Wohnzimmerengel - Teil 4
Wohnzimmerengel
Mit einem intensiven Schütteln und seinem Namen wurde er wieder geweckt. Verschlafen blinzelte er in das elektrische Licht, als ihm aufging, dass es draußen inzwischen Dunkel geworden war.
Er tastete nach seiner Brille und erst als er sie auf der Nase hatte, blickte er Hobbs an.
"Ich komme gleich", kam er allen Erklärungen des Engels zuvor, der nickte und lachte, bevor er wieder verschwand. Plump stolperte Nick ins Bad, ging aufs Klo und spülte schnell den aschernen Geschmack aus seinem Mund.
Da kitzelte es ihm in der Nase, der Duft von Kastanien, Backkartoffeln und Zimt.
Das Wasser lief ihm im Mund zusammen und er ging in die Küche, aber da war nur ein Gewirr aus Kellen und Töpfen. Anschließend sah er im Wohnzimmer nach und es entkam ihm ein verwundertes kleines Geräusch.
Hobbs hatte einen Servier-Tisch aus dem Telefontisch gemacht und darauf standen die Köstlichkeiten, während der Wohnzimmertisch festlich gedeckt war.
"Wow!", lobte er überwältigt. Hobbs hob wieder nur die Schultern, als sei das alles nichts großartiges. Als er aber auf den Platz zeigte, den er für Nick vorgesehen hatte, war seine Stimme warm und hüllte Nick ein, wie eine flauschige Decke.
"Setz dich doch, dann können wir essen."
Als Nick sich gesetzt hatte, fiel sein Blick auf den Baum. Die vorher noch nackte Tanne war mit roten Kugeln und Schleifen geschmückt, dazwischen hingen kleine Lebkuchenmänner und Pferdchen an roten Bändern. Dann fiel ihm auf, dass Hobbs sich für die elektrischen Lichter entschieden hatte, die zwischen den Zweigen hervorblitzen. Es wirkte sehr bilderbuchhaft, aber nicht übertrieben kitschig.
"Eins muss ich dir lassen, Hobbs", murmelte Nick, der nicht fassen konnte, dass dieser kleine, magere Mann, der nun neben ihm Platz genommen hatte, all das in der kurzen Zeit geschafft hatte.
"Was denn, Nick?"
"Du hast Stil."
Der Engel sah ihn völlig ahnungslos an, dann begann er zu lachen. "Ist das gut?"
"Sicher! Was denkst du denn?"
Darauf wusste der Engel anscheinend keine Antwort, wurde aber ein wenig rot, ganz leicht, dann stand er auf und nahm Nicks Teller, füllte ihn mit Huhn, Kastanien und Kartoffeln.
"Hier...", murmelte er sanft, füllte seinen eigenen Teller und setzte sich wieder, abwartend. Das machte Nick nervös, er fingerte nach der Stoffserviette, die neben dem Teller lag und breitete die auf seinem Schoß aus, dann sah er auf und direkt in Hobbs bodenlose Augen. Er fühlte, wie sein Körper erstarrte, dann fuhr er über sein Gesicht, um dieses seltsame Gefühl der Kribbeligkeit wieder loszuwerden.
"Äh..."
Das half auch nicht viel.
"Wir sollten vielleicht anfangen zu essen?", schlug er leise vor und Hobbs nickte zustimmend.
"Uh-huh, das sollten wir. Guten Appetit", wünschte der Engel, griff seine eigene Serviette und begann mit genießerischen Bewegungen zu kosten. Fast unbewusst machte Nick es ihm nach, und als sich der Geschmack in seinem Mund ausbreitete, wurde er erneut von Erinnerungen überfallen.
Die festliche Tafel im Esszimmer, von wo man den Baum in Wohnzimmer blinken sehen konnte. Die gespannte Erwartung, das Ziehen im Magen beim Gedanken an die Bescherung. Die amüsierten Worte seiner Eltern, wenn er und seine Schwester fragten, wann es soweit sei.
"Esst erst einmal!"
Ein verlorenes Lächeln stahl sich auf Nicks Gesicht, während die Gabel vor ihm in der Luft hing.
"Alles in Ordnung?", vernahm er Hobbs Stimme.
"Nein", flüsterte Nick, bevor er es sich anders überlegen konnte. "Aber du kannst nichts dafür."
Unerwartetenweise legte Hobbys seine Gabel hin und stupste seinen Gastgeber vorsichtig an.
"Ich weiß, was dich traurig macht. Aber keine Sorge, ich bin gekommen, um dir zu helfen."
Nicks Augenbrauen senkten sich über seine Augen.
"Wie willst du das wohl machen?", grollte er.
"Das darf ich nicht alles verraten, sonst verdirbt doch die Überraschung. " Dabei lächelte Hobbs anmutig, während seine Fingerspitzen leicht Nicks Ellenbogen berührten, das Pflaster schrappte ein wenig über die Wolle, machte ein leises Geräusch. Nick schauderte unter dieser fast unspürbaren Geste, doch bevor er sie verstehen konnte, war sie vorbei.
"Vorhin hast du noch gesagt, du hättest Hunger...", Hobbs deutet auf Nicks Teller. Verwirrt blinzelnd begann er erneut zu Essen, ohne diesmal von Visionen heimgesucht zu werden.
"Das ist total lecker", lobte er Hobbs, der erst kicherte und dann erleichtert schien.
"Ich dachte schon, du magst das gar nicht", gab er zu, bevor er aufgeregt die Hände zusammenschlug. "Stimmt ja, die Bescherung!"
Nick verschluckte sich fast.
"Be... Bescherung? Hobbs, ich bin doch kein Kind mehr", protestierte Nick erneut, seine Augen weiteten sich, doch Hobbs schüttelte den Kopf. "Glaub nicht, dass ich mir dessen nicht bewusst bin."
Der Engel verließ seinen Platz, hockte sich vor Nick auf die Knie. Dann faltete er die warmen Hände seines Gastgeber in seine, seine Augen fanden Nicks.
"Das hier ist nun mal Weihnachten, da gehören Geschenke dazu. Als Weihnachtsengel habe ich immer schon davon geträumt, einmal dabei zu sein. Bitte, mach einfach die Geschenke auf."
Nick spürte wie seine Hände zusammengedrückt wurde, Hobbs Augen hatten wieder diesen traurigen Zug, den er so unpassend fand für ein so delikates Gesicht. Irgendwie wirkte er dann noch jünger und zerbrechlicher, fast als würde er langsam verschwinden. Jedes noch so zarte Lächeln machte Hobbs realer.
