Unheimlicher Gefährte - Teil 7

Im Auto, als er neben mir saß, wirkte er schon weniger zielbewusst.
"Wenn es dir nicht recht ist, dass ich nun in die Gedanken deines Vater eindringe, sag es mir lieber. Jetzt haben wir noch die Chance umzukehren."
Ich sah auf die Straße und schwieg.
"Ich könnte es verstehen, mir wäre es auch nicht recht, wenn jemand in Isis Gedanken eindringen würde."
"Das würde ja wohl auch keiner, weil St.Clair sie schützt, oder?", gab ich zu bedenken. Mir schien alles egal. Wenn wir herausfinden würden, wo dieser Jordan sich aufhielt, dann konnten wir Heti und Judith rächen, dabei vielleicht sogar Sidonies Schwester, mit der ja alles begonnen hatte, befreien. Da lagen mir die Bedenken, die Tris hegte, doch eher fern.
"Tris, es ist mir recht, wenn wir damit Heti und Sidonie helfen. Und vielleicht herausfinden, was dieser Bastard mit meinem Vater angestellt hat." Tris nickte. Während der restlichen Fahrt schwieg er.

Am Gebäude der Firma meines Vaters angekommen, überkam mich das komische Gefühl, plötzlich nicht mehr dazu zu gehören. Seltsam, wie sehr man sich an manche Sachen gewöhnte, sogar, wenn sie einem nur Widerwillen entlockten. Entschlossen ging ich den mir nur allzu bekannten Weg, Tristan folgte mir mit kleinem Abstand. Er hatte dieses Gebäude nie sonderlich gemocht.
Vor dem Büro meines Vaters saß seine Empfangsdame, die ich noch von früher kannte.
"Helena, wie geht es Ihnen?", erkundigte ich mich ganz unverbindlich mit einem breiten Schmunzeln, das nicht echt war.
"Herr von Falkenberg...was wollen Sie denn hier? Ihr Vater hat uns strenge Anweisung gegeben, Sie nicht mehr einzulassen."
"Ich muss nur ganz kurz mit ihm reden, Geld will ich keines und ich werde ihn auch nicht umbringen, versprochen", erklärte ich und versuchte ich es mit meinem charmantesten Grinsen. Helena schien ihrer Sache nicht sicher zu sein, sie sah zwischen der Tür vom Büro meines Vaters und uns beiden, Tris und mir, hin und her. Tristan lächelte sanft – so sanft, dass ich vor Angst schauderte. Helenas Blick blieb an Tristans Augen hängen und ihre Mimik sprach Bände über Entzücken und Dahinschmelzen.
Tristan hätte nicht nur der beste Einbrecher der Welt, sondern auch deren großartigster Don Juan werden können, hätten seine Beziehungen zu Frauen ihm nicht so viele Probleme bereitet.

