Zufalls-Zitat

"Ist es nicht ungerecht, dass jemand seinen Vater verliert, den er liebt, während keiner sich dazu aufrafft, meinen umzulegen?", fragte er düster.

[Desmond in  So ein Theater - Nika]

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Das Blair Wolf Projekt

15.11. Freitag

 

Also, sehr begeistert bin ich ja nicht. Aber mal sehen, was Anais sich davon verspricht, mit uns Urlaub im Wald zu machen. Urlaub ist auch falsch, sie ist auf der Suche nach den Ungewöhnlichkeiten, die ihre Stammesbrüder, doofes Wort, aber mir fällt kein anderes ein, dort gesehen hatten. Es soll ein Wolf sein, der ihr vielleicht etwas über ihre Fähigkeiten sagen kann. Anais... und Ungewöhnlichkeiten... na ja, du ahnst sicher, worauf das hinausläuft. Gut, dass du im Schullandheim bist, und wir Chris mitnehmen... Kleiner Hinweiß, ihm passt das gar nicht, sich im kalten November im Wald rumzutreiben. Was nicht Not tut, muss auch nicht sein, sagt er.

Anais und Alex haben einiges zusammengepackt und Chris ist noch unterwegs. Ich drücke mich gerade vorm Packen und schreibe dies hier auf, sicher willst du nachher alles genau wissen, und da sollte ich mir zumindest Stichpunkte aufschreiben. Und das mir, da ich so schreibfaul bin. Wir sollten eine Kamera mitnehmen und es einfach filmisch festhalten, dann können wir auch gleich irgendwelchen Blödsinn aufnehmen wie damals diese Dracula Sachen, weißt du noch?

Ich hoffe dein Schullandheim ist nicht zu langweilig, wir werden demnächst losfahren und uns den Arsch abfrieren.

Wir nehmen die Fotokamera mit.

 

11:00, Aufbruch nach Maryland.

 

Mir ist kalt. Ich habe an: ein T-Shirt, nein zwei, darüber ein langärmliges Shirt dann einen Pullover. Ich habe unter der Jeans eine Strumpfhose an, aus Wolle glaube ich, und dicke Socken in den dicken Stiefeln. Ebenso habe ich eine Mütze dabei und Handschuhe, ach, den Schal habe ich fast vergessen. Na ja, du kennst ja deine Mutter...

Wir sitzen zu viert in Alexandras Auto und betrachten die Umgebung. Ich mache ein Foto von einem verlassenen Bauernhof, sehr idyllisch! Schade, dass wir letztes mal schon so viel in New York gemacht hatten, da warst du mit. Deswegen müssen wir den Urlaub jetzt im Wald verbringen. Allerdings fiele mir noch mehr ein, was wir in der großen Stadt hätten machen könnten. Partys feiern, den Smok vom Empire State Building aus betrachten, irgendwelche Filmaufnahmen boykottieren, heiße Würstchen essen, äh, neben mir sitzt Chris, was fällt ihm denn noch so ein? Ahja, im Hafenbecken schwimmen, das ist aber doch ein bisschen kalt. Schlimmer als durchnässt im Wald sitzen kann es nicht werden, sagt er. Ich frage ihn, ob er denn dick genug angezogen ist und er zählt auf, was er anhat: eine Boxershorts in grau mit blauen Streifen, so genau wollt ich das jetzt nicht wissen, unterbreche ich ihn; ich bezweifele auch, dass das die Wahrheit ist, muss ich mal nachgucken. Bloß nicht, sagt er. Dann hat er ein T-Shirt an und ein kariertes Hemd, darüber einen Pullover. Außer der Jeans trägt er kein Beinkleid..., also keine lange Unterhose, wie soll die denn auch noch über die Shorts passen, sagt er und bringt mich zum lachen.

Die Sonne scheint ins Fenster, Anais hat eine Karte auf dem Schoß. Alex fährt konzentriert, das Radio ist aus. Ich bitte darum, dass es angemacht wird, weil es so still ist. Alex tut mir den Gefallen.

Es spielt eine Country Western Band und ich kriege gleich Ausschlag.

 

Ankunft in einer kleinen Stadt, nahe des Waldes Burkittsville.

 

Wir fragen einige Bewohner nach dem Wolf. Die meinen nur, dass es hier eine Legende um eine Hexe gibt. Was interessiert uns die Hexe, wir suchen einen Wolf. Auch von einem Verrückten, der Kinder umbringt hören wir, aber nichts von dem Wolf. Allerdings erzählt eine etwas durchgeknallte Frau von einer Person, die weiblich ist und am ganzen Körper Haare hat und im Wald lebt. Das soll die Hexe sein, ich denke, das ist der Wolf und Anais nickt dazu. Außerdem sind irgendwelche Studenten in diesem Wald verschwunden und wir sollen vorsichtig sein und nur auf den Wegen bleiben. Alex begutachtet ihren Kompass und guckt zum Berg hinauf, auf dem das Waldstück beginnt. Viele Bäume sind voller Herbstlaub, einige kahl. Der Wald soll sehr groß sein. Ich sehe Chris an, der gelangweilt hinter uns steht und sich die Leute anschaut. Ich mache ein Foto von ihm, daraufhin grinst er. Ich frage ihn über die Sprache der Gedanken ob er eine Waffe mithat und er verneint das.

Nicht, dass ich mich unsicher fühle, aber das Gerede von Verrückten, die Leute umbringen, finde ich eher beängstigend. Dann lieber der Wolf, obwohl...?

Nach den Gesprächen fassen wir noch mal zusammen, was wir erfahren haben. Du bist alt genug, ich kann es hier mit reinschreiben, dann vergessen wir es auch nicht.

1.         ein Wesen mit Haaren lebt am Fluss

2.         der Verrückte lebt in einem Haus, oder Hütte, und bringt immer zwei Opfer in den Keller, bringt die eine Person um, während die andere mit dem Gesicht zur Wand stehen muss und damit die Geräusche hört, ehe sie selbst umgebracht wird. Das würde bei uns ja gut aufgehen, immerhin sind wir vier...

3.         man sagt, die Hexe lebt schon viele Jahre dort und möchte nicht gestört werden. Kann sie haben, wir sind einfach ruhig, dann passt das schon.

4.         Ach und dann ist der Wald noch ziemlich groß und keiner geht dort hin. Ich hoffe, der Wolf ist es wert, von dem hat übrigens keiner was gehört und ich frage Anais, von wem sie die Information habe. Der Name sagt mir auch nichts, warum habe ich gefragt?

5.         an den Orten, wo Leute verschwunden sind liegen Steinhaufen herum. Da passt aber kein Mensch drunter, also, sie sind kleiner.

