Gefunden!
Unfertiges Geschichts-Stückchen
Der Park war voller lärmender Kinder, die ausgelassen in den zartrosa Blütenblättern herumtobten. Ebenso schienen die Erwachsenen die Atmosphäre zu genießen, denn ihre Augen leuchteten und sie erfreuten sich an der überschwenglichen Blütenpracht.
Nur einen einzige Gestalt stand verloren zwischen Pärchen und Familien und starrte in die rosa Baumkuppen.
Er wirkte so seltsam deplaziert, daß er sofort meine Aufmerksamkeit erregte.
Ich schwänzte gerade die Schule, weil mir eine Mathe-Klausur ins Haus stand, für die ich nicht im Geringsten geübt hatte.
"Wie kommt es, daß deine Noten in letzter Zeit so schlecht geworden sind? Du warst doch sonst immer so gut..." hatte mir meine Mutter vorgeworfen und nicht zu unrecht, wie ich mir selbst eingestehen mußte.
Wie war es dazu gekommen?
Das wußte ich selbst nicht so genau. Irgendwie war ich auf der Suche nach etwas wesentlichem, wichtigerem als Schule und Mathematik. Beides schien mich schon länger nicht mehr so auszufüllen wie früher.
Egal, wie interessant ein Thema war, meine Gedanken glitten immer wieder ab und endeten schließlich an einem seltsam verschwommenen Ort. Ein süßer Nebel des Vergessens.
Das schien im Moment mein Hauptfach zu sein....
Und meine Mutter sorgte sich um mich.
Das konnte ich ja sehr gut verstehen, aber so sehr ich mich auch bemühte, ich hatte nicht die Kraft, mich wirklich zu konzentrieren.
Nun, dies war die erste Klausur in meinem Leben die ich schwänzte.
Und irgendwie war das Gefühl , etwas Verbotenes zu tun, großartig.
Ich fühlte mich sehr lebendig und viel aufnahmebereiter als in der muffigen Schule.
Doch ich hatte auch ein schlechtes Gewissen.
Und da stand er, unbeweglich wie eine Statue und ließ sich von zartrosa Blütenblättern einschneien.
Seine Körperhaltung verriet nicht über ihn, sein Gesichtsausdruck war unbewegt und doch....
Noch niemals in meinem gesamten Leben hatte ich so einen schönen Menschen gesehen.
Ich blieb stehen uns starrte ihn an.
Plötzlich wandte er sein Gesicht mir zu und sah mir direkt in die Augen.
Erschrocken wich ich zurück.
Ich hatte ihn nicht so anstarren wollen.
Doch sein Gesicht wurde von einem strahlenden Lächeln erhellt.
Ohne zu zögern kann er auf mich zu, die Hände begrüßend ausgestreckt.
Moment mal...auf mich?
Warum?
Ich hatte ihn so doch nur angesehen.
Ganz bestimmt meinte er jemand anders, auf keinen Fall mich.
Doch ehe ich diesen Gedanken noch wirklich zu ende gedacht hatte, war er bereits bei mir und nahm meine rechte Hand in seine.
"Endlich." sagte er.
Seine Stimme war dabei so freudig und strahlend wie seine ganze Erscheinung.
Endlich?
Hatte er auf mich gewartet?
Ich hatte von 20 Minuten noch nicht einmal gewußt, daß ich hierher gehen würde.
"Wer..." begann ich verwirrt. Dann überlegte ich es mir anders
"Wieso...?"
Er lachte kurz und sehr angenehm.
Dann sah er mich mit leuchtenden Augen an.
"Typisch - du hast es vergessen." Seine Hand verließ meine nicht.
"Warum bist du eigentlich dennoch hier?" fragte er amüsiert.
Er schenkt mir ein Grinsen, das unverschämt durch meine Verwirrung hindurch auf meine Hormone wirkte.
/Sexy!/ dachte ich und schluckte.
"Du hast dich gar nicht verändert." fuhr er fröhlich fort.
Ich kannte nicht einmal seinen Namen, woher wußte er also von mir?
Von früher?
Ich war mir allerdings sehr sicher, daß ich ihn vorher noch nicht gesehen hatte.
So ein Gesicht vergißt man nicht.
Und auch nicht solche Augen.
Wer hatte schon burgunderfarbene Augen?
"Ach so...?" versuchte ich irgend etwas zu sagen.
Ich hatte mich nicht verändert?
Wer war er zur Hölle?
Zwei Mädchen kamen vorbei und eines kicherte leise.
"Guck mal, die halten Händchen in aller Öffentlichkeit...!" hörte ich die ein halblaut sagen.
Ich errötete.
Dann wurde ich röter und roter bis ich schließlich glühte wie eine rote Ampel.
Er hatte meine Hand niemals losgelassen und ich hatte meine niemals zurückgezogen.
Es schien als gehörten sie zueinander, so unentbehrlich kam mir das Gefühl vor.
Schließlich zog ich sie nun doch lieber weg.
"Ähm..." ich hatte wirklich nichts intelligentes zu sagen. Er schüttelte versöhnlich den Kopf:
"Ganz der alte...immer noch schüchtern."
Doch dann wurde er ernst:
"Diesmal müssen wir Schüchternheit und Scham schneller hinter uns lassen, so sehr ich das auch mag. Denn diesmal habe ich nicht soviel Zeit."