"Na gut ," gab Helena mit einem etwas glasigen Blick nach, "Gehen Sie hinein, aber nur für einen Augenblick."
Ich bedankte mich artig, Tris ebenso und dann öffnete ich die riesige Stahltür, die zu den geheiligten Gemächern des von Falkenbergischen Imperiums führte, dem Kopf des Ganzen.
"Hallo Vater", begrüßte ich ihn ruhig. Mein Vater drehte sich auf seinem Stuhl zu mir und sein Gesicht offenbarte reinstes Erstaunen.
"Yannik, guter Himmel, was machst du hier? Willst du die Ermittlungen nun doch einstellen?", rief er erfreut, erhob sich mit seiner typischen Eleganz und kam auf uns beide zu.
Noch nie hatte ich meinen Vater so gesehen wie jetzt.
Viele Kleinigkeiten, die ich vorher nie an ihm bemerkt hatte, sprangen nun geradezu in mein Auge.
Seine pantherhafte, geschmeidige Art sich zu bewegen, seine Attraktivität erzeugt durch Selbstbewusstsein und Überheblichkeit. Und seinen starren leeren Blick, die Angst gut hinter der Maske verborgen.
"Was macht der denn hier?", fragte er plötzlich, mit einen verächtlichen Blick auf Tristan.
"Tristan hat mich überhaupt erst dazu gebracht, hierher zu kommen", entschuldigte ich ihn und das Objekt des Zweifels setzte ein geradezu zuckersüßes Lächeln auf.
Auf mich wirkte es fast erschreckend. Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken.
"Vater", fuhr ich fort, "ich komme eigentlich nur um dich zu beruhigen. Wir werden deine Firma nicht länger gefährden. Ich trete hiermit mein Erbe ab. Dann brauchst du keine Angst zu haben, wenn wir weiter herumschnüffeln, dass Jordan dich mit mir erpressen könnte. Sag einfach, du hättest keinen Sohn mehr."
Ich hoffte insgeheim, dass Tristan genügend Zeit hatte, um im Kopf meines Vaters herauszufinden, was auch immer es herauszufinden gab.
Mein Vater brachte kein Wort heraus. Er sank einfach nur in sich zusammen und einen Augenblick hatte ich das Bedürfnis, ihn irgendwie zu trösten. Nun wirkte er wie ein Häuflein Elend. Es tat mir auf einmal leid, dass ich ihm so etwas angetan hatte.
"Lass es bitte sein, Yannik. Du weißt nicht, auf was du dich da einlässt. Jordan kannst du nicht Paroli bieten", flehte mein Vater, während ich ein schlechtes Gewissen bekam. Dieser Mann, der mir immer so stark, geradezu unbesiegbar und mächtig vorgekommen war, schien vor meinen Augen zu zerbröckeln. Ich bekam selbst ein wenig Angst. Plötzlich spürte ich wie Tristan sich hinter mir umdrehte. Ich tat es ihm gleich und verließ mit ihm zusammen das riesige Zimmer.
Als wir außer Hörweite von Helena waren, senkte ich den Kopf und flüsterte: "Ich komme mir so mies vor. Ich hoffe, du hast wenigstens, was du wolltest."
Tristan nickte und schwieg erst eine Weile, bis wir beim Auto waren.
"Jordan ist in Argentinien. Der Italiener hat deinem Vater einige Flöhe in den Kopf gesetzt.
Dort war einiges mit Sicherheit nicht von deinem Vater selbst erdacht. Ein sehr gefährlicher Mann, dieser Jordan, da hatte dein Vater völlig recht."
"Was will er von meinem Vater? Wenn er die Firma haben wollte, könnte er das schon längst." - "Darauf ist er nicht aus. Ich weiß auch nicht wirklich, was er eigentlich will, aber es scheint weit über das übliche, was die Leute so wollen hinaus zu gehen.“
"Du meinst das Übliche an Geld und Macht und schönen Frauen?", scherzte ich. Doch Tristan schien diese Bemerkung ernst zu sein, denn er nickte und schien ein wenig betrübt darüber.
"Würde er das wollen, wäre er längst nicht so gefährlich."
"Und was tun wir jetzt?"
"Wir stellen den Mann persönlich. Wir fliegen nach Argentinien."
Ich starrte Tristan an. "Sagtest du gerade, wir fliegen nach Argentinien?", fragte ich in der Hoffnung nach, dass ich mich verhört haben möge.
"Ja, das sagte ich. Ich möchte Jordan kennenlernen, das ist alles. Ich dachte, du würdest mitkommen wollen."
"Ach? Ehrlich?" Ich war ein wenig sprachlos. Argentinien? So spontan? Warum?
Meinte Tristan wirklich dadurch diesen Jordan besser einschätzen oder ihm das Handwerk legen zu können?
Nachdenklich fegte ich einige Blätter von der Scheibe meines Wagens, bevor ich aufschloss. Wahrscheinlich wollte er Jordans Gedanken lesen, so wie die meines Vaters und dann einfach verkünden, dass er einen weiteren Fall erfolgreich gelöst hatte. So viele Fälle hatte er schon gelöst, dass man echt die Übersicht verlieren konnte. Warum sollte es bei diesem also anders sein?
Ich allerdings hatte kein gutes Gefühl, was diese Reise und diesen Jordan anging.
Aber, wer war ich schon? Ich war nun mal kein Übersinnlicher mit der Begabung in die Zukunft zu schauen, zwischen all diesen Heilern, Gedankenlesern und über 3000-jährigen kam ich mir plötzlich entsetzlich deplatziert vor.
Von diesem Gefühl deprimiert, stieg ich ins Auto.
Nicht, dass ein Trip nach Irgendwo etwas besonderes in unseren Leben gewesen wäre. Wir taten das häufiger. Die Leute, die Tris und mich anheuerten kamen aus aller Welt.
"Wirklich Argentinien?", bohrte ich noch mal.
"Yan, wenn ich es schaffen könnte, diesen Jordan zu treffen und ein paar von seinen Gedanken aufzuschnappen, dann könnte ich Sidonie helfen und ihrer Schwester. Dazu sind wir schließlich angeheuert worden."
Ja, im Endeffekt waren wir deshalb in diese Sache gezogen worden.
Ich seufzte. "Also dann, auf nach Argentinien. Wenigstens ist da das Wetter besser als hier." lenkte ich deprimiert ein.
Zu Hause angekommen trafen wir Süë in der Küche beim Tee- und Kaffeekochen an. "Ah, genau das Richtige jetzt." brummelte Tris und nahm dankbar eine Tasse Tee an. "Wir werden nach Argentinien fliegen und diesen Jordan aufsuchen." verkündete Tris anschließend Süë, den das nicht zu überraschen schien.
"Wenn der aber von seinen vielen Untergebenen vorgewarnt wird, dass ihr da auftaucht...?", gab Süë zu bedenken, nicht zu Unrecht, wie ich fand.
"Hat er denn solche Angst vor uns, dass er fliehen wird?", konterte Tristan. Süë blieb nachdenklich. "Er hat eine Menge mächtige Übersinnliche um sich versammelt und wer weiß, wozu die fähig sind. Du bist sicher der mächtigste Übersinnliche auf diesem Planeten, aber in gegen eine Armee von ihnen wirst selbst du nicht ankommen, Tristan."
Der mächtigste auf diesem Planeten? Der magere Tristan? Mein Tris?
Eine ganze Armee von Tristan-ähnlichen Übersinnlichen, die gegen uns waren?
Ach du Schande. Worauf hatten wir uns da bloß eingelassen. Meine Kopfschmerzen kehrten doppelt so schlimm wieder zurück.
Tristan lachte bitter. "Wahrscheinlich nicht, nein. Aber was soll ich tun?"
Zu Hause bleiben? Alles vergessen? dachte ich so, aber Tristan lachte erneut hämisch.
"Auf keinen Fall. Wenn ich das tue, wird es das Ende von uns allen sein", beantwortete Tristan meine Gedanken.
Ich sah Süë an, der nickte.
Was?! Das konnte einfach nicht sein.
"Wann fliegen wir?", fragte ich entmutigt.

