Fallende Sterne - Kapitel 2
Kapitel 2: Der Herrscher, seine zwei Nachfolger und ein goldener Drache
Das Oberste Haus, Eeth'ra, war eigentlich kein Haus mehr, sondern eine gewaltige Stadt.
Es war die Machtzentrale der Assardi, ihre Hauptstadt sozusagen.
Hier regierte das Haus der Dimer'di so unumstößlich, dass der Titel Dimerra'di, inzwischen die Bedeutung von Herrscher bekommen hatte.
Das Besitztum der Dimer war ein Palast von kolossalen Ausmaßen. In diesem lebten nicht nur die Dimer'di, sondern auch die auserwählten Vertreter der Häuser mit ihren Partnern und ihrem menschlichen Hofstaat.
Um dieses Zentrum herum hatten sich immer mehr Menschen angesiedelt, so dass das Eeth'ra auch das Herz der menschlichen Welt geworden war. Hier wurde gehandelt, gewerkt, gefeiert und gemordet.
Sowohl unter den Menschen als auch bei den Assardi.
In einem der weißen, hohen Türme des Dimer Hauses warteten die mächtigsten Vertreter der Häuser auf das Erscheinen des Dimerra'di, während ihnen ihre menschlichen Bediensteten frische Früchte und auf Schnee gekühlten Wein brachten.
Unter diesen Mächtigsten des Reiches, befand sich auch Kenris ältere Schwester Aizu, die gedankenversunken die Stellvertreter der anderen Häuser beobachtete. Auch wenn leise Unterhaltungen geführt wurden, vor allem über das Wetter und die nachlassende Qualität der menschlichen Diener, war die allgemeine Stimmung eher gedämpft.
Meistens waren diese Versammlungen eine reine Zuschaustellung der Übermacht des Dimer Hauses über alle anderen, um die anderen Häuser an ihren rechtmäßigen Platz zu verweisen. Natürlich war es für die schwächeren Häuser eher belastend, wenn ihnen ihre Unterlegenheit so deutlich vor Augen geführt wurde, so dass die machtlosesten Vertreter am hintersten Ende der Tafel auf den bunten Kissen, die mit den Symbolen der Häuser prachtvoll bestickt waren, Platz genommen hatten, um möglichen Sticheleien zu entkommen.
Dieses gegenseitige Attackieren war Aizu manchmal zuwider.
Der Kopf der Tafel war noch unbesetzt. Dort saßen üblicherweise der Dimerra'di, sein Nachfolger, sofern einer existierte, und der Drachenführer als Repräsentanten der stärksten Fraktion des Herrschaftsgebietes.
"Ra'di, möchtet Ihr noch Wein?"
Aizu schenkte der jungen Frau, die einen blauen Krug in der Hand hielt, einen bitteren Blick, woraufhin die Dienerin schnell nachschenkte und verschwand.
Außer dieser schwärmten noch zwei weitere von ihren menschliche Dienerinnen um Aizu herum, gekleidet in die Farben ihres Hauses, immer bemüht, ihrer Herrin das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Aizu selbst fand ihre Bemühungen eher lästig. Während sie an und für sich versuchte, den Wein des Vorabends abzuschütteln, wurde bereits neuer eingegossen.
Mittlerweile verursachte der Geruch von Wein ihr eher Übelkeit als Vergnügen.
In ihrem noch murrenden Kopf wanderten die Gedanken zu Gerüchten, die sie gestern beim Abendmahl von zwei reisenden Zhar'di, Mitgliedern ihres Hauses, vernommen hatte.
Sie erinnerte sich vage, dass die beiden erzählten, sie hätten von Menschen einen frischen Drachenkadaver gezeigt bekommen. Die Schuppen dieses mächtigen Wesens waren von Feuer versengt worden waren, so dass nicht mehr erkennbar war, um welche Art von Drachen es sich gehandelt hatte.
Aizu runzelte die Stirn.
Einen Drachen zu töten bedeutete den Tod; nicht nur für den Täter, sondern auch für seine gesamte Familie und manchmal für ein ganzes Dorf. Die meisten Menschen hatten ohnehin Angst vor den riesigen Echsen, also hielt sie es für unwahrscheinlich, dass Menschen die Täter waren.
Vielleicht hatten Feuerformer, die Ayn'di, diesen Drachen unkenntlich gemacht.
