Fallende Sterne - Kapitel 1
Kapitel 1: Ein Mädchen ohne Namen
Die Flut ließ die mondglitzernden Wellen höher an die Felsen schlagen, auf deren Spitze ein großes, ausgedehntes Anwesen ruhte. Die Räume waren von sorgenvollem Flüstern erfüllt, die der Hoffnung keinen Platz einräumten.
Die Wasserdrachen auf ihren Felsen vor der Bucht senkten ihre Köpfe, als ein kleiner, stromlinienförmiger Körper mit blauen Schuppen langsam in den Wellen versank. Als er nicht mehr zu sehen war, warfen sie die lange Hälse zurück, und ihr glockentiefer Klagegesang erfüllte die Nacht.
Oben in dem Anwesen lauschten die Bewohner der Klage betroffen, denn sie wussten, dass dieses Junge das erste Neugeborene seit vielen Jahren gewesen war.
In einem kleinen Raum, der von warmen Licht der Öllampen erfüllt war, drückte Kenri die zerbrechliche Hand seiner kleinen Schwester Fiana fester, als der Gesang durch ihre Balkontür zu ihnen drang.
Der Balkon übersah die Weite des Ozeans, den Fiana so liebte. Und da sie inzwischen zu schwach war, mehr als ein paar Schritte zu tun, hatte man ihr dieses Zimmer überlassen, in dem das Meeresrauchen sie in den Schlaf sang.
Mit traurigen dunkelgrünen Augen musterte sie ihren sehr viel älteren Bruder.
"Zheschach ist also tot...", murmelte sie und Kenri nickte berührt. Er blickte auf ihre ineinanderliegenden Hände, ihre so durchsichtig und grau, trotz des warmen Scheins der Lampen, seine kräftig und gesund, aber hilflos.
"Seltsam", fuhr sie mit ihrer kraftlosen Stimme fort, "dass solch mächtige Wesen so schwache Junge haben."
Dass ihre Aussage sich nicht nur auf die Drachen bezog, war offensichtlich für Kenri, der ihre zarte Hand an seine Wange legte und seine Augen schloss.
"So seltsam ist das nicht." Er sah vor seinem inneren Auge das kleine, schwache Drachenkind in den Resten seines Eis liegen, zu hinfällig seinen Kopf zu heben, während seine gewaltige Mutter es zärtlich anstupste. War das wirklich erst zwei Tage her?
"Es sind große, mächtige Kreaturen, doch ihre Jungen sind klein und verletzlich, so dass nur die wirklich starken überleben. Auf diese Weise wird gesichert, dass das Drachenvolk stark und gesund bleibt." Es war ihm bewusst, dass dies eher eine Ausflucht war, denn schon lange waren die Drachen nicht mehr so mächtig wie in den Mythen. Genau wie die Mitglieder seines Hauses, wurden sie immer anfälliger und matter.
"Dann ist es also gut, dass ich sterbe, damit unser Haus stark bleibt?" Ihre Stimme war weiter schmerzhaft neutral, beinahe distanziert. Wieder einmal war Kenri beeindruckt von ihren klarsichtigen Geist und ihrer Offenheit.
"Nein, das ist nicht gut, denn ich werde dich vermissen", flüsterte er, dann platzierte einen kleinen Kuss in die Mitte ihrer Handinnenfläche. Sie lächelte traurig, denn sie wusste, dass ihr Bruder es ernst meinte, wenn er so zu ihr sprach.
Eine Zeitlang schwiegen sie, die Anwesenheit des anderen aufsaugend, die ihnen die liebste auf der Welt war.
Seit Fianas Geburt waren sie innig verbunden gewesen, auf emotionaler wie auch geistiger Ebene, da beide über einen klaren, analytischen Verstand verfügten. Dazu kam, dass Fiana schon früh sehr viel krank gewesen war, deshalb hatte Kenri oft an ihrem Bett gesessen und ihr aus staubigen, großen Büchern vorgelesen. Sie hatten ihre Gedanken ausgetauscht, oft nächtelang die Kanten ihres Scharfsinns aneinander gerieben, bis sie völlig übernächtigt von den Dienern überrascht wurden, die das Frühstück brachten.
