Zufalls-Zitat

"Ich bin deines Wunsches wegen hier." erklang die sanfte Stimme, die aus der Ewigkeit ins Leben kam.
Eine feine Hand berührte seine Wange, zog sein Herz aus seiner Brust, legte es offen.
Dort lag es nun, zitternd im Mondlicht, tanzend in seine Brust, frierend weil es so allein war.
Das Sternenwesen betrachtete es voller Mitleid.

[Greif dir einen fernen Stern - Nika]

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Farivar Kapitel 1

Voller Verachtung und Strenge blickte Arstan, König von Talas, auf seine drei Söhne, die ehrerbietig auf dem roten Teppich vor ihm knieten. Der älteste war Adylas, groß, kräftig mit kurzgeschorenem Haar, der mittlere, Alakis, im teuersten Putz und glänzenden Farben und der jüngste Avodres, unauffällig und verschreckt. Er erhob sich von seinem Thron, wechselte kurz einen Blick mit seiner Frau Aimara, die ihm aufmunternd zunickte, bevor er allen Anwesenden ein Zeichen gab, damit diese sich zurückzogen. Als der Saal sich geleert hatte, und eine unheimliche Stille eingekehrt war, trat er zu ihnen.
„Ich bin enttäuscht von euch,“ begann er eindringlich, gar nicht in seinem sonst üblichen, tragenden Ton. „Drei Söhne, und keinem kann ich mit ruhigem Gewissen den Thron anvertrauen.“

Keiner der Prinzen regte sich, außer Avodres, der noch etwas tiefer in sich zusammensank, geradezu, als ob der sich wünschte, in dem weichen Teppich versinken zu können.

„Erhebt euch!“, forderte der König mit einer ungeduldigen Handbewegung. Die drei Prinzen gehorchten erst nach kurzem Zögern, kamen aber auf die Beine und sahen ihren Vater fragend an.

König Arstan betrachtete seinen ältesten Sohn eingehend, in seinen Augen funkelte Berechnung.
„Adylas, du bist ein hervorragender Krieger und Heerführer, aber du kannst keiner Provokation widerstehen. Deine Gier nach Blut und Gewalt ist unersättlich. Ein König muss immer zuerst den friedlichen Weg gehen, bevor er zur Waffe greift – du würdest Talas in einen ewig währenden Krieg stürzen.“

Während Adylas seinen Vater mit einer Mischung aus Wut und Unglauben anstarrte – kampfbereit geradezu – verbarg Alakis ein Lächeln hinter seiner Hand, die er elegant vor den Mund hielt.
Sein Vater schnaubte verächtlich. „Und dann ist da Alakis, der durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist. Dir ist nichts und niemand wichtig. Jede Art von Loyalität und Respekt fehlen dir. Unter deiner Herrschaft würde das Land nur zu deinem eigenen Vorteil ausgebeutet.“
Mit gespieltem Gleichmut hob Alakis die Schultern, auch wenn das Lächeln aus seinem Gesicht verschwunden war.

Nun wandte sich Arstan an seinen jüngsten Sohn, dessen Augen sich angstvoll weiteten. Auf seinen Vater machte er den Eindruck eines Kaninchens, das in die Enge gedrängt worden war und um sein Leben bangte. „Avodres... Der Unauffindbare, der sich vor jeder Verantwortung drückt und lieber mit seinem Pferd ausreitet, als sich mit der Staatspolitik und seinen Pflichten zu befassen. Du wärest nur ein Schattenkönig, regieren würden dich entweder deine Brüder oder jeder andere, der dir Angst macht.“
Allein schon, dass Alakis ausnahmsweise nicht einfach alles abstritt, Adylas sein Schwert in der Scheide beließ und Avodres vor Furcht einfach erstarrt, aber nicht geflohen war, zeigte ihm, dass er seine Söhne getroffen und ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Ihren Vater und König respektierten sie derzeit also noch.

„Doch einer von euch wird meinen Thron erben, da es keine anderen Erben in Talas gibt. Also muss ich entscheiden, welcher von euch Dreien am ehesten das Potential hat, König zu werden.“
Weiterhin schwiegen die Prinzen, aber Arstan konnte schon die ersten Anzeichen von Widerwillen in Alakis erkennen und Adylas brodelte inzwischen vor unterdrücktem Zorn.
„Ihr werdet euch der Prüfung in den Heiligen Höhlen von Amhara stellen, dabei könnt ihr beweisen, dass ihr etwas anderes seid als unwürdige Thronanwärter.“
Nun brach auch die Restriktion durch Respekt bei den Prinzen. Als erster polterte Adylas los: „Die Heiligen Höhlen? Vater, die sind weit außerhalb von Talas! Wer soll Euch in dieser Zeit schützen?“
Arstan lachte kalt. „Bisher habe ich auch ohne deinen Schutz überlebt, du Bluthund.“
Alakis ignorierte seinen Bruder. „Vater, ich habe kein Interesse am Thron. Lasst Adylas und Avodres ziehen, wenn sie wollen.“
Für diese Bemerkung hatte Arstan nur ein verächtliches Lachen übrig. „Gerade du, Alakis, wirst dort einiges lernen können. Du wirst gehen, oder ich verbanne dich in die Maliste-Wüstenei.“ Dieser Entschluss duldete keinen Widerspruch und so blieb Alakis nur, seinen Vater mit düsteren Blicken zu bedenken. Das Leben in der Maliste -Wüstenei stand seinem eigenen diametral entgegen. Und er kannte seinen Vater und dessen Temperament zu gut, um diese Drohung als einen Scherz abzutun.