6.         Im Fluss wurden mal Menschen aneinandergebunden und ausgeweidet, sieben waren dass.

 

Gut, genug jetzt, wir kaufen noch ein paar Kleinigkeiten ein und ich brauche noch ein Film oder so, vielleicht kann ich ja schöne Herbstbilder machen und die dann an meine Freunde verschicken als Postkarten. Vielleicht ist der Wolf ja auch fotogen, mal gucken. Dann übernachten wir hier und fahren morgen in aller Frühe los. Anais hat Kreuze auf der Karte gemacht, wo sie als Wolf gern sein würde. Mitten im Rotwildgebiet wäre mir glaube ich ganz recht, immer was zu essen...

 

Im Wald

 

Also, wir haben das Auto an der Straße geparkt und laufen nun mit relativ schweren Gepäck den Waldpfad hinauf. Ich habe ein Foto von dem Auto gemacht mit Alex, die tut als würde sie weinend Abschied nehmen. Anais lacht sich neben ihr gerade ziemlich krank. Wir haben jeder einen Rucksack auf und Chris trägt das Zelt. Zelten ist auch etwas, was nur zu mehreren Spaß macht, finde ich. Ich habe in meinem Rucksack viel zu essen und einen dicken Schlafsack und ein paar Klamotten zum wechseln. Die Kamera hab ich um den Hals hängen und das Buch hier in der Tasche meines kurzen Mantels. Ich komme mir ein bisschen wie ein Tourist vor, fehlt nur noch die Karte. Aber die hat Anais und sie geht gerade voraus und versucht Spuren zu einem Wolf zu finden.

Ob der wohl zu ihrem Clan gehört? Oder ob das gar ihr Mentor ist und sie möchte ihm noch mal so richtig die Meinung sagen? Keine Ahnung, aber sie sollte sich überlegen, ob sie ihn nicht besser in Wolfsform sucht. Das geht bestimmt einfacher. Allerdings ist sie nicht gern ein Wolf. Hier könnte man zumindest allen möglichen Kram machen, es scheint kein Mensch in der Nähe. Ich könnte fliegen, mit dem Gepäck eher nicht, ich kann gerade mal mich selbst hochheben. Vielleicht kriege ich noch dich mit vom Boden, Jiro, aber sicher bin ich mir da nicht. Auch könnten wir andere Fähigkeiten ausprobieren zum Beispiel die von Alexandra. Chris hatte in Vegas festgestellt, dass man nur bis auf ein paar Meter an sie rangehen muss, ehe die Fähigkeiten nicht mehr eingesetzt werden konnten. Wenn er flog, fiel er runter, kam er in ihre Nähe. Wie groß dieser Radius ist, entzieht sich unserer Kenntnis, hier wäre die Möglichkeit das auszuprobieren.

Schwierig beim Laufen zu schreiben! Sollte ich in der Pause machen.

 

Rast

 

Es ist recht schön hier, ruhig, leicht rauschen die Herbstblätter. Richtig kalt ist es nicht, der Wald hält den kalten Wind ab. Die Sonne steht inzwischen niedrig und leuchtet durch die kahlen Bäume. Wir waren vom Pfad abgegangen und einer vermeintlichen Spur eines großen Tieres gefolgt. Für mich hätte das auch sonst was sein können. Aber da selbst Chris es als Spur erkannt hatte war ich sofort bereit, den sicheren Weg zu verlassen um mich durch die Büsche zu schlagen und mir auf unwegsamen Gelände fast die Knochen zu brechen. Ich frage mich, woher Chris Spuren lesen kann. Kann er nicht, er weiß zwar, dass es eine ist, aber nicht von wem. Kann auch ein Mensch sein, sagt er. Jetzt rasten wir. Ich mache ein Foto von uns, auf der Lichtung. Anais hat ihren Rucksack abgenommen und läuft weiter hinten herum. Chris steht neben Alex und sie reden über dich. Das schreibe ich jetzt nicht auf, hi hi. Aber es ist nichts schlimmes, nur, was du so machst. Alex interessiert es, Ani hat gerade eine andere Beschäftigung. Jetzt gerade ruft Ani, dass sie was gefunden hat. Wir gehen zu ihr hinüber.

Es waren Steine.

Was hatte ich vorher zu den Steinen gesagt?

Ich glaube mir ist mulmig.

Alex meint, wir sollten trotzdem nicht länger nach einem Übernachtungsplatz suchen, sie glaubt, dass die Bewohner selber es waren, die die Haufen gelegt haben. Anais hockt auf dem Boden und betrachtet sie; ich stoppe zu schreiben und guck sie mir auch an.

Sehen wohlsortiert gestapelt aus, sind etwa 20 cm hoch und aus Felsgestein. In einem Baum liegen die Steine in dem Nest, was ein Vogel verlassen hat. Irgendwie merkwürdig. Anais ist skeptisch. Sie hat die Arme um die Jacke geschlungen und bittet mich, noch mal vorzulesen, was ich zu den Steinen aufgeschrieben habe. Sie zählt die Haufen, es sind sieben.

Wir sollten hier nicht bleiben – sagt sie. Chris kratzt sich am Kopf und sagt nichts. Alex steht nahe bei Ani und betrachtet die Haufen. Ich mache im schwindenden Licht ein paar Fotos von den Haufen, erschrecke, als ich nahe der Steine eine tote Maus finde. Die anderen kommen heran und betrachten sie. Ich finde es keine so gute Idee hier zu übernachten, aber da es schon langsam dunkel wird und der Wald eh überall gleich aussieht, sollten wir ein Stück zurückgehen, dort wäre eine nette Stelle gewesen. Chris kann ja so realistisch sein. Der hat auch kein Fatz Phantasie, glaube ich. Ich male mir schon wieder die grausamsten Dinge aus und er sagt nur, wo man trocken übernachten kann.

Wir trotten also hinter dem Mann her und schlagen weit von den Haufen entfernt unser Zelt auf. Zuerst sind wir wortkarg, aber der Aufbau klappt nicht so gut und schon bald lachen wir uns tot über gestellte oder wirkliche Ungeschicktheit des jeweiligen anderen. Ich kann nicht glauben, dass Alex oder Chris kein Zelt aufbauen können. Zumindest amüsieren Anais und ich uns gut! Als wir helfen wird es noch wirrer.