Wenn es Fiana besonders schlecht ging und ihr Atem nur noch in pfeifenden Stößen ihren Mund verlies, dann hatte er neben ihr gesessen und ihre Hand gehalten, ihr leise etwas erzählt oder mit sanfter Stimme Lieder vorgetragen, bis es besser wurde.
Es war immer wieder besser geworden, doch inzwischen half nichts mehr.
Fianas Schwäche hielt an, und beide machten sich über ihre wenigen, verbleibenden Tage keine Illusionen. Gerade weil sie ihren Tod vor Augen hatte, war es für sie so wunderbar gewesen, dass sie die Geburt eines Drachenkindes erleben durfte.
Nun, es hatte sogar ihre Lebenserwartung noch unterboten.
"Wenigstens...", hauchte sie und fühlte, wie ein Hustenanfall sich in ihrer Brust aufbaute, der viel zu groß für ihre zarte Gestalt sein würde. Sie begann zu husten, nach Luft zu schnappen und spürte, wie sie sanft hochgezogen wurde, so dass ihr Kopf an der Brust ihres Bruders ruhen konnte; das erleichterte die Krämpfe.
Als sie atemlos wieder zur Ruhe kam, murmelte sie in sein weiches Hemd: "Wenigstens hatte Zheschach einen Namen, als sie starb."
Tränen füllten Kenris Augen.
Namen waren für die, die lebten, nicht für die Todgeweihten. Trug etwas einen Namen, so gewann es eine Bedeutung, alles Namenlose konnte verdrängt werden, so wie Fiana.
Die Bezeichnung, die sie zur Zeit trug, war kein wirklicher Name, sondern bedeutete 'das siebte, weibliche Kind'.
Kenri selbst hatte seinen Namen erst erhalten, als er dreißig Jahre alt geworden war, davor hatte er Sanro, also das dritte, männliche Kind, geheißen.
Von seinen sechs Geschwistern hatten nur drei außer ihm überlebt.
Aizu, die nun am Oberstem Hof als die amtierende Zharra'di und Vertreterin seines Hauses lebte, Pasu, der inzwischen ehelich verbunden war und die jüngste, Fiana. Doch niemand traute sich, der kraftlosen Fiana einen Namen zu geben, weil sie nicht überleben würde.
Zu aller Erstaunen hatte sie inzwischen ihren sechzehnten Geburtstag gefeiert, der aber wohl auch endgültig ihr letzter sein würde.
"Was für einen Namen möchtest du denn haben?"
Fiana lächelte erschöpft, als sie die Frage ihres Bruders vernahm, dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf.
"Ich habe noch nicht darüber nachgedacht."
"Dann wird es aber allerhöchste Zeit." Seine Stimme war ein wenig tadelnd, aber sonst sehr sanft.
Sie ließ sich zurückfallen. "Wenn du es sagst, großer Bruder, dann werde ich darüber nachdenken."
Mit einer erschöpften Geste winkte sie ihn zur Tür.
"Ich möchte jetzt schlafen...", wisperte sie kaum hörbar und Kenri stand ebenso leise auf.
"Schlaf gut, Fia."
Doch seine kleine Schwester antwortete nicht mehr, sondern war gleich in einen erschöpften Schlaf gefallen.
Der nächste Morgen begann sonnig, doch eine steife Brise brachte Wolken, die Regen versprachen.
Unten am Strand war die Luft war erfüllt vom Schnauben der Drachen und den Schreien der Möwen, während Kenri auf die Drachenkolonie zusteuerte.
Mit einem Nicken des gewaltigen Kopfes empfing ihn der Führer der Kolonie, Sei.
Kenri verbeugte sich tief vor dem beeindruckenden Wesen, auch danach hielt er seinen Kopf gesenkt.
"Ich vernahm gestern Abend Euren Klagegesang, Sei. Euer Verlust schmerzt mich sehr."
Mit einem weiteren, würdevollem Kopfnicken nahm der Drache die Beileidsbekundung an, und in seinen tiefen, meergrünen Augen, die Kenri so sehr an Fiana erinnerten, schimmerte Gram.