Avodres starrte seinen Vater nur mit großen Augen an, als ob er die Stimme der Göttermutter selbst vernommen hatte. Da er bei jedem Wetter und jeder Gelegenheit seine eigenen, ungebundenen Wege ging, war ihm sein Vater fremd. Umso größer war seine Angst.

„Ihr reitet zusammen und kehrt auch nur gemeinsam wieder nach Hause zurück.“ Arstans Stimme blieb zwar fest, nahm aber einen eher geschäftlichen Ton an.

Alakis rollte genervt mit den Augen. Er hasste Reiten, fuhr meistens mit der Kutsche oder flanierte, begleitet von seinem hübschen Schirmträger und wechselnden Geliebten, über die breiten, bunten Amüsierstraßen der Hauptstadt Harar.

Avodres hingegen schöpfte wieder neue Hoffnung. Durch das Land, hoch zu Ross und ohne Termine und höfische Verpflichtungen – die er eh meist in eine Ecke gedrückt unauffällig überstand – das klang nach einer Mission, die ihm gefallen konnte.

„Aber Vater, was ist wenn Talas oder gar Harar während meiner Abwesenheit angegriffen werden?“, meldete sich Adylas mit seiner tiefen Stimme zu Wort. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf, dabei überragte er sowohl seine beiden Brüder, als auch seinen Vater. „Wer wird dann Eure Truppe führen und das Land verteidigen?“
Der König winkte mit einer energischen Geste ab. „Warum sollte das geschehen? Solange du nicht hier bist, provoziert keiner unsere Nachbarn.“
Adylas sank wieder in sich zusammen.
„Sollte aber dieser unwahrscheinliche Fall eintreten, so bin ich durchaus in der Lage, die Truppen selbst anzuführen, mein Sohn“, fügte Arstan fest hinzu.
Adylas schrumpfte weiter.
Alakis trat zu seinem Bruder und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Auch wenn er das aufbrausende Temperament seines Bruders eher fürchtete als schätzte, wusste er doch auch, dass gerade Adylas als ältester Prinz immer versuchte, dem König zu gefallen.

Zusammen hatten Adylas und er als Knaben den königlichen Wohnsitz unsicher gemacht. Sie hatten jeden Winkel als Unterschlupf genutzt, um den Lehrern, Reitstunden und Erziehern zu entkommen. Als Avodres schließlich in das Alter kam, sich vor den Pflichten zu verstecken, waren sie beide schon zu alt gewesen, um mit ihrem kleinen Bruder zu spielen. Allerdings war der jüngste auch immer noch nicht aus dieser Lebensphase heraus gewachsen. Er verbarg sich in der Natur, blieb tagelang verschollen.
König Arstans Blick blieb hart, als er die Interaktion zwischen seinen älteren Söhnen beobachtete. „Geht zu Ervins in die Ställe. Er hat eure Pferde und Ausrüstung. Vor dem Sonnenuntergang erwartet euch das Gasthaus in Saténik“, erklärte er gnadenlos. Alakis erwiderte den kalten Blick seines Vaters und nickte.
„Kommt“, murmelte Adylas leise und zog Avodres am Ärmel mit sich, der stumm und starr geblieben war angesichts der Ungeheuerlichkeit, die sein Vater ihm zumutete. Alakis folgte ihnen, sein langer, pompöser Umhang flatterte dramatisch hinter ihm her - ein Effekt, den er durchaus für passend hielt.