Es ist sehr dämmerig geworden als wir endlich das Zelt fertig haben. Ich habe eine kleine Taschenlampe mit der ich mir leuchte. Im Zelt ist es eng und wir versuchen gerade einen geeigneten Liegeplatz zu finden. Dazu muss ich immer von einer auf die andere Seite rutschen. Alex hat den Pullover und die Hose ausgezogen und sich in ihren Schlafsack verkrümelt. Neben ihr sitzt Anais und isst den Rest von unserem Mahl, was wir während des Zeltaufbaus gekocht hatten. Ja, ein Topf haben wir auch mit und ein paar Dosen. Ich sollte kochen, das war auch nicht so schlecht, weil kein Curry‑ oder Chiligewürz in der Nähe war. Da es hier einen Fluss geben soll, den wir aber noch nicht gefunden haben, kann man da ja abwaschen. Jetzt hat Anais sich in ihren Schlafsack begeben und guckt mir beim schreiben zu. Sie fragt, ob es eine gute Idee gewesen wäre, hier im Wald umherzuirren, um einen Wolf zu finden. Alex meint, sie habe ja einen Kompass, und es gibt ja noch die Karte. Außerdem brauchten wir uns um die Steine keine Gedanken zu machen, weil uns bestimmt keiner klauen würde.

Ist sie eigentlich schon lange mit Anais zusammen? Passiert nicht immer etwas, wenn sie unterwegs war? Ich sage das nicht, sondern schreibe es nur auf. Es ist ja auch nicht ganz richtig. Ani sagt, wenn die Haufen wirklich die Stellen markierten, wo Leute verschwunden waren, dann fand sie das unheimlich, – mein reden. Aber Alex sagt ruhig, dass wir ja ein ganzes Stück von dem Ort entfernt waren und daher in Sicherheit. Außerdem haben wir ja einen Vorteil, immerhin hat jeder von uns Fähigkeiten, die er zu Orientierung oder Verteidigung nutzen kann. Bis auf Alex und ich frage mich, warum sie das anführt. Hat sie Angst? Chris fragt, ob noch jemand eine Gruselgeschichte hören will und wir sind versucht ihn aus dem Zelt zu verjagen.

 

Der Morgen

 

Man bin ich froh, dass es endlich hell wird. Scheiße war das unheimlich! Ich glaube ich hasse den Wald! OK, die Fakten: In der Nacht gab es Geräusche, die mich geweckt haben. Chris saß aufrecht neben mir und lauschte den Lauten. Es ist schwer zu beschreiben, aber so was gehört nicht in einen Wald. Es war ein Klacken wie von Steinen, als wenn jemand Steine zerbricht. Hört sich komisch an, aber vielleicht zerschlägt er sie auch. Vielleicht ist Er auch eine Sie, aber scheiße, war das gruselig! Chris war rausgegangen und ich habe nach Anais und Alex geguckt, die auch aufgewacht waren. Dazu habe ich Licht gemacht. Sie zogen sich an und wir gingen ebenfalls hinaus.

Draußen war es so was von dunkel, wie in Alex’ Dunkelkammer. Ich konnte die Hand nicht vor Augen sehen. Meine Fähigkeit des im dunkeln Sehens reichte nicht, um sehr weit zu gucken. Ich konnte Chris weiter hinten in der Dunkelheit umherwandern sehen. Gut, dass der so weiße Haare hat. Das erleichtert das Entdecken bei Dunkelheit.

Die Geräusche, die um uns von allen Seiten zu kommen schienen, beängstigten. Anais überlegte, ob sie zum Wolf werden sollte, traute sich aber nicht von uns weg. Alex hatte eine Lampe in der Hand und leuchtete in die Nacht. Dadurch konnte ich schlechter in die Ferne blicken und trat um das Zelt herum in die Dunkelheit. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich lieber im Dunkeln stehe, wenn ich Angst habe, aber da ich dann besser gucken konnte, war mir das lieber. Meine Füße traten auf etwas hartes und ich entdeckte, dass es Steine waren. Nur einen kurzen Blick warf ich in die Nacht, ehe ich bei Alex und Ani stand und mich an Alex lehnte. Sie war definitiv der Teil, der mehr Ruhe und Sicherheit ausstrahlte. Ebenso war sie größer als Anais. Ich sendete nach Chris, der mir eine dünne Nachricht zukommen ließ. Sie besagte, dass er nichts ungewöhnliches finden konnte und erst recht keine Personen spüren konnte, die sich einen Spaß machten und Steine zerschlugen. Ich weiß nicht, wie die Nachricht mich beruhigen sollte. Vor allem fand ich merkwürdig, dass sein Senden so leise klang. Er konnte eh viel weiter und stärker senden. Er war doch nicht in der kurzen Zeit Meilenweit gegangen? Geflogen vielleicht?

Das Geräusch hielt an und wir blieben wach. Ins Zelt mochte keiner mehr gehen, weil man von dort nichts sehen konnte. Anais versuchte es mit rufen und fragen, ob dort jemand sei, der sich einen Spaß erlaubte. Darauf erhielten wir keine Antwort. Immer wieder blickte ich an den Rand des Zeltes, als erwartete ich, dass gleich einer der Steine um die Ecke gesprungen kam. Dennoch wollte ich nicht meine Lampe nehmen und nachsehen, ob es wirklich ein Haufen war. Ich meinte, wenn ich jetzt noch Gewissheit hätte würde ich wahrscheinlich vor Angst tot umfallen.

Während wir auf Chris warteten, der erst nach einiger Zeit wiederkam, sahen wir uns zögerlich in der Nähe vor dem Zelt um. Ich blieb dann bei Alex, Anais leuchtete sich einen Weg weiter weg, sah sich aber häufig um, ob wir noch da waren.

Chris erzählte, dass er keine Merkwürdigkeiten finden konnte und ich sendete ihm, dass die Nachricht leise war. Er schätzte, dass er vielleicht in einem Umkreis von 500 m umhergewandelt war, das war definitiv eine Strecke, die er ohne Probleme senden konnte. Jetzt war es auch ein normales Gefühl. Als er fragte, ob er noch mal eben weggehen sollte um die Lautstärke der übermittelten Nachricht zu testen, verneinte ich das lautstark. Wir standen im Grüppchen um das Zelt und versuchten zu ergründen, was das für ein Geräusch sein könnte. Chris sagte, dass es weder Steine in der Nähe gab, bis auf die, die wir gefunden hatten, noch dass Menschen in der Nähe waren. Anais bezweifelte, ob sie das beruhigen sollte, immerhin waren die Geräusche ja da. Dass es keine Erklärung für sie gab, machte die Sache auch nicht angenehmer. Vorsichtig fragte ich, ob Chris sich um dem Zelt mal umgucken mochte, was er sogleich tat. Da auch Alex sich umsehen wollte bekamen Ani und ich etwas mehr Angst, allein dort stehen zu bleiben. Wir traten nochmals von dem Zelt weg und versuchten zu hören, von wo es kam, aber es kam von überall. Dann wurde es leiser und Chris jagte mir einen riesigen Schreck ein, als er plötzlich an mich rantrat. Ich hatte ihn nicht gesehen, da Alex Lampe leuchtete und spüren, wie er Leute spürt, konnte ich ihn nicht. Ich schrie also auf und die anderen gruppierten sich sofort um mich. Chris hielt vier Finger hoch und ich verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

Bald ist es hell, nicht mehr lange, dann geht die Sonne auf, sagte ich zu mir

Das Geräusch hörte auf und wir setzten uns vor das Zelt, blickten in die Dunkelheit. Alex wollte wissen, ob Chris bei seinem zweiten Gang etwas gefunden hatte, doch er schüttelte nur den Kopf. Vielleicht sollte sie sich das besser bei Licht anschauen, sonst bekäme auch die ruhig gebliebene Alex Angst.

