Es ist Weihnachten, keine Angst - Teil 2

Ich flitzte zum nächsten Telefon und wählte mit zitternden Fingern Tristans Nummer. Es klingelte dreimal, ewig wie ich fand, bevor Isis abnahm.
"Tellanvor..."
"Isis, ich muss unbedingt mit Tristan sprechen!", rief ich aufgeregt in den Hörer.
"Yannik? Was ist denn bloß los? Tris ist gerade zu dir unter-"
"Yan?", vernahm ich seine unverkennbare Stimme hinter mir, sofort ließ ich den Hörer fallen. Da stand Tristan und selten war ich so erleichtert gewesen, ihn zu sehen. Und ebenso selten hatte mich so dankbar dafür gefühlt, dass er Gedanken lesen konnte.
"Tris?!"
Er sah besorgt aus. Dann las er mich schnell, bevor er beruhigend seine Hand auf meine Schulter legte.
"Geister."
Das war keine Frage, dennoch nickte ich, aber musste zugeben: "Ich habe sie nicht gesehen..."
Tristan nickte und murmelte: "Keine Angst."
Wenn Tris das sagte, dann konnte man seine Angst allmählich loslassen.
"Die Tür zum Salon geht nicht wieder auf...", erklärte ich, etwas heiser, doch mein Herz schlug weniger panisch. Irgendwie gab mir allein schon Tristans Anwesenheit das Gefühl, dass alles gut werden würde, trotz der eher hoffnungslosen, gruseligen Lage.

Tristan ging mit gesenktem Gesicht zu der Tür, sein Schritt war fest, als ob ihn nichts in dieser Welt schrecken könnte. Vielleicht war es auch so.
Seine Augen nahmen eine helle goldene Farbe an, leuchtend, mit winzigen Pupillen.
Zuerst lehnte er seine Stirn gegen die Tür und verharrte so, als ob es dahinter keine Schreie und kein Poltern gäbe, geradezu als sei alles gut. Seltsam stark und solide wirkte er dort, beinahe so als ob die Welt auf seinen Schultern ruhen konnte.
Das Poltern stoppte, die Schreie verklangen.
Die daraufhin eintretende Ruhe war beinahe genauso erschreckend wie der Lärm, so dass sie Gäste meiner Eltern noch weiter von der Tür wegrückten, sich zusammendrängten wie gute Freunde. Aber das waren sie nun wirklich nicht.

Schließlich hob Tristan den Kopf, ich konnte seinen Pupillen sich schlagartig vergrößern sehen. Hinterher legte er bedacht die Hand auf die Tür und öffnete sie so leicht, gerade so als wäre sie nie geschlossen gewesen wäre. Durch dem Spalt lugte er in den Raum, vorsichtig wie ein Raubtier auf der Pirsch.
Ich stand hinter ihn und versuchte zu erfassen, was dort drinnen vorgefallen sein konnte, aber ich konnte nichts erkennen, nur ein paar flackernde Lichter, die der Totenstille in unserem Salon die passende Beleuchtung gaben. Lange stand Tristan nur in der Tür, witternd, prüfend und auf der Hut.
Dann öffnete er sie entschlossen ganz und betrat unseren vormaligen Salon.
Dabei blieb ich immer dicht hinter ihm, griff den Ärmel seines Pullovers, um ihn nicht zu verlieren, weil ich in der Dunkelheit, die nur durch die unregelmäßig flackernden Christbaumlichter erhellt wurde, anscheinend wesentlich weniger sehen konnte als er. Mein Führer stoppte, dann beugte er sich vor und langsam erkannte ich, dass dort auf dem Boden ein Mann lag, der schmerzerfüllt stöhnte.

