Es ist Weihnachten, keine Angst - Teil 1
"Wir haben Weihnachtsferien!" rief einer, als die Schulglocke endlich den letzten Schultag des Jahres beendete.
Ich konnte ihm nur beipflichten.
Endlich Weihnachtsferien.
Meine Eltern hatten versprochen, sie würden Heiligabend zu Hause sein.
Also waren wir nach all der Zeit endlich mal wieder als Familie vereinigt, einen Baum hatten wir auch, der würde am 24. morgens geschmückt werden.
Die riesige Edeltanne stand in unserem Salon und war um die 3 Meter hoch.
Nun, Geschenke würde ich sicherlich auch bekommen, aber eigentlich freute ich mich am meisten darüber, einmal abends nicht alleine sein zu müssen in dem riesigen, toten Anwesen, dem es nach meiner Seele gelüstete.
Und das sich immer mehr zu einem goldenen Gefängnis entwickelte.
"Gehen wir nach Hause?", fragte Tristan in seiner leisen, freundlichen Art.
Es war saukalt draußen, Tristan hatte sich dick eingepackt und nur seine bernsteinfarbenen Augen leuchteten über dem dicken Schal hervor. Sie wirkten heller als sonst, ein leuchtendes Gold. Vielleicht freute auch er sich auf Weihnachten, weil seine Großeltern kommen würden...
"Sicher." grinste ich und schnappte meine Schultasche und meine dicke Jacken, den Schal und die Handschuhe. Geduldig wartete Tristan bis ich mich eingemummelt hatte.
Draußen war es gar nicht hell geworden...
Die Sonne schien ihren Jahresurlaub zu nehmen und solange einen grauen Vorhang über ihren Arbeitsplatz zu hängen.
Aber in diesen Tagen war es nicht so schlimm.
In den Fenstern standen Kerzen, elektrische sowie auch echte.
Kitschiger Weihnachtsschmuck und Lichterketten zierten die Tannen in den Vorgärten.
Doch schien das alles die graue Atmosphäre aufzuheitern
"Deine Eltern kommen doch über die Feiertage, ich glaube, dann besuche ich dich lieber nicht." sagte Tristan, während ein eisiger Wind unsere Nasen zum Laufen brachte.
"Hmm, sie wollen nur bis zum 28. bleiben. Silvester müssen sie irgendwohin", erwiderte ich, ein wenig ernüchtert.
Tristan nickte nachdenklich.
"Kommst du Silvester zu uns?", fragte er dann. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus.
"Klaro."
Wenigstens nicht allein über die Feiertage. Gleich schien die Weihnachtsstimmung zurückzukehren.
Meistens redeten wir nicht sehr viel auf dem Weg nach Hause.
Jeder von uns hing seinen Gedanken nach und war nur froh, dass der andere da war.
"Wir machen Pizza und Isis wird Feuerwerk besorgen", schniefte Tristan.
"Dann gebe ich dem Personal frei", nickte ich.
Warum sollten sie den letzten Tag des Jahres verschwenden, in einem Haus, das leer stand? Ich freute mich ihnen das sagen zu können. Tristan kicherte plötzlich neben mir los.
"Was denn?", fragte ich verwundert.
"Du klingst, wie ein Großgrundbesitzer. 'Ich gebe meinem Personal großzügigerweise frei...'", imitierte er mich und lachte.
Ich grinste ein wenig schief. Sicher... Ich hatte ein leichteres Leben als die meisten anderen. Alles wurde für mich getan und erledigt, auch wenn ich es gar nicht gut fand, sondern einmal eine Sache selbst in die Hand nehmen wollte. Der Reichtum meines Vaters machte allen Angst.
Nur Tristan wagte es, mich damit aufzuziehen.
Ich knuffte ihn in die Schulter.
Doch sein Kichern wurde nur leiser, es verstummte nicht.
"Hör auf!", rief ich, halb selber lachend.
"Fehlen nur noch die hübschen Sklavenmädchen..." kicherte Tristan und ich grummelte etwas in der Art von "Wenigstens wären die nett zu mir..."
"Aber über mich hast du keine Gewalt!", rief er dann rebellisch und lief spielerisch ein wenig voraus.
Ich rannte hinterher und holte ihn leicht ein.
"Soll ich dir mal zeigen, was ein Großgrundbesitzer mit dir machen kann?", rief ich herausfordernd. Wir hatten schon lange nicht mehr gerungen, es war mal wieder Zeit unsere pubertären Kräfte zu messen.
Aber Tristan war stehen geblieben und starrte durch ein Fenster in ein Wohnzimmer, wo ein Mann mit einer Halbglatze, auf einer Leiter stehend, Bilder von der Wand nahm.
"Was ist?", fragte ich, verwirrt über seinen plötzlich schmerzlichen Gesichtsausdruck.
"Seine Frau hat sich und ihre Kinder getötet. Er entfernt gerade alle Erinnerungen aus seinem Leben. Als hätten sie nie existiert."
Ich erstarrte.
"Wie schrecklich...", murmelte ich, betroffen. Meine Güte, wie furchtbar, zu grausam, um es in Worte zu fassen.
"Und das zu Weihnachten..." flüsterte ich.
"Es war seine Schuld," hauchte Tristan, entfernt von mir, in einer anderen Welt, hellhöriger und weitsichtiger als diese. "Er ließ ihr keine Wahl. Vergewaltigte die Kinder. Und sie. Keiner half ihnen."
Tristan schlug die Augen nieder.
"Auch ich nicht..." brach es aus ihm hervor. In seinen Augen standen Angst und Hoffnungslosigkeit, die gleichen mächtigen Gefühle, die diese Frau empfunden haben musste.
"Du kannst nichts dafür...", flüsterte ich.
Es war nicht seine Schuld. Er war noch nicht mal 14 Jahre alt, wie sollte er da anderen helfen?
Doch Tristan war in dieser anderen Welt gefangen, die verschlossen für mich war. Unerreichbar. Fremd, voller seltsamer beunruhigender Visionen.
"Er kann aber seine Erinnerungen niemals auslöschen, so sehr er sich auch bemüht. Niemals. Und sie werden ihn für immer verfolgen..." sagte mein Freund tonlos. "Das ist seine Strafe. Es wird schlimmer werden, wenn er altert. Seine Hände werden sich leerer anfühlen und es wird ihm bewusst sein, dass er seine Unsterblichkeit getötet hat."
"Gehen wir besser", beschloss ich für uns beide und zog ihn an seinem Rucksack mit. Bei diesen Reden, wurde mir innerlich ebenso kalt wie es mir äußerlich schon war.
Also, zuerst zu ihm, damit er auch da ankam und nicht in seiner Welt verloren ging.
Als wir vor der Tür standen, zog ich meinen Schlüssel zu Isis Wohnung heraus, schloss auf und zerrte den apathischen Jungen einfach mit hinein.
"Hallo!", rief ich in die Wohnung.
"Hallo Yannik!", hörte ich Isis erfreut antworten. Die schöne Frau mit den tollen blonden Locken kam zu uns in den Flur.
"Was ist mit Tristan?", erkundigte sie sich und grinste, weil ich Tristan noch immer am Rucksack festhielt, damit er nicht irgend etwas anstellte. Oder einfach draußen in der Kälte stehen blieb bis zum Heiligen Abend. Ahnungslos hob ich die Schultern und sie lächelte mich zärtlich an.
Man, was für eine Frau.
"Ich mache dir und Tris eine schöne Tasse heißen Kakao, okay?"
Ich nickte eifrig. Dazu gab es selbstgebackene Kekse und der Kakao enthielt einen Hauch Zimt.
Das waren genau die richtigen Köstlichkeiten für einen durchgefrorenen Teenager, der nun endlich Winterferien hatte.
Während ich mich aus meinen Schuhen pellte und Isis Tristan ebenfalls dabei half, da er immer noch weit weg war, roch ich schon den leichten Duft von Zimt und Tannennadeln.
Ein wohliges Gefühl schlich sich ein und wärmte mich schon vor dem Kakao, vertrieb das kalte Grauen, das mich vorher begleitet hatte, aus meinen Gedanken.
Den Kakao in beiden Händen halten, saß ich am Küchentisch und berichtete Isis kurz, was wir gesehen hatten, außerdem was Tristan dazu gesagt hatte.
Isis schien nachdenklich.
"Tris hat recht. Die Erinnerungen dieses Mannes, werden für immer von denen an seine verlorenen Kinder heimgesucht werden. Und wenn er alt wird, dann wird er merken ,dass sie nie wieder da sein können. Kinder sind die Unsterblichkeit der Menschen, weil in ihnen die DNA der Eltern weiterlebt. Vielleicht werden die Kinder auch zu Geistern, wenn er zu sehr mit diesen Erinnerungen hadert. So ist es manchmal. Personen werden zu Geistern, weil sie nicht losgelassen werden, oder nicht loslassen können."
Isis hatte noch nie mit mir wie mit einem Kind geredet. Sie erklärte alles bereitwillig und auch wenn es für viele wie spinnerter Unsinn klang. Ich versuchte immer, sie zu verstehen.