Das machen wir jetzt auch. Es ist hell, wir stehen neben dem Zelt und betrachten die Steinhaufen. Den einen habe ich wohl umgeworfen in der Nacht. Es sind vier. Ich blicke Anais an, wir beide sind bleich und erwarten, dass Chris oder Alex eine Erklärung abgeben, was das bedeuten soll. Das können sie nicht, nun ist auch Alex mulmig zu Mute.

Ich stülpe die Dose von letzter Nacht über einen Steinhaufen um ihn nicht andauernd zu sehen und baue mit den Anderen das Zelt ab.

Schweigend machen wir uns auf den Weg und Anais ringt mit sich, ehe sie verkündet, dass wir vielleicht doch besser zurück zum Auto gehen sollen. Wir bleiben stehen und beraten. Jetzt am Tage ist es kein bisschen unheimlich und Alex behauptet immer noch, dass die Haufen bestimmt schon vorher da gewesen waren. Jeder von uns weiß, das dies nicht der Fall ist. Wenn diese Steine bedeuteten, dass man verschwindet, dann war das nicht eingetreten. Chris schweigt zu dem Gespräch, er würde machen, wozu wir uns entscheiden.

Wir gehen noch einen Tag weiter und warten die Nacht ab. Das war die Entscheidung. Also gingen wir weiter und stießen auf den Fluss.

Das war recht idyllisch und ich habe Fotos gemacht, auch wie wir durch die Fuhrt warten. Wir lachen schon wieder, weil es bescheuert aussah, oder weil Chris irgendwelchen Asskram machte. Dennoch war er still und ich frage ihn besser noch mal, was er denn zu der Situation meint. Die Möglichkeit ergibt sich, als Ani und Alex die Orientierung suchen.

Er sagt, es sei alles in Ordnung. Aber du kennst deinen Vater, wenn er so was sagt, dann war kein bisschen in Ordnung. Zögerlich fragte ich ihn dann, ob er vielleicht doch etwas gefunden habe, was er aber besser nicht sagte, weil sonst alle schreiend aus dem Wald liefen. Er guckt mich an.

Was bedeutete das?

Ja, toll.

Etwas ist hier, was so schlimm ist, dass er es besser für sich behielt.

Mir läuft es schon eiskalt den Rücken runter. Allerdings tröstet mich der Gedanke, dass er nicht darauf drängt fluchtartig das Gelände zu verlassen. Also in direkter Gefahr sind wir wohl nicht.

Alex verkündete, dass wir immer in eine Richtung gegangen waren, aber dennoch kamen wir wieder an dem Ort an, wo wir übernachtet hatten.

Ich hatte gleich die Dose gesehen, die auf dem Boden stülpte.

Wir warfen einen Blick auf ihren Kompass und Alex sowie Chris versuchten die Richtung zu finden. Es war warm und ich zog den Pullover aus, betrachtete dann die Dose und hob sie auf.

Es waren keine Steine mehr darunter.

Erschrocken zuckte ich zurück und Anais kam heran. Ich erzählte ihr kurz, dass da vorhin noch Steine drunter waren, die waren jetzt weg.

Anais hatte Angst, ich auch. Irgendwer muss hier sein und das alles machen. Wir waren auch nicht lange weg, Chris versuchte jemanden auf zu spüren, das blieb erfolglos. Alex und Anais blickten auf die Karte und ich wartete, dass Chris zurückkommt, da ich mich besser fühle, wenn er da ist. Außerdem war die Gewissheit, dass er in der Nacht etwas schlimmes gefunden hatte und nun schwieg auch nicht gut, um Furchtlos zu bleiben.

Als Chris zurückkommt sagt er dass niemand in der Nähe sei, zumindest kein Mensch. Das verschreckt mich, was meint er damit? Gibt es hier Geister? Dämonen? Wesen? Er schlägt vor, zurück zum Auto zu gehen und ich bekomme richtig Angst. Soll das heißen, dass es hier nicht sicher ist? Er nickt nur und blickt sich um. Anais und Alex deuten in die Richtung, in die wir gehen sollen und wir machen uns auf den Weg. Ich bleibe nahe bei Chris, weil nun auch der Tag gruselig geworden war. Wir reden wenig und ich bekomme nicht heraus, was Chris gesehen hat. Am Nachmittag kommen wir an einem Ort an, der uns vorher bestimmt aufgefallen wäre.

Es hängen Äste in den Bäumen, die zu Formen gebogen sind. Chris ist stehen geblieben und guckt sich die Umgebung an. Ich geselle mich zu Anais und Alex, die verwundert auf die Zeichen schauen. Schließlich fotografiere ich sie, wieder ist das Licht schwindend. Ich hoffe, dass die Aufnahmen was werden. Die Zeichen wirken auf mich unbekannt, keine Formen aus meinem Umfeld. Keine uns bekannte Bedeutung. Alex guckt mich an und fragt, wo Chris ist. Ich habe keine Ahnung und sende nach ihm.

Ich erhalte keinen Kontakt. Es scheint er ist entweder sehr weit weg, oder er ist... tot?

Hektisch blicke ich mich um und trete zwischen die Bäume, rufe nach ihm. Anais tut es mir gleich, nahe bei mir. Auch Alex ruft nach ihm und schließlich antwortet er, dass er zurückkäme.

Ich glaube diese Steinhaufen sind immer die, die einem von Herzen fallen, wenn man erleichtert ist. Eigentlich müsste ich gerade so einen verloren haben. Ein Blick auf den Boden sagt mir, dass es nicht so ist, und eigentlich ist das auch ganz gut so. Ich kann diese Haufen nicht ausstehen.