"Was ist passiert?", fragte Tristan leise, aber konnte keine Antwort erwarten. In den Augen des Mannes glitzerten Angst und Unglauben im unregelmäßigen Flackern der Lichter.
Langsam gewöhnten sich meine Augen an die spärliche Beleuchtung.
Wo waren eigentlich die anderen Gäste?
Ich sah mich fragend um. In den Ecken zu kleinen zitternden Haufen gepresst, standen die Menschen, in ihren feierlichen Aufzügen, wie Parodien einer Festgesellschaft. Sogar die vier Polizisten waren, mit schreckgeweiteten Augen, zu normalen ängstlichen Menschen geworden und drängten sich in den scheinbaren Schutz einer Menschengruppe. Man hatte sie geradezu zurückgeworfen in der Evolution, sie waren wieder zu verschreckten Tieren geworden.
Ich konnte das Glitzern der Kleider in dem flackernden Licht sehen. Der Baum lag auf dem Boden, verdeckte den Sarg und ließ unseren Salon fast bewaldet aussehen. In seinen Ästen flackerten die vielen Lichter, der Kunstschnee lag verweht über den teuren Teppich und mutete fast wie echter an.
Verwunderlicherweise fand ich, dass jetzt die Stimmung im Salon andächtig, ja beinahe festlich war. Als stünde die Stunde der Erkenntnis bevor.
Alle Augen richteten sich auf Tris und mich, als ob wir Jesus und die drei Könige persönlich wären.
Mir fiel auf, dass Tris Augen in der dürftigen Beleuchtung beinahe übernatürlich leuchteten, sein Gesichtsausdruck war angespannt, forschend und ein wenig nervös.
Einer der Gäste trat vor, von dem ich noch wusste, dass er ein Börsenmakler aus New York war.
"Was geht hier vor? Ich verlange Antworten!!", rief er, sehr laut, anscheinend um seine Angst zu übertönen. Auch er hielt seinen Blick auf mich und Tristan gerichtet, sich wohl fragend, ob wir ihm einen Streich spielen wollten. Sicher, dass zwei Kinder die Tür geöffnet hatten, statt der erhofften Hilfe, war bestimmt ziemlich frustrierend.

Wie konnte er auch ahnen, dass nur dieser goldenäugige Junge hier helfen konnte?

Auf einmal hörte ich ein leichtes Knarren und dann ein Rauschen...
Im Dunklen konnte ich erkennen, dass sich irgend etwas bewegte, ein solider, großer Schatten, der frei in der Luft schwebte.
Ein Mahagonischrank!, erkannte ich plötzlich und er schien auf den Mann zu zielen.
"Vorsicht!!!", rief ich, hechtete zu dem Börsenmakler und riss ihn zu Boden, bevor der Schrank an der Wand hinter uns zerschellte. Holzstücke fielen auf uns nieder.
"Yan, bring die Leute hier heraus!", vernahm ich Tristans Stimme, scharf und befehlend.
"Verstanden!", erwiderte ich knapp und begann alle zu dem helleren Ausgang zu treiben, fast wie man Schafe treibt. Sie schienen jeden eigenen Willen verloren zu haben, warteten auf den Tod oder die Rettung durch fremde Hände. In ihren Gesichtern hatte sich eine gottergebene Gleichgültigkeit eingebrannt.

Als ich die Gruppe aus dem Salon vor die Tür gescheucht hatte, sah ich mich nach Hilfe um.
Die restlichen der festlichen Gäste standen immer noch, wie gelähmt, vor der Tür. Keiner von ihnen sprach ein Wort, oder atmete laut. Als ob sie dabei waren, sich zu tarnen, zu hoffen, wenn sie nur nichts taten, dass dann alles gut würde. Sogar die Polizisten verhielten sich genau wie alle anderen. Völlig paralysiert von den Ereignissen.

Ich war brav, bitte bestrafe mich nicht, lieber Nikolaus.

Ich sprach sie an: "Bitte helfen Sie mir, die Verletzten zu bergen."
Aber sie starrten nur leer in ihr eigenes, tiefes Entsetzen.
Dann sprach ich unseren Butler an und der holte einige Leute des Personals und wir begannen die Verletzten aus dem Salon zu bergen, da kam auch schon weitere Hilfe.
Irgend jemand hatte noch einmal Polizei und Krankenwagen gerufen, welche die weitere Bergung übernahmen. Glücklicherweise hatten sie einige Lampen mitgebracht und durchsuchten den Salon damit, denn so sehr auch an den Sicherungskästen gefummelt wurde, das Licht sprang einfach nicht wieder an.
Das Schlimmste war, dass ich Immer wieder die Leute davon abhalten musste, Tris zu stören.
"Der Junge muss in ein Krankenhaus! Er steht unter Schock!", meinte einer der Sanitäter.
"Nein, bestimmt nicht", versicherte ich ihm. "Wenn Sie ihn stören, dann wird es schlimm werden. Lassen Sie ihn lieber in Ruhe."
Dabei war ich so aggressiv, dass keiner es wagte, mir zu widersprechen, auch wenn ich bloß ein Junge war.

Tristan stand während der Rettungsarbeiten ruhig in der Mitte des gewaltigen Raumes, inmitten von Kunstschnee, der mit Blut gesprenkelt war, inmitten von verlorenen roten Schleifen, Misteln und Geschenken, konzentriert bis auf Äußerste und hatte die Hände unter seinem Kinn gekreuzt.
Ich fragte mich kurz, ob er überhaupt noch atmete. Er machte den Eindruck einer Statue.
"Das war der Letzte...", hörte ich die Meldung, sah zu wie die vielen Krankenwagen davonbrausten, die Polizisten begannen, die Begebenheiten schriftlich zu Protokoll zu nehmen, dann ging ich zu Tris zurück.
"Es sind alle draußen", murmelte ich ihm zu und er schien aus weiter Ferne zurückzukommen.
"Gut, dann geh du jetzt auch und mach die Tür hinter dir zu", wisperte er fast tonlos, als ob etwas anderes seine gesamte Kraft in Anspruch nahm.
"Was?!", entkam es mir, geschockt.