Ich schwieg.
"Mir tun die Kinder leid..." murmelte ich, während ich in meine Tasse starrte.
"Ich weiß..." lächelte sie warm und gab mir einen Kuss auf die Stirn. "Aber manchmal können Menschen nicht anders, als den zu verletzen, der sie verletzt hat. Auch wenn auf Kosten derer ist, die sie lieben. So ging es wahrscheinlich der Mutter."
Sie schloss mich kurz in ihre warmen Arme und ich nickte mühsam, wobei ich versuchte, ihre Worte zu verstehen.
"Tristan hat all das gefühlt." murmelte ich und sie nickte. Dann ging sie zu ihrem Sohn.
"Mein Kleiner..." murmelte sie zärtlich.
Tristan lehnte sich gegen sie.
"Warum?" flüsterte er hart.
Aber sie konnte ihm auf seine Frage nicht antworten.
"Ich muss gehen, meine Eltern kommen heute Abend an", entschuldigte ich mich nach dem Kakao bei Isis, die nur freundlich und ein wenig traurig nickte.
"Ich wünsche Euch ein schönes Weihnachtsfest." sagte sie. Dann fiel ihr etwas ein.
"Oh, warte kurz!" Sie verschwand und ich blieb mit Tris allein in der Küche.
"Sie holt deine Geschenke." Tristan stand auf und schaute vorsichtig um die Ecke. Ich hörte Isis irgendwo kramen.
"Sie hat es geschafft, die Geschenke dieses Mal sogar vor mir geheim zu halten", erklärte Tris mit einigem Stolz, denn das war wirklich eine Kunst. "Freust du dich auf deine Eltern?", fragte er dann vorsichtig.
Warum sah er nicht einfach in mir nach?
"Ich freue mich", stelle ich fast trocken fest, als ob ich das für mich selbst erst Mal klarstellen müsste.
"Verstehe...", schnaubte Tristan und schien meine Gedanken doch zu lesen. Er begann in einer Schublade zu kramen, anschließend drehte er sich wieder zu mir um, dabei lächelte er entwaffnend.
"Dann wünsche ich dir fröhliche Weihnachten, Yan."
Er gab mir ein kleines Geschenk, eingepackt in schwarzes Papier mit einem roten Seidenband umschlungen. Es sah gefährlich aus.
Während ich es noch betrachtete, kam Isis herein und gab mir ein größeres Geschenk.
"Aber erst morgen Abend öffnen..." warnte sie amüsiert und ich nickte.
Irgendwie schämte ich mich, ich hatte gar nichts für die beiden besorgt. Dennoch zog ich, mit dem beiden Geschenken sicher verstaut in meinem Rucksack, meine dicken Wintersachen und meine Schuhe wieder an und verließ die beiden, die mir sofort fehlten, während ich die beginnende Dunkelheit hinauslief.
Auf meinem Weg musste ich an dem Haus mit dem Mann, der seine Bilder abgehangen hatte, vorbei.
Ich ging automatisch auf die andere Straßenseite, um das Haus zu meiden. Aber umsonst, denn der Mann starrte mich an, direkt mich, während er aus dem Fenster auf die Welt stierte.
Eine Gänsehaut überlief mich bis zu den Zehenspitzen und ich lief eilig davon.
In der nächsten Telefonzelle rief ich daheim an und eine Limousine holte mich ab. Als ich schließlich in dem warmen Wagen saß, fühlte ich mich wesentlich sicherer, auch wenn ich normalerweise auf solche "reiche Sohn" Privilegien mit Freuden verzichtete.
Als ich zu Hause ankam, begrüßte mich David, unser Butler.
"Master Falkenberg. Ihre Eltern sind noch nicht eingetroffen. Ihr Vater kommt in einer Stunde, aber Ihre Mutter trifft erst in der Nacht ein."
Was hatte ich auch erwartet? Lange hatte ich schon die Vorstellung aufgegeben, ich würde eines Tages nach Hause kommen und dort mit offenen Armen von meinen Erzeugern begrüßt werden.
Ein wenig deprimiert in kehrte ich in meine Zimmer zurück, dabei dachte ich an Tristans Neckerei.
Großgrundbesitzer?
Als ich meine sterilen Räume betrat und mich auf mein, von irgend jemandem gemachtes, Bett warf, wurde es mir klar, dass ich so ich mein Leben nicht verbringen konnte. Egal wie, aber nicht so.
Lieber ein Bettler am Straßenrand oder...
Mein Vater unterbrach mich in meinen Überlegungen.
"Sohn?"
Ich schreckte auf.
"Vater?"
"Komm mal her, Sohn."
Ich folgte meinem alten Herrn und er führte mich in die Bibliothek.
Er setzte sich.
In seinem perfekten Anzug, mit seinen geschmeidigen Bewegungen machte er mir Angst, wie eine Raubkatze, die mich anlauerte, mich zu verschlingen drohte. Auch die hohen Regale erdrückten mich förmlich mit ihrer geballten Ladung an Ernsthaftigkeit.
Ich dachte an die Frau, die ihre Kinder und sich getötet hatte.
Ob sie sich auch so gefangen gefühlt hatte?
Ja, ich wollte ihn verletzen, wachrütteln.
Seine Liebe für mich herausholen, mit allem was in mir war. Wenn es in seinem dunklen Herzen so etwas wie Liebe zu mir gab.
Musste ich erst sterben, bevor er sie mir zeigen konnte?
"Sohn, ich weiß, dass du allmählich in das Alter kommst, in dem du dir über deine Zukunft Gedanken machst."
Ich schluckte und setzte mich betäubt auf einen der Lederstühle in der Bibliothek.
"In dir liegt die Zukunft meiner Firma." fuhr er in seiner ruhigen, aber eindringlichen Art fort. "Ich habe einen Studienplatz für dich in Harvard in Aussicht. Vorausgesetzt deine Leistungen bleiben so."
Hast Du eine Ahnung...meine Leistungen kommen von Tristan dachte ich, während ich ihn weiter brav in die Augen sah. Seine schlauen, kalten Augen, in denen es keine Wärme gab für mich.
Ohne Vorwarnung bewegte er sich rasch zu mir und nahm mein Kinn in einen harten Griff.
"Du bist zu weich, Yannik. Du musst härter werden. Man könnte dich glatt für einen Weichling halten! Hängst immer mit diesem Tristan rum, wie eine Schwuchtel."
Ich spürte, wie seine Finger sich in mein schmerzhaft Kinn bohrten.
"Wenn ich deine Augen schon sehe. Groß, voller Mitleid. Das ist vorbei. Du musst das ablegen, Yannik. Verstehst du, was ich sage?"
Sein Griff wurde fester mit jedem seiner Worte. Das würde blaue Flecken geben.
Ich wollte ihm aber nicht das Gefühl geben, dass ich unterlegen und schwach war.
"Ich verstehe." presste ich hart und ein wenig ungehalten hervor.
Wer glaubte er denn, wer er war? War niemals zu Hause und nun wollte er mir Befehlen geben? Meine Zukunft entscheiden? Meine Gegenwart interessierte ihn doch auch nicht.
Ungeahnt ließ er mein wieder Kinn los und sah mich seltsam traurig an.
Wenn er mich bloß lieben würde, wünschte ich plötzlich. War ich denn nichts wert als der, der ich nun mal war? Nichts wert als Yan?
Nur etwas wert als Yannik von Falkenberg, Firmenpräsident?
Ich schluckte und leckte nervös meine Lippen.
Die Fingerabdrücke an meinem Kinn pochten, der Knochen schmerzte.
Das erste Mal in meinem Leben dachte ich Arschloch im Zusammenhang mit meinem Vater. Und ich hasste ihn dafür, dass er mich nicht lieben konnte.
"Kann ich mich jetzt zurückziehen, Vater?" fragte ich leise und kalt.
Er nickte nur zackig und knapp.
Und ich floh, als ob es um mein Leben ginge, sobald ich außer seiner Sichtweite war.
Wieder schmiss ich mich auf mein Bett und schlug die Kissen mit meinen Fäusten. In meinem Kopf sah ich den das Gesicht meines Vaters sich in eine blutige Masse verwandeln.
Aber es war nur das Kissen.
Wieder wurde ich an die Frau und ihre Kinder erinnert, die sich getötet hatte.
Vielleicht hatte sie wirklich nicht ihre Kinder töten wollen?
Vielleicht hatte sie ihre Kinder nur nicht zurücklassen wollen bei einem solchen Ungeheuer? Einem solchen Monster, wie es auch mein Vater war.
Gegen ihn wollte ich siegen. Ich wollte nicht, dass ich das wurde was er war.
Ich wollte ihm nicht unterliegen.
Niemals...
Die armen Kinder....
Ich legte mich wieder auf den Rücken, die leere Decke füllte sich für mich mit Bildern.
Die armen Kinder.
Ob sie wohl geweint hatten?
Was sie wohl gedacht hatten, verraten von der Frau, die ihre Mutter war...?
Ob sie das Leben hatten gehen lassen?
Wollten sie bleiben?