Auf dem Flughafen ging es ruhig zu, denn es war ja keine Hochsaison. Die Flüge waren gebucht.
Ich hatte eine leichte Hose und ein T-Shirt für Argentinien eingepackt.
Tristan schien noch weniger dabei zu haben.
"Wir wollen ja nicht bleiben", meinte er.
Vor uns in der Schlange vor dem Check-In-Counter stand eine wunderschöne Frau in einem eleganten hautengen Kostüm. Sie blickte sich nach uns um. Tristan warf sie einen skeptischen Blick zu, aber mich lächelte sie verführerisch an. Hui, was für eine Frau!
Ich war völlig in die Betrachtung ihrer perfekten Beine versunken, während Tristan unsere Flugunterlagen vorzeigte und mich in die Rippen stieß:
"He, Träumer! Wir brauchen deinen Reisepass", maulte er.
Die Plätze am Fenster, die ich reserviert hatte, waren nur auf den Flug nach London gebucht worden, aber nicht von London nach Buenos Aires. Ich grummelte vor mich hin. Immer der gleiche Kampf mit den Flügen. Die Frau war inzwischen leider verschwunden. Ich seufzte tief und verwickelte mich weiter in die Verhandlungen um Nichtraucher, Raucher und andere Plätze.
Schließlich und endlich schafften wir es doch noch in der Wartelounge uns auf eine Sitzreihe zu werfen und ich konnte erkennen, dass sogar Tristan genervt war. Er wirkte eh müde, wie meistens, wenn er seine Kräfte angewandt hatte.
Gegenüber von uns hatte ein Kind Platz genommen. Ein Mädchen um genauer zu sein, vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Tristan, der mit geschlossenen Augen und abweisendem Gesicht neben mir saß, schien einem Gespräch abgeneigt, also lächelte ich das Mädchen mir gegenüber freundlich an.
Sie schien ganz allein zu sein und kam mir vage bekannt vor. Ich fragte mich, was ihre Eltern wohl bewegt haben mochte, sie allein fliegen zu lassen. Ich fand das ziemlich leichtfertig und herzlos, zudem erinnerte das mich an meine eigenen Eltern.
Niemals waren sie wirklich für mich da, aber froh, dass es mich gab, damit sie sich ruhigen Gewissens ihren Affären und Vergnügungen hingeben konnten. Ich war ja geboren, sie brauchten sich nicht mehr miteinander abzugeben. Ich war da, ihre Versicherung für die Zukunft, ihr Beweis, dass sie unsterblich sein würden. Zumindest ihre Gene.
Ein Hauch von Bedauern berührte mich, als ich an meinen Vater zurückdachte, den wir so hilflos und geschlagen zurückgelassen hatten. Er erschien mir plötzlich so seltsam naiv. Wie konnte er nur jemals glauben, dass ich wie eine Maschine funktionieren würde?
Das Mädchen lächelte zögernd zurück, als wüsste sie nicht so recht, ob es erlaubt sei. Oder wie ein Lächeln eigentlich funktionierte.
"Bist du ganz allein hier?", fragte ich sie.
Sie nickte schüchtern und sah mir in die Augen. Sie errötete sofort und sah zu Boden.
"Ja..." hauchte sie. Sie war bestimmt das hübscheste Mädchen, dass ich seit langem gesehen hatte. Gepflegte braune Haare in einem warmen Ton fielen ihr lang auf die Schultern, sie hatte blasse, wie Alabaster wirkende Haut, ganz wie die Gefäße, die in den ägyptischen Gräbern die Organe der Verstorbenen aufnahmen. Und ihre Augen waren erstaunlich schön; ihre Farbe war ein leuchtendes Türkis.
Ich lächelte breiter. "Ich weiß, dass deine Eltern dir sicher gesagt haben, du sollst nicht mit Fremden reden und sie haben vollkommen recht. Aber du sahst so einsam aus..."
"Vater sagt nie so etwas", druckste sie herum. Aus ihr würde eine atemberaubende Schönheit werden... Diese Wimpern, dieses leichte Lächeln. Sie hatte das Zeug dazu.
"Das sollte er aber!", fand ich empört. Sie errötete mehr. Nun, der alte Yannik Charme funktionierte zumindest teilweise noch, wenn auch nicht bei Flughafenpersonal. Ich seufzte und warf einen Blick auf den immer noch erschöpft wirkenden Tris. Sein Gesicht war nun entspannter, aber ich sah deutlich dunkle Schatten unter seinen Augen, als ob er ausgezehrt würde von den Erinnerungen an den heutigen Tag oder von denen an sein Leben. Und von seinen Kräften.
Ich kannte den Preis nicht, den er zahlen musste, aber er war definitiv zu hoch. Manchmal tat mir Tristan mehr leid, als jeder andere auf der Welt. Manchmal wollte ich ihn bloß noch erwürgen. Als ich wieder zum Platz des Mädchens blickte, war sie verschwunden.
Ich seufzte. Also wieder Langeweile.
Neben mir bewegte sich etwas und ich sah mich um. Das Mädchen hatte sich neben mich platziert und strahlte mich entzückt an. Wie war sie dorthin gekommen? War sie nicht vor einer Sekunde noch da drüben gewesen?
"Wie heißt du?", fragte sie.
"Yannik. Aber meine Freunde und du dürfen Yan zu mir sagen."
Das schien sie sehr zu erfreuen. Sie streckte ihre Hand zu mir aus, sehr förmlich. "Und ich heiße Sarah."
Wir schüttelten uns förmlich die Hände und ich brachte ein schiefes Grinsen zustande.
"Du fliegst auch nach London?", erkundigte ich mich und erntete ein zögerndes Nicken.
"Ich reise nur durch", erklärte sie.
Ich lachte. "Wir auch. Komisch, was?"
Sarah betrachtete kurz Tristan. "Dein Freund scheint zu schlafen...", erkannte sie. Das glaubte ich zwar nicht, aber ganz sicher konnte man sich bei Tris nie sein.
"Ich glaube nicht. Aber er ist sicherlich sehr müde", bemerkte ich und sah ein winziges Lächeln auf Tris Lippen spielen. Getroffen. Kandidat von Falkenberg erhält 100 Punkte. Na ja, ich war ja auch einer von den einzigen zwei lebendigen Tristan-Experten auf dieser Welt.
Sarah kicherte, als sie Tristans leichtes Lächeln sah.
"Verzeihung", murmelte sie dann.
Tristan öffnete ein goldenes Auge müde und murmelte: "Schon gut, halt Yan nur davon ab, mich zu stören."
Sie nickte, und in ihrem Gesicht sah ich einen Augenblick lang so etwas wie tiefen Respekt. Als ob sie Tristans Autorität sofort anerkannt hätte. Und ich dachte schon, Tristans wollte mich dazu auffordern, mich ein wenig um das Mädchen zu kümmern. Es schien eher anders herum zu sein. Ich kam mir seltsam vor.
Um ihren Pflichten nachzukommen und mich zu beschäftigen, zeigte Sarah mir, was sie in ihrem Handgepäck hatte: Es waren Zeichnungen in einem kleinen, in Leinen eingebundenen Buch. Wunderbare Zeichnungen. Sie zeugten von unermesslichem Talent und einem wirklichen Künstlerauge. Und obwohl ich von ihrer Kunstfertigkeit beeindruckt war, schockierte mich doch das Hauptthema dieser Bilder - es waren Tote. Ein Mann, der seltsam verrenkt lag, wie von innen aufgedreht. Eine schöne Frau, tot auf einem Bett.
Ich konnte kaum die Bilder ansehen. Wo hatte ein Mädchen ihres Alters solche Grausamkeiten zu Gesicht bekommen? Ich verfluchte ihre Eltern innerlich.
Unter den ganzen Bilder fand ich nur eins, das keinen Toten zeigte.
"Das ist Vater", erklärte Sarah eifrig. Es war ein seltsam verschwommenes Bild, das enorm kindlich gegenüber den anderen Bildern wirkte. Fast wie das einer Dreijährigen.
Der Aufruf für unseren Flug kam und Sarah ergriff meine Hand. Entschlossen sagte sie zu der Stewardess: "Ich sitze neben ihm!" Und das tat sie dann auch.