"Geh, hier ist es gefährlich für dich, Yan."

"Was meinst du?"

Tristan kehrte ein wenig in die normale Welt zurück und musterte mich. Seine Augen waren beinahe erheitert, was mich erschreckte. Doch seine Stimme war voller Mitgefühl.

"Erinnerst du dich an den Mann gestern, der die Bilder abnahm?"
Ich nickte.

Wie konnte ich auch seinen Blick vergessen, der mich zutiefst erschüttert hatte?

"Du hast seine beiden toten Söhne gerufen. Sie sind hier und wollen sich an ihm rächen. An ihm und an ihrer Mutter."

"Ich habe... sie gerufen?"
Wie denn das? Ich hatte mich doch auf keinen Balkon gestellt und gerufen: "Hallo, bitte kommt und versaut unser Weihnachtsfest!", auch wenn ich es vielleicht mal in Erwägung gezogen hatte.

"Ja, sie sind deinen Gedanken gefolgt. Als ihre Mutter sie unter das Wasser gedrückt hat, wollten sie nicht sterben, sie wollten leben. Sie sagen, sie haben jemanden rufen hören. Jemanden, der an sie dachte und ihnen den Weg wies, dann sind sie dem Ruf gefolgt. Als sie hier waren, sahen sie eine Frau, die sie für ihre Mutter hielten, dann wurden sie wütend."

Ich schluckte. Sicher hatte ich am Abend vorher gedacht: "Ich will trotz allem Leben". Aber sollte das etwa reichen um tote Kinder in unserem Salon zu locken? Und dann...? Sie hatten diese Frau für ihre Mutter gehalten, die sie ertränkte hatte und...

"Sie haben sie getötet...", flüsterte ich.
Das Bild von Kunstschnee und Blut wirbelte durch meinen Kopf.

"Die beiden haben ihren Schmerz und ihr Leid an dieser Frau ausgelassen...", erklärte Tris leise. "Sie haben zurückgezahlt, was sie empfunden haben, als sie starben. Geister sind so. Sie nehmen manchmal nur die letzten Gefühle mit. Und sie sind total egozentrisch, kümmern sich nicht um das, was sie den Lebenden antun. Dann aber als sie aber erkannten, dass Sanitäter ihnen ihre 'Mutter' wegnehmen wollten, erinnerten sie sich endlich wieder an ihre Liebe zu ihr. Also hinderten sie die Männer daran, ihre Mutter mit zu nehmen"

Allmählich wurde es mir klar, da hatten sie den Baum umgekippt. Das war definitiv eine gute Methode gewesen, den Abtransport zu verhindern.
"Und jetzt?", flüsterte ich heiser.

"Sie sind von mir gefesselt, aber ich kann sie nicht ewig festhalten. Sie müssen endlich gehen."
Tristan sah in die Richtung, wo eine dunkle Ecke geblieben war.
"Sie sollten Ruhe finden, aber die Beiden wollen nicht. Die Angst der anderen bereitet ihnen Vergnügen, denn endlich haben sie Macht, während sie sonst die Unterlegenen waren. Sie waren machtlos, als sie von ihrem eigenen Vater missbraucht und misshandelt wurden."

Ich ließ den Kopf hängen.

"Deswegen ist es besser, wenn du gehst, Yan."

"Ich fühle mich irgendwie schuldig daran, Tris. Ich würde gern bleiben", verkündete ich leise, aber entschlossen.

Tris sah mich verwundert, aber irgendwie freundlich an.
"Ich werde dich nicht schützen können", stellte er sanft fest, dabei wirkte er froh und besorgt zugleich.
Ich nickte. Okay, wenn ich schon untergehen sollte, dann wenigstens so. Mit Tris zusammen, auf einem Schlachtfeld, das früher einmal ein Salon gewesen war.
Langsam lösten sich Tristans Fäuste unter seinem Kinn und ich konnte sehen, dass seine Fingernägel sich tief in seine Handballen eingeschnitten hatten. Vielleicht tief genug, um zu bluten.
Bevor er völlig losließ, flüsterte er: "Schließ die Tür!"
Das tat ich eilig und als ich mich umdrehte, brach die Hölle los.