Ich fragte mich, ob ich bleiben wollte, falls ich nun mit dem Tod konfrontiert wäre.
Ja!
Ich wollte bleiben, auch wenn ich manchmal keinen Grund sah, warum ich das wollte.
Ich kringelte mich in meinem Bett zusammen und schlief voll bekleidet ein.
"Guten Morgen!" weckte mich eine wohlmodulierte Stimme, die nur meiner Mutter gehören konnte.
Ich schlug unwillig die Augen auf und wünschte sie zurück nach....
Nach wo auch immer sie gerade hergekommen war.
Ihre übersteuerte, gekünstelt fröhliche Stimme, raubte mir den letzen Nerv.
Ich vergrub mich tief in mein Kissen, als das Zimmermädchen, das sie im Schlepptau hatte, das Licht anmachte.
"Schatz, es ist Zeit aufzustehen. Geh dich duschen." rief sie und ich dachte, gleich würde ich ihr mit dem Kissen das Maul stopfen, als sich ihre spitzen Fingernägel in meine Schulter bohrten.
Ich fuhr herum.
"Steh auf, mein Schatz. Es gibt viel zu tun. Und, Yannik..."
Bevor noch weitere tolle Befehle wie: Vergiss aber nicht, deine Zähne zu putzen! auf mich niederprasseln konnten, rappelte mich auf und sofort begann das Zimmermädchen mein Kissen aufzuschütteln.
Also verließ ich lieber mein Bett und wankte zu meinem Bad.
"Es gehört sich nicht, angezogen zu schlafen", beendete meine Mutter ihre Predigt und rauschte hinaus.
Das musste ja noch kommen.
Im Bad betrachtete ich mich im Spiegel. Nichts besonderes, ein wenig zerknittert, vielleicht.
Ich stand unter der Dusche und versuchte die Müdigkeit aus mir heraus zu schrubben. Langsam kam ich zu mir, aber als ich wieder aus dem Bad kam, nur in ein Handtuch gewickelt, erstarrte ich.
Verschiedene Leute sahen mich erwartungsvoll an.
Vor ihnen stand die perfekte und elegante Gestalt meiner Mutter, eine kühle Huldigung an die Schönheit.
Ich wurde knallrot.
"Das hier, mein Schatz, sind die Leute, die sich nach dem Frühstück um dich kümmern werden.
Ich möchte nicht, dass du heute Abend vor den Gästen unrepräsentabel aussiehst."
Sie deutete auf die Leute und erklärte mir, das seien Friseure, Leute, die mich einkleiden würden und irgendwelche anderen Menschen, die dafür bezahlt wurden, mich zu einem Mitglied der oberen Gesellschaft zu machen.
Alles ging ein wenig unter in meinem Kopf, als ich fragte:
"Gäste?"
"Heute Abend wird bei uns ein kleines Fest stattfinden. Ich hoffe, du wirst dich entsprechend betragen, mein Schatz. Nun geh frühstücken. Nicht im Salon, sondern in der Küche.
Der Salon wird schon geschmückt."
Sie gab mir einen kalten Kuss auf die Stirn, der mich erschauern ließ.
Anschließend verließ sie mich und ich war allein mit dieser Horde von Stylisten und anderen Leuten. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, schmiss ich mich schnell in ein paar lässige Jeans und einen roten Wollpullover, dann schenkte ich der Meute noch einen halben Grinser, bevor ich aus der Tür huschte.
Schnell ich flüchtete in die Küche, während die Ausstattungstruppen schon das gesamte Haus belagert hatten. Überall wurden Tannen- und Mistelzweige und rote Schleifen herumgetragen.
Gold blendete mich und künstlicher Schnee, aus dem Schlauch, wartete darauf, seiner kitschigen Bestimmung als Vermummung der Wahrheit zugeführt zu werden.
In der Küche herrschte auch helle Aufregung.
Menüs wurden besprochen, Angestellte, die ich noch nie gesehen hatte, hetzten herum.
Und ich wünschte mich weit fort.
"Morgen..." sagte ich ein wenig verstört.
Der Koch, der normalerweise für uns arbeitete, streckte mir ein Brot entgegen und eine Tasse heißen Tee.
"Morgen. Bitte bleiben Sie aus der Küche fern."
"Meine Mutter hat mich geschickt", protestierte ich, sah aber, dass es nicht brachte, also nahm ich das Brot, mit Schinken, igitt, und stapfte missmutig durch den entstehenden Weihnachtshorror. Schließlich setzte ich mich in eine Ecke, mampfte das Brot, schlürfte den Tee und verbreitete schlechte Laune.
Dabei fragte ich mich, was Tris wohl gerade tat. Wahrscheinlich mit Isis wohlig und genüsslich frühstücken und mit seinen Großeltern herumalbern.
Ich seufzte voller Sehnsucht.
Nach dem Verzehr des "Frühstücks" verließ ich meinen sicheren Grummelplatz und gab mich in die Hände der Leute, die einen neuen Yan aus mir machen sollten.
Meine Haare wurden geschnitten, ich wurde manikürt...dann kamen einige Männer, die irgendwie aussahen, wie Mitglieder der Mafia.
"Der junge Herr von Falkenberg, Sie einzukleiden, darauf warte ich schon eine Ewigkeit. Ich kleide Ihren Vater ein, aber heute stehen Sie im Mittelpunkt."
"Aha.." flüsterte ich, angsterfüllt und dann fingen die Leute an, die Sachen, die ich gerade erst angezogen hatte, wieder von mir zu reißen. Ich wurde vermessen und gewogen und Stoffe wurden an mich angehalten, um zu testen, ob sie zu mir passten.
Ich konnte kaum glauben, dass es schon zwei Uhr war, als wir alle endlich einen kleinen Mittagssnack serviert bekamen.
Danach verschwanden die Männer und ich warf mich nur in Unterhose aufs Bett.
War das hier nicht Weihnachten?
Die Zeit der Besinnlichkeit?
Ich hätte wissen sollen, dass es niemals eine solche Zeit werden konnte, solange meine Eltern involviert waren.
Ich überlegte, Tris anzurufen.
Also griff ich zum Telefon und wählte seine Nummer.
Das Telefon bei ihm war besetzt.
Schon kamen wieder die Mafia-Schneider zurück und ich wurde eingekleidet in ein Seidenhemd, eine goldene Weste und einen schwarzen Anzug, der an mich angepasst war. Dazu bekam ich eine Fliege auch in Gold.
Als ich mich im Spiegel betrachtete, erschien ich mir wie eine kleine Ausgabe meines Vaters.
Ich seufzte und ergab mich in mein Schicksal, während die Umbauarbeiten in Rest des Hauses wohl auch endlich am Ende waren.
Also, betrat ich den Salon und sah den riesigen Weihnachtsbaum, der bis zur Decke reichte, geschmückt nur stilvoll in Rot.
Alle Sitzgelegenheiten waren an die Seite gerückt und bildeten dort kleine Sitzgruppen für Gespräche.
Ein paar Stühle und Notenständer waren neben dem Baum aufgebaut.
Aha, es würde stilvolle Livemusik geben.
Mal wieder waren weder Kosten noch Mühen gescheut worden, um das Fest perfekt zu machen.
Bestimmt das Werk meiner Mutter.
Die ersten Musiker kamen herein und begannen ihre Instrumente zu entpacken und zu stimmen.
Ein Buffet wurde aufgetragen, mit Bowle und vielen kleinen Weihnachtsspezialitäten, anschließend wurde der Baum erleuchtet...
Nun sah ich auch den Kunstschnee darunter zu einer kitschigen Schneelandschaft geformt, in der die Geschenke lagen.
Schon klingelte es und die ersten Gäste betraten das Haus.
Meine Mutter kam zu mir geflattert, aussehend wie eine Mischung aus Weihnachtsfee und Schneewittchens böser Stiefmutter.
"Yannik, mein Schatz, komm und begrüße die Gäste mit uns. Gut siehst du aus."
Ich reihte mich zwischen Mutter und Vater auf und schüttelte jedem ankommendem Gast die Hand, während ihre Identitäten zu einen einzigen Brei aus Ohrringen und Aftershave wurden.
Als so ziemlich alle angekommen waren, durfte ich wieder zurück in den Salon.
Gäste aus aller Welt unterhielten sich in vielen Sprachen, was mir ein wenig so vorkam, als hätten wir den Turm von Babylon in unseren Salon gestopft.
Sie aßen erlesene Spezialitäten, deren Wert alle Hungernden der Welt für zwei Tage ernährt hätte.
Irgendwie ließ mich das alles kalt und immer trauriger werden, ganz im Gegensatz zu der mehr als ausgelassenen Stimmung in unserem Weihnachtsspektakel.
Meine Mutter, ganz die kluge und kühle Strategin, die sie schon immer war, hatte natürlich auch an meine Zukunft gedacht und Firmenerbinnen eingeladen.
Junge Mädchen in meinem Alter, herausgeputzt, so dass sie aussahen, wie meine Mutter.
Sie wurden mir von meiner Mutter noch einmal separat vorgestellt und zwar jede einzelne von ihnen.