Als wir starteten, lehnte sich Tristan wieder mit geschlossenen Augen zurück, ein Zeichen für mich, dass ich mich mit meiner neuen Freundin beschäftigen und ihm Ruhe gönnen sollte. Sarah ließ mir auch keine Zeit, mich mit ihm zu unterhalten. Sie schwatzte voller Vertrauen auf mich ein. und erzählte mir von ihrer katholischen Schule. Dass sie dort von Nonnen betreut wurde, bevor ihr Vater sie lieber von der Schule nahm und ihr Privatunterricht erteilen ließ.
Den fand sie aber "super langweilig". Ich seufzte. Was hatte ich mir da nur eingebrockt? Dieses Mädchen schien mich als bestes zu sehen, was ihr auf dieser Reise zugestoßen war.
Als ich seufzte, hielt sie inne. Ihre Augen wurde groß, fragend, eine gewisse Traurigkeit schlich sich hinein.
"Es tut mir leid..." murmelte sie plötzlich, als wir gerade im Steilflug waren.
"Was denn?" fragte ich und schalt mich gleich für diese blöde Frage. Yan, du Idiot.
"Wenn ich dich so nerve, dann sag' es ruhig..." murmelte sie tieftraurig. "Ich bin nur so froh mal jemanden zu haben, der mir zu hört." fuhr sie den Tränen nah fort.
Oh je...Yannik von Falkenberg brachte keine kleinen Mädchen zum Weinen.
"Das tut mir wirklich leid." brummelte ich reuig. Dann lächelte ich sie aufmunternd an. "Erzähl weiter, bitte..."
Sie sah mich erst schüchtern an, bevor ein unbeschreiblich strahlendes Lächeln begann, ihr Gesicht zu erhellen. "Ist schon gut..." hörte ich ihre klare Stimme. "Ich weiß ich kann nerven..." Dann lehnte sie spontan ihren Kopf an meinen Brustkorb, schloss glücklich die Augen und seufzte: "Ich wünschte, dieser Flug würde nie enden."
Ich hatte erwachsene Frauen kennengelernt, die wesentlich weniger direkt waren als sie. Warum warf sie sich so an mich? Sie war doch noch ein Kind.
Warum wirkte sie so seltsam erwachsen, alt und müde, als ich ihr Gesicht studierte. Neben mir rückte sich Tristan etwas bequemer in seinen Sessel. Als ich ihn betrachtete, sah ich, dass er amüsiert lächelte. Er murmelte leiser etwas das wie: "Der berüchtigte Yannik-Charme..." mit einem dicken Grinsen darin klang. Ich grinste selber.
Na ja, wenn es ein kleines Mädchen glücklich machte, warum sollte ich nicht der große, unerreichbare Unbekannte für ein oder zwei Stunden sein? Damit konnte ich besser Leben, als mit abgehackten Köpfen. Sarah schien glücklich zu dösen.
Ich lehnte mich entspannt zurück. Der Flug nach London war nur der Anfang zu einer anstrengenden Reise und vielleicht war das hier auch der erfreulichste Teil.
Die Vorstellung einer Armee übersinnlicher Spinner, die uns alle ans Leder wollten, gegenüber zu stehen, machte mich nicht gerade erwartungsvoller.
Wäre ich doch zu Hause geblieben, dachte ich das x-te mal.
Die Stewardessen hatten die Vorführung der Schwimmwesten beendet und baten nun darum, allmählich die Tische für Tee und Kaffee ausziehen. Ich betrachtete das friedliche Gesicht von Sarah, dann das stille Gesicht von Tristan und beneidete sie. Warum war Tristan nicht so panisch wie ich? Irgendwie hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, irgendwann würde mein Hinterkopf explodieren, so sehr, wie die Gedanken dort immer schneller kreisten. Noch einmal seufzte ich und wartete auf die miese Flugzeugküche.
Doch vor meinen Augen erschien eine Vision...
Die Frau mit dem perfekten Beinen vom Flughafen drängte sich in Richtung Toiletten durch den engen Flur. Ich starrte ihr versonnen nach. Oh man, diese Beine...
Tristan lehnte von seiner bequemen Ecke aus alles an Erfrischungen ab, aber Sarah war Feuer und Flamme für die kleinen extra verpackten Flugzeugsnacks. Also nahm ich einen Kaffee und sah zu, wie Sarah fröhlich unsere beiden Tabletts ratzekahl leer aß. Dann warf ich einen Blick zu Tristan an seinem Fensterplatz und konnte erkennen, dass wir inzwischen bald das Festland verlassen und den Ärmelkanal überqueren würden. Tristan war weiterhin in sich zusammengesunken und wirkte, als ob er wirklich schlafen würde. Aber bei ihm konnte man ja nie wissen.
Die Frau vom Flughafen kam zurück und blieb an unserer Reihe stehen.
Was für einen rassige Frau. Sie hatte mittelange schwarze Haare und eine sehr klassische Figur. Ihr Mund war perfekt geschminkt und zeigte ein kaltes Lächeln. Ich lächelte sie mit dem Charme an, den ich zuvor bei Sarah angewendet hatte. Sie sah an mir vorbei zum Fenster – zu Tristan. Dabei war Ihr Blick bemerkenswert: Er war wie Eis.
"Tristan Tellanvor...!" kam ihre Stimme sanft, aber ebenso eisig, wie ihre Augen waren. Ein goldenes Auge öffnete sich. Tristan drehte sich etwas um. Sein Blick schien befremdet.
Was ging hier vor? Kannte Tris diese Frau? Woher?
Die Frau beugte sich weiter zu ihm vor.
"Seien Sie hier und jetzt bereit zu sterben!"
Ich starrte die schöne, kalte Frau an. Was hatte sie gerade gesagt?
