Glück mit den Männern - Kapitel 1: Der kaputte Kotatsu
Diese Geschichte habe ich geschrieben, als ich aus Japan zurückkam. Daher gibt es viele japanische Eigenheiten.
Ich versuche alles zu erklären, was mir auffällt.
Anmerkungen zum Kapitel:
Kotatsu: Ein Tisch, der einen Heizlüfter unter der Tischplatte hat. Außerdem ist auf der eigentlichen Tischplatte eine riesige Decke, auf der eine zweite Tischplatte liegt. Man kann sich darunter gut im Winter aufhalten. In manchen Wohnungen gibt es sogar eine Vertiefung im Boden, in der man dann die Beine baumeln lassen kann.
Okinawa: Eine Insel im südlichen Teil Japans, hat eher tropisches Klima.
Jun sah unter den Tisch und runzelte seine Stirn.
Kaputt, ohne einen Zweifel. Seufzend dachte er an seine kalten Füße, die er so gerne mit unter dem Kotatsu gewärmt hätte. Dann sah er aus dem Fenster in den unfreundlichen Tokioter Wintertag und seufzte noch einmal tief.
Hatte Koji nicht gesagt, dass er den Tisch reparieren wollte, wenn er schon umsonst bei Jun und seiner Schwester wohnen durfte? Immerhin kostete eine Wohnung, die relativ zentral in Tokio lag, ein Vermögen, das auch er nicht besaß. Zum Glück hatten ihre Eltern zugelassen, dass sie in ihrer Wohnung leben durften, während diese auf Okinawa lebten und dort ihren Lebensabend verbrachten.
Sein mageres Gehalt als Barkeeper in einer Karaoke Bar reichte gerade aus, um die Strom und Wasserkosten zu decken, während seine Schwester ihr kleines Einkommen als Bankangestellte für Lebensmittel ausgeben musste. Nun noch mit Koji als zusätzlichem Mitbewohner (und Mitesser), wurde es immer schwerer, das Geld aufzubringen.
Einfach war so ein Leben nicht, aber insgesamt war er zufrieden, aber Manami, seine Schwester, war inzwischen stinksauer auf seinen Freund, was er ihr nicht übel nehmen konnte. Doch sie liebte ihren kleinen Bruder zu sehr, als dass sie seinem Glück im Weg stehen wollte. Und mit Koji hatte Jun endlich Glück gehabt, dabei hatte sie sein Chancen auf Glück inzwischen so hoch wie seine Chancen im Lotto den Jackpot zu knacken, eingeschätzt.
Nach vielen Jahren mit Liebhabern, die ihn am nächsten Tag verlassen hatten, oder sich besser als Freunde denn als Partner eigneten, hatte sie ihm von ganzem Herzen einen lieben Lebensgefährten gewünscht.
Koji behandelte Jun nett und zurückhaltend, wie nie einer zuvor. Also hatte sie einwilligt, Koji in ihrer gemeinsamen Wohnung mit einziehen zu lassen. Jun war sich der zwiespältigen Gefühle seine Schwester durchaus sehr bewusst und hatte ein schlechtes Gewissen, wenn er daran dachte, dass sie es nur ihm zuliebe mit Koji aushielt.
"Koji-kun!" rief er.
"Was willst du, Jun?"
"Könntest du endlich den Kotatsu reparieren, wie du es vor Ewigkeiten versprochen hast?" Jun holte tief Luft – er war nicht besonders gut darin, Forderungen zu stellen, dabei fühlte er sich immer sehr unbehaglich. Meistens war er ruhig und zurückhaltend. Höflich ebenfalls, so wie ihre Mutter es ihm eingeprägt hatte. "Ich muss los zur Arbeit und bin bestimmt nicht vor zwei Uhr wieder zurück."
"Ja, ja...", erklang es gelangweilt aus dem Bad, in dem sich Koji gerade eine Wanne mit heißem Wasser füllte. Jun konnte bei dem Geräusch nur Yen-Scheine vor sich sehen, die mit eifrigem Flattern zum Fenster hinaus flogen. Er nahm sich zusammen, auch wenn er tatsächlich Ärger verspürte. Der führte bei Koji aber nur zu Sturheit. Dann würde er es garantiert nicht machen. "Mach es diesmal aber bitte wirklich!", befahl er mit Nachdruck. Danach hüllte er sich in einen zweiten Wollpullover, einen Schal, eine Daunenjacke, darüber noch einen Schal, schlüpfte in seine Schuhe und stapfte los.
"Ich geh dann!" rief er in die Richtung des Bades, aber er bekam keine Antwort.
Nach einen Abend voller Enka-Karaoke und Gästen, die ihn gern mit in ein Liebeshotel genommen hätten, sehnte sich Jun nach Ruhe. So kam er punkt halb Zwei nachts von der Arbeit zurück, wieder in Schichten von Wolle und Federn eingehüllt. Er hoffte inständig, dass sich Koji diesmal um dem Kotatsu gekümmert hatte. Als er in die dritte Etage hochsah, wo ihre Wohnung lag, brannte kein Licht mehr. Also schliefen sie schon – mal wieder keine Chance für Sex mit Koji. Aber wenigstens konnte er sich an den langen, warmen Körper kuscheln, in dieser kalten Nacht.