"Das hier ist Amanda Huntington." zwitscherte meine Mutter. Amanda war blond, zierlich, und an der Nase operiert.
"Ich freue mich so, dich endlich kennenzulernen, Yannik. Meine Mutter hat schon lange darauf gewartet, dass wir uns die Hände schütteln."
Also schüttelte ich ihre Hand noch einmal und lächelte wie ein Irrer mit Mordgedanken. Das war gar nicht so unwahr.
Ich wollte nur weg von all den Amandas, Jennifers, Miriams und Karens.
Um das zu erreichen, schnappte ich mir ein Glas mit Bowle und verzog mich in eine kleine, schwach beleuchtete Ecke, in der es so langweilig war, dass kein Gast daran Interesse hatte. Über mir waren rote Schleifen und dazwischen hing Mistellaub.
Welche Wälder waren nun wohl völlig entmistelt? Alle von hier bis zum Amazonas?
Als ich mich diesen müßigen Gedanken und dem Alkohol in der Bowle hingab, hörte ich ein zierliches Kichern.
"Du bist doch Yannik, oder nicht?"
Sollte ich "Ja" sagen? Ich brütete noch über dieser Frage, als die Besitzerin der Stimme zu mir rüber kam.
Langes rüschiges Kleid, dass bestimmt ihre Mutter ausgesucht hatte, kariert in den traditionellen Weihnachtsfarben Rot und Grün. Das Mädchen trug dazu eine grüne Schleife in den hellbraunen Haaren und lächelte mich seltsam an.
"Ist dir schon aufgefallen, dass wir hier unter einem Mistelzweig stehen?"
Ich sah über mich und tatsächlich, da war mal wieder ein Mistelzweig... Als ob man den Teilen entkommen ko...
Bevor ich noch etwas zu diesem, ach so erstaunlichen, Zufall sagen konnte, war sie schon bei mir, hatte ihre Arme um mich geschlungen und küsste mich voller Enthusiasmus auf die Lippen.
Indem sie wieder mich losließ und verführerisch "Frohe Weihnachten..." säuselte, wich ich erst mal zurück und wischte meine Lippen mit Nachdruck. Was fiel der eigentlich ein?!
"Was...?" fragte ich, verärgert und verwundert zugleich.
"Wie entzückend!" unterbrach mich eine, mir sehr bekannte Stimme, die auf uns zu kam. Meine Mutter, wer sonst?
"Ach, das war ja zu niedlich... ja ja, junge Liebe...", hörte ich von der eleganten Dame neben ihr, die ihre Hände entzückt zusammengeklatscht hatte. "Emily, da hast du dir aber einen feinen jungen Verehrer ausgesucht." Damit meinte sie wohl mich.
Ich fühlte mich, als ob ich vor ihre Füße kotzen müsste.
Wie eine Ware, die man im Ausverkauf schnappt.
Gerade noch erwischt, bevor eine andere sich ihn schnappen konnte. Nun gehört er dir.
Ich fühlte mich, als ob ich schreien oder platzen musste. Ich war drauf und dran, diesen drei Frauen die Fresse zu polieren, aber ich kämpfte ich noch um meine Selbstbeherrschung, als plötzlich ein hoher Schrei durch die festliche Stimmung gellte und den Vorhang der Weihnachtsmusik wie ein Spinnweben zerriss.
Alles lief in Richtung des Schreis, und ich vergaß kurzzeitig meine Zorn und meine Verachtung. Ich eilte der Masse nach, doch meine Füße hielten inne. Mein Blick fiel auf den grauenvoll Anblick vor ihnen. Eine Frau lag auf dem Boden, aus ihrem Bauch ergossen sich ungeahnte Massen von Blut in den Kunstschnee.
Mir fiel sofort wieder das Märchen "Schneewittchen" ein, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee...
Schockiertes Gemurmel vernichtete die Weihnachtsstimmung...
"Was ist geschehen?"
"Jemand soll einen Krankenwagen rufen!!" hörte ich von überall.
Aber meine Mutter hatte schon dafür gesorgt, da ich Sirenen hörte. Leider umsonst, denn die Frau war tot, daran bestand kein Zweifel. Jede Hilfe kam zu spät
Aus dem Augenwinkeln konnte ich sehen, wie Emily, das Mädchen, das mich geküsst hatte, in das Kleid ihrer Mutter weinte, andere Frauen weinten oder saßen blass in den Sitzecken.
Die Sanitäter stürmten in unseren Salon und begannen mit einer nutzlosen Reanimation, der ich wie hypnotisiert zusah.
Was ist es, das passiert, wenn jemand stirbt?
Woran liegt es, das ich so genau sehen kann, dass jemand tot ist?
Die völlige Erschlaffung aller Muskeln.
Die Glasigkeit der Augen?
Ich war angewurzelt, als wäre ich plötzlich zu Knete geworden. Als machte mich das Entsetzen weich und seltsam bröselig.
Ich hörte Schluchzen und dann kamen auch noch Polizisten, die leise begannen, allen Leuten leise Fragen zu stellen. Die Sanitäter holten einen Sack und begannen die Leiche in Plastik zu packen , fast wie die gefrorenen Hühnchen im Supermarkt. Ich schauderte und wollte mich abwenden von der grausigen Faszination, die ich die ganze Zeit empfunden hatte. Aber irgendwie konnte ich es nicht.
Ich beobachtete noch ein wenig das stille Schauspiel, das so auf einander eingespielt war, das es fast wie Ballett wirkte.
Ich sah, wie sie den Sack in einen Chromsarg hievten, nachdem endlich alle Gliedmaßen und die Gedärme drinnen waren und der Reißverschluss mit lautem Geräusch verschlossen war.
Die Helfer standen sie auf, um den Salon mitsamt des Sarges zu verlassen, als ohne Vorwarnung ein dumpfes Krachen den Salon erschütterte und der Baum auf die Männer nieder rauschte. Die drei Meter Tanne traf noch weitere vier Gäste, die ebenso schaulustig gewesen waren, wie ich.
Das entsetzte Kreischen, das ausbrach, dröhnte in meinen Ohren, aber ich konnte nur starren. Wo eben noch die kitschige Weihnachtslandschaft gewesen war, lauerte nun Tod und Verderben. Irgendwo aus dem Hintergrund hörte ich eines der aufgetakelten Mädchen in Todesangst flüstern.
"Da sind zwei fast durchsichtige Jungen...!!"
Ich konnte die beiden natürlich nicht sehen, aber ich wusste, dass es keine Einbildung war. Dazu war ich einfach zu lange mit Tristan befreundet.
Mehrere Leute murmelten beunruhigt, voller Grausen und meine Mutter sah sich prüfend um.
In ihrem Gesicht lag kalte Überlegung, als sie aus dem Zimmer rauschte. Von meinem Vater konnte ich keine Spur entdecken. Wahrscheinlich war er dabei, seine Macht im Alkohol zu vertiefen.
Die Polizisten, die zuerst auch nur entsetzt gestarrt hatten, rannten nun zum Baum und begannen gemeinsam daran zu ziehen und zu stemmen.
Unter dem Baum waren laute Schreie auszumachen. Ich erkannte, dass keiner der männlichen Gäste auch nur daran dachte, den Polizisten zu helfen. Also rannte ich zu den Helfern und begann auch zu stemmen.
"Wollen Sie vielleicht nicht auch mal helfen?!" fragte ich vorwurfsvoll in die gaffende Menge.
Ein paar Leute lösten sich zögerlich von der Menge und packten mit an.
Als der Baum zur Seite gerollt war, begannen die erneuten Rettungsmaßnahmen, diesmal für die Retter. Was für eine Ironie.
Die Erste Hilfe Maßnahmen wurden erschüttert von einem ersticktem Flüstern, dass mir eine Gänsehaut beschwerte.
"Da sind sie wieder....".
Ich erkannte einen ausgestreckten Finger und daraufhin brach eine Panik unter den Menschen in unserem Salon aus.
"Geister! Das sind Geister!" hörte ich von überall her.
Geister?
Ich konnte sie nicht ausmachen. Keine Spur von ihnen. Aber das hatte ich ja auch noch nie gekannt, Tris war der Geisterseher, ich war der Mädchenseher.
Auch wenn sie für mich unkenntlich blieben, ich konnte erfassen, was sie taten.
Und das war sehr gefährlich.
Das Buffet auf dem Tisch schmetterten sie zu Boden; die süße Bowle mischte sich mit Schnee und Blut.
Fenster wurden zugeschlagen und ich merkte, wie mein Körper ohne meinen eigenen Willen zur Tür hinausstürmte, die hinter mir krachend ins Schloss fiel, während ich von Innen Schreie der Todesangst vernahm.
Die meisten anderen hatten es genauso gemacht wie ich und standen nun geschockt oder leise weinend vor der eleganten Tür zu unserem Salon.
Innen klang es so, als würden Möbel achtlos herum geschmissen, durch die Tür gedämpfte Schreckensschreie erklangen.
Entschlossen drehte ich mich um und versuchte die Tür zu öffnen.
Aber sie rührte sich kein Stück.