Chris sagt, dass er sich nicht richtig orientieren kann. Das verwundert mich und ich fordere eine Erklärung. Er ist der festen Überzeugung, dass wir direkt zum Auto gelangt sein müssten, wenn wir in diese Richtung weitergegangen waren. Das ist offensichtlich nicht so, statt dessen sind wir hier gelandet und es wurde schon bald wieder dunkel. Leise sagt Chris, dass er keine Ahnung habe, wo wir uns befänden. Er würde vielleicht den Weg zurück zu den Steinhaufen finden, aber nicht mehr den Weg zum Auto.

Das jagt mir mehr Angst ein, als alle Geräusche und Steine und Zeichen des Waldes zusammen. Als er dann noch sagt, dass er niemals so weit weggewesen sein konnte, dass er mich nicht hören oder mir nicht antworten konnte, bekomme ich richtig Furcht. Etwas stimmt nicht mit diesem Wald, und da gibt er mir recht.

Anais und Alex stehen dicht bei uns und werfen verstohlene Blicke zu den Zeichen auf.

Was nun sei, mit dem, was er gesehen hatte, frage ich.

Er hatte Nebel gesehen, die Formen von Gestalten hatten. So etwas wie Geister. Diese tauchten auf, materealisierten sich neben einem oder weiter weg. Waren sie neben einem konnte man sie nicht anfassen. Sie nahmen Gestalt an, bis man sie fast erkennen konnte, dann verschwanden sie wieder. Da das lautlos passierte, schloss er die Möglichkeit aus, das jene die Steinknackgeräusche machten.

Ich stelle mich an Anais heran und fasse unbewusst nach ihrem Arm. Sie nimmt meine Hand, presst sie mit leichtem Druck und schmiegt sich an mich.

Mein einziger Gedanke ist: Ich will hier raus.

Das sagt auch Anais. Alex sieht sich um und begutachtet die Karte sowie den Kompass.

Chris meint, es würde nicht viel nutzen, der Weg hinaus wird uns verborgen bleiben. Wir drei starren ihn an und ich werfe unruhige Blicke auf die sich im leichten Wind bewegenden Zeichen. Die Bäume wirken bedrohlich, die Äste spitz und filigran, das Laub auf dem Boden hat eine Farbe von altem Blut. Nur wenige orange Blätter sprießen wie Lichtpunkte aus der Fläche.

Mein Vorschlag, ob wir uns bitte woanders unterhalten können, wird angenommen und wir verlassen den Ort.

 

Jetzt befinden wir uns an einer Stelle, die wir zuvor noch nicht entdeckt hatten. Weder der Kompass noch Chris Gefühl ließen eine genaue Orientierung zu. Wenn wir dem Kompass glauben sollten, dann wären wir zumindest an der Straße angekommen, auf der unser Auto parkte. Wenn wir Chris Gefühl glaubten, dann müssten wir schon lange am Auto sein. Da beides nicht der Fall ist, machen wir uns träge daran, das Zelt aufzubauen. Ich koche ein Mahl und röste Toast im Feuer. Ein paar Marschmellows wären auch nicht schlecht, haben wir aber nicht.

Eine drückende Stimmung macht sich breit und ich erfahre von Chris, dass er neben den Nebelgestalten auch noch andere Dinge im Wald spüren konnte, die verwirrend oder beängstigend waren. Warum er mir so was auf Anfrage auch erzählen muss. Nun kann ich im Dunkeln wohl kein Auge zumachen. Warum frage ich auch. Habe ich doch selbst Schuld.

Wir versuchen uns mit Geschichten die Furcht zu nehmen, das klappt nur bedingt. Schließlich ziehen wir uns ins Zelt zurück und legen uns komplett bekleidet zur Nacht hin. Chris bleibt wach und überlegt, ob er nach draußen gehen soll. Ich möchte das nicht, da ich Angst habe, es könnte etwas passieren, wenn er nicht bei mir ist. Seine Begründung, dass er draußen sehr viel nützlicher ist, will ich nicht hören. Ich schlafe ein.

 

Geräusche weckten mich in der Nacht. Es war wieder dieses Steinknacken. Chris war nicht hier. Ich weckte Alex und Anais, die bereits wach waren und begab mich mit ihnen zusammen nach draußen. Wir drei sahen uns in der Umgebung um und ich sendete nach Chris. Wieder erhielt ich keine Antwort, das konnte bedeuten, dass er nicht weit weg war und der Wald verschluckte einfach unsere telepatischen Nachrichten. Das konnte aber auch bedeuten, dass er viel zu weit weg war oder etwas passiert war.

Ich rief nach ihm, mit Unterstützung der anderen. Doch wir erhielten keine Antwort. Die Geräusche wurden leiser und verstummten, wir gingen zurück zum Zelt. Da ich ängstlich war, ging ich direkt hinein. Die beiden blieben noch einen Moment draußen und kamen dann nach.

Wo Chris ist, wollte Alex wissen. Mir standen die Tränen in den Augen und ich antwortete, dass ich keine Ahnung habe. Anais nahm mich in den Arm und ich fand keinen Trost bei der ängstlichen Freundin. Sie war nicht imstande, meine Furcht zu vertreiben, da sie selbst voll Angst war. Alex starrte furchtsam auf den Zelteingang und sagte schließlich, dass er gewiss bald zurückkommen würde. Anais bestätigte das und wir alle lauschten in die Dunkelheit, hörten das Schweigen.

 

Wartend harrten wir im Zelt aus und immer wieder fürchteten wir, dass die Geräusche wieder anfangen würden. Chris kam nicht zurück und es ist jetzt hell draußen. Ich gehe jetzt hinaus.

Die anderen kamen mit. Zuerst sendete ich wieder nach ihm, doch die Antwort blieb aus. Dann sah ich mich um das Zelt um und blieb zitternd an einem Steinhaufen stehen. Alex trat von hinten an mich heran und lugte mir über die Schulter. Anais zählte drei Haufen und ich hatte das Gefühl, dass mir der Boden unter den Füßen entglitt.

Drei Haufen, wo war Chris?

Mit bebenden Lippen blickte ich die beiden Frauen an. Sie waren verschüchtert, ratlos und vor allem wussten sie nicht, wo Chris geblieben war. Er musste doch zurückkommen, sobald es hell war, wenigstens das!

Ich sendete nach ihm, erhielt Schweigen als Antwort, ein beängstigendes. Eines, was mir nicht genau sagte, ob er nur zu weit weg war oder bereits tot. Das Zittern von den Lippen breitete sich in meinem Körper aus und ich rannte in den Wald, rief nach Chris.

Alex und Anais gingen in eine andere Richtung, trennten sich schweren Herzens und liefen allein. In meinem Kopf war kein Platz für zu viele Gedanken, sie sammelten sich alle um den einen, dass er nicht da war und dass etwas passiert war. Ich war nicht sicher, ob ich wissen wollte, was passiert war, aber ich wollte wissen, wo er geblieben war!