"Na gut", lenkte Nick, immer noch ein wenig skeptisch ein und wurde mit einem herzbrechendem Lächeln belohnt. Als er ein wenig kopfschüttelnd die nächste Gabel an seinen Mund führte, merkte er, dass er auch grinste, breit und selig. Wieder kam die Frage in seinen Kopf, warum er eigentlich nicht bemerkte, was sein Gesicht machte, während er eigentlich eher grollte, grinste er wie ein Honigkuchenbär. Hobbs hatte eine befremdende Wirkung auf ihn. Dem angeblichen Engel schien es auch nicht viel auszumachen, dass er häufig unfreundlich war oder dass er das alles nicht wollte. Hobbs folgte seinem höchst eigenen Masterplan, ohne irgendwelche Hindernisse als unüberwindbar zu akzeptieren. Irgendwie fand Nick das beeindruckend, auch wenn es ihn auf der anderen Seite nervte.
Nachdem er satt und zufrieden seinen Teller von sich geschoben hatte, merkte er, wie Hobbs aufgeregter wurde.
"Was ist denn?"
"Ich bin so gespannt, ob dir meine Geschenke gefallen", gab der vermeintliche Engel zu. "Auch wenn du natürlich schon viel zu alt dafür bist."
Hobbs stand auf und stellte die Teller auf ein Tablett, brachte sie in die Küche, als Nick einfiel, dass er eigentlich helfen könnte. Also schnappte er sich den das restliche Geschirr und brachte es zu Hobbs, der es in die Spülmaschine einräumte.
"Bereit für die Bescherung?", fragte der Pseudo-Engel, während er die Maschine schloss, was Nick dazu brachte unentschlossen die Schultern zu heben.
"Nicht bereiter als sonst", maulte er leise, aber irgendwie war er schon neugierig, was Hobbs wohl für Geschenke für ihn hatte. Und noch mehr fragte er sich, wo Hobbs sie eigentlich her hatte, denn während des kurzen Einkaufs konnte er sie ja wohl kaum besorgt haben, oder?
"Dann kann es ja losgehen!" Hobbs erschien geradezu entzückt.
Ein wenig muffelig trottete Nick hinter Hobbs zurück ins Wohnzimmer, wo er dann auch die Geschenke unter dem Baum erfasste, die wohl schon eine ganze Zeit dort gelegen hatten, ohne dass er es bemerkt hatte. Als er seinen Engel ansah, musste er beinahe grinsen.
Hobbs knetete aufgeregt seine Hände und biss sich auf seine Unterlippe.
Ein geradezu göttliches Bild.
Grinsend hockte sich Nick neben den Baum und griff nach einem der Geschenke, eingepackt in rotes, schweres Papier, umhüllt von einer goldenen Schleife. Auch hier bewies der Engel wieder einmal Geschmack und Nick war beeindruckt.
"Soll ich das hier zuerst aufmachen?", erkundigte er sich, wobei er eigentlich nur gerne zusah, wie Hobbs Augen glänzten und der Engel begeisterter war, als er selbst.
"Ist mir egal, mach einfach irgendeins auf..." Hobbs legte seinen Kopf schräg und ließ seine Schwarzen Haare zur Seite fallen, so dass Nick wieder auffiel, wie sehr er sie berühren wollte, das ernüchterte ihn etwas.
"Dann mach ich das hier auf."
Gespannt verfolgten die dunklen Augen des Engels jede seiner Bewegungen. Wie er die Schleife löste und langsam das Papier aufschlug. Und wie sich Nicks Augen weiteten, als er endlich auf den Inhalt schaute.
"Wie...", war alles, was Nick heraus brachte, während er auf das Buch starrte. Vorsichtig nahm er es dann in die Hände, ließ das Papier achtlos auf den Boden fallen und betrachtete es von allen Seiten, ungläubig.
"Ist es das, wonach es aussieht?", fragte er gepresst, Tränen rauten seine Stimme auf. Hobbs nickte leicht, bevor er ein: "Ja" hauchte.
Fast Benommen schlug Nick das blau eingebundene Buch auf, betrachtete die erste Seite.
'Für meinen Nick von Deinem Opa'
"Wo hast... du... das her?", wisperte er, diesmal fühlte er, dass die Tränen seine Sicht verschleierten, bevor sie auf seine Wangen tropften. "Wo..."
"Es kam zu mir." Hobbs Stimme war warm und weich, bevor er mit der Hand über Nicks Wange strich, zart. Seine feinen Bartstoppeln knisterten unter dieser Berührung, die kühl und tröstend war.
Nick zog das Buch an seine Brust, umklammerte es, während Erinnerungen seine Gedanken vernebelten.
Das Buch in seiner Hand, der warme Blick seines Großvaters, als der lachte und fragte: "Na, gefällt es dir, Nick?"
"Opa, es ist doch nur ein dummes Buch!" Ein leiser Vorwurf und der Gedanke an einen Chemiekasten, der nun ungeschenkt blieb, trübten die Weihnachtsfreude. Doch sein Großvater lachte nur schelmisch, so wie er es oft getan hatte, bevor er Nicks Haare verwuschelte.
"Ja, du hast recht, Nick. Es ist nur ein dummes Buch von deinem dummen Opa." Dann hockte er sich neben seinen Enkel, wie immer mit einem feinen Schmunzeln auf den Lippen. "Aber weißt du was? Ich habe es von einem Engel."
"Das kann nicht sein, denn Engel gibt es nicht, sagt Mama."
"Sicher, aber wie ist es mit Weihnachtsengeln, hm? Wie ist es mit den Engeln, die zu Weihachten überall sind? Sogar auf unserer Tannenbaumspitze." Nick sah in Gedanken den hohen Baum vor sich, auf der Spitze der arme, zerschlagene Engel, dem er einst, als er noch kleiner gewesen war, versucht hatte, den Heiligenschein zu klauen, weil er damit Seifenblasen machen wollte. Anschließend hatte er ausprobiert, ob die goldenen Haare feuerfest waren.
Sie waren es nicht.
So waren sie verkohlt und verschmort, eher schwarz als Gold, aber der Engel hatte immer seinen rechtmäßigen Platz auf der Spitze des Baums behalten. Nick war sich sicher, dass der Engel ihm alles vergeben hatte, denn das Gesicht schien alles zu wissen und dennoch keinen Groll zu kennen. Das war etwas, was er bei keinem anderen Gesicht, außer vielleicht bei seinem Großvater gesehen hatte. Deswegen mochte er den Engel und seinen Opa. Sie nahmen einem Fehler und Patzer nicht übel.
"Vielleicht gibt es ein paar Weihnachtsengel...", gab Nick zu.