"Wir danken Euch. Aber der Verlust liegt nicht so schwer auf meiner Familie, wie der Eurer Schwester auf uns allen liegen wird."
Fiana war immer sehr gerne an den Strand gekommen, um mit den Drachen durch die Wellen zu reiten; denn um selbst zu schwimmen, fehlte ihr die Kraft. Also hielt sie sich nur an die blauen Barten fest, die elegant aus den Wangenkiemen der Drachen wuchsen, klammerte sich mit ihren dürren Beinen an den Hals und jubelte, wenn sie durch die Wellen spritzten.
Niemals hatte Kenri sie lebendiger erlebt.
Mehrere andere gewaltige Echsen streckten ihre Hälse zu Kenri, um zu erfahren, wie es der jüngsten des Wasser-Hauses ging. Die altbekannten Gesichter notierte Kenri mit einem schwachen Lächeln.
"Es geht ihr schlechter, Sei. Lange wird es nicht jetzt mehr dauern. Sie entschwindet langsam, als ob sie sich einfach in Luft auflösen würde. Sie ist nur noch so zart wie ein Blütenblatt, das vom Wind fort geweht werden könnte."
Manche der reptilischen Köpfe nickten andächtig, als warteten sie nur darauf, dass ein Wind sich Fianas erbarmte, andere bogen sich wieder in die Luft, um traurig zu Fianas Fenster blicken zu können.
"Wir alle werden immer schwächer", sinnierte Kenri leise, während die Brise durch sein Haar strich wie eine liebende Hand. "Nicht nur Fiana."
"Was wird dann aus uns?", fragte Sei schließlich. "Und was wird aus dem Zhar Haus?"
Kenri hob leicht die Schultern, dann wandte er sich ab, mit einer knappen Verbeugung.
"Entschuldigt mich, Fiana bekommt jetzt ihr Frühstück."
"Grüßt sie von mir!"
Der Drache schien müde zu lächeln, als Kenri im Eingang, der hoch zum Anwesen führte, verschwand.
Im kleinen Raum mit Meerblick saß Fiana gestützt auf viele Kissen und trank in winzigen Schlucken ein wenig warme Milch, als Kenri herein kam.
"Warst du bei den Drachen?"
"Ja."
Sehnsucht füllte ihren Blick und färbte ihre bleichen Wangen leicht rosa.
"Sei lässt dir seine Grüße bestellen."
"Wie geht es ihm?" Mit einem angewiderten Gesicht stellte sie die Milch beiseite.
"Um die Wahrheit zu sagen, er wirkte sehr müde und traurig, beinahe gebrochen. Dennoch hat er sich immer noch Sorgen um dich gemacht. Ich glaube, sie vermissen dich." Er setzte sich neben das Bett auf den Stuhl, auf dem er so viel Zeit verbrachte, dass er sich manchmal wunderte, warum er noch nicht darauf angewachsen war.
"Fia, warum trinkst du deine Milch nicht? Sie soll dir Kraft geben."
Sie winkte nur ab.
"Milch rettet mich auch nicht mehr."
Er hielt einen warnenden Finger hoch, nahm die Brühe, die neben der Milch auf dem Tablett stand, einen Löffel und begann sie mit der wohlriechenden Suppe zu füttern, was sie mit einem kleinen Grinsen akzeptierte.
Nach drei Löffeln fiel sie zurück, die Augen geschlossen, keuchend: "Ich kann nicht mehr, Kenri."
Das hatte er gelernt zu dulden.
Als sie ihre Augen wieder aufschlug, waren sie milchig und stumpf, versuchten ihn zu finden: "Kenri? Kenri?! Bist du noch hier?"
"Sicher, Liebes, ich bin noch bei dir."
Er ergriff ihre schmale, filigrane Hand und presste sie an sein wild schlagendes Herz.
Nehmt sie mir nicht weg, bitte nicht, flehte er gedanklich.
Sie beruhigte sich wieder, schloss die Augen und wirkte sehr transparent, als ob selbst das Tageslicht ihren Körper mühelos durchdringen konnte.
"Wie stark dein Herz schlägt, mein Bruder." Ihre Finger krümmten sich zaghaft um seine. "Es fühlt sich wunderbar lebendig an."