Entschlossen suchten wir die Gegend ab und trafen uns nach einigen Stunden wieder beim Zelt.

Keiner von uns hatte eine Spur gefunden und ich war nahe daran zu sagen, dass wir warten. Aber wenn einer sich orientieren konnte und uns wiederfinden konnte, dann war es Chris. Wenn das denn in diesem Wald möglich war. Falls er also einfach nur zu weit weg war und später zurückkam, konnte er uns bestimmt einholen. Unsere momentane Ambition, noch länger in diesem Wald zu bleiben, war nämlich gleich null und somit machten wir uns auf den Weg in die Richtung, auf der laut Karte die Straße sein musste. Nachdem wir neu gepackt hatten um das Zelt mitzunehmen, machten wir uns langsam auf den Weg. Immer wieder sah ich zurück und Tränen liefen meine Wangen hinab. Warum konnte ich ihn nicht erreichen? Warum erhielt ich keine Antwort?

 

Wir sitzen und machen eine Rast. Anais versucht mich zu trösten und mir Mut zuzusprechen. Trotzdem sind diese Flecke auf dem Papier meine Tränen und kein plötzlicher Regenschauer. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich Angst habe. Angst, dass ihm was passiert ist, Angst vor diesem Wald.

Ich möchte doch wenigstens wissen, was in der Nacht geschehen ist. Selbst wenn es so sein sollte, dass er irgendwie umgekommen ist, so will ich es wissen. Obwohl ich mir beim besten Willen nichts vorstellen kann, was diesen Mann so ohne weiteres töten konnte. Das erste was ich mache, sobald wir hier raus sind, ist ein Suchtrupp losschicken. Einen Großen!

Vollkommen verzweifelt steht Anais über der Karte und stellt nur fest, was wir alle wissen. Wir haben uns total verirrt.

Ich frage mich, wie das passieren konnte, aber wenn der Wald daran Schuld war, so hatte er ganze Arbeit geleistet. Über den Tag hatten wir keinen Anhaltspunkt über unseren Aufenthaltsort bekommen. Ich kann Chris nicht erreichen und Anais beginnt sich Vorwürfe zu machen. Sie sagt, es sei alles ihre Schuld, dass wir uns verirrt haben und Chris verschwunden ist. Es ist nun an Alex, uns wieder aufzubauen. Erst mal redet sie Anais aus, dass sie Schuld ist, zeigt uns den Weg hinaus und erklärt, dass Chris bereits am Auto sitzt und auf uns wartet.

Es ist hier glaube ich nicht nötig, zu sagen, dass sie es nicht konnte.

 

Wir landen am Abend an einer Stelle, die zum Zeltaufbau recht passend ist. Also machen wir uns daran das Nachtlager aufzuschlagen. Inzwischen müsste Montag sein, oder? Ich frage Alex, und sie bestätigt es. Wir sitzen am Feuer und rösten Toast. Ich tunke die Stücke in die warme Suppe und denke an Chris. Mit dem Feuer musste er uns im Dunkeln allerdings gut finden können. Ich realisiere, dass auch andere uns damit finden können. Ich wage kaum es anzusprechen, tue es aber dann doch. Vielleicht sind es nur irgendwelche Spaßvögel aus dem Dorf, die ihren Schabernack mit uns treiben. Anais blickt mich aus furchtgeweiteten Augen an. Sie fragt, wo dann Chris geblieben war, wenn es Jugendliche waren. Die hätte er übers Knie legen können und wäre noch innerhalb der Nacht zurückgewesen. Da gebe ich ihr Recht und blicke wie sie auch in die Dunkelheit um uns her.

 

Die Nacht war grausam.

Ich zittere noch immer am ganzen Körper, bin nur ein Schatten meiner selbst. Wenn ich dieses hier nicht aufschreiben würde, verliere ich wahrscheinlich noch den Verstand.

Er hat geschrieen, fast die ganze Nacht.

Ab Mitternacht haben wir die Schreie gehört.

Wenn ich jetzt sage, ich weiß, dass er es war, so ist es auch gelogen.

Eine Männerstimme hat geschrieen und es kann Chris gewesen sein, oder auch nicht. Aber wenn er es nicht war, wer war es dann?

Alex hatte sich nur zögernd hinausgewagt und ich hatte solche Angst, dass ich eine ganze Weile brauchte, ehe ich mich aus dem Zelt begab. Anais blieb die ganze Zeit bei mir und ging mit mir zusammen hinaus, als Alex nach ihm zu rufen begann. Zitternd hatte ich nach ihm gesendet und keine Antwort bekommen. Die Schreie klangen nach Schmerzensschreien und ich war wie vor Angst gelähmt, konnte mich nicht aufraffen auch nur einen Schritt von den beiden weg zu machen. Anais war genauso ängstlich und fasste nach mir, versuchte mich damit zu animieren, etwas zu tun. Alex rief inzwischen laut nach Chris, schließlich riefen beide zusammen, während ich zitternd hinter ihnen stand und auf mein gedankliches Rufen keine Antwort bekam. Wir konnten nicht feststellen, von wo das Schreien kam. Schließlich begann ich zu weinen und fand meine Stimme wieder. Zuerst rief ich mit den beiden zusammen nach ihm, erbat eine Antwort. Dann fing ich an, zu fragen, wer dort sei und seine verfickten Spiele mit uns trieb. Meine Rufe klangen hohl und laut in der kühlen Nacht. Doch das Schreien hielt an, gar so, als habe die Person nichts von uns gehört.

Es ist nicht Chris, redetet ich mir ein. Er kann nicht, es kann nicht, ich kann es mir nicht vorstellen, es ist ein Jugendlicher, der sich vielleicht wie wir verirrt hatte? War gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen?

Was für Lösungen einem zu Dingen einfallen, um diese zu verdrängen oder abzuwenden. Ich konnte mir tausend Erklärungen geben, wer dort schrie, nur keine deutete darauf hin, dass es Chris war.

Ich konnte nicht nachvollziehen, das er es sein konnte. Er war definitiv in der Lage sich zu wehren, was mochte das sein, was ihn gefangen hielt? Wer konnte ihm solche Schmerzen zufügen? Wenn er es war, dann musste er unglaubliche Schmerzen haben. Schluchzend und weinend blieb ich bei den anderen beiden stehen, die ebenso zitternd in die Dunkelheit spähten. Alex gab nicht auf zu rufen, sie hielt daran fest, um nicht in Panik auszubrechen. Anais klammerte sich an mich, verängstigt, denn das Schreien war gruselig. Schließlich stürzte ich zurück ins Zelt um wenigstens den unheimlichen Anblick der von Alex’ Lampe angestrahlten Bäume loszuwerden. Anais blieb draußen, kam dann mit Alex hinein. Ich hatte mir die Ohren zugehalten und jammerte bitterlich. Ich konnte dort nicht hinaus gehen und ihn suchen, ich hatte viel zu viel Angst

Er ist es nicht, sagte ich mit bebender Stimme, redete ich mir ein. Anais versuchte mich zu trösten und zitterte selber und verlor Tränen auf ihren flauschigen Pulli. Das Schreien wurde leiser und verstummte schließlich. Es gab bestimmt keinen Muskel in meinem Körper der nicht gezittert hätte, aber ich konnte mich nicht dazu bringen, aufzustehen und hinauszugehen. Vielleicht konnte ich etwas sehen, oder etwas hören, vielleicht konnte ich ihn spüren.