Ich sah mich nach Tris um. Er war aufgestanden und betrachtete sie mit klaren goldenen Augen. Sein Gesicht zeigte keinerlei Emotionen und sein Atem war ruhig. Er wirkte nicht im Geringsten aufgeregt oder geschockt.
"Warum?", fragte er ruhig.
Sarah presste sich ängstlich an mich, dabei starrte sie mit großen Augen die fremde Frau an.
"Wir wollen Sie tot sehen. Nie wieder sollen Sie uns in die Quere kommen."
"Wer sind 'wir'?", fragte Tris kalt. Aber sein seltsamer leerer Blick verriet mir, dass er begonnen hatte, sich durch ihre Schutzwälle zu bohren.
Dem ungeachtet schien sie auf Fragestunden keine Lust zu haben. Eine gewaltige Welle von Energie presste mich und Sarah gegen Tristan. Ich rappelte mich auf, als ich Tris Hand auf meiner Schulter spürte.
'Geh in Deckung!' hieß diese Geste und ich zog Sarah mit runter zwischen die Sitze. Das Mädchen klammerte sich an mich. Ich hörte ihren nervösen Atem und fühlte ihre Angst förmlich.
Ich vernahm eine weitere, weibliche Stimme: "Setzen Sie sich bitte hin!" Eine Anweisung, die wohl von einer Stewardess kam. Die Stimme verklang und ich vernahm einen leisen Schrei, der schriller und schriller wurde.
"Nein!", hörte ich Tristan schreien.
Was ging da vor?
Ich versuchte ein wenig Übersicht zu erlangen, während ich Sarah am Boden hielt. Ich konnte sehen, dass eine der Stewardessen sich den Kopf hielt, während sie aus Nase und Ohren blutete. Tristan war hilflos in die Ecke gedrängt.
Ich erkannte, dass Sarah und ich hier verschwinden mussten, damit er seine Kräfte einsetzen konnte, ohne Angst uns zu gefährden.
Ich schnappte mir Sarah, nahm sie auf den Arm und setzte sie in die Reihe gegenüber, deren Passagiere sich auch schon an die Wand gedrängt hatten.
Hier in der Luft einen Kampf zwischen Tristan und dieser Frau auszutragen war mehr als gefährlich. Ich musste den Piloten dazu bringen, zu landen.
Tristan nickte zu diesem Gedanken und lächelte grimmig, als ob er froh war, dass ich erkannt hatte, was von mir erwartete.
Ich beugte mich zu Sarah.
"Ich versuche den Piloten zu erreichen. Versteck dich gut, okay?" Sie war einsichtiger, als ich es gedacht hätte, denn sie nickte verstört, aber entschlossen.
Ein Welle ergriff mich und schleuderte mich gegen die Wand zur Kombüse. Die Verletzungen vom Kampf mit Gibson kombinierten sich mit den Schmerzen dieses Aufschlags und ich sank in mich zusammen.
Helle bunte Punkte schwirrten vor meinen Augen und alles fühlte sich fern und dumpf an, verschwommen hinter dem pochenden Schmerz. Ich hustete trocken. Mein Brustkorb tat furchtbar weh. Wieder konnte ich nur um Atem ringen.
Wie viele von solchen Kämpfen konnte ich noch durchstehen? Wie oft würde mein Körper noch solche Angriffe einfach abschütteln? Ich fühlte mich beschissen. Vor meinen Augen war zwar alles verschwommen, aber meine Ohren funktionierten noch hervorragend.
Ich hörte Sarah kreischen und die drohende Stimme von Tristans schöner Gegnerin: "Wenn sich noch einer rührt, stirbt er!"
Meinte sie etwa mich damit? Ich versuchte mich allmählich aufzurappeln und zu erkennen, wie die Situation eigentlich aussah. Verschwommen erkannte ich Tristan, der hilflos immer noch in unserer Sitzreihe stand. Dann sah ich die Frau, die auf mich zeigte.
Okay, sie meinte mich. Ich schob mich mühsam an der Wand hinauf, um wieder auf die Beine zu kommen. Es war keine gute Idee, aber ich wollte nicht auf dem Boden kauern. Tristan warf mir einen besorgten Blick zu und ich lächelte mühsam.
"Nun, Tristan Tellanvor. Widerstand ist zwecklos. Wir sind sowieso stärker als Sie. Kommen Sie hierher und sterben Sie in Würde", fuhr sie fort. "Ich, Natascha Linra, habe die Ehre, Ihnen das Leben zu nehmen."
"Tris?!", rief ich ängstlich.
Sterben? Tristan?
Nein, nein, nein! Das durfte nicht wahr sein.
Er konnte doch nicht so einfach hier sein Leben lassen. Das war nicht fair! Er war doch so stark, nun konnte er sich doch nicht einfach dieser Frau ergeben. Das war einfach unmöglich.
"Ich denke darüber nach, ob dies mein Ende bedeutet", hatte er erklärte, klar und emotionslos, gerade erst vor ein paar Tagen.
Hatte er dies hier gemeint?
"Tris...!", rief ich noch einmal, meine Stimme kläglich und rau.
Eine weitere Welle ergriff mich und ich bereitete mich auf weitere Schmerzen vor. Doch die Welle erschlaffte und zerschlug sich. Ich sah zu meinem besten Freund.
Er sah unheimlich aus. Seine Pupillen waren winzig, seine Augen ein helles Gold, das geradezu übernatürlich leuchtete. Sein Gesicht war entspannt, um seine Lippen spielte der Schatten eines grausamen Lächelns.
Ich hörte den frustrierten Schrei Natascha Linras und lenkte meine Aufmerksamkeit auf sie. Ihre Augen hatten ebenfalls ein seltsames Leuchten angenommen.
"Du wagst es!!", krisch sie und ihre Stimme überschlug sich. "Uwaaaah!" gellte es durch das Flugzeug und sogar ich konnte die Macht ihres Angriffs spüren.

