Abenddaemmerung der Goetter - Kapitel 2

Kapitel 2: Ein Musiker namens Yuka

 

 

Taishi und Karí begleiteten Hana mehrere Tage lang bei ihren Tempelpflichten. Sie lernten, die Gewänder so perfekt anzuziehen, daß, hätte man sie mitten in der Nacht geweckt und ihnen befohlen, dieses Gewand anzulegen, sie es, ohne weiter aufzuwachen, gut geschafft hätten und keine einzige Falte falsch gelegen hätte.
Als Hana mit dieser Entwicklung zufrieden war, ließ sie Kari bei Derinda zurück, die Karí erklärte, wie die Öle und Duftwässer hergestellt wurden. Taishi allein wurde von ihr durch ein paar Gänge geführt bis zu einem großen, aber niedrigem Raum, im dem ein paar Männer mit Musikinstrumenten saßen.
"Heute wirst du beginnen, den Ehrungstanz, den ich täglich tanze, zu lernen! Dieser Tanz muß ganz und gar in Ehrfurcht und Anbetung Yerwas erfolgen. Wenn du diesen Tanz zeigst, soll jeder die Größe unseres Herrschers und seine Güte erkennen. Ich werde dir zuerst zeigen, wie es aussehen sollte." Hanas Stimme war wie immer streng und unnachgiebig.
Taishi war sich nicht sicher, wie ihr das alles nützen sollte, Karí zu befreien.
Sie war müde, denn sie hatte jetzt schon einige Nächte damit verbracht herauszufinden, wie sie diesen Palast wieder verlassen sollten.
Überall um die Gemächer der Priesterinnen herum waren wirklich wache Wachtposten aufgestellt, die keine Probleme damit hatten, jemanden auch mit Gewalt wieder in die Gemächer zurückzubringen.
Taishi setze sich elegant in einen Sessel, der wohl extra für sie aufgestellt worden war, und beobachtete, wie Hana sich in Position stellte.
Die Musiker spielten auf und Hana begann sich langsam und äußerst grazil zu bewegen. Alle Bewegungen wirkten fließend und natürlich. Dabei wirkte Hana nicht in Geringsten angestrengt. Taishi war innerlich bewegt, als sie diesen Tanz beobachtete, verstand sie Hanas Vortrag über die Güte und Größe, die durch diesen Tanz versinnbildlicht werden sollte.
Sie verstand nur nicht, wie sie einen so ungerechten und ungnädigen Herrscher auf so wunderbare Weise loben konnte. Ein solcher Tanz hätte dazu dienen können, einen wahrhaft großen Herrscher zu beschreiben.
Dennoch war für Taishi der Tanz von einer solchen Schönheit, daß sie sofort von dem Zauber, diesen Tanz zu erlernen ergriffen wurde.
Als Hanas körperlicher Vortrag beendet war, hielt Taishi ehrfürchtig die Luft an. Hana kam auf sie zu und fragte:
"Siehst du nun was ich meine?"
Taishi nickte und die Musiker begannen zu murmeln.
"Du wirst diesen Tanz und noch einige andere von nun an täglich erlernen! Yuka wird dich anleiten und ebenso Kaha." erklärte Hana, wobei Taishi erkannte, daß Hana natürlich nicht genug Zeit hatte, sie selbst anzuleiten.
Einer der Musiker erhob sich und kam auf sie zu. Er grinste unverschämt und schien nicht besonders ehrfürchtig.
Das auffälligste an ihm war seine dunkle Haut, die dunkler war, als jeden Braunton, den Taishi je bei jemandem erblickt hatte. Seine Haare hingegen waren blond und seine Augen ein helles Braun.
"Ich bin Yuka." stellte er sich vor, dabei bemerkte Taishi einen ganz leichten Akzent in seiner Aussprache. Er war noch recht jung, aber deutlich älter als sie. In seiner Hand hielt er eine Laute und um seinen Hals hing an einem Band eine Flöte. Taishi erschien er durch und durch gutgelaunt und sofort sympathisch.
"Mein Name ist Taishi. Es freut mich sehr. Ich kann auch etwas Flöte spielen. Wann werden wir beginnen?"
Hanas strenge Stimme erklang:
"Sofort. Kaha wird dir gleich die ersten Schritte beibringen, während ich weiterhin die Leute im Tempel betreue. Streng dich an, immerhin ist es für unseren großen Gott und Herrscher."
Hana entfernte sich, zusammen mit den restlichen Dienern und Musikern. Nur eine einzige, wirklich alte Frau blieb zurück.
"Das ist Kaha." erklärte Yuka und hieß Taishi auf die Frau zuzugehen.
Zögernd ging Taishi auf die Frau zu, die still lächelte.
"Keine Angst mein Kind. Ich habe schon so viel von dir gehört. Ich denke, daß wir uns vertragen werden. Der Tanz ist meine Welt und deshalb weiß ich, daß er für jeden anders ist. Hana ist eine perfekte Tänzerin, aber das Gefühl fehlt ihr. Wenn du auch nur einen Bruchteil von dem Talent hast, daß ich in dir vermute, dann dürftest du sie bald übertreffen." Kaha erhob sich.
Sie war unglaublich klein und zierlich. Ihre Augen schienen eine intensive Leuchtkraft zu haben, als wäre sie besessen. Sie ergriff Taishis Hand und Taishi wurde sehr stark an ihre Großmutter erinnert.
Sie schluckte, dann lächelte sie zögernd.
Plötzlich hatte sie das Gefühl, in diesem Palast Verbündete im Kampf gegen Yerwa gewonnen zu haben.
Sie merkte, wie Yuka auf die Tanzfläche zeigte und Kaha begann einfache Schrittfolgen auf eine seltsam langsame und eindringliche Art vorzuführen, die dann von Taishi wiederholt wurden.
Dazu spielte Yuka eine exotische Melodie auf seiner Flöte.
Dieser Unterricht machte Taishi sehr viel Spaß und sie merkte, daß sie viele Bewegungen ihres Waffenunterrichts mit einbringen konnte. Außerdem konnte sie sich bildlich vorstellen, wie sie diese geschmeidigen Bewegungen in elegante Schwerthiebe umsetzen können würde.
Als Hana erschien, um sie vom Unterricht zu befreien, verließ Taishi Kaha und Yuka nur ungern.
Karí schien wesentlich weniger glücklich mit dem Unterricht des Tages als Taishi und zog sich, ein wenig schmollend in ihr Bett zurück.
Taishi holte ihre kostbare Flöte hervor und beschloß, diese Yuka zu zeigen.