Geister also...
Tristan....
Hier konnte nur Tristan helfen.
Ich konnte ihm nur beipflichten.
Endlich Weihnachtsferien.
Meine Eltern hatten versprochen, sie würden Heiligabend zu Hause sein.
Also waren wir nach all der Zeit endlich mal wieder als Familie vereinigt, einen Baum hatten wir auch, der würde am 24. morgens geschmückt werden.
Die riesige Edeltanne stand in unserem Salon und war um die 3 Meter hoch.
Nun, Geschenke würde ich sicherlich auch bekommen, aber eigentlich freute ich mich am meisten darüber, einmal abends nicht alleine sein zu müssen in dem riesigen, toten Anwesen, dem es nach meiner Seele gelüstete.
Und das sich immer mehr zu einem goldenen Gefängnis entwickelte.
"Gehen wir nach Hause?", fragte Tristan in seiner leisen, freundlichen Art.
Es war saukalt draußen, Tristan hatte sich dick eingepackt und nur seine bernsteinfarbenen Augen leuchteten über dem dicken Schal hervor. Sie wirkten heller als sonst, ein leuchtendes Gold. Vielleicht freute auch er sich auf Weihnachten, weil seine Großeltern kommen würden...
"Sicher." grinste ich und schnappte meine Schultasche und meine dicke Jacken, den Schal und die Handschuhe. Geduldig wartete Tristan bis ich mich eingemummelt hatte.
Draußen war es gar nicht hell geworden...
Die Sonne schien ihren Jahresurlaub zu nehmen und solange einen grauen Vorhang über ihren Arbeitsplatz zu hängen.
Aber in diesen Tagen war es nicht so schlimm.
In den Fenstern standen Kerzen, elektrische sowie auch echte.
Kitschiger Weihnachtsschmuck und Lichterketten zierten die Tannen in den Vorgärten.
Doch schien das alles die graue Atmosphäre aufzuheitern
"Deine Eltern kommen doch über die Feiertage, ich glaube, dann besuche ich dich lieber nicht." sagte Tristan, während ein eisiger Wind unsere Nasen zum Laufen brachte.
"Hmm, sie wollen nur bis zum 28. bleiben. Silvester müssen sie irgendwohin", erwiderte ich, ein wenig ernüchtert.
Tristan nickte nachdenklich.
"Kommst du Silvester zu uns?", fragte er dann. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus.
"Klaro."
Wenigstens nicht allein über die Feiertage. Gleich schien die Weihnachtsstimmung zurückzukehren.
Meistens redeten wir nicht sehr viel auf dem Weg nach Hause.
Jeder von uns hing seinen Gedanken nach und war nur froh, dass der andere da war.
"Wir machen Pizza und Isis wird Feuerwerk besorgen", schniefte Tristan.
"Dann gebe ich dem Personal frei", nickte ich.
Warum sollten sie den letzten Tag des Jahres verschwenden, in einem Haus, das leer stand? Ich freute mich ihnen das sagen zu können. Tristan kicherte plötzlich neben mir los.
"Was denn?", fragte ich verwundert.
"Du klingst, wie ein Großgrundbesitzer. 'Ich gebe meinem Personal großzügigerweise frei...'", imitierte er mich und lachte.
Ich grinste ein wenig schief. Sicher... Ich hatte ein leichteres Leben als die meisten anderen. Alles wurde für mich getan und erledigt, auch wenn ich es gar nicht gut fand, sondern einmal eine Sache selbst in die Hand nehmen wollte. Der Reichtum meines Vaters machte allen Angst.
Nur Tristan wagte es, mich damit aufzuziehen.
Ich knuffte ihn in die Schulter.
Doch sein Kichern wurde nur leiser, es verstummte nicht.
"Hör auf!", rief ich, halb selber lachend.
"Fehlen nur noch die hübschen Sklavenmädchen..." kicherte Tristan und ich grummelte etwas in der Art von "Wenigstens wären die nett zu mir..."
"Aber über mich hast du keine Gewalt!", rief er dann rebellisch und lief spielerisch ein wenig voraus.
Ich rannte hinterher und holte ihn leicht ein.
"Soll ich dir mal zeigen, was ein Großgrundbesitzer mit dir machen kann?", rief ich herausfordernd. Wir hatten schon lange nicht mehr gerungen, es war mal wieder Zeit unsere pubertären Kräfte zu messen.
Aber Tristan war stehen geblieben und starrte durch ein Fenster in ein Wohnzimmer, wo ein Mann mit einer Halbglatze, auf einer Leiter stehend, Bilder von der Wand nahm.
"Was ist?", fragte ich, verwirrt über seinen plötzlich schmerzlichen Gesichtsausdruck.
"Seine Frau hat sich und ihre Kinder getötet. Er entfernt gerade alle Erinnerungen aus seinem Leben. Als hätten sie nie existiert."
Ich erstarrte.
"Wie schrecklich...", murmelte ich, betroffen. Meine Güte, wie furchtbar, zu grausam, um es in Worte zu fassen.
"Und das zu Weihnachten..." flüsterte ich.
"Es war seine Schuld," hauchte Tristan, entfernt von mir, in einer anderen Welt, hellhöriger und weitsichtiger als diese. "Er ließ ihr keine Wahl. Vergewaltigte die Kinder. Und sie. Keiner half ihnen."
Tristan schlug die Augen nieder.
"Auch ich nicht..." brach es aus ihm hervor. In seinen Augen standen Angst und Hoffnungslosigkeit, die gleichen mächtigen Gefühle, die diese Frau empfunden haben musste.
"Du kannst nichts dafür...", flüsterte ich.
Es war nicht seine Schuld. Er war noch nicht mal 14 Jahre alt, wie sollte er da anderen helfen?
Doch Tristan war in dieser anderen Welt gefangen, die verschlossen für mich war. Unerreichbar. Fremd, voller seltsamer beunruhigender Visionen.
"Er kann aber seine Erinnerungen niemals auslöschen, so sehr er sich auch bemüht. Niemals. Und sie werden ihn für immer verfolgen..." sagte mein Freund tonlos. "Das ist seine Strafe. Es wird schlimmer werden, wenn er altert. Seine Hände werden sich leerer anfühlen und es wird ihm bewusst sein, dass er seine Unsterblichkeit getötet hat."
"Gehen wir besser", beschloss ich für uns beide und zog ihn an seinem Rucksack mit. Bei diesen Reden, wurde mir innerlich ebenso kalt wie es mir äußerlich schon war.
Also, zuerst zu ihm, damit er auch da ankam und nicht in seiner Welt verloren ging.
Als wir vor der Tür standen, zog ich meinen Schlüssel zu Isis Wohnung heraus, schloss auf und zerrte den apathischen Jungen einfach mit hinein.
"Hallo!", rief ich in die Wohnung.
"Hallo Yannik!", hörte ich Isis erfreut antworten. Die schöne Frau mit den tollen blonden Locken kam zu uns in den Flur.
"Was ist mit Tristan?", erkundigte sie sich und grinste, weil ich Tristan noch immer am Rucksack festhielt, damit er nicht irgend etwas anstellte. Oder einfach draußen in der Kälte stehen blieb bis zum Heiligen Abend. Ahnungslos hob ich die Schultern und sie lächelte mich zärtlich an.
Man, was für eine Frau.
"Ich mache dir und Tris eine schöne Tasse heißen Kakao, okay?"
Ich nickte eifrig. Dazu gab es selbstgebackene Kekse und der Kakao enthielt einen Hauch Zimt.
Das waren genau die richtigen Köstlichkeiten für einen durchgefrorenen Teenager, der nun endlich Winterferien hatte.
Während ich mich aus meinen Schuhen pellte und Isis Tristan ebenfalls dabei half, da er immer noch weit weg war, roch ich schon den leichten Duft von Zimt und Tannennadeln.
Ein wohliges Gefühl schlich sich ein und wärmte mich schon vor dem Kakao, vertrieb das kalte Grauen, das mich vorher begleitet hatte, aus meinen Gedanken.
Den Kakao in beiden Händen halten, saß ich am Küchentisch und berichtete Isis kurz, was wir gesehen hatten, außerdem was Tristan dazu gesagt hatte.
Isis schien nachdenklich.
"Tris hat recht. Die Erinnerungen dieses Mannes, werden für immer von denen an seine verlorenen Kinder heimgesucht werden. Und wenn er alt wird, dann wird er merken ,dass sie nie wieder da sein können. Kinder sind die Unsterblichkeit der Menschen, weil in ihnen die DNA der Eltern weiterlebt. Vielleicht werden die Kinder auch zu Geistern, wenn er zu sehr mit diesen Erinnerungen hadert. So ist es manchmal. Personen werden zu Geistern, weil sie nicht losgelassen werden, oder nicht loslassen können."
Isis hatte noch nie mit mir wie mit einem Kind geredet. Sie erklärte alles bereitwillig und auch wenn es für viele wie spinnerter Unsinn klang. Ich versuchte immer, sie zu verstehen.
Ich schwieg.
"Mir tun die Kinder leid..." murmelte ich, während ich in meine Tasse starrte.
