Flüchtlinge in der Nacht
Fragment 1: Weihnachten
Mit Armen voll gepackt mit Einkäufen, kickte er die Tür auf.
"Ich bin wieder da!" rief er fröhlich, der Gedanke an warme braune Augen und ein wärmendes Lächeln ließ ihn die Kälte draußen vergessen.
Wie lange hatte sie beiden darauf gewartet?
Ihr erstes gemeinsames Weihnachten.
Moralapostel waren vergessen, ebenso die gesellschaftliche Ächtung.
Was nun zählte, waren drei Tage in denen sie einander gehören würden.
Die Welt vergessend.
"Wo bist du?", zerriss seine fröhliche Stimme die Stille.
Er wickelte sich aus den Schichten von Schal, Mantel und Handschuhen.
Dann brachte er die Einkäufe in die Küche, dabei kam er am Wohnzimmer vorbei.
Dort stand der Weihnachtsbaum, voll geschmückt, glänzend. Das hatte er also als Überraschung gemacht. Der Baum sah spießig aus, aber er gefiel ihm.
So altmodisch. Ganz wie sein Geliebter.
Er ließ die Einkäufe vorsichtig in der Küche sinken. Als er alle Dinge an ihre rechtmäßigen Orte gepackt hatte, alles ordentlich war, fiel sein Blick auf einen roten Umschlag auf dem Tisch
Es stand Nichts darauf, also nahm er ihn und lachte. Bestimmt eine Weihnachtskarte von seiner Ex-Frau....
Er machte sich einen Tee, setzte sich neben den festlichen Baum und öffnete die Karte.
Die elegante Schrift erkannte er sofort. Nicht die Ex-Frau sondern er selbst.
"Bitte sei nicht traurig.
Ich muss gehen.
Ich darf Dir nicht sagen warum und ich tue es nicht gern, aber ich muss.
Wir waren schon halb am Ziel
Es gab noch soviel zu tun.
Doch das Leben ist so unfair.
Erwarte mich nicht zu Haus.Ich lag falsch
und Du hattest recht.
Ich müsste Dir noch soviel sagen...
Und ich werde heute Nacht nicht da sein,
nicht für Dich stehen und kämpfen können.
Bitte weine nicht.
Nie wieder."
Die Karte fiel aus seiner Hand und landete auf dem glänzenden Parkettboden, regungslos,
ohne jedes Gefühl.
Draußen fielen die ersten Schneeflocken und sanken zu Boden zusammen mit seinen Tränen.
Fragment 2: Seidene Fesseln
Die Luft roch nach Sex. Das Sperma an ihren Körpern wurde erst kalt und trocknete langsam.
Ihre schweren Atemstöße wurden langsam ruhiger, die beschlagenen Scheiben ließen das Licht von draußen nur gedämpft herein. Irgendwie war es ekelig und euphorisierend zu gleich, dieses Nachglühen.
"Ich liebe dich..." flüsterte eine Stimme.
"Das tust du nicht. Machen wir uns doch nichts vor. Das hier war Sex, nichts anderes. Schließlich bist du verheiratet."
"Was sagst du?" der Zweifel und Schock waren deutlich in der Stimme zu vernehmen.
"Tu nicht so. Nachher wirst du zu ihr zurückkehren und alles wird so sein wie es immer war. Du wirst vergessen, dass es Sex mit mir gegeben hat. Und so wird es gut sein."
"Niemals!" kam eine empörte Erwiderung.
"Lüg nicht. Du weißt es noch nicht, aber es ist so."
Ärger und Enttäuschung breiteten sich im Raum aus, wo vorher Schreie der Lust die Stille zerrissen hatten.
"Das kannst du gar nicht wissen." kam eine trotzige Stimme "Ich bin anders als du denkst!"
"Dann schicke ich dich zurück. Meinst du nur weil du deinen Schwanz in meinem Arsch hattest sind wir nun Romeo und Julia?"
Stille legte sich in jeden Winkel des Raumes und der Gefühle.
"Dann hatten wir nichts?"
"Nein."
"Und..diese Nacht bedeutet gar nichts?"
"So ist es. Nichts, nur ein wenig Ficken. Sieh mich als einen One-Night Stand an. Einer wie so viele."
Tränen brannten in den Augen von beiden, aber keiner mochte es zugeben.
Verkrampfte Linien um den Mund, beleidigtes Gesicht...dann:
"Ich gehe dann besser."
"Genau."
Er wollte nur weg...egal, wie ekelig es sich nun anfühlte, die Reste ihres Liebesaktes an sich zu spüren.
Liebesakt... Bestimmt nicht.
Seine Kleidung klebte an ihm, als er sich zum Gehen wand.
Plötzlich schien der Mann auf dem Bett zu zittern, ein Schluchzen zu unterdrücken.
"Ich gehe dann..."
"Okay.." kam ein raues Flüstern.
Doch er konnte nicht. Er schmiss sich auf die Matratze und umarmte den anderen Mann beinahe brutal von hinten.
"Wein nicht. Ich kann dich nicht verlassen."
"Geh. Es wird nie funktionieren...", schluchzte der andere verzweifelt.
"Nur, wenn du nie wieder weinst."
"Nie wieder?"
"Nie wieder!"
Der andere drehte sich um und verschlang ihn in seinen Armen. Die Stille, die nun folgte, war wie ein seidenes Band, das die beiden langsam einschloss, in sanfte, aber beständige Fesseln.
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