Yuka sah sich die Flöte an:
"Ein schönes Stück. Sieht schon ziemlich alt aus. Woher hast du sie?"
Taishi war ein bißchen enttäuscht, daß er nicht enthusiastischer über ihre Flöte sprach.
"Sie ist ein Erbstück unserer Familie! Ich habe sie von meinem Vater bekommen, an dem Tag, als er im Kampf starb." erzählte sie stolz und Yuka sah sie mitleidig an.
"Dein Vater ist tot? Das tut mir leid!"

"Das ist schon lange her! Ich bin die letzte meiner Familie, soweit ich weiß. Diese Flöte erinnert mich an unsere stolze Familiengeschichte. Dennoch habe ich nie gelernt, wirklich gut darauf zu spielen, das bedauere ich ein wenig." Taishi sah kurz zu Boden und erinnerte sich, wie verzweifelt sie gewesen war, als sie erfuhr, daß ihr Vater tot aufgefunden worden war.
"Nun kommt ihr beiden, oder wollt ihr ewig dort quatschen?" rief Kaha und Taishi lief freudig auf die Tanzfläche. Yuka sah ihr hinterher und überlegte, wann es an der Zeit war, etwas anderes zu bereden, als die Musik.
Taishi fing an, die Tanzstunden als einzigen Hoffnungsschimmer in den Tagen zu sehen, während Karí nur die weniger schönen Pflichten einer Dienerin erlernte, die für sie ohne Freude waren.
Während des Tanzes konnte Taishi klarer denken als sonst.
Sie fragte sich, was Kuma und die anderen vermuten mußten. Daß sie und Karí tot waren? Oder Yerwas hörige Sklavinnen? So etwas in der Art wahrscheinlich. Sie wünschte sich, daß sie hätte ihnen eine Nachricht zukommen lassen können, doch sie wußte, daß dies ein unmöglicher Traum war.
Sie begann allmählich daran zu zweifeln, daß sie jemals wieder diesen Palast verlassen würde. Alle Wege und Gänge waren bewacht und auch die anderen Priesterinnen hatten ein strenges Auge auf sie und Karí.
Manchmal träumte sie davon, Yerwa zu töten, aber auch das war eine Illusion.

Eines Abends hielt Karí sie in den Badekavernen zurück:
"Hast du nicht gesagt, du wolltest mich befreien? Davon habe ich bis jetzt noch nicht viel bemerkt!! Wann werden wir endlich aus dem Palast fliehen?" fragte sie sehr vorwurfsvoll.
" Ich weiß nicht wie, Karí. Alle Ausgänge sind streng bewacht. Die meiste Zeit des Tages sehen wir uns noch nicht einmal. Ich sehe keine Fluchtmöglichkeit!"

"Du hast uns diese Sache eingebrockt, du wirst auch dafür sorgen, daß wir hier wieder herauskommen!!!"

"Ich glaube, wenn ich die Oberste Priesterin bin und du meine persönliche Dienerin, dann werden wir vielleicht die Möglichkeit haben, durch den Tempel in die Stadt zu entkommen, also halte bitte durch! Ich versuche mein bestes, um so schnell wie irgend möglich die Oberste Priesterin zu werden, aber dabei solltest du schon mitmachen,. Wenn wir in dem Tempel sind, gibt es keine schwere Bewachung und der Ausgang führt direkt in die Stadt, so daß wir schnell verschwinden und untertauchen könnten."
Karí, die eigentlich noch ein Kind war, hatte nicht so richtig die Geduld, noch so lange warten zu müssen, aber sie nickte dennoch.

Als endlich wieder Hana bei Taishis Tanzstunden erschien, gab sie zu verstehen, daß sie mit Taishis Fortschritten nicht so recht zufrieden war und Taishi strengte sich doppelt so sehr an, um Karí möglichst bald aus dem Palast zu befreien.
So vergingen einige Wochen.
So sehr sich Taishi auch bemühte, nie schien es Hana recht zu sein.
Kaha meinte zwar, daß Taishi inzwischen besser tanzte als Hana, aber dennoch blieb Hana hart und kritisierte jeden einzelnen Schritt von Taishis Darbietung als stümperhaft und grobschlächtig.
Taishi wollte verzweifeln, als sie eines Nachts einen besonderen Traum hatte.