"Ich weiß..." lächelte sie warm und gab mir einen Kuss auf die Stirn. "Aber manchmal können Menschen nicht anders, als den zu verletzen, der sie verletzt hat. Auch wenn auf Kosten derer ist, die sie lieben. So ging es wahrscheinlich der Mutter."
Sie schloss mich kurz in ihre warmen Arme und ich nickte mühsam, wobei ich versuchte, ihre Worte zu verstehen.
"Tristan hat all das gefühlt." murmelte ich und sie nickte. Dann ging sie zu ihrem Sohn.
"Mein Kleiner..." murmelte sie zärtlich.
Tristan lehnte sich gegen sie.
"Warum?" flüsterte er hart.
Aber sie konnte ihm auf seine Frage nicht antworten.
"Ich muss gehen, meine Eltern kommen heute Abend an", entschuldigte ich mich nach dem Kakao bei Isis, die nur freundlich und ein wenig traurig nickte.
"Ich wünsche Euch ein schönes Weihnachtsfest." sagte sie. Dann fiel ihr etwas ein.
"Oh, warte kurz!" Sie verschwand und ich blieb mit Tris allein in der Küche.
"Sie holt deine Geschenke." Tristan stand auf und schaute vorsichtig um die Ecke. Ich hörte Isis irgendwo kramen.
"Sie hat es geschafft, die Geschenke dieses Mal sogar vor mir geheim zu halten", erklärte Tris mit einigem Stolz, denn das war wirklich eine Kunst. "Freust du dich auf deine Eltern?", fragte er dann vorsichtig.
Warum sah er nicht einfach in mir nach?
"Ich freue mich", stelle ich fast trocken fest, als ob ich das für mich selbst erst Mal klarstellen müsste.
"Verstehe...", schnaubte Tristan und schien meine Gedanken doch zu lesen. Er begann in einer Schublade zu kramen, anschließend drehte er sich wieder zu mir um, dabei lächelte er entwaffnend.
"Dann wünsche ich dir fröhliche Weihnachten, Yan."
Er gab mir ein kleines Geschenk, eingepackt in schwarzes Papier mit einem roten Seidenband umschlungen. Es sah gefährlich aus.
Während ich es noch betrachtete, kam Isis herein und gab mir ein größeres Geschenk.
"Aber erst morgen Abend öffnen..." warnte sie amüsiert und ich nickte.
Irgendwie schämte ich mich, ich hatte gar nichts für die beiden besorgt. Dennoch zog ich, mit dem beiden Geschenken sicher verstaut in meinem Rucksack, meine dicken Wintersachen und meine Schuhe wieder an und verließ die beiden, die mir sofort fehlten, während ich die beginnende Dunkelheit hinauslief.
Auf meinem Weg musste ich an dem Haus mit dem Mann, der seine Bilder abgehangen hatte, vorbei.
Ich ging automatisch auf die andere Straßenseite, um das Haus zu meiden. Aber umsonst, denn der Mann starrte mich an, direkt mich, während er aus dem Fenster auf die Welt stierte.
Eine Gänsehaut überlief mich bis zu den Zehenspitzen und ich lief eilig davon.
In der nächsten Telefonzelle rief ich daheim an und eine Limousine holte mich ab. Als ich schließlich in dem warmen Wagen saß, fühlte ich mich wesentlich sicherer, auch wenn ich normalerweise auf solche "reiche Sohn" Privilegien mit Freuden verzichtete.
Als ich zu Hause ankam, begrüßte mich David, unser Butler.
"Master Falkenberg. Ihre Eltern sind noch nicht eingetroffen. Ihr Vater kommt in einer Stunde, aber Ihre Mutter trifft erst in der Nacht ein."
Was hatte ich auch erwartet? Lange hatte ich schon die Vorstellung aufgegeben, ich würde eines Tages nach Hause kommen und dort mit offenen Armen von meinen Erzeugern begrüßt werden.
Ein wenig deprimiert in kehrte ich in meine Zimmer zurück, dabei dachte ich an Tristans Neckerei.
Großgrundbesitzer?
Als ich meine sterilen Räume betrat und mich auf mein, von irgend jemandem gemachtes, Bett warf, wurde es mir klar, dass ich so ich mein Leben nicht verbringen konnte. Egal wie, aber nicht so.
Lieber ein Bettler am Straßenrand oder...
Mein Vater unterbrach mich in meinen Überlegungen.
"Sohn?"
Ich schreckte auf.
"Vater?"
"Komm mal her, Sohn."
Ich folgte meinem alten Herrn und er führte mich in die Bibliothek.
Er setzte sich.
In seinem perfekten Anzug, mit seinen geschmeidigen Bewegungen machte er mir Angst, wie eine Raubkatze, die mich anlauerte, mich zu verschlingen drohte. Auch die hohen Regale erdrückten mich förmlich mit ihrer geballten Ladung an Ernsthaftigkeit.
Ich dachte an die Frau, die ihre Kinder und sich getötet hatte.
Ob sie sich auch so gefangen gefühlt hatte?
Ja, ich wollte ihn verletzen, wachrütteln.
Seine Liebe für mich herausholen, mit allem was in mir war. Wenn es in seinem dunklen Herzen so etwas wie Liebe zu mir gab.
Musste ich erst sterben, bevor er sie mir zeigen konnte?
"Sohn, ich weiß, dass du allmählich in das Alter kommst, in dem du dir über deine Zukunft Gedanken machst."
Ich schluckte und setzte mich betäubt auf einen der Lederstühle in der Bibliothek.
"In dir liegt die Zukunft meiner Firma." fuhr er in seiner ruhigen, aber eindringlichen Art fort. "Ich habe einen Studienplatz für dich in Harvard in Aussicht. Vorausgesetzt deine Leistungen bleiben so."
Hast Du eine Ahnung...meine Leistungen kommen von Tristan dachte ich, während ich ihn weiter brav in die Augen sah. Seine schlauen, kalten Augen, in denen es keine Wärme gab für mich.
Ohne Vorwarnung bewegte er sich rasch zu mir und nahm mein Kinn in einen harten Griff.
"Du bist zu weich, Yannik. Du musst härter werden. Man könnte dich glatt für einen Weichling halten! Hängst immer mit diesem Tristan rum, wie eine Schwuchtel."
Ich spürte, wie seine Finger sich in mein schmerzhaft Kinn bohrten.
"Wenn ich deine Augen schon sehe. Groß, voller Mitleid. Das ist vorbei. Du musst das ablegen, Yannik. Verstehst du, was ich sage?"
Sein Griff wurde fester mit jedem seiner Worte. Das würde blaue Flecken geben.
Ich wollte ihm aber nicht das Gefühl geben, dass ich unterlegen und schwach war.
"Ich verstehe." presste ich hart und ein wenig ungehalten hervor.
Wer glaubte er denn, wer er war? War niemals zu Hause und nun wollte er mir Befehlen geben? Meine Zukunft entscheiden? Meine Gegenwart interessierte ihn doch auch nicht.
Ungeahnt ließ er mein wieder Kinn los und sah mich seltsam traurig an.
Wenn er mich bloß lieben würde, wünschte ich plötzlich. War ich denn nichts wert als der, der ich nun mal war? Nichts wert als Yan?
Nur etwas wert als Yannik von Falkenberg, Firmenpräsident?
Ich schluckte und leckte nervös meine Lippen.
Die Fingerabdrücke an meinem Kinn pochten, der Knochen schmerzte.
Das erste Mal in meinem Leben dachte ich Arschloch im Zusammenhang mit meinem Vater. Und ich hasste ihn dafür, dass er mich nicht lieben konnte.
"Kann ich mich jetzt zurückziehen, Vater?" fragte ich leise und kalt.
Er nickte nur zackig und knapp.
Und ich floh, als ob es um mein Leben ginge, sobald ich außer seiner Sichtweite war.
Wieder schmiss ich mich auf mein Bett und schlug die Kissen mit meinen Fäusten. In meinem Kopf sah ich den das Gesicht meines Vaters sich in eine blutige Masse verwandeln.
Aber es war nur das Kissen.
Wieder wurde ich an die Frau und ihre Kinder erinnert, die sich getötet hatte.
Vielleicht hatte sie wirklich nicht ihre Kinder töten wollen?
Vielleicht hatte sie ihre Kinder nur nicht zurücklassen wollen bei einem solchen Ungeheuer? Einem solchen Monster, wie es auch mein Vater war.
Gegen ihn wollte ich siegen. Ich wollte nicht, dass ich das wurde was er war.
Ich wollte ihm nicht unterliegen.
Niemals...
Die armen Kinder....
Ich legte mich wieder auf den Rücken, die leere Decke füllte sich für mich mit Bildern.
Die armen Kinder.
Ob sie wohl geweint hatten?
Was sie wohl gedacht hatten, verraten von der Frau, die ihre Mutter war...?
Ob sie das Leben hatten gehen lassen?
Wollten sie bleiben?
Ich fragte mich, ob ich bleiben wollte, falls ich nun mit dem Tod konfrontiert wäre.
