Sicher. Machen Sie sich keine Sorgen."
Sie liefen mit großen Schritten zu einem Katsu-Curry Laden, den Kôta kannte, um schnell der Kälte zu entkommen. "Das Curry ist klasse hier."
Kôta bestellte für sie beide und die Bedienung stellte ihnen erst einmal je einen Becher grünen Tee neben die Sets, während sie auf ihr Essen warteten. Unbehagliche Stille breitete sich zwischen ihnen aus.
"Was machen Sie sonst so, wenn Sie nicht gerade bei meinem Bruder arbeiten?", erkundigte sich Kôta, nur um ein Gespräch anzukurbeln.
"Ich arbeite eigentlich in einer Karaoke-Bar."
"Sie studieren nicht?"
"Ich konnte es mir nicht leisten." Jun lächelte ein wenig traurig.
"Oh... Tut mir leid."
"Ist schon gut. Ich mag meinen Job eigentlich."
Wieder eine lange Pause.
"Vielleicht sollte ich mal zu Ihnen zum Karaoke-Singen kommen...?" überlegte Kôta laut und brachte Jun somit zum Kichern.
"Besser nicht, Murata-san. Die Auswahl an Lieder ist recht... konservativ."
Kôta sah die Grübchen in Juns von der Kälte draußen noch geröteten Wangen und unwillkürlich hob sich seine Hand, um sie zu berühren. In letzter Sekunde hielt er sich zurück, räusperte sich und sagte dann: "Ihre Bar kann ich mir ziemlich gut vorstellen. Aber... Nennen Sie mich doch Kôta."
Jun nickte freudig. "Gern. Dann nennen Sie mich bitte Jun."
Kôta bestätigte mit einem weiteren Nicken und ein Teil der Spannung zwischen ihnen verschwand, während ihnen ihre Teller hingestellt wurden.
"Guten Appetit!", wünschte Kôta laut und Jun erwiderte den Wunsch bevor er mit großem Hunger, von dem er selber nicht wusste, dass er da gewesen war, begann er seinen Teller zu leeren.
Lachend betraten die beiden Männer den Laden nach ihrem leckeren Mahl.
"...wirklich? Das ist auch mein Lieblingsspiel. Vielleicht sollten wir mal miteinander spielen?", hörte Shinya die aufgeregte Stimme seines Bruders.
"Gerne, vielleicht am Wochenende? Am Samstag habe ich abends frei." Das war die Stimme von seinem neuen Mitarbeiter,
Natürlich hatte sein Bruder es mal wieder geschafft und sich mit dem jungen Mann schneller angefreundet, als es Shinya je gelungen wäre. So war Kôta nun mal.
Er seufzte, als Jun zu ihm kam und ihm ein eingepacktes Katsu-Curry in die Hand drückte. "Für Sie. Vielen Dank, dass ich essen gehen durfte. Ihr Bruder hatte recht, das Curry dort ist klasse. Soll ich Ihnen etwas Tee zu machen? Sie machen eine kleine Pause und Kôta und ich kümmern uns um alles."
Er nannte seinen Bruder Kôta? So weit war es also schon?
Der Angesprochene nickte bedeppert. Jun schmunzelte und verschwand in der winzigen Küche.
Das Curry roch gut, ebenso der Tee, den Jun ihm brachte. Während er aß, beobachtete er, wie Kôta noch ein paar Erfahrungen über Playstation-Spiele mit Jun austauschte, bevor beide weder an die Arbeit gingen.
"Er ist nett", bemerkte Kôta, als Jun außer Hörweite war. Sein Bruder sagte nichts, kaute nur weiter düster sein Curry.
"Vielleicht - Vielleicht habe ich doch wieder Lust auf Romantik und den ganzen blöden Kram", sinnierte der Blondschopf, was ihm einen erstaunten Blick von Shinya einbrachte. Dann wandelte sich der Ausdruck auf Shinyas Gesicht wieder in die unlesbare Maske.
"Ach so?", murmelte er und hielt seinen Blick auf das Curry gerichtet.
"Yep. Das hätte ich nie gedacht." Kôta warf einen weiteren langen Blick auf die Figur, die hinter der Theke im Laden stand. Sein Bruder schwieg seltsam bedächtig.
Als der Tag sich dem Ende näherte und Jun sich zum Gehen anzog, hörte er die Stimme Kôtas hinter sich: "Gute Arbeit heute. Wir haben viel geschafft. Wollen wir feiern gehen?"
Jun wandte sich um und seufzte. "Geht leider nicht, ich muss arbeiten."
"Ah, stimmt ja. Tut mir leid, hab ich ganz vergessen." Kôta kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
"Schon gut." Jun begann sich wieder in seinen Schal zu verheddern, als er versuchte ihn um zu legen.
Shinya, der lautlos dazugetreten war, klopfte seinem Bruder auf die Schulter. "Ein anderes Mal, Kôta."
"Jun-cha~an!", drang eine Stimme von er Treppe an die Ohren der drei Männer.
"Aiji?", keuchte Jun, bevor sein Freund stürmisch in den Laden gepoltert kam. Der große Mann schenkte allen eines seiner unvergleichlich-sexy Grinsen, bevor er in Juns Ohr flüsterte. "Wer ist der andere?"
"Erklär' ich dir später..."
"Wehe wenn nicht", drohte sein bester Freund spaßeshalber und brachte Jun damit zum Lachen.
Anschließend stellte Jun Kôta und Aiji einander vor: "Kôta, das hier ist Takarai Shinji, aber alle nennen ihn nur Aiji. Das hier ist Murata Kôta, der jüngere Bruder von Murata-san."
Aiji verbeugte sich erst, dann schüttelte er Kôtas Hand. "Erfreut Sie kennenzulernen. Ich wollte nur Jun abholen."
Jun kicherte ein wenig, als Aiji das Wort 'abholen' geradezu anstößig klingen ließ.
Aiji warf Shinya einen heißen Blick zu, der Eisen zum Schmelzen bringen konnte. "Danke, dass Sie sich so um Jun kümmern. Aber nun müssen wir los. Seine Schwester wartet schon auf ihn."
Jun verbeugte sich mit einem dankbaren Lächeln sehr tief vor den beiden Murata Brüdern. "Vielen Dank. Wir sehen uns morgen", sagte er noch, bevor er von Aiji aus der Tür gezerrt wurde.
"Gute Nacht!", riefen die beiden noch, während Jun hinter Aiji her stolperte. Stille kehrte in den kleinen Laden ein.
Beide Brüder starrten an die leere Stelle, an der Jun eben noch gewesen war.
"Was sollen wir nun tun?", kam eine seltsam energielose Frage von Kôta.
"Sollen wir einen trinken gehen, Kôta?", murmelte Shinya kleinlaut. Der Angesprochene nickte wie betäubt. "Ja, bitte", wisperte er zustimmend.
Aber die Stille blieb.
Nächste Folge:
Was hat Manami mit der alten Dame beim Essen erlebt?
Wird Shinya Jun für seinen Bruder aufgeben?
Warum kommt ein Fremder in das Apartment von Manami und Jun?
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Aktualisiert (Dienstag, den 21. Juli 2009 um 14:12 Uhr)