Eine schöne Frau mit langen, wallenden Haaren in dunklem Grün stand auf einem Sockel und hatte die Hände an einen Stab geklammert. Ihre Augen waren geschlossen und schienen auch nicht geöffnet werden zu können.
>>Taishi, du darfst den Palast nicht verlassen, dein Schicksal wird dir dort begegnen.<< sprach sie sanft und leise.
>>Mein Schicksal? Woher wißt Ihr das?<< erkundigte sich Taishi erstaunt. Ihre eigene Stimme klang seltsam gleichgültig bei dieser Traumfrage.
>>Ich weiß es genauso, wie auch du es weißt, Tochter des Nordwindes. Sieh in deine Seele und erkenne die Zukunft. Sieh her!<< sprach die Frau und hinter ihr schien ein Vorhang beiseite gezogen zu werden.
Taishi sah:
Eine wunderschöne Stadt, doch überall lagen Tote.
Feuer, in dem eine Gestalt tanzte.
Ihre Hand an einem Schwertgriff, den sie gerade in der Brust eines Mannes versenkt hatte.
Sie schmeckte Blut.
Sie hörte das Knistern eines gewaltigen Feuers.
Sie hörte Todesschreie.
Dann wachte sie entsetzt auf.
"Was war das für ein Traum? Soll ich das verhindern? Wer waren die ganzen Toten? Wie entsetzlich!"
murmelte sie vor sich hin und erhob sich von ihrem Bett.
Sie spazierte vor die Tür, gefolgt von einer Dienerin und einer Wache und wanderte in den Mini Garten, der auf einem der Balkons angelegt worden war.
Rund um den exklusiven Garten, waren an der Mauer Mosaike von Göttern angebracht worden. Wie zufällig glitt Taishis Blick über diese Wand und sie erblickte das Bild einer grünhaarigen Frau mit geschlossenen Augen.
Sie trat näher, ungläubig zwinkernd, doch das Bild blieb.
Ihr Vater hatte ihr Lesen und Schreiben beibringen lassen.
Deutlich erkannte sie den Namen unter der Frau: Mirai, die Göttin der Vorsehung.
Entsetzt schnappte Taishi nach Luft.
Die Göttin der Vorsehung - sollte dies etwa bedeuten, daß ihr Traum eine Vision der Zukunft gewesen war? Bei diesem Gedanken überlief es Taishi eiskalt. Deutlich sah sie wieder die Bilder des Schreckens vor sich und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Doch die Bilder verschwanden dadurch nicht. Sie begannen immer mehr in ihrem Kopf zu schwirren.
Taishi konnte den Himmel nicht mehr vom Boden unterscheiden und fiel nieder. Sofort waren die Dienerin und die Wache bei ihr und schüttelten sie. Doch Taishi war in der Vision der Zukunft gefangen.
Es erschien ihr, als versuche sie verzweifelt aus der Tiefe eines Sees an die Oberfläche zu gelangen.

Plötzlich schnappte sie nach Luft, dabei schoß sie in die sitzende Position.
Sie lag auf einem weichen Bett, viele interessierte und nun verblüffte Gesichter starrten sie an. Unter ihnen war auch Taron, der Sohn Yerwas. Erstaunt blickte sich Taishi um:
"Was ist passiert?" fragte sie, ein wenig erschöpft.
Karí fiel ihr um den Hals: "Wir haben uns Sorgen um dich gemacht! Du bist einfach umgefallen und danach hast du zwei ganze Tage lang geschlafen. Wo warst du denn?" Karí begann zu schluchzen und flüsterte ihr ins Ohr:
"Tut mir so leid daß ich gesagt habe, daß du gar nicht willst, daß wir hier raus kommen. Ich habe alle Geduld der Welt von jetzt an, das verspreche ich."
Taron starrte Taishi an. Er schickte mit einer energischen Geste alle Priesterinnen und Dienerinnen hinaus, nur Hana blieb.
Taron wandte sich an die Oberste Priesterin:
"Warum ist dieses Mädchen noch keine Oberste Priesterin?" fragte er knapp.
"Wißt Ihr, Taron - Sama, dieses Mädchen ist noch lange nicht soweit. Sie ist tolpatschig und nicht geeignet um Yerwa, unserem Herren, eine Zierde zu sein." begann Hana.
"Sei still, Hana!!" brüllte der Mann und Hanas Augen wurden groß. "Ab morgen ist Taishi die Oberste Priesterin! Niemand kann verhindern, daß dieses Mädchen die Oberste Priesterin wird! Deine Zeit ist vorbei!"
Hana schien in sich zusammen zu brechen und Taishi fuhr hoch:
"Ich soll die Oberste Priesterin sein? Schon ab morgen?"
Taron sah sie an und lächelte, dabei fiel Taishi auf, wie gut er wirklich aussah.
"Es gäbe keine größere Ehre für das Haus Yerwas. Ab morgen wirst du die Oberste Priesterin meines Vaters sein. Deine Pflichten werden dir von Kaha erklärt werden."

"Warum von Kaha? Was ist denn mit Hana?" fragte Taishi unschuldig.
Tarons Miene verfinsterte sich.
" Hana wird aus dem Tempel verbannt!!" stellte er eiskalt klar und Taishi schluckte.
Hana schien nicht besonders überrascht. Sie senkte das Haupt und wirkte erschöpft.
"Wie Ihr es befehlt, Taron - sama!" murmelte sie gehorsam und begann langsam den Raum zu verlassen.
Taishi atmete tief ein und versuchte aufzustehen, doch allein der Versuch mißlang kläglich.
Sie sank zurück auf das Bett und sah Taron skeptisch an:
"Verfahrt Ihr mit allen ehemaligen Obersten Priesterinnen so?" fauchte sie.
Taron lächelte: "Nicht mit allen. Kaha ist auch eine ehemalige Oberste Priesterin. Doch noch nie hatte ein Gott eine Priesterin, die den Namen des Nordwindes trug!"

"Was ist denn daran so besonderes? Viele Leute heißen nach Dingen und Tieren! Meiner Mutter gefiel der Name halt und sie sagte immer, der Nordwind hätte ihr ein Lied gesungen, während ich geboren wurde. Warum ist das so besonders?"