Aber warum sollten sie so etwas tun?
Sollte das Ayn Haus etwa geheime Intrigen schmieden?
Geistesabwesend spielte Aizu mit ihrem Becher, in dem kühler Wein plätscherte. Ihr Kopf war noch zu müde, um dieses Geheimnis zu lüften.
Schroff verstummte das leise Stimmengewirr, als sich die Tür zu den Privatgemächern des Dimerra'di auftat, und alle Augen richteten sich auf die Ankömmlinge.
Der amtierende Dimerra'di trat als erster ein.
Mit seiner eher untersetzten Statur und seiner geringen Körpergröße wirkte Dimerra'di Noíhn gewöhnlich, vor allem weil seine Begleiter alle Aufmerksamkeit auf sich zogen. Dennoch durfte man ihn niemals unterschätzen, denn trotz seiner körperlichen Mängel, war er war der Stärkste seines Hauses. Seine Macht hatte Noíhn in einem Kampf um den Titel Dimerra'di bewiesen, bei dem er seinen Gegner in eine Ansammlung spinnenartiger, verschlungener Gliedmaßen deformiert hatte, die der Verlierer nicht mehr alleine entwirren konnte. Auch kein anderer Körperformer hatte es vermocht, so war der Unterlegene einige Tage später qualvoll verendet, während Noíhn nur untätig mit zufriedenem Lächeln zugesehen hatte.
Danach hatte es keinen weiteren Herausforderer gegeben, der gewagt hätte Noíhns Titel zu beanspruchen.
Mit eher raschen, gewandten Bewegungen setzte sich der mächtigste Mann der an den Kopf der Tafel und winkte dann seine Begleiter heran.
Zuerst konnte Aizu die beiden potentiellen Nachfolger erkennen, denn die intensiv violetten Haare von Sumire und ihrem Zwillingsbruder Tirlien waren kaum zu übersehen. Die beiden Zwillinge wechselten gerade einen skeptischen Blick, ihre Mienen nur füreinander genau lesbar, aber beide schienen beunruhigt.
Aizu erkannte, dass beide Dimer'di über ihre Schultern zu dem letzten Neuankömmling schauten, wobei das Mienenspiel der beiden weiter auf Bedenken schließen ließ, was die Wasserformerin sehr verwunderte, immerhin gehörte der Djaharra'di, Führer aller Drachen, schon vor der Geburt der Zwillinge zum Gefolge des Obersten Hauses und man konnte schon fast sagen, dass die Zwillinge seine Schützlinge waren.
Schließlich, hinter ihnen, erschien der Oberste Drache selbst und bei seinem Anblick stutzte Aizu, denn diese Person, die so selbstverständlich hinter den anderen den Raum betrat, hatte sie noch nie gesehen. Eigentlich hatte sie den Djaharra'di Aukaar erwartet, der den Posten als Oberster Drache innegehabt hatte. Doch der Mann, der stolz zu seinem Platz schritt und den sie nun musterte, war nicht Aukaar, auch wenn es wieder ein Golddrache war.
Wie schon der vorherige Oberste Drache hatte dieser goldschimmernde Haut und die für die Drachen typischen dunklen Skleren*, aus denen seine goldenen Augen leuchteten. Insgesamt war er eine attraktive, charismatische Erscheinung, geeignet den mächtigen Assardi im Obersten Haus zu gefallen, die immer auf neue Genüsse erpicht waren.
Ein erstauntes Wispern erklang in den Reihen der Führer der einzelnen Häuser.
Mit ihren Blicken verfolgte Aizu die etwas ungelenken Bewegungen des Drachen in Menschengestalt, die wirkten, als hätte er sich noch nicht an seinen neuen Körper gewöhnt, sondern erwartete, dass gewaltige Schwingen und ein schuppiger Schweif sein Gleichgewicht hielten. Trotz seiner muskulösen und eleganten Erscheinung wirkte er beinahe tapsig wie ein Drachenjunges, das gerade frisch aus seinem Ei geschlüpft war, während er sich zur linken Seite des Dimerra'di niederließ.
Als Noíhn seine Arme erhob, erstarb das Wispern, als hätte jemand es begraben, und alle Augen richteten sich auf den untersetzten Mann.