Darauf wusste er nichts zu sagen, also wartete er, bis sie ihre Gedanken ausformulierte.
"Wenn ich... tot bin, kommt dann noch etwas? Was meinst du?"
Er schluckte. "Ich weiß es nicht, Liebes."
"Du hast mir von dem Glauben der Menschen erzählt, bei dem man wiedergeboren wird, als ein Tier oder eine Pflanze. Wiedergeboren zu werden, das könnte mir gefallen."
Bilder von zerbrechlichen Pflanzen, so zierlich wie ihre Hand, erschienen in seinem Kopf.
"Ich möchte als Drache wiedergeboren werden, groß und stark. Dann teile ich das Wasser wie ein Pfeil und tauche nach Fischen in die glitzernden Tiefen des Meeres."
"Du wärst sicher ein wunderschöner Drache", flüsterte er, bemüht die Tränen aus seiner Stimme zu halten.
"Dann könnte ich in deiner Nähe bleiben, unten in der Bucht. Das wäre so wundervoll."
"Ja, das wäre es."
Beide lächelten, auf beiden Gesichtern wirkte es wie eine Grimasse.
"Aber wenn selbst Drachenkinder sterben, wie soll ich dann ein Drache werden?"
Kenri riss sich zusammen. "Auch wenn dein Körper schwach ist, dein Wille war schon immer sehr stark. Wenn du es willst, dann kannst du es."
Ein atemloses, kurzes Lachen.
"Du kennst mich zu gut, mein Bruder. Welches sind die stärksten Drachen?"
"Die Golddrachen stellen zur Zeit den Drachenführer."
"Gold... passt nicht zu mir. Ich bleibe bei Wasser. Ich wünschte nur, ich könnte das Meer und die Drachen noch einmal sehen."
Vorsichtig legte Kenri die Hand wieder zurück und stand auf. "Soll ich dich auf den Balkon tragen?"
"Ja, bitte."
Ihr dürrer Körper wog nicht viel mehr als die Decke, die er um sie gewickelt hatte, als er sie auf den Arm beförderte und die paar Schritte durch die Tür, ins Freie trug.
Innerlich hörte er seine Mutter toben: Sie ist krank, so etwas schadet ihrer Gesundheit! dabei wussten alle, dass diese Krankheit nicht durch irgendetwas noch verschlimmert werden konnte.
Draußen atmete Fiana tief ein, ein tatsächliches Lächeln spielte um ihre trockenen Lippen. Er ließ sie auf den Boden gleiten und lehnte sie dann gegen seine Brust, so dass sie das Meer und die Bucht überblicken konnte.
Seine eine Hand hielt sie aufrecht gegen ihm, seine andere zeigte in die Ferne.
"Schau, dort am Strand sind die Drachen. "
"Sie sehen majestätisch aus, mit ihren langen Hälsen." Beinahe verwehte sie Brise ihre Stimme, während Kenri mit seiner freien Hand zu den Drachen winkte, sie ihre Köpfe hoben und als sie sahen, dass Fiana bei ihm war, begrüßende Töne ausstießen.
Schwach hob sie ihre eigene Hand zum Gruß, dann drehte sie ihren Kopf zu Kenri. "Ich kann dir nicht genug danken, aber ich bin jetzt müde."
"Dann zurück in dein Bett."
Als er sie hinlegte, lächelte sie befreit und schlief.
Leise schlich sich Kenri davon, nachdem er sie gut zugedeckt hatte, während das Meer sein ewiges Wiegenlied sang.
Das Meer begleitete auch seine Studien in der Bibliothek, die er immer dann betrieb, wenn Fiana schlief. Er beschäftigte sich gerade mit der alten Sprache, der Ghera, als seine Mutter ihn leise rief: "Kenri?"
Verwundert drehte er sich um.
"Was gibt es denn, Mutter?"
Sie schwieg, was für ihn bedeutet, dass er sein Buch liegen lassen und zu ihr kommen sollte. Mit Erstaunen tat er es.
Die blauen Augen seiner Mutter wirkten beinahe schwarz, als er vor ihr stand und ihr Gesicht musterte.