Auf seiner Nase landete etwas kühles. Ein paar einzelne Schneeflocken hatten ihren Weg über die Berge bis nach Tokio gefunden, und Jun lächelte, während er beobachtete, wie sein Atem hübsche Wolken bildete, beleuchtet vom kalten Licht der Straßenlampen.
Irgendwie beschwingt betrat er den Fahrstuhl und fuhr hinauf in die übliche Etage. Während er aus dem Fahrstuhl trat, hörte er seltsame Geräusch und erstarrte. Dann vernahm er die eigensinnige Stimme einer Frau: "Koji, mir ist kalt. Können wir nicht einfach reingehen?"
"Hör zu, Kazane: Die Schwester von Jun ist da. Meinst du, die ist froh, wenn sie hört, dass wir auf seinem Bett ficken?" Koji klang ebenso belustigt wie ungläubig.
Jun erstarrte zu Eis, trotz seiner dicken Verpackung. Sein Herz drohte einfach stillzustehen, oder vor Schmerz zu bersten. Ganz entscheiden konnte er das in diesem Moment nicht.
'Ko...Ko...Koji?'
Ein engumschlungenes Paar im Halbdunkel. Nur Schatten, aber einer davon war ganz bestimmt Koji. Lang und breitschutrig – unverkennbar. Jun biss sich auf die Unterlippe, so kräftig, dass sie zu bluten begann.
"Aber mir ist kalt. So wird das nichts," klagte die Frauenstimme weiter.
"Stell dich nicht so an." Sie küssten sich, das war unüberhörbar.
Juns behandschuhten Hände krampften sich zu Fäusten, sein normalerweise sanften Augen brannten auf einmal. Er trat auf das Schattenpärchen zu. "Hallo Koji," presste er in einem leisen, aber sehr eindringlichen Ton hervor.
Der Schatten teile sich blitzartig in zwei Schatten, einer davon wesentlich größer als Jun: Koji.
"Jun?!", rief der große Schatten entgeistert.
"Was hast du gedacht? Santa Claus?", grummelte Jun, unter seinen Schals hervor. In seinem Mund breitete sich der Geschmack von Blut aus.
Koji blieb ihm eine Antwort schuldig und Jun hatte keine Lust weiter auf eine zu warten. Es würde eh nur eine lahme Lüge sein. Er schloss ohne eine weiteres Wort die Tür zu seiner Wohnung auf und schloss er sie wieder hinter sich ab. Anschließend wühlte er entschlossen in den Sachen, die Koji gehörten, dabei bemerkte er, dass ihm Tränen über die Wangen strömten. Mit einer ärgerlichen Geste wischte er sie weg.
Als er schließlich die Tür wieder öffnete, stand Koji alleine davor – von seiner Freundin war nichts zu sehen. Koji hatte sie wohl wegegeschickt, in der Hoffnung, dass wenn er mit Jun reden würde, alles sich wieder beruhigte, er in der Wohnung bleiben konnte und alles sein würde, wie immer.
Ausnahmsweise war dem aber mal nicht so.
Der kleinere Mann, mit dem sonst ewig lächelnden Gesicht und den sanften Augen, schien wie ausgewechselt. Mit einigem Abscheu warf er Klamotten und CDs vor Kojis Füße. "Das ist wohl alles. Nimm das und geh. Ich will dich nie wieder sehen!" Mit diesen Worten schloss Jun gnadenlos die Tür wieder und verriegelte sie von innen.
Endlich begriff er, was er getan hatte, als Koji begann, an die Tür zu hämmern. "Lass mich wieder rein, Jun. Bitte!"
Die Worte wurden flehender. "Bitte, bitte. Ich werde hier draußen erfrieren."
Innen saß Jun, an eine Wand gelehnt, die Knie an sein Kinn gezogen, lautlos weinend und lauschte dem Betteln seines Ex-Freundes, als plötzlich eine müde Stimme sich erkundigte: "Was zum Teufel ist denn hier los?"
Verheult sah er seine große Schwester Manami an, war aber keines Wortes mächtig.
Diese seufze voller Mitleid. "Ich verstehe schon, kleiner Bruder." Sie wandte sich an die Tür, oder eher an den Mann dahinter."Verschwinde Koji oder ich hole die Polizei!"
Das Hämmern an der Tür ließ nach.
Nun, da Koji fort war, krümelte sich Jun noch kleiner zusammen und begann ernsthaft zu weinen. Manami setzte sich neben ihn auf den Boden und zog ihren kleinen Bruder tröstend in ihre Arme.
"Armer kleiner Jun", murmelte sie. "Du hast wirklich kein Glück mit den Männern."
Nächste Folge:
Was wird aus dem kaputten Tisch?
Kann Jun sein gebrochenes Herz vergessen?
Und - wer ist der attraktive Fremde mit den schönen Lippen?
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Aktualisiert (Dienstag, den 21. Juli 2009 um 14:11 Uhr)