Der Baum schlitterte auf Tristan zu, aber mit einer lässigen Handbewegung wehrte Tris ihn ab. Dann begann der Raum zu beben, als ob die Wände geschüttelt wurden. Tristan sah in eine Richtung und das Beben ließ nach. Doch die Geister waren noch nicht erschöpft.
Ich war verwirrt, denn unsere Möbel begannen ein Eigenleben zu entwickeln.
Und sie fanden Tristan wohl unwiderstehlich.

Unsere teure Einrichtung sauste auf ihn zu und prallte an ihm ab. Wie ein paar lästige Fliegen, so wischte er sie weg, für ihn wohl nichts besonderes.
Die Notbeleuchtung der Rettungsmannschaften und die verbliebenen Baumkerzen waren auf einmal wieder erloschen und ich hörte mehr Gerumpel, das Knirschen von zersplitterndem Holz, bevor einige Lichter wieder aufleuchteten. Meine Augen brannten von dem Wechsel der Beleuchtungen und weil ich so angespannt in die Dunkelheit gestarrt hatte. Ich bebte am ganzen Körper, vor Angst und Erwartung.
Schließlich bot sich mir eine seltsame Szene in der flackernden Beleuchtung.

Tristan stand leicht nach vorne gebeugt, die rechte Hand einladend ausgestreckt. "Wollt ihr nicht zu ihr gehen? Da, sie wartet schon auf euch."
Seine andere Hand deutete hinter sich. "Seht ihr, wie sie sich nach euch sehnt?
Dann wies Tristan neben sich.
"Wenn ihr wollt, dann wird dieser Mann neben mir, euch zu ihr führen. Wollt ihr nicht bei ihr sein? Heute ist schließlich Heilig Abend."

Was ging da vor?
Dass er mit den Geistern sprach ,war ja klar, aber wer sollte die Beiden führen?
St.Clair? Das war am wahrscheinlichsten.
Wer wartete? Bestimmt ihre Mutter. Ihre arme, verzweifelte Mutter, die sie getötet hatte.

Ja, dachte ich, geht zu ihr. Es ist Weihnachten, ihr braucht keine Angst mehr zu haben. Nun ist alles gut. Genug getobt, genug gespielt, jetzt ist Zeit für die Bescherung.

Tristan schenkte mir einen nachdenklichen Blick.
Anschließend wurden seine Augen lebendiger, ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht und ging langsam in die Breite. Er sah neben sich und lächelte dankbar ins Nichts, wo wohl sein Vater stand. Immer wieder war es seltsam, ihn mit jemanden interagieren zu sehen, der unsichtbar und unhörbar war.

Darauf kam er langsam zu mir, erschöpft wischte er sich über die Stirn.
"Die beiden sind zu ihrer Mutter gegangen. Danke für deine Hilfe."

"Was habe ich denn gemacht?"

"Du hast ihnen glaubhaft versichert, dass es nun an der Zeit war zu gehen. Ihre Mutter
hat wirklich auf sie gewartet. Nun bringt St.Clair die Beiden hin."

"Was wird mit ihnen geschehen?"

"Dahin kann ich auch nicht sehen. Sogar St.Clair weiß es nicht", murmelte mein Freund müde,
dabei sah er auf den Boden. Ich hatte nur noch einen Wunsch.
"Las uns hier verschwinden, Tris", schlug ich hoffnungsvoll vor.
Er nickte ein wenig ausgelaugt, so als ob ich nicht mehr viel von ihm erwarten konnte. Eigentlich hatte er ja auch schon genug getan.


Als ich die Tür öffnete, erblickten wir ein riesiges Chaos in den Räumen rund um unseren Eingang und vor dem Salon.
Reporter, Polizisten, Feuerwehr...
Viele Gäste, die nicht verletzt waren, waren in Taxis fortgebracht worden, aber einige waren noch da und gaben ihre Aussagen zu Protokoll.
Gleißende Lichter blendeten uns, vor allem nach dem schummrigen Salonlicht, Stimmen schrillten in unseren Ohren, fast schmerzhaft. Leute stürmten auf mich und Tris zu. Ich drängte Tris hinter mich, so dass er vor dem Ansturm in Sicherheit war.
Eigentlich albern, gerade hatte er noch unser Mobiliar beiseite gewischt, aber nun schien es mir richtig. Und ich wusste, dass es müde und gereizt war.

"Was ist da drin vorgefallen?", kam die erste, geschmeidige Frage.

"Stimmt es, dass es Geister waren?" Die nächste, genau so professionell und eklig.

"Waren Sie in Gefahr?"


Eine herrische, machtvolle Handbewegung meinerseits und die Stimmen verklangen. Da hatte ich also doch etwas bei meinem Vater gelernt.
"Keinen Kommentar", sagte ich hart und zog Tristan an seinem Handgelenk mit mir in Richtung auf meine Zimmer. Ruhe. Zurückziehen...
Weg von all dem Tod.
Weg von all dem hier.