"Und einer beobachtet uns heute, ganz bestimmt. Er sieht hinab und freut sich, dass ich dir das Buch endlich gegeben habe. Dieser Engel gab dieses Buch mir, damit ich es wiederum dir gebe. Er war bestimmt aufgeregter als ich, fragte sich die ganze Zeit, ob es dir wohl gefallen würde. Wenn du es nicht magst, dann lass es hier bei mir und immer wenn du kommst, lese ich dir etwas daraus vor, hm? Vielleicht gefällt es dir ja dann?"
Nick schätzte es sehr, wenn sein Großvater ihm etwas vorlas und er sich währenddessen mit Keksen und Kakao voll stopfen konnte. Es war Freiraum für unorthodoxe Gedanken, neue Möglichkeiten. Es waren keine Ansprüche damit verbunden.
"Das klingt okay, Opa."
"Das habe ich mir schon fast gedacht. Und schau mal dort drüben, hat das Geschenk nicht fast die Größe von einem Chemiekasten?"
Nick lächelte trotz seiner Tränen, dann hob er ahnungslos die Schultern, bevor er sich an Hobbs wandte. "Meine Mutter sagte, es wäre nach seinem Tod verschwunden."
"Ich weiß, aber deine Mutter hatte es nur versehentlich weggelegt mit den anderen Sachen deines Großvaters."
Nick war sich nicht sicher, ob es 'versehentlich' gewesen war, denn seine Mutter hatte sich mit dem Vater seines Vaters nie sonderlich gut verstanden.
"Wo hast du es her?", murmelte Nick, während er seine Brille hob und darunter seine Augen trocken wischte. Hobbs schien sehr verzagt, was nicht so richtig zu ihm passte.
"Ich weiß es nicht mehr so ganz genau...", gab er schließlich zu. "Aber ich weiß genau, dass es auf dich gewartet hatte. Er wollte, dass du es bekommst."
Nick hielt sich noch ein wenig an dem Buch fest, dann legte er es auf den Boden vor sich, immer noch völlig gefesselt und ungläubig, dass dieses Stück seiner Kindheit doch noch zu ihm zurück gekehrt war.
"Keine Angst, nun bleibt es bei dir," flüsterte Hobbys, um Nick nicht aus seinem Traum zu reißen.
"Danke." Das Wort quoll aus Nicks tiefstem Herzen direkt auf seine Zunge, klar und süß.
"Mach weiter", drängte der Engel mit einem anerkennenden Lächeln, worauf sein Gastgeber nach dem nächsten Geschenk griff.
Innen war etwas, dass wie ein komplizierte Wecker aussah, nur irgendwie mit mehr Tasten.
"Das ist ein Gerät, das einen daran erinnert, wann man welche Blumen gießen muss", erklärte Hobbs hilfreich, als er Nicks ratlosen Gesichtsausdruck sah. Das war ein Hieb auf Nicks nicht-vorhandene Gießgewohnheiten und es war typisch, dass er erst nun bemerkte, dass seine Pflanzen nicht mehr ganz so welk aussahen, wie sie es gewöhnlich taten.
"Tja...", kurz kratzte er sich am Hinterkopf. "Meine Zugehfrau übernimmt das meistens."
Hobbs lachte. "Alle zwei Wochen reicht für die meisten Pflanzen einfach nicht."
Nick stimmte ja im Grunde zu, aber als er den Pflanzen-Timer betrachtete, schmollte er dennoch ein wenig. "Manchmal denke ich auch dran."
Hobbs kicherte noch einmal, bevor er den Kopf schüttelte. "Deswegen soll das Gerät dir helfen, öfter daran zu denken."
Mit einem bittersüßen Lächeln legte Nick den Blumen-Wecker zur Seite und wandte sich dem nächsten Geschenk zu.
Es war ein schwarzes Samtsäckchen, zusammengehalten von einer roten Kordel, die Nick schnell aufzog.
Aber als er in den Beutel spähte, fand er ihn leer.
"Da ist ja gar nichts drin", beschwerte er sich, aber in einem sehr freundlichen Ton, denn Hobbs hatte ihn mit dem Buch schon mehr als reichlich beschenkt.
"Natürlich ist da was drin..." Hobbs rückte näher zu seinem Gastgeber und linste über dessen Schulter.
"Also, ich sehe nichts. Das Ding hat innen roten Satin, aber sonst ist es total leer."
Nick hörte, wie Hobbs hinter ihm deutlich seufzte, bevor er lachte, doch diesmal waren da keine Glöckchen sondern eher Dornen.
"Es ist eine Art Überraschungsbeutel. Bestimmt machst du ihn eines Tages auf und erkennst, was drin ist." Die Stimme des Engels klang seltsam neutral, weit weg, so gar nicht nach... Hobbs. Nick sah sich um, versuchte das Gesicht unter den zu langen Ponysträhnen zu erkennen.
Hobbs konnte sich verdammt gut hinter diesen Haaren verstecken, wann immer ihm danach war.
"Hmm...", brummte Nick und sah noch einmal in den Beutel, der aber leer blieb. "Dann bin ich mal gespannt."
Er sah wieder das halb verborgene Gesicht an. Plötzlich sah Hobbs auf, der verletzte Gesichtsausdruck verschwunden. "Dann wirst du sicher an mich denken."
"Ganz bestimmt!", stimmte Nick ihm zu.
Hobbs lachte. "Schade, dass ich dann dein Gesicht nicht sehen kann." Dann stand er langsam auf, streckte sich und gähnte dabei.
Nick fand es nicht verwunderlich, dass der Engel müde war, nach allem, was er den Tag über getan hatte und musste ein wenig grinsen, weil auch Hobbs nicht unbezwinglich war.
"Wie wäre es, wenn wir jetzt noch ein wenig fernsehen und dann schlafen gehen?", schlug Nick leise vor, das Grinsen in seiner Stimme deutlich hörbar. Der Engel sah ihn eine Weile ruhig an, schließlich senkte er seinen Kopf, erst schüttelte er ihn leicht, doch dann nickte er entschlossen.
"Klingt gar nicht so schlecht."
Sie richteten es sich gemütlich auf der Couch ein, Nick suchte den passenden Süßkram zusammen, Hobbs schleppte ein paar Decken heran, setzte sich auf die Couch und prompt hatte er eine graue Katze bei sich, die darauf drängte, sich auf seinem Schoß zusammen zu rollen. Als Nick zurück in Wohnzimmer kam, fand er Hobbs, der gedankenverloren die Katze kraulte und dabei aus den dunklen Fenstern starrte.
"Alles in Ordnung?", wunderte er sich laut, während er Lebkuchen, Apfelsinen und Kekse auf dem Tisch abstellte.
Hobbs Kopf bewegte sich unbestimmt, ohne dass er sich umsah.