Es tut mir Leid Jiro, aber ich bin keine mutige Frau. Ich kann mit Dingen umgehen, die Beamte, Terroristen oder Gangster mir stellten, aber nicht mit Dingen, die etwas mit Magie zu tun hatten. Du magst recht haben, wenn du sagst, wir haben auch so etwas wie Magie in uns, aber ohne Pitaar zu nahe zu treten, das ist nichts gegen das, was ich in dieser Nacht empfunden habe. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch niemals soviel Angst wie in dieser Nacht.

Und Anais geht es genauso. Ich weiß nicht, was Alex hilft, so ruhig zu bleiben. Ich werde sie auch nicht danach fragen. Ich will nur hier raus und keine weitere Nacht hier bleiben. Es ist mir scheißegal, was mit den anderen ist, aber ich will nicht noch eine Nacht hier bleiben.

Nein, das ist falsch und ich weiß es. Ich will Anais und Alex nicht hier zurücklassen, selbst wenn das der Preis wäre und ich will erst recht nicht gehen, ohne zu wissen, was aus Chris geworden ist. Aber ich habe so unsagbare Angst.

Wir gehen weiter, in der Hoffnung, dass wir den Weg hinaus finden.

 

Heute hat Anais sich in einen Wolf verwandelt und einen Weg gesucht. Der Tag ist warm und sonnig, die Lichtspiele im Laub verscheuchen die Angst. Dennoch erwarte ich jeden Augenblick, dass ein Monster durch das Gebüsch prescht und mir die Haut vom Leibe zieht. Irgend so etwas in der Art muss es ja gewesen sein, dass er so schrie...

Jetzt, da Anais auch noch weg ist, ist meine Angst noch viel größer. Wenn ihr jetzt etwas passierte? Wenn sie auch nicht wieder kommt und vielleicht morgen ihre...

Alex spricht mich an und erlöst mich aus den Gedanken. Danke.

 

Sie hatte versucht mit mir ein normales Gespräch zu führen, aber ich konnte nicht richtig darauf eingehen. Wenn es kein Monster war, vielleicht fanden wir die entstellte Leiche von Chris?

Anais kam nach einer ganzen Zeit wieder und ich weinte vor Erleichterung. Alex sprang auf und lachte, wartete, bis sie sich zurückverwandelt hatte um ihr dann um den Hals zu fallen. Ich stellte mich dicht an sie heran und reichte ihr einen Teil ihrer Kleidung, den ich in der Hand hielt.

Doch sie konnte uns keine Richtung sagen. Anscheinend hatten wir uns viel weiter in den Wald hinein begeben, als angenommen.

Das kann doch nicht wahr sein, schlossen wir. Sie war recht weit gelaufen und dachte sich nun, dass wir vielleicht dem Flusslauf folgen sollten. Sicher würde er irgendwann auf Zivilisation stoßen. Spätestens, um sein Wasser mit Abwassern zu verschmutzen.

Sie kleidete sich wieder vollkommen an und ich überlegte in der Zeit, was ich machen könnte, um die Richtung zu finden. Wenn ich fliege, konnte jemand mich sehen.

War das nicht egal? Sollte doch jemand mich sehen. Sollte er doch herkommen und mich verhaften. Ich legte also meinen Rucksack ab und erzählte den beiden, was ich vorhatte. Sie nickten nur und ich erhob mich in die Luft. Vorsichtig bahnte ich mir den Weg durch die Äste und blickte mich auf deren Höhe um. Kein Flugzeug, keine Segelflieger, ich stieg höher auf, ließ die Bäume unter mir.

Langsam drehte ich mich und betrachtete die herbstlichen Blätter die zu einem Meer angewachsen waren. Mein Gott, war dieser Wald groß. Wenn ich jetzt in eine Richtung flog, musste ich irgendwann hinausgelangen, aber dann würde ich die zwei niemals wiederfinden. Den Fluss konnte ich sehen, weiter hinten erhaschte ich einen Blick auf eine Ansiedlung von Häusern. Das war bestimmt fünf Tage entfernt. Entmutigt erreichte ich wieder den Boden und rief nach den beiden, da ich mich wohl doch etwas wegbegeben hatte. Furcht schoss mir durch die Glieder, dass ich sie verloren hätte, aber sie antworteten nur wenig später und ich rannte in die Richtung, versuchte mir zu merken, wo der Ort lag.

Die Entfernung kam mit unserer Reise ja gut hin, ich hatte nicht sehen können, ob der Fluss dorthin floss. Da die Richtungsangaben von mir und Anais genau entgegengesetzt lagen überlegten wir, was wir machen sollten. Wir entschlossen uns, den Weg zu der Ortschaft aufzunehmen.

 

Nun sitzen wir an unserem aufgebauten Zelt und ich muss nicht sagen, dass ich Angst vor der Nacht habe. Wir haben gegessen und sind müde und erschöpft. Meine Glieder schmerzen vom Laufen und zittern. Ich habe Furcht, dass ich einschlafe und nicht wieder aufwache. Es fängt an zu regnen und wir gehen ins Zelt. Eingemummelt in den Schlafsack schlafe ich ein.

Am Morgen wachte ich auf, es regnete noch immer. Ich fühlte mich ausgeruht, aber verstört.

Alex war nicht hier.