Gerade hatten wir allem den Rücken gekehrt, als ein Mann ohne Vorwarnung meine Schulter ergriff:
"Du kannst nicht hier bleiben, wir werden dich in ein Hotel bringen. Dieses Haus wird geräumt und alle Spuren gesichert."
Es war ein Polizist, der ein väterlich streng auf mich und Tristan herabblickte. Schon kam meine Mutter herüber gerauscht.
"Hey Sie, das ist mein Sohn. Lassen Sie ihn los, wir werden uns um ihn kümmern." Mit diesen Worten scheuchte sie den Mann weg und ich sah sie verwirrt an, während Tris neben mir sehr, sehr leise verächtlich schnaubte.
"Am besten übernachtest du in der Suite des Hotels "Vier Jahreszeiten" Yannik. Morgen lasse ich dich dann nach London, in unser Haus fliegen." Ihre Stimme war klar, kühl und befehlend. Sie duldete keinen Widerspruch, doch ich wollte das nicht.
"Nein!", entgegnete ich. "Nein. Das möchte ich nicht."
Mein Blick wanderte zu Tris, der ziemlich erschöpft neben mir stand, seine Schultern hingen kraftlos, immer noch hatte ich sein Handgelenk in meiner Hand. Ich ließ ihn los, um meine Arme vor meiner Brust zu verschränken. "Ich gehe zu Isis und Tristan."
Auch meine Stimme duldete keinen Widerspruch. Es war eine Willensprobe, sie gegen mich. Sie erkannte, dass ich es ernst meinte und ihr linkes Augenlid zuckte ein wenig, immer ein Zeichen dafür, dass sie um ihre Beherrschung kämpfte.
Ich wartet nicht auf ihre Argumente, die dagegen sprachen, ich griff einfach Tris an seinem Pullover und zog ihn fort.

"Ich hoffe, es ist euch recht und ich störe nicht allzu sehr." murmelte ich dann, voller Reue, dass ich nicht vorher ihn gefragt habe.
"Ich denke, Isis macht es nichts aus." Tristan grinste, als ob er stolz auf mich wäre, weil ich meiner Mutter widersprochen hatte.
"Holen wir nur vorher meinen Pyjama", äußerte ich und Tris nickte.


In meinem Zimmer schnappte ich meinen Rucksack und füllte ihn kurz mit meinen Sachen zum Übernachten. Tris schlenderte in der Zeit zu einem Sessel in einer Ecke und ließ sich darauf sinken. Es sah so aus, als ob er dringend Ruhe nötig hatte und ich versicherte mit einem Nicken in seine Richtung, dass ich mich beeilen würde, bevor ich im Bad verschwand.
Tris hatte sich zurückgelehnt und dabei die Augen geschlossen, total erschöpft.
Als ich zurückkehrte, war plötzlich ein weiterer Gast in meinem Zimmer aufgetaucht.
"Emily!", rief ich, mit einer Mischung aus Betroffenheit, Überraschung und altem Ärger.
"Yannik!", schluchzte sie theatralisch und lief auf mich zu. Ohne nach hinten zu schauen, wich ich ein paar Schritte zurück. Ich landete an der Wand neben dem Eingang zum Bad; dort war ich gefangen. Sie redete einfach weiter.
"Ich hatte solche Angst, aber du bist ruhig geblieben! Und wie du den Leuten geholfen hast... Du hast uns alle gerettet, wie ein richtiger Held."

Ich? War Tris nicht der Held hier gewesen?

"Nein, nein...", versuchte ich sie zu beruhigen und abzuwehren.

Ihre Haarschleife war verschwunden und ihre Haare zerzaust, wie ich bemerkte. Sie kam mir so viel mehr wie ein lebendiger Mensch und weniger wie ein Püppchen vor. Ihre tränenschweren Augen waren auf mich gerichtet, ihre Retter, ihren Prinzen, der nicht weiter zurückweichen konnte.
"Ich möchte dir danken", rief sie voller Eindringlichkeit, dabei kam sie näher und ich war ja schon an der Wand.
"Ist ja schon gut. Ich war es nicht, es war...."

Und weiter kam ich nicht.
Wieder verschlossen ihre Lippen meine, ihre Zunge begehrte Einlass in meinen Mund.
Wie Eisenklammern hatten sich ihre Arme um meinen Nacken geschlossen, hielten mich an ihr fest.
Hey, war dieses unschuldige Aussehen nur Show?