"Der Tag verging so schnell...", teilte er gedämpft mit. "Komisch."
Nick wusste keine Antwort, aber sein Blick fiel wieder auf das kostbarste aller Geschenke, das Buch seines Grovaters. Er hob es auf, fuhr mit dem Finger über den Satin-Einband und lächelte es noch einmal melancholisch, selig an.
Etwas, das er verloren geglaubt hatte, war zu ihm zurückgekehrt. Es war ein kleines Wunder und ein großes Glück, dass er nur dem kleinen, zarten Mann auf seiner Couch zu verdanken hatte.
Kurz dachte er daran, dass er versucht hatte, Hobbs wieder loszuwerden, dabei war es viel angenehmer, wie jetzt, zu zweit herum zu sitzen und nicht allein zu sein.
"Danke nochmals für das Buch, Hobbs."
Der Engel lächelte, die Mundwinkel verschwanden hinter dem schwarzen Haarvorhang, der wieder einmal das halbe Gesicht verdeckte. Nick war von einem Moment zum anderen unsicher.
Sonst war Hobbs immer die treibende Kraft an diesem Tag gewesen, diese Stille war schwer zu handhaben. Nick setzte sich neben Hobbs, doch der blieb abwesend.
Also schnappte sich Nick die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein.
Ein kitschiger Film mit einer super glücklichen Familie, die sich alle gern hatten, flimmerte über den Bildschirm, Es kam Nick vor wie ein Schlag ins Gesicht.
Frustriert schaltete er den Fernseher wieder aus. Erst dann stellte er fest, dass Hobbs Nasenspitze plötzlich nur ein Hauch von seiner eigenen entfernt aufgetaucht war.
"Warum hast du es ausgemacht?"
"Weil es scheiße war. Vielleicht lieber etwas Musik?"
"Uh-huh, das klingt gut. Solche, wie heute morgen im Auto, geht das?"
Nick grinste, Frustration vergessend. "Ich werd' mal sehen."
Leiste schaltete er das Radio an, das, wie zu erwarten war, sanfte Popmusik und Weihnachtslieder spielte. Hobbs seufzte mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
"Schön. Es wird langsam wärmer."
Nick verstand das zwar nicht, aber er nahm es hin.
Wieder setzte er sich neben Hobbs. Er nahm auf, wie der Engel in der verknäulten Decke saß, Monster auf seinem Schoß nur noch ein kleines, graues Häufchen Fell, der zu große Pullover fiel locker um seine schmale Gestalt. Das schönste waren seine Augen und seine Lippen, beides sanft und nachgiebig. Verzückt schien er den erleuchteten Tannenbaum anzusehen, statt die dunklen Fenster. Und Nick spürte was Hobbs meinte.
Auf eine unerklärbare Art war es tatsächlich wärmer geworden.
Der Engel lehnte sich zurück und schloss seine Augen.
"Macht es dir etwas aus, wenn ich ein wenig im Buch von meinem Großvater lese?", erkundigte sich Nick vorsichtig.
"Überhaupt nichts." Hobbs Augen öffneten sich wieder, tief und magnetisch. "Wenn du magst, kannst du mir ja vielleicht vorlesen."
Nick zögerte einen Augenblick, sein Blick wanderte zwischen dem Buch und den fragenden Augen hin und her. "Okay", gab er schließlich nach. Tausende von Erinnerungen stürmten auf ihn ein, als er die ersten Worte des Buches überflog. Guten, warmen, wichtigen Momente in seinem Leben wurde neuer Atem eingehaucht.
Seine Stimme war rau, weil er so tiefbewegt war, als er die ersten Worte vorlas, die für ihn so lange verloren gewesen waren. Doch dann fühlte er, wie die weisen Geschichten ihn wieder in ihren Bann zogen und die Worte wurden weicher und flüssiger. Eine Geschichte, über einen Mann auf der Suche nach dem Hinweis der ihm den Weg weisen sollte, wobei er sein Leben auf dieser Suche verschwendete. Am Ende seines Lebens war seine Suche für viele anderen zu einer Inspiration geworden, und er somit zu einem Wegweiser. Es gab keine Moral oder ein glückliches Ende.
Und endlich verstand er auch, was sein Großvater immer mit diesen Geschichten bezweckt hatte. Er hatte versucht, seinen Enkel zum Denken anzuregen.
Nick hielt inne und sah Hobbs an, der wieder seine Augen geschlossen hatte, während sein Kopf zur Seite gefallen war. Bei genauerer Betrachtung stellte Nick fest, dass Hobbs eingeschlafen war, ebenso wie die kleine, graue Katze auf seinem Schoß.
Nick legte das Buch beiseite und versuchte vorsichtig den Engel ein wenig wach zu rütteln, doch der murmelte nur etwas, dann rollte er sich in sich zusammen, was Monster verärgerte.
So konnte Nick die Couch nicht aufklappen und in ein Bett verwandeln, also schnappte er sich Hobbs, erstaunt darüber, wie leicht der schmale Körper tatsächlich war, ließ eine maulende Monster auf den Boden springen, und trug ihn zu seinem Bett. Dort bettete er Hobbs auf seine Nicht-Lieblingsseite, holte die Decke aus dem Wohnzimmer und breitete diese über dem mageren Engel aus. Murrend kam seine Katze und rollte sich wieder zu Hobbs Füßen ein, nachdem sie zuerst Nick mit einem 'Warum klaust du mir meinen bequemen Schlafplatz?' Blick bedacht hatte.
Nick betrachtete seine schlafenden Mitbewohner, alle beide mit seligen, ruhigen Gesichtsausdrücken, bevor er ins Wohnzimmer zurückkehrte, wo er noch ein wenig in dem Buch seines Großvaters las, bevor er den Stecker für die Kerzen am Weihnachtsbaum heraus zog, alle Lichter löschte, sowie das Radio verstummen ließ, in seinen warmen Schlafanzug schlüpfte, etwas nachlässig seine Zähne putzte, um endlich neben Hobbs in sein Bett zu sinken.
Einen Moment konzentrierte er sich, um Hobbs Atemzüge zu hören, doch so sehr er auch lauschte, er hörte nichts, außer seinen eigenen Luftzüge und den leisen Geräuschen der Stadt, die fern irgendwo noch wach war.
Er drehte sich auf die Seite und bemühte sich, ohne Brille den Engel im schummrigen Dunkel seines Zimmers zu erkennen, nur um sich zu versichern, dass Hobbs auch wirklich noch da war und nicht einfach verschwunden wie er auch unerwartet erschienen war.
Zum Glück lag eine Schattengestalt neben ihm und er lächelte beruhigt, wobei er sich albern vorkam.