Den vertrauten Weg zu den Ställen zu gehen, und dabei nicht zu wissen, wann und ob einer von ihnen diese Schritte wieder tun würde, stimmte die drei Brüder melancholisch.
Wie ihr Vater gesagt hatte, im Stall warteten drei ausdauernde Kaltblüter und bei ihnen der Stallmeister Ervins. Was er allerdings nicht erwähnt hatte, waren die beiden Frauen, welche die Prinzen ebenfalls erwarteten: Königin Aimara und ihre Schwester Nver, beide mit unglücklichen, aber gefassten Gesichtern.
„Meine Söhne“, begann Aimara, noch bevor einer der drei das Wort ergreifen konnte. „Ich weiß, wie ihr euch fühlt, aber bitte glaubt mir, eurem Vater fiel diese Entscheidung nicht leicht. Er will nur das beste für Talas.“ Die skeptischen Blicke ihrer beiden ältesten Söhne brachten ein trauriges Lächeln auf ihr Gesicht. „Und auch für euch.“
Das glaubte keiner der drei Prinzen, auch wenn sie ihrer Mutter zuliebe schwiegen.
Nver trat zu ihnen, in ihrer rechten Hand trug sie einen Tiegel in dem Pinsel lag. Fragend sah Adylas sie an. „Was hast du vor?“
„Das hier ist Wasser aus dem Fluss Sirvart, der in den Heiligen Höhlen von Amhara entspringt. Es soll euch an seine Quelle bringen, so dass ihr nicht vom Weg abkommt.“ Nver tauchte den Pinsel ein, und näherte sich Adylas, der am weitesten vorgetreten war. Aber der älteste Prinz wich zurück, als ob ihm Wasser schaden konnte.

Alakis schüttelte den Kopf über das irrationale Verhalten seines Bruders, seufzte ergeben und beugte sich zu seiner Tante. Nver malte geübt mit dem kühlen Wasser ein Zeichen auf seine Stirn, welches auf seiner Nase endete. Nachdem sie zurückgetreten war, zog Alakis Avodres zu sich, und hielt ihn Nver hin. Auch dem jüngste Prinz wurde das Zeichen aufgetragen. Adylas betrachtete die Zeremonie mit Argwohn, da er allen Glauben für ausgemachten Unfug hielt.
Avodres senkte seinen Blick vor seiner Tante, die ihm mit der freien Hand zärtlich die hellbraunen Haare verwuschelte, um ihm ein schmales Lächeln zu entlocken. Sehr sanft wehrte er sich und schob . „Ich bin kein Kind mehr“, murmelte er leise, halb amüsiert.
„Ich weiß“, erwiderte sie, doch ließ sie sich von diesen Zuneigungsbekundungen nicht abbringen. Entschlossen wandte sie sich an Adylas. „Jetzt bist du dran!“, drohte sie. Adylas hatte gesehen, dass ihm nichts geschah bei dieser Wasserzeichnung, also ließ er es – mit einem grimmigen Gesicht – über sich ergehen.
Während Nver sich Adylas widmete, wandte sich Königin Aimara an Alakis. „Ich habe dir andere Kleidung gebracht. In diesem Putz kannst du nicht durch Talas reiten.“ Sie reichte ihm ein Bündel Kleidung.
„Dann sehe ich ja aus wie Adylas und Avodres!“, beschwerte sich Alakis, als er den festen Stoff aus Naturleinen und den praktischen Schnitt der Hose sah.
Die Königin lachte kurz auf. „Sei nicht so eitel, Alakis. Diese Reise ist kein Spaziergang durch Harar, also kleide dich dementsprechend.“
„Genau, kleiner Bruder!“, tönte Adylas aus dem Hintergrund. „Wenn ich schon diesen Wasserzauber ertrage, dann kannst du das Aussehen eines Mannes statt dem eines Pfaus annehmen.“
Mit einem verächtlichen Schnauben nahm Alakis die Kleidung und zog sich um. Der Stoff kribbelte ungewohnt auf seiner Haut, aber nicht so unerträglich, wie er es sich vorgestellt hatte.
Adylas nickte anerkennend über die Verwandlung seines Bruders, bevor er sich zusammen mit Avodres zu ihrer Mutter gesellte. Die Königin betrachtete ihre Söhne mit tränenschweren Augen und einem bittersüßen Lächeln. „Möge die Göttermutter euch beschützen und in meine Arme zurückgeleiten“, sagte sie mit belegter Stimme, bevor sie jeden der drei Prinzen umarmte.
„Mach dir keine Sorgen, Mutter“, beruhigte Adylas sie, während ihrer Umarmung, “ ich werde schon auf die beiden aufpassen.“ Die Königin nahm diesen Vorsatz mit einem dankbaren Nicken zur Kenntnis.
Sie und Nver beobachteten, wie die drei Prinzen ihre Pferde an den Zügeln nahmen und begleiteten die Reisenden zum Tor. Nachdem die Prinzen aufgestiegen waren, trieben sie ihre Pferde an und winkten den Frauen zum Abschied.
Eher zögerlich erwiderten die beiden diesen Abschiedsgruß. Alakis entfernte sich als letzter und sah als einziger, wie seine Mutter bedrückt den Kopf an der Schulter ihrer Schwester barg. Willentlich wandte er seinen Blick ab, richtete ihn starr auf die Straße und folgte seinen Brüdern.
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Aktualisiert (Freitag, den 20. Januar 2012 um 14:33 Uhr)