"Meine Freunde", begann er und Aizu musste sich zusammennehmen, um bei dem Wort 'Freunde' nicht spöttisch zu schnauben.
"Wir möchten Euch den neuen Djaharra'di vorstellen. Das hier ist Kiniro," fuhr er fort, und dabei deutete er auf den goldschimmernden Mann neben sich. Der Drache hob arrogant eine Augenbraue, warf einen langen Blick auf die erlauchte Runde, bevor er sich ergeben vor Noíhn verbeugte, ohne dass seine Miene Demut offenbarte. Auch wenn der Dimerra'di diesen Mangel an Respekt wohl wahrgenommen hatte, lächelte er dennoch und deutete auf die Zwillinge, vor denen Kiniro ebenfalls kurz sein Haupt neigte, sogar noch weniger aufrichtig als vorher.
Aizu wurde skeptisch, als ihr trotz ihrer immer noch lungernden Kopfschmerzen, wieder der getötete Drache einfiel. Dabei kam ihr auch wieder in den Sinn, wie der Posten des Obersten Drachen vergeben wurde.
Der eine Weg war, dass der Oberste Drache freiwillig seinen Rang aufgab, weil er einen würdigen Nachfolger gefunden hatte oder zu alt geworden war. Anschließend gab er seine vom Dimerra'di verliehene Fähigkeit, eine menschliche Gestalt anzunehmen weiter. Von dieser Art der Machtübernahme hatte Aizu aber nur in Legenden gehört.
Meistens wurde der Oberste Drache durch einen Rivalen herausgefordert und in einem Kampf geklärt, wer der beiden Gegner den Posten erhalten würde. Dieses Kämpfe endeten trotz ihrer augenscheinlichen Brutalität meistens nur mit Fleischwunden. Es war äußerst selten vorgekommen, dass der Verlierer sein Leben verloren hatte.
Selten bedeutete aber nicht, dass es ausgeschlossen war, dachte sich Aizu und warf gleich noch einen Blick auf den neuen Drachen.
Und wenn es diesmal ein Kampf auf Leben und Tod gewesen ist? Wenn Aukaar sich gegen Kiniro hatte durchsetzen müssen? Was, wenn der getötete Drache Aukaar war, verstümmelt, unkenntlich gemacht?
Noíhns Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
"Feiern wir zusammen das neue Mitglied des Obersten Hauses. Trinkt und esst, meine Freunde!"
Nach Essen war der Wasserformerin sogar noch weniger zumute als nach Trinken, also tat sie so, als ob sie an ihrem Becher nippte. Dabei beobachtete sie aus den Augenwinkeln den Kopf der Tafel, erwischte einen Augenblick, in dem Noíhn mit seiner Fingerspitze über den muskulösen Unterarm des neuen Drachenführers strich. Es war eine suggestive Geste, und sie erkannte, wie die goldenen Drachenaugen einen Moment von Verwunderung regiert wurden, bevor ein halbes, wissendes Lächeln auf dem schönen, menschlichen Gesicht des Drachen entstand.
Die beiden hatten sich anscheinend verständigt und dem Dimerra'di würde wieder einmal die erste Nacht mit einem Neuling gehören. Die Zwillinge wechselten einen weiteren, fast verärgerten, Blick, bevor Tirlien sich erhob und mit einer geflüsterten Entschuldigung zurückzog.
Aizu spürte, wie ihre Kopfschmerzen wieder stärker wurden und sah dem wohlgestalteten, jungen Dimer'di sehnsüchtig nach. Sie beneidete Tirlien um die Möglichkeit, sich so einfach von dieser Bühne der Intrigen zu entfernen. So interessant die Spiele um die Gunst Noíhns auch zuerst gewesen waren, inzwischen war all dieses Herumgetanze um den Mann nur noch ermüdend für sie. In ihrer Zimmerflucht wartete außerdem ihr Verbundener auf sie.
Auch wenn sie Atrell, als sie verbunden worden waren, nicht besonders gut gekannt hatte, waren sie später doch zu Freunden und noch später sogar zu Liebenden geworden. Sie vermisste ein offenes Wort von den Formern, die an diesem Tisch saßen. Offene Meinungen und nicht diese Heimlichtuereien. Von Atrell bekam sie jederzeit seine Ehrlichkeit, und das war am Obersten Hof mehr wert als jedes Kompliment. Sie beschloss sich gleichfalls zurückzuziehen, als ein Bote des Wasserhauses unangemeldet den Saal betrat.