Warum sollte Hobbs auch plötzlich nicht mehr da sein?
Nick seufzte wohlig und ließ zu, dass sich seine Augen schlossen.
Er tastete nach seiner Brille und erst als er sie auf der Nase hatte, blickte er Hobbs an.
"Ich komme gleich", kam er allen Erklärungen des Engels zuvor, der nickte und lachte, bevor er wieder verschwand. Plump stolperte Nick ins Bad, ging aufs Klo und spülte schnell den aschernen Geschmack aus seinem Mund.
Da kitzelte es ihm in der Nase, der Duft von Kastanien, Backkartoffeln und Zimt.
Das Wasser lief ihm im Mund zusammen und er ging in die Küche, aber da war nur ein Gewirr aus Kellen und Töpfen. Anschließend sah er im Wohnzimmer nach und es entkam ihm ein verwundertes kleines Geräusch.
Hobbs hatte einen Servier-Tisch aus dem Telefontisch gemacht und darauf standen die Köstlichkeiten, während der Wohnzimmertisch festlich gedeckt war.
"Wow!", lobte er überwältigt. Hobbs hob wieder nur die Schultern, als sei das alles nichts großartiges. Als er aber auf den Platz zeigte, den er für Nick vorgesehen hatte, war seine Stimme warm und hüllte Nick ein, wie eine flauschige Decke.
"Setz dich doch, dann können wir essen."
Als Nick sich gesetzt hatte, fiel sein Blick auf den Baum. Die vorher noch nackte Tanne war mit roten Kugeln und Schleifen geschmückt, dazwischen hingen kleine Lebkuchenmänner und Pferdchen an roten Bändern. Dann fiel ihm auf, dass Hobbs sich für die elektrischen Lichter entschieden hatte, die zwischen den Zweigen hervorblitzen. Es wirkte sehr bilderbuchhaft, aber nicht übertrieben kitschig.
"Eins muss ich dir lassen, Hobbs", murmelte Nick, der nicht fassen konnte, dass dieser kleine, magere Mann, der nun neben ihm Platz genommen hatte, all das in der kurzen Zeit geschafft hatte.
"Was denn, Nick?"
"Du hast Stil."
Der Engel sah ihn völlig ahnungslos an, dann begann er zu lachen. "Ist das gut?"
"Sicher! Was denkst du denn?"
Darauf wusste der Engel anscheinend keine Antwort, wurde aber ein wenig rot, ganz leicht, dann stand er auf und nahm Nicks Teller, füllte ihn mit Huhn, Kastanien und Kartoffeln.
"Hier...", murmelte er sanft, füllte seinen eigenen Teller und setzte sich wieder, abwartend. Das machte Nick nervös, er fingerte nach der Stoffserviette, die neben dem Teller lag und breitete die auf seinem Schoß aus, dann sah er auf und direkt in Hobbs bodenlose Augen. Er fühlte, wie sein Körper erstarrte, dann fuhr er über sein Gesicht, um dieses seltsame Gefühl der Kribbeligkeit wieder loszuwerden.
"Äh..."
Das half auch nicht viel.
"Wir sollten vielleicht anfangen zu essen?", schlug er leise vor und Hobbs nickte zustimmend.
"Uh-huh, das sollten wir. Guten Appetit", wünschte der Engel, griff seine eigene Serviette und begann mit genießerischen Bewegungen zu kosten. Fast unbewusst machte Nick es ihm nach, und als sich der Geschmack in seinem Mund ausbreitete, wurde er erneut von Erinnerungen überfallen.
Die festliche Tafel im Esszimmer, von wo man den Baum in Wohnzimmer blinken sehen konnte. Die gespannte Erwartung, das Ziehen im Magen beim Gedanken an die Bescherung. Die amüsierten Worte seiner Eltern, wenn er und seine Schwester fragten, wann es soweit sei.
"Esst erst einmal!"
Ein verlorenes Lächeln stahl sich auf Nicks Gesicht, während die Gabel vor ihm in der Luft hing.
"Alles in Ordnung?", vernahm er Hobbs Stimme.
"Nein", flüsterte Nick, bevor er es sich anders überlegen konnte. "Aber du kannst nichts dafür."
Unerwartetenweise legte Hobbys seine Gabel hin und stupste seinen Gastgeber vorsichtig an.
"Ich weiß, was dich traurig macht. Aber keine Sorge, ich bin gekommen, um dir zu helfen."
Nicks Augenbrauen senkten sich über seine Augen.
"Wie willst du das wohl machen?", grollte er.
"Das darf ich nicht alles verraten, sonst verdirbt doch die Überraschung. " Dabei lächelte Hobbs anmutig, während seine Fingerspitzen leicht Nicks Ellenbogen berührten, das Pflaster schrappte ein wenig über die Wolle, machte ein leises Geräusch. Nick schauderte unter dieser fast unspürbaren Geste, doch bevor er sie verstehen konnte, war sie vorbei.
"Vorhin hast du noch gesagt, du hättest Hunger...", Hobbs deutet auf Nicks Teller. Verwirrt blinzelnd begann er erneut zu Essen, ohne diesmal von Visionen heimgesucht zu werden.
"Das ist total lecker", lobte er Hobbs, der erst kicherte und dann erleichtert schien.
"Ich dachte schon, du magst das gar nicht", gab er zu, bevor er aufgeregt die Hände zusammenschlug. "Stimmt ja, die Bescherung!"
Nick verschluckte sich fast.
"Be... Bescherung? Hobbs, ich bin doch kein Kind mehr", protestierte Nick erneut, seine Augen weiteten sich, doch Hobbs schüttelte den Kopf. "Glaub nicht, dass ich mir dessen nicht bewusst bin."
Der Engel verließ seinen Platz, hockte sich vor Nick auf die Knie. Dann faltete er die warmen Hände seines Gastgeber in seine, seine Augen fanden Nicks.
"Das hier ist nun mal Weihnachten, da gehören Geschenke dazu. Als Weihnachtsengel habe ich immer schon davon geträumt, einmal dabei zu sein. Bitte, mach einfach die Geschenke auf."
Nick spürte wie seine Hände zusammengedrückt wurde, Hobbs Augen hatten wieder diesen traurigen Zug, den er so unpassend fand für ein so delikates Gesicht. Irgendwie wirkte er dann noch jünger und zerbrechlicher, fast als würde er langsam verschwinden. Jedes noch so zarte Lächeln machte Hobbs realer.