"Du weißt nicht, was dein Name bedeutet? Dann bin ich nicht derjenige, der dir das erklärt. Vielleicht weißt du es später einmal."
Er wandte sich ab und verließ den Raum. Erstaunt und neugierig blieb Taishi zurück. Warum machten alle so ein Aufhebens um ihren Namen, als ob der ihren Charakter verriet...
Ein Name war bloß ein Name, wie das Wort Baum für ein Ding mit Stamm, Rinde und Blättern benutzt wurde.
Das verriet noch lange nichts darüber, ob dieser Baum groß und stattlich, oder klein und verkümmert war. Auch die Art des Baumes war an dem Wort nicht zu erkennen. Wer wußte schon, daß Baum auch Nadelbaum heißen konnte?
Was sich ein jeder unter einem Wort vorstellte hing ganz von der Person und ihren Erfahrungen ab.
Taishi versuchte erneut, sich auf die Beine zu stellen und versagte wieder kläglich.
Verschiedene Personen kehrten in den Raum zurück, darunter auch Karí, die etwas zu essen dabei hatte. Dankbar nahm Taishi das warme Essen entgegen.
Sie beobachtete, wie alle anderen begannen zu tuscheln und als sie aufmerksam in die Runde schaute, verstummten Priesterinnen und Dienerinnen sofort. Sie alle verbeugten sich und bekundeten so ihre Untergebenheit.
Taishi lachte beschämt und dann aß sie mit Genuß.
Sie war es gewöhnt, Leute zu befehligen. Sie hatte schon immer gelernt, daß dies ihre Aufgabe im Leben sein würde. Sie wußte, wie sie soetwas zu tun hatte.
Sie hatte mit ihren Mannen schon verschiedene Schweine und Ziegen "zurückgeholt" und Vertriebene über die Grenze geschmuggelt, wo sie mit neuer Identität ein neues Leben beginnen konnten.

Als der nächste Tag begann, war sie bereits die Oberste Priesterin, sie konnte laufen, zwar nur mit Unterstützung von Karí, aber es ging.
Was ihre Ohnmacht und ihre lange Bewußtlosigkeit ausgelöst hatte, verdrängte sie sehr schnell in ihr Unterbewußtsein. Auch vergaß sie die Schreckensbilder mit dem Antritt ihrer neuen Pflichten.
Als sie Kaha erblickte, schickte sie alle anderen außer Yuka und Karí hinaus. Kaha sah sie ruhig und wie immer freundlich an:
"Warum hast du mir nicht gesagt, daß du einst die Oberste Priesterin warst? Was verbirgst du noch vor mir?" erkundigte sich Taishi in scharfem Ton.
"Mein Kind, das ist schon lange her und hat keine Bedeutung mehr. Ich war die Oberste Priesterin für viele Jahre, bis eine jüngere und schönere kam. Danach wurde ich ihre Dienerin für eine Zeit, dann schließlich landete ich als Tanzlehrerin hier in der Tanzhalle. Ich habe schon viele kommen sehen. Hana war bis jetzt am längsten hier." Kaha seufzte und schien in Erinnerungen versunken.
"Wie kann ich einem Gott dienen, den ich hasse und verachte? Ich wollte Oberste Priesterin werden, um Karí vor einer Vergewaltigung zu schützen! Wie kann ich jetzt diese Aufgabe übernehmen?" rief Taishi, zornig und erregt.
Yuka trat auf sie zu:
"Es ist nicht so, daß du als einzige einen Gott haßt, Taishi. Die Götter beherrschen die Menschen seit Anbeginn der Zeit, doch die Bedürfnisse und Probleme der Menschen sind ihnen unbekannt. Sie sehen nicht Tod und Elend, sondern Gold und Macht. Es ist an der Zeit, daß sich etwas ändert."
Irritiert musterte Taishi Yuka.
"Was redest du da, Yuka? Das ist Rebellion! Du lebst doch schließlich hier im Palast und bekommst dein Essen und hast dein weiches Bett. Was weißt du denn von Elend und Tod?" Ihre Stimme war wie eine scharfe Klinge.
Yuka öffnete sein Überrock und dann sein Hemd.
Weiße Narben durchbrachen die braune Haut. Sie sahen aus, wie verursacht von Peitschenhieben.
Taishi entfuhr ein Keuchen, doch Karí schrie entsetzt auf.
"DAS verstehe ich davon." sagte er schlicht und kleidete sich wieder an.
"Wenn du Yerwa so haßt, warum spielst du dann hier deine Musik??" Taishis Mund war staubtrocken. Sie hatte schon von Leuten gehört, die gefoltert worden waren, weil sie ein Schwein versteckt, oder heimlich Mehl gemahlen hatten.
Yuka lachte ein bitteres Lachen:
"Es ist nicht direkt Yerwa, den ich hasse. Die Götter hasse ich. Ihre Zeit ist vorüber, die Menschen sollten für sich selbst verantwortlich sein!"
Kaha nickte sanft.
"Als du das erste Mal hierher kamst, hattest du das Gefühl Verbündete gefunden zu haben. Das hast du. Wir arbeiten im Hintergrund und nicht so auffällig wie du und deine Mannen,"
Taishi runzelte die Stirn: "Woher wißt ihr davon?"
"Meinst du nicht, die Sagen und Gerüchte von Taishi und ihren Helfern hätten sich bereits in ganz Kokyo verbreitet? Du gabst den Menschen Hoffnung in ihrem Bestreben, endlich von der Herrschaft der Götter frei zu sein. Die Luft ist schon lange von dem Flüstern der Unzufriedenen und Entschlossenen erfüllt. Sie flüstern über Revolution. Sie flüstern von Eigenbestimmung und sie flüstern von der Legende."
Kaha beendete ihre Worte mit einem bedeutsamen Schweigen.
"Was für eine Legende?" fragte Karí mit ihrer hellen Stimme.
Kaha erhob sich und ihr Gesicht nahm einen abwesenden Ausdruck an:
"Den genauen Wortlaut kennt kein Mensch, nur die Götter. Mirai machte ihre Voraussage und Keizuko wiederholte sie in den Augenblicken seines Todes. Die Götter fürchten, wenn die Menschen erst die genaue Prophezeiung kennen, dann wären sie in der Lage, die Götter zu vernichten. Von der Prophezeiung ist nur bekannt, daß vier Menschen, welche die Namen der Winde tragen, zusammen fähig sein sollten, die Götter zu stürzen. Nun siehst du, weshalb alle deinen Namen mit Hoffnung oder Schrecken vernehmen, Taishi."