Panisch begann ich nach ihr zu fragen, weckte damit Anais. Ich griff die Mütze, verließ das Zelt und stolperte über eine kleinen Konstruktion aus Stöcken. Der Boden war nass und glitschig und ich wäre fast gefallen. Zuerst rief ich nach Alex, setzte die Mütze gegen den gleichmäßigen dünnen Regen auf. Schwerfällig lenkte ich meine Augen auf das Gebilde. Es war hergestellt von jemanden und ich trat das Ding zur Seite, als Anais aus dem Zelt kam. Laut rief ich nach Alexandra. Sie solle sagen, wo sie war. Schockiert wollte Anais wissen, was passiert war und ich sagte ihr, dass ich geschlafen hatte und daher nicht mitbekommen hatte, wann sie hinaus gegangen war. Hektisch lief Anais umher und begann zu rufen, entfernte sich nur zögerlich vom Zelt. Alex hätte längst antworten müssen, wenn sie pinkeln war, so weit hatte sie sich bestimmt nicht wegbegeben. Ich verlor Anais aus den Augen und wählte die andere Richtung. Weiter unten stieß ich auf den Fluss und ging an ihm entlang. Aus der anderen Richtung hörte ich Anais rufen und stimmte mit ein. Ein knacken ließ mich herumfahren und ich entdeckte ein Vogel, der wegflog. Es gab also doch Tiere in diesem Wald, ich hatte es schon bezweifelt.

Schließlich ging ich zurück und versuchte die andere Richtung. Es kam mit vor, wie den Tag, als wir Chris gesucht hatten. Der Wald sah auch überall gleich aus, nur der Fluss war neu.

Zurück am Zelt angekommen war ich allein. Mit glühenden Wangen vom Laufen und Rufen trat ich an unsern Lagerplatz und hörte Anais leise Stimme von weitem. Mein Blick fiel auf das Gebilde und ich entsann mich daran, ging an es heran.

Es waren mehrere Äste, zusammengebunden mit Weidenruten. Sie lagen alle um etwas herum und ich zögerte, ehe ich die Weiden löste, um an den Inhalt des merkwürdig gepackten Dings zu kommen. Mein Herz schlug schneller und ich spürte ein zittern in den Fingern.

Hätte ich doch bloß nicht...

Ich habe es aufgemacht und ein Stück Stoff darin gefunden.

Wenn ich nur daran denke wird mir schlecht.

OK, also ich habe dieses Stück Stoff gefunden und ich habe es als ein Stück aus dem Hemd das Chris anhatte identifiziert. Das Päckchen war vielleicht Handflächengroß. Mit panischer Angst habe ich es ausgewickelt, und aufgehört zu atmen.

Es waren kleinen Stücke von Innereien darin.

Schlagartig schleuderte ich das Päckchen von mir und sprang auf. Dann starrte ich hinauf und fing wieder an zu atmen. Dass ich unsinniges Zeug redete fiel mir erst auf, als ich mich von dem Ort wegbegab. Dass ich weinte fiel mir erst auf, als der Schnodder in meinen Mund lief. Zitternd jammerte ich und panisch sah ich mich um.

Anais, ich muss Anais finden!

Damit befasste sich mein Kopf und ich stolperte unkoordiniert durch das Laub, glitschte auf den nassen Blättern aus und schlug lang hin. Ich rappelte mich nur auf, um Anais zu finden, den einzigen Gedanken, der noch in meinem wie leergefegten Kopf existierte.

Anais finden, Anais, sie ist hier irgendwo, sie ist noch da.

Ich weine schon wieder und sehe auf. Nebel ist um mich her und ich senke schnell den Kopf.

Ich hatte Ani von Vorwürfen geplagt gefunden, wenn ich ihr noch erzählt hätte, dass es wirklich Chris war, der geschrieen hatte und dass er nun tot war, dann würde sie sich nie davon befreien können. Immer wieder jammerte sie, dass sie Schuld sei an dem Ganzen was passiert war und ich konnte mich damit ablenken, es ihr auszureden. Dann liefen wir nochmals umher und ich bewegte mich langsam zum Zelt zurück. Es regnete noch immer. Die Mütze war durchweicht. Anais versuchte als Wolf eine Fährte aufzunehmen und ließ mich einen ganze Zeit allein am Zelt zurück.

Tropfen aus den Bäumen jagen mir Angst ein, ich schreibe um mich abzulenken. Ich kann nicht in die Richtung sehen, wo das Gebilde liegt, ich bringe es nicht fertig. Ebenso habe ich Angst aufzusehen, weil leichter Nebel in der Luft hängt und mich an die Erzählung von Chris erinnert. Der Nebel ist dünn und hat keine Form, dennoch fürchte ich mich vor ihm.

Anais sitzt mir nun gegenüber und weint stark, bibbert. Ihre Tränen haben Spuren auf ihrem schmutzigen Gesicht hinterlassen, ich sehe bestimmt nicht anders aus.

Ich kann nicht mehr, ich überlebe diese Nacht nicht. Wenn ich einschlafen sollte, dann war sie bestimmt morgen nicht mehr da und ich würde wahrscheinlich ein Päckchen mit Teilen von ihr finden.

Ich habe solche Angst.

Bitte, kann nicht irgendjemand kommen und mich retten?

Bitte, ein Förster, oder ein Jäger, irgendwer, der sich nicht vor der Nacht fürchtete, so wie wir beide jetzt?

Was passierte hier, was ist mit Alex. Wird sie genauso grausam schreiend sterben wie Chris die vorletzte Nacht?

Wir haben den Platz nicht verlassen. Wir haben den ganzen verdammten Tag nach Alex gesucht und nichts von ihr gefunden. Nun wird es dunkel und mein Herz schlägt wie wild. Ich habe es nicht über mich gebracht, Ani etwas von dem Ding zu erzählen. Sie verzerrt sich eh schon vor Angst und Vorwürfen. Wenn es da draußen etwas gab, dass Chris gekriegt hatte, ihn umbrachte und Alex aus dem Zelt holt ohne dass wir es merken, dann haben wir keine Chance.

Anais hatte als Wolf keine Fährte aufnehmen können, wegen des Regens und ich verfluche mich, dass sie es nicht bei Chris gemacht hatte. Da war es trocken, vielleicht hätten wir ihn gefunden bevor....

Nein, nicht gut. Denk an was anderes. Es ist zu spät, ich will nur noch hier rauskommen, und wenn ich mit Ani fliegen muss, bis ins Dorf vor die Tür des Rathauses, es ist mir scheißegal, ob sie uns als Freaks einsperren, nur hier bleiben will ich nicht. Wenn ich diese Nacht überstehe, werde ich mir Anais unter den Arm klemmen und versuchen mit ihr zu fliegen. Ich glaube nicht mal, dass ich mit ihr zusammen fliegen kann, aber ich lasse sie nicht hier. Egal, ob sie lieber bleiben und weiter nach Alex suchen will.

Wir werden sterben, mein Gott, wir werden bestimmt sterben.

Was ist das da draußen?

Ani hört es auch, was ist das? Ich will nicht aufsehen, da ist etwas, ich will nicht aufsehen, was ist das für ein Geräusch, es ist beim Zelt. Bitte lass es Alex sein, es

Ich will nicht aufsehen

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Aktualisiert (Dienstag, den 04. August 2009 um 17:16 Uhr)