"Na gut", lenkte Nick, immer noch ein wenig skeptisch ein und wurde mit einem herzbrechendem Lächeln belohnt. Als er ein wenig kopfschüttelnd die nächste Gabel an seinen Mund führte, merkte er, dass er auch grinste, breit und selig. Wieder kam die Frage in seinen Kopf, warum er eigentlich nicht bemerkte, was sein Gesicht machte, während er eigentlich eher grollte, grinste er wie ein Honigkuchenbär. Hobbs hatte eine befremdende Wirkung auf ihn. Dem angeblichen Engel schien es auch nicht viel auszumachen, dass er häufig unfreundlich war oder dass er das alles nicht wollte. Hobbs folgte seinem höchst eigenen Masterplan, ohne irgendwelche Hindernisse als unüberwindbar zu akzeptieren. Irgendwie fand Nick das beeindruckend, auch wenn es ihn auf der anderen Seite nervte.
Nachdem er satt und zufrieden seinen Teller von sich geschoben hatte, merkte er, wie Hobbs aufgeregter wurde.
"Was ist denn?"
"Ich bin so gespannt, ob dir meine Geschenke gefallen", gab der vermeintliche Engel zu. "Auch wenn du natürlich schon viel zu alt dafür bist."
Hobbs stand auf und stellte die Teller auf ein Tablett, brachte sie in die Küche, als Nick einfiel, dass er eigentlich helfen könnte. Also schnappte er sich den das restliche Geschirr und brachte es zu Hobbs, der es in die Spülmaschine einräumte.
"Bereit für die Bescherung?", fragte der Pseudo-Engel, während er die Maschine schloss, was Nick dazu brachte unentschlossen die Schultern zu heben.
"Nicht bereiter als sonst", maulte er leise, aber irgendwie war er schon neugierig, was Hobbs wohl für Geschenke für ihn hatte. Und noch mehr fragte er sich, wo Hobbs sie eigentlich her hatte, denn während des kurzen Einkaufs konnte er sie ja wohl kaum besorgt haben, oder?
"Dann kann es ja losgehen!" Hobbs erschien geradezu entzückt.
Ein wenig muffelig trottete Nick hinter Hobbs zurück ins Wohnzimmer, wo er dann auch die Geschenke unter dem Baum erfasste, die wohl schon eine ganze Zeit dort gelegen hatten, ohne dass er es bemerkt hatte. Als er seinen Engel ansah, musste er beinahe grinsen.
Hobbs knetete aufgeregt seine Hände und biss sich auf seine Unterlippe.
Ein geradezu göttliches Bild.
Grinsend hockte sich Nick neben den Baum und griff nach einem der Geschenke, eingepackt in rotes, schweres Papier, umhüllt von einer goldenen Schleife. Auch hier bewies der Engel wieder einmal Geschmack und Nick war beeindruckt.
"Soll ich das hier zuerst aufmachen?", erkundigte er sich, wobei er eigentlich nur gerne zusah, wie Hobbs Augen glänzten und der Engel begeisterter war, als er selbst.
"Ist mir egal, mach einfach irgendeins auf..." Hobbs legte seinen Kopf schräg und ließ seine Schwarzen Haare zur Seite fallen, so dass Nick wieder auffiel, wie sehr er sie berühren wollte, das ernüchterte ihn etwas.
"Dann mach ich das hier auf."
Gespannt verfolgten die dunklen Augen des Engels jede seiner Bewegungen. Wie er die Schleife löste und langsam das Papier aufschlug. Und wie sich Nicks Augen weiteten, als er endlich auf den Inhalt schaute.
"Wie...", war alles, was Nick heraus brachte, während er auf das Buch starrte. Vorsichtig nahm er es dann in die Hände, ließ das Papier achtlos auf den Boden fallen und betrachtete es von allen Seiten, ungläubig.
"Ist es das, wonach es aussieht?", fragte er gepresst, Tränen rauten seine Stimme auf. Hobbs nickte leicht, bevor er ein: "Ja" hauchte.
Fast Benommen schlug Nick das blau eingebundene Buch auf, betrachtete die erste Seite.
'Für meinen Nick von Deinem Opa'
"Wo hast... du... das her?", wisperte er, diesmal fühlte er, dass die Tränen seine Sicht verschleierten, bevor sie auf seine Wangen tropften. "Wo..."
"Es kam zu mir." Hobbs Stimme war warm und weich, bevor er mit der Hand über Nicks Wange strich, zart. Seine feinen Bartstoppeln knisterten unter dieser Berührung, die kühl und tröstend war.
Nick zog das Buch an seine Brust, umklammerte es, während Erinnerungen seine Gedanken vernebelten.
Das Buch in seiner Hand, der warme Blick seines Großvaters, als der lachte und fragte: "Na, gefällt es dir, Nick?"
"Opa, es ist doch nur ein dummes Buch!" Ein leiser Vorwurf und der Gedanke an einen Chemiekasten, der nun ungeschenkt blieb, trübten die Weihnachtsfreude. Doch sein Großvater lachte nur schelmisch, so wie er es oft getan hatte, bevor er Nicks Haare verwuschelte.
"Ja, du hast recht, Nick. Es ist nur ein dummes Buch von deinem dummen Opa." Dann hockte er sich neben seinen Enkel, wie immer mit einem feinen Schmunzeln auf den Lippen. "Aber weißt du was? Ich habe es von einem Engel."
"Das kann nicht sein, denn Engel gibt es nicht, sagt Mama."
"Sicher, aber wie ist es mit Weihnachtsengeln, hm? Wie ist es mit den Engeln, die zu Weihachten überall sind? Sogar auf unserer Tannenbaumspitze." Nick sah in Gedanken den hohen Baum vor sich, auf der Spitze der arme, zerschlagene Engel, dem er einst, als er noch kleiner gewesen war, versucht hatte, den Heiligenschein zu klauen, weil er damit Seifenblasen machen wollte. Anschließend hatte er ausprobiert, ob die goldenen Haare feuerfest waren.
Sie waren es nicht.
So waren sie verkohlt und verschmort, eher schwarz als Gold, aber der Engel hatte immer seinen rechtmäßigen Platz auf der Spitze des Baums behalten. Nick war sich sicher, dass der Engel ihm alles vergeben hatte, denn das Gesicht schien alles zu wissen und dennoch keinen Groll zu kennen. Das war etwas, was er bei keinem anderen Gesicht, außer vielleicht bei seinem Großvater gesehen hatte. Deswegen mochte er den Engel und seinen Opa. Sie nahmen einem Fehler und Patzer nicht übel.
"Vielleicht gibt es ein paar Weihnachtsengel...", gab Nick zu.
"Und einer beobachtet uns heute, ganz bestimmt. Er sieht hinab und freut sich, dass ich dir das Buch endlich gegeben habe. Dieser Engel gab dieses Buch mir, damit ich es wiederum dir gebe. Er war bestimmt aufgeregter als ich, fragte sich die ganze Zeit, ob es dir wohl gefallen würde. Wenn du es nicht magst, dann lass es hier bei mir und immer wenn du kommst, lese ich dir etwas daraus vor, hm? Vielleicht gefällt es dir ja dann?"