Taishi fühlte sich betrogen. Ihre Eltern hatten ihr diesen Namen also gegeben, um die Götter zu entthronen und nicht weil der Taishi ihrer Mutter in den Wehen ein Lied sang.
Sie fühlte, wie Tränen ihre Sicht verschleierten. Voller Wut lief sie davon.
"Warte Taishi!" rief Karí, die ganz fasziniert von der Vorstellung war, daß Taishi ein Teil einer Prophezeiung sein sollte.

Taishi lief einfach die Gänge entlang uns es war ihr egal. wo sie ankam.
Alles schien vom Schicksal bestimmt, oder einfach nur von ihren Eltern, die ihr einst einen so bedeutungs-vollen Namen gaben.
Ihr Vater hatte immer gesagt, es sei ihre Mutter gewesen, die Taishi benannt hatte und sie hatte ihrem Vater alles erzählt, das er später seiner Tochter sagen sollte. Als Taishi sieben Jahre alt war, starb ihre Mutter und als sie zwölf war, schließlich ihr Vater. Allein hatte sie immer dafür gekämpft, daß Anliegen ihrer Eltern zu verfolgen. Doch so einen Namen hatte sie nicht verdient!
Irgendwie fand Karí das Verhalten ihres Vorbildes seltsam. Immerhin war sie ein Teil einer Legende, die vielleicht sogar dafür sorgte, daß die Menschheit den Fron der Götterherrschaft entkam. Eigentlich hatte Taishi jeden Grund um stolz zu sein, denn sie selber hatte noch nie von einer Legende gehört, in der ein Held Karí hieß. Sie seufzte - dann mußte sie eben ein Teil der Legende werden!