Der Menschenjunge, gekleidet in die auffälligen Blaugrüntöne ihre Hauses, sah sich suchend um und als er Aizu erblickte, steuerte er zielstrebig auf sie zu, bevor er vor ihr auf die Knie ging.
"Zharra'di, verzeiht mir, dass ich Euch störe."
Erstaunt hob Aizu die Augenbrauen, hob an, dem Jungen zu antworten, als die Stimme Noíhns sie aufschrecken ließ.
"Zharra'di Aizu, warum dringt dieser Bote hier ein?" Schnell sprang die Oberste Wasserformerin auf und verbeugte sich.
"Ich weiß es noch nicht, Dimerra'di."
"Dann lasst den Boten zu uns kommen."
Mit einem unguten Gefühl nickte Aizu dem verstört aussehenden Jungen zu, der hölzern wie eine Puppe den Weg zum mächtigsten Mann seiner Welt überbrückte, wo er wie ein Tropfen Wasser zu Boden auf die Knie fiel.
"Sprich, Junge!", befahl Noíhn, seine Hand berührte noch einmal besitzergreifend die Finger des Drachens, bevor er seine Aufmerksamkeit dem Boten zuwandte, der seine Augen fest auf den irisierenden Boden gerichtet hatte.
"Dimerra'di, ich habe eine Botschaft der Obersten Mutter des Zhar Hauses für die Zharra'di."
Ein kaltes: "So?", erschreckte die Stille, die bei den verschüchterten Worten des Boten eingetreten war.
"Aizu, wir meinen, Ihr habt nichts dagegen, wenn wir die Botschaft eurer Obersten Mutter entgegen nehmen." Spott erfüllte die Stimme des Herrschers. Aizu schluckte, dabei fühlte sie, wie sich alle Augen neugierig auf sie richteten.
Würde sie versuchen, dem Dimerra'di Paroli zu bieten?
Wäre damit dann ihr Platz in der Gunst von Noíhn und an seiner Tafel frei?
Sie konnte diese Spekulationen beinahe in ihrem Kopf summen hören, als sie sich zum Kopf der Tafel wandte und eine Verbeugung andeutete.
"Ich würde es als eine Ehre erachten, Dimerra'di."
Unsicher warf der Bote noch einmal einen Blick über seine Schultern, versuchte zu erkennen, ob er nun wirklich seine Nachricht Noíhn aushändigen sollte, auch wenn die Oberste Mutter ihm ausdrücklich aufgetragen hatte, sie Aizu zu übergeben. Noch bevor er Aizus Nicken wahrnahm, fühlte er einen festen Griff in seinem Nacken und wie er langsam auf die Beine gezogen wurde.
Ein verängstigtes Geräusch entkam der Kehle des Menschenjungen.
Der Herrscher studierte ihn genau, bevor er anerkennend die Augenbrauen hob.
"Du bist hübsch, Junge."
Das war er wirklich, mit seiner sonnengebräunten Haut, seinen himmelblauen Augen, die unter weizenblondem Haar furchtsam hervorspähten. Alles an ihm schien lebendig, darüber hinaus war er auf so gesunde, lebensspendende Weise attraktiv, die den meisten Assardi fehlte. Bestimmt war der Bote eigentlich der Sohn eines Fischers, der mit seinem Vater über das funkelnde Meer segelte, arm, aber in Freiheit.
Die Stille des Saales füllte sich mit knisternder Spannung, alle schienen den Atem anzuhalten, während der Dimerra'di seine Fleischbeschau beendete.
"Erledige deine Pflicht und richte deine Botschaft aus. Und beeil dich, denn danach gehörst du uns."
Aizu spürte, wie sie sich innerlich verkrampfte.
Nein! Er ist doch noch ein Kind!, blitzte in ihren Gedanken auf, dabei nahm sie die Panik in den blauen Augen des Junge wahr. Er fiel zu Boden, versuchte aufzustehen und schien stark gegen den Drang, zu fliehen, ankämpfen zu müssen.
"Sprich, Junge, sprich! Die Zharra'di wartet!"