Nick schätzte es sehr, wenn sein Großvater ihm etwas vorlas und er sich währenddessen mit Keksen und Kakao voll stopfen konnte. Es war Freiraum für unorthodoxe Gedanken, neue Möglichkeiten. Es waren keine Ansprüche damit verbunden.
"Das klingt okay, Opa."
"Das habe ich mir schon fast gedacht. Und schau mal dort drüben, hat das Geschenk nicht fast die Größe von einem Chemiekasten?"
Nick lächelte trotz seiner Tränen, dann hob er ahnungslos die Schultern, bevor er sich an Hobbs wandte. "Meine Mutter sagte, es wäre nach seinem Tod verschwunden."
"Ich weiß, aber deine Mutter hatte es nur versehentlich weggelegt mit den anderen Sachen deines Großvaters."
Nick war sich nicht sicher, ob es 'versehentlich' gewesen war, denn seine Mutter hatte sich mit dem Vater seines Vaters nie sonderlich gut verstanden.
"Wo hast du es her?", murmelte Nick, während er seine Brille hob und darunter seine Augen trocken wischte. Hobbs schien sehr verzagt, was nicht so richtig zu ihm passte.
"Ich weiß es nicht mehr so ganz genau...", gab er schließlich zu. "Aber ich weiß genau, dass es auf dich gewartet hatte. Er wollte, dass du es bekommst."
Nick hielt sich noch ein wenig an dem Buch fest, dann legte er es auf den Boden vor sich, immer noch völlig gefesselt und ungläubig, dass dieses Stück seiner Kindheit doch noch zu ihm zurück gekehrt war.
"Keine Angst, nun bleibt es bei dir," flüsterte Hobbys, um Nick nicht aus seinem Traum zu reißen.
"Danke." Das Wort quoll aus Nicks tiefstem Herzen direkt auf seine Zunge, klar und süß.
"Mach weiter", drängte der Engel mit einem anerkennenden Lächeln, worauf sein Gastgeber nach dem nächsten Geschenk griff.
Innen war etwas, dass wie ein komplizierte Wecker aussah, nur irgendwie mit mehr Tasten.
"Das ist ein Gerät, das einen daran erinnert, wann man welche Blumen gießen muss", erklärte Hobbs hilfreich, als er Nicks ratlosen Gesichtsausdruck sah. Das war ein Hieb auf Nicks nicht-vorhandene Gießgewohnheiten und es war typisch, dass er erst nun bemerkte, dass seine Pflanzen nicht mehr ganz so welk aussahen, wie sie es gewöhnlich taten.
"Tja...", kurz kratzte er sich am Hinterkopf. "Meine Zugehfrau übernimmt das meistens."
Hobbs lachte. "Alle zwei Wochen reicht für die meisten Pflanzen einfach nicht."
Nick stimmte ja im Grunde zu, aber als er den Pflanzen-Timer betrachtete, schmollte er dennoch ein wenig. "Manchmal denke ich auch dran."
Hobbs kicherte noch einmal, bevor er den Kopf schüttelte. "Deswegen soll das Gerät dir helfen, öfter daran zu denken."
Mit einem bittersüßen Lächeln legte Nick den Blumen-Wecker zur Seite und wandte sich dem nächsten Geschenk zu.
Es war ein schwarzes Samtsäckchen, zusammengehalten von einer roten Kordel, die Nick schnell aufzog.
Aber als er in den Beutel spähte, fand er ihn leer.
"Da ist ja gar nichts drin", beschwerte er sich, aber in einem sehr freundlichen Ton, denn Hobbs hatte ihn mit dem Buch schon mehr als reichlich beschenkt.
"Natürlich ist da was drin..." Hobbs rückte näher zu seinem Gastgeber und linste über dessen Schulter.
"Also, ich sehe nichts. Das Ding hat innen roten Satin, aber sonst ist es total leer."
Nick hörte, wie Hobbs hinter ihm deutlich seufzte, bevor er lachte, doch diesmal waren da keine Glöckchen sondern eher Dornen.
"Es ist eine Art Überraschungsbeutel. Bestimmt machst du ihn eines Tages auf und erkennst, was drin ist." Die Stimme des Engels klang seltsam neutral, weit weg, so gar nicht nach... Hobbs. Nick sah sich um, versuchte das Gesicht unter den zu langen Ponysträhnen zu erkennen.
Hobbs konnte sich verdammt gut hinter diesen Haaren verstecken, wann immer ihm danach war.
"Hmm...", brummte Nick und sah noch einmal in den Beutel, der aber leer blieb. "Dann bin ich mal gespannt."
Er sah wieder das halb verborgene Gesicht an. Plötzlich sah Hobbs auf, der verletzte Gesichtsausdruck verschwunden. "Dann wirst du sicher an mich denken."
"Ganz bestimmt!", stimmte Nick ihm zu.
Hobbs lachte. "Schade, dass ich dann dein Gesicht nicht sehen kann." Dann stand er langsam auf, streckte sich und gähnte dabei.
Nick fand es nicht verwunderlich, dass der Engel müde war, nach allem, was er den Tag über getan hatte und musste ein wenig grinsen, weil auch Hobbs nicht unbezwinglich war.
"Wie wäre es, wenn wir jetzt noch ein wenig fernsehen und dann schlafen gehen?", schlug Nick leise vor, das Grinsen in seiner Stimme deutlich hörbar. Der Engel sah ihn eine Weile ruhig an, schließlich senkte er seinen Kopf, erst schüttelte er ihn leicht, doch dann nickte er entschlossen.
"Klingt gar nicht so schlecht."
Sie richteten es sich gemütlich auf der Couch ein, Nick suchte den passenden Süßkram zusammen, Hobbs schleppte ein paar Decken heran, setzte sich auf die Couch und prompt hatte er eine graue Katze bei sich, die darauf drängte, sich auf seinem Schoß zusammen zu rollen. Als Nick zurück in Wohnzimmer kam, fand er Hobbs, der gedankenverloren die Katze kraulte und dabei aus den dunklen Fenstern starrte.
"Alles in Ordnung?", wunderte er sich laut, während er Lebkuchen, Apfelsinen und Kekse auf dem Tisch abstellte.
Hobbs Kopf bewegte sich unbestimmt, ohne dass er sich umsah.
"Der Tag verging so schnell...", teilte er gedämpft mit. "Komisch."