Ich versuchte meinen Kopf zurück zu ziehen und verschloss meinem Mund vor ihrer Attacke.
Sie unterbrach den Kuss.
"Gefällt es dir nicht?", fragte sie, ihre Stimme hatte einen beleidigten, schmollenden Unterton.
"Ich...äh", begann ich.
Igitt!, dachte ich nur. Was will die von mir? Worte meiner Mutter fielen mir ein. "Immer diplomatisch sein, Yannik." Diplomatisch sein? Fiel mir nun schwer.
Hinter mir hörte ich ein Räuspern und fuhr erschrocken herum. Tristan war aufgestanden und sah mich mit einem hämischen Lächeln an.

Tristan? Meine Rettung!

"Na ja, weißt du, Emily...", begann ich. Dann hatte ich eine absurde Idee, denn hatte mein Vater mich nicht eine Schwuchtel genannt?
Ich lächelte seltsam, ging zu Tristan und legte meine Arme um ihn. Das fühlte sich komisch an, fast unbehaglich. Kurz suchte ich seine Augen, bat schnell um Verzeihung, dann senkte ich meine Lippen auf seine, fühlte wie sein ganzer Körper erschauerte.
So etwas konnte ich auch nur mit Tristan machen, denn ich spürte wie seine sich Arme um meinen Körper wickelten.
Er spielte mit!
...dann war ich näher bei ihm, an ihn gedrückt, warm, dabei hörte ich schwach, wie Emily schockiert scharf einatmete. Innerlich musste ich grinsen.
Doch dann bemerkte ich...

...warme Lippen unter meinen, sanftes Drängen, großflächiger Körperkontakt.
Ein leichter Duft von Zimt schien von Tristan auszugehen und schmecken konnte ich ihn auch. Süß und würzig zugleich, schmelzend. Ich öffnete meinen Mund, um mehr von diesen verlockenden Geschmack zu bekommen...
Mehr...viel mehr...
Meine Augen schlossen sich fast von selbst, alles wurde so unklar, verwaschen von diesem betörenden Spiel. Alles ging so federleicht, selbstverständlich, als plötzlich unsere Zungen begannen, miteinander zu spielen. Da flogen meine Augen auf und ich entfernte mich rasch von ihm. Unsere Arme entwirrten sich, die Wärme des Körpers an mir verschwand.
Schnell drehte mich um, ohne einen weiteren Blick auf Tris zu werfen, mein Atmen war laut und schnell.

Als ich mich etwas zusammengenommen hatte, funkelte ich Emily provozierend an.
"Deshalb...verstehst du?"
Emily wischte ärgerlich ihre Tränen weg.
Tris legte spielerisch einen Arm um meine Schulter und ich spürte seinen Atem in meinem Nacken. Ich sah seine goldenen Augen schelmisch leuchten.

"Das werde ich deinen Eltern erzählen!", nörgelte Emily trotzig.

"Sie sind unterwegs nach London." Uninteressiert hob ich meine Schultern. "Ich habe ihre Telefonnummer hier irgendwo, wenn du eben warten würdest, bis ich sie gefunden habe..."
Emily schnaubte, reckte ihr feines Kinn vor und verschwand mit erhobenem Kopf.

Stille legte sich über die Räume, während Tris und ich regungslos verharrten. Sein Körper nah an meinem.
Ohne ihn anzusehen, seufzte ich, dann grinste ich fahl.
"Tut mir leid, Tris. Danke, dass du mitgemacht hast."

"Ihr Gesicht war einfach unbezahlbar...", hörte ich nah an meinem Ohr. Seine Stimme war weich und amüsiert, was mich erleichterte, denn ich hatte Angst gehabt, er wäre ärgerlich.
Eine Weile blieb es still, wir regungslos.
Dann brachen wir im exakt gleichen Augenblick in so hemmungsloses Gelächter aus, dass es uns in die Knie zwang.
Tristan, der seinen Arm immer noch um mich hatte, lachte in meine Schulter und auch ich lehnte mich an ihn, völlig erschöpft von dem plötzlichen Ausbruch der Heiterkeit.
"Oh man...", lachte ich. "Dabei waren hier gar keine Misteln."
Tristan zog seinen Arm von meiner Schulter und ich fühlte seinen warmen, einnehmenden Blick auf mir.
"Las uns endlich hier verschwinden, wie wir es vorhatten", schlug er vor und ich nickte heftig.
Als wir schon auf der Treppe waren, fiel mir noch etwas ein.
"Dein Geschenk!" Ich schlug mir mit der flachen Hand an die Stirn.
Ich drückte ihm den Rucksack in die Hand und lief zurück, um das kleine schwarze Geschenk mit der roten Schleife zu holen.