Gewaltige Kräfte ließen den Rumpf des Flugzeuges knirschen und krachen. Von Außen wirkten die normalen physikalischen Kräfte der Erde dagegen.
Wie lange kann das gut gehen? schoss es mir durch den Kopf.
Nicht lange, antwortete meine innere Stimme. Und ich war geneigt ihr zu glauben.
Im Inneren des Flugzeuges wurde der Druck immer größer, alle begannen ihn zu spüren und Panik verbreitete sich. Ich konnte sie schmecken und der Geruch von Angstschweiß lag in der Luft.
Mir schwante nichts Gutes, als ich meinen Blick über die Reihen der Leute schweifen ließ.
Tristan stand noch immer seltsam unbeteiligt in der Sitzreihe, als ob ihn das alles nicht viel anging. Natascha Linra sah konzentriert und entschlossen aus. Ich drehte mich vorsichtig um, nun würde sie es wohl kaum noch interessieren, wenn ich in das Cockpit verschwinden würde.
Ich drängelte mich vorsichtig an den schreckerstarrten Stewardessen vorbei und betrat das Cockpit. Die Piloten waren in heller Panik.
"Sie müssen landen!", rief ich befehlend, "Das Flugzeug könnte sonst abstürzen."
Dann erkannte ich, dass die Piloten an ihren Instrumenten herumzerrten und schon alles versuchten, um die Maschine zu landen.
"Wir versuchen es!", schrieen beide durcheinander. "Aber die Maschine gehorcht uns nicht."
Ich fühlte, wie ich langsam in die Knie sank. Oh, Scheiße! Doch ich riss mich zusammen und stürmte zurück in die Passagierkabine.
"Tristan!", rief ich, so laut ich konnte "Tu etwas!"
Unerwartet sackte der Boden unter meinem rechten Bein einfach weg. Die Maschine taumelte nach rechts. Mit ihr zusammen taumelten ich und die Hälfte aller Passagiere auf die rechte Seite. Alle lagen ineinander gequetscht, Körper auf Körper getürmt. Panik- und Angstschreie erfüllten meine Ohren. Mit wachsender Geschwindigkeit raste die Maschine in Richtung Erde. Ich suchte nach Tristan, während ich selbst unter vielen Körpern begraben war.
Dann gewann die Maschine wieder an Stabilität und ich sah, dass Tristan sicher stand und immer noch sehr ruhig wirkte. In diesem Moment wünschte ich mir seine Kräfte. Ich wollte sie. Ich brauchte sie.
Wenn er es schon nicht tat, irgendeiner musste doch diese Leute retten.
Ich hörte leise Schmerzenslaute und fühlte die Leute um mich herum sich bewegen. Ich drängelte mich heraus.
Sarah! erinnerte ich mich. Oh je, die Kleine war ja ganz allein.
Ich krabbelte und tauchte zu ihr, die immer noch ganz allein in unserer Sitzreihe zusammengekrümelt hockte und nahm sie in den Arm.
"Keine Angst." flüsterte ich, selber zitternd. Sie presste sich an mich.
Dann sah ich hoch zu Tristan.
Er wandte mir seinen kalten Blick zu und ich erschauerte. Einen Moment malte ich mir aus, wie er mein Gehirn schmelzen und es aus den Ohren herausfließen würde.
Doch seine Pupillen weiteten sich ruckartig und ich zuckte zurück.
"Tris...?", flüsterte ich kaum hörbar.
"Ich kann diese Maschine nur in der Luft halten. Da sind noch mehr als sie. Sie versuchen gemeinsam mich in die Knie zu zwingen... Sie müssen landen, hast du gehört?" Seine Stimme war voller Anstrengung und getrieben von Eile.
"Es geht nicht!", erwiderte ich "Sie können nicht landen."
Sarah sah mich mit großen Augen an. "Was?!", flüsterte sie mit eisigem Entsetzten, dass mich ebenfalls gefrieren ließ. Ich nickte stumm und Tristan wirkte auf einmal unendlich einsam.
"Tris...?" Ich hatte Angst um ihn.
Ein gewaltiges Knirschen von Metall riss mich aus dem Gedanken.