Nick wusste keine Antwort, aber sein Blick fiel wieder auf das kostbarste aller Geschenke, das Buch seines Grovaters. Er hob es auf, fuhr mit dem Finger über den Satin-Einband und lächelte es noch einmal melancholisch, selig an.
Etwas, das er verloren geglaubt hatte, war zu ihm zurückgekehrt. Es war ein kleines Wunder und ein großes Glück, dass er nur dem kleinen, zarten Mann auf seiner Couch zu verdanken hatte.
Kurz dachte er daran, dass er versucht hatte, Hobbs wieder loszuwerden, dabei war es viel angenehmer, wie jetzt, zu zweit herum zu sitzen und nicht allein zu sein.
"Danke nochmals für das Buch, Hobbs."
Der Engel lächelte, die Mundwinkel verschwanden hinter dem schwarzen Haarvorhang, der wieder einmal das halbe Gesicht verdeckte. Nick war von einem Moment zum anderen unsicher.
Sonst war Hobbs immer die treibende Kraft an diesem Tag gewesen, diese Stille war schwer zu handhaben. Nick setzte sich neben Hobbs, doch der blieb abwesend.
Also schnappte sich Nick die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein.
Ein kitschiger Film mit einer super glücklichen Familie, die sich alle gern hatten, flimmerte über den Bildschirm, Es kam Nick vor wie ein Schlag ins Gesicht.
Frustriert schaltete er den Fernseher wieder aus. Erst dann stellte er fest, dass Hobbs Nasenspitze plötzlich nur ein Hauch von seiner eigenen entfernt aufgetaucht war.
"Warum hast du es ausgemacht?"
"Weil es scheiße war. Vielleicht lieber etwas Musik?"
"Uh-huh, das klingt gut. Solche, wie heute morgen im Auto, geht das?"
Nick grinste, Frustration vergessend. "Ich werd' mal sehen."
Leiste schaltete er das Radio an, das, wie zu erwarten war, sanfte Popmusik und Weihnachtslieder spielte. Hobbs seufzte mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
"Schön. Es wird langsam wärmer."
Nick verstand das zwar nicht, aber er nahm es hin.
Wieder setzte er sich neben Hobbs. Er nahm auf, wie der Engel in der verknäulten Decke saß, Monster auf seinem Schoß nur noch ein kleines, graues Häufchen Fell, der zu große Pullover fiel locker um seine schmale Gestalt. Das schönste waren seine Augen und seine Lippen, beides sanft und nachgiebig. Verzückt schien er den erleuchteten Tannenbaum anzusehen, statt die dunklen Fenster. Und Nick spürte was Hobbs meinte.
Auf eine unerklärbare Art war es tatsächlich wärmer geworden.
Der Engel lehnte sich zurück und schloss seine Augen.
"Macht es dir etwas aus, wenn ich ein wenig im Buch von meinem Großvater lese?", erkundigte sich Nick vorsichtig.
"Überhaupt nichts." Hobbs Augen öffneten sich wieder, tief und magnetisch. "Wenn du magst, kannst du mir ja vielleicht vorlesen."
Nick zögerte einen Augenblick, sein Blick wanderte zwischen dem Buch und den fragenden Augen hin und her. "Okay", gab er schließlich nach. Tausende von Erinnerungen stürmten auf ihn ein, als er die ersten Worte des Buches überflog. Guten, warmen, wichtigen Momente in seinem Leben wurde neuer Atem eingehaucht.
Seine Stimme war rau, weil er so tiefbewegt war, als er die ersten Worte vorlas, die für ihn so lange verloren gewesen waren. Doch dann fühlte er, wie die weisen Geschichten ihn wieder in ihren Bann zogen und die Worte wurden weicher und flüssiger. Eine Geschichte, über einen Mann auf der Suche nach dem Hinweis der ihm den Weg weisen sollte, wobei er sein Leben auf dieser Suche verschwendete. Am Ende seines Lebens war seine Suche für viele anderen zu einer Inspiration geworden, und er somit zu einem Wegweiser. Es gab keine Moral oder ein glückliches Ende.
Und endlich verstand er auch, was sein Großvater immer mit diesen Geschichten bezweckt hatte. Er hatte versucht, seinen Enkel zum Denken anzuregen.
Nick hielt inne und sah Hobbs an, der wieder seine Augen geschlossen hatte, während sein Kopf zur Seite gefallen war. Bei genauerer Betrachtung stellte Nick fest, dass Hobbs eingeschlafen war, ebenso wie die kleine, graue Katze auf seinem Schoß.
Nick legte das Buch beiseite und versuchte vorsichtig den Engel ein wenig wach zu rütteln, doch der murmelte nur etwas, dann rollte er sich in sich zusammen, was Monster verärgerte.
So konnte Nick die Couch nicht aufklappen und in ein Bett verwandeln, also schnappte er sich Hobbs, erstaunt darüber, wie leicht der schmale Körper tatsächlich war, ließ eine maulende Monster auf den Boden springen, und trug ihn zu seinem Bett. Dort bettete er Hobbs auf seine Nicht-Lieblingsseite, holte die Decke aus dem Wohnzimmer und breitete diese über dem mageren Engel aus. Murrend kam seine Katze und rollte sich wieder zu Hobbs Füßen ein, nachdem sie zuerst Nick mit einem 'Warum klaust du mir meinen bequemen Schlafplatz?' Blick bedacht hatte.
Nick betrachtete seine schlafenden Mitbewohner, alle beide mit seligen, ruhigen Gesichtsausdrücken, bevor er ins Wohnzimmer zurückkehrte, wo er noch ein wenig in dem Buch seines Großvaters las, bevor er den Stecker für die Kerzen am Weihnachtsbaum heraus zog, alle Lichter löschte, sowie das Radio verstummen ließ, in seinen warmen Schlafanzug schlüpfte, etwas nachlässig seine Zähne putzte, um endlich neben Hobbs in sein Bett zu sinken.
Einen Moment konzentrierte er sich, um Hobbs Atemzüge zu hören, doch so sehr er auch lauschte, er hörte nichts, außer seinen eigenen Luftzüge und den leisen Geräuschen der Stadt, die fern irgendwo noch wach war.
Er drehte sich auf die Seite und bemühte sich, ohne Brille den Engel im schummrigen Dunkel seines Zimmers zu erkennen, nur um sich zu versichern, dass Hobbs auch wirklich noch da war und nicht einfach verschwunden wie er auch unerwartet erschienen war.
Zum Glück lag eine Schattengestalt neben ihm und er lächelte beruhigt, wobei er sich albern vorkam.
Warum sollte Hobbs auch plötzlich nicht mehr da sein?
Nick seufzte wohlig und ließ zu, dass sich seine Augen schlossen.
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