Es war einer dieser Momente, in denen Aizu Noíhn gerne eine Ohrfeige verpasst hätte, in denen ihr die Macht und der Status des Dimerra'di einerlei waren. Einer dieser Momente, in denen sie ihn hasste.
Sie verließ ihre Platz an der Tafel und beugte sich zu dem Boten, schenkte ihm ein freundliches Lächeln, bevor sie ihm sanft fragte: "Was ist denn deine Nachricht?"
Der Junge schien erst mit den Worten zu zögern, dann fasste er Zutrauen zu der Assardi, die ihn so freundlich und ruhig anlächelte.
"Die Nehrabo lässt Euch ausrichten, dass Fiana verstorben ist."
Die Stille schien zu schrumpfen, bis nur noch ein einziger, blendend weißer Punkt hinter Aizus Augen übrig geblieben war.
"Mein Mitgefühl, Zharra'di", vernahm sie die kalte Stimme Noíhns. "Es scheint, das Zhar Haus ist wieder um ein Mitglied ärmer geworden."
Aizu wurde bewusst, dass sie ihre Handinnenfläche gegen ihren Mund gepresst hatte, wahrscheinlich um nicht zu schreien und dass ihr ganzer Körper steif wie ein Brett war. Mit gespielter Ruhe entfernte sie die Hand wieder, verbeugte sich leicht und brachte in erstaunlich klarem Ton heraus: "Es scheint so, Dimerra'di."
"Wir werden die nächsten drei Tage offiziell Trauer tragen."
Der Dimerra'di sprach es wie einen Befehl aus, und alle Anwesenden der Häuser zeigten mit einer Verbeugung, dass sie sich diesem Geheiß unterwarfen.
Mit eiserner Selbstbeherrschung bedankte sie sich in aller Form bei dem Herrscher, bevor sie murmelte: "Wenn Ihr erlaubt, werde ich mich zurückziehen."
Noíhn entließ sie mit einer kleinen, aber sehr wichtigen Geste. Sie warf dem armen Jungen, der unverdient in dieses Netz aus gefährlicher Langeweile und ungebremster Machtgier gestolpert war, einen letzten Blick zu, anschließend verließ sie den Saal, wobei alle Augen wie Bürden, die sie niederdrückten, auf ihr lasteten.
Allein in den langen, kunstvoll verzierten Gängen sehnte Aizu sich nach ihrem schlichten Zuhause am Meer zurück, dorthin, wo ihre Familie war und die Wellen ihr Lied sangen.
Doch ihre Familie war unvollständig, denn ihr jüngstes Mitglied war nun nicht mehr. Aizu selbst hatte Fiana nur ein einziges Mal gesehen, und das war, als ihre kleine Schwester gerade geboren gewesen war.
Sie hatte niemals Fianas Stimme beim Sprechen gehört oder erfahren, was sie gerne gegessen oder getrunken hatte. Auch nicht, welche Musik sie gern hörte oder welche Bücher sie gern las. Ein Leben war an ihr vorbeigegangen, und sie hatte nichts davon mitbekommen.
Wenigstens hatte Fiana mit Kenri jemanden gehabt, der sich um sie gekümmert hattte. Dieser Gedanke brachte ein schales Lächeln auf ihre Lippen, und sie hatte das starke Gefühl, dass sie trauriger sein sollte.
Nichtsdestoweniger konnte es keine Tränen erzwingen.
In ihren Gemächern fand sie ihren Verbundenen Atrell im Gespräch mit den zwei jungen Zhar'di, die ihr am Abend zuvor von dem toten Drachen erzählt hatten, deren Namen ihr aber immer noch nicht einfielen. Atrell sah mit fragendem Blick auf, als sie eintrat, bevor er aufstand und ihr entgegenkam.
"Aizu...?"
Sie hob müde die Hand, ihre Miene war ebenso erschöpft, teilweise von der Trauer, andernteils von den immer noch imminenten Kopfschmerzen.
"Mir wurde gerade berichtet, dass Fiana gestorben ist."
Atrell erstarrte, und auch die beiden anderen Männer keuchten.
"Wir werden drei Tage trauern." Aizu war erstaunt, wie neutral sie sich anhörte. "Ich ziehe mich zurück, wenn es dir recht ist."