Kreischen erfüllte das Flugzeug, von irgendwo vernahm ich gemurmelte "Ave Marias" in verschiedenen Sprachen. Ich war beinahe versucht, ebenfalls zu beten, auch wenn ich mehr als überzeugt davon war, dass es keinen Gott geben konnte.
Wenn ja, wieso ließ er solche Katastrophen immer wieder zu?
Wieso ließ er zu, dass Menschen wie Tristan geboren wurden, mit gewaltigen Kräften, die sie zu jedem Zweck einsetzen konnten?
Wo war er?
Mit Sicherheit nicht hier oder sonst irgendwo auf diesem Planeten.
Vielleicht war er einfach abgehauen? Ich hätte es auch nicht anders gemacht.

Das Knirschen schien Tristan auch zu beunruhigen. Er sah sich um, seine Augen in diesem hellen Goldton, der sehr bedrohlich auf mich wirkte.
"Hast du etwa Angst, Tristan Tellanvor?", kam die samtige Stimme von Natascha, auch wenn sie sehr angestrengt klang.
Tristan nickte, sehr zu meiner Überraschung.
"Um all die Menschen hier", sagte er, dabei klang seine Stimme gar nicht ängstlich. Ich versuchte auf die Beine zu kommen, dabei ließ ich meine Hand auf Sarahs Schulter; sie erhob sich ebenfalls.
Ich trat hinter Tristan, betrachtete das Chaos rundherum.
Die Menschen, die in kleinen Grüppchen zusammengedrängt auf dem Boden hockten, Blutspuren, Gepäck, das aus den Gepäckfächern gefallen war.
Nur Chaos und Leid.
Sarah klammerte sich an mich, und ich fühlte wie sich ihr Griff verstärkte, als Nataschas Stimme erneut erklang. Ihrer Stimme nach zu urteilen, machte ihr Tristans Gegenwehr ganz schön zu schaffen. "Die Menschen? Diese unterentwickelten Schwächlinge?! Du bringst mich zum Lachen!"
Ihre Stimme klang aber wirklich nicht so.
Ein metallisches Dröhnen und ein ohrenbetäubendes Kreischen ließ mich aus einer Luke sehen.
Ein Fehler.
Ich gerade noch konnte sehen, wie ein Flügel durch die Wolken davon segelte.
Kerosin tröpfelte aus den Resten des Tanks.
Das Flugzeug würde explodieren.
"Yan!" hörte ich ein dringliches Flüstern. Ich sah Tristan an, dann nickte ich und rückte näher zu ihm, Sarah blieb nah bei mir.
"Yan, du musst irgendwie versuchen, sie mit körperlicher Gewalt zu überrumpeln. Ich kann sie nicht ausschalten, nur in Schach halten."
Sarah flüsterte: "Ich werde sie ablenken."
Ich sah Sarah an und sie strahlte zu mir hoch. "Vertraut mir!" Sie lächelte mehr als bezaubernd.
Was für eine Schönheit sie werden würde...
Also ließ sie mich los und etwas unsicher begann sie sich auch Natascha zu bewegen.
Die hatte die ganze Zeit beobachtet, wie Tris und ich getuschelt hatten und ahnte wohl, dass wir etwas vorhatten. Sie wirkte sehr nervös. Sarah schien ihr auch nicht geheuer, denn sie hob eine Hand in einer abwehrenden Geste und schrie: "Bleib wo du bist, Kleine!"
Sarah begann, offensichtlich hysterisch, zu weinen und lauthals nach ihrer Mami und ihrem Papa zu rufen. Das brachte Natascha wieder aus dem Konzept.
Ich hatte also die Gelegenheit, mich auf den Boden geduckt über Menschen zu schleichen.
Sarah machte weiter mit ihrer Show und begann nun Natascha auch noch zu beschimpfen.
"Was sind Sie bloß für eine Hexe? Was haben Sie den Leuten angetan? Ich hasse Sie!" krisch sie mit hoher Stimme, so dass Natascha keine Zeit hatte, mich zu beachten.
Überall umgaben mich Gesichter, erfüllt mit Panik und Todesangst. Aber ich hatte keine Zeit, ihnen Mut zu machen.
Ich fand einen Rucksack, aus dem eine Alu-Trinkflasche herausragte. Ich nahm sie in die Hand. Sie war mit irgend etwas gefüllt. Okay, die würde mich von nun an begleiten.
Ich konnte nicht mehr verstehen, was Sarah da von sich gab, aber es klang sehr überzeugend.
Dann schlängelte ich mich hinter Natascha.
Mein gesamter Körper tat dabei weh, was ich einfach ignorierte.
Ich schoss hoch, mit einer Schnelligkeit, die ich meinem Karate-Unterricht verdankte und schlug Natascha von hinten die Flasche über den Kopf.
Ich hörte viele Schreie und fing die Gestalt auf, die nun in sich zusammensackte.
Sarah war plötzlich bei mir und rief: "Du hast es geschafft!" aber meine Augen sahen nur eines:
Tristan.
Er taumelte, als ob er plötzlich losgelassen wäre.
Dann konzentrierte er sich erneut und konzentrierte seine Kraft.
"Tris..." rief ich und hörte Angst um ihn in meiner Stimme.
"Kümmere dich um die Leute!" rief er und ich verstand.
Er würde das Flugzeug landen.
Tris... Tris!
Es war nicht die Zeit darüber nachzudenken.
"Meine Damen und Herren...bitte nehmen Sie eine sitzende Position ein. Schnallen Sie sich an. Helfen Sie den Verletzten in die Sitze!", rief ich.
Nicht geschah, weiteres Gewimmer und ich fühlte, wie die Maschine begann zu sinken.
Tristan konnte sie nicht ewig in der Luft halten.
"Jetzt sofort!", schrie ich energisch und das verfehlte seine Wirkung nicht.
In gespenstischer Stille nahmen die Passagiere irgendwelche Sitze ein und schnallten sich an.
Gespenstische Stille?
Da fiel mir auf, dass auch sie Triebwerke des anderen Flügels keinerlei Geräusche mehr von sich gaben. Sie waren aus.
Entsetzen erfasste mich und ließ mich taumeln.
Alles was uns hier in der Luft hielt, stand dort: ein Mann, schmächtig, fast dürr, in dem gewaltige Kräfte schlummerten. Noch nie hatte ich sie so vor Augen geführt bekommen, wie in diesem Zeitpunkt.
Nicht darüber nachdenken, ermahnte ich mich wieder und flüsterte Sarah zu: "Setz dich auch."
Dann wandte ich mich an die Stewardessen. "Sie auch!"
Eine schien geistesgegenwärtig genug und rief den Passagieren zu: "Die Köpfe nach vorne zwischen die Knie und die Hände über die Köpfe!" Anschließend setzten sie sich auch, schließlich trat ich zu Tris.
"Jetzt du", murmelte ich ihm zu.
"Ich... es geht nicht...", würgte Tristan hervor, seine Muskeln angespannt bis zum zerreißen. "Ich kann das Flugzeug sonst nicht fühlen."
"Tristan, du kannst nicht stehen bleiben. Du wirst..."
Er gab mir einen Stoß und ich landete in einem Sitz und bevor ich mich versah, war ich auch schon angeschnallt und das Flugzeug begann nun schneller zu sinken.
Eher schon: zu fallen.
Erneutes Kreischen, Fluchen und weitere Gebete erfüllten das Flugzeug, Neben dem unheimlichen Zischen der Luft, die einzigen Geräusche. Es war geradezu gespenstisch.
Meine Finger gruben sich immer tiefer in die Armlehnen, als sich die Nase der Maschine immer mehr in Richtung Boden absenkte.
Die Titanic der Lüfte, schoss es durch meinen Kopf und ich wandte meinen Kopf Sarah zu.
Für sie versuchte ich ein Lächeln und griff ihre Hand. Ihre Fingernägel drückten sich schmerzhaft in meine Handinnenflächen. Ich schluckte. Eine seltsame Ruhe durchflutet mich auf einmal.
Vielleicht war ja nun alles vorbei?
Mein Leben...Tris Leben...das aller Menschen hier...
Komisch...es beruhigte mich, dass Tris hier mit mir zusammen diesen letzten Weg gehen würde.
Wer würde sonst auf ihn aufpassen? Und allein konnte man ihn ja auch nicht auf die Menschheit loslassen...
Wolken umgaben das Flugzeug mit einem Mal, als ob wir in Watte gewickelt worden wären.
Als sie sich lichteten, driftete das Flugzeug ein wenig im Wind, als wäre es nur ein Blatt. Immer noch wagte es keiner etwas zu sagen.
Als ob alle diese Minuten zwischen Himmel und Erde, zwischen Tod und überleben, nicht ruinieren wollten, sondern in sich gingen und ihr Leben überdachten.
Es herrschte Besinnlichkeit im perversesten Sinne. Die Zeit schien sich zu dehnen und doch zu rasen. Vieles fiel mir ein...