Taishi gab es irgendwann auf, sich selbst zu bemitleiden und ging zu den Gemächern der Priesterinnen zurück. Überall bekundeten die Menschen ihren Respekt vor der neuen Obersten Priesterin, was Taishi vorkam wie blanker Hohn. Sie mit dem Namen des Nordwindes, die geboren wurde, um die Götter zu entthronen, war nun die Oberste Priesterin eines solchen Gottes....
"Endlich kommst du zurück!" holte sie eine bekannte Stimme zurück in die Realität. Taishi zuckte zusammen und dann starrte sie Kaha groß an:
"Was soll das heißen?" fragte sie.
"Du hast von jetzt an gewisse Pflichten zu erfüllen und am Besten erfüllst du sie gut, damit Yerwa nichts vermutet. Er findet es wahrscheinlich nur einfach interessant, einen Teil einer Legende als seine Untergebene bezeichnen zu können, aber wenn die Leute hören, daß die Tochter des Nordwindes die neue Oberste Priesterin ist, werden sie in den Tempel strömen. Dein Name wird ihnen neue Kraft und größeren Mut verleihen!!!"
Kaha schien von dieser Vorstellung sehr angetan.
Dann sah sie Taishi an:
"Vielleicht bedeutet dies aber auch, daß die Zeit des Wandels gekommen ist."
Taishi zweifelte doch sehr daran.
Götter waren untötbar und unsterblich.
Was hatten ihnen schon vier Menschen, die nun einmal zufällig die Namen der Winde trugen, entgegenzusetzen?
Taishi wußte, daß sie niemals einen Gott besiegen konnte. Wenn überhaupt ein Wesen einen Gott besiegen konnte, dann war dies ein anderer Gott.
Doch die hielten zusammen wie Pech und Schwefel oder Eis an einem Wollhandschuh.
Es gab wohl kaum irgendeinen Gott der sich auf die Seite derer stellen würde, die er ausnutzte und die ihm so gut dienten.
Menschen waren von den Göttern als ihre Diener erschaffen worden, wieso sollten sie sich einbilden, alleine zurechtzukommen?
Kaha erkannte Taishis Überlegungen und lächelte altklug.
"Noch bist du jung und glaubst an das, was hier jeder sagt und was über Generationen hinweg den Menschen eingeprägt wurde. Bald wirst du stärker zweifeln und einige Wahrheiten umstürzen. Komm Oberste Priesterin! Ich werde dir zeigen, welche Pflichten nun auf dich warten."
Taishi wollte ihr widersprechen, doch Kaha ließ keinen Widerspruch zu und ging ohne ein weiteres Wort einfach voraus, in Richtung Tempel.
Taishi beeilte sich, um mit ihr Schritt halten zu können. Kaha schien keine Rücksicht auf Taishi nehmen zu wollen, schließlich kamen sie durch die Türen, die in das Tempelinnere führten, nachdem sich diese nur für sie geöffnet hatten.
Dahinter fielen sehr viele Menschen auf die Knie und beugten ihre Häupter, um die neue Oberste Priesterin zu ehren.
Taishi war dies äußerst unangenehm, aber sie sah Kahas strengen Blick und nickte dankbar. Zu einem gesprochenen Wort war sie noch nicht fähig. Die Menschen erhoben ihren Blick zu ihr und sahen sie erwartungsvoll an. Taishi war klar, daß diese Leute mehr erwarteten als ein huldvolles Lächeln.
Neben sich erblickte sie aus den Augenwinkeln Yuka, der breit lächelnd an einer Säule lehnte und sich amüsierte.
Dann hob er seine Flöte und die altbekannte Melodie erfüllte die Luft und Taishi wußte, daß sie den Ehrentanz für Yerwa nun zeigen sollte. Den konnte sie nun wirklich ohne darüber nachzudenken. Sie begann also zu tanzen und alle schienen sofort mit ihrer neuen Priesterin zufrieden.
Verzückt starrten die Menschen auf Taishi.
Karí lachte und klatschte im Takt der Musik. Bald ahmten die anderen dies nach und die Stimmung war mehr wie auf einem Volksfest als die eher gesittete Laune eines Tempelbesuches.
Taishi taumelte nach dem Tanz außer Atem und erschöpft durch die Türen zurück in den privaten Bereich und dort wurde sie sofort mit leichtem Wein und frischen Früchten bewirtet.
"Ich bin zufrieden..." hörte sie Kahas Stimme wie von fern herangeweht. "Das Volk mag dich und bald werden sie dich lieben. Das bedeutet, daß sie die zuhören werden, wenn du ihnen etwas anderes als die üblichen Lobreden auf Yerwa erzählst."
Taishi holte tief Luft - mehr als Kahas Lob freute sie sich über das Strahlen auf Karís Gesicht, als sie sich in Schwärmereien über Taishis Tanzkünste erging. Die Hände verzückt vor der knospenden Brust gefaltet und neben ihr kniend schien sie das Abbild der Unschuld zu sein. Taishi war froh, daß sie Karí so erhalten hatte und lächelte gelöst.
Sie fand schnell Gefallen an den Tanzdarstellungen im Tempel, ebenso schnell fand sie heraus, wie sie den Menschen ein wenig helfen konnte, ohne daß es sehr auffiel.
Bei den Kindersegnungen gab sie jeder Familie, die ein Kind brachte, ein Sack mit gutem Getreide, daß sie im Frühjahr für die Aussaat verwenden konnten. Das andere, selbstgeerntete Getreide konnten sie so verbrauchen und hatten mehr zu Essen für einen Winter.
Taishis gute Taten blieben nicht unbekannt. Die Kokyoer strömten zum Tempel und Yerwa stellte zu seinem Vergnügen fest, daß ein Mädchen mit dem Namen des Nordwindes keinerlei Gefahr bedeutete, sondern eher seine Popularität steigerte und einen schönen Anblick beim Tanzen bot. Das fand auch sein Sohn Taron, der sich keine Vorführung mehr entgehen ließ.
Ob dieser Tanz nun dazu geeignet war, Yerwa zu würdigen war ihm egal. Er war nur erfüllt von dem Anblick der wirbelnden Farben und des entrückten und konzentrierten Gesichtes. Schon als er sie hatte am Tor zum Palast stehen sehen, war ihm nicht entgangen wie schön sie unter der Kruste von Härte und Schmutz war.
Daß sie seinem Vater gehören wollte, hatte er für Verschwendung gehalten.
Er war selber ein Sohn einer der Priesterinnen und Yerwas, darum wußte er, wie Yerwa sie nach einer Nacht behandelte. Keine amüsierte ihn länger als eine Woche.
Viele von Yerwas Kindern wuchsen bei den Priesterinnen auf. Sie hatten eine Art eigene Kinderstube unter den Fittichen der Priesterinnen, die, nachdem Yerwa ihrer überdrüssig war, nicht viel zu tun hatten. Die mit Kind schlossen sich zusammen um ihre Kinder gemeinsam zu erziehen und diese mußten in der Enge des Palastes aufwachsen, die sie sogar als Erwachsene kaum verlassen durften.
Die meisten wurden im Palast angestellt. Die Welt außerhalb der Palastmauern war für sie ebenso real wie ein Traum. Sie lebten meist sehr viel länger als normale Menschen, doch irgendwann starben auch diese Halbgötter. Taron hatte seine Mutter nun auch schon um viele Jahre überlebt. Er war nicht unsterblich, nur langlebig. Seine Stellung gefiel ihm. Seinem Vater gehorchte er, als richtigen Vater hatte er ihn allerdings nicht kennengelernt. Er liebte ihn nicht, ehrte ihn nicht besonders, aber hatte auch keine Veranlassung sein bequemes Leben aufzugeben.
Nun überlegte er, wie er dieses Mädchen davon überzeugen konnte, daß er attraktiv und erwägenswert sei.

Taishi wurde von Kaha instruiert, wie sie sich als Oberste Priesterin zu verhalten habe, gleichzeitig nutzten sie aber auch die Lücken im Sicherheitssystem, um den Menschen wenigstens etwas Hoffnung wiederzugeben. Sie verteilten Korn aus den Kammern Yerwas in den Segunugszeremonien, gaben den jungen Müttern Kleidung für ihre Kinder, welche die Kinder der Priesterinnen nicht mehr trugen und Kaha, die etwas von Kräutern verstand, verteilte auch Medizin an die Menschen.
Mehr und mehr Menschen strömten in den Tempel und priesen Yerwa, aber noch mehr priesen sie die Oberste Priesterin und ihre fleißigen Helferinnnen.
Yuka schien nur an seiner Musik interessiert, denn aus diesen Heimlichkeiten hielt er sich heraus. Er stand meist herum und putzte seine Instrumente, wenn Taishi, Kaha und Karí Besprechungen über weitere Hilfsmaßnahmen hielten.
Manchmal wunderte sich Taishi darüber, denn sie nahm an, daß sein Haß auf die Götter viel größer sein mußte als ihr eigener.
Das Tanzen erschöpfte sie fast immer und so geschah es, daß sie eines Tages, während einer Besprechung in Kahas Räumlichkeiten, kurz nachdem sie wieder einmal einen nachdenklichen Blick auf Yuka geworfen hatte, einnickte.
Sie sah plötzlich Yuka vor sich. Er stand auf einem Berghang und ein gewaltiger Erdrutsch donnerte auf ihn zu, doch er machte keinerlei Anstalten zu fliehen, sondern schien sogar zufrieden zu Lächeln. Auf seine Wangen waren seltsame dunkelrote Dreiecke gemalt, deren Farbe an dunkles Blut erinnerte. In seiner Hand hielt er einen Stab, der in der Erde steckte. Bevor die Steinlawine Yuka erreichen konnte erwachte Taishi schockartig.
Verwirrt sah sie sich um. Dann starrte sie Yuka versunken und prüfend an. Er sah nicht gefährlich aus, im Gegenteil, eigentlich wirkte er offen und friedlich.
Als ob sie versuchen wollte, den Traum loszuwerden, schüttelte sie heftig den Kopf.
Erst dann bemerkte sie, daß die anderen drei sie genauso verwirrt anstarrten, wie sie gerade den Musiker. Sie lächelte schwach um die anderen zu beruhigen:
"Es ist nichts, ich bin nur müde und ein wenig erschöpft." erklärte sie eilig.
Kahas Augen wurden enge Schlitze, als sie Taishi genau prüfte. Doch sie ging nicht weiter darauf ein und Karí plapperte schnell irgend etwas belangloses, wofür Taishi ihr dankbar war.