Dann suchten wir den Polizisten, der mir gesagt hatte ich sollte verschwinden. Dem erklärten wir, wo ich zu finden sei. Von meinen Eltern war keine Spur zu entdecken, aber ich hatte auch kein Bedürfnis sie zu sehen.
"Können wir nun hier weg?", fragte ich lahm, irgendwie übermannte mich nun die Müdigkeit, die ich auch in Tristan erkannte. Der Polizist nickte und wir folgten ihm zu einem Wagen, der vor dem Haus stand. Die Reporter waren vermutlich vertrieben worden, denn über allem hing eine bleierne Stille, als ob alle Geräusch verschluckt würden.
Ich war froh, nicht hier bleiben zu müssen.
Der Fahrer fragte, wohin er fahren sollte und ich nannte Tristans Adresse.

Gemeinsam wankten wir zur Tür, und keiner von uns beiden wollte den Schlüssel benutzen, also klingelten wir. Die Tür öffnete und ich schien plötzlich von dem goldenen Licht dahinter aufgesogen zu werden, hinein in eine Wärme und Freundlichkeit, die uns tröstete und heilte.
Ich fand mich wieder in Isis Armen, zusammen mit Tristan und vergrub meinen Kopf an ihr.

"Frohe Weihnachten, ihr beiden", murmelte sie und drückte uns an sich. Der Drang zu weinen wie ein Kleinkind wurde größer und ich schniefte laut. Ihre himmlische Hand fuhr beruhigend durch meine Haare und ich sah in ihre warmen Augen, wo ich Kummer erkennen konnte.
"Hier kann euch nichts mehr zustoßen", beschwor sie leise und da merkte ich, wie eine Träne der Erleichterung meine Wange herunterlief.

Einige Zeit später saßen Tristans Großeltern, Isis, Tris und ich im Wohnzimmer, neben dem Baum und tranken zusammen heiße Schokolade mit Zimt und Sahne.
Der vollmundige Geschmack erinnerte mich ein wenig an Tris' Mund und ich schluckte. Schnell stopfte ich diese Erinnerung in den "Nicht eintreten" Bereich meines Gehirns.
Die Geschenke hatte die Familie Tellanvor schon ausgepackt, aber nun plauderten die Älteren über Ausgrabungen, während ich einfach nur müde und zufrieden zu hörte. Neben mir döste Tris, dem ausnahmsweise sogar einmal die Ägyptologie egal war. Ich fragte mich, ob er genauso erschöpft war wie ich. So sehr ich auch versuchte, alles zu verdrängen, immer wieder kehrten meine Gedanken zu diesem Abend in unserem Salon zurück.

Eine Frau war heute gestorben.
Tote Kinder hatten uns heimgesucht.
Nicht gerade der typische Weihnachtsabend.
Und ich war dankbar, dass keiner ein Wort darüber verlor.

Schließlich schien Isis beschlossen zu haben, ihre Mutterrolle zu spielen und schickte uns zu Bett, mit ihrem kennzeichnenden Lächeln. Ihre Eltern schienen auch müde zu sein, denn die Wangen von Tristans Großvater zeigten eine hochrote Farbe, also zogen wir uns alle in unsere weichen, sicheren Betten zurück. Ich schlief bei Tris auf einer Gästematratze, weil alle anderen Zimmer belegt waren und weil wir es beide so lieber hatten. Normalerweise kicherten und quatschten wir dann noch bis in den frühen Morgen.
Diesmal erschien es anders.
Schweigend zogen wir uns um und bereiteten alles für die Nacht vor. Weiterhin ohne ein Wort legten wir uns hin und kuschelten uns ein. Es war, als wären alle Worte versiegt, in dieser Nacht.
Ich lag herum, mein Körper konnte keine bequeme Einschlafstellung finden und sah an die Decke.
Dann fiel mir erneut etwas Wichtiges ein.
"Dein Geschenk. Das möchte ich noch aufmachen..", flüsterte ich. "Es ist unten, in meiner Jackentasche. Kommst du mit?"
"Ja", kam die knappe geflüsterte Antwort.
In Pyjama mit dicken Socken an den Füßen und eingewickelt in unsere Decken, huschten wir zu der Garderobe. Ich kramte in meiner Jacke und zog es triumphierend heraus.
Die Schleife war inzwischen ein wenig zerdätscht, denn die Misshandlugen der letzten 24 Stunden hatten ihren Tribut gefordert, von uns ebenso wie von dem Geschenk.