"Fiana...", flüsterte sie und er verstand.
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, begann er mit langen Schritten die Treppen zu dem kleinen Raum mit Meerblick zu nehmen, bevor er keuchend in den Raum trat.
Ihr Körper lag immer noch auf dem Bett, beinahe so, wie er sie hingelegt hatte, doch ihr Körper wirkte sehr viel wirklicher als sonst, erdgebunden.
Das, was sie erleuchtet hatte, war fort.
Seltsamerweise fühlte er keine Tränen, als er die zerbrechliche Hülle betrachtete, die sie zurückgelassen hatte, sondern eine seltsame Erleichterung, die dann zu einem unwirklichen Traumzustand führte.
Sie sah so hübsch und lebendig aus.
Dann überkam ihn die Übelkeit, die er immer wieder runterschluckte.
Schließlich folgte Leere.
Seine Mutter kam einige Zeit später in den nach frischer Meerluft duftenden Raum, immer noch wie betäubt nahm er sie in den Arm und spürte ihre Schluchzer.
"Weiß es die Oberste Mutter schon?" Die Frage war mit seiner Stimme gestellt, obwohl er gar nicht daran gedacht hatte.
"Nein, wir haben sie gerade erst entdeckt."
Warum weint Mutter so? Warum jetzt und nicht vorher?
"Dann werde ich es ihr sagen. Bleib du hier und kümmere dich um Fia... um meine Schwester."
Er drückte seiner Mutter einen Kuss auf die helltürkisen Haare, dann entfernte er sich aus dem kleinen Raum, der nun außer mit dem Wellenlied noch mit dem Schluchzen seiner Mutter erfüllt war.
Die Oberste Mutter lebte in einem kleineren Anwesen einen halben Tagesritt entfernt, ebenfalls an der Küste.
Als Kenri sein Pferd in den Hof lenkte, registrierte er die Anwesenheit von ungewöhnlich vielen Menschen in den inneren Höfen, aber er war viel zu betäubt, um darüber nach zu denken.
Er überließ sein Pferd den Stallburschen und betrat die Vorräume der Obersten Mutter, wo ihn eine junge Menschenfrau empfing.
"Willkommen, Ra'di. Wie kann ich Euch dienen?" Sie verbeugte sich tief.
"Ich muss mit der Obersten Mutter sprechen."
"Wen darf ich melden?"
Da fiel Kenri ein, wie lange er die Oberste Mutter schon nicht mehr besucht hatte. Kurz nach Fianas Geburt war das letzte Mal gewesen, kein Wunder also, dass diese Frau ihn nicht mehr erkannte.
"Kenri vom Zhar Haus, Naos Sohn."
Sie verbeugte sich und eilte davon, während Kenri wartete.
Er konnte die geschmackvollen Bilder an den Wänden und die Statuen, die er früher so gern bewundert hatte, kaum wahrnehmen, in seinem betäubenden Schmerz.
"Die Oberste Mutter bittet Euch herein", verkündete die junge Frau, die wohl kaum älter als Fiana war.
Er dankte knapp und eilte durch die schweren Türen in die Gemächer der Obersten Mutter, dem Oberhaupt seines Hauses.
"Ah, der kleine Kenri", begrüßte ihn die alte Frau mit den wenigen, muschelgrauen Haaren, die sie streng zurückgekämmt und zu einem Dutt gebunden hatte. Auch wenn ihre Haare grau waren, so strahlten ihre Augen doch in klarem, intelligentem Blaugrün.
"Nehrabo." Kenri verbeugte sich, wie es Tradition war.
"Was bringt dich zu mir, nach all diesen Jahren?"
Vielleicht schwang ein kleiner Vorwurf darin, Kenri konnte es nicht genau sagen.
"Es geht um Fiana, Nehrabo. "
"Also ist die Jüngste aus unserem Hause tot?"
Als sie die Worte aussprach, trafen sie Kenri wie ein Schlag. Keiner hatte das Wort in den Mund genommen.
Das Benennen erweckte ihn aus seiner Betäubung und machte den Tod grausame Wahrheit.
Er konnte nur nicken.