Am Abend des selben Tages suchte Yuka Taishi in ihren privaten Gemächern auf, wie sie nur der Obersten Priesterin zustanden. Derinda und Karí, die sich sehr gut verstanden, schliefen schon tief in einem Bett, während sich Taishi in ihrem Mini - Balkon - Garten den Sternenhimmel ansah.
"Ich möchte mit dir reden, Taishi." begann Yuka und Taishi nickte und sah ihn an.
"Was hast du heute geträumt? Kam ich darin vor?" fragte er.
Taishi überlegte kurz, ob sie ihm sagen sollte, was sie geträumt hatte, doch dann berichtete sie das, woran sie sich noch erinnerte.
Yuka schien sehr nachdenklich zu werden.
"Ich war nicht immer ein Musiker... Dort wo ich herkomme war ich ein Schamane, ein Mann, der in einem Stamm so etwas ist wie ein Priester. Aber ich habe niemals eine Steinlawine gesehen. Einen Stab hatte ich auch noch nie. Wieso träumst du so etwas?"
Taishi war den Tränen nahe:
"Ich weiß es auch nicht. Ich weiß es einfach nicht! Deshalb war ich auch so verwirrt ..."
Taishi sah mit ihren klaren Augen in den ebenso klaren Himmel. Sie schien nach Worten zu suchen:
"Eins aber weiß ich. Dieser Traum war anders als alle anderen Träume!"
Yuka schwieg. Der Gedanke, daß dies stimmen konnte, machte ihn nervös.

An einem anderen Ort bestieg eine Frau eine Chimäre, eine Mischung aus Löwe und Adler und hielt in ihrem Arm ein Ei. Es war schwarz und sehr groß, die Schale glänzte wie ein Schmetterlingskokon im Sternenlicht. Eine verhüllte Gestalt flüsterte ihr rasch noch ein paar Anweisungen zu, als eine zweite Gestalt aus den Schatten trat. Tränenspuren glänzten im Sternenlicht, doch die Mundwinkel zogen sich zu einem triumphierenden Lächeln nach oben, als die Chimäre mit der Frau und dem Ei verschwunden war.
Doch wollte der Strom der Tränen nicht versiegen und sie wandte sich ab, zerrissen und leer.
Die andere Gestalt blieb stehen. Sie schien mit dem Boden verwachsen zu sein.
Ihre Augen blieben trocken, aber ihre Mimik drückte Besorgnis aus.

Yuka beschäftigte Taishis Traum sehr. Es schien ihm, als sein eine Saite in ihm zum Klingen gebracht worden. Es ließ ihm keine Ruhe, daß er sich von einer Steinlawine töten ließ. Das klang gar nicht nach ihm. Er hoffte mehr Informationen von Taishi zu bekommen, doch sie wußte auch nicht mehr.
Da er aber so häufig zu ihr wollte, mußte er sich eine gute Ausrede einfallen lassen.
Er behauptete, daß er Taishi und Karí Flötenunterricht erteile. Diese Ausrede endete damit, daß er den beiden tatsächlich das Spielen auf der Flöte beibrachte.
Karí war eine hervorragende Schülerin, während Taishi schnell die Geduld verlor.
Außerdem versuchte sie selbst zu ermitteln, warum ein solcher Traum sie so aufwühlte.

So striff sie, abends, während sich Yuka bemühte, Karí ein komplizierteres Lied beizubringen, umher. Ihr Weg führte sie auch in den Tempel. Es war schon sehr spät, der Tempel geschlossen. Sie bemerkte einen Schatten, der sich bewegte. Es war an der Stelle, an der die Neugeborenen gesegnet wurden.
>> Dort halten sich doch eigentlich keine Wachen auf...<< dachte Taishi und schlich sich vorsichtig, soweit das in ihrem aufwendigen Gewand möglich war, an diesen Schatten an.
Sie spähte um die Ecke und war kampfbereit.
Doch sofort erkannte sie, daß dies nicht nötig war.
Auf einer Ausbuchtung der Wand, die als Bank genutzt wurde lag eine Frau. Sie schien zu schlafen. Ihr Gewand war zerfetzt und ihre Haare ein wüstes Büschel. Sie war eigentlich nur noch Haut und Knochen. In ihrem Arm lag schlafend ein Neugeborenes.
Taishi hatte schon einige gesehen, sie wußte, daß Neugeborene meist aussahen, wie ganz alte Menschen.
Doch dieses war süß und wunderschön.
Mitleid für die Frau erfaßte Taishi und sie ging vorsichtig zu ihr und rüttelte sie sanft am Arm. Er war kalt und steif.
Taishi begriff - diese Frau war tot.
Sie wich zurück. Das Kind schlief und schien keine Ahnung zu haben, daß seine Mutter nie wieder erwachen würde. Was sollte sie tun?
Taishi beugte sich über das Kind, das, eingehüllt in Lumpen und ein anscheinend sauberes Leintuch, friedlich schlief und unschuldiger sogar noch als Karí wirkte.
Es rührte sich nicht, als Taishi es auf den Arm nahm. Die Augen blieben geschlossen. Als ob es noch nicht ganz lebendig wäre. Vielleicht war es ein wenig verkühlt, weil die Nächte kühler wurden, da der Taishi das Land fest in seinen Krallen hielt. Besorgt drückte Taishi das Kind enger an ihren Körper.
Der wärmste Ort, der ihr einfiel waren die unterirdischen Kavernen mit ihren heißen Quellen.
Sie beschloß, das Kind dorthin zu bringen, auf dem Weg unterrichtete sie ein paar Diener darüber, daß eine tote Frau im Tempel lag.
Sie bat darum, dieser Frau die letzten Riten zukommen zu lassen.
Dann begab sie sich in die Kavernen, während die Diener den Tempel durchsuchten. Die Frau war verschwunden. Die Diener fragten sich, was ihre Herrin gewollt hatte. Sie beschlossen, daß es besser sei, ihr nichts darüber zu berichten.