"Selbstverständlich", murmelte Atrell, eine mitleidige Wärme in seinen Augen, die sich mit der Liebe zu Aizu mischte. Sie nickte und wandte sich ihrem Privatzimmern zu, als einer der jungen Zhar'di plötzlich aufsprang, dabei rief er aus: "Was wird nun aus unserem Haus?"
Aizu merkte, dass sie diese Frage bewusst immer wieder verdrängt hatte.
"Ich weiß es nicht...", murmelte sie und schüttelte müde den Kopf. "Ich weiß es nicht."
Mit einem tapferen Lächeln wandte sie sich an die jungen Männer, die bestürzt waren, diese Worte aus dem Mund des mächtigsten Mitglieds ihres Hauses zu hören.
"Der einzige Trost, der uns bleibt, ist, dass es den anderen Häusern auch nicht besser geht." Aizu hob die Schultern, bevor sie leise aus dem Zimmer schlich.
Im Haus der Nehrabo wartete Kenri in einem lichten, hellblauen Zimmer auf die Rückkehr der Obersten Mutter seines Hauses. Er hatte schlecht geschlafen, Träume plagten ihn, riefen ihn mit Fianas Stimme. Als er total desorientiert aufgewacht war, hatte er sie gerufen, obwohl irgendwo in seinem Kopf das Bewusstsein lauerte, dass sie tot war.
Die Oberste Mutter hatte ihn morgens empfangen, ihm mitgeteilt, dass ein Bote bereits Kunde zum Eeth'ra und seiner Schwester Aizu brachte. Kenri hatte diese Nachricht einfach so hingenommen. Auch als die Oberste Mutter erklärt hatte, dass er in ihrem Haus leben würde, bis seine zukünftige Partnerin eingetroffen sei, hatte er kaum mit der Wimper gezuckt.
Das Licht seines sinnlosen Daseins war am Tag zuvor verloschen, was kümmerten ihn dann solche Kleinigkeiten?
Er hatte keine nennenswerten Kräfte; Pasu hatte ihn einmal den 'Unfähigsten aller Zhar'di' genannt und damit höchstwahrscheinlich recht gehabt. Sogar wenn es ihm möglich sein würde, Kinder zu zeugen, würden diese sicherlich genauso wenig Wasser formen können wie er. Und wenn es alles genauso zerbrechliche Wesen waren wie seine kleine Schwester? Die ein Leben lang nur dem Tode harrten?
Er konnte den Gedanken nicht ertragen, ohne einen dicken Kloß in seinem Hals zu spüren. Fast bedauerte er die arme Frau, die an ihn gebunden werden sollte.
In seiner Familie hatte man ihn in Ruhe studieren lassen, als Lehrer für die Menschenkinder gewähren lassen und ihm Fiana anvertraut, mehr konnte er nicht. Und nun, ohne Fiana, war er nutzloser als je zuvor. Nur ein willenloser Spielball auf dem politischen Parkett, auf dem die Häuser versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen oder endlich einmal das Dimer Haus zu entmachten. Oder ganz einfach nur versuchten zu überleben.
"Ra'di, Ihr habt Euer Essen gar nicht angerührt." Damit riss ihn die Stimme von Lera, dem Menschenmädchen, welches von der Obersten Mutter anscheinend zu seiner persönlichen Dienerin gemacht worden war, aus seinen wandernden Gedanken.
"Ich habe keinen Hunger, Lera."
Sie verbeugte sich knapp und nahm das unberührte Tablett an sich, schickte sich an zu gehen, bevor sie sich noch einmal umdrehte.
"Verzeiht mir, wenn ich anmaßend bin, Ra'di, aber ich möchte Euch mein Beileid aussprechen."
Kenri sah auf, weil er das erste Mal Aufrichtigkeit in einer Bleileidsbekundung spürte und sah die junge Frau mit einem trauervollen Lächeln an.
"Es war nicht anmaßend. Vielen Dank, Lera."
Ihr Gesicht rötete sich etwas, bevor sie sein Lächeln erwiderte. Dann entfernte sie sich leise, und Kenri sah wieder in seine Gedanken.