"Das ist äußerst bedauerlich."
Bedauerlich? Trauer wandelte sich in Wut, aber als Kenri empört aufsah, konnte er Tränen in den Augen der Alten sehen. Die Wut versiegte.
Sie winkte Kenri zu sich und deutete auf einen Stuhl. Traurig, mit dem Wunsch erfüllt, allein für sich sein zu können, um den Verlust seiner Schwester zu verstehen, setzte er sich.
Sie nahm gegenüber von ihm Platz und goss ihm Tee ein. Da erst bemerkte Kenri das blaue Teeservice, das auf einem Beistelltischchen stand. Sie hielt ihm die Tasse hin, und ein wenig unentschlossen nahm er sie.
Nach einigen Minuten, in denen nur das zarte Geräusch des Teelöffels, mit dem in einer Tasse gerührt wurde, die Stille unterbrach, begann die Oberste Mutter zu sprechen.
"Auch wenn du mit bodenlosem Kummer erfüllt bist, die Bedeutung des Todes deiner Schwester geht noch tiefer. Unser Haus wird schwächer, Kenri."
Sie schlürfte einen kleinen Schluck des heißen Tees, der nach süßen Blüten roch.
"Seit langer Zeit werden dem Zhar-Haus kaum noch Kinder geboren. Deine Geschwister und du, ihr wart wie ein Hoffnungsschimmer, besonders Aizu. Sie, mit ihrer Stärke und ihrer Gesundheit, sollte für Nachkommen sorgen. Sie war schon zweimal verbunden, doch sie blieb kinderlos."
Kenri runzelte die Stirn, denn in seinem Kopf nahmen die Gedanken an Fiana den größten Raum ein, so dass er der alten Frau nicht wirklich folgen konnte.
"Dein Bruder Pasu? Auch ihm wurden keine Kinder zuteil bis jetzt."
Mit einem lauten Klirren knallte Kenri die Tasse auf die Untertasse und fuhr auf.
"Verzeiht, Oberste Mutter, aber warum erzählt Ihr mir das? Meine kleine Schwester ist noch nicht einmal einen Tag tot, da redet Ihr über das Haus und meine älteren Geschwister, als ob Fiana nie existiert hätte."
"Beruhige dich, Kenri. Es geht darum: Das Haus Zhar steht vor dem Aussterben, Fiana war nur der traurige Beweis dafür, dass wir immer weniger und anfälliger werden."
Kenri sah immer noch entzürnt aus.
"Jetzt wäre es an der Zeit für dich, eine Verbindung einzugehen. Das Haus hat nur gezögert, da du dich um deine Schwester gekümmert hast. Doch nun ist es Zeit, für den Erhalt deines Hauses zu sorgen."
"Darum geht es also", murmelte Kenri, während in ihm die Wut wieder aufflackerte. Machtverhältnisse und günstige Verbindungen zu anderen Familien, darum ging es doch immer.
Macht und noch mehr Macht.
Was spielte ein unbenanntes Leben da für eine Rolle? Etwas Namenlosen nachzutrauern galt als Zeitverschwendung.
"Darum geht es immer." Es klang beinahe bösartig, während die Oberste Mutter ihm einen abschätzenden Blick schenkte. Dann suchten ihre Augen das Fenster.
"Es ist schon spät. Möchtest du nicht hier übernachten?"
Der Ton bedeutete, dass es keine Frage, sondern ein Befehl war, also blieb Kenri nur, das Angebot zu akzeptieren. Die alte Frau lächelte weise, dann rief sie ihre menschliche Dienerin.
"Lera, zeige meinem Gast sein Quartier."
Die junge Frau fiel auf die Knie, dann berührte sie mit der Stirn den Boden. "Sehr wohl, Oberste Mutter."
Kenri war erleichtert, der alten Frau nicht mehr ins Gesicht sehen zu müssen und folgte der Dienerin in die gewaltigen Gästequartiere.
Als sie ihn nach einer tiefen Verbeugung allein gelassen hatte, sank er auf das riesige Himmelbett, das frei in der Mitte der Räumlichkeiten stand und begann zu weinen.
Die Nacht deckte ihn später zu.
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