Gemeinsam huschten wir zum Baum, an dem noch die elektrischen Lichter brannten, so dass das Zimmer in spärliches, aber warmes Licht getaucht blieb.
Ich ließ meine Decke auf den Boden fallen und setzte mich drauf, Tris tat das gleiche neben mir.
Gespannt sah er auf meine Finger, als ich mühsam das Band öffnete, das Gold seiner Augen dunkel, aber irisierend in diesem glimmenden Licht.
In das Papier eingewickelt war ein kleines Kästchen und ich öffnete es vorsichtig, hob den Deckel langsam an.
Innen lag eines von Tristans Augen.
Das dachte ich zumindest für einen Moment.

Dann erkannte ich erleichtert, dass es ein winziger Skarabäus aus Bernstein war, unter dem ein Zettel lag.

Die Hieroglyphen versprechen Schutz.
Trag ihn bei dir.
Frohe Weihnachten, Yan.

Tris

Ich sah den Skarabäus an. Er gefiel mir sehr gut, passend für mein Portemonnaie oder eine Jackentasche. Geeignet dazu, immer bei mir zu sein.

"Danke", murmelte ich gerührt, die Stimme in meinem Hals so brüchig wie morsches Holz.
Tristan lächelte glücklich, dann stand er auf.
"Las uns schlafen gehen", flüsterte er.
Ich nickte, nahm meine Decke und folgte ihm. Zurück auf der Matratze konnte ich meine Auge nicht schließen, sie brannten von den Eindrücken und der Müdigkeit. Den Skarabäus hatte ich neben mir liegen.

Weißer Schnee...rotes Blut... Ich sammelte den Schutzkäfer auf und schloss meine Hand darum.

"Tris?"

"Ja?"

"Kann ich bei dir schlafen?"

Stille.
Dann...

"Warum?"

"Ich habe Angst einzuschlafen. Angst zu träumen."

Wieder Stille.

"Klar."

Sofort schnappte ich meine Decke so wie das Kissen, kletterte neben ihn und kuschelte mich dort ein, mein Gesicht zu seinem gedreht,
In meiner Hand hielt ich noch den Skarabäus, der sich irgendwie warm anfühlte, beinahe lebendig.

"Meinst du, die beiden sind jetzt glücklich?"

"Bestimmt glücklicher als vorher."

Ich rückte näher an Tris.
"Meinst du ich werde auch mal ein Geist?"

"Nicht unbedingt. Es geschieht nur, wenn du nicht gehen willst."

"Ich will nicht gehen und deshalb sind sie gekommen", murmelte ich betrübt und öffnete die Hand. Der Skarabäus kullerte zwischen uns. Schnell sammelte ich ihn auf und stopfte ihn unter mein Kissen.

"Es gehört mehr dazu...", murmelte Tris beruhigend.
Ich rückte noch näher an seine Gestalt. So nah, dass ich ihn riechen und seine Wärmeausstrahlung spüren konnte. So nah, dass ich in Sicherheit war.

"Tut mir wirklich leid, das mit dem Kuss vorhin. Irgendwie war das kindisch."

"Vielleicht ein bisschen."

"Außerdem habe ich gar kein Geschenk für dich."

Tris kicherte leise.
"Keine Sorge, das macht wirklich nichts."
Ob er des Fehlen eines Geschenkes oder den Kuss meinte, wurde mit dabei nicht klar.

"Jetzt schlaf...!"

Ich war nicht sicher, ob ich sollte. Ich hatte keine Ahnung, ob ich je wieder schlafen konnte. Immer noch hatte ich Angst zu träumen und alles noch einmal zu sehen, ohne mich wehren zu können.

"Tris?", wisperte ich fast lautlos, erschreckte mich dabei über die Kläglichkeit meiner eigenen Stimme. Ohne weiter darüber nachzudenken, äußerte ich meine Bitte.
"Kannst du mich festhalten und dabei die Träume abhalten?"

Eine seltsame Stille folgte. Fast meinte ich, Tristan nachdenken zu hören, dabei war ich doch überhaupt nicht übersinnlich begabt.

Nach einer Weile rückte er näher, dann fühlte ich, wie seine Arme sich um mich rankten. Mein Herz zuerst klopfte laut, bis hoch in meinen Hals konnte ich es spüren, bevor es sich beruhigte, als ich seine warme, junge Stimme vernahm.
"Keine Angst, Yan. Schlaf gut."
Ich vergrub meine Kopf an seinem Nacken und seufzte tief, alles loslassend, was mich an die Welt des Wachseins kettete. Ein schwacher Geruch von Zimt und Apfelshampoo umfing mich, gab mir alle Sicherheit der Welt.

Als letztes, schon halb in weichen Träumen murmelte ich
"Frohe Weihnachten, Tris", dabei fühlte sein Lächeln an meinem Nacken.
"Dir auch...", flüsterte er und ich spürte fast so etwas wie einen federleichten Kuss, bevor ich sanft in den Schlaf hinüberglitt.
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