Taishi entledigte sich ihrer Kleider und wickelte auch das Kind aus den Lumpen, noch immer rührte es sich nicht, obwohl es sich warm und lebendig anfühlte. Die Augen blieben geschlossen und auch die Gliedmaßen bewegten sich nicht. Taishi fragte sich, was mit diesem Kind los war. Es schien zu warten.
Sie entdeckte, daß es ein kleiner Junge war. Noch erstaunter war sie darüber, daß eine Frau, die so erbärmlich und mager gewesen war, ihr Kind hatte so gut ernähren können, denn der Junge schien gesund und rund.
Sie nahm ihn auf die Arme und stieg die wenigen in den Stein geschlagenen Stufen in das Becken hinab.

Nicht weit entfernt, auf einem Berghang, stand neben der Chimäre aus Löwe und Adler, eben jene verhüllte Gestalt und beobachtete den Palast.
"Erwache!" flüsterte sie. Dann striff sie die Lumpen ab, die sie im Tempel getragen hatte. Sie wandte sich zu der Chimäre.
"Wir sollten meiner Herrin Bericht erstatten." sprach sie und schwang sich auf den Rücken des Wesens.
Gemeinsam verschwanden sie in der Nacht.

Taishi beobachtete zu ihrer Beruhigung, daß der Junge seine Augen aufschlug, als sie ihn das Wasser hinabließ. Sein Gesicht verzog er zu einem seltsam unbeholfenen, zahnlosen Lächeln und ein freudiger Quietscher in einer hohen Tonlage drang aus seiner Kehle. Seine Augen waren so dunkel, daß Taishi die Farbe in der kärglichen Beleuchtung nicht erkennen konnte.
Sanft wiegte sie ihn in dem warmen Wasser.
"Was mache ich nun mit dir?" fragte sie laut. Dann stellte sie fest, daß sie nicht zu fragen brauchte. Sie würde ihn behalten. Diese Frau war in den Tempel gekommen, weil sie Hilfe gebraucht hatte, so würde Taishi den Wunsch der Toten ehren.
Taishi verließ die heißen Quellen und hüllte sich und den Knaben in die bereitliegenden weichen Tücher. Dann verließ sie die Kavernen, nur in das Tuch eingehüllt, den Jungen an sich gedrückt und lief zu ihren Gemächern.
Derinda war begeistert von dem Jungen ebenso Karí. Sie nahmen den Kleinen sofort in Beschlag. Sie kitzelten und verwöhnten ihn ein wenig. Derinda improvisierte eine Windel. Karí besorgte eine Nuckelflasche mit Pferdemilch aus der Kinderstube der Priesterinnen. Derinda schien ein wenig Erfahrung mit Kindern zu haben, denn sie nahm ihn auf den Arm und verstand es, ihm die Flasche so zu geben, daß er auch trinken konnte.
"Die arme Mutter..." strahlte Karí. "So einen niedlichen Knaben zurückzulassen muß ihr schwergefallen sein! Aber da wir nicht wissen, welchen Namen sie ihm gegeben hatte, sollten wir uns einen für ihn ausdenken!" fand sie und strich dem Kleinen über das Köpfchen.
Taishi stimmte dem zu, aber sie wußte keinen Namen.
Dafür war Karí um so einfallsreicher.
"Wie wäre es mit Ward oder Taiki? Oder Enandor?" schlug sie vor.
Derinda schüttelte den Kopf. Sie konnte zwar nicht sprechen, doch hören konnte sie um so besser. Sie legte den Kleinen auf das Bett und ging zum Kamin.
Dort fuhr sie mit dem Finger über den rußigen Rand und kehrte zu dem Jungen zurück.
Sie beugte sich über ihn und zeichnete mit dem Finger ein Zeichen auf seine Stirn.
Erst konnte Taishi nichts erkennen, da Derinda ihr die Sicht versperrte, doch dann erkannte sie, was die junge Frau meinte.
Auf der Stirn des Kindes war das Symbol des Lebens der Menschen, von der Erde geboren, um wieder zu Erde zu werden: Ein Kreis.
Taishi nickte, dieser Name war kurz und gut.
"Sehr gut Derinda - so werden wir ihn nennen."
"Was meinst du, Taishi? Ich verstehe nicht. Sollen wir ihn etwa Kreis nennen?" Karí war etwas enttäuscht, daß keiner ihrer Vorschläge angenommen worden war.
"Nein, was Derinda meint, ist die alte Bedeutung für dieses Zeichen. Also wird er Rin heißen." Der Name gefiel sogar Karí und sie flüsterte dem Kleinen ins Ohr:
"Willkommen in Yerwas Palast, kleiner Rin."

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