Er dachte an die Menschenkinder, die er zusammen mit Fiana unterrichtet hatte. Immer wieder war er über den Verstand der Menschen erstaunt, denn im Grunde stand dieser dem der Assardi in nichts nach. Fiana, die keinen Assardi in ihrem Alter zum Spielen gehabt hatte, einfach weil es keinen gab, war immer sehr gut mit den Menschen klar gekommen, auch wenn sie vom Stand her in verschiedenen Welten lebten. Manchmal hatte Kenri sie schelmisch "Mein kleines Menschenmädchen", genannt, obwohl ihre Zhar-Kräfte größer waren als seine. Tatsächlich war die Oberste Mutter sehr erfreut gewesen, dass nach dem Misserfolg Kenri endlich ein neues Talent geboren worden war und später dann milde schockiert, als sich herausstellte, dass Fianas Leben nicht von Dauer sein würde.
Fiana, immer wieder sie.
Kenri schüttelte den Kopf, weil die Ausmaße des Verlustes nicht in sein Herz passen wollten. Aber nur Grübeln half ihm auch nicht weiter. Ihm fehlten seine Bücher, in denen er sich normalerweise vor der Welt versteckte. Da fiel ihm ein, dass auch im Haus der Obersten Mutter eine Bibliothek vorhanden sein sollte. Er beschloss, Lera danach zu fragen.
Erst beim Einbruch der Dunkelheit, als die Buchstaben vor seinen Augen verschwammen, blickte er von dem Buch auf, dass er in der Bibliothek gefunden hatte. Sein Herz war immer noch voller Trauer, aber immerhin hatte er eine Ablenkung gefunden. Außerdem hätte es Fiana gar nicht gern gesehen, wenn er den ganzen Tag melancholisch herumsaß und philosophische Löcher in die Luft gestarrt hatte.
Er lächelte milde, als er beinahe ihre tadelnde Stimme hören konnte.
"Großer Bruder, warst du schon wieder den ganzen Tag hier in diesem dämmrigen, staubigen Raum voller Bücher? Deine Gedanken werden nicht klarer, wenn du im Dunkeln sitzt. Komm, gehen wir die Drachen am Strand besuchen!"
Kenri stellte sich vor, wie die Seeluft an ihren Haaren zerrte und leckte gedankenverloren das Salz von seinen Lippen. Es war fast, als könnte er ihre kleine Hand ergreifen, so nah war sie ihm. Nah bei seinem Geist, seinem Herzen. Und dort würde sie bleiben, so lange er lebte; immer da, um ihn zu trösten oder zu tadeln, ihm einen Rat zu geben oder lauschen.
Er klappte das Buch zu und stand auf.
Mit langen Schritten verließ Kenri das Gebäude und trat auf den Hof, wo er sofort von dem lebhaften Treiben des endenden Tages umgeben war. Mit tiefen Atemzüge zog er das vibrierende Leben um sich auf.
Fiana hätte es gefallen, so viel Leben zu sehen, zu spüren und sich darin treiben zu lassen. Aber sie war nicht mehr da, nur er war übriggeblieben. Nun würde er selbst alles für sie alle beide empfinden und wahrnehmen müssen.
Eine fremde Welt ohne Fiana, aber eine, die sie bestimmt gerne erforscht hätte. Sie hatte sich immer gewünscht, herumzureisen, so wie viele junge Zahr'di es taten. Die anderen Häuser an den verschiedenen Küsten zu besuchen, was ihr natürlich aufgrund ihrer instabilen Gesundheit verwehrt blieb.
Wann auch immer Kenri in ein anderes Haus gereist war, hatte er ihr hinterher immer bis ins kleinste Detail alles berichten müssen.
"Du bist meine Augen und meine Ohren, verstehst du, großer Bruder?" So hatte sie ihn immer beauftragt, alles genau zu beachten.
Ihr Wunsch war ihm immer schon Befehl gewesen, auch jetzt noch. In ihm würde ihre Neugier, ihr Wissensdurst und ihre Stimme überleben, solange er nicht verzagte.
Das würde er nicht.
Er seufzte schwer, weil die Traurigkeit ihn wieder drohte, einzuholen, auch wenn Fiana das bestimmt nicht gewollt hatte. Er konnte einfach nichts dagegen tun.
Mit tränenschweren Augen betrachtete er die Geschäftigkeit der Menschen, doch seine Wangen blieben trocken.
Erst als die meisten Menschen in ihren Wohnstätten verschwunden waren, kehrte er in seine Zimmer zurück, entschlossen alles Kommende mit offenen Augen zu begrüßen.
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