Meine erste Erinnerung an meine Mutter...den Rücken zu mir gewandt. Wie sie ging und mich in den Armen einer Amme ließ. Ihr schönes kaltes Gesicht. Ihre eleganten kalten Finger. Ihr marmornes Selbst.

Das tote, erhängte Mädchen in unserer Schule.

Eine Badewanne voller Blut.

Mein erster Sex...mein letzter Sex...

Das Mädchen neben mir, noch so jung.

Das Taumeln des Flugzeuges ließ nach, dafür nahm die Geschwindigkeit wieder zu. Wir rasten wieder dem Boden entgegen.
Tris hielt sich an den Lehnen der Sitze fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Er würde sterben, wenn das Flugzeug aufkam... Der Ruck würde ihn gegen die Kabinenwand schleudern und selbst seine Kräfte waren dabei nutzlos.
"Tris...", die Stimme aus meinem Hals klang wie ein Schluchzen.
"Ich kann den Boden sehen!!", zerriss eine schrille Stimme die Stille.
Oh nein.
Ich begann am Verschluss meines Gurtes zu fummeln - das Ding musste doch aufzubekommen sein. Wenn hier schon gestorben wurde, dann wenigstens wir beide.
Wie könnte ich je leben, wenn ich nicht wenigstens versucht hätte sein Leben zu retten?
"Du bleibst hier, ich versuche Tris zu helfen", flüsterte ich Sarah zu und sie lächelte mich an.
"Das habe ich erwartet."
Ich schnallte mich los, dabei verfolgte mich Sarahs Blick. Ich hielt mich an den Sitzen fest und wunderte mich, wie Tristan es schaffte, zu stehen. Der Boden schien ständig unter meinen Füßen wegzusacken.

Das Flugzeug glitt lautlos über dem Boden dahin, die Nase nun ein wenig angehoben. Tristan war völlig konzentriert und bemerkte mich nicht.
Nun ging ein Raunen durch die Reihen, dann begannen vereinzelte Schreie. Das Flugzeug senkte sich weiter langsam, vorsichtig, soweit schien Tristan alles gut in der Hand zu haben.
Der Bodenkontakt war der entscheidende Augenblick...
Ich wusste, es war jede Sekunde soweit, streckte meine Hand nach Tristan aus und ergriff seinen Pullover. Er bemerkte es nicht.
Dann ging alles blitzschnell.
Ich spürte einen enormen Abfall der Höhe und schoss nach vorn, riss Tristan zu Boden und zog ihn an mich.
Dann wurden wir beide von einem enormen Stoß nach vorne an die Kabinenwand geschleudert.
Das Flugzeug holperte und torkelte...wie ein bockiges Pferd. Tristan hatte sogar das Fahrwerk ausgefahren.
Ich sah ihn an, noch einmal sah ich unmenschliche Anstrengung in seinem Gesicht, dann stand das Flugzeug still.
Klagen und Weinen begann. Es kümmerte mich nicht, denn ich sah den Mann in meinen Armen an, der mich mit warmen goldenen Augen betrachtete. Nichts Übernatürliches leuchtete darin und aus seinem Mundwinkel lief Blut.
Es hatte uns beide ziemlich erwischt.
Ein seltsames Lächeln spielte um seine Lippen, schwach striff er mit seiner Hand meine Wange. "...Yan..." hauchte er.
"Idiot..." krächzte ich heiser. "Idiot, Idiot, Idiot!" wiederholte ich.
Schwach nahm ich von Außen Sirenen wahr.
"Sie kommen, ich habe sie erreicht", stellte er fest und schien ziemlich zufrieden. Dann lief mehr Blut aus seinem Mund und seine Augen kippten weg.
"Tris!", rief ich. "Tris?!"
Mühsam setzte ich mich auf. Danach schüttelte ich ihn. "Tris, wach auf! Du Idiot, wach auf!"
Dieses Blut, sein Blut...
Die Türen wurden von Außen geöffnet und viele Feuerwehrmänner, Ärzte und andere Leute, die ich nicht identifizieren konnte, strömten herein. Ich spürte plötzlich ein paar Arme um meinen Hals.
"Ich bin froh, dass du lebst", hörte ich Sarah schluchzen und ich lehnte mich gegen sie.
Dann wurde alles schwarz.
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