Ja!
Ich wollte bleiben, auch wenn ich manchmal keinen Grund sah, warum ich das wollte.
Ich kringelte mich in meinem Bett zusammen und schlief voll bekleidet ein.
"Guten Morgen!" weckte mich eine wohlmodulierte Stimme, die nur meiner Mutter gehören konnte.
Ich schlug unwillig die Augen auf und wünschte sie zurück nach....
Nach wo auch immer sie gerade hergekommen war.
Ihre übersteuerte, gekünstelt fröhliche Stimme, raubte mir den letzen Nerv.
Ich vergrub mich tief in mein Kissen, als das Zimmermädchen, das sie im Schlepptau hatte, das Licht anmachte.
"Schatz, es ist Zeit aufzustehen. Geh dich duschen." rief sie und ich dachte, gleich würde ich ihr mit dem Kissen das Maul stopfen, als sich ihre spitzen Fingernägel in meine Schulter bohrten.
Ich fuhr herum.
"Steh auf, mein Schatz. Es gibt viel zu tun. Und, Yannik..."
Bevor noch weitere tolle Befehle wie: Vergiss aber nicht, deine Zähne zu putzen! auf mich niederprasseln konnten, rappelte mich auf und sofort begann das Zimmermädchen mein Kissen aufzuschütteln.
Also verließ ich lieber mein Bett und wankte zu meinem Bad.
"Es gehört sich nicht, angezogen zu schlafen", beendete meine Mutter ihre Predigt und rauschte hinaus.
Das musste ja noch kommen.
Im Bad betrachtete ich mich im Spiegel. Nichts besonderes, ein wenig zerknittert, vielleicht.
Ich stand unter der Dusche und versuchte die Müdigkeit aus mir heraus zu schrubben. Langsam kam ich zu mir, aber als ich wieder aus dem Bad kam, nur in ein Handtuch gewickelt, erstarrte ich.
Verschiedene Leute sahen mich erwartungsvoll an.
Vor ihnen stand die perfekte und elegante Gestalt meiner Mutter, eine kühle Huldigung an die Schönheit.
Ich wurde knallrot.
"Das hier, mein Schatz, sind die Leute, die sich nach dem Frühstück um dich kümmern werden.
Ich möchte nicht, dass du heute Abend vor den Gästen unrepräsentabel aussiehst."
Sie deutete auf die Leute und erklärte mir, das seien Friseure, Leute, die mich einkleiden würden und irgendwelche anderen Menschen, die dafür bezahlt wurden, mich zu einem Mitglied der oberen Gesellschaft zu machen.
Alles ging ein wenig unter in meinem Kopf, als ich fragte:
"Gäste?"
"Heute Abend wird bei uns ein kleines Fest stattfinden. Ich hoffe, du wirst dich entsprechend betragen, mein Schatz. Nun geh frühstücken. Nicht im Salon, sondern in der Küche.
Der Salon wird schon geschmückt."
Sie gab mir einen kalten Kuss auf die Stirn, der mich erschauern ließ.
Anschließend verließ sie mich und ich war allein mit dieser Horde von Stylisten und anderen Leuten. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, schmiss ich mich schnell in ein paar lässige Jeans und einen roten Wollpullover, dann schenkte ich der Meute noch einen halben Grinser, bevor ich aus der Tür huschte.
Schnell ich flüchtete in die Küche, während die Ausstattungstruppen schon das gesamte Haus belagert hatten. Überall wurden Tannen- und Mistelzweige und rote Schleifen herumgetragen.
Gold blendete mich und künstlicher Schnee, aus dem Schlauch, wartete darauf, seiner kitschigen Bestimmung als Vermummung der Wahrheit zugeführt zu werden.
In der Küche herrschte auch helle Aufregung.
Menüs wurden besprochen, Angestellte, die ich noch nie gesehen hatte, hetzten herum.
Und ich wünschte mich weit fort.
"Morgen..." sagte ich ein wenig verstört.
Der Koch, der normalerweise für uns arbeitete, streckte mir ein Brot entgegen und eine Tasse heißen Tee.
"Morgen. Bitte bleiben Sie aus der Küche fern."
"Meine Mutter hat mich geschickt", protestierte ich, sah aber, dass es nicht brachte, also nahm ich das Brot, mit Schinken, igitt, und stapfte missmutig durch den entstehenden Weihnachtshorror. Schließlich setzte ich mich in eine Ecke, mampfte das Brot, schlürfte den Tee und verbreitete schlechte Laune.
Dabei fragte ich mich, was Tris wohl gerade tat. Wahrscheinlich mit Isis wohlig und genüsslich frühstücken und mit seinen Großeltern herumalbern.
Ich seufzte voller Sehnsucht.
Nach dem Verzehr des "Frühstücks" verließ ich meinen sicheren Grummelplatz und gab mich in die Hände der Leute, die einen neuen Yan aus mir machen sollten.
Meine Haare wurden geschnitten, ich wurde manikürt...dann kamen einige Männer, die irgendwie aussahen, wie Mitglieder der Mafia.
"Der junge Herr von Falkenberg, Sie einzukleiden, darauf warte ich schon eine Ewigkeit. Ich kleide Ihren Vater ein, aber heute stehen Sie im Mittelpunkt."
"Aha.." flüsterte ich, angsterfüllt und dann fingen die Leute an, die Sachen, die ich gerade erst angezogen hatte, wieder von mir zu reißen. Ich wurde vermessen und gewogen und Stoffe wurden an mich angehalten, um zu testen, ob sie zu mir passten.
Ich konnte kaum glauben, dass es schon zwei Uhr war, als wir alle endlich einen kleinen Mittagssnack serviert bekamen.
Danach verschwanden die Männer und ich warf mich nur in Unterhose aufs Bett.
War das hier nicht Weihnachten?
Die Zeit der Besinnlichkeit?
Ich hätte wissen sollen, dass es niemals eine solche Zeit werden konnte, solange meine Eltern involviert waren.
Ich überlegte, Tris anzurufen.
Also griff ich zum Telefon und wählte seine Nummer.
Das Telefon bei ihm war besetzt.
Schon kamen wieder die Mafia-Schneider zurück und ich wurde eingekleidet in ein Seidenhemd, eine goldene Weste und einen schwarzen Anzug, der an mich angepasst war. Dazu bekam ich eine Fliege auch in Gold.
Als ich mich im Spiegel betrachtete, erschien ich mir wie eine kleine Ausgabe meines Vaters.
Ich seufzte und ergab mich in mein Schicksal, während die Umbauarbeiten in Rest des Hauses wohl auch endlich am Ende waren.
Also, betrat ich den Salon und sah den riesigen Weihnachtsbaum, der bis zur Decke reichte, geschmückt nur stilvoll in Rot.
Alle Sitzgelegenheiten waren an die Seite gerückt und bildeten dort kleine Sitzgruppen für Gespräche.
Ein paar Stühle und Notenständer waren neben dem Baum aufgebaut.
Aha, es würde stilvolle Livemusik geben.
Mal wieder waren weder Kosten noch Mühen gescheut worden, um das Fest perfekt zu machen.
Bestimmt das Werk meiner Mutter.
Die ersten Musiker kamen herein und begannen ihre Instrumente zu entpacken und zu stimmen.
Ein Buffet wurde aufgetragen, mit Bowle und vielen kleinen Weihnachtsspezialitäten, anschließend wurde der Baum erleuchtet...
Nun sah ich auch den Kunstschnee darunter zu einer kitschigen Schneelandschaft geformt, in der die Geschenke lagen.
Schon klingelte es und die ersten Gäste betraten das Haus.
Meine Mutter kam zu mir geflattert, aussehend wie eine Mischung aus Weihnachtsfee und Schneewittchens böser Stiefmutter.
"Yannik, mein Schatz, komm und begrüße die Gäste mit uns. Gut siehst du aus."
Ich reihte mich zwischen Mutter und Vater auf und schüttelte jedem ankommendem Gast die Hand, während ihre Identitäten zu einen einzigen Brei aus Ohrringen und Aftershave wurden.
Als so ziemlich alle angekommen waren, durfte ich wieder zurück in den Salon.
Gäste aus aller Welt unterhielten sich in vielen Sprachen, was mir ein wenig so vorkam, als hätten wir den Turm von Babylon in unseren Salon gestopft.
Sie aßen erlesene Spezialitäten, deren Wert alle Hungernden der Welt für zwei Tage ernährt hätte.
Irgendwie ließ mich das alles kalt und immer trauriger werden, ganz im Gegensatz zu der mehr als ausgelassenen Stimmung in unserem Weihnachtsspektakel.
Meine Mutter, ganz die kluge und kühle Strategin, die sie schon immer war, hatte natürlich auch an meine Zukunft gedacht und Firmenerbinnen eingeladen.
Junge Mädchen in meinem Alter, herausgeputzt, so dass sie aussahen, wie meine Mutter.
Sie wurden mir von meiner Mutter noch einmal separat vorgestellt und zwar jede einzelne von ihnen.
"Das hier ist Amanda Huntington." zwitscherte meine Mutter. Amanda war blond, zierlich, und an der Nase operiert.