"Diesmal?" fragte ich leer.
Er griff meinen Ärmel und zog mich durch den Park.
Ich kam mir total dämlich vor...
Immer nur fragend, unwissend wie ein Holzklotz und beriet, diesem Kerl, den ich nun gar nicht kannte, zu folgen nur weil er ein sexy Grinsen und ungewöhnliche Augen hatte.
Dennoch raste mein Puls und mein Körper war eher bereit ihm zu gehorchen als mir.
Er zog mich außerhalb der Reichweite von neugierigen Augen.
Dann sah er mich intensiv und forschend an.
"Ja, diesmal. Hast du wirklich alles wieder vergessen, oder tust du nur so?" er hatte den Kopf zur Seite gelegt und musterte mich weiterhin, als ob es etwas an mir zu entdecken gab.
"Ich weiß es nicht.... Ich tu' auf jeden Fall nicht so!" trotzte ich, etwas stotterig.
Er lächelte schelmisch und näherte sich mir.
"Dann werde wir mal sehen was sich da machen läßt." seine gute Laune schien zurückgekehrt zu sein.
"Vielleicht..." grübelte er und bot dabei einen begehrenswerten Anblick. Seinen langen Zeigefinger hatte er an seine Lippen gelegt und die Stirn in kleine Falten gelegt. Ich wünschte mir meinen Finge ran seine Lippen. Oder meine Lippen an die seinen.
Was dachte ich da eigentlich?
"Vielleicht weckt das ja deine Erinnerung...?" murmelte er nachdenklich und beugt sich vor, um meinen geheimen Wunsch wahr zu machen. Er küsste mich.
Zuerst nur sanft, seine Lippen berürhten meine kaum, dann wurde er etwas forscher.
Das kam mir schon irgendwie bekannt vor, aber es war ja auch nicht mein allererster Kuß...
Irgendwo tief in mir sagte eine Stimme, daß ich gerade einen fremden Mann küßte und das nicht ganz normal sein, schließlich hätte ich bis dahin nur Frauen geküßt. Ich ignorierte dieses Genörgel und zog den Fremden enger an mich, um die Intensität des Kusses zu steigern.
Ich wußte, was er wollte, daß er gerne der war, der die Initiative ergriff. Derjenige, der die Zügel ind der Hand halten wollte. Ich ließ ihn meine Mund erkunden und er tat es so, daß mir die Knie wegzuknicken drohten und mir allmählich schwindelig wurde.
mehrmehrmehr....schien mein rasender Puls zu schreien.
Er brach den Kuß ab und ich konnte plötzlich wieder Atmen. Die Sternchen vor den Augen blieben und ich fühlte mich fast wie betrunken...
Also erinnerst du dich doch?" murmelte der Fremde, seine Stimme ein rauhes Flüstern, voller blanker Emotionen.
Sprechen konnte ich nicht, nur benommen den Kopf schütteln.
"Und ich hatte so gehofft..." murmelte er und sein Gesicht wurde unendlich traurig. "So gehofft, dich endlich wiederzufinden."
"Wer..." brachte ich mühsam heraus "wer bist du?"
"Ich bin es doch, Noé. Hier allerdings nennt man mich Lukas."
Noé, der Name löste allerdings in meinem Kop eine Art Echo aus...
Immer weiter schien es sich in die Tiefen meines Kopfes vorzuarbeiten...
Ich sah einen Barden vor mir, seine Augen wie feinster Burgunderwein, gekleidet in bunte Gewänder, der mich mit Musik umwarb.
Einen altgriechischen Tempel, in dem ich mit großer, tiefer Liebe zu meinem Lehrmeister mit den burgunderfarbenen Augen aufsah.
Neben mir mein nackter junger Zögling, der mich mit unverholender Begierde betrachtete:
"Das dürfen wir nicht, Noé." sagte ich und doch wiederum nicht ich.
Natürlich durften wir das nicht, schließlich war Noé mein großer Bruder, oder?
Oder mein Lehrer?
Mein Feldherr?
Mein Diener?
Mein Lehnsherr?
Alle Bilder von Noé verschmolzen zu ienem einzigen, einem Mann mit weinroten Augen, der mir zulächelte.
Ein unendliches zeitloses Lächeln.
Ich schluckte, während Tränen meine Wangen herunterliefen.
"Ich habe dich so vermißt!" schluchzte ich und vergrub mich in seinen Armen.
Er roch so vertraut, wie eine warme Sommerwiese übersäht mit den schönsten Blüten.
Er hielt mich so fest, als ob es nie wieder eine Gelegenheit zum festhalten geben würde.
"Wie konnte ich nur ohne dich existieren?" denn von diesem Augenblick an, war mir klar, daß ich nie wieder ohne ihn sein konnte.
Nun verstand ich.
ER war der Ort, zu dem meine Gedanken gewandert waren.
Er war das alles und viel mehr.
"Ich habe so lange auf dich gewartet, Anima mia, doch nun habe ich nicht mehr so viel Zeit."
Ich wischte meine Tränen fort und konnte nicht unterscheiden, ob ich sie aufgrund von Glückseligkeit oder unendlichem Nachholbedarf vergossen hatte.
Noé sah traurig aus.
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