"Ich freue mich so, dich endlich kennenzulernen, Yannik. Meine Mutter hat schon lange darauf gewartet, dass wir uns die Hände schütteln."
Also schüttelte ich ihre Hand noch einmal und lächelte wie ein Irrer mit Mordgedanken. Das war gar nicht so unwahr.
Ich wollte nur weg von all den Amandas, Jennifers, Miriams und Karens.
Um das zu erreichen, schnappte ich mir ein Glas mit Bowle und verzog mich in eine kleine, schwach beleuchtete Ecke, in der es so langweilig war, dass kein Gast daran Interesse hatte. Über mir waren rote Schleifen und dazwischen hing Mistellaub.
Welche Wälder waren nun wohl völlig entmistelt? Alle von hier bis zum Amazonas?
Als ich mich diesen müßigen Gedanken und dem Alkohol in der Bowle hingab, hörte ich ein zierliches Kichern.
"Du bist doch Yannik, oder nicht?"
Sollte ich "Ja" sagen? Ich brütete noch über dieser Frage, als die Besitzerin der Stimme zu mir rüber kam.
Langes rüschiges Kleid, dass bestimmt ihre Mutter ausgesucht hatte, kariert in den traditionellen Weihnachtsfarben Rot und Grün. Das Mädchen trug dazu eine grüne Schleife in den hellbraunen Haaren und lächelte mich seltsam an.
"Ist dir schon aufgefallen, dass wir hier unter einem Mistelzweig stehen?"
Ich sah über mich und tatsächlich, da war mal wieder ein Mistelzweig... Als ob man den Teilen entkommen ko...
Bevor ich noch etwas zu diesem, ach so erstaunlichen, Zufall sagen konnte, war sie schon bei mir, hatte ihre Arme um mich geschlungen und küsste mich voller Enthusiasmus auf die Lippen.
Indem sie wieder mich losließ und verführerisch "Frohe Weihnachten..." säuselte, wich ich erst mal zurück und wischte meine Lippen mit Nachdruck. Was fiel der eigentlich ein?!
"Was...?" fragte ich, verärgert und verwundert zugleich.
"Wie entzückend!" unterbrach mich eine, mir sehr bekannte Stimme, die auf uns zu kam. Meine Mutter, wer sonst?
"Ach, das war ja zu niedlich... ja ja, junge Liebe...", hörte ich von der eleganten Dame neben ihr, die ihre Hände entzückt zusammengeklatscht hatte. "Emily, da hast du dir aber einen feinen jungen Verehrer ausgesucht." Damit meinte sie wohl mich.
Ich fühlte mich, als ob ich vor ihre Füße kotzen müsste.
Wie eine Ware, die man im Ausverkauf schnappt.
Gerade noch erwischt, bevor eine andere sich ihn schnappen konnte. Nun gehört er dir.
Ich fühlte mich, als ob ich schreien oder platzen musste. Ich war drauf und dran, diesen drei Frauen die Fresse zu polieren, aber ich kämpfte ich noch um meine Selbstbeherrschung, als plötzlich ein hoher Schrei durch die festliche Stimmung gellte und den Vorhang der Weihnachtsmusik wie ein Spinnweben zerriss.
Alles lief in Richtung des Schreis, und ich vergaß kurzzeitig meine Zorn und meine Verachtung. Ich eilte der Masse nach, doch meine Füße hielten inne. Mein Blick fiel auf den grauenvoll Anblick vor ihnen. Eine Frau lag auf dem Boden, aus ihrem Bauch ergossen sich ungeahnte Massen von Blut in den Kunstschnee.
Mir fiel sofort wieder das Märchen "Schneewittchen" ein, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee...
Schockiertes Gemurmel vernichtete die Weihnachtsstimmung...
"Was ist geschehen?"
"Jemand soll einen Krankenwagen rufen!!" hörte ich von überall.
Aber meine Mutter hatte schon dafür gesorgt, da ich Sirenen hörte. Leider umsonst, denn die Frau war tot, daran bestand kein Zweifel. Jede Hilfe kam zu spät
Aus dem Augenwinkeln konnte ich sehen, wie Emily, das Mädchen, das mich geküsst hatte, in das Kleid ihrer Mutter weinte, andere Frauen weinten oder saßen blass in den Sitzecken.
Die Sanitäter stürmten in unseren Salon und begannen mit einer nutzlosen Reanimation, der ich wie hypnotisiert zusah.
Was ist es, das passiert, wenn jemand stirbt?
Woran liegt es, das ich so genau sehen kann, dass jemand tot ist?
Die völlige Erschlaffung aller Muskeln.
Die Glasigkeit der Augen?
Ich war angewurzelt, als wäre ich plötzlich zu Knete geworden. Als machte mich das Entsetzen weich und seltsam bröselig.
Ich hörte Schluchzen und dann kamen auch noch Polizisten, die leise begannen, allen Leuten leise Fragen zu stellen. Die Sanitäter holten einen Sack und begannen die Leiche in Plastik zu packen , fast wie die gefrorenen Hühnchen im Supermarkt. Ich schauderte und wollte mich abwenden von der grausigen Faszination, die ich die ganze Zeit empfunden hatte. Aber irgendwie konnte ich es nicht.
Ich beobachtete noch ein wenig das stille Schauspiel, das so auf einander eingespielt war, das es fast wie Ballett wirkte.
Ich sah, wie sie den Sack in einen Chromsarg hievten, nachdem endlich alle Gliedmaßen und die Gedärme drinnen waren und der Reißverschluss mit lautem Geräusch verschlossen war.
Die Helfer standen sie auf, um den Salon mitsamt des Sarges zu verlassen, als ohne Vorwarnung ein dumpfes Krachen den Salon erschütterte und der Baum auf die Männer nieder rauschte. Die drei Meter Tanne traf noch weitere vier Gäste, die ebenso schaulustig gewesen waren, wie ich.
Das entsetzte Kreischen, das ausbrach, dröhnte in meinen Ohren, aber ich konnte nur starren. Wo eben noch die kitschige Weihnachtslandschaft gewesen war, lauerte nun Tod und Verderben. Irgendwo aus dem Hintergrund hörte ich eines der aufgetakelten Mädchen in Todesangst flüstern.
"Da sind zwei fast durchsichtige Jungen...!!"
Ich konnte die beiden natürlich nicht sehen, aber ich wusste, dass es keine Einbildung war. Dazu war ich einfach zu lange mit Tristan befreundet.
Mehrere Leute murmelten beunruhigt, voller Grausen und meine Mutter sah sich prüfend um.
In ihrem Gesicht lag kalte Überlegung, als sie aus dem Zimmer rauschte. Von meinem Vater konnte ich keine Spur entdecken. Wahrscheinlich war er dabei, seine Macht im Alkohol zu vertiefen.
Die Polizisten, die zuerst auch nur entsetzt gestarrt hatten, rannten nun zum Baum und begannen gemeinsam daran zu ziehen und zu stemmen.
Unter dem Baum waren laute Schreie auszumachen. Ich erkannte, dass keiner der männlichen Gäste auch nur daran dachte, den Polizisten zu helfen. Also rannte ich zu den Helfern und begann auch zu stemmen.
"Wollen Sie vielleicht nicht auch mal helfen?!" fragte ich vorwurfsvoll in die gaffende Menge.
Ein paar Leute lösten sich zögerlich von der Menge und packten mit an.
Als der Baum zur Seite gerollt war, begannen die erneuten Rettungsmaßnahmen, diesmal für die Retter. Was für eine Ironie.
Die Erste Hilfe Maßnahmen wurden erschüttert von einem ersticktem Flüstern, dass mir eine Gänsehaut beschwerte.
"Da sind sie wieder....".
Ich erkannte einen ausgestreckten Finger und daraufhin brach eine Panik unter den Menschen in unserem Salon aus.
"Geister! Das sind Geister!" hörte ich von überall her.
Geister?
Ich konnte sie nicht ausmachen. Keine Spur von ihnen. Aber das hatte ich ja auch noch nie gekannt, Tris war der Geisterseher, ich war der Mädchenseher.
Auch wenn sie für mich unkenntlich blieben, ich konnte erfassen, was sie taten.
Und das war sehr gefährlich.
Das Buffet auf dem Tisch schmetterten sie zu Boden; die süße Bowle mischte sich mit Schnee und Blut.
Fenster wurden zugeschlagen und ich merkte, wie mein Körper ohne meinen eigenen Willen zur Tür hinausstürmte, die hinter mir krachend ins Schloss fiel, während ich von Innen Schreie der Todesangst vernahm.
Die meisten anderen hatten es genauso gemacht wie ich und standen nun geschockt oder leise weinend vor der eleganten Tür zu unserem Salon.
Innen klang es so, als würden Möbel achtlos herum geschmissen, durch die Tür gedämpfte Schreckensschreie erklangen.
Entschlossen drehte ich mich um und versuchte die Tür zu öffnen.
Aber sie rührte sich kein Stück.
Geister also...
Tristan....
Hier konnte nur